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Alex, heute ein erfolgreicher Musikproduzent, traut seinen Augen nicht, als er am Roulettetisch in Monte Carlo ausgerechnet Lily wiedersieht. Mit ihr kommen die Erinnerungen an die turbulenten Jahre seiner Kindheit und Jugend zurück. Damals passten ihre unterschiedlichen Vorstellungen davon, was sie vom Leben wollten, nicht zusammen. Das dunkle Geheimnis, das Lily schon damals mit sich herumtrug, hat Alex all die Jahre für sich behalten. Kann er ihr dabei helfen, die Schatten der Vergangenheit und ihre Schuldgefühle hinter sich zu lassen - oder reicht Liebe dafür nicht aus?
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Seitenzahl: 352
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Die Handlung dieser Geschichte und alle darin vorkommenden Personen sind fiktiv. Dies gilt ebenfalls für sämtliche in der Geschichte beschriebenen Schauplätze und Organisationen.
»Wohin du auch gehst, geh mit deinem ganzen Herzen.«
— Konfuzius
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
XII
XIII
XIV
XV
XVI
XVII
XVIII
XIX
XX
Alex zuckte erschrocken unter einem festen Druck auf seiner Schulter zusammen. Die Stewardess stand über ihn gebeugt und ihre schmalen Finger bohrten sich in den Strick seines Pullovers wie die Beine eines überdimensionalen Insekts.
»Wir gehen bald in den Landeanflug über, Mr. Fischer«, säuselte sie mit einem charmanten französischen Akzent und schenkte ihm ein höfliches Lächeln. Auf ihrem spitzen Schneidezahn glänzte etwas frischer roter Lippenstift. Es war die einzige Nachlässigkeit ihrer adretten Erscheinung.
»Wären Sie so freundlich, Ihren Sitz in die Ausgangsposition zu bringen und sich anzuschnallen?«
Alex nickte, noch leicht benommen von seinen wirren Träumen und deren abruptem Ende, während die Stewardess mit wiegenden Hüften ihren Weg durch den Gang zu den vorderen Reihen fortsetzte. Er setzte sich auf und griff nach der Cola, die er nach dem Einsteigen geöffnet hatte und dann unberührt im Seitenfach hatte stehen lassen. Sie schmeckte warm, süß und abgestanden.
Alex war gleich nach dem Start eingeschlafen und hatte den gesamten Flug tief und fest verschlafen. Draußen hinter dem rauschenden Flugzeugfenster erstreckte sich am babyblauen Horizont ein dichtes Wolkenmeer wie aus Watte. Alex’ Magen wand sich vor Hunger. Ein wenig neidisch beäugte er das Tomatenomelette (oder zumindest das, was davon übrig war) seines Sitznachbarn, dessen Kabinentür offenstand. Es handelte sich hier um einen untersetzten Gentleman, der mit gerunzelter Stirn in einer aktuellen Ausgabe der Harvard Business Review blätterte. Er war zu beschäftigt und wohl zu ehrgeizig, um sich für Alex zu interessieren. Aus Gewohnheit zog sich Alex dennoch seine Kapuze tiefer ins Gesicht, aber er wagte es, kurz seine Sonnenbrille abzunehmen, um seine brennenden Augenlider zu massieren. Angestrengt versuchte er, das Gegenwärtige in die Wirklichkeit einzuordnen.
Schon seit Wochen quälte ihn dieses dumpfe, hartnäckige Pochen in seinem Kopf, das seine Sinne vernebelte und ihn daran hinderte, klar zu denken. Wenn er in Hotels aufwachte, konnte er sich in einem Zustand seltsamer Zerstreutheit oft nicht daran erinnern, wo er sich befand oder welcher Wochentag war.
Alex hatte in den vergangenen Jahren ununterbrochen unter Strom gestanden. Alles um ihn herum war intensiv, laut, bunt, grell, schnell und unwirklich gewesen.
Es hatte damit angefangen, dass er unverhofft einen kometenhaften Aufstieg zum international gefeierten Star und Produzenten erlebt hatte. Aus für ihn unerklärlichen Gründen dröhnten plötzlich Tag und Nacht aus allen Musikanlagen seine Hits. Ehe Alex sich‘s versah, stand er bei einem begehrten Label unter Vertrag, besaß eine Villa in L.A. County mit Infinity Pool und trat auf der ganzen Welt auf. Sein Erfolg mutete beinahe lächerlich an, da er sich ihn nie erträumt und eigentlich auch nie gewünscht hatte. Oft meinte er sich einzubilden, das Herz in seiner Brust würde auf den Konzertbühnen in seinen Ohren lauter vibrieren als die Musik aus den gigantischen Lautsprechern. Es überstieg jedes Mal seine Vorstellungskraft, dass die bebenden, jubelnden Menschenmengen kamen, um ihn zu hören und zu sehen. Und trotz tausender Menschen, die sich aneinander drängten wie bunte Murmeln in einem Glas und ihn umzingelten, fühlte er sich, als wäre er hinter dem DJ-Pult allein auf der Welt. Die flackernden Lichter auf ihn gerichtet, der schimmernde Schriftzug seines Künstlernamens in riesigen Neonlettern, wie neblig umhüllt.
Über die Lautsprechanlage meldete sich der Kapitän zu Wort und erzählte etwas Belangloses über das Wetter, bevor die übliche Betriebsamkeit vor der Landung einsetzte. Die Flugbegleiter schoben Wagen mit zollfreien Waren vor sich her, sammelten Müll ein und wiesen die Passagiere an, sich anzuschnallen.
Das Flugzeug flog über die Alpen hinüber zum glitzernden Mittelmeer und schwebte in einer steilen Kurve hinab. Schließlich berührte das Fahrwerk die Landebahn und erbebte, bevor das Flugzeug in Nizza neben einer trockenen, von Gänseblümchen gesprenkelten Wiese zum Stehen kam. Vereinzelt ertönte ein zaghaftes Händeklatschen. Als Alex sein Handy einschaltete, vibrierte es wie verrückt. Unzählige verpasste Anrufe und Sprachnachrichten leuchteten auf seinem Bildschirm auf. Er widerstand dem Impuls, sofort aufzuspringen, als Ungeduld und Nervosität in ihm aufkeimten. Als die Kabine begann, sich langsam zu leeren, drängte er sich mit seiner Reisetasche an den wartenden Passagieren und den empörten Stewardessen vorbei nach draußen. Wie immer war der Zeitplan straff und nervenaufreibend. Alex brachte die Koffer ins Hotel und fuhr dann zu dem Club, der ihn gebucht hatte. Er hatte gerade genug Zeit, ein unpersönliches Interview zu geben und ein paar Selfies mit kreischenden Fans zu schießen, bevor die Vorbereitungen mit einem niederländischen DJ-Kollegen für die letzte Show seiner Tournee begannen.
