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Der Sophienlust Bestseller darf als ein Höhepunkt dieser Erfolgsserie angesehen werden. Denise von Schoenecker ist eine Heldinnenfigur, die in diesen schönen Romanen so richtig zum Leben erwacht. Das Kinderheim Sophienlust erfreut sich einer großen Beliebtheit und weist in den verschiedenen Ausgaben der Serie auf einen langen Erfolgsweg zurück. Denise von Schoenecker verwaltet das Erbe ihres Sohnes Nick, dem später einmal, mit Erreichen seiner Volljährigkeit, das Kinderheim Sophienlust gehören wird. »Daddy, wohin fährst du?«, fragte Tom Ross. Erstaunt hatte er festgestellt, dass sein Vater die Autobahn verlassen hatte. Er beugte sich vor und entnahm dem Handschuhfach die Autokarte. Nachdem er sie aufgeschlagen und gründlich studiert hatte, stellte er fest: »Wir sind doch noch lange nicht am Rhein.« »Ich weiß.« Erstaunt hob der Zwölfjährige den Kopf. Warum war sein Vater so kurz angebunden? Jack Ross räusperte sich. Wie sollte er seinem Sohn sagen, was er vorhatte? »Der Rhein läuft uns nicht davon«, erklärte er schließlich und begann zu pfeifen. Toms Erstaunen wuchs. »Ich dachte, wir hätten nicht viel Zeit? Du musst doch noch nach Paris und London.« »Stimmt«, gab Jack Ross, der Manager aus Amerika, kurz angebunden zu. Mit gerunzelter Stirn sah Tom erneut auf die Landkarte. Was wollte sein Vater in dieser Gegend? »Maibach«
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Seitenzahl: 141
Veröffentlichungsjahr: 2026
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»Daddy, wohin fährst du?«, fragte Tom Ross. Erstaunt hatte er festgestellt, dass sein Vater die Autobahn verlassen hatte. Er beugte sich vor und entnahm dem Handschuhfach die Autokarte. Nachdem er sie aufgeschlagen und gründlich studiert hatte, stellte er fest: »Wir sind doch noch lange nicht am Rhein.«
»Ich weiß.«
Erstaunt hob der Zwölfjährige den Kopf. Warum war sein Vater so kurz angebunden?
Jack Ross räusperte sich. Wie sollte er seinem Sohn sagen, was er vorhatte?
»Der Rhein läuft uns nicht davon«, erklärte er schließlich und begann zu pfeifen.
Toms Erstaunen wuchs. »Ich dachte, wir hätten nicht viel Zeit? Du musst doch noch nach Paris und London.«
»Stimmt«, gab Jack Ross, der Manager aus Amerika, kurz angebunden zu.
Mit gerunzelter Stirn sah Tom erneut auf die Landkarte. Was wollte sein Vater in dieser Gegend?
»Maibach«, buchstabierte der Junge halblaut. Dann hob er erneut den Kopf. »Du fährst in Richtung Maibach. Gibt es in dieser Stadt etwas Interessantes?«
»Soweit ich mich erinnern kann, ist es ein nettes kleines Städtchen. Es gibt dort viele Fachwerkhäuser.«
»Fachwerkhäuser«, wiederholte Tom erstaunt. Als amerikanischer Junge konnte er mit diesem Wort nichts anfangen.
Umständlich erklärte sein Vater ihm, was dieser Begriff bedeutete.
Tom schüttelte den Kopf. »So etwas interessiert dich?«, fragte er verwundert. »Wir wollten uns doch Hamburg ansehen.«
»Das können wir immer noch tun«, erklärte Jack Ross. Obwohl nicht viel Verkehr herrschte, sah er stur geradeaus.
»Daddy!« Langsam wurde Tom ungeduldig. »Du vergisst, dass wir einen genauen Zeitplan aufgestellt haben. Oder willst du länger in Europa bleiben?«
»Das wird kaum möglich sein«, brummte Jack Ross.
