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"Auf der Suche nach Babaji" steht in diesem Buch für unser aller Suche nach einem Ziel, einem Gipfel, nach Erfolg, Glück und Lebenssinn. Der Roman, den einer gelebt hat , ist noch immer eine größere schöpferische Leistung als der, den jemand geschrieben hat.
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Seitenzahl: 439
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Es gibt die Lösung, wir haben es in der Hand!
Damit wir Österreich und die Welt in eine gute
Zukunft führen,
möge der Nationalrat als Vorbild auch für das
Europaparlament beschließen, die Gewinne
aller Konzerne und Gesellschaften
stufenweise auf die
Gesamtbevölkerung aufzuteilen.
Globalisierung, Digitalisierung und
Robotisierung bewirken so
letztlich ein Ende der Armut sowie Wohlstand
und Frieden für alle.
Gemälde von Gaho Hashimoto (1835-1908), „Die vier Weltweisen, v.l.n.r. Kant, Konfuzius, Buddha und Sokrates“ Tokyo, 1891
VORWORT VON MATTHIAS STADLER
VORWORT VON HUGO PORTISCH
EINFÜHRUNG DURCH DEN AUTOR
HERKUNFT ZWISCHEN PLÜSCH UND BARFUSS
ZWISCHEN ENGELSSTURZ UND HIMMELSLEITER
UNERWARTETE HINDERNISSE UND UNGENUTZTE CHANCEN
YOGAPRAXIS UND HINDUGURUS
ÖSTERREICHS ÄLTESTE STADT WIRD JÜNGSTE HAUPTSTADT
DER BUDDHISMUS ZOG MICH MAGISCH AN
NACHFOLGEREGELUNG ALS GRÖSSTE LEISTUNG
ZWISCHEN VERFALL UND GIPFELKREUZ
WER EUROPA RETTEN WILL, RETTET AFRIKA
MEINE NEUEN GURUS TOKDEN ACHOEYOGI UND NGAKPA KARMA LHUNDUP
DIE SONNE, DER MOND UND DIE WAHRHEIT GEHEN NICHT UNTER!
Bürgermeister Stadler eröffnete 2014 die Weltkriegs-Jubiläums-Ausstellung „Hoppla, wir leben!“ im Karl Renner-Museum in Gloggnitz. Unter den Gästen das Botschafterpaar Südkoreas, Heinrich Wohlmeyer, Militärkommandant Brigadier Striedinger und Bildungsministerin Heinisch-Hosek
Siegfried Nasko ist ein ewig Suchender. Erst war er auf der lyrischen Suche nach Draba, einem Felsenblümchen, nun wandelt er in seiner Autobiografie auf den Spuren einer ewig jugendlichen Gottheit namens Babaji – beides spirituelle Annäherungen an ein bewegliches Ziel mit nur geringer Aussicht es je zu erreichen.
Dabei ist die Facette des ewig Suchenden nur eine von vielen in Siegfried Naskos Persönlichkeit, wenngleich die substanziellste. Auf ihn treffen aber auch Attribute zu wie der Vielseitige, der Spontane, der Emotionale, der Aktive, der Intellektuelle, der Wissende, der Politiker, der Historiker, der Publizist, der Kritiker oder der Förderer. Stillstand und das Fort-schreiben von Konventionen sind ihm ein Gräuel, das Verändern und Bewegen sein Lebenselixier, das Entdecken und Fördern von Kreativität seine Mission. Eifer und Ernsthaftigkeit seines beruflichen Strebens wurzeln wohl in den misslichen Rahmenbedingungen seiner Kindheit und Jugend, und sein beruflicher Werdegang, der sich wie die Vita von Mark Twain liest, erstreckt sich von einer abgeschlossenen Bäckerlehre über Tätigkeiten als Maurer, Portier, Briefträger oder Schlafwagenschaffner bis zur Erlangung akademischer Weihen. Er hat im zweiten Bildungsweg sein Schicksal in die Hand genommen und allen unverschuldeten Rückschlägen zum Trotz sein Doktoratsstudium an der Universität Wien abgeschlossen. Eifer und Kampfgeist brachten ihm schlussendlich die Anerkennung als Ausstellungsgestalter, als Arbeiterbewegungs- und Renner-Experte, als Abteilungsvorstand, Gemeinderat, Stadtrat für Bildung und Kultur, aber auch Auszeichnungen wie den Professortitel, den Hofratstitel oder den höchsten Kulturpreis der Stadt St. Pölten, den Jakob-Prandtauer-Preis, ein. Aber auch sein beruflicher Erfolg wurde ihm nicht geschenkt. Durch seinen Ungestüm, seine Ungeduld und seinen persönlichen Leistungswillen, den er auch anderen abverlangte, baute sich Widerstand in den eigenen Reihen auf, und seine Kritiker und Gegner warteten geradezu auf einen Fehler des allzu oft Unbequemen. Dabei hat er für unsere Stadt in den Bereichen Bildung, Kultur und Jugend viel mehr geleistet, als er sich selbst eingestehen will, und letztlich den Grundstein für vieles heute ganz Selbstverständliche gelegt.
Die Lebensbeschreibung Siegfried Naskos hat ihn auch mit zahlreichen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zusammengeführt, beginnend mit seinem Freund und Förderer Hugo Portisch, mit dem ihn eine jahrzehntelange Zusammenarbeit verbindet, aber auch mit Politikern wie Rudolf Kirchschläger, Heinz Fischer, Bruno Kreisky, Franz Vranitzky, Rosa Jochmann, Viktor Matejka oder Kardinal Franz König, Kunst- und Kulturschaffenden wie Gottfried von Einem, Clemens Holzmeister, Bernhard Wicki, Paul Hörbiger, Josef Meinrad, O. W. Fischer, Walther Reyer oder André Heller bis zu Stars wie Udo Jürgens. Die Biografie beschreibt somit ein Stück lokaler, regionaler und internationaler Zeitgeschichte und versucht Ansätze zur Lösung persönlicher, aber auch die Zukunft unserer Welt betreffender Probleme zu geben, auch wenn er seinen eigenen Gral, seine eigene Erlösung, noch nicht gefunden hat.
Nicht zuletzt um seinen „Furor Austriacus“ zu bekämpfen, hat Siegfried Nasko schon früh einen Ausgleich im Spirituellen gesucht, anfangs im Hinduismus und in der Folge im Buddhismus. Doch sein durch und durch auf Erfolg ausgerichteter europäischer Weg, der mit dem Loslassen vom Weltlichen nur schwer vereinbar ist, hat ihn wohl letztlich daran gehindert, seinen Seelenfrieden zu finden. Doch immerhin war ihm der Weg des Spirituellen Stütze bei der Überwindung seiner schweren Erkrankungen. Der Beschreibung dieses seines Wegs nach Indien, Nepal und Tibet und seinen auf diesem Weg gesammelten Erfahrungen ist daher ebenso ein wichtiger Teil der Lebensbeschreibung gewidmet wie seiner Hinwendung zur Wohltätigkeit für Afrika in den letzten Jahren. Dabei geht dieser Weg entsprechend dem Wort im Talmud „Wer ein Menschenleben rettet, rettet die ganze Welt“ immer auch mit der Förderung und Unterstützung von Projekten, etwa von Flüchtlingen aus Tibet in Indien, mit der Finanzierung eines Schulprojekts, Unterstützung einer Slumfamilie in Nepal oder zuletzt für ein Waisen-Geschwisterpaar von der Elfenbeinküste einher.
Begeben Sie sich mit Siegfried Nasko auf die Reise in eine Welt der Vielfalt mit überraschenden Denkansätzen, in deren Verlauf er aufzeigt, wie wichtig es ist, nie den Lebensmut aufzugeben, und lernen Sie, wie er es nennt, selbst in den dunkelsten Tunnels Helligkeit zu entfachen. Ob er wohl weiß, dass seine „Suche nach Draba“ inzwischen für dreistimmigen Oberstimmenchor zeitgenössisch vertont worden ist?
Mit der höchsten Ehrung des Europarates, dem Europapreis, v.l.n.r. Die Bürgermeister Willi Gruber und Matthias Stadler sowie Nasko
Siegfried Nasko – für mich ist er der beste Kenner des Lebens Karl Renners, den Staatskanzler der Ersten und Zweiten Republik Österreichs. Als ich für den ORF die Geschichte dieser beiden Republiken für das Fernsehen aufarbeiten sollte, stand mir Siegfried Nasko mit all seinem Wissen und vor allem auch mit dem von ihm gegründeten Renner Museum in Gloggnitz zur Seite. Es war, als würde ich Karl Renner persönlich treffen – Nasko konnte jede meiner Fragen, die ich an Renner gerichtet hätte, prompt beantworten. So war es für die Öffentlichkeit lange Zeit ein Rätsel, wieso Renner schon im April 1945, also de facto noch vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, bereits von dem sowjetischen Oberkommandierenden in Österreich beauftragt wurde, eine österreichische Regierung zu bilden. Nur Nasko wusste, dass die Idee dazu nicht von Stalin und seinen Beratern, sondern von Renner selbst stammte. Kaum waren die Sowjettruppen in Gloggnitz einmarschiert, meldete sich Renner – begleitet von einem tschechischen „Fremdarbeiter“ als Dolmetscher – beim Ortskommandanten und wünschte von diesem in das Hauptquartier der Sowjetarmee weitergeleitet zu werden. Begründung: „Ich möchte die Republik Österreich neu gründen!“, sagte Renner und versuchte, den Kommandanten zu beweisen, dass er bei der Gründung der Ersten Republik eine entscheidende Rolle gespielt habe. Der Kommandant lenkte ein und empfahl Renner, mit einem sowjetischen Lastkraftwagen in das Hauptquartier in Hochwolkersdorf zu reisen.