Am nächsten Tag verschlief Alex das Frühstück. Er aß in der marmorierten Hotel-Lobby ein Clubsandwich, dann kehrte er wieder in sein Zimmer zurück und warf sich auf das federweiche Hotelbett. Er atmete tief durch. Es war vorbei. Für die nächsten paar Wochen hatte er seine Ruhe. Keine Shows, Deadlines, Termine, Taxifahrten, Flüge und schlaflosen Nächte an seinem Mischpult. In seiner Abwesenheit würde sich das Label um alles kümmern. Sein Manager hatte sogar einen Social-Media-Ghostwriter angeheuert, um Alex’ Internetpräsenz aufrechtzuerhalten.
Alex hatte für seine Auszeit ein Ferienhaus in der Nähe von Graz gemietet. Dort verbrachte er ein paar Tage wie ein Eremit. Er schlief viele Stunden am Tag, sah sich seine Lieblingsfilme an, las Zeitschriften oder er saß einfach nur auf der Terrasse und hing seinen Gedanken nach. Es war Anfang September und die Temperaturen hatten sich abgekühlt. Wenn Alex nach ausgiebigem Frühstück ein paar Runden im beheizten Pool schwamm, lief er anschließend fröstelnd über die Terrakottafliesen in seiner Badehose barfuß zurück zum Haus. Er verließ das bewaldete Grundstück nur, um Lebensmittel einzukaufen. Wenn er das tat, war er beinahe paranoisch darauf bedacht, nicht aufzufallen. Glücklicherweise waren in dem benachbarten Bergdorf weit und breit keine Fotografen oder aufdringlichen Fans in Sicht, denn nichts hasste Alex mehr, als in seiner Freizeit für Klatschblätter oder Instagram abgelichtet zu werden. Nur der Gärtner kam einmal vorbei, ansonsten war Alex vollkommen ungestört.
Nach ein paar Tagen der Abgeschiedenheit kam ihn Kenan, ein Freund aus seiner Heimat, besuchen. Alex hatte Kenan seit Monaten nicht gesehen. Früher waren sie beinahe unzertrennlich gewesen. Sie hatten zusammen gewohnt, zusammen gearbeitet und zusammen die Städte unsicher gemacht. Kenan war Alex’ erster richtiger Mentor und Manager gewesen, bevor Alex’ Karriere eine Dimension angenommen hatte, die sich für Kenan zu groß anfühlte.
»Kurz hatte ich Angst, der Taxifahrer will mich entführen und Lösegeld erpressen oder so, so abgelegen ist deine Bude von der Zivilisation«, begrüßte Kenan Alex mit einem brüderlichen Handschlag und sah sich um. Wie üblich trug er einen geschmacklosen Designer-Jogginganzug im Monogrammmuster und eine Sonnenbrille mit verspiegelten Gläsern. An den tätowierten Handgelenken des braungebrannten Hünen funkelte eine goldene Rolex mit blauer Lünette. Er hatte sich nicht verändert. »Wo sind die Weiber? Wo sind die Partys? Ich dachte, wir sind hier in Südfrankreich, verdammt nochmal.«
Alex grinste zweideutig.
»Davon hatte ich in der letzten Zeit wirklich mehr als genug. Du musst dich wohl mit mir begnügen, tut mir leid.«
Kenan quartierte sich in einem der leeren Schlafzimmer im oberen Stockwerk ein. Und obwohl es schon beinahe Abend war und es begonnen hatte, leicht zu regnen, badeten Alex und Kenan noch im Pool.
»Ich habe das alles hier wirklich mal gebraucht«, erklärte Alex, und Kenan verstand. Er stützte lässig einen Ellbogen am Rand des Pools ab, zündete eine Zigarette an und schwieg versöhnlich so, wie das gute Freunde taten. Der Regen prasselte leise, und unter ihnen im Tal am grauen Horizont schimmerten verschwommen Stadtlichter. Alex trieb auf einem überdimensionalen aufblasbaren Einhorn im Wasser und fuhr sich durch seine feuchten Haare, die viel zu lang geworden waren.
»Ich muss mal wieder zum Friseur«, sagte Alex mehr zu sich, doch Kenan nickte zustimmend.
»Du siehst fast aus wie Orlando Bloom. Aber keine Sorge, das kriegen wir hin. Papa Kenan wird sich darum kümmern.«
Wie lange musste es her sein, dass Alex einen Tag ganz normal verbracht hatte. Seit er in L.A. lebte, war er nicht einmal im Kino, im Supermarkt einkaufen oder in einem Café gewesen. Sein Friseur hieß nun Stylist und statt ins Fitnessstudio zu gehen, hatte Alex einen Personal Trainer, den sein Manager für ihn ausgesucht hatte.
Als das Angebot aus L.A. gekommen war, hatte Alex nicht lange darüber nachdenken müssen. Es war eine große Chance für ihn gewesen, allem zu entfliehen und neu anzufangen. In Gedanken hatte er weiten, weißen Stränden, dem kristallblauen Ozean und einem Leben voller Annehmlichkeiten entgegengesehen.
Inzwischen sah er L.A., den Trubel um seine Person und sein Leben in der Öffentlichkeit mit anderen Augen. Er konnte selten irgendwo hingehen, ohne verfolgt und fotografiert zu werden. Er konnte beinahe nichts öffentlich sagen oder tun, ohne sich einer Masse an Meinungen gegenüberzusehen – hunderttausende gesichtsloser Stimmen schlugen ihm entgegen. Fans wollten bei Laune gehalten, ein riesiges Netzwerk aus Geschäftspartnern gepflegt und Partys und Preisverleihungen besucht werden. Unter seinen prominenten Bekannten war Alex als The German Guy bekannt, und oftmals wurde seine Introvertiertheit als Arroganz missverstanden, die ihm nur bereitwillig verziehen wurde, weil seine Musik sensationell erfolgreich war und das mehr wog als Sympathie. Beinahe drei Jahrzehnte lang hatte Alex Musik wie die Luft zum Atmen gebraucht. Er konnte Noten lesen, bevor er das Alphabet beherrschte, und bis er fünfzehn war, hatte er wie ein Besessener Klavier gespielt. Danach hatte er begonnen zu komponieren und später, zum Ende seiner Schulzeit hin, Musik zu produzieren und aufzulegen. Jahrelang hatte Alex die Fülle seiner Ideen keine Ruhe gelassen, doch zuletzt hatte seine Kreativität genauso rapide nachgelassen wie die Freude an seiner Musik. Alex hatte sich zunehmend überdrüssig und unmotiviert gefühlt. Obwohl er genauso viel wie früher gearbeitet hatte, war er mit dem Herzen nicht mehr wirklich dabei gewesen. Erst wenige Monate zuvor hatte Alex sein Studio mit dem teuersten Equipment ausgestattet, das er je besessen hatte, doch ironischerweise hatte er seitdem nur Schund produziert. Niemand außer ihm schien das zu bemerken oder sich daran zu stören. Hunderte unbeantworteter Mails hatten sich in seinem Postfach angesammelt, und seine Datenträger quollen unübersichtlich mit Dateien über, die er entworfen und später unberührt liegengelassen hatte. Immer wieder quälten ihn Kopfschmerzen, die er zu ignorieren versuchte, bis bei einem seiner Auftritte in L.A. seine Hände zu zittern begonnen hatten und seine Knie warm und weich geworden waren wie geschmolzene Butter, bevor er das Bewusstsein verlor. Alex war erst im Krankenhaus wieder zu sich gekommen. Er hatte eine Prellung an seiner Schulter gehabt, ansonsten war er unversehrt gewesen. Ob er häufiger solche Blackouts hätte, hatten die Ärzte wissen wollen, und obwohl dies nicht der Fall war, behielten sie ihn über Nacht für weitere Untersuchungen da. Die Befunde blieben unauffällig. Die Ärzte schoben alles auf den Stress, verschrieben Alex ein paar Tabletten und schickten ihn nach Hause.
