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In Karlas Familie wissen alle, wie es sich anfühlt, nicht dazuzugehören. Karla erlebt es als Kind in Bremen-Nord. Ihr Vater Avi in einer Klosterschule in Jerusalem. Die Großmutter Maryam als Gastarbeiterin in Deutschland. Die Urgroßmutter Armine auf den Straßen von Istanbul. Einfühlsam und mit feinem Humor fächert Laura Cwiertnia die verzweigten Pfade einer armenischen Familie auf, deren Erfahrungen so tiefgreifend sind, dass sie noch Generationen später nachhallen. Die Kinder aus der Hochhaussiedlung in Bremen-Nord kennen die Herkunftsorte ihrer Familien genau: Türkei, Russland, Albanien. Nur bei Karla ist alles etwas anders. Sie weiß zwar, dass die Großmutter in den 60ern als Gastarbeiterin aus Istanbul nach Deutschland kam, und auch, dass die Familie armenische Wurzeln hat, doch gesprochen wird darüber nicht. Als Karlas Großmutter stirbt, taucht der Name einer Frau auf, Lilit, samt einer Adresse in Armenien. Karla gelingt es, ihren Vater zu einer gemeinsamen Reise zu überreden – in eine Heimat, die beide noch nie betreten haben. Eindrücklich und bewegend erzählt Laura Cwiertnia davon, wie es sich anfühlt, am Rand einer Gesellschaft zu stehen. Und davon, wie es ist, keine Geschichte zu haben, die man mit anderen teilen kann.
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Laura Cwiertnia
Auf der Straße heißen wir anders
Roman
Klett-Cotta
Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.
Klett-Cotta
www.klett-cotta.de
© 2022 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung
Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten
Cover: ANZINGER UND RASP Kommunikation GmbH, München
unter Verwendung einer Abbildung von © Gettyimages, Emad Aljumah
Gesetzt von Dörlemann Satz, Lemförde
Gedruckt und gebunden von GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 978-3-608-98198-8
E-Book ISBN 978-3-608-11833-9
Für meine Familie
Sie war zu schwer für das Leben. Die Träger heben den Sarg auf das Podest, und für einen Moment hängt er schräg in der Luft. Mit aller Kraft müssen sie sich gegen das schwere Holz stemmen, damit es ihren Händen nicht entgleitet. Schweiß perlt ihnen von der Stirn. Dabei ist dieser Frühlingstag nicht einmal besonders warm, schon gar nicht hier in der Friedhofskapelle. Seit meine Großmutter ihre Wohnung nicht mehr verließ, hat sie zugenommen. Es war, als würde die Schwerkraft sie in eine neue Form pressen. Auf dem Metermaß wurde sie kleiner, während die Waage immer neue Kilogramm anzeigte. »Wenigstens eine Sache, die in meinem Leben geklappt hat«, sagte meine Großmutter, wenn Tante Yeva sie beim Mittagessen in den runden Bauch stupste. Mit diesem Augenzwinkern, das für wenige Sekunden den ernsten Blick aus ihrem Gesicht wischte. Aber nie ganz. Sie war zu schwer für das Leben. Und nun sogar für den Tod.
Endlich steht der Sarg neben der Kanzel. Der schwarze Lack lässt das weiße Kreuz auf dem Deckel leuchten wie einen Wegweiser. Nicht zu übersehen und nur schwer zu vergessen. Ob sie sich deshalb diesen Sarg gewünscht hat, ganz oben auf ihrer Liste? Als der Priester ihn öffnet, sind sie deutlich zu sehen. Ihre krummen Beine. Die Augen in den tiefen Höhlen. Jede Falte ein Beweis für all das Gepäck, das meine Großmutter mit sich herumgetragen hat.
Der Priester beginnt zu sprechen. Die lange Kutte wippt im Takt seiner Worte. Die spitze Kapuze, der goldene Umhang, fein bestickt mit purpurfarbenen Rosen. Prunk aus einer anderen Zeit, der ihm eine Ernsthaftigkeit verleiht, die jeden Moment ins Komische zu kippen droht. Nur, dass mir an diesem Tag nicht zum Lachen zumute ist. Seine Worte sind laut und so durchdringend, dass ich den Blick nicht von ihm abwenden kann. Ich verstehe die Sprache nicht, und doch lässt mich das Gebet nicht los. Hayr Mer, Vater unser, Punkt acht auf der Liste meiner Großmutter. Die Liste. Vierzehn Unterpunkte für eine traditionelle armenische Beerdigung, notiert auf dem Notizblock des Taxiunternehmens, für das mein Vater arbeitet. In ihren kleinen Druckbuchstaben, die aussehen wie gemalt. Jede Linie ein kleines Kunstwerk, für das sie sich viel Zeit genommen hat. »Da ist deine Oma am Ende verrückt geworden, Karla.« Als Tante Yeva uns erzählte, wie sie meine Großmutter reglos im Bett gefunden hatte, schüttelte sie ununterbrochen den Kopf. Die Liste hatte auf dem Nachttisch gelegen. Angeleuchtet von der kleinen Stehlampe. Ich suchte das Gesicht meiner Tante nach einem Lächeln ab. Einem Hinweis, dass sie ahnte, was diese Liste zu bedeuten hatte. Meine Großmutter ist nie in die Kirche gegangen, nicht seit ich mich erinnern kann. In Bremen-Nord gibt es gar keine armenische Gemeinde. Zwar sprach sie manchmal von einem Gott, aber nur, weil er sie noch immer nicht erhört hatte. Das silberne Kreuz um ihren Hals hielt ich für eine Gewohnheit, die meine Großmutter einmal um-, aber nie wieder abgelegt hat. Doch auf den Lippen meiner Tante war kein Lächeln zu finden. Stattdessen kniff sie die Augen zusammen. »Sie weiß, gegen einen letzten Wunsch können wir nichts machen.« Mein Vater nickte schweigend. Seit der Arzt den Totenschein meiner Großmutter unterschrieben hat, sind seine Sätze auf einzelne Worte geschrumpft, begleitet von einem Brummen. Auf der Eichenbank in der Friedhofskapelle spüre ich seinen Ellenbogen in meiner Seite. Doch es kommt kein Stoß, kein aufmunternder Spruch. Mit dem kleinen Ring im rechten Ohr und den Bartstoppeln, rau wie Schmirgelpapier, sieht mein Vater zwar auch an diesem Tag aus wie ein Pirat, allerdings wie einer, der an Land gegangen ist und den sicheren Boden unter den Füßen verloren hat. Daran ändert auch das schwarze Sakko nichts, das er heute statt seiner blauen Bomberjacke trägt.