»Aber …«, begann Tom erneut.
Er verstand seinen Vater immer weniger.
»Wir bleiben nicht lange hier. Sagen wir, wir machen nur eine kleine Rundfahrt durch dieses Städtchen. Es ist ja nicht groß.« Jack Ross wurde immer unsicherer.
Tom, der ein kameradschaftliches Verhältnis zu seinem Vater hatte, sah es und konnte nicht länger an sich halten.
»Es wird Zeit, dass du mir den Grund sagst«, forderte er.
»Grund …« Offensichtlich verlegen, fuhr Jack Ross sich durch das Haar. Dann verlangsamte er das Tempo. »Es gibt eigentlich keinen bestimmten Grund, außer, dass ich …« Er brach ab.
»Kennst du Maibach?«, fragte Tom misstrauisch. »Ich dachte, du warst damals nur in München und Hamburg?«
»Ich war nur kurz in Maibach. Ein Freund nahm mich mit«, wich der Manager aus.
Tom begriff wohl, dass sein Vater nicht darüber sprechen wollte, doch jetzt war seine Neugierde geweckt. Er dachte nicht daran, aufzugeben.
»Willst du in dieser Stadt etwas Bestimmtes ansehen?«, fragte er und beobachtete seinen Vater scharf. So entging ihm nicht, dass diese Frage seinem Vater unangenehm war.
Tom verbiss sich ein Grinsen. Mit seinen zwölf Jahren verfügte er über eine rege Fantasie. »Warst du noch Junggeselle, als du hier warst?«, fragte er anzüglich.
»Ja«, antwortete Jack Ross kurz und dachte daran, dass es wirklich an der Zeit war, mit seinem Sohn über alles zu sprechen.
»War sie nett?« Tom lachte und stieß seinen Vater an. »Ich bin kein kleines Kind mehr, Daddy. Mit mir kannst du schon von Mann zu Mann sprechen.«
»Wie?« Jack Ross schreckte aus seinen Gedanken auf. »Wen meinst du?«
»Na, die Frau, die du hier kennengelernt hast. Ich habe auch schon daran gedacht, einmal eine Deutsche zu heiraten.«
Jack konnte nicht anders, er musste lächeln. »Du hast aber noch reichlich Zeit.«
»Ich finde, die deutschen Frauen sind schick«, fuhr Tom fort. »Du musst mir von ihnen erzählen.«
»In sechs, sieben Jahren vielleicht.« Jack schmunzelte.
Tom seufzte abgrundtief, dann schmeichelte er: »Vielleicht verrätst du mir aber inzwischen, wie die Dame war, die du damals in dieser Stadt kennengelernt hast.«
Schlagartig wurde Jack Ross wieder ernst. »Es war deine Mama«, sagte er.
»Was? Mama hat hier gelebt?« Interessiert sah Tom aus dem Autofenster. »Du hast sie hier kennengelernt? Toll!« Er konnte sich kaum fassen. »Daddy, erzähle doch! Haben wir hier Verwandte?«
Als die Antwort ausblieb, wandte Tom sich erneut seinem Vater zu. »Warum sagst du mir das erst jetzt? Mensch, bin ich aufgeregt!«
»Warum denn? So aufregend ist diese Stadt nun wirklich auch wieder nicht.«
»Aber die Verwandten!« Der sonst so ruhige Junge zappelte nun aufgeregt auf dem Sitz hin und her. »Sind es viele? Wie muss ich zu ihnen sagen?«
Jack Ross fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. »Ich weiß es nicht«, sagte er.
»Was weißt du nicht? Daddy, warum tust du so geheimnisvoll?«
Jack Ross lenkte den Mietwagen an den Straßenrand und hielt an.