Das war unmittelbar vor dem Beginn seiner Tournee passiert und hatte seinen Manager Murawsky nicht gerade heiter gestimmt.
»Du siehst träge aus«, hatte dieser bei ihrem letzten gemeinsamen Mittagessen trocken festgestellt. »Und fett, irgendwie. Du hast mindestens zehn Pfund zugenommen. Pass auf, dass du nicht aufgehst wie die Pfannkuchen meiner polnischen Großmutter.« Alex hatte Murawskys boshafte Sprüche weggelächelt, doch seine Linguine alle vongole hatte er fast unberührt wieder abräumen lassen.
Murawsky hatte bei seinem Label viele große Künstler unter Vertrag, einige von ihnen waren viel erfolgreicher als Alex. Alex wusste es zu schätzen, dass Murawsky ihn bereits früh in seiner internationalen Karriere an die Hand genommen hatte. Andererseits hatte Murawskys Beistand seinen Preis. Er war hart, ungeduldig und fordernd. Persönliche Befindlichkeiten interessierten ihn nicht, für ihn zählten einzig und allein Leistung und Zahlen: Anzahl der Streams, Klicks, Downloads, verkaufte CDs, Follower, Likes.
Alex hingegen war Perfektionist, und er feilte so lange an seiner Musik, bis er davon überzeugt war, dass es wirklich nichts mehr zu verbessern gab und dass jede weitere Änderung die Harmonie mindern würde. Manchmal musste die Musik einfach von ihm entdeckt werden. Es gab kein Ziel und keine Richtung und es konnte Tage, Wochen und manchmal sogar Monate dauern, bis ein Song Gestalt annahm. Die Herausforderung bestand darin, aus der Fülle der Möglichkeiten eine stimmige Komposition herauszuschälen. Wenn Alex einmal einen vielversprechenden Anfang gemacht hatte, konnte er sich ewig damit aufhalten, tausende Details auszuprobieren, bis er aufrichtig zufriedengestellt war, und wenn er nur einen Fehler machte, war alles ruiniert, und er musste von vorn beginnen.
Das trieb den Zahlenmenschen Murawsky zur Weißglut. Alex’ letzter Hit hatte eine besonders heftige Auseinandersetzung zwischen Murawsky und ihm heraufbeschworen. Alle Songs trugen Alex’ Signatur, doch mit diesem Song, einzigartig wie er war, verhielt es sich anders. Selbst als er nur als Gerüst existierte und noch weit davon entfernt war, fertig zu sein, wusste Alex, dass er noch nie etwas Besseres produziert hatte. Er arbeitete ununterbrochen an der Fertigstellung des Liedes und vernachlässigte darüber andere Aufträge, bis er sich vor Murawsky dafür rechtfertigen musste. Als Murawsky sich nicht mit seinen Erklärungsversuchen abspeisen ließ, blieb Alex nichts anderes übrig, als ihm seine Arbeit zu präsentieren, und Murawsky war restlos begeistert gewesen. Alex’ Einwänden zum Trotz bestand Murawsky darauf, dass so schnell wie möglich ein Text geschrieben wurde, und die A&R-Manager trieben den Text wie gefordert innerhalb von eineinhalb Wochen auf. Alex fand die Strophen selbst für die Verhältnisse elektronischer Musik außerordentlich nichtssagend, doch er hatte, angesichts Murawskys kurz gesetzter Deadline, nichts anderes erwartet. Murawsky fragte drei Künstler an und entschied sich dann für eine weibliche Interpretin, eine junge Newcomerin aus Großbritannien. In Windeseile wurde ein Musikvideo gedreht, das Alex nicht gefiel.
»So können wir das nicht veröffentlichen. Das ist Schrott!«, hatte Alex sich in Murawskys Büro ereifert.
»Ein kluger Mann namens Sturgeon hat einmal richtigerweise festgestellt, dass 90 Prozent von allem Schrott ist. 90 Prozent meiner Mitarbeiter sind unfähige Idioten, die ich sofort rausschmeißen würde, wenn ich nicht wüsste, dass ebenso große Versager ihre Nachfolge antreten würden. 90 Prozent meiner Kunden sind arrogante Arschlöcher, aber was bleibt mir anderes übrig, als freundlich zu lächeln, wenn sie mir ihre lächerlichen Anfragen unterbreiten? 90 Prozent der naiven, verblendeten Musiker meines Labels halten sich für große Künstler, dabei sind sie genauso gewöhnlich und austauschbar wie ein Sack Reis in China. 90 Prozent der Musik, die von ebendiesen Musikern unter meinem Label produziert wird, verdient die Bezeichnung ›Musik‹ kaum. Aber soll ich dir etwas sagen? Das alles spielt überhaupt keine Rolle. Die Leute lieben es und werfen uns ihr Geld in den Rachen, und das ist am Ende des Tages alles, was zählt.«
Nach diesem Ereignis hatte Alex angekündigt, nach seiner Tournee eine vierwöchige Auszeit nehmen zu wollen, was Murawsky ihm nur zähneknirschend bewilligt hatte. Seither, so erfuhr Alex zufällig durch Bekannte, bezeichnete Murawsky ihn in der Szene als sein ›kleines Sorgenkind‹ und hielt bereits die Augen offen nach einem neuen vielversprechenden Talent.
Als der Regen stärker wurde, gingen Kenan und Alex ins Haus. Sie aßen zu Abend, dann verpasste Kenan Alex im Badezimmer einen neuen Haarschnitt, der beinahe einem Militärschnitt glich.
»Und, wie findest du es?«
Alex fuhr über seinen Hinterkopf und betrachtete prüfend sein Spiegelbild.
»Gar nicht schlecht«, lobte er.