Für einen Moment hört der Priester auf zu sprechen. Mit der Hand winkt er über seine linke Schulter. Ein anderer Mann, ebenfalls in einer schwarzen Kutte, bückt sich hinunter zu einem CD-Player und drückt einen Knopf. Die ersten Töne einer Melodie, tief und langgezogen. Erst einmal habe ich ein Duduk gehört, diese Flöte aus Aprikosenholz, die der armenischen Musik ihren traurigen Klang verleiht. Der Priester öffnet den Mund. Er hat noch gar nicht begonnen zu singen, als meine Großtante Karine hinter mir zu wimmern beginnt. Seine tiefe Stimme erklingt, und da steigen plötzlich auch mir Tränen in die Augen. Es ist, als ob die Melodie von der Kanzel hinein in mein Inneres strömt. Zu dem kleinen Fleck hinter meinen Rippen, wo es sticht, seit ich von dem Tod meiner Großmutter erfahren habe. Der Vorghormia, auch das Gebet war auf der Liste meiner Großmutter vermerkt. »Natürlich, keine Beerdigung ohne Herr erbarme dich«, sagte der Priester, als ich ihm den Titel am Telefon vorlas. In der Kapelle hebt er nun die Stimme. Ich habe die Worte noch nie gehört, kann sie nicht einmal aussprechen und doch kommen sie mir erstaunlich vertraut vor. Wie der Rest meiner Familie sitze ich sonst nie in einem Gottesdienst, schon gar nicht in einem armenischen. Aber als ich dieses Gebet höre, atme ich zum ersten Mal seit Tagen wieder richtig durch.
Die Telefonnummer des Priesters habe ich von Talin bekommen, einer Armenierin, die ich vor Jahren kennengelernt habe. Ich erinnere mich, wie sie mich damals fragte, woher meine Eltern stammen. An ihren forschenden Blick, als würde sie gleich ein Notizbuch aus ihrer Tasche holen. Zum ersten Mal sagte ich nicht: »Mein Vater ist Armenier, aber er stammt aus der Türkei.« Ich brauchte auch nicht zu einer Erklärung ansetzen: »Früher haben dort viele Armenier gelebt, also vor dem Völkermord.« Zu Talin sagte ich bloß: »Mein Vater kommt aus Istanbul«, und sie nickte. Zum Abschied gab sie mir ihre Nummer. Und obwohl ich sie nie angerufen habe, antwortete sie mir schon nach wenigen Minuten auf meine Nachricht. »Frag mal bei Priester Minassian nach, für eine Beerdigung fährt der schon mal ein paar hundert Kilometer in eine andere Stadt.« Tatsächlich. Ohne, dass wir ihn darum bitten mussten, rief der Priester bei der evangelischen Gemeinde in unserer Nähe an und vereinbarte den Termin in der Friedhofskapelle. Er brachte den Gebetstext mit, die Musik. Alles, wie meine Großmutter es notiert hatte. »Deine Oma will uns nur ärgern«, hatte Tante Yeva gesagt, als sie mir die Liste in die Hand drückte. Ihre Finger zerknitterten das Papier. Behutsam strich ich es wieder glatt. »Vielleicht will sie uns aber auch nur helfen?« Für mich waren die Punkte auf der Liste Wegmarken, sie sollten uns durch den Tag führen, falls wir selbst nicht mehr sahen, wo es lang geht.
Hinter meinem Rücken knistert es. Tante Yeva kramt in ihrer schwarzen Tasche mit den Glitzerpailletten. Dann zieht sie eine Handvoll Walnüsse hervor und steckt sie in den Mund. Ausgerechnet Tante Yeva, die zuhause nur fettarmen Joghurt und Lightprodukte im Kühlschrank stehen hat, kaut auf der Beerdigung ihrer Mutter, ohne die Hand vor den Mund zu nehmen. Der Priester singt lauter. Kratzige Konsonanten, einer an den anderen gehängt, zu einer langen Gebetsformel. Wie ein dichter Schal schnürt sie sich um meine Ohren, während aus kleinen goldenen Gefäßen Weihrauch in meine Nase zieht. Die Männer, die eben noch den Sarg durch die Halle geschleppt haben, tragen sie im Gang auf und ab, während sich der Rauch langsam im Raum verteilt. Die Kapelle ist klein und doch wirkt sie mit all den leeren Sitzreihen an diesem Tag erstaunlich geräumig. In den Jahren, in denen meine Großmutter nicht mehr vor die Tür ging, sind die Menschen in ihrem Leben weniger geworden, bei ihrer Beerdigung sind wir auf eine Handvoll zusammengeschrumpft. »Hätten wir eine größere Familie, wäre uns das nicht passiert.« Ein Satz, den meine Großmutter in den vergangenen Jahren oft vor sich hinmurmelte. Wenn mein Vater sie so reden hörte, unterbrach er sie jedes Mal. »Iss lieber noch was, Mayrig.« Mama, das war eines der wenigen armenischen Worte, die auch ich verstand.
