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Der Roman beschreibt das Leben des Singles Alexander, der in einer 2-Zimmer-Wohnung vor den Toren Münchens lebt. Alexander leidet sehr unter der Trennung von seiner Frau Rosemarie.. Mit aller Kraft versucht er, dem ungeliebten Single-Dasein zu entrinnen und wieder eine ernsthafte Beziehung aufzubauen. Er trifft unzählige Frauen, hat auch manche Affäre. Er gründet Freizeit-Clubs, die vor historischer Kulisse im Ratskeller am Marienplatz ihren Stammtisch abhalten. Alexander unternimmt spannende Reisen mit Freunden, tobt in gewaltigen Meeresbrandungen und stürzt sich vom 10-Meter-Turm. Immer mehr entfernt er sich von seinem spießigen Traum vom braven Partner und Ehemann. Als er schon nicht mehr daran glaubt, findet er doch die Richtige und wird in reifem Alter sogar noch Vater...
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Seitenzahl: 421
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 47
Kapitel 47
Kapitel 47
Kapitel 48
EPILOG
Es war einer jener traumhaften Tage, wie sie nur Freunde des Winters liebten.
Die Sonne schien aus einem stahlblauen Himmel. In diesen ersten Tagen des Jahres stand sie sehr tief, tauchte die ganze Szenerie in ein scharfes, farbiges Licht. Die beträchtliche Kälte sorgte dafür, dass ein leichter Frühdunst mit den Sonnenstrahlen rang und dem Gesamtbild eine feine Pastellnote verlieh. Alexander Schreier betrat das Terminal I des großen Flughafens. Sein erster Blick wanderte zum Tableau mit den Departures.
.
Der Flug nach München war pünktlich für 10:40 Uhr aufgerufen.
Ja, er flog nach München. Für viele die Traumstadt in Deutschland. Für Alexander früher auch.
Aber München galt auch als die Hauptstadt der Singles. Und Alexander war vor einem Jahr auch Single geworden. Single wider Willen. Jetzt – hier am Flughafen – überkam ihn wieder dieses seltsame Gefühl der Sinnlosigkeit. Es war irgendwie sinnlos, jetzt nach München zu fliegen. Was erwartete ihn dort? Eine recht große Wohnung, für ihn nun z u groß. Eine süße dreifarbige Glückskatze; sie hieß Lisa. Ein Job, den er vor wenigen Tagen hingeworfen hatte nach allen privaten Turbulenzen der letzten Monate. Und sonst? Ein unübersichtliches Sammelsurium neuer Bekanntschaften. Und weiter nichts. Ja – Alexander reiste ins Nichts. Die ganze Situation drückte um so mehr, da Alexander beim Einchecken umgeben war von gut gelaunten Urlaubern, die aus der ungemütlichen Heimat in sonnigere Gefilde flohen, um dort entspannende Tage zu verbringen. Aber schon übermorgen würde Alexander ja auch in die Sonne reisen.
Aber wie? Wieder allein.
Der Flug verlief problemlos, und am frühen Nachmittag war Alexander in seiner Wohnung in einem Nobelort am südwestlichen Rand Münchens angekommen. Lisa begrüßte ihn voller Inbrunst. Während seiner Abwesenheit wurde sie immer von seinem Nachbarn Günter betreut. Er war Katzenliebhaber und kümmerte sich rührend um das Tier. Lisa war fast die ganze Zeit allein und freute sich tierisch auf Alexanders Rückkehr.
Trotzdem brach die Einsamkeit, das Fehlen eines vertrauten menschlichen Wesens brachial über Alexander herein. Die Wände schwiegen ihn an, die Kühle aus den Tagen seiner Abwesenheit ohne Beheizung verstärkte das traurige Gesamtbild. Alexander fühlte sich verloren, er hatte hier nichts mehr zu suchen – und schon gar nichts mehr zu finden. Wie anders war es bis vor etwa einem Jahr gewesen, als er hier mit Rosemarie eine – davon war er felsenfest überzeugt gewesen und war es auch noch jetzt – glückliche und harmonische Beziehung voller Wärme, Aufmerksamkeit und Zuwendung geführt hatte!
Aber Alexander war ein disziplinierter Mensch. Trotz seiner Traurigkeit, ja Niedergeschlagenheit widmete er sich der angefallenen Büroarbeit und bearbeitete die Post der letzten Tage. Plötzlich – oder endlich – schellte das Telefon. Waltraud wollte sich vergewissern, dass er wieder zuhause war. Sie war die treue Seele unter seinen neuen Bekanntschaften – wenig ansehnlich, auf Grund ihrer geringen Leistungsfähigkeit mit wenig Selbstbewusstsein ausgestattet, aber von recht unkompliziertem Charakter. Kurz nachdem er sie kennengelernt hatte, ließ sich Alexander sogar auf eine kurze Affäre mit ihr ein. Eine ernsthafte Beziehung stand für ihn aber nie zur Diskussion, das wäre angesichts Waltrauds Unpünktlichkeit und sonstiger Beeinträchtigungen eine Art Selbstzerstörung gewesen. Dabei wünschte er sich doch so sehr, nicht länger allein zu leben. Nun – Waltraud und er hatten es geschafft, eine kameradschaftliche Beziehung zueinander aufzubauen. Sex war kein Thema mehr, aber man telefonierte und traf sich regelmäßig, einfach um nicht allein zu sein.