»Dann war meine Friseurlehre also doch nicht umsonst.«
»Du hast eine Friseurlehre gemacht?«
Kenan lachte.
»Na klar, habe ich dir das nie erzählt? Ich bin nicht als Rapper zur Welt gekommen.«
»Ich habe es mir anders überlegt, Kenan.«
»Was hast du dir anders überlegt?«
»Ich möchte wieder rausgehen. Ein bisschen Spaß haben. Ich habe es wirklich satt, mich immer nur zu Hause zu verstecken oder Tag und Nacht zu arbeiten.«
»Ich habe ohnehin nicht verstanden, warum du das tust. Wenn ich Du wäre, würde ich schon längst in St. Tropez am Strand sitzen, mit Champagner herumspritzen und den ganzen Tag Selfies mit heißen Mädchen schießen.«
Es waren beinahe zwei Wochen vergangen, seit Alex nach Nizza geflogen war, und es war seinem Empfinden nach höchste Zeit, seinen verdienten Urlaub in vollen Zügen auszukosten.
Alex ließ sich auf die Gästeliste einer VIP-Bar in Cannes setzen, in der er schon öfter aufgelegt hatte und zu der er und Kenan am nächsten Mittag aufbrachen. Sie hatten noch nicht einmal den Außenbereich erreicht, bevor Alex von dem Clubmanager angesprochen und in ein aufdringliches Gespräch verwickelt wurde, aus dem er sich erst nach einigen Minuten herauswinden konnte. Als er wieder nach Kenan Ausschau hielt, trieb dieser sich bereits an der überdachten Poolbar herum. Er lehnte in einer übertrieben lässigen Pose an der Theke und unterhielt sich mit einer jungen südländischen Schönheit, die mit einem Strohhalm in einem Campari Orange herumstocherte. Kenan warf Alex einen kurzen Blick über die Schulter zu, als Alex an ihm vorbeiging und sich auf die gegenüberliegende Seite der Bar setzte, um Kenan bei seiner Bemühung, das Objekt seiner Begierde zu erobern, nicht zu stören. Alex bestellte einen Espresso und drehte dann die kleine Tasse in seinen Händen, seine Umgebung langsam in Augenschein nehmend. Am Pool herrschte wenig Trubel. Auf ein paar Liegeflächen hatten sich Gäste ausgestreckt. Sie lasen, plauderten, oder bräunten sich unter dem strahlend blauen Himmel vor der Kulisse des glitzernden Mittelmeers.
Als Alex wieder zu Kenan hinübersah, bemerkte er die düstere Miene der jungen Frau und ihre zusammengepressten Lippen. Amüsiert beobachtete er, wie sie in einer aggressiven Bewegung ihren Campari auf die Tischplatte stellte. Der Alkohol schwappte über den Rand des Glases. Dann holte sie aus und schlug Kenan mit der ausgestreckten Handfläche ins Gesicht. Kenan redete beschwichtigend auf sie ein, aber die junge Frau stolzierte gleichgültig an ihm vorbei. Alex konnte es sich nicht verkneifen, laut aufzulachen.
Kenan verzog sein gerötetes Gesicht zu einer Grimasse und zuckte im nächsten Moment mit den Achseln. Er zog sein Shirt aus und sprang anschließend, unter den verärgerten Ausrufen des Bademeisters und eines nass gespritzten Barbesuchers, in den Pool. Nach dem Lunch flanierten Alex und Kenan unbehelligt über die Croisette, bis sie am späten Nachmittag in das Ferienhaus zurückkehrten und sich auf der Terrasse einen Drink genehmigten.
»Dein Lied, Alter!«, sagte Kenan plötzlich und drehte die Musikanlage auf. »Das ist der Sound des Sommers.«
Kenan sang lauthals mit.
»Ich finde, es ist eines meiner schlechtesten Lieder.«
»Erzähl doch nicht so einen Mist, Alex. Der Song ist total gut. Meiner Meinung nach ist er sogar noch besser als Wingman.«
»Wenn du meinst.«
»Und was jetzt?«, fragte Kenan. »Worauf hast du jetzt Lust?«
»Keine Ahnung. Hast du eine gute Idee?«
»Ich war schon ewig nicht im Casino«, bemerkte Kenan.
»Und ich war noch nie in Monte Carlo«, fügte Alex belustigt hinzu.
»Casino in Monte Carlo am Dienstagabend. Na, wenn das nicht dekadent ist.«
Sie bestellten ein Taxi und fuhren nach Monaco. Kenan verprasste sein ganzes Bargeld im Black Jack und lieh sich dann Geld von Alex, um sich im Roulette zu versuchen.
»Das hier ist doch alles Betrug«, ereiferte sich Kenan, als er wieder alles verlor. »Hast du gesehen, wie die verfluchte Kugel die elf genau um ein Feld verfehlt hat? Aber wie sagt man so schön, Pech im Spiel, Glück in der Liebe, nicht wahr?«
»Mehr Glück als heute Morgen?«, neckte Alex ihn. Kenan tat, als hätte er nichts gehört. Sie passierten einen Pokertisch, an dem zwei exotische Snobs Platz genommen hatten. Einer der beiden trug einen schneeweißen Anzug und goldene Hausschlappen, der andere eine mit Nieten besetzte Lederjacke von Philipp Plein. Es wurden die letzten Runden gespielt, und die Einsätze waren horrend. Aus einer Laune heraus entschied Alex, in das Spiel einzusteigen.
»Wann geht’s hier endlich los?«, fragte Kenan in seinem eher dürftigen Englisch ungeduldig, als der Dealer keine Anstalten machte, die Karten zu mischen.
»Wir warten auf den letzten Spieler«, erklärte der junge Mann höflich und richtete nervös einen seiner Manschettenknöpfe zurecht.
Besagter Spieler ließ die Männer eine gute Viertelstunde auf sich warten, dann erschien er in Gestalt einer attraktiven Frau in einem mitternachtsblauen Abendkleid. Als Alex sie interessiert näher in Augenschein nahm, blieb ihm vor Fassungslosigkeit beinahe das Herz stehen.
Sie ist es nicht, sagte er sich. Sie kann es nicht sein.
Aber sie war es. Er sah Lily an und sie ihn und ihr Anblick verschlug ihm schier den Atem. Diamanten funkelten um ihren Hals und an ihren Ohren. Ihre Augen waren dunkel umrahmt und schimmerten unter den dichten Wimpern wie das Wasser der Côte d’Azur.
»Mes excuses pour le dérangement, messieurs«, sagte sie in die Runde und setzte sich auf den freien Platz, der von Alex am weitesten entfernt war. Das Spiel begann. Alle Spieler tätigten die Mindesteinsätze, und Karten wurden ausgeteilt. Lilys Gegenwart war eine schier unerträgliche Qual für Alex. Ab und zu hob er den Blick von seinen Karten, um sie zu mustern, aber Lily gab sich größte Mühe, seine Blicke nicht zu erwidern, und ihre Miene verriet nicht den Bruchteil einer Sekunde, dass seine Anwesenheit etwas in ihr auslöste. Alex hatte ein miserables Blatt, aber weil Lily im Spiel blieb, tat er es auch. Als die Einsätze nach oben kletterten, stiegen die beiden Mitspieler aus und Alex verlor die Fassung.