Tante Yeva hat aufgehört zu kauen und hält uns ihre Handtasche hin. Mein Vater rührt sich nicht, auch ich greife nicht hinein. Schließlich beugt meine Tante sich bis zum Ende der Eichenbank, hinüber zum Rollstuhl meiner Großtante Karine. Wie meiner Großmutter ist es Karine gelungen, weit über neunzig Jahre alt zu werden und alle Männer aus unserer Familie zu überleben, bis auf meinen Vater. Die meiste Zeit des Tages verbringt sie in einem orthopädischen Sessel im Altersheim, fünfzig Kilometer entfernt in Niedersachsen. An diesem Tag aber hat Großtante Karine darauf bestanden, dass die Pflegerin ihr das schwarze Kostüm anzieht und mein Vater sie mit dem Taxi hierher in die Kapelle fährt. Seit ihr Mann Vartan vor zwölf Jahren gestorben ist, hat Großtante Karine jeden Tag mit meiner Großmutter telefoniert. Wenn wir zu Besuch kamen, schallte kurz darauf ihre Stimme aus dem Lautsprecher. Die beiden Frauen sprachen nie lange, aber immer laut, in holprigem Deutsch, das sie in Fabriken und Großküchen gelernt haben. »Verbrennt dein Magen noch oder hat er sich sortiert?«, fragte meine Großtante dann. »Geht schon, aber mein Knie, du weißt, das ist wie mit Messer durchgehackt«, antwortete meine Großmutter. So oder so ähnlich. Früher, als mein Großonkel noch lebte und die beiden jede Woche mit ihrem kleinen Golf zu meiner Großmutter fuhren, saß ich beim Essen oft unterm Tisch. Heimlich betrachtete ich die Körper der beiden alten Frauen und suchte die Narben, die unter ihren Röcken versteckt sein mussten. Tiefe Wunden, von denen ich mir nicht erklären konnte, woher sie stammten.
An diesem Tag ist auch Großtante Karines Gesicht hinter Stoff verborgen. Schwarzer Tüll, der so engmaschig vor ihren Augen hängt, dass sich ihre Tränen darin verfangen. Tante Yeva hat uns Frauen die Trauerschleier am Eingang noch schnell in die Hand gedrückt. Bei diesem Punkt auf der Liste meiner Großmutter schüttelte meine Tante ihren Kopf noch heftiger. »Deine Oma hat eindeutig zu viele Telenovelas gesehen.« Diejenige von uns, die sich in all den Jahren nie beschwert hat, die immer freundlich nickte und anders als mein Vater ohne ein Murren befolgte, was meine Großmutter ihr auftrug, verdreht seit ihrem Tod ständig die Augen. Während mein Vater gar keinen Ausdruck mehr im Gesicht zu haben scheint, ist Tante Yevas Mund seit Tagen ein wütender Strich. Nebeneinander sehen die beiden aus wie Kinder, die ihre Mutter mitten auf der Straße stehen gelassen hat, ohne sich noch einmal umzusehen. Fassungslos, jeder auf seine Weise.
Ein Geräusch durchbricht den Gesang. Das Wimmern meiner Großtante Karine hat sich in ein lautes Schluchzen verwandelt. Für einen Moment wünschte ich, meine Mutter säße hier bei uns in der Kapelle. Sie würde Karine sicher die Hand auf die Schulter legen. Doch schon früher, als meine Eltern noch zusammenlebten, kam meine Mutter nur selten mit zu meiner Großmutter. Seit sie sich getrennt haben, hat meine Mutter sie nie wieder besucht. »Deine Oma war nicht die einfachste Schwiegermutter«, hat sie mir Jahre später einmal anvertraut. Das Schluchzen wird noch lauter. Während mein Vater kein Wort sagt und Tante Yeva nur zornig die Luft anstarrt, fühle ich mich wie die Gastgeberin einer Veranstaltung, von der ich gehofft habe, sie würde niemals stattfinden. Ich will aufstehen und zu dem Rollstuhl gehen, als sich meine Cousine Nisa zu meiner Großtante Karine beugt. Sie greift nach ihrer Hand, murmelt etwas. Erleichtert atme ich auf.
Nisa ist nicht die leibliche Enkelin meiner Großmutter. Sie ist die Tochter meiner deutschen Tante, der Schwester meiner Mutter. Doch wenn ich als Kind zu meiner Großmutter fuhr, kam sie häufig mit. Nebeneinander saßen wir im Wohnzimmer, während meine Großmutter uns mit Baklava vollstopfte. Natürlich nicht mit solchem, das in vielen deutschen Dönerläden verkauft wird und mit Zuckerwasser getränkt ist. Nein, meine Großmutter träufelte nur flüssigen Honig über ihren Blätterteig. Gerade genug, damit die Kruste glänzte. Aber nie so viel, dass die Süße den Geschmack der Pistazien überdeckte. Sie habe oft an dieses Baklava denken müssen, gestand mir meine Cousine einmal, damals, als sie sechzehn war und ich fünfzehn und wir monatelang kaum ein Wort miteinander wechselten.
In meinem Oberbauch sticht es wieder. Auf einmal spüre ich den Ellenbogen fest in meiner Seite. Mein Vater schiebt die Ärmel seines Sakkos nach oben und erhebt sich von der Bank. Erst da merke ich, dass der Priester aufgehört hat zu singen. Die Männer, die eben noch den Weihrauch getragen haben, sind wieder an den Sarg getreten, auch mein Vater packt mit an. Ich eile hinterher. Wenn sie schon gehen muss, dann wenigstens nicht alleine.