„Wie war´s bei deinen Eltern?“-„Soweit okay, wir haben uns unterhalten, Autotouren am Niederrhein gemacht und sind essen gegangen.“-„Sollen wir in den nächsten Tagen etwas unternehmen?“-
„Ja, können wir gern machen.“ Alexander atmete auf. Die Begegnungen mit Waltraud regten ihn nicht sonderlich an, die Gespräche blieben an der Oberfläche und verliefen immer nach dem gleichen Strickmuster. Manchmal dachte Alexander, diese platonische Beziehung könnte für Waltraud womöglich eine Zumutung sein, sie hegte seit letztem Jahr vermutlich noch stärkere Gefühle für ihn und konnte mit der jetzigen Situation nicht zufrieden sein.
Jede Begegnung mit anderen kam für Alexander einer Art Rettung gleich. Es war für ihn wie ein Strohhalm, der ihn für einige Stunden davor bewahrte; in dieser Wohnung allein und sich selbst überlassen zu sein.
Kaum hatte er das Telefonat mit Waltraud beendet, klingelte es an der Haustür. Alexander hörte die schweren Schritte im Treppenhaus bis zu seiner Wohnung im 2. Stockwerk. Dann stand sein Nachbar Günter vor der Tür. Günter war mittelgroß. Er hatte stets wirres, deutlich ergrauendes Haar und einen teils sentimentalen, teils grimmigen Gesichtsausdruck.
Auf den ersten Blick mochte das erschrecken. Doch wenn man Günter näher kannte, wusste man, dass er äußerst gutmütig war – sicher in manchen Situationen zu gutmütig. Günter trug in der Regel gute und geschmackvolle Kleidung. Er hatte eine tiefe, vom Rauchen leicht heisere bayerische Stimme. Eingeweihte wussten, dass er aus dem Bayerischen Wald stammte und konnten seinen schweren niederbayerischen Tonfall entsprechend zuordnen. Ihm war ein halbes Jahr vor Alexander das gleiche Unglück widerfahren. Fast von einer Stunde zur anderen hatte seine hübsche dunkelhaarige Frau nach Jahrzehnte langer Ehe die Wohnung und ihn geradezu fluchtartig verlassen und war zu einem gemeinsamen Arbeitskollegen gezogen, mit dem sie – wie sich dann herausstellte – schon seit Monaten eine heimliche Liebesbeziehung unterhalten hatte.
Günter war kein Mann großer Worte. Zur Begrüßung ließ er sein obligatorisches sonores „Servus“ hören. Und dann: “Wie war´s bei deinen Eltern?“ Aber das interessierte ihn in Wahrheit gar nicht. Vielmehr liebte er es, Alexander von seinen kleinen oder auch etwas größeren Eroberungen zu erzählen. Einen Weg aus der unfreiwilligen Einsamkeit hatte er bisher aber auch nicht gefunden.
Beide Männer wussten, dass ihre Freundschaft(falls man überhaupt davon sprechen konnte) nur auf dem gemeinsamen Schicksal basierte. Da sie in der großen Anlage auch noch quasi „Wand an Wand“ wohnten, lag es nahe, dass sie häufiger kurzfristig etwas zusammen unternahmen. Seltsamerweise sahen sie sich nicht an Wochenenden, sondern fuhren an Werktagen an dunklen Abenden in der Gegend herum, manchmal bis in die Stadt und quer durch Schwabing. Dann hörten sie im Autoradio romantische Songs von Percy Sledge. Sie fuhren am Apartment vorbei, in dem Günters Frau jetzt wohnte, und Günter sagte, wie schlecht es ihr in der winzigen Bude mit dem neuen Partner nun gehen müsse, verglichen mit der glänzenden Zeit, die sie mit ihm verbracht hatte. Manchmal kehrten sie dann ein in einem Szenelokal, wo die Gäste traurig auf die Theke oder ins Leere starrten. Meistens fahren sie aber einfach nur herum durch die abendliche Stadt, in der so viel los war und die sich doch nur als Sammelbecken für zahllose einsame Existenzen entpuppte. Heute Abend sollte es aber anders sein. Günter schlug einen Besuch im „Ysenegger“ vor. Das war eine gemütliche Wirtschaft im Stadtteil Neuhausen mit gemischtem bürgerlichem Publikum aller Altersgruppen.
Okay, dachte Alexander, wieder ist ein einsamer Abend abgewendet. In 2 Stunden würden sie aufbrechen.
Kaum hatte Günter die Wohnung verlassen, rief Andreas an. Ihn hatte Alexander an seinem letzten Arbeitsplatz kennen gelernt.
Er war Urmünchner, mit bayerisch-rustikaler Ausstrahlung, dabei feinsinnig und ökologisch engagiert. Mit ihm konnte man intensive und erschöpfende Gespräche führen. Auch Andreas freute sich, dass Alexander wieder „im Lande“ war. Man würde sich in den nächsten Tagen irgendwo sehen. Eine genaue Terminabsprache würde folgen.
Nach wenigen Minuten klingelte erneut das Telefon. Es meldete sich eine bisher unbekannte Frauenstimme. Sie stellte sich vor als neue Teilnehmerin der „Börse für Aktive“.
Alexander wies sie nach kurzem Gespräch auf seine Terminfülle hin und kündigte einen baldigen Rückruf an. Er holte kurz Atem und stellte fest, dass das Single-Karussell bereits wenige Stunden nach seiner Rückkehr vom Niederrhein bereits wieder voll in Schwung geraten war. Nun stand noch ein kurzer Anruf bei Waltraud auf dem Programm. “Hast du Lust, heute Abend mit zum Ysenegger zu kommen?“-„Ja, gern, ich bringe noch die Birgit mit, die kennst du noch nicht.“
Kurz nach 23 Uhr war Alexander wieder in seiner Wohnung. Er ließ den Abend Revue passieren.