»Kannst du bitte endlich aufhören so zu tun, als würdest du mich nicht kennen, Lily?«
Lily seufzte leise. Endlich blickte sie ihn an.
»Entschuldige, ich wollte dich nicht verärgern.«
»Hattest du etwa ernsthaft vor, dein Spielchen bis zum Schluss durchzuziehen?«
»Vielleicht wäre es besser, wenn ich es getan hätte.«
»Du möchtest also nicht einmal mit mir reden?«
»Hältst du mich für unhöflich?«
»Unhöflich?« Alex lächelte höhnisch. »Feige trifft es besser. Du kannst mir ja nicht einmal in die Augen sehen.«
»Es tut mir leid. Ich weiß nicht, wie ich reagieren soll, was ich sagen soll ... Ich meine, du hier ... Wenn ich gewusst hätte ...« Ihre Stimme verlor sich. Der Dealer räusperte sich verhalten ob der ungewöhnlichen Unterbrechung des Spiels, doch Alex ließ sich nicht davon beirren.
»Was machst du in Monaco?«
»Urlaub.«
»Mit Freddie?«
»Nein, ich bin alleine hier.«
»Bist du mit ihm glücklich?«
»Würde es dir Genugtuung geben, wenn ich es nicht wäre?«
»Ich denke schon. Schließlich hast du mir das Herz gebrochen.«
Er warf seinen Einsatz in die Mitte und sah sie angriffslustig an. Lily legte ihre Karten auf den Tisch und stand auf.
»Ich steige aus«, verkündete sie. »Gut gespielt, Alex.«
Kenan, der während des Spiels an der Bar gesessen hatte, nahm neben Alex Platz und ließ ein anerkennendes Pfeifen vernehmen.
»Was für eine Braut!«
»Mach dir keine Hoffnungen«, brummte Alex. »Sie ist vergeben.«
»Du hast ja nichts anbrennen lassen.«
»Dass sie vergeben ist, wusste ich schon vorher.« Tonlos ergänzte er: »Wir kennen uns von früher.«
Kenan sah Alex voll bohrender Neugier an. Alex seufzte schwer.
»Ich weiß ja nicht, wie es dir geht, aber ich brauche dringend was zu trinken. Lass uns hier abhauen. Ich gebe einen aus.«
Am nächsten Mittag wachte Alex verkatert auf und fühlte sich miserabel. Kenan wartete bereits am Pool auf ihn und klopfte ihm brüderlich auf die Schulter, als Alex sich missmutig auf der Liege ausstreckte.
»Alles klar, Alex?«
»Mh«, murmelte Alex und räusperte sich, unangenehm berührt darüber, dass der Alkohol seine Zunge am Vorabend etwas zu sehr gelockert hatte. »Hör mal, Kenan. Was auch immer ich da gestern erzählt habe, ich war echt betrunken und habe ziemlich viel Unsinn geredet. Vergiss am besten alles, was ich über Lily gesagt habe, okay?«
»Klar, wenn du meinst.«
»Ich weiß gar nicht, warum ich mich gestern überhaupt so aufgeregt habe. Eigentlich ist dieses Kapitel schon seit langer Zeit für mich abgeschlossen.«
»Ja, ich habe schon verstanden, Alex«, unterbrach Kenan ihn geduldig. »Du willst nicht mehr an sie erinnert werden. Dann sollten wir wohl nicht mehr über sie sprechen.«
Kenan packte sein iPhone aus und begann, Angry Birds zu spielen. Alex probierte, in der Autozeitschrift zu lesen, die Kenan vom Flughafen mitgebracht hatte, aber er war viel zu abgelenkt, um sich auf Sportwagen und PS-Angaben konzentrieren zu können. Seine Begegnung mit Lily war so flüchtig gewesen wie der herbstliche Windhauch auf seiner Haut, dennoch konnte Alex sie nicht mehr aus seinen Gedanken verbannen. Es ärgerte ihn, wie die Emotionen ihn überrannt hatten, wie Lilys kühle Zurückhaltung ihn aus der Haut hatte fahren lassen, wie das unerträgliche Schweigen und das Unausgesprochene zwischen ihnen schwer auf ihm lastete. Das Bedürfnis, mit ihr zu sprechen, brannte übermächtig ihn ihm. Obwohl er seit Jahren nicht geraucht hatte, zündete sich Alex auf dem Balkon eine von Kenans Lucky Strikes an. Er rauchte nur die Hälfte der Zigarette, dann zog er sein Handy aus seiner Hosentasche. Er hatte Lilys Nummer schon vor langer Zeit gelöscht, doch seine Finger tippten die richtige Zahlenfolge beinahe von allein ein, und er wählte die Anruftaste, ehe Unsicherheit oder Zweifel ihn an seinem Vorhaben hindern konnten. Und entgegen seiner Erwartung nahm sie ab.
»Hi«, sagte Alex, das iPhone fest an sein Ohr pressend, und Lily entgegnete ebenfalls leise: »Hi.«
Er holte tief Luft.
»Ich wusste nicht, ob du noch die gleiche Nummer wie früher hast.«
Lily sagte nichts. Alex hatte vorgehabt, sich für sein Verhalten ihr gegenüber zu entschuldigen, doch stattdessen fragte er:
»Wo bist du?«
»In Menton. Im Haus meiner Eltern.«
»Können wir uns sehen? Ich würde gern mit dir reden.« »Ich weiß nicht, Alex.«
»Bitte, Lily«, sagte er eindringlich.
Er riss mit der freien Hand ein stachliges Blatt von einem herabhängenden Ast und zerdrückte es in seiner Hand. Den Schmerz registrierte er kaum.
»Ich kann nach Menton kommen«, schlug er vor. »Wir können uns irgendwo in einem Café treffen. Hauptsache, es ist ein bisschen abgeschieden. Ich verspreche dir, dass ich gehe, wenn es dir zu viel wird.«
Lily seufzte, und es klang beinahe wie das resignierte Seufzen, das ihren Lippen im Casino entwichen war.