Das Grab liegt am Ende des Friedhofs, gleich neben dem Ausgang, wo die Abgaswerte hoch und die Jahresbeiträge niedrig sind. »Da, wo die Leute schnell wieder abhauen können.« Tante Yeva blickt immer noch grimmig. Normalerweise hätte mein Vater so einen Spruch gemacht. Allerdings mit einem Lächeln, breit genug, um dem Moment für eine Sekunde die Schwere zu nehmen. An diesem Tag wäre ich ausnahmsweise einmal dankbar dafür. Doch mein Vater blickt nur schweigend zu Boden. Auf die Zentimeter Erde, die uns von dem Loch trennen, in das der Sarg langsam hineingleitet. Der Weihrauch qualmt nun in dichten Schwaden aus einer Schale, die neben dem Grab aufgebaut ist. Der Priester hat wieder zu singen begonnen. Er schwenkt das goldene Kreuz, das an einer langen Kette um seinen Hals hängt, erst nach links, dann nach rechts, nach oben und nach unten. Wir anderen sehen der Erde beim Fallen zu, bis sich Tante Yeva auf einmal aus unserem Halbkreis löst. Mit schnellen Schritten tritt sie an den Rand der Grube. Sie greift mit beiden Händen in ihre Tasche, dann wirft sie meiner Großmutter einen Schwall Walnüsse hinterher. Proviant für einen Weg, auf dem niemand sie begleiten kann.
Der Priester senkt das Kreuz und nimmt die Kappe von der glänzenden Kopfhaut. Auf einmal weicht alle Förmlichkeit aus seinem Gesicht, der steife Ernst der letzten Stunde ist verflogen. Zurück bleibt ein Blick, der sich anfühlt, als wollte er unsere ganze Familie auf einmal in den Arm nehmen. »Schade, dass wir hier nicht zusammen essen können.« Beinahe entschuldigend wandern seine Augen von einem zum anderen. Am Grab essen und tanzen. Das hatte mit einem Ausrufezeichen auf der Liste meiner Großmutter gestanden. »Früher haben wir den Leichenschmaus auf dem Friedhof gemacht. Aber es kamen zu viele Beschwerden, wegen der Lautstärke.« Der Priester deutet auf seine Armbanduhr. »Außerdem müssen wir langsam die Heimreise antreten.« Die anderen Männer nicken. »Aber Sie kommen uns ja sicher bald in der Gemeinde besuchen.« In diesem Moment hebt mein Vater zum ersten Mal an diesem Tag den Kopf. »Wirklich nett, was Sie für meine Mutter getan haben.« Er sieht den Priester an. »Aber ich habe mit dem Beten schon vor langer Zeit aufgehört.«
Es gab diese Momente, da war sie auf einmal wieder ganz klein. Ein Kind, das keine Ahnung hat, wie es ist, anderen überlegen zu sein. Jetzt war so ein Moment. Karlotta war fünfzehn. Aber nicht an diesem Morgen. Beim Aufwachen war sie zwölf, beim Zähneputzen acht Jahre alt. Und plötzlich, beim Frühstück, so klein, dass sie fühlen konnte, wie sich Nisas Zahnreihen in ihren Arm bohrten. Wie sie zurückbeißen wollte. Es nicht tat. Wie sie brüllte, wie ihr Tränen über die Wangen liefen, wie sie über den Fußboden robbte. Bis sie am Bein ihrer Mutter hängen blieb und heulte, weil ihre Cousine ihr wehgetan hatte. An diesem Samstagmorgen saß sie im Esszimmer am Kiefernholztisch und spürte, wie die Verzweiflung in ihr aufstieg. Über einen Schmerz, der für andere nicht sichtbar war, aber für sie dennoch kaum auszuhalten.
»Und, was ist heute bei Nisas Geburtstag geplant?« Die Stimme ihrer Mutter schob sich langsam zwischen die Bilder in Karlottas Kopf. »Keine Ahnung«, antwortete sie und begann, ihr Brötchen zu zersägen. Dabei wusste sie es genau. Für Pommes und Bällebad mit Ronald McDonald war Nisa schon seit Jahren zu alt, für die Cocktailbars in der Stadt zu jung. Also würden sie auf dem Spielplatz rumhängen. Mit Wodka-Uranov von Lüddl, wie Nisa sagte. Und Lemon. Auch von Lidl. Luca würde da sein. Murat, Emre. Olga bestimmt und Hülya. Karlotta biss zu. Körner knirschten, Nutella schmatzte. Wird schon. Aber es wurde nicht. Das spürte sie sofort, als sie ein paar Stunden später auf dem Spielplatz ankam. Sie lief über die Betonplatten, vorbei an der Hecke, in der die Junkies häufig ihre Spritzen liegen ließen, und dem ausgefransten Basketballkorb, auf den gerade ein paar Grundschüler mit einem Fußball zielten. Sie trug ihre weiße Nylonhose, durch die der lila Tanga schimmerte. Ihre Haare mit den schwarzgefärbten Strähnen hatte sie geglättet, die Wimpern zwei Mal getuscht und mit der Zange zu einer steifen Welle gequetscht. Da saßen sie auf der Drehscheibe, mit angewinkelten Beinen und Kippe im Mund, die Jungs Luckys, die Mädchen Davidoff light. »Karl Otto ist da!«, rief Olga, die anderen grinsten. Nisa hielt ihr zur Begrüßung die klebrige Plastikflasche mit dem Wodka-Lemon-Mix hin. Karlotta nahm einen Schluck, zwei. Dann drückte sie den Flaschenhals noch ein paar Sekunden länger an die Lippen, ohne zu schlucken. Sie presste die Zähne zusammen und hoffte, dass es aussah, als wäre sie mutig genug zum Exen. Nach einigen Sekunden setzte sie die Flasche wieder ab und kramte Nisas Geschenk aus der Tasche. Zwei Kinokarten, Cinemaxx in der Innenstadt, mit Popcorn und Cola. Jetzt bereute sie, dass ihre Mutter das Geschenk verpackt hatte. Das Papier war viel zu bunt für den grauen Spielplatz, die Clowns, die daraufgedruckt waren, viel zu fröhlich und das rote Kräuselband hatte viel zu viel Mühe gemacht. »Danke«, sagte Nisa. »Mach ich später auf.«
Luca drehte einen Joint. Im Schoß seiner Jogginghose zerbröselte er die Mische, viel Tabak, kleine Krümel Gras. Mit der Hand riss er eine Ecke von der Zigarettenschachtel und rollte einen Tip. Vielleicht hatte sie heute Glück, dachte Karlotta, vielleicht kam der Joint nie bei ihr an. Ihr war schon vom Wodka schwindelig. Plötzlich sprang Murat auf und stieß mit Wucht die Drehscheibe an. »Fliegen alda!« Karlotta und die anderen kippten zur Seite, Tabak und Gras landeten auf Lucas Hose. »Spinnst du, man?« Er boxte mit der rechten Hand in die Luft. »Piss dich nicht an«, rief Murat zurück und gab der Drehscheibe gleich noch einmal einen Schubs. Er erinnerte Karlotta an einen Stierkämpfer, der das Tier nur provozierte, um sein Publikum zu unterhalten. Einen kurzen Moment war sie abgelenkt und hätte beinahe das Gleichgewicht verloren. Mit den Fingern griff sie nach der Drehscheibe, dabei kratzten ihre Nägel über Olgas Hand. »Ey, pass ma auf.« Olga verdrehte die Augen und rückte näher zu Hülya. Karlotta schaute auf ihr Handy. Vier Uhr nachmittags. Spätestens bis acht Uhr würde sie bleiben müssen, das wusste sie. Damit ihre Mutter keine Fragen stellte oder, noch schlimmer, bei ihrer Tante Martha anrief.