Wieder hatten sie eine Frau kennengelernt. Aber was war das für eine Frau? Die hatte überhaupt keine Ausstrahlung, wie wenn sie gar nicht anwesend gewesen wäre. Ihr Äußeres war geradezu abschreckend, Einzelheiten wollte Alexander sich gar nicht mehr ausmalen. Dabei war er überhaupt kein Macho oder jemand, der andere Menschen gering achtete. Wenn jemand sich nicht gut „verkaufte“, tat er (oder sie) ihm eher Leid. Was hatte sein Verkaufsleiter bei Mercedes vor vielen Jahren zu ihm gesagt, als er dort als jüngster Autoverkäufer weit und breit angefangen hatte:
“Sie verkaufen sich nicht gut genug.“ Was war das für ein oberflächlicher fader Blödsinn? Musste man sich in unserer heutigen Gesellschaft immer „verkaufen“. Ja, fürchtete Alexander, man musste. An sich selbst hatte er ja soeben auch festgestellt, wie sehr ihn diese Person im Ysenegger abgestoßen oder – schlimmer noch – kaltgelassen hatte.
Am nächsten Morgen stand für Alexander ein Termin bei der Arbeitsagentur auf dem Programm.
Wie schon oft in seinem Leben suchte er einen Job. (Dabei war er ein fast schon besessen zuverlässiger Mensch, der seinen täglichen Ablauf brauchte und sorgfältig plante; mit den Arbeitsstellen hatte es einfach nie richtig gepasst).
Und wieder lernte er eine Frau kennen. Die junge, kräftig gebaute Arbeitsberaterin Frau Resch würdigte seine momentan schwierige Lebenssituation, hielt sogar eine passende Reha-Maßnahme für denkbar. Soviel Verständnis tat gut. Vor allem empfand er es als weitere Bestätigung, welch einen heroischen Kampf gegen die anhaltend ungünstigen Umstände er führte.Andererseits: wäre es nicht noch heroischer, aus eigener Kraft wieder geregelte Bahnen einzuschlagen?
Sein nächster Weg führte Alexander zu seiner „Freundin“ im nahe gelegenen Reisebüro.
„Freundin“ war nicht das richtige Wort, sie war ja gar nicht seine Freundin. Alexander hatte keine Freundin. Doch war es bereits vor Weihnachten ein sehr angenehmer Kontakt mit der hübschen dunkelhaarigen Frau gewesen, als er die Djerba-Reise gebucht hatte. Nun bedankte er sich für die perfekte Beratung und schenkte ihr einen fränkischen Bocksbeutel(das sind die Weine in der witzigen und dabei stilvollen runden, bauchigen Flasche). Sofort kamen sie wieder ins Plaudern – über Gott und die Welt, über Reise, Job und Scheidung. Es gefiel ihm, wie sie ihre wohlgeformten Lippen beim Sprechen und beim Lächeln bewegte. Ja – diese Frau wäre etwas für ihn. Gemeinsame Interessen, anregende, unverkrampfte Gespräche. Warum verabredete er sich eigentlich nicht mit ihr?
Nein, das ging nicht, das passte einfach nicht, hier handelte es sich sozusagen um ein offizielles Gespräch, fachlich geboten auf Grund seiner Reiseplanung. Und so fand er den Kontakt einfach nur schön, ohne Melancholie oder Traurigkeit, dass es mit ihr „nichts werden konnte". Auch wenn er manchmal daran zweifelte(„wie kann es sein, dass ich Jahre lang hier als nutzloser Single herumhänge“) - über Charme verfügte er offenbar doch.
Na ja, sein Aussehen ordnete er als durchschnittlich ein. Nach aktuellem Maßstab war er mit 1,77 Meter kaum mittelgroß. Als sportlicher Mensch empfand sich Alexander als trainiert, in den Augen mancher Damen war er aber nicht „durchtrainiert“, versteht man darunter doch vor allem im Fitnessstudio erworbene Muskelmassen.
Nachmittags hatte Alexander eine Verabredung mit seinem Freund Andreas. Wie fast alle guten Bekannten oder Freunde, die er in den letzten Monaten kennengelernt hatte(nach dem Auszug seiner Frau stand er ja fast ganz allein da in dieser riesigen Stadt) war Andreas ein „Eingeborener“, ein echter Bayer, ja sogar ein gebürtiger Münchner. Ihn hatte Alexander an seinem letzten Arbeitsplatz getroffen, dessen unselige Konstellation wohl den Auslöser für seinen privaten Crash geliefert hatte. Ob es auch die Ursache gewesen war? Wohl eher nicht.