»In Ordnung. Wir können uns heute Nachmittag gegen 15 Uhr treffen.«
»15 Uhr, okay.«
»Du kannst hierherkommen. Vielleicht ist es dir lieber als ein Treffen an einem öffentlichen Ort.«
Sie nannte ihm die Adresse und legte auf, ohne sich von ihm zu verabschieden. Alex fühlte sich wie ein Tiger im Käfig und konnte kaum stillsitzen, bis der Nachmittag schließlich anbrach. Er fuhr los, ohne Kenan zu erzählen, was er vorhatte. Kurz überlegte er, Lily Blumen mitzubringen, doch diesen Einfall tat er als unpassend ab. Er fuhr am Ufer des Mittelmeers entlang, bis ihn das Navigationssystem kurz vor der Grenze Italiens zu einem gusseisernen Tor mit Gegensprechanlage führte. Es gab kein Namensschild. Alex klingelte zwei Mal und ein paar endlose Minuten später schwang das Tor auf. Er fuhr eine lange gepflasterte Auffahrt hinauf, die von riesigen Zypressen, Akazien und Pinien gesäumt war. Am Eingang einer mediterranen Villa mit Naturstein-Fassade erwartete Lily ihn in einem sommerweißen Jumpsuit. Alex parkte den Mietwagen neben einem Jaguar Cabriolet und stieg aus.
Ihre Begrüßung fiel ein bisschen steif aus, aber schließlich umarmten sie sich und Lily ging durch einen Lavendelgarten voraus zu einem efeubewachsenen Pavillon, ohne ihn im Haus herumzuführen. Der runde Tisch aus Steinguss war bereits gedeckt. In der Mitte stand ein großer Wildblumenstrauß. Darum herum reihten sich eine elegante Porzellan-Etagere, auf der farbenfrohe Macarons und Petits Fours hübsch arrangiert waren, ein Kuchenständer mit glasiertem Apfelkuchen und silberne Tabletts mit Mille-feuilles, Eclairs und Schälchen gefüllt mit Creme brûlée und Minzblättern in Miniaturformat.
»Bitte, setz dich. Möchtest du etwas trinken? Tee oder Cappuccino zum Beispiel?«
Bevor Alex antworten konnte, ergänzte Lily mit einem etwas hilflosen Lächeln.
»Ach, was frage ich da eigentlich. Du trinkst deinen Kaffee ja lieber schwarz.«
Sie servierte ihm einen Espresso und fügte, ohne zu fragen, einen Löffel Zucker hinzu. Dann setzte sie sich ihm gegenüber.
»Das ist ein wunderschönes Haus. Wie lange habt ihr es schon?«, fragte Alex.
»Seit ein paar Jahren. Aber meine Eltern fahren lieber nach Mallorca oder Madeira und vermieten das Haus in der Regel. Und wenn es nicht vermietet ist, habe ich es ganz für mich allein. Ich mache hier gerne Urlaub.«
»Ich hatte mich das schon gestern gefragt, als du das gesagt hast. Seit wann machst du Urlaub, Lily?«, witzelte Alex, darum bemüht, die Stimmung ein wenig aufzulockern. Lily verzog keine Miene und Alex merkte, dass er etwas Falsches gesagt hatte.
»Nun, wie du vielleicht weißt, hat mich der Vorstand der AG rausgeschmissen«, sagte sie ernst.
»Ja, das habe ich gehört«, entgegnete Alex betroffen. »Entschuldige bitte. Das war echt ein blöder Spruch.«
»Schon gut.« Sie winkte beinahe gelangweilt ab. »Kann ich dir etwas Süßes anbieten?«
»Gerne. So viel Mühe hättest du dir doch gar nicht geben müssen.«
»Das war keine Mühe. Die Köchin meiner Eltern hat das alles vorbereitet. Ihre karamellisierte Tarte Tatin ist zum Niederknien.«
Alex schnitt sich ein Stück des Kuchens ab. Wie Lily angekündigt hatte, schmeckte er großartig. Lily entschied sich ihrerseits für ein herzförmiges Petit Four. Sie wickelte es aus dem Papier und schob es, sich in ihrem Stuhl zurücklehnend, in einem Bissen in den Mund. Sie schwiegen einen Moment und tauschten einen langen Blick aus, so, als hätten sie zum ersten Mal die Möglichkeit, einander richtig anzusehen. Alex fragte sich, was Lily dachte. In seiner Zeit in L.A. hatte er viele Frauen kennengelernt, die schöner oder attraktiver waren als sie, aber aus irgendeinem Grund fühlte er sich zu ihr auf die gleiche elektrisierende Art und Weise hingezogen wie früher. Immer noch lebte in Alex die kindliche Bewunderung, die er für diese Frau nie verloren hatte. Plötzlich lächelte Lily und legte die Fingerspitzen aneinander.
»Was ist?«, fragte sie ihn neckend. »Bist du gekommen, um mit mir zu reden oder um mich anzustarren?«
»Ich kann nicht anders. Du siehst schön aus, Lily.«
»Sei vorsichtig mit deinen Komplimenten. Ich bin eine verheiratete Frau.«
»Du hast geheiratet?«, fragte Alex und lächelte ein wenig wehmütig.
»Ja, vor zwei Jahren.«
»Tja, dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als dir zu gratulieren. Auch wenn ich Freddie ein bisschen beneide, freue ich mich in erster Linie für euch. Bitte verzeih mir meine Worte von gestern Abend, Lily. Das wollte ich dir eigentlich schon die ganze Zeit sagen. Als ich dich gesehen habe, sind meine Gefühle mit mir durchgegangen. Ich wollte immer, dass du glücklich wirst. Ich hoffe, dass du das weißt.«
Lilys Lächeln nahm einen sehr traurigen Zug an.
»Freddie hatte vor eineinhalb Jahren einen schrecklichen Unfall, Alex.«
»Was ist passiert?«
»Er hat auf dem Hamburger Derby ein Hindernis falsch angeritten und ist gestürzt. Sein Pferd hat sich überschlagen und ist auf ihn gefallen. Es war schlimm, das alles anzusehen. Er hat großes Glück, dass er noch lebt. Aber er kann sich seitdem kaum bewegen und sitzt im Rollstuhl. Wahrscheinlich für immer.«
»Es tut mir leid, das zu hören.«
»Das war wirklich keine leichte Zeit für uns. Freddie ist sehr verzweifelt und nicht ganz bei sich. Seit seinem Unfall kümmere ich mich allein um seine Anlage und um die Pferde. Manchmal gebe ich Reitunterricht für die Kinder. Freddies Sportpferde habe ich verkauft, um die Halle und die Boxen wieder in Schuss zu bringen. Mittlerweile züchten und bilden wir auch junge Pferde aus und tun alles, was sonst noch dazugehört. Du weißt schon …«
Lily war noch nie gut darin gewesen, ihre Emotionen vor Alex zu verbergen. Ihre Körperhaltung, ihre Miene, ihr Tonfall, alles an ihr verriet ihm, wie viel Überwindung es sie kostete, ihm dies darzulegen. In Lilys Welt der Superlative wäre sie in seiner Vorstellung eher Bundeskanzlerin geworden, aber nie wäre Alex in den Sinn gekommen, sie könnte einst einen Reiterhof leiten. Es war auf spektakuläre Weise gewöhnlich. Lily musterte ihn stirnrunzelnd.