Wie es dort weiterging, hat Siegfried Nasko genau recherchiert. Der sowjetische Oberkommandierende Marschall Tolbuchin schickte ein Telegramm an den obersten Sowjetführer Josef Stalin. Er erklärt, ein Herr Karl Renner habe sich bei ihm gemeldet und wolle Österreich neu grün- den. Innerhalb von zwei Stunden trifft Stalins Antwort in Hochwolkersdorf ein – Siegfried Nasko hat dieses Antworttelegramm Stalins ausgeforscht und mir gezeigt. Stalin betraut Tolbuchin mit der Aufgabe, Karl Renner als neues Oberhaupt Österreichs einzusetzen.
Wie so etwas zu geschehen hat, ist für die Sowjets bereits Routine. Sie haben das schon in Bulgarien und Rumänien gemacht und sind dabei, es gerade auch in Ungarn zu machen. Ihre Formel entspricht den Zusagen Josef Stalins bei der Konferenz von Jalta an den britischen Premierminister Winston Churchill und den amerikanischen Präsidenten Franklin Roosevelt: In allen von der Roten Armee besetzten Ländern sind drei Parteien zu gründen – eine bürgerlich-bäuerliche, eine sozialdemokratische und eine kommunistische. Die politischen Führer dieser drei Parteien haben eine Koalition zu bilden, aus deren Mitte ein Premierminister beziehungsweise ein Bundeskanzler zu benennen sei.
Der Auftrag zur Gründung der drei Parteien ergeht an die österreichische Bevölkerung und führt sehr schnell zur Gründung der ÖVP, der SPÖ und der KPÖ. Führende Köpfe gibt es in allen drei Parteien, auch wenn sie früher andere Funktionen hatten und auch anderen Parteien angehörten. Aber sie haben ohnehin nur einen Befehl auszuführen: Sie haben Karl Renner zum neuen Staatskanzler einer neuen österreichischen Republik zu machen. Renner würde sich danach seine Mitarbeiter, also praktisch die Minister, oder wie er sie nannte, die Staatssekretäre, selbst aussuchen.
So kam es, dass Karl Renner am 29. April 1945, also 10 Tage vor Ende des Krieges im Wiener Rathaus gemeinsam mit Theodor Körner, der mittlerweile von den Sowjets als Bürgermeister von Wien eingesetzt worden war, die erste österreichische Regierung bildete und gemeinsam mit seinen Ministern den Weg zum Parlament antrat, um dort die Zweite Republik Österreich auszurufen. Für alle erstaunlich war der feierliche Empfang Renners am Fuß der Rampe zum Parlament durch den sowjetischen Stadtkommandanten General Blagodatow und einer sowjetischen Ehrenkompanie, gestellt von einer Handvoll Sowjetsoldaten mit präsentierten Maschinenpistolen. Als diese Bilder auch weltweit bekannt wurden, waren sie besonders für die Amerikaner anscheinend ein Beweis für die soeben stattgefundene Gründung einer sowjethörigen Satellitenregierung. Ein Verdacht, den Renner noch einige Monate bekämpfen musste, ehe auch Amerikaner und Engländer seine neue Republik anerkannten. Aber immerhin: Renner gelang auch dieses Kunststück. Mit voller Zustimmung der Sowjets konnte er auch führende Politiker aus den westlichen Bundesländern in seine Regierung aufnehmen und bereits im November 1945 in ganz Österreich demokratische Wahlen durchführen.
Dies alles zu rekonstruieren und auch entsprechend zu beweisen, konnte ich damals nur Siegfried Nasko verdanken. Er hatte alle dafür notwendigen Befehle und Urkunden in Gloggnitz in dem von ihm gegründeten Renner Museum zusammen getragen. Umso erstaunlicher ist es, dass die österreichischen Parteien, die ursprünglich auf der gleichen von Renner geschaffenen Basis gegründet worden sind, dann eines Tages aufhörten, das Renner Museum weiter zu finanzieren. Eine Weigerung insbesondere von der SPÖ, die für mich bis heute unverständlich bleibt.
Siegfried Nasko aber hat seinen Weg fortgesetzt. Auch er hatte es nicht leicht, in der niederösterreichischen SPÖ und bei den Gewerkschaften entsprechende Anerkennung und Förderung zu erhalten. Aber er brachte es doch dazu, in der Stadt St. Pölten als Kulturstadtrat eingesetzt zu werden. Mit dem heute hier vorliegenden Buch schreibt Nasko seine Erinnerungen nieder. Fragt man ihn, was er damit im Sinn habe, an welche Leserschaft er sich wende, antwortet er mit großer Leidenschaft: Mit allem, was er aus seinem Leben zu berichten hat, möchte er möglichst viele Menschen dazu bringen, die entsprechenden Lehren für ihr eigenes Leben zu ziehen. Auch und besonders in Anbetracht der vielen Übergriffe und Fehler, denen er in seiner Kindheit und Jugend und besonders in seinem politischen Kampf ausgesetzt war, würde dieses Buch seine Wirkung erzielen.
Das zu beurteilen, muss auch ich den Lesern dieses Buches überlassen. Ich kann ihnen nur empfehlen, sich auf die Berichte Siegfried Naskos über sein Leben und wie er es bewältigt hat einzulassen.
Besondere Aufmerksamkeit erregt Nasko auch mit der Beschreibung seines Weges, der ihn auch nach Indien, nach Nepal und nach Afrika geführt hat, wo ihn seine Begegnung mit dem Buddhismus und dessen geistiger Auseinandersetzung mit dem Leben und auf welche Art es zu bewältigen ist, viel Erstaunliches erleben ließ.
Herzliche Umarmung durch Laudator Hugo Portisch 2003
Als Modell für eine Bronzebüste von Rainer Neusser 1983
Nach Viktor Frankl ist der „Roman“, den einer gelebt hat, noch immer eine unvergleichlich größere schöpferische Leistung als der, den jemand geschrieben hat. Daher ist das größte Werk, an dem wir andauernd arbeiten, die Bewältigung des Lebens.
Meine Geschichte ist chronologisch eingebettet in das jeweilige Geschehen in Österreich und darüber hinaus. Was immer erlebnishaft, schicksalhaft, erstaunlich oder unglaublich erscheint, wird beschrieben und angeführt, um alle Leser, die durch Ähnliches gegangen sind oder augenblicklich bzw. künftig gehen, zu ermutigen, niemals aufzugeben. Ob im Beruf oder in der Politik, nahezu überall warten Chancen, aber auch Hindernisse. Für ausweglose, schicksalsschwere Lebenssituationen sind wir Menschen von Natur aus schlecht ausgerüstet. Daher tun wir uns in ihnen auch besonders schwer.
Schwarzen blieb bis in die 1960er-Jahre hinein in den USA der Zutritt in „weiße“ Lokale verboten, so wie Juden unter den Nazis nicht auf Arierbänken sitzen durften. So fühlte ich mich, als mich Obere aus einer Ordensschule ausschlossen, weil ich von meinen „gottgläubigen“ Eltern laut Aussage des Hausdirektors „wie ein Tier gezeugt“ worden sei.
Seit 2003 wurden in St. Pölten die Weichen für die Ära nach Bürgermeister Willi Gruber gestellt. Dazu gehörte sowohl meine Berufung in den Nö. Landtag als auch schließlich die für mich ungünstigste Auslegung eines ORF-Interviews ein Jahr danach. Alles hatte sich mit einem Schlag geändert, als Außenseiter gab es keine Perspektive mehr, sodass ich in relativ kurzer Zeit sowohl aus Beruf als auch aus Politik ausschied. Einem wunderbaren Höhenflug und erfolgreichen Jahrzehnten im Dienst der Stadt St. Pölten, begleitet vom Ausflug in die Stadt- und Landespolitik sowie von historischer Tätigkeit folgten Resignation und Flucht in den spirituellen Ruhestand. Für mich waren all die Begegnungen, Erlebnisse, Hoffnungen, Enttäuschungen, Erfolge und Zielsetzungen ein Lernprozess. Jeder von uns Agierenden brachte sich in die eindrucksvolle Weiterentwicklung unseres Gemeinwesens auf seine Weise positiv ein. Warum sonst würde Niederösterreichs Hauptstadt St Pölten heute bundes-, europa- und weltweit so brillieren!