»Es wird besser sein, wir drehen um. In Maibach gibt es nichts Interessantes zu sehen. Es war dumm von mir, von der Autobahn abzufahren. Wenn wir uns beeilen, dann können wir zu Mittag doch noch in Mainz sein.« Jack Ross sprach jetzt sehr schnell. »Wir essen dort zu Mittag und fahren dann den Vater Rhein entlang. Das wird dir sicher gefallen.«
Tom erwiderte nichts. Er sah seinen Vater nur verständnislos an.
Schließlich senkte Jack den Blick. »Wir haben doch sehr viel über den Rhein gelesen. Erinnerst du dich noch an die Sage von der Loreley?«
»Natürlich.« Auch Toms Jungengesicht war nun ganz ernst. »Daddy, was ist eigentlich los? Komisch, wir haben nie über Mamas Verwandte gesprochen. Bitte, erzähle mir von ihnen.«
»Tom, das kann ich nicht.« Jack Ross lehnte sich in seinem Sitz zurück und sah auf seine Hände, die er auf seine Knie gelegt hatte. »Ich habe deine Mutter hier kennengelernt. Ich war damals für einige Monate in Europa, hatte mein Studium noch nicht abgeschlossen und trampte während des Sommers durch dieses Land.« Sinnend sah er vor sich hin.
Tom sah seinen Vater an. Er wagte es nicht, ihn in seinen Gedanken zu stören.
Nach einiger Zeit fuhr Jack Ross fort: »Damals fand ich Maibach sehr reizvoll. Wahrscheinlich war es aber nur die Gegenwart deiner Mutter, die mich alles mit anderen Augen sehen ließ. Jedenfalls waren es herrliche Tage, die ich hier verlebte.«
Jack Ross richtete sich auf, fuhr fort: »So, jetzt weißt du, warum ich plötzlich von der Autobahn abgebogen bin. Es war dumm von mir. Ich würde mich jetzt in dieser Stadt sicher nicht mehr zurechtfinden. Es ist besser, wir drehen um.« Er griff nach dem Zündschlüssel.
»Bitte nicht, Daddy.« Hastig legte Tom seine Hand auf den Arm des Vaters. »Ich möchte sehen, wo Mama gelebt hat. Ich kann mich überhaupt nicht an sie erinnern.«
»Das ist kein Wunder, du warst ja noch keine drei Jahre alt, als wir plötzlich allein waren.« Liebevoll sah Jack seinen Sohn an.
»Hm!« Tom bemühte sich, einen klaren Gedanken zu fassen. Es war eigenartig für ihn, plötzlich etwas über seine Mutter zu erfahren. »Ich habe wohl gewusst, dass Mama Deutsche war, aber ich habe nie darüber nachgedacht.« Fragend sah er seinen Vater an. »Warum eigentlich nicht?«
»Weil ich mit dir nie über deine Mutter gesprochen habe«, antwortete Jack Ross wahrheitsgemäß.
Mit gerunzelter Stirn nickte Tom. Dann schmiegte er sich blitzschnell an seinen Vater.
»Ich habe meine Mama nie vermisst. Du warst ja immer für mich da.« Plötzlich war ein Brennen und Würgen in seiner Kehle. »Daddy, du bist mein ein …«
Auch Jack Ross konnte vor Rührung kaum sprechen. Seine Hand wühlte in dem blonden Haarschopf seines Sohnes.
»Lass es gut sein, Tom. Wir hatten bisher eine schöne Zeit miteinander. So soll es bleiben.«
»Ja, Daddy, so soll es bleiben«, wiederholte Tom feierlich, dann fuhr er sich über die Augen und schnäuzte sich heftig in sein Taschentuch.
»Nicht mehr lange, mein Sohn, und du bist erwachsen«, sagte Jack. Ganz war er seiner Rührung noch nicht Herr geworden.