Der Joint war fertig. Luca schob sich das Ende in den Mund, Murat drängte sich vor ihn. »Gib mir einen Shot, man.« Luca zündete und zog. Mit einem kräftigen Stoß blies er den Rauch in Murats Gesicht. Der riss den Mund auf und sog die Luft ein, lang und tief. Dann presste er die Lippen zusammen und schnitt, den Rauch noch in der Lunge, eine Grimasse. Nun wirkte er nicht mehr wie ein Stierkämpfer, sondern wie einer der Clowns auf dem Geschenkpapier. Bloß, dass er eine Adidashose trug und eine Goldkette mit angelaufenem Halbmond.
»Jetzt ich.« Nisa sprang von der Drehscheibe und schob Murat zur Seite. Luca stieß wieder einen Schwall Rauch aus, diesmal in Nisas Mund. Ganz nah kam er ihren Lippen dabei, viel näher als denen von Murat. Nisa holte Luft und zog schnell den Kopf zurück. Die anderen grinsten. Jetzt war Emre dran. Dann Hülya, dann Olga. »Was ist, will die auch?« Emre deutete mit dem Finger auf Karlotta. Luca drehte sich um und stolperte auf sie zu. »Stimmt, die, los alda!« Nisa griff nach Lucas Kapuze und hielt ihn fest. »Lass sie.« Karlotta drehte den Kopf zu den Jungen am Volleyball-Netz und trank noch einen Schluck. Auf ex, diesmal wirklich. Vielleicht würden sie sie dann in Ruhe lassen. »Ey, tu mal nicht so hart«, rief Luca ihr zu. »Ich hab hier noch nen Zug für dich.« Er wedelte den Joint durch die Luft, Glut und Asche fielen zu Boden. Hülya lachte, Emre lachte, Murat lachte, Luca lachte. Nisa lachte nicht, aber sie sagte auch nichts mehr. Karlotta drehte ihr Gesicht zu Luca. Die anderen lachten weiter, Olga pfiff durch die Zähne. Lucas Augen blickten rot und glasig, ein letztes Mal führte er den Joint, der nur noch ein Stummel war, zwischen seine Lippen. Diesmal zog er noch tiefer als vorher und so lange, bis die Glut millimeterbreit leuchtete. Dann beugte er sich vor und schob sein Gesicht an ihres heran. Karlotta sah seine Lippen näherkommen. Sie roch den Wodka und den süßlichen Duft von brennendem Gras. Sie schloss die Augen und öffnete den Mund. Im nächsten Moment füllte ihn ein Schwall Rauch. Sie versuchte zu atmen, aber in ihrer Luftröhre kratzte es, und schließlich musste sie husten. »Iih, was geht mit der?« Luca zog den Kopf zurück. Emre ahmte Karlotta grinsend nach, wie sie sich krümmte und nach Atem rang. Hilfesuchend blickte sie zu ihrer Cousine, die nun wieder auf der Drehscheibe hockte und gelangweilt mit ihren Beinen vor und zurück wippte. Endlich stand Nisa auf und gab Emre einen Schubs. »Ey, is langweilig hier, lass mal gehen.«
Vom Spielplatz bis zur Bushaltestelle waren es nur drei Straßen, eine links, zwei rechts, zwischen den Wohnblocks hindurch, vorbei an den Mülltonnen und der Mauer mit den Graffiti: ein missglückter Verschönerungsversuch der Stadt, mit Blumen, die wie Unkraut über den Beton wucherten. Zwei Herzen, t+l, Ayse I Love ya. Für den Weg brauchten sie fast eine halbe Stunde, weil sie zwischendurch immer wieder anhielten. Emre sprang Luca auf den Rücken, Olga schubste die beiden in eine Hecke. Karlotta folgte ihnen mit etwas Abstand, nicht so weit, dass es auffiel, aber auch nicht so nah, dass sie mit einem von ihnen reden musste. Sie schwankte ein bisschen beim Laufen, vom Wodka oder dem Joint oder beidem zusammen.