Andreas und er hatten sich dem Strom aus Anpassung und Gleichschaltung entgegengestellt, der an diesem Arbeitsplatz herrschte. Anfangs meinten sie – Andreas noch mehr als Alexander – sie könnten sich diesem Arbeitsklima entgegenstemmen und ihrer Vorstellung von Konzilianz und Miteinander zum Durchbruch verhelfen. Aber das entpuppte sich als Illusion. Hand aufs Herz: welchen Spielraum sollte es auch geben an einem Arbeitsplatz, wo acht Menschen – überwiegend in den 30ern – den Auftrag hatten, EDV-Programme zu schreiben und diese Aufträge fristgerecht zu erledigen? Vermutlich waren die beiden Träumer. Oder könnte es auch in einem derart technokratischen Umfeld möglich sein, stärker aufeinander zuzugehen und womöglich noch bessere Arbeitsergebnisse zu erzielen? Diese Frage blieb zunächst im Raum stehen. Und die Anzahl der offenen Fragen vergrößerte sich, je älter man wurde und je mehr Lebenserfahrung man hatte. Mit der Zeit entwickelten Andreas und Alexander an diesem Arbeitsplatz eine Wagenburgmentalität. Sie führten einen vergeblichen Kampf gegen das Unvermeidliche und Erforderliche und dieser Kampf schweißte sie zusammen, ließ sie Freunde werden. Alexander erinnerte sich gut. In diesem Arbeitsklima der Nüchternheit und Analytik war das immer mehr um sich greifende Duzen tabu gewesen. Obwohl das Team auf seine Weise homogen und nahezu gleichaltrig war, wurde das kühle und gesetzte „Sie“ gepflegt.
An früheren Arbeitsplätzen hatte sich Alexander aus mehreren Gründen als Verfechter des respektvollen „Sie“. empfunden. Bei diesem letzten Arbeitsverhältnis entwickelte es sich dann immer mehr zu einer Bedrohung, weil das ganze Szenario einen Albtraum für ihn darstellte. Die Schuld lag sicher nicht nur beim Team; Alexander war schwer gezeichnet von der freiwilligen Aufgabe seines vorherigen harmonischen und motivierenden Arbeitsplatzes. Hinzu kam die sich massiv verschärfende Krise in seiner Ehe, die bald in eine Katastrophe münden sollte. Diese klinische Atmosphäre in der Firma führte dazu, dass die keimende Freundschaft der beiden Außenseiter – manchmal fühlten sie sich gar wie Geächtete - Monate lang ebenfalls vom förmlichen „Sie“ geprägt wurde. Das hatte schon bizarre Züge angenommen, ehe sie sich an einem Hochsommerabend in einem Innenhof nahe dem Rathaus bei einem Bier endlich auf das „Du“ einschworen. Am Arbeitsplatz wurde diese neue Vertrautheit natürlich bald bemerkt, und die beiden Abweichler wurden noch misstrauischer beäugt. Alexander zog dann die Notbremse und verließ das Unternehmen, ohne einen neuen Arbeitsplatz gefunden zu haben.
Der einzige Grund, warum es Andreas dort – zumal auch noch ohne ihn – dort immer noch aushielt, bestand in der Tatsache, dass er in einer intakten Familie lebte mit Frau und zwei Kindern im Alter von 6 und 11 Jahren. Wegen seiner mäßigen Leistungen stand er ja auch fachlich und menschlich im Zwielicht. Wurde er dort eigentlich „gemobbt“? Nein – das war es auch nicht. Noch nicht einmal für diese moderne Form des Wegekelns von Mitarbeitern reichte dort die Emotion. Arbeitsklima und Ambiente waren einfach nur neutral, steril, klinisch. Für atmosphärische Menschen – das waren die, die um sich herum ein Wohlfühlklima brauchten(sei es bezüglich der Räumlichkeiten, das Ausblicks vom Arbeitsplatz oder einfach nur zwischenmenschlicher Qualitäten) erlebte man dort die Hölle. Da die Kollegen offenbar nicht zu den Atmosphärischen gehörten, sondern zu den Sachorientierten(und das ist ja keineswegs strafbar), ging es ihnen in diesem Umfeld gut. Zumindest schien es so.
Nun, da die gemeinsame Zeit in diesem Unternehmen hinter ihnen lag, durften sich die beiden Freunde unbefangen begegnen. Andreas war ein Jahr älter als Alexander, er stand kurz vor seinem 40. Geburtstag.
Bei ihm konnte man vom Idealbild eines bayerischen Mannsbildes sprechen. Alexander wurde von ihm fast um Haupteslänge überragt. Andreas war etwa 1 Meter 90 groß. Sein Kopfhaar hatte sich bereits stark gelichtet und war von zahlreichen silbernen Fäden durchzogen. Sein markantes Gesicht wurde von einem respektablen Vollbart eingerahmt. Teure Kleidung bedeutete Andreas nichts. Sein Äußeres wirkte leicht nachlässig und alternativ angehaucht. Unter dem Eindruck seiner lauten, fast brachialen Stimme konnte man in ihm einen energischen durchsetzungsstarken Menschen vermuten, der nur in Ausnahmefällen einen Blick nach rechts oder links wirft. Andreas entpuppte sich aber schnell als das genaue Gegenteil des äußeren Anscheins. Er war von vielen Selbstzweifeln geprägt, in manchen Situationen zögerlich und zerstreut. In seiner Ehe mit einer deutlich älteren Frau, die zudem auf einen höheren Bildungsgrad und eine bessere finanzielle Ausstattung verweisen konnte, fühlte er sich permanent als „Juniorpartner“. Dabei profilierte er sich häufig als Zeitgenosse, der gesellschaftliche Verantwortung übernahm, zum Beispiel mit der Gründung von Selbsthilfegruppen für Menschen mit Rückenbeschwerden.