»Ich weiß, was du denkst.«
»Was denke ich denn, Lily?«
»Du denkst, ich führe ein langweiliges Leben.« Sie kräuselte ihre Lippen. »Dass ich langweilig bin.«
»Ganz im Gegenteil. Du bist die interessanteste Person, die ich kenne.«
»Was sagst du da?«
Sie lachte unsicher und strich sich eine dunkelblonde Strähne aus dem Gesicht.
»Genug von mir. Lass uns lieber über dich sprechen. Ich habe dein neues Lied gehört und finde es großartig. Ich höre es beinahe in Dauerschleife beim Joggen.«
»Du hörst meine Musik?«, fragte Alex, überrascht darüber, dass Lily eine der vielen Zahlen auf Murawskys Monatsreports zu sein schien.
»Wer tut das nicht?« Sie lächelte ein bisschen verkniffen.
»Also, erzähl es mir. Wie fühlt es sich an, ein richtiger Star zu sein?«
»Auf eine Art und Weise nicht anders als früher, denke ich. Außer dass plötzlich Millionen von Menschen zu wissen verlangen, welche Sorte Cornflakes ich zum Frühstück esse und wo ich meine Socken kaufe.«
Er grinste und fuhr sich mit der Hand durch die Haare.
»Das ist großartig, Alex. Du kannst so stolz auf dich sein.«
»Nein, ich hatte einfach Glück. Und eigentlich habe ich in erster Linie alles nur dir zu verdanken.«
»Du wärst auch ohne meine Hilfe erfolgreich geworden. Daran habe ich keinen Zweifel. Ich habe das schon immer in dir gesehen.«
»Was meinst du?«
»Naja, diese Fähigkeit für eine Sache zu brennen, sich ihr völlig hinzugeben, ohne Zweifel, Ängste und Kompromisse. Das habe ich nie gekonnt. Jetzt erst beginne ich langsam zu begreifen, dass mein Ehrgeiz mir in allem immer im Weg gestanden hat.«
Alex glaubte zu verstehen, was Lily meinte.
»Ehrlich gesagt ist nicht alles toll daran. Ein Star zu sein, meine ich. Seit ich denken kann, wollte ich eigentlich immer nur Musik machen. Früher habe ich nie wirklich geglaubt, dass meine Musik jemanden interessieren könnte, außer mich selbst natürlich. Ich weiß nicht einmal, ob ich überhaupt wollte, dass sie jemanden interessiert. Es war zum großen Teil einfach immer nur ein Hobby. Als ich als Teenager noch zu Hause gewohnt habe und für mich selbst produziert und aufgelegt habe, war das musikalisch gesehen für mich die schönste Zeit überhaupt, obwohl ich nicht den Bruchteil der Reichweite von heute hatte. Wahrscheinlich hätte ich auch weiter aufgelegt und produziert, wenn ich nie erfolgreich geworden wäre. Aber jetzt, wo ich das alles habe, frage ich mich oft, ob ich es überhaupt noch will. Ich spüre mehr als jemals zuvor die Endlichkeit meiner Neugier zur Musik, und das macht mich ein bisschen melancholisch …« Er unterbrach seinen Monolog. »Hört sich das dumm an?«
»Nein, überhaupt nicht. Ich schätze, berühmt und reich zu sein, ist noch nicht die Antwort.«
»Was ist denn die Antwort?«
»Diese Frage kannst du dir nur selbst beantworten, Alex.«
Auf der Rückfahrt nach Hause dachte Alex über Lilys Worte nach. Sie hatten nicht lange miteinander gesprochen, vielleicht eine Dreiviertelstunde oder etwas mehr, ehe sie angedeutet hatte, dass es für Alex an der Zeit war, zu gehen. Obwohl es beinahe wie früher mit ihr gewesen war, war die Befriedigung, die er sich von diesem Treffen versprochen hatte, ausgeblieben.
Als Alex die Tür zum Ferienhaus aufschloss, fand er Kenan im Wohnzimmer vor. Er lümmelte auf der großen Eckcouch, rauchte und schaute die Fernsehserie Game of Thrones.
»Ach, du bist es, Alex«, sagte er beinahe erleichtert und wedelte mit der Fernbedienung. «Ich habe mir schon beinahe Sorgen gemacht. Wo warst du denn so lange? Ich hoffe, einkaufen. Unser Kühlschrank ist leer. Außerdem habe ich am ganzen Körper Mückenstiche. Diese Biester sind echt überall.«
»Nein, ich hatte eine Verabredung. Es tut mir leid, ich hatte es selbst ganz vergessen und musste vorhin schnell los, um mich nicht zu verspäten.«
Sie entschieden schließlich, etwas zum Abendessen zu bestellen, und als Alex aus der Dusche stieg, kam ihm Kenan auf den Treppen entgegen.
»Ein Anruf für dich.«
Er hielt Alex das klingelnde iPhone hin. Alex erkannte auf Anhieb Lilys Nummer und riss Kenan das Telefon beinahe aus den Händen.
»Lily?«
»Hi, Alex.«
»Was gibt’s?«, erkundigte Alex sich und probierte beiläufig zu klingen, was ihm nicht wirklich gut gelang. »Warum rufst du an?«
»Nun, weißt du. Ich habe etwas nachgedacht. Über gestern Abend und über heute. Ist es nicht eigentlich unglaublich, dass ausgerechnet wir uns hier wieder begegnet sind? Warum lassen wir die Vergangenheit nicht Vergangenheit sein und verbringen noch zwei lustige Tage zusammen, bevor ich nach Deutschland zurückfliege?«
»Sehr gerne, Lily.«
»Das freut mich wirklich. Dann hast du ja vielleicht Lust, mit mir morgen Mittagessen zu gehen?«
»Das ist eine tolle Idee, aber wir haben uns für morgen in Nizza schon eine Yacht mit Besatzung gemietet. Wir wollten ein bisschen an den Küsten herumfahren und schwimmen gehen.«
»Wir?«
»Ich und ein Freund von mir aus Berlin. Er besucht mich hier. Er war mit mir im Casino.«
»Stimmt, ich erinnere mich.«
»Warum kommst du nicht mit uns?«
»In Ordnung.«
Sie verabredeten sich am Hafen, dann legte Alex auf. Kenan fragte:
»War das die Lady im dunkelblauen Kleid?«
»So ist es.«
»Ich dachte, dieses Kapitel wäre für dich abgeschlossen?«
»Das ist es auch. Wir treffen uns nur als Freunde.«
»Du weißt schon, dass Männer und Frauen nicht miteinander befreundet sein können, oder? Das ist fast sowas wie ein Oxymoron.«
»Woher weißt du, was ein Oxymoron ist?«
Kenan zwinkerte ihm belustigt zu.