Dafür danke auch ich meinen langjährigen Vorgesetzten und Lehrern Hans Schickelgruber und Willi Gruber sowie allen Mitstreitern ohne jede Einschränkung: Wichtige Förderer meines historischen Wirkens waren der Linzer Univ. Prof. Dr. Karl R. Stadler, der Direktor des Österreichischen Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums Josef Docekal sowie Österreichs Starjournalist und der St. Pöltner Ehrenbürger Hugo Portisch. Unvergessen bleiben mir die freundschaftlich verbundenen Landeshauptmannstellvertreter Heidemaria Onodi, die Nationalräte Karl Pfeffer, Adelheid Praher, Anton Heinzl und Robert Laimer, Landtagsabgeordneter Karl Gruber, die Vizebürgermeister Oswald Hameder, Amand Kysela und Harald Ludwig, die Stadträte Ernst Pfabigan, Egon Meyer, Anton Damböck, Anton Hufnagl, Herbert Wieden, Herwig Christalon, Lotte Eigner und Rudolf Mischak, die Gemeinderäte Alfred Wolfsberger, Gerhard Reither, Oswald Helm, Rupert Köck und Egon Ernsthofer, die Magistratsdirektoren Hans Tomandl, Walter Pogorevc und Hannes Pfleger, die Kollegen Baudirektor Tassilo Lendenfeld und Rudolf Leitner, Bauhofleiter Johann Nolz, die Krankenhausdirektoren Rudolf Tornar und Franz Todter, Stadtphysikus Erhard Psick, Grundstückskoordinator Otto Zankl, Hans Parzer von der Rechtsabteilung, Bürgermeistersekretärin Maria Raitzl, die engen Freunde des Kulturbereichs, Thomas Karl, Viktor Mayerhofer, Alfred Kellner, Martin Sadler, Michael Fichtenbaum, Renato Zanella, Philipp Preiss und Anastasia Irmiyaeva, René Voak, Thomas Pulle, Wolfgang Matzl, Helmut Dorfer, Alois Grießler, Erna Mausmair sowie Martin Koutny, die beiden Schulinspektoren Gerfried Hielscher und Alfred Pfeifer, die großartigen Mitarbeiter meiner Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit Robert Klement, Walter Kernstock, Hubert Schorn, Ernst Auer, Eva Prischl, Ernest Wurm, Hilde Hofbauer, Irmtraud Schrenk, Josef Mattes, Sibylle Umgeher, Rosa Bernauer, Gaby Hölderl, Hannes Reichl, Doris und Josef Vorlaufer sowie Doris Weiß und Petra Fuß-Ganaus.
Der heutige Bürgermeister Matthias Stadler war mein engster Mitarbeiter und Abteilungsstellvertreter. Sein kompetenter Blick reichte weit über den Tellerrand hinaus, von der Gestaltung der epochalen Europa-Ausstellung im Schloss Pottenbrunn über die Leitung des Landeshauptstadtfestes bis zur Geschäftsführung der Fachhochschule spannt sich der Bogen. Es gab nichts, was wir uns nicht zugetraut hätten, wir gehörten zur Speerspitze der Hauptstadtentwicklung. Ich danke unserem Bürgermeister Stadler auch für sein Vorwort zu diesem Buch und die Unterstützung dieser verbesserten Neuauflage. Wie bei allen großen Würfen im Kulturbereich war Thomas Karl auch dabei federführend, tatkräftig unterstützt von seinem Mitarbeiter Peter Kopecky. Dieser Dank gilt auch Gerhard Habarta und Susanne Koger vom Verlag Fantart für ihre bedeutenden Vor- und Endarbeiten.
Meine Rückschau hat keine Lösungsrezepte parat, sie veranschaulicht aber manchmal beeindruckend, wie es selbst in dunkelsten Tunnels möglich ist, Helligkeit zu entfachen. Immer wieder wird dabei der Fokus auf unsere eigenen, oft unbeachteten menschlichen Ressourcen gerichtet. Insofern ist dieses Buch ein Wegweiser durch schlaflose Nächte und verweist auf mögliche Alternativen, Auswege, Verbesserungen und sinnvolle Ziele. „Wenn’s Mode wär’, würden sie sich sogar die Nägel blau schlagen!“ spottete Erich Kästner über unsere allzu menschlichen Verhaltensweisen. Und in der Tat laufen unsere Lebenszyklen seit Jahrhunderten im Rhythmus des Hegelschen Dreischritts ab, auf These und Antithese folgt die Synthese, und das im eigenen Umfeld wie auch in der weiten Welt.
Fritz Molden trauert in seinem Buch „Die Feuer in der Nacht“ der Vergangenheit nach, in der Schillers Satz aus „Wallensteins Tod“ „Der Österreicher hat ein Vaterland, er liebt’s und hat auch Ursach es zu lieben“ häufig zitiert wurde. Von der Waldheim-Affäre aufgescheucht, wurde die „Insel der Seligen“ zur Paria-Nation. Das verkennt natürlich die Realität, unterscheidet nicht zwischen Ursache und Wirkung. Vergangenheit können wir nicht ändern, wie anders wir sie auch beschreiben mögen. Schlimm aber ist, wie unser Österreich aktuell geworden ist; aus der Zweiten Republik als vermeintlich konstruktives Mitglied der Europäischen Union wurde ein Regime nationaler Abschottung in manchem Gleichschritt mit ewiggestrigen Nachbarstaaten. Dabei scheint die 2020 eingesetzte Pandemie die bislang gehandhabte Zurückhaltung von Türkis-Grün durch demokratiepolitisch fragwürdige Vorgaben zunehmend zu ersetzen. In diesem Buch werden manche Finger in Wunden gelegt, die unter der Maske von Jugend alte, längst überwunden geglaubte Denkmuster kultivieren: Mit dem Fall der Berliner Mauer und dem Zusammenbruch des Ostblocks 1989 ist auch die Immunität der Sozialdemokratie in Europa gegen Kapitalismus und Neoliberalismus erloschen. Allen Ansagen zum Trotz wartet die Verwaltungsreform in Österreich seit 2002 nicht zuletzt aus Balancegründen mit der EU auf den Dornröschenkuss. Zu Kultur wird nicht mehr erzogen, man repräsentiert. Ja ihr politisch minderer Stellenwert wurde im Zuge der Lock-Downs schmerzhaft offensichtlich. Armut wird ähnlich wie in den 1930er-Jahren zunehmend ignoriert und Solidarität mit Flüchtlingen wurde demokratisch unwählbar. Auch nach dem Ibiza-Video scheint die Jetzt-erst-recht-Mentalität der Österreicher nichts an Aktualität eingebüßt zu haben. Wir wundern uns über das Leid vieler Kinder, halten aber nach wie vor per Gesetz mit noch höheren Strafen dagegen, statt die Eltern, Lehrer und Priester dafür besonders zu schulen.
Persönlicher Wohlstand und selbst in Ruhe gelassen zu werden, sind die mickrigen Werte unserer Zeit. Die allermeisten von uns leben bzw. erleben nur einen kleinen Ausschnitt eines viel Größeren, reichhaltigeren, gesünderen und interessanteren Alltags. Mit Martin Häusler bin ich daher der Ansicht, dass in der Öffnung in alle Richtungen, im Loslassen alter Anschauungen und in der Hinwendung zur Ganzheitlichkeit eines der Rezepte zur Rettung der Erde im Allgemeinen und für das Glücklich werden im Privaten liegt. Durch die totale Globalisierung hängt seit Jahren alles zusammen und wirkt sich unmittelbar aus. Wir müssen im Sinne von Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz den Grundsatz „Think global, act local“ umformulieren in „global denken, global handeln“. Die Zeit des neuen, sanften Europas in einer Weltgemeinschaft, die händeringend nach einer neuen, gemeinschaftlichen Weltordnung und Werteordnung sucht, ist nach Ansicht des früheren Präsidenten der Europäischen Kommission Jean-Claude Juncker keineswegs abgelaufen; Europas Zukunft fange gerade erst an und die Welt warte darauf. Worauf? Auf eine echte Wirtschafts- und Sozialunion, vor allem aber auf eine politische Union der Vereinigten Staaten Europas. Die 1945 konzipierte Weltordnung, die mit der Schaffung der UNO den Traum einer Weltbürgergesellschaft ermöglicht hatte, erhielt durch den Irak-Krieg der Bush-Administration 2003 einen empfindlichen Rückschlag, den US-Präsident Donald Trump seit 2016 vorübergehend ins Apokalyptische steigerte. Die Weltmacht USA agierte wie ein Nationalstaat, der rücksichtslos seine eigenen Interessen verfolgt. Ich glaube an das Wort im Talmud „Wer ein Menschenleben rettet, rettet die ganze Welt“, deshalb engagiere ich mich für Flüchtlinge aus Tibet, in Indien, für eine Slumfamilie in Nepal und für ein Waisen-Geschwisterpaar aus der Elfenbeinküste. Ich pflichte Albert Einstein bei, dass die Welt, die wir geschaffen haben, einer überholten Denkweise entspricht. Die sich daraus ergebenden Probleme können daher nicht mit der gleichen Denkweise gelöst werden, durch die sie entstanden sind. Die mancherorts nach wie vor hochgehaltene Leistungsmaxime verliert durch Digitalisierung und Automatisierung ihren klaren Stellenwert. Das Feld der Arbeitsmöglichkeiten schrumpft und die immer weniger werdenden Profiteure verlieren durch antizyklische dauerhafte Gewinnbeteiligung aller kaum an Lebensqualität. Ein Anliegen dieses Buches ist es, zum eigenen Lebenssinn zu finden. Unser Leben ist mehr als das Anfüttern eines Kadavers, solange er lebt. Teilen, liebe Leser, kann schön sein.