Wohin sie mit dem Bus fahren wollten, hatte Nisa nicht gesagt, vielleicht einfach nirgendwohin, bloß eine Runde mit der Linie 79, von Aumund bis zum Hafen nach Vegesack und zurück, eine Dreiviertelstunde. Genug Zeit, ein paar Tags mit schwarzem Edding auf Ablagen und Fensterscheiben zu kritzeln: »Fuck ya all«, »2Pack4Ever«, »Vegesucks«. Natürlich saßen sie ganz hinten. Da konnten sie heimlich Sonnenblumenkerne knacken und die Schalen unter die Sitze spucken, ohne dass der Fahrer es merkte. Manchmal merkte er es doch, dann brüllte er ins Mikrofon und schmiss sie an der nächsten Ecke raus. Hatten sie Pech, mussten sie fünfzehn Minuten bis zur nächsten Haltestelle laufen. Hatten sie noch mehr Pech, hielt der nächste Fahrer gar nicht erst an, weil sein Kollege ihn per Funk vor den »Asi-Kids« gewarnt hatte oder weil er schon ahnte, dass die Jugendlichen Probleme machen würden. Mehr drohte ihnen nicht, schon gar nicht, seit die drei Jungs aus der Zehnten vor zwei Monaten einen der Fahrer zusammengeschlagen hatten. Er war mit einer Platzwunde über dem linken Auge im Krankenhaus genäht worden. Falls aber doch mal ein Fahrer die Polizei rufen sollte, dann hätten sie wenigstens eine Geschichte zu erzählen. Und an diesem Ort, an dem man so gut wie nie etwas Aufregendes erlebte, war nichts so viel wert wie eine gute Geschichte.
Der Bus hielt, Murat, Emre, Nisa und Hülya drängten hinein. Karlotta folgte ihnen, ihr war noch immer schwindelig. An einer Zweierbank, ein paar Plätze von Nisa und den anderen entfernt, schob sie sich auf den Sitz am Gang, winkelte die Knie an und drückte die Füße in die Lehne vor ihr. Der Bus rollte an, die anderen grölten, Karlotta blickte aus dem Fenster. Auf die schmucklosen Fassaden, die beim Beschleunigen zu einer langen, leblosen Häuserschnur verschmolzen. Sie blinzelte. Ob sie eines Tages noch anfangen würde, diese aufregende Jugend? Mit Sommern am See, Hauspartys und Typen, in die man sich verlieben konnte, ohne Angst zu haben, dass eine wie Olga Anspruch auf sie erhob? Vielleicht kommt sie nie, dachte Karlotta, als der Bus bei den Pizza-Profis um die Ecke bog. Sie würde für immer hier in Bremen-Nord hängen bleiben, zwischen Vegesack und Aumund, mit Nisa und der Gang, sie würde Bus fahren und irgendeinen Typ knutschen, der irgendwann an irgendeiner Haltestelle eingestiegen war. Mit achtzehn ginge es vielleicht zum Feiern in die Innenstadt, bis dahin aber nur ins Flash, die Großraumdisko in der Nähe, wo Türsteher bei jungen Mädchen ein Auge zudrückten, wenn sie hautenge Klamotten am Körper und einen gefälschten Schülerausweis in der Tasche trugen. Wie die meisten in ihrer Klasse hatte Karlotta so einen Ausweis. Ihn zu bekommen war nicht schwer. Auf dem gelben Antragszettel hatte sie ihr Geburtsdatum mit Bleistift eingetragen und ihn vom Schulsekretariat stempeln lassen. Danach hatte sie das Feld wieder leer radiert, mit dem Kugelschreiber ein falsches Datum hingeschrieben und den Zettel bei den Bremer Verkehrsbetrieben eingereicht. Schon wurde ihr das Dokument ausgestellt. Zur Sicherheit hatte sie auch gleich einen anderen Namen eingetragen, für den Fall, dass sie mal beim Schwarzfahren oder Klauen erwischt wurde.
Einmal hatte Karlotta es schon ins Flash geschafft. Vor zwei Monaten zur Schaumparty. Sie trug damals die lila Stiefeletten aus Kunstleder, die ihre Mutter so grässlich fand. Den grünen Minirock und das weiße Top mit dem V-Ausschnitt, das sie niemals anziehen würde, wenn sie ihren Vater besuchte. Janine hatte Karlotta mit dem Eisen die Haare geglättet und Karlotta hatte Janine ihre Halskette geliehen, die silberne mit dem Glitzerstein. Auf der Busfahrt tranken sie Korn-Cola aus PET-Flaschen. So viel, dass Karlotta in der Schlange von einem Bein aufs andere trat. Der Türsteher winkte sie durch, ohne einen Blick auf ihre Ausweise zu werfen. Drinnen stürmten beide erst aufs Klo, dann auf den Dancefloor. Dort blieben sie den Rest des Abends, tanzten zu Usher und Ja Rule und ließen sich antanzen, ganz eng und auch von Typen mit zu wenig Muskeln und zu viel Haargel, die Karlotta und Janine bloß deshalb interessant fanden, weil sie ihnen Aufmerksamkeit schenkten. Um fünf Uhr morgens ging das Licht an. Karlotta blickte auf ihre Schuhe, sie standen in einer Pfütze aus Schaum und Zigarettenkippen. Auf der Heimfahrt kotzte Janine in die Nachtlinie, Karlotta hielt ihr die Haare aus dem Gesicht und flüsterte, dass niemand es mitbekomme, obwohl der ganze Bus feixte. Und als sie schließlich auf Janines samtbezogener Couch einschlief, spürte Karlotta, dass dies vielleicht noch nicht das Abenteuer gewesen war, von dem sie träumte, aber immerhin war es ein Abenteuer gewesen. Eines, für das es sich sogar lohnte, am nächsten Tag mit flauem Magen zu ihrer Großmutter zu fahren. Nach dem Aufwachen sprühte sie sich Mundspray auf die Zunge, drei Stöße mit Minzgeschmack. Und das Vanille-Deo unter die Achseln. Die kühle Luft auf dem Fahrrad machte sie wieder wach. Und im Wohnzimmer ihrer Großmutter schaffte sie es sogar, drei große Stücke Börek zu essen. Langsam, Stück für Stück. Aber doch schnell genug, dass ihr Vater keine Fragen stellte.