»Ich werde wohl nie aufhören, dich zu überraschen, was?«
Als sie sich am nächsten Vormittag mit Lily zu der verabredeten Uhrzeit am Hafen einfanden, stellte Alex Kenan und Lily einander vor. Lily wurde verlegen.
»Ich heiße nicht mehr Lindenbaum mit Nachnamen, Alex«, erinnerte sie ihn.
»Oh, richtig. Entschuldige bitte.«
Nach diesem kleinen Fauxpas bestiegen sie die Yacht über den schmalen Holzsteg und setzten sich in den überdachten Bereich. Eine Dame von der Besatzung reichte raffinierte Häppchen herum und bot ihnen etwas zu trinken an. Lily bestellte einen Gin Tonic, Alex einen Long Island Ice Tea und Kenan einen Mojito. Die Motoryacht stach in See, und während sie aus dem Hafen hinausmanövrierte, waren Alex, Kenan und Lily damit beschäftigt, ein gemeinsames Gesprächsthema zu finden. Alex war erstaunt darüber, wie schnell Kenan und Lily miteinander warm wurden, nachdem das Eis gebrochen war. Es dauerte nicht lange, bis sie über Gott und die Welt sprachen und Alex und Kenan die lustigsten und abwegigsten Schlagzeilen über sich zum Besten gaben.
»Kannst du dich noch an unsere Nominierung für den Deutschen Musikpreis erinnern? Und wie sie zurückgezogen wurde, weil sich alle darüber so aufgeregt haben, Alex? Das waren vielleicht Zeiten!«
Alex musste grinsen. »Stimmt!«
Lily rührte mit dem Strohhalm in ihrem Gin Tonic auf Eis und sagte, an Alex gewandt:
»Ich habe neulich in der Intouch gelesen, dass du jetzt mit Emma Watson zusammen bist.«
»Stimmt nicht«, widersprach Alex. »Ich bin nicht mit ihr zusammen und war es auch nie.«
»Aber habt ihr nicht zusammen diesen Parfümwerbespot gedreht?«, warf Kenan ein. Alex zuckte innerlich zusammen, als ihm der alberne, philosophisch angehauchte Text in den Sinn kam, den er hatte vortragen müssen.
»Das war die bisher dümmste Idee von Murawsky. Ich habe fast gekündigt, als er das angeleiert hat.«
Irgendwann verfielen sie in ein ungezwungenes, einvernehmliches Schweigen. Die salzige Meeresbrise wehte durch ihre Haare, während die Yacht in den schaumigen Wellen des Mittelmeeres sanft hin und her wiegte. Die Yacht legte vor den rostroten Klippen einer verlassenen Bucht bei Antibes an. Alex, Kenan und Lily zogen sich in den Kabinen um und sprangen in ihren Badesachen direkt vom Boot aus ins kühle, klare Wasser. Alex und Lily umkreisten einander schwimmend, bis Alex es schließlich wagte, sich Lily zu nähern, sie zu berühren und sie ein wenig zu ärgern. Als Antwort darauf kreischte sie lachend auf, bespritzte ihn energisch mit Wasser und probierte vergeblich, ihn unter die Wasseroberfläche zu drücken. Und obwohl die Sonne hinter einer Wolkenfront verschwand, verkündete Lily plötzlich atemlos:
»Ich werde mich jetzt ein bisschen in die Sonne legen.«
Lily stieg aus dem Wasser. Kenan und Alex folgten ihr zurück an Bord. Sie breitete ein Handtuch auf dem Bug aus und legte sich hin. Alex tat unbeteiligt, aber dann sah er doch zu ihr hinüber. Sie trug eine Sonnenbrille, einen Sonnenhut mit breiter Krempe und einen neonblauen Bikini, in dem sie eine großartige Figur machte. Einzelne Tropfen des Salzwassers perlten an ihrem Bauch, während sie telefonierte. Alex fragte sich, mit wem sie wohl sprechen mochte. Mit ihrem Mann vielleicht. Oder mit ihren Eltern. Oder mit ihrem Bruder. Plötzlich bemerkte Alex, dass Kenan ihn anstarrte.
»Sieh mich bitte nicht so an«, sagte Alex und zerquetschte eine leere Aluminiumdose eines Softdrinks in seiner Hand.
Kenan lächelte vielsagend, dann widmete er seine Aufmerksamkeit wieder seinem Handy. Sie nahmen später zu dritt ein leichtes Mittagessen in einer Strandbar zu sich und waren erst am späten Nachmittag bei Sonnenuntergang wieder zurück in Nizza, wo sie sich voneinander verabschiedeten. Lily bedankte sich für den Ausflug und lud Alex und Kenan am nächsten Abend zu sich nach Hause zum Abendessen ein.
»Wir kommen gerne«, versicherte Alex.
»Schön, ich freue mich auf euch.«
In dieser Nacht lauschte Alex in der Dunkelheit seines Schlafzimmers noch lange der Stille des Regens, und plötzlich fielen Alex nach und nach Dinge ein, an die er seit Jahren nicht mehr gedacht hatte.
Er dachte an Lily, an seine Eltern und an die Gesichter seiner besten Freunde, die mit ihm gemeinsam erwachsen geworden waren. Was aus ihnen geworden war, wusste Alex nicht. Er hatte Kenan viel später kennengelernt und dennoch war er der Einzige, zu dem der Kontakt nicht abgebrochen war. Vielleicht weil Kenan den Verschnitt aus seinem alten Leben in Hamburg und seinem neuen Leben in L.A. bildete.
Während Alex in seinen Erinnerungen ertrank, spiegelten sich in den dunklen Regentropfen auf der Fensterscheibe die Lichter seiner verlorenen Vergangenheit.
Alex’ Erinnerungen an seinen Vater glichen der Trübheit milchigen Glases. Er wusste noch, dass sein Vater so sonnengebräunt und dunkelhaarig gewesen war wie seine Mutter blass und blond. In Alex’ Erinnerung hatte sein Vater eine komische Art zu sprechen, was wahrscheinlich auf seinen südamerikanischen Akzent zurückzuführen war, er roch nach Alkohol und Tabak und er strich Alex oft über den Kopf und nannte ihn ›Sohn‹ oder ›Junior‹, ohne ihn dabei richtig anzusehen.
Alex’ Eltern hatten sich an der Musikhochschule kennengelernt. Alex’ Mutter Anna war eine ernste, nachdenkliche und etwas langweilige Studentin mit einer Vorliebe für Jane-Austin-Romane, und Alex’ Vater ein attraktiver, aber ewig klammer Jazzpianist mit Hang zu exzessiven Eskapaden auf der Reeperbahn. Warum sie sich ineinander verliebt hatten, blieb Alex schleierhaft. Fest stand nur, dass sie sich beinahe genauso schnell wieder entliebt hatten, doch da war Alex’ Mutter schon mit Alex schwanger.