Gustav Meyrink hat 1921 den Direktor einer großen staatlichen deutschen Bibliothek gefragt, über welches Gebiet seiner Meinung nach die meisten Bücher geschrieben würden. Dieser antwortete zu seiner Überraschung, es würden vor allem Werke über Mystik, Magie, Kabbala, Zauberei, Theosophie und über Spekulationen von den letzten Dingen geschrieben. Während Kulturen erlöschten und nie wieder aufgebaut würden, tauchten Dinge, die ins Übersinnliche gehörten, wie ein Phönix immer wieder neu auf. Nur wer sich für das Übersinnliche interessiere, so Meyrink, könne in die Tiefen von Büchern wie Goethes „Faust“ eindringen. Deshalb habe ich dem vorliegenden Werk auch den Titel „Auf der Suche nach Babaji“ gegeben, worin sich symbolisch alles Denken, das über das Materielle hinausweist, bündelt. Ich trage die Sehnsucht nach Babaji im feinstofflich materialisierten Körper seit Jahrzehnten in mir. Wie elektrisiert vernahm ich mit 55 seinen Ruf und flog spontan nach Indien, um ihn zu treffen. Nichts und niemand hätte mich aufhalten können. Ich bin seinem Ruf gefolgt, er aber blieb all meiner Suche zum Trotz unsichtbar. Babaji wurde am 3. November 203 in Tamil Nadu als christusähnlicher Heiliger, engelhaftes Wesen, unsterblicher Yogi und Mahaavatar geboren. Der mythologische Sadhu ist ein großer Siddha, der die gewöhnlichen menschlichen Begrenzungen überwunden hat und der im Himalaya im Stillen für Verbesserungen der spirituellen Evolution der gesamten Menschheit arbeitet. Babaji erscheint seinen Schülern in einer von ihm gewählten jugendlichen Form, weshalb es schwer ist, ihn zu erkennen. Von ihm existiert kein Foto, das überlieferte Bild entstand 1946 nach Angaben von Swami Yogananda. Ob Christus, Mohammed, Vishnu oder Buddha, ihre Energien und Lehren haben mich in ihren Bann gezogen. Auf der Suche nach
Babaji wäre ich beinahe ums Leben gekommen. Nach mehreren Nahtoderlebnissen umarme ich die gesamte Schöpfung und Menschheit. So wie Gott keine Grenzen setzt, weder den Dingen noch der Zeit, so sind auch wir alle ohne Grenzen, es sei denn, wir kreieren sie.
KOMPLIZIERTE VERHÄLTNISSE
Meine beiden wirklichen Großväter habe ich nie kennengelernt.1) Von der Linie der Großmutter gab es Besitz in Bruck an der Mur, in Graz und in Marburg, mein Urgroßvater soll mit Kaiser Franz Joseph persönlich verkehrt haben. Mein Großvater hat Josef Heuberger geheißen. Er war ein reicher Mann, der eine Bank und Lotterie, später zwei Häuser in Baden besaß und damals in Graz, Herrengasse 1, gewohnt hat. Er soll sogar eine Erfindung von der Art einer Litfaßsäule gemacht haben. Seine Schwester, also meine Großtante, war mit dem russischen Zaren Nikolaus II. befreundet, von dem sie reichlich beschenkt worden sein soll.
Der Vater des Autors Josef Nasko 1907
Nachdem mein Vater Josef am 19. März 1907 in Graz zur Welt gekommen war, wollte Heuberger meine Großmutter Emilie Nasko heiraten. Aber meine Urgroßmutter meinte damals zu Oma: „Du brauchst nicht zu heiraten. Wir haben großen Besitz, uns gehören mehrere Häuser und Dienstboten können wir uns leisten.“
So kam mein Vater als lediges und damit keinesfalls erbberechtigtes Kind zur Welt. Heuberger hat allerdings in einem standesgerichtlichen Vergleich vom 12. Jänner 1911 die Vaterschaft anerkannt. Da sich Oma dann mit einem sehr gewalttätigen Glasermeister namens Schlenz zusammengetan hat, war mein als Kind doch sensibler Vater dessen Brutalität und Derbheit ausgeliefert. Mein Vater soll im Kindesalter in Graz an einem Theaterstück mitgewirkt und durchaus Talent gezeigt haben. Darüber hinaus soll es damals möglich gewesen sein, auch als Nichtjurist Angeklagte bei Gericht zu vertreten, was meinem Vater ganz gut gelungen sein soll. Sein Stiefvater bildete ihn aber als Glaser aus. Oma hatte einen zweiten Sohn, jedoch mit einem Hofrat namens Hofer, der meine Großmutter liebte und unbedingt heiraten wollte. Ihr gemeinsamer Sohn Leo Valerie, der Halbbruder meines Vaters, wurde am 21. Februar 1911 in Graz geboren. Hofer soll sich über die Zurückweisung seines Antrags so tief gekränkt haben, dass er sich zu Beginn des Ersten Weltkrieges im August 1914 freiwillig an die Front meldete, um dort den Tod zu suchen. Leo soll ein idealistischer SA-Mann gewesen sein, der in der Systemzeit mehrmals eingekerkert und dabei geschlagen worden war. Seine Striemen und Flecken erklärte er jeweils mit den scharfen Kanten der Betten und Schränke in der Zelle. Nach 1933 absolvierte er in Deutschland ein freiwilliges Dienstjahr auf einem Bauernhof.
Mein Vater war erzkonservativ und christlich-sozial, mit seinem Bruder Leo, der illegal bei den Nazis und bei der SA war, gab es daher des Öfteren Streit. Nach der deutschen Okkupation aber ließ sich mein Vater, wie viele andere Österreicher auch, völlig vom Nazi-Rummel blenden, ja, er ersuchte um Aufnahme in die NSDAP, wurde aber wegen „Feigheit“ abgelehnt. Als die Nazis Österreich im März 1938 okkupiert hatten, machten meine Eltern am 24. Jänner 1939 von der nunmehrigen Möglichkeit Gebrauch, im Grazer Rathaus standesamtlich zu heiraten. Bei Kriegsausbruch zog man meinen Vater 1939 zum Zoll ein. An der nun deutschungarischen Grenze in Radkersburg machte er Dienst. Von den deutschen Siegesmeldungen der ersten Kriegsjahre im Radio war er so beeindruckt, dass er noch weit in die 1950er-Jahre hinein damals gehörte Jubelnachrichten zitierte. Tante Henny zeigte mir bei meinem Besuch 1965 in Aurich in Ostfriesland Fotos von Onkel Leo sowie zahlreiche Briefe an sie von der Front, die alle mit „Mein liebstes Weiberl“ oder „Mein deutsches Weib“ anfingen und von der heroischen NS-Zeit faselten. Leo fiel am 10. September 1941 als Oberjäger nahe Liza bei Murmansk im Russlandfeldzug. In der Todesnacht hatte meine Oma einen Traum, sie sah und hörte Leo dreimal laut seufzen. Aus der Todesnachricht ging hervor, dass er an zwei Bauchschüssen und einem Rückenschuss zu Tode gekommen war. Onkel Leo wurde auf der Kriegsgräberstätte Petschenga beigesetzt.
Großvater Anton Domenig lebte in Klagenfurt. Er besaß unweit der Stadteinfahrt viel landwirtschaftlich genutzten Grund, einen Bauern- und Gasthof. Da sein Sohn, also der Vater meiner Mutter, rabiat und brutal seiner Frau, also meiner Großmutter, mit einem Hufeisen auf den Kopf geschlagen hatte, sodass sie beinahe verblutet wäre, hatte der obgenannte Urgroßvater verfügt, dass er bei der Besitzweitergabe übergangen werden und sein Enkel Max alles erben solle. Das hatte dessen Vater noch närrischer gemacht, sodass er schließlich entmündigt werden musste. Der schwer leberkranke Max heiratete eine bigotte attraktive Frau, die Dilli, die nach Max’ frühem Tod alles erbte, während von den Domenigs niemand mehr etwas besitzt. Meine Großmutter arbeitete am Feld, brachte die Ernte jeweils mit einem Schubkarren auf den Markt und bot sie dort feil. Ihre älteste Tochter Hermi war mit dem passionierten Fischer Lucatelli verheiratet, der mit mir während der Ferien des Öfteren auf den Wörthersee hinausruderte und sein Netz auswarf. Tochter Rosi war eine sehr eigenständige Frau; noch nicht einmal 18, erkannte sie die Gefahr, die von den Nazis ausging, und machte sich ihre eigenen Gedanken.