Im Bus drückte Nisa den roten Knopf und riss Karlotta aus ihren Gedanken. »Aumunder Heide« las sie auf der Leuchtanzeige, den Namen der Haltestelle, an der man aussteigen musste, um zu Tante Martha und ihrem Onkel Ismail zu laufen. Scheinbar wollte Nisa doch keine Runde fahren, sie wollte nach Hause. »Film gucken.« Ihre Eltern waren nicht da. Es war das erste Mal, seit Nisa Hausarrest gehabt hatte, dass sie ihre Tochter allein ließen. Bis vor ein paar Wochen hatte Nisa jeden Nachmittag in dem Freizeitheim rumgehangen, das gleich neben der Stelle untergebracht war, wo die Heroin-Junkies ihr Methadon bekamen. Statt unter Aufsicht des Sozialarbeiters mit einem brennenden Kolben Tierfiguren in ein Stück Holz zu fräsen, hatte Nisa hinter der Werkstatt gekifft. Bis ihre Eltern sie eines Nachmittags auf der Polizeiwache abholen mussten. Sie und die anderen hatten ein paar Jungs aus dem Gymnasium abgezogen und Olga hatte einem von ihnen eine so harte Kopfnuss gegeben, dass der Krankenwagen kam. Karlotta hatte noch nie jemanden krankenhausreif geschlagen. Manchmal wünschte sie sich aber, sie hätte es getan. Zum Beispiel, wenn sie hörte, wie sehr ihre Tante und ihr Onkel sich freuten, dass ihre Tochter mit ihr unterwegs war. Und Nisa sie vor allem deshalb jedes Jahr zu ihrem Geburtstag einlud.
»Was gucken wir?« In der Wohnung angekommen, hielt Nisa drei Videokassetten in die Luft. Die anderen machten es sich auf der Eckcouch gemütlich. Emre hatte einen kleinen goldenen Aschenbecher mit Schnörkeln aus der Vitrine genommen, in der Onkel Ismail seine Sammlung stapelte. Vierzig oder fünfzig Aschenbecher mussten es sein. Einer aus Ton mit kleinen Vögeln, einer aus rot-gelb-grünem Glas, auf dessen Rand ein Mann mit Rastazöpfen klebte, andere mit Stadtwappen und Logos von Werder Bremen, Schalke 04 oder Waldhof Mannheim. Ihr Onkel arbeitete als Fernfahrer bei einer Spedition, und immer, wenn er auf einer Raststätte an einem Souvenirshop vorbeikam und zufällig ein besonders schönes oder ein besonders komisches Exemplar entdeckte, kaufte er es und stellte es zu den anderen in die Vitrine. Und das, obwohl er Nichtraucher war. Dass Emre nun in eines seiner Prachtstücke aschte, würde ihm nicht gefallen, das wusste Karlotta. Aber sie sagte nichts.
»Horrorfilm, Horrorfilm«, grölte Murat, Luca und Emre stimmten mit ein. Karlotta schluckte. Horrorfilme waren noch schlimmer, als mit Nisas Gang auf dem Spielplatz rumhängen. Es war nicht so, dass sie es nicht versucht hätte. Mit Janine hatte sie Scream und Texas Chainsaw Massacre aus der Videothek ausgeliehen. Aber jedes Mal hatte sie sich nach wenigen Minuten die Bettdecke vor das Gesicht gezogen oder gleich den Fernseher ausgemacht. Sogar, wenn Janine einen Film schon kannte und wusste, in welcher Minute jemand aus der Dunkelheit auftauchen würde. Karlotta störten weder das Blut noch die Kettensägen. Das Problem war, dass die Handlung sie so sehr in den Bann zog, als wäre sie ein Teil von ihr. Wenn jemand durch einen Wald gejagt wurde, spürte sie die Zweige unter ihren Füßen knacken und den Atem in ihrem Nacken. Wenn jemandem die Kehle durchgeschnitten wurde, sah sie neben sich das Messer blitzen. Warum brachte sie allein der Gedanke an den Film zum Zittern? Und vor allem: Warum die anderen nicht?
Sie suchte sich einen Sessel weit weg vom Fernseher, hinten links in der Ecke, gleich neben der Glasvitrine. In ihrem Kopf wiederholte sie die Worte, die sie sich beim Frühstück zurechtgelegt hatte: Wird schon, Karlotta. Aber wie vorhin auf dem Spielplatz ahnte sie, dass es nicht stimmte. Und während sie verstohlen auf ihre Armbanduhr blickte, wurde dieser Gedanke mehr und mehr zur Gewissheit.