»Das hat noch Zeit«, murmelte Tom und machte eine abwehrende Bewegung. So gern er sonst seine Nase in alles steckte und vom Vater für voll genommen werden wollte, jetzt gefiel ihm der Gedanke ganz und gar nicht. »Ich glaube, ich werde immer bei dir bleiben«, fügte er daher rasch hinzu. »Unser Haus ist groß, und was würdest du ohne mich machen?«
»Tom, das ist ein Wort!« Jack Ross lachte.
Misstrauisch sah der Zwölfjährige ihm ins Gesicht. Machte Daddy sich etwa über ihn lustig? »Sag einmal«, fragte er, »warum hast du nicht wieder geheiratet? Mama ist doch schon lange tot.«
Abrupt wandte der große, breitschultrige Mann sich ab. »Es hat sich einfach nicht ergeben«, murmelte er, während er am Zündschloss herumfingerte.
Tom ließ sich jedoch nicht mehr täuschen. Er sprach das aus, was er dachte: »Da stimmt doch etwas nicht. Haben es Mamas Verwandte nicht erlaubt?«
»Ich kenne Mamas Verwandte gar nicht«, sagte Jack Ross und fuhr an. Er fuhr in die nächste Einfahrt, um das Auto zu wenden.
Da protestierte Tom jedoch lautstark. »Ich will nach Maibach. Wir wollen nachsehen, ob Mama hier Verwandte hat. Du musst mir erzählen, wo du sie getroffen hast, wie alles war.«
Die Worte sprudelten nur so aus Toms Mund.
Jack seufzte. »Es gibt nicht viel zu erzählen. Ich war ja nicht lange in dieser Stadt.«
»Jedenfalls lange genug, um dich in Mama zu verlieben und sie mit nach Amerika zu nehmen«, beharrte Tom. Interessiert sah er wieder aus dem Autofenster, weil er an einem Wegweiser erkannt hatte, dass sie sich der Kreisstadt näherten. Dadurch entging ihm aber, dass es schmerzlich um die Mundwinkel seines Vaters zuckte.
Gleich darauf forderte der Junge: »Daddy, fahr doch schneller. Ich bin schon sehr neugierig.«
»Wohin soll ich denn fahren?«
»Natürlich in die Stadt hinein.« Tom schüttelte den Kopf.
»Wenn du meinst …« Jack trat auf das Gaspedal. »Es hat sich hier einiges verändert. Die großen Wohnblöcke gab es damals noch nicht«, stellte er fest, als sie den Stadtrand erreicht hatten.
»Das ist doch selbstverständlich. Gebaut wird überall«, sagte Tom in überheblichem Ton und renkte sich fast den Hals aus. »Es scheint aber wirklich ein nettes Städtchen zu sein. Sieh nur die vielen Holzverzierungen«, meinte er gleich darauf begeistert.
»Das sind die Fachwerkhäuser, und wir sind bereits am Marktplatz«, erklärte Jack. Er fuhr einmal um den Platz herum. »So, das wäre es. Zum Essen ist es noch zu früh. Also fahren wir zur Autobahn zurück.«
»Das kommt überhaupt nicht infrage«, protestierte Tom sofort. »Schnell, Daddy, dort ist eine Parklücke.«
Wieder gab Jack dem Willen seines Sohnes nach. »Und was nun?«, fragte er, nachdem er geparkt hatte.
»Das fragst du noch?« Tom schüttelte erneut den Kopf. »Jetzt gehen wir zu dem Haus, aus dem du Mama damals abgeholt hast.«
»Da muss ich dich enttäuschen, mein Sohn. Ich habe Mama nie von zu Hause abgeholt. Ich habe mich mit ihr immer irgendwo getroffen. Außerdem war ich, wie ich schon sagte, nur wenige Tage hier.«
Toms Gesicht war ein einziges Fragezeichen.
Ein versonnenes Lächeln trat jetzt auf Jacks Gesicht. Er hatte nicht gelogen. Er hatte hier wirklich wunderschöne Tage verlebt. Aber dann hatte er gehen müssen. Doch in Hamburg war er Erika wieder begegnet. Sie hatte von Amerika geschwärmt, und so hatten sie die Überfahrt zusammen gemacht.