„Tante“ Rosa Rehak und „Oma“ Elisabeth Domenig
Mit Schwarzschlachten und heimlichem Schnapsbrennen brachte sie sich permanent in Gefahr. Diese kulminierte schließlich in ihrem laut formulierten Wunsch: „Das Einzige, was ich will, ist, dem Hitler in die Pappn zu scheißen!“ Dafür wurde sie eine Zeitlang ins Konzentrationslager Dachau verbracht.2) Rosi heiratete nach dem Krieg Eduard Rehak, mit dem sie den athletischen Sohn Edi und die Tochter Amanda hatte. Ausgerechnet bei einem schweren Gewitter mähte Onkel Edi um 1950 das hohe Gras, als er vom Blitz getroffen und getötet wurde. Rosi heiratete beim zweiten Mal den westdeutschen Fuhrunternehmer Ludwig Schneider. Bei einem Unfall hatte er den Daumen der rechten Hand verloren. Ihr Sohn Dieter war ein sogenanntes „blaues Baby“, dessen Herz nach einer Operation in Düsseldorf stabiler wurde, wenngleich er nach wie vor zeitweilig das Bewusstsein verlor. Während der Ferien vertraute mir Tante Rosi das Baby häufig an, dem ich sogar die Windeln wechselte. Als die Mondsee-Autobahn in Oberösterreich gebaut wurde, übersiedelten die Schneiders zu dritt nach Unterach am Attersee. Ihr gepachtetes Haus am See vermieteten sie zunehmend an Urlaubsgäste, fast jeden Sommer durfte ich hier einige Wochen verbringen. Da schwamm ich im Wasser, fuhr manchmal auch mit Dieters Luftmatratze herum. Die Gegend lernte ich mit dem Fahrrad immer besser kennen. Allein ging ich auf den Feuerkogel und fuhr mit der Bahn auf den Schafberg. Tante Rosi fuhr täglich mit dem Moped in die Fabrik zur Arbeit. Amanda hatte nach Bad Ischl geheiratet und hieß nun Kneissl. Mit 17 lernte Dieter in Salzburg den Mechanikerberuf, in die Werkstätte fuhr er werktags mit dem Autobus. Eines Freitags stand der Sportwagen eines anderen Lehrlings mit noch zwei Insassen vor seinem Haus und man lud ihn ein, doch gemeinsam etwas komfortabler nach Salzburg zu fahren. Dieter konnte nicht widerstehen. Hinter einer der Kurven blockierte ein riesiger Lastkraftwagen die Straße, auf den das Kabriolett mit aller Wucht prallte. Drei der Insassen, darunter Dieter, waren sofort tot, der Fahrer benötigte sein Leben lang Krücken.
1976 sah ich Tante Rosi ein letztes Mal, sie stand am Eingangstor des Spitals in Bad Ischl, in dem sie Patientin war. Ich freute mich mit ihr, wenn mir die bisherige Kettenraucherin stolz erklärte, dass sie mit dem Rauchen aufgehört hatte. Doch sie hatte Lungenkrebs im unrettbaren Stadium, und zwei Wochen später erhielt ich die Nachricht von ihrem Tod. Diese Tante war der beste Mensch, den die Familie Domenig-Nasko in ihrer Mitte hatte. Sie hatte eine eigene Meinung, war zielstrebig und herzensgut. Sie diskutierte auch gerne mit mir; über die Mahlzeiten und die Schlafgelegenheit – oft am Dachboden in Gesellschaft von Mardern – hinaus gab sie mir auch Taschengeld; manchmal rückte auch Oma ein paar Schilling heraus. Onkel „Wiegi“ litt mich nur notgedrungen, wie oft hörte ich ihn sagen „ah, der ewige Student ist wieder da!“.
Eltern Josef und Antonia Nasko
Meine Mutter wurde am 17. April 1915 in Klagenfurt geboren. Meinen Vater lernte sie 1933 in Klagenfurt kennen; ein Jahr danach wurde mein Bruder Josef geboren. Der Charakter meines Vaters war ambivalent, eifersüchtig sperrte er seine Braut während ihrer Schwangerschaft in ihrem Zimmer ein. Er selbst aber fuhr mit seinem Rad zum Tanzboden, wo ihn eine andere Liebschaft ungeduldig erwartete. 1936 wurden mein Bruder Theo, 1937 meine Schwester Olga und 1939 mein Bruder Harald geboren. Im Kriegsjahr 1943 waren düstere Wolken über dem dunklen Himmel des „Tausendjährigen Reiches“ aufgezogen. In Casablanca wurde die bedingungslose Kapitulation Deutschlands als Voraussetzung für ein Kriegsende vereinbart. Mit der Kapitulation der 6. Armee in Stalingrad gingen am 3. Februar 91.000 Soldaten in sowjetische Gefangenschaft. Eine Woche nach der Einberufung der erst 15-Jährigen verkündete Propagandaminister Joseph Goebbels am 18. Februar im Berliner Sportpalast den „Totalen Krieg“. Im Haus Hermann-Göring-Allee 62 – sie heißt längst wieder Eggenberger Allee –, in der damaligen „Stadt der Volkserhebung“ Graz, wurde ich am 22. März, es war ein Montag, im Bubenzimmer unserer kleinen Wohnung mit Unterstützung einer Hebamme geboren. Wenige Tage später wurde ich, mit unserer Nachbarin Maria Blaschek als Patin, in der Vinzenzkirche getauft.
UNTER DEN AUGEN DER NAZIS 30 JUDEN BEKOCHT
Fliegerabwehr in Graz (aus Gerhard Jagschitz, Zeitaufnahmen)
Knapp fünf Monate nach meiner Geburt kam es zum ersten US-Bombardement auf Österreich, in 29 Angriffen wurden am 13. August 55.000 Bomben über Wiener Neustadt abgeworfen. Graz mit seinen Rüstungsbetrieben, wie der Steyr Daimler Puch AG, wurde insgesamt 56-mal mit zusammen 29.000 Bomben angegriffen, wobei 1.788 Einwohner ums Leben kamen. Am 20. Juli 1944 gebar meine Mutter in unserer Eggenberger Wohnung ihr sechstes Kind, Herbert.
Aufgrund der Bombengefahr organisierte mein Vater von Radkersburg aus eine Übersiedlung ins weniger gefährdete Südburgenland, in der Nähe seiner Zollstation. Wir wohnten nun in Kalch, dass 780 Einwohner hatte und heute zu Neuhaus gehört. Mein ältester Bruder Josef erinnerte sich später daran: „Im November 1943 sind wir nach Kalch übersiedelt. Wir fuhren nach Jennersdorf und von dort mit Pferdeschlitten nach Kalch. Wir wohnten im Schulhaus von Kalch, es besteht aus einer Wohnung und einem großen Klassenraum. Ungefähr im Herbst 1944 haben die Nazis russische Gefangene ins Schulhaus einquartiert. Im Jänner 1945 haben die Nazis die Russen bei Bauern als Arbeiter untergebracht. Zugleich wurden Juden ins Schulhaus einquartiert. Die russische Armee ist im März 1945 nach Kalch gekommen. Von Februar bis Mai haben Mami und Omama für die Juden gekocht – zum Beispiel Nudeln, die wir von den Zollhäusern gestohlen haben, nachdem die Nazis verschwunden waren. Im Mai sind alle Juden weg gewesen. Im Juni 1945 sind wir wieder nach Graz.“3)
Meine Geschwister besuchten trotz unterschiedlichen Alters eine gemeinsame Schulklasse im fünf Kilometer entfernten Neuhaus. Einmal wurden sie wegen des Besitzes von Märchenbüchern von den Nazilehrern bestraft, man schlug sie mit Ruten auf die Hände und auf das Hinterteil. Der Schulweg führte durch viel Waldgebiet und dauerte eine Dreiviertelstunde lang. Mein damals zehnjähriger Bruder Josef, von uns „Bubi“ genannt, musste zeitweilig auf einem Bauernhof arbeiten. Schließlich wurde er von den Nazis zu Schanzarbeiten gegen die herannahenden Sowjets herangezogen.