Wer ihm nicht wohl gesonnen war, konnte ihm hypochondrische Züge zuschreiben. Andreas befasste sich nachhaltig mit den Beschwerden und Zipperlein, die sein Körper ihm zumutete. Neben häufigen Rückenschmerzen (für die aber noch keine eindeutige Ursache diagnostiziert worden war), waren es zahlreiche allergische Reaktionen, zum Beispiel gegen Pollenflug im Frühling, gegen den Konsum von Alkohol oder Süßigkeiten, das führte dann sogar zu zahlreichen kleinen Schnittwunden an den Händen). Bei solchen Symptomen mochte eine Wechselbeziehung zu seinen hypochondrischen Ader bestehen. Tatsache war: Andreas tat etwas. In diesen Zeiten des „May Be“ und des latenten Klagens und Lamentierens über Umstände, zu deren Lösung man letztlich nichts beitrug, hob er sich als Rufer in der Wüste hervor. Seine Rolle als Familienvater spielte er vielleicht nicht enthusiastisch, aber treu und vorbildlich.
Was Alexander am Freund besonders schätzte: er erwies sich immer wieder als guter und geduldiger Zuhörer. Darüber hinaus leistete er zu ihren Gesprächen feinsinnige und treffende Beiträge, ohne seinem Vis-à-vis dabei nach dem Mund zu reden, wie es viele taten in vermeintlichen und auch in richtigen Freundschaften. Ganz im Gegenteil konnte er sich sogar sehr kritisch zu dem Freund äußern.
Andreas hatte auch Ambitionen als Hobby-Psychologe und nannte es „den Finger in die Wunde legen“.
Manchmal hatte man gar den Eindruck, er suche den Kontakt zu Menschen, die sich in einer Krise befanden oder irgendwie herumkrebsten, um den Finger in die Wunde legen und von seiner eigenen Unschlüssigkeit und Unausgegorenheit ablenken zu können. Das alternative Ambiente und die tiefe Stimme verliehen ihm etwas Tröstliches, nicht unbedingt Tröstendes. Als Tröster empfand Alexander ihn letztlich nicht, da drang dann Andreas´ Kritik durch, bevor er dem anderen zu viele Zugeständnisse machte. Und das war auch gut so, denn letztlich konnte, ja musste man sich aus eigener Kraft aus dem Sumpf ziehen(so bedrohlich das klang an Tagen, an denen man glaubte, wenig Kraft zu haben).
An diesem Winternachmittag genoss Alexander das Treffen mit seinem Freund in der Caféteria eines großen Kaufhauses. Aus dem 6. Stockwerk hatte man einen beeindruckenden, fast atemberauben- den, weil so nahen Blick über die Dächer und zu den wichtigsten architektonischen Erhebungen der Stadt.
Die beiden legendären Türme der Frauenkirche wirkten zum Greifen nah vor dem bleigrauen, zu dieser Nachmittagsstunde bereits dämmernden schweren Himmel. Die Caféteria war überfüllt – kein Wunder, bot sie doch willkommene Entspannung nach vielleicht anstrengenden Einkäufen und vor allem eine wohlige Wärme als Kontrast zum nasskalten Wetter dieser ersten Januartage.
Auch Alexander empfand Wärme. Wärme war zwar nicht das Eigentliche, was der Freund ausstrahlte. Aber hier saß er mal nicht in einem Blind Date mit einer noch völlig unbekannten Person, von dem für sein weiteres Leben viel abhängen konnte, in dem es also um etwas ging. Und er befand sich auch nicht, wie nun ja wieder häufiger, in einem Vorstellungsgespräch, von dem auch viel ab-hing. Die Situation wirkte auf ihn wie Balsam. Mal nichts Großes tun müssen – einfach sitzen, schauen auf die nahe Skyline der Stadt, die herein- und herausströmenden Leute und vor allem auf den beruhigend wirkenden Freund, zuhören, selbst reden und dabei nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen.
Andreas war für 2 Wochen krankgeschrieben. Er wirkte noch ruhiger, noch nachdenklicher, vielleicht auch noch zerstreuter als sonst, plauderte über kleine und mittlere Probleme in seiner Familie. Auf Kuchen musste er verzichten, wegen des darin enthaltenen Vanillin drohten ihm ansonsten wieder die lästigen Schnittwunden an beiden Händen. So begnügte er sich mit einer Tasse Kamillentee.
Alexander verabscheute Tee, er hatte einen kleinen Espresso bestellt und – passend zur kalten Jahreszeit – ein kleines gemischtes Eis. So verging eine gute Stunde bei mildem Plaudern(diesmal gingen sie nicht ans Eingemachte), und in Alexander machte sich eine wohltuende Mischung aus Trägheit und Leichtigkeit breit. Und auch die Angst vor dem bald wieder beginnenden Alleinsein hielt sich in Grenzen. Heute Abend hatte er ja noch einen Termin und morgen würde er für eine Woche verreisen, „in die Sonne“ fliegen.
Die beiden Freunde verabschiedeten sich. Die Dunkelheit hatte eingesetzt. Er marschierte durch das Stachus-Untergeschoss Richtung S-Bahn-Zugang, war umgeben von einer Masse eilender, schlendernder und gestikulierenden Menschen, und doch war er allein. Gerade an den belebtesten Punkten der Stadt machte sich die Einsamkeit und Haltlosigkeit stark bemerkbar, anfallen wie ein hinterlistiger Verbrecher tat sie einen, wenn man seine verlassene Wohnung betrat.