Plötzlich hatte Jack das Gefühl, dies alles wäre erst gestern gewesen. Deutlich sah er Erikas Gesicht wieder vor sich, wurde hart und kalt.
Jack spürte die Hand seines Sohnes auf seinem Arm und zuckte zusammen.
»Hast du jetzt an Mama gedacht?«, fragte Tom leise. »Sie ist nun schon fast zehn Jahre tot.«
Jack Ross atmete tief durch. Dann sagte er: »Deine Mutter ist nicht tot. Sie hat mich verlassen.«
*
»Daddy, Daddy!« Mit hochrotem Kopf kam Tom in das Maibacher Hotelzimmer gestürmt.
Jack Ross sah hoch. Sein Herz begann schneller zu schlagen. Hatte sein Sohn etwas herausgefunden?
Tom ließ sich aufs Bett fallen. »Ich weiß, was wir machen. Ich bleibe hier, während du nach Paris fährst.«
»Ausgeschlossen«, erwiderte Jack Ross. »Wie stellst du dir das vor?«
»Ich bleibe hier«, wiederholte Tom nochmals.
Jack schüttelte den Kopf. Was war nur in seinen Sohn gefahren? Scharf sagte er: »Du bist alt genug, um zu begreifen, dass das nicht geht. Ohne elterliche Aufsicht kannst du nicht in einem Hotel wohnen.« Mit beiden Händen fuhr er sich durch die Haare.
»Wer spricht denn von einem Hotel?« Tom reckte sich, grinste lausbubenhaft. »Ich weiß etwas viel Besseres.«
Jack fragte nicht, was das war. Er ging durch den Raum und stellte sich ans Fenster. Warum nur war er hierhergekommen? Wollte er Erika tatsächlich finden? Liebte er sie noch? Hatte er sie je geliebt? Das waren viele Fragen. Er konnte sie nicht beantworten.
»Daddy, nun sind wir einmal hier«, versuchte Tom seinen Vater zu überzeugen. »Es wird wirklich Zeit, dass du erfährst, was mit Mama los ist. Ich begreife nicht, dass du dich nicht früher darum gekümmert hast.«
Langsam drehte sich Jack zu seinem Sohn um. Wie sollte er ihm das erklären, was er selbst nicht verstand? Zuerst hatte er nicht glauben können, dass Erika ihn wirklich verlassen hatte. Noch nach einem halben Jahr hatte er damit gerechnet, dass sie zu ihm zurückkehren würde. Da war auch die Enttäuschung gewesen. Niemals hätte er es für möglich gehalten, dass sie ihn und ihren Sohn würde verlassen können, auch wenn sie bereits nach einem Jahr damit gedroht hatte. Die Zeit war vergangen, und er hatte darauf gewartet, wenigstens ein Lebenszeichen von ihr zu erhalten. War es ihr wirklich gleichgültig, wie es ihm und ihrem Sohn ging? Als Tom in die Schule gekommen war, hatte er ihm gesagt, dass seine Mutter tot sei. Er hatte fast selber daran geglaubt, hatte nur für Tom und seine Arbeit gelebt.
»Daddy, du hast Mama doch geliebt?« Fast flehentlich sah Tom seinen Vater an.
Jack nickte. Er ging auf seinen Sohn zu und legte ihm den Arm um die Schultern.
»Wir waren zu verschieden, deine Mutter und ich. Und wir waren beide noch jung. Wahrscheinlich hatte deine Mutter auch ganz andere Vorstellungen. Sie wollte leben, wollte etwas erleben. Ich war nur darauf aus, ihr und dir ein schönes Heim zu bieten. Tom, das liegt alles schon lange zurück.«
Ernst nickte Tom. Er versuchte, seinen Vater zu verstehen, auch wenn es ihm nicht ganz gelang.
»War … ist Mama schön?«, fragte er nach einiger Zeit zaghaft.