Antonia Nasko 1944 mit den Kindern Josef, Harald, Olga und Theo vor der ehemaligen Schule in Kalch
Die Hälfte des Gebäudes stand meiner Familie zur Verfügung, in der zweiten Hälfte war eine Krankenstation mit Stockbetten für rund 30 Juden untergebracht. Da diese von den Nazis am Tag nur mit dem Inhalt einer rosa gestrichenen Milchkanne voller Schweinefutter versorgt wurden, erbarmten sich meine damals 28-jährige Mutter und meine 64-jährige Oma, Emilie Schöffmann. Sie kochten allen Bedrohungen durch die Nazis zum Trotz täglich Kartoffel- und Nudelgerichte, um die kranken Juden am Leben zu halten. Erika Weinzierl stellte in ihrem Buch „Zu wenig Gerechte“ bereits 1969 die generelle Frage, warum sich die Österreicher in dieser Zeit nicht zu Aktionen kollektiver Solidarität, wie etwa die Holländer, zusammengefunden hatten.4) Die NSDAP hatte meiner Mutter zur Haushaltsunterstützung für immerhin neun Personen, wozu auch mein nunmehriger Stiefgroßvater Josef Schöffmann, ein ehemaliger Eisenbahner, gehörte, vorübergehend die Helferin Gretel zur Verfügung gestellt. Zum Haushalt gehörte auch eine schwarze Ziege, die etwas Milch gab.
Im Herbst erkrankte ich an Diphtherie. Um das drei Monate alte Baby Herbert vor Infektion zu schützen, erhielt es vom örtlichen Arzt eine Impfung, die zu stark dosiert war und den Tod meines jüngsten Bruders am 10. Oktober 1944 verursachte. Meine Schwester Olga erinnerte sich noch Jahrzehnte später an die wenigen Menschen, die Herbert in seinem kleinen Sarg durch den Wald zum Friedhof begleiteten. Am offenen Grab warf meine Mutter sämtliche noch vorhandenen Babykleider mit ins Grab; Herbert sollte der letzte bleiben, den sie zur Welt gebracht hatte. Um meinen Vater vor der Einrückung in den Krieg so kurz vor dem Ende zu bewahren, hatte meine Mutter kurz zuvor einen Brief an die NSDAP-Parteikanzlei nach München geschrieben: „Mein Führer, am Tage des Attentats habe ich am 20. Juli 1944 einen strammen Hitlerjungen zur Welt gebracht. Ich bin Mutter von sechs gesunden Kindern. Ich bitte Sie zu sorgen, dass unser Vater lebt und zu Hause bleiben kann. Heil Hitler!“
Wider Erwarten wurde in einem Antwortschreiben von Parteiminister Martin Bormann der Bitte meiner Mutter stattgegeben, mein Vater sollte nicht mehr einberufen werden. Da hatte meine Mutter aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht! Mein Vater hatte sich bereits freiwillig an die Front gemeldet und war eingezogen worden – aber nicht, weil er sich von den „Endsiegern“ mitreißen hätte lassen! Er war irgendwie auch schlau und wusste, wenn die Sowjets Österreich besetzten, würden sie nicht lang herumfackeln und die angetroffenen Männer des bisherigen Feindes erschießen. Um dem zu entgehen, hatte er sich an die Westfront gemeldet. Alles war hier nicht mehr so schlimm, erzählte er später. Immer wieder schilderte er beeindruckt, wie er das erste Mal schwarze US-LKW-Fahrer sah, unvergesslich mit ihren blitzenden Augen und ihren weißen Zähnen.
Mit dem Fahrrad fuhr meine Mutter oft nach Jennersdorf einkaufen. Da sie auf der Rückfahrt immer wieder an streng bewachten marschierenden Judengruppen vorbeifahren musste, blieb sie mitunter stehen, stieg von ihrem Fahrrad ab und verteilte ihren eben erst besorgten Einkauf unter den hungernden Juden. Die Nazisoldaten wollten das nicht dulden, hatten sie doch strengsten Befehl, solche Annäherungen zu verhindern und jede Hilfestellung zu ahnden. Aber meine Mutter war von der Notwendigkeit und Richtigkeit ihres Handelns überzeugt. Sie ließ sich daher nicht einschüchtern, sondern antwortete den Bewachern: „Dann müsst ihr mich schon erschießen!“
Eines späten Nachmittags sah mein Bruder Harald, wie in der Ferne Militärpolizei, sogenannte „Kettenhunde“, auftauchte und auf ihren Beiwagenmaschinen langsam näherkam. „Um uns ist es geschehen, wenn die die Juden sehen!“, dachte Harald. In Windeseile verbarrikadierten meine Mutter und er mit Matratzen den Eingang zum angrenzenden Saal, in dem die kranken Juden lagen. Auch die Juden selbst suchten sie unter Matratzen zu verstecken. Es schien rückblickend wie ein Wunder, dass die beiden Kettenhunde niemanden entdeckten. Nach dem Krieg erhielt meine Mutter einen Brief von einem der von ihr geretteten Juden. Er bedankte sich bei ihr und bestätigte darin ihre Heldentat. Dieser Brief wird wohl bei der Witwe meines 2016 verstorbenen Bruders Josef in Australien sein.
Volksschule in Neuhaus 1944
KINDERLIEBENDE SOWJETS UND ANGST VOR DEM VATER
Als die Sowjets größtenteils zu Pferd die Hänge herab den Ort besetzten, requirierten sie das alte Schulgebäude, vorerst zur Unterbringung von Weißrussen. Diese waren vielfach angetrunken und stachen sich in diesem Zustand gegenseitig ab. Später wurde hier ein Lazarett eingerichtet. Meine Familie wurde von Frau Legenstein in ihrem Haus, das oben am gegenüberliegenden Hang stand, aufgenommen und auch verköstigt. Olgas Puppenwagen, mit dem auch ihre Brüder gerne spielten, musste schließlich gegen Naturalien getauscht werden. Die Sowjets durchsuchten jedes Haus nach deutschen Soldaten. Meine Mutter hatte sich in einem Bett unter Decken verkrochen. Ein Sowjetsoldat stach mit seinem Bajonett routinemäßig hinein und meine Mutter fuhr, wie von der Tarantel gestochen, auf. Der Soldat meinte, sie habe Glück gehabt, meistens würden sie nämlich in solchen Fällen einfach ins Bett schießen. Die Sowjets hatten meinem Stiefgroßvater die Augen verbunden und in seiner Anwesenheit meine Großmutter vergewaltigt. Dieses Schicksal musste auch meine Mutter über sich ergehen lassen. Da die Russen meist kinderliebend waren, zwickte meine Mutter mich, wenn sie mich in ihren Armen hielt, in das Hinterteil. Wenn ich aufschrie, dachte der Russe, er habe mich erschreckt, und entfernte sich manchmal. Als ein attraktiver sowjetischer Offizier auftauchte und sich meiner Mutter annahm, die mit ihm eine echte Beziehung einging, ging es uns eine Zeit lang relativ gut. Der Russe wollte sie mit in seine Heimat nehmen. Aber meine Mutter wollte uns Kinder nicht im Stich lassen. Wahrscheinlich wäre es ihr in Russland besser ergangen, denke ich.
Schwester Olga und Bruder Harald, Mutter Antonia und das Großelternpaar Schöfmann
Im Mai 1945 kehrte die gesamte Familie, mit ein paar Habseligkeiten auf einem Schubkarren, zu Fuß nach Graz zurück. Nichts war damals zu weit oder zu schwer. Wir wohnten zunächst zusammengepfercht in einem direkt von der Straße begehbaren, größeren Zimmer des Gasthauses Roschitz in der Georgigasse. Später erhielten wir die alte Wohnung an der von herrlich großen und sehr alten Platanen gesäumten Eggenberger Allee zurück. Auch in Graz hatten die Sowjets leerstehende Wohnungen besetzt und ausgeräumt. Die Eggenberger Allee war in ihrer gesamten Länge bis vor das Schlosstor mit T-34-Panzern vollgestellt. Für meine Brüder war es richtig cool, von einem Panzer auf den nächsten zu klettern, standen sie doch so nahe hintereinander. In der Weinkellerei Pfrimer vor dem Schloss schossen die Soldaten Löcher in die Fässer und stillten gehörig ihren Durst. Für Ruhe sorgte erst das Auftauchen einer politischen Kommissarin mit lauter, weithin vernehmbarer und drohender Stimme, eine Peitsche und eine Pistole in den Händen.
Im Juli zogen die Sowjets ab und die Engländer kamen. Durch die Kontakte mit den britischen Besatzungssoldaten erhielten wir erstmals Kaugummis, aber auch Orangen, Mandarinen und Datteln. Damals luden die Briten auch zu einer Kinderweihnachtsfeier in die frühere SS-Kaserne in Wetzelsdorf ein, wo es Kakao und Kuchen sowie ein Päckchen zum Mitnehmen gab. Einen starken Eindruck machten die riesigen Lastautos, wenn sie nachts in langer Reihe vollbesetzt mit englischen Soldaten vorbeifuhren. Ich selbst kann mich nicht mehr so genau erinnern, aber Olga erzählte mir viel später, dass sie die folgenden Monate paradiesisch empfunden habe. Alles war ruhig, und obwohl wir nichts hatten als uns selbst, waren wir zufrieden und glücklich. Unsere Mutter backte kleine Kekse als Bonbonersatz für den Christbaum. Im Abfall hatte sie ein paar alte Spielsachen gefunden, wir freuten uns darüber. Sie wusste gleichsam instinktiv, was wir brauchten, ob wir jetzt gesund oder krank waren. Für alles hatte sie ein Mittel. Wie glücklich waren wir doch in dieser vaterlosen Zeit!