Bei Minute zwölf presste Karlotta sich tiefer in ihren Sessel. Vor ihr hockte ein Junge in einem Erdloch im Wald und wurde durch eine Luke im Dach von einem Mann beobachtet. Auf einmal schienen die Vorhänge im Wohnzimmer dunkler als sonst, die Wände zu nah und die Tür viel zu weit weg. Am liebsten hätte Karlotta ihren Blick abgewandt, doch sie wusste, dass Emre sie beobachtete. Also zwang sie sich, weiter auf den Fernseher zu starren. Doch dann, bei Minute achtunddreißig, öffnete sich die Dachluke, eine Hand mit Silberringen schob sich langsam nach unten zu dem Jungen. Karlotta spürte, wie sich etwas um ihren Hals legte, zudrückte. Sie kniff die Augen zu. Sofort hörte sie das Lachen neben sich, höhnisch und schrill. Und die Stimme von Olga. Sie rief so laut, dass es die Schreie im Film übertönte: »Karl Otto macht sich gleich in die Hose!«
Ohne nachzudenken, sprang Karlotta auf, griff nach ihrer Tasche und rannte zur Tür. Sie hörte noch, wie Nisa ihren Namen rief. Und Olga sagte: »Ey, was kann ich dafür, dass dein deutsches Cousinchen ein Weichei ist?« Dann brachen die Stimmen ab. Karlotta stand auf der Straße, mit offenen Schnürsenkeln und ohne ihre Jacke. Sie lief los zur Haltestelle und starrte auf den Plan. Der letzte Bus war eben weggefahren, der nächste kam erst in dreiundvierzig Minuten. Scheiß Bremen-Nord, dachte Karlotta, scheiß Olga und ja, scheiß Nisa. Nach Hause laufen dauerte mindestens eine halbe Stunde, außerdem dämmerte es und sie fror ohne ihre Jacke. Zurück ins Haus konnte sie auf keinen Fall. Doch warten? Karlotta dachte an den Film und das Lachen der anderen. Die Haare an ihren Unterarmen kräuselten sich. Ihr blieb nichts anderes übrig, als den Menschen anzurufen, den sie in diesem Moment von allen am wenigsten sehen wollte. Zehn Minuten später hielt das Taxi neben der Bushaltestelle, Reggaemusik tönte durch die Glasscheibe. Sie wurde lauter, der Fahrer kurbelte das Fenster runter. »Wo darfs hingehen, junge Dame?« Wortlos riss sie die Tür auf und warf sich auf die Polster. Ihr Vater musterte sie im Rückspiegel. »Na, du machst ja ein Gesicht.« Er drehte die Musik leiser. »Fahr mich nach Hause zu Mama, bitte.« Demonstrativ sah Karlotta aus dem Fenster. Ihr Vater drückte aufs Gas, suchte aber weiter ihre Augen im Rückspiel. »Was ist denn bei dir los, Karlotta?« In diesem Moment war sie wieder da, die Wut, die sich regelmäßig von Karlottas Bauch bis in ihre Stirn brannte, wenn sie auf ihren Vater traf. »Du wirst es nie verstehen!«, schrie sie ihn an. Seine Lachfalten glätteten sich, doch Karlotta machte weiter. »Und du sollst mich Karla nennen, wann kapierst du das endlich?« »Karlotta!« Jetzt wurde auch ihr Vater laut. Doch was er sagte, hörte sie nicht mehr. Er, das Taxi, die Straße verschwammen hinter den Tränen, die aus ihren Augen liefen. Heiß und schnell, genau wie damals, als sie klein war und Nisa sie in den Unterarm biss.
Auf der Wiese vor dem Wohnblock blühen Krokusse. Ein lila-grüner Teppich aus Blumen und Gras. Farben, die so kräftig leuchten, dass ich stehen bleibe. Ausgerechnet an diesem Nachmittag nach ihrer Beerdigung fallen mir die Blumen vor dem Haus meiner Großmutter zum ersten Mal auf, jetzt, da ich sie nicht mehr sehen werde.
Weihnachten bin ich zuletzt in Bremen-Nord gewesen. Ich bin mit dem Regionalzug an dem kleinen Bahnhof in Vegesack angekommen und habe sofort den nächsten Bus nach Hause genommen, ohne Umwege und ohne aus dem Fenster zu sehen. Wem sollte ich auch begegnen? Hier in diesem Zipfel der Stadt, der mich als Kind an einen umgedrehten Hai erinnerte. Mit schräger Flosse und weit aufgerissenem Mund. Meine Cousine Nisa ist eine der wenigen aus meiner alten Schule, mit denen ich noch regelmäßig telefoniere. Doch selbst sie habe ich schon seit Monaten nicht zurückgerufen. Nun für den Tod an einen Ort zurückzukehren, an dem man das Leben nicht sonderlich gemocht hat, ist ein merkwürdiges Gefühl. Vor allem, wenn dieser Ort einem auf einmal so schön vorkommt.
»Oma ist tot, komm nach Hause, schnell.« Normalerweise schreit mein Vater ins Telefon, wenn er im Auto auf Lautsprecher gestellt hat, doch bei diesem Anruf vor ein paar Tagen verstand ich seine Worte kaum. Als wir aufgelegt hatten, gab ich meinem Doktorvater Bescheid, dass ich die nächsten Tage nicht ins Institut kommen würde, packte meinen Rucksack und machte mich auf den Weg nach Bremen-Nord. Doch als ich drei Stunden später aus dem Zug stieg, bog ich nicht zur Bushaltestelle ab, ich steuerte den großen Vorplatz an, als könnte ich dem Tod meiner Großmutter noch einen Moment davonlaufen. Steil ragten die Hochhäuser hinter dem Bahnhofshäuschen auf. Ob es in den Fluren noch nach Urin roch, selbst wenn die Putzfrau da gewesen war? Wenn ich früher meine Freundin Janine dort oben besuchte, begegnete ich auf dem Weg jedes Mal einer Gruppe Kinder. Die Flure und die Fahrstühle waren ihr Hoheitsgebiet, das sie jeden Tag neu eroberten. Dort fochten sie Kämpfe aus, die sie kurzfristig auseinandertrieben und langfristig noch enger zusammenschweißten. Eine Welt für sich, die sie im Alltag selten verließen und zu der man von außen schwer Zutritt bekam. Langsam lief ich an den Hochhäusern vorbei. Das Weiß der Platten war vom Regen noch dreckiger gewaschen worden. Gleich auf der anderen Straßenseite stand das Einkaufszentrum, ein riesiger Glaskasten, der bei der Eröffnungsfeier geglänzt hatte wie Kristall. Ich war fünfzehn gewesen und hatte Spumante getrunken, zwischen Diskolicht und Rauchkanonen. Vor Freude, dass ich nicht mehr fünfunddreißig Kilometer in die Innenstadt fahren musste, um Klamotten zu kaufen. Weil hier in Bremen-Nord tatsächlich etwas gebaut worden war, das auf den Gängen nach Zentrum roch, nicht nach Peripherie.