»Ja.« Wieder sah Jack über seinen Sohn hinweg. Erika war nicht nur schön, sie war auch sehr zärtlich und anschmiegsam gewesen. Das erste Jahr hatte er geglaubt, restlos glücklich zu sein. Doch bald hatte er gemerkt, dass Erika nicht glücklich gewesen war. Er hatte ihre Erwartungen nicht erfüllt.
»Daddy, wir wollen sie suchen.«
»Du hast recht, ich werde eine Detektei damit beauftragen.« Ein entschlossener Zug trat in Jacks Gesicht. Jetzt war er froh, dass er mit Tom über alles gesprochen hatte. Es war wirklich höchste Zeit, dass diese Angelegenheit geklärt wurde.
»Nein, Daddy! Wir können doch selbst Nachforschungen anstellen.« Toms Wangen färbten sich vor Aufregung. »Hier finden wir sicher Leute, die Mama gekannt haben.« Da sein Vater nicht sofort antwortete, fuhr er fort: »Mama muss doch Freunde gehabt haben. Gestern hast du noch gesagt, dass du glaubst, Mama sei nach Europa zurückgekehrt. Da hat sie sich sicher mit ihren Freunden und Verwandten in Verbindung gesetzt.«
»Wahrscheinlich«, gab Jack zu. Er entfernte ein unsichtbares Stäubchen von seiner Hose, dann setzte er sich auf den Bettrand. Eine Schwäche überkam ihn. Vielleicht lebte Erika wirklich hier in dieser Stadt? Seine Lippen pressten sich zusammen. Dieser Gedanke erregte ihn mehr, als er zugeben wollte.
»Ich glaube, Tom, es war ein Fehler hierherzukommen. Wenn es deine Mutter gewollt hätte, dann hätte sie schon längst Verbindung mit uns aufgenommen.«
Tom senkte den Blick, nagte an seiner Unterlippe. Er musste zugeben, dass sein Vater recht hatte, aber trotzdem verstand er es nicht.
»Du hast doch gesagt, dass meine Mama lieb war. Natürlich war sie lieb«, sprach er rasch weiter, ehe sein Vater etwas sagen konnte. »Sonst hättest du sie ja nicht geheiratet.«
Jack nickte. Er sah, dass sich die Miene seines Sohnes erhellte.
»Daddy, ich bin sicher, Mama hat einfach keine Gelegenheit gehabt, sich mit dir in Verbindung zu setzen. Vielleicht sind auch die Briefe verloren gegangen.« Tom redete sich immer mehr in Eifer. »Es kann eine ganze Menge passiert sein. Mama wird es uns schon erklären können.«
Jack sah seinen Sohn fassungslos an. »Tom, das alles ist so lange her«, begann er. Der Eifer seines Sohnes tat ihm weh. »Wir haben die ganzen Jahre ohne deine Mutter gelebt …«
Tom unterbrach ihn ungeduldig: »Das weiß ich doch. Ich habe auch nie an Mama gedacht. Doch nun sieht alles ganz anders aus. Es wäre doch prima, wenn ich auch eine Mama hätte.«
Jack wandte sich abrupt ab.
»Daddy!« Tom drängte sich an seinen Vater. Er, der sonst kein besonders zärtliches Kind war, strich nun über Jacks Wangen. »Du musst nicht eifersüchtig sein. Eine Mama würde ich nie so lieb haben wie dich.« Er überlegte kurz, dann fuhr er fort: »Du musst doch zugeben, dass eine Mama auch Vorteile hätte. Wir könnten dann auf Lydia verzichten. Du weißt ja nicht, wie sie mir auf die Nerven fällt.«
Unwillkürlich verzogen sich Jacks Lippen zu einem Lächeln. Tom hatte nicht so unrecht. Ihre Haushälterin hatte sich in letzter Zeit zu einem wahren Haustyrannen entwickelt.