Einmarsch sowjetischer Truppen in Graz (aus Portisch, Österreich II)
Als unser Vater aus der US-Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, ging er bei der Ankunft nicht zu den Kindern, um sie einzeln zu begrüßen. Nein, er legte sich ins Schlafzimmer und saß am nächsten Morgen unvermittelt auf einem Sessel in der Küche. Auf seiner Nase saßen sehr merkwürdige Augengläser, die man Zwicker nannte. Es fehlten die Bügel, stattdessen hafteten die ovalen dünnrandigen Gläser auf der Nase. Der Heimkehrer sprach mit niemanden von uns, schaute uns nur unverwandt an und wir bekamen Angst, wir alle. Nur unsere Mama sagte: „Das ist euer Papa!“
KONSERVATIVER VATER, PROGRESSIVE MUTTER
Damals ging es irgendwie allen Bewohnern des zweistöckigen Zinshauses schlecht, sodass wir uns kaum unterschieden. Wir bewohnten drei Räume im Parterre: das Schlafzimmer der Eltern, in dem auch die beiden Großeltern schliefen, die kleine Küche und das kleine Zimmer mit einem alten, aber wärmenden Kachelofen und zwei Betten. In jedem Bett schliefen zwei Brüder, der eine mit dem Kopf nach unten, der andere nach oben. Olga lag auf dem Tisch auf einem etwas härteren Lager. Mein Vater hatte sofort wieder in der Glaserei Veit in der Karl-Morre-Straße zu arbeiten begonnen. Ich konnte es nie verstehen, wie ein erwachsener Mann nach so einer Zäsur, wie es der Zweite Weltkrieg war, wieder dort anfing, wo er zuvor aufgehört hatte. Ihm fehlte der Mut zu etwas Neuem, er war durch und durch konservativ, dem Alten verhaftet. Mit dem wenigen Geld war eine so große Familie schwer zu ernähren. Da war die dänische Butter, die wir vom Pfarramt erhielten, gerade recht. Mein Vater wollte aber auch seinem Dienstgeber sparen helfen und empfahl ihm, keine Sozial- und Pensionsversicherungsbeiträge für ihn abzuführen. Er dachte nie langfristig, sondern nur für den Moment. Als er mit 63 nicht mehr arbeiten konnte und zu Hause blieb, konnte er es nicht fassen, dass er nicht einmal 1.000 Schilling Pension bekam. Jetzt wandte er sich an die Gewerkschaft, die ihm auch zu einem etwas höheren Betrag verhalf, aber sein Leben hatte er nun einmal an die Wand gefahren. Für uns Kinder hatte er, als wir aufwuchsen, nie auch nur einen Schilling erübrigt. Er war zweifellos arm geworden, als in unseren Augen „Herzloser“ erreichte er unser Herz nicht mehr. Einmal hatte sich mein Vater einen Amethyst-Ring gekauft, den er sonntags gerne trug, um damit ein wenig auf sich aufmerksam zu machen. Dieser Ring war eines Tages völlig unvermutet sein Geschenk an mich, ich weiß bis heute den Grund dafür nicht, aber er hat ihn mir gegeben und ich habe ihn bis heute behalten, ohne dass ich ihn je getragen hätte. Von meiner Mutter habe ich die goldene Uhr meines Vaters bekommen, die ich an den ältesten Sohn von Olga Gordon weiterschenkte. Der Arier-Nachweis der Nazis ist das Dokument, in dem unsere Familie zusammengefasst erscheint. Ich gab ihn meinem ältesten Bruder Josef für seine große und Haralds Familie in Australien mit der Auflage, Kopien davon Olga, Theo und mir zu übermitteln. Unsere Mutter war eine sehr einfache Frau, sie hatte aber ein großes Herz, einen Sinn für Gemeinschaft, und sie wusste für jedes Problem Abhilfe. 1951 lag sie längere Zeit im Spital. Die Ärzte hatten eine Fehlgeburt oder Abtreibung vermutet, was unseren Vater zu heftigen Grimassen und schlimmen Bemerkungen bewogen hatte. Tatsächlich litt sie an einem Blinddarmdurchbruch und wäre wegen der langen Unsicherheit der Ärzte beinahe gestorben.
Damals gab es noch keinen Kanal und auch keine Müllabfuhr. Stattdessen kam der von Pferden gezogene „Fasslwagen“ sowie halbjährlich das Mistfuhrwerk. Vor unserem Küchenfenster war eine Mistgrube, in die der Müll und alle Reste geworfen wurden. Das Überraschende für mich war, welch kostbare Schätze ich hier nach dem Krieg ausbuddelte. Da fand ich immer wieder Abzeichen aus der Nazizeit mit Hitlerköpfen, aber auch kleinste Modelle von Waffen, vor allem von Kanonen, Panzern und Flugzeugen. Es war der Müll, den Günthers Opa hier losgeworden war.
Zu Hause spielten wir Kinder gemeinsam „Das Kaufmännische Talent“, ein geografisches Würfelspiel. Wir hatten aber auch einen ganzen Zoo aus bemalten Blechtieren, ich erinnere mich des Weiteren an drei kleine Eisenbahnwagen aus Holz, über die ich mich riesig freute. Irgendwie kam meine Mutter auch zu einem alten, etwas lädierten Dreiradler, den sie in einer Schmiedewerkstatt fahrtüchtig machen ließ. Dieses Gefährt ließ meine Brust kräftig anschwellen.
Mein Wiener Ferienfreund Günther ging werktags in den Kindergarten der Schutzengel-Pfarre. Ich wusste nichts über diesen Garten, bis ich ihn eines Tages dorthin begleiten durfte. Dort waren viele Gleichaltrige, eine Tante führte uns Spiele vor, manche sangen und manche machten Turnübungen. Dann wurde uns eine schöne Geschichte erzählt. Es war traumhaft. Als ich am nächsten Tag wieder an die Tür des Kindergartens klopfte, wurde sie für mich nicht geöffnet. Man erklärte mir, Günthers Eltern zahlten ja das Kindergartengeld, gratis gebe es das leider nicht. Im Hof unseres Wohnhauses hatten wir um die Klopfstange herum eine Theaterbühne gebaut. Als „Theaterdirektor“ übte ich mit Günther und seiner Schwester Hildegard sowie mit den Nachbarskindern Linde Schwarz und Traude Ranner das Stück „Des Kaisers neue Kleider“ ein.
Im Hof unseres Wohnhauses unter der Klopfstange; v. l. n. r.: Herta Luschan, Traude Ranner, Günther Glahs, Nasko, Hildegard Glahs und Linde Schwarz
Der erste Ausflug ins umliegende Hügelland blieb unvergesslich – welche Blumen es dort gab! Manchmal im Sommer gingen wir ins nahe gelegene „Nabelbad“, gefreut haben wir uns immer auf das Kinderfreundefest am 1. Mai mit den zahlreichen Spielstationen. An manchen Sonntagen führte uns unser Vater aus, wir fuhren am Hilmteich oder am Thalersee mit dem Ruderboot und aßen im Restaurant, als wären wir große Leute. Ansonsten war ich häufig mit Gitti, Heribert Temmels jüngerer Schwester, auf Kirtagen in der Umgebung unterwegs. Das tollste Erlebnis aber boten uns die englischen Soldaten, die alljährlich im Eggenberger Stadion einen Zapfenstreich veranstalteten, eine Reitvorführung mit einem Springturnier.
Eine Möglichkeit, Taschengeld zu besorgen, war das Sammeln von Schrott, Kupfer und Altmetall. Mein Freund Fredi Hager erinnert sich, in der früheren Umkleidekabine des Eggenberger Stadions aus der Ruine 30 Kilogramm Altmetall „organisiert“ zu haben, diese wurden mit einem Leiterwagen zum Schrotthändler Worschnigg transportiert, der dafür immerhin ganze 30 Schilling zahlte.