Zwei Stunden später hatte Alexander sein übliches Programm heruntergespult. S-Bahn-Fahrt, vom Bahnhof nach Hause geradelt, die Katze begrüßt und gefüttert, die Post durchgeschaut, ins Auto gesetzt und knapp 20 Kilometer nach Gilching gefahren. Nun saß er bei seinem Freund Wolfgang, den er in einem Single-Club kennengelernt hatte. Wolfgang war einige Jahre jünger als er, mittelgroß und kräftig. Er stellte fast das genaue Gegenteil zu Andreas dar, wirkte weniger bodenständig, dafür witzig und charmant. Dies waren genau die Eigenschaften, die ihm gute Chancen bei den Frauen einräumten. So hatte er auch an diesem Abend wieder Damenbesuch. Er stellt Dagmar vor, 27 jahre alt, groß, blond und nett. Um die beneidete Alexander ihn schon, er hatte ja zur Zeit keine feste Beziehung, sehnte sich aber nach Geborgenheit und Verlässlichkeit ebenso wie nach körperlicher Nähe. Aber er machte das Beste aus der Situation und genoss den Abend in Gesellschaft zweier angenehmer Menschen so gut er konnte. Zum Essen gab es Spaghetti Bolognese, die beiden Männer rauchten genüsslich Pfeife und tauschten sich über das Ziel der unmittelbar bevorstehenden Reise aus. Kurz vor halb elf verabschiedete sich Alexander und trat die Heimfahrt an.
Am Freitag den Dreizehnten Januar kehrte Alexander von Djerba zurück - welch kurioses Datum für den Rückflug aus dem Urlaub und die Rückkehr in den unfreiwilligen Single-Alltag. Als Flugtourist im Winter erlebte man Sonderliches. Vor wenigen Stunden noch in frühlingshaftem oder gar sommerlichem Klima, nun im kalten und verschneiten München. Die S-Bahn-Fahrt vom Flughafen hatte Alexander unterbrochen und In der „Schäffler-Stube“ am Hauptbahnhof Waltraud getroffen. So hatte Alexander den heftigen Aufprall ins Solodasein etwas abfedern können. Wie üblich war Waltraud sehr gesprächig gewesen; sie hatte sich zwei Katzen zugelegt und nun auch Gesellschaft in ihrer Bude(so nannte sie ihre recht schöne, aber stets grausam unaufgeräumte Wohnung – ihr fehlte die Kraft, Dinge wegzuwerfen, daher waren alle Räume von verschiedensten Gegenständen zugestellt, man musste eigentlich sagen zugemüllt, solche Menschen bezeichnete man als „Messie“).
Nun saß Alexander in seiner Wohnung auf seinem Lieblingssessel – ein klassischer brauner Fernsehsessel zum Ausklappen für die Beine aus flauschigem robustem Material. Nachdem ihm sonst nicht viel geblieben war, hatte sich dieser Sessel für ihn zu dem Hort des Wohlbefindens und der Sicherheit entwickelt. Hier konnte er sich fallen lassen, die Welt mit ihren verwirrenden Facetten draußen lassen, darauf warten, dass ihm nach wenigen Sekunden die liebe Glückskatze Gesellschaft leistete. Da verlor sogar die zumeist niederschmetternde Tatsache des Alleinlebens ein wenig von ihrem Schrecken. Seit er allein lebte und keine Rücksicht auf eine Nichtraucherin mehr nehmen musste, zündete er sich – zumal im Winter – wieder häufiger eine Pfeife an, schaute den filigranen Rauchkringeln nach, schmeckte und atmetedas brillante Vanille-Aroma und ließ seine Gedanken kreisen. In solchen Augenblicken hatte sein Leben sogar in den eigenen vier Wänden, wo ihn jeder Zentimeter an die viel bessere Zeit(die noch gar nicht lang zurücklag) erinnerte, eine gewisse Qualität.
Was hatte sie gebracht und vielleicht gar bedeutet – die Woche auf der tunesischen Insel Djerba? Die Erinnerungen waren noch ganz neu und frisch. Und doch nahm Alexander in diesem Augenblick jenen Gegenstand in die Hand, der ihm von allen am meisten bedeutete, obwohl er nur einen geringen materiellen Wert aufwiest – sein Tagebuch. In einigen Monaten würde es sich zum fünfundzwanzigsten Mal jähren, dass er begonnen hatte mit dem Tagebuch schreiben. Er führte es jeden Tag, den Gott kommen ließ, ohne Ausnahme. Und wenn er es mal vergessen hatte, aus welchem Grund auch immer, dann wurde es zwingend am nächsten Tag nachgeholt.
So blätterte er auch nun und ließ die vergangenen Tage Revue passieren.
Das Wetter auf Djerba war natürlich nicht vergleichbar mit dem mitteleuropäischen Wetter, jedoch war ihm schmerzhaft bewusst geworden, dass der Kalender Anfang Januar zeigte und Djerba eben weit nördlich vom Äquator lag. So war es oft windig und kühl, regnete sogar bisweilen. Glücklicherweise garantierte Cluburlaub eine sehr komfortable Unterkunft mit großem Veranstaltungsangebot. Alexander hatte täglich die große Sauna- und Wellnesslandschaft besucht. Er hatte Tennis gespielt und dabei kleine Wettkämpfe bestritten. Bemerkenswert war auch seine Teilnahme an einer Theateraufführung. Im Stück „Aladin“ spielte er einen Gentleman. Dafür war er eigens geschminkt und mit einem Smoking ausgerüstet worden. Die Aufführung war ein Erfolg und wertete Alexander auf, hatte er sich doch in der Vergangenheit kaum als Darsteller vor Publikum in Szene gesetzt. Er kam während der Woche mit verschiedenen Leuten ins Gespräch(das gelang als Single eher als wenn man als Paar reiste), fand in der deutlich älteren Ingrid sogar so etwas wie eine „ständige Begleiterin“, ohne jeglichen erotischen Hintergedanken, zumal von Anfang an die Ankunft ihres Lebensgefährten nach 5 Tagen avisiert war. Oft jedoch überfiel ihn die massive Traurigkeit über den Verlust seiner Ehefrau. In der zweiten Hälfte des Aufenthaltes nahmen diese Gefühle deutlich zu. Nun war er fast froh über die Rückkehr in sein geliebt-gehasstes Single-Paradies.