Meine Mutter brach trotz der patriarchalischen Familienstruktur aus dem reinen Hausmütterchen-Dasein aus und nahm eine Arbeit als Bedienerin bei einem Steinmetz in Hauptbahnhofsnähe an, später arbeitete sie bei der Kaffeefirma Hornig. Auch trat sie allem Protest meines Vaters zum Trotz der Gewerkschaft und der SPÖ bei, die ihrer Meinung nach auf der Seite der Benachteiligten standen. Sie wollte keine fundamentale Veränderung. Dennoch denke ich manchmal, ich selbst hätte stärker versuchen müssen, sie in ein größeres Licht zu setzen, war sie doch besonders in den letzten Lebensjahren zu sehr sich alleine überlassen. Der zweitälteste Bruder Theo war durch seine Schizophrenie meist mit sich selbst beschäftigt. Er hörte Stimmen, wurde gefühllos und war nahezu ständig zum Streiten bereit, erinnerte er sich doch an jedes Wort, das wir als Kinder gesprochen und ich längst vergessen hatte. Er misstraute dem Essen meiner Mutter und kochte sich daher selbst meist irgendetwas. Wenn er, wie er es oftmals tat, die Einnahme der Tabletten einstellte, nahm seine Reizbarkeit neuralgisch zu, ja, er wurde aggressiv. Als ich einmal die Polizei ersuchte, ihn ins Spital zu bringen, um ihn medizinisch wieder richtig einzustellen, präsentierte sich Theo der Polizeipsychologin so klug, dass ich als der Böse erschien und er gleichsam logisch als völlig normaler Mitbewohner, der fälschlich beschuldigt wird. Theos Zustand spitzte sich immer mehr zu, sodass er mir bei einem der letzten Besuche tätlich drohte und ich zum gartenseitigen Fenster hinaussteigen musste.
Als ich meine Mutter 1997 nicht mehr telefonisch erreichen konnte, fuhr ich mit dem Wagen nach Graz und traf sie mit furchtbaren Bauchschmerzen in ihrem Bett an. Theo tyrannisierte sie total, sie hatte nichts zu essen, keine Pflege und durfte keinen Kontakt zur Außenwelt unterhalten. Ich mobilisierte meine Schwester Olga, die trotz ihres dauerhaften Aufenthaltes in England ihre österreichische Staatsbürgerschaft behalten hat. Olga rief den Arzt meiner Mutter in Graz an, der unverzüglich ihre Einlieferung ins Landeskrankenhaus veranlasste. Dort scheint man Magenkrebs diagnostiziert zu haben, ohne uns jedoch darüber aufzuklären. Als Mutter entlassen wurde, flog sie nach Sydney, wo sie von der Familie unseres Bruders Josef gepflegt werden sollte. Josef räumte zuvor alle Kredenzen aus und nahm sämtliche Andenken und Wertgegenstände mit nach Australien. Theo scheint es langsam gedämmert zu haben, was er mit seinen Aggressionen angerichtet hatte. Geholfen hat es nicht mehr, starb doch unsere Mutter nur zwei Wochen nach ihrer Ankunft Ende Juli 1997. Josef brachte ihre Urne im Flugzeug zurück nach Graz, wo wir sie gemeinsam am Zentralfriedhof beisetzten.
ZWISCHEN JÄGERSTEIG UND THALERSEE
Im September 1949 war Schulbeginn und ich kam in die erste Volksschulklasse der Hasnerschule, die sich im Parterre des Gebäudes befand. Als Klassenlehrerin hatte ich Frau Thirkan, eine ältere Dame mit schon grauen Dauerwellen. Manchmal kamen auch Aushilfslehrerinnen von den Schulschwestern, die sehr lieb waren und Abwechslung in den Schulbetrieb brachten. Hier gab es auch einen unglaublich gut gekochten breiigen Kakao, den die englische Besatzungsmacht manchmal spendierte. An der Stirnwand der Klasse hing das Bild des Bundespräsidenten Karl Renner, eines alten Herrn mit Brillengläsern und Spitzbart. Als wir nach den Weihnachtsferien nach Neujahr wieder in die Klasse kamen, hatte man um die rechte untere Bildecke einen schwarzen Trauerflor angebracht. Direktor Posawitz war ein großer, bauchgefüllter Herr, den wir alle ein wenig fürchteten. Wenn wir undiszipliniert waren, rief uns der Direktor nämlich in seine Kanzlei, sagte ein paar ermahnende Worte und züchtigte uns mit einer Reitgerte.
In der zweiten Klasse war Frau Rosegger von mir und meinem Hausnachbarn Helmut Demschar sehr eingenommen. Sie zog uns heran, wenn sie etwas vorlesen ließ, auch wenn etwas zu demonstrieren war, wählte sie einen von uns aus. Leider zog Helmut am Ende des Schuljahres nach Lend und kam in eine andere Schule. Mit ihm und seinem älteren Cousin Siegfried Schwarz war ich viel zusammen gewesen, gemeinsam waren wir auch nachts oft durch die nahen Wälder gestreift, wobei Sigi uns manches über Lianen und Eulen erzählt hatte. Während Sigi später in die Schweiz ging, wurde Helmut ein prominenter Schilehrer in den USA. Damals waren wir auch häufig zum Thalersee schwimmen und sonnen gegangen, manchmal fischten wir mit bloßen Händen in der Schleuse und nahmen die Karpfen dann mit nach Hause.
In der dritten Volksschulklasse war die dunkelblonde, sehr attraktive, fast immer gesichtsbraune Frau Trummer unsere Klassenlehrerin. In der vierten Volksschulklasse unterrichtete uns Frau Hojer, ein Hausfrauentyp. Nie vergessen werde ich unseren Ausflug auf den Jägersteig zum Steinbruch. Eine riesige Stein- und Felswand ragte mitten im Wald auf, man konnte am Rand hinaufsteigen. Das Verhängnis nahm seinen Lauf, als sich Steine lösten und nach unten sausten. Wir hörten einen Schrei und schauten gebannt hinunter auf unseren Mitschüler Helmut Jesoschek, den ich seit dem Vortag näher kannte. Er lag regungslos zwischen den riesigen Farnblättern und wir wussten nicht, wie wir helfen hätten können. Nach einer Weile stand Helmut aus eigener Kraft wieder auf und ging, von zwei seiner Kollegen unter den Schultern gestützt, langsam den Weg bis zurück in seine Wohnung in der Eggenberger Rochelgasse. Statt ihn gleich ins Spital zu bringen, beließ man ihn zu Hause, wo sich sein Zustand nachts rapid verschlechterte. Als die Rettung eintraf, konnte nur noch der Tod konstatiert werden. Erst ein paar Tage zuvor hatte ich mit Helmut Freundschaft geschlossen, wir verstanden uns auf Anhieb gut, und jetzt war ich wieder alleine.
Zwischen 13 und 17 verbrachte ich viel Zeit am Steinfeldfriedhof. Ich schritt die zahlreichen Gräber und Grüfte ab und vertiefte mich in die Namen auf Kreuzen und Grabsteinen. Wann immer vom Wohnhaus jemand starb, nahm ich am Begräbnis teil, manchmal auch als Ministrant, da ging es sogar in einer schwarzen Kutsche mit sichtbarem Sarg durch die Straßen. Sehr betroffen waren alle, als das junge Liebespaar Hermann Lorber, der so alt wie mein Bruder Josef war, und
Mit Hildegard Glahs im Göstinger Garten
Dieti Fischer, die mit Olga die Schulbank drückte, mit einem Motorroller auf ein stehendes Auto prallte; die beiden waren sofort tot. Ich werde die so kleinen Gesichter der beiden bei der Aufbahrung wohl nie vergessen.
Da der Tod mir als etwas erschien, das keine Angst mehr zuließ, bereitete er mir weniger Furcht, ja er zog mich sogar irgendwie an. Die schwarzen Bestattungswagen, die schwarz gekleideten Trauergäste, der schwarze Ornat der Geistlichkeit markierten unwiderruflich die Grenze zwischen Berührung und Leblosigkeit. War es erstrebenswert, um das Leben zu laufen, wenn einem der Tod auf den Fersen war? Irgendwie fühlte ich die Majestät des Todes, die kein bloßer Totenkopf je zum Ausdruck bringen kann. Requien sind das letzte Theater, das wir Verstorbenen aufführen. Im Gesang dabei kann das Göttliche sich manchmal ein wenig zeigen. Man riecht den Tod auch, wenn der Mesner das Weihrauchfass schwingt.
HAUPTSCHULZEIT IN ALGERSDORF
Von 1953 bis 1957 besuchte ich in den oberen Geschoßen der Hasner-Schule die Hauptschule. Als Klassenvorstand hatten wir einen leibhaftigen „Dr.“ namens Wilhelm Adam. Er soll unter den Nazis nicht nur Mitläufer gewesen sein, deshalb durfte er nicht mehr am Gymnasium unterrichten. Adam war daher ein für eine Hauptschule ungewöhnlich versierter Lehrer. Da wir ihn auch in Geografie hatten, demonstrierte er uns an Hand von Eisengestängen den Äquator und die Gestirne. Jedes Mal fürchtete ich in solchen Stunden, er könnte mich darüber etwas fragen.
Als Haidinger und ich ihm eines Tages berichteten, wir hätten von der Konditorei Bauer aus in der Nähe der Vinzenz