Mitte Januar erlebte man in Südbayern häufig seltsam warme Tage. Im bayerischen Oberland warf bisweilen der Fön Frühlings- oder gar Sommerluft über die Menschen. Vielen setzte das arg zu von Kopfschmerzen über Niedergeschlagenheit bis zur Depression. Die andere Form von warmem Januarklima zeigte sich in Schmuddelwetter mit Regen und häufig starkem böigen Wind. Eine solche Wetterlage bedeutete größte Belastung für Leute mit Herz- und Kreislauferkrankungen. Alexander befand sich – obwohl als Zugereister nach München gekommen – in der glücklichen Lage, von solchen Wetterkapriolen nicht geplagt zu werden. Jedoch zog auch er klare Kälte mit Schnee und blauem Himmel vor.
Dieser Donnerstag bot Schmuddelwetter. Als disziplinierter Mensch stemmte sich Alexander auf den ersten Blick recht erfolgreich gegen sein momentanes Schicksal, die Arbeitslosigkeit. So schrieb er zwei Bewerbungen und – wichtiger noch – führte ein wichtiges Telefonat mit dem Repräsentanten der Provinzial Versicherung am Niederrhein Herrn Gerster. Das Unternehmen bot ihm an, in seine Heimat zurückzukehren und eine große Agentur zu übernehmen.
Noch nie hatte er über „Beziehungen“ – das oft zitierte „Vitamin B“ eine neue Arbeitsstelle gefunden. Einige Möglichkeiten hatte es bereits gegeben, aber letztlich hatte er sich immer anders entschieden. Alles, was er bisher erreicht hatte, konnte er einzig und allein seinen Leistungen und Initiativen zuschreiben. Vielleicht würde es ja diesmal doch anders. Er kannte Landesdirektor Assmann aus seiner langen Mitgliedschaft während der Jugend im Tennisclub. Und der hatte ihm jetzt – auch über den Kontakt zu seinen Eltern – den Weg bereitet. Welch eine Chance – weg aus München, wo er nach guten Jahren innerhalb weniger Monate sein privates und berufliches Waterloo erlebt hatte.
Rückkehr in seine mit zunehmendem Alter immer mehr ersehnte Heimat. Und das alles auf einem gut bestellten Feld. Er würde vom ersten Tag an mehrere Mitarbeiter haben und die Agentur in seinem Heimatort leiten, 300 Meter entfernt von der Wohnung seiner Eltern, die mittlerweile ins Rentenalter eingetreten waren und in mancher Lebenssituation die tatkräftige Unterstützung ihres Erstgeborenen sicher gut gebrauchen könnten. Seine beiden jüngeren Geschwister hatten ebenfalls die Heimat verlassen und lebten außerhalb guter Erreichbarkeit ihrer Eltern.
Alexander könnte wieder die gute niederrheinische Luft atmen. Er würde die Vorzüge der glänzenden Infrastruktur genießen – mehrere Großstädte im Umkreis weniger Kilometer und doch das „flache Land“ mit wunderbarer behaglicher Parklandschaft unmittelbar vor der Haustür. Zudem könnte er endlich wieder problemlos die Heimspiele seines Lieblingsvereins in der Bundesliga besuchen.
Und doch – irgendetwas ließ ihn unsicher sein bei dieser Entscheidung. Hatte er nicht vielleicht doch noch etwas zu erledigen in diesem Haifischbecken München? Brauchte er am Ende sogar das Leiden an dieser Existenz als Single? Wirkte in ihm eine seltsame Droge, die ihn nach immer neuen Bekanntschaften gieren ließ? Was zog ihn verdammt noch mal an Stellensuche und folgender Einarbeitungszeit an? Oder war es schlicht die attraktive und spektakuläre Etikette „München“, die ihn innerlich zaudern ließ, ohne Wenn und Aber seine Sachen zu packen und in die Heimat zurückzukehren? Klar – es war von allem etwas.
Aber als tragfähiges Alibi – wenn er den Schritt letztlich nicht tun sollte – fiel ihm noch etwas anderes ein. Der schwere Misserfolg, den er im Verkauf erlebt hatte, als angeblich jüngster Mercedes-Verkäufer im Außendienst, steckte ihm in den Knochen und würde ihm immer in den Knochen stecken.
Sicher – als Leiter der Agentur würde er nicht permanent mit der Verkaufsmappe unter dem Arm herumlaufen und Klinken putzen. Er würde der Chef sein. Und doch gab er sich keinen Illusionen hin, natürlich handelte es sich um einen Verkaufsjob…
Wie gut, dass er noch mindestens drei Wochen Zeit für die Entscheidung hatte, so musst er die schweren Gedanken zunächst nicht weiter führen. Wenn er jedoch ehrlich zu sich war, musste Alexander sich eingestehen, dass er sich mit Weg weisenden Entscheidungen schon wiederholt sehr schwer getan hatte.
Es stand noch ein Rendez-Vous auf dem Programm, dem Alexander mit einer prickelnden Mischung aus Vorfreude und dumpfem Herzklopfen entgegensah.
Kurz nach der Trennung von seiner Frau im letzten Jahr war er der „Börse für Aktive“ beigetreten. Gegen einen maßvollen Mitgliedsbeitrag erhielt er jeden Monat eine Liste von 3 oder 4 Personen in München oder Umgebung, die ebenso wie er neue Kontakte suchten. In dem entsprechenden Brief wurden ihm nur die Rufnummer und einige Hobbys der betreffenden Personen mitgeteilt. Alexander hatte dann die Wahl, ob er anrief oder nicht. Bisher hatte er bei jeder Adresse angerufen. Er gehörte nicht unbedingt zu denen, die jederzeit mühelos auf andere zugingen. Wenn die Kontaktaufnahme aber einen „offiziellen“ Charakter hatte, wenn er also wusste, dass die jeweilige andere Person auch neue Kontakte suchte, war er in seinem Element. Alexander sah sich als im positiven Sinne neugierigen Menschen, der sich über ganz neue Kontakte freute und deshalb völlig unvoreingenommen an diese Kontakte heranging. Daher hatte er auch keine Schwierigkeiten, die ihm bisher völlig unbekannten Menschen anzurufen. Solange er ihnen nichts verkaufen musste… Oder solange er sich als ernsthafte und gebildete Person verkaufen konnte…Inzwischen hatte man ihm auch schon mehrfach bescheinigt, eine sehr angenehme Stimme zu haben. Die Voraussetzungen für diese Form der Kontaktaufnahme könnten also kaum besser sein. Er hatte bereits einige konkrete Bekanntschaften mit Männern und Frauen gemacht, auch Waltraud und Peter, die er inzwischen als Freunde bezeichnete, hatte er auf diesem Wege kennengelernt.
An diesem Abend würde er nun Henriette treffen. Sie hatten ein etwa 20-minütiges erfrischendes Telefonat geführt, dabei auch ein wenig gewitzelt und geflirtet. Wenn es dann wie heute zu einem Treffen kam, war es ein klassisches „Blind Date“ – man kannte die Stimme des anderen und Ansätze seines Temperamentes, hatte jedoch keine Ahnung, wie die nette Stimme aussah.
Auch wenn die „Börse für Aktive“ nachdrücklich betonte, keine Aufgaben einer Partnervermittlung wahrzunehmen, so hoffte insgeheim doch jedes Mitglied, denjenigen oder diejenige zu finden. Kein Wunder, dass Alexanders Herz lebhaft pochte, als er durch die mittlerweile dunkle Stadt nach Harlaching fuhr. Dort sollte er Henriette abholen; wie so viele Single-Frauen in der Stadt war auch sie nicht motorisiert und vertraute darauf, dass sie immer ein charmanter Begleiter abholte und auch wieder nach Hause brachte.
Spannend bei Henriette: sie betrieb einen kleinen Second-Hand-Laden in einer mäßig befahrenen und locker bebauten Wohnstraße. Alexander hatte ein gutes Orientierungsvermögen und fand problemlos das kleine Haus im Stil der 50-er Jahre. Im Erdgeschoss sah er die noch beleuchteten Schaufenster des bescheiden anmutenden Ladens. Das erste und zweite Stockwerk beherbergten offenbar einfache Mietwohnungen. Henriette hatte ihm am Telefon jedoch bedeutet, dass sie nicht in diesem Haus wohnt, sondern stets mit einem Linienbus von Giesing herüberfuhr.
Alexander fasste sich ein Herz, drückte die Klinke herunter und betrat den Laden. Es war ein behagliches kleines Geschäft. Zur Linken wurde an einem Ständer Herren-Bekleidung präsentiert, auf einem Wühltisch auf der rechten Seite erkannte er Hosen und Blusen für kleine Kinder, überwiegend für Mädchen. Hinter der Ladentheke stand eine blonde Frau, die ihn offenbar erwartet hatte. Alexander legte großen Wert auf Pünktlichkeit. Andere unnötig warten lassen – das konnte er sich nicht vorstellen, genauso wenig aber, wenn Andere ihn „auf Kohlen“ sitzen ließen. Die blonde Frau ging langsam um die flache Theke herum und direkt auf Alexander zu. Da die Öffnungszeit bereits eine Viertelstunde zurücklag und mit Kundenbesuchen nicht mehr zu rechnen war, sagte sie: “Sie sind sicher Alexander Schreier“. Wie häufig bei einer Erstbegegnung mit Frauen(Alexander traf ja auch Männer) fühlte er schwelende Wärme in sich aufsteigen – Ausdruck der Aufgeregtheit, sicher nicht ungewöhnlich in einer solchen Situation. Alexander schaute die Frau kurz an und antwortet:
“Ja, das ist richtig, und Sie sind Henriette Renner?“ Nun standen sie einander gegenüber in dem eher sparsam beleuchteten, gut geheizten Raum. Zeit für eine erste Begutachtung, bevor das Gespräch – vielleicht schwungvoll, vielleicht schleppend – in Gang kam. Henriette Renner war eine großgewachsene Frau, ungefähr so groß wie Alexander und vielleicht ein paar Jahre älter, etwa Anfang Vierzig. Ihr Gesicht war auf eine eigenartige Weise fein geschnitten, wies einen irgendwie unnatürlichen, entrückten Ausdruck auf. Die blonden Haare erwiesen sich bei genauerem Hinsehen fast als honigfarben, ein weiteres etwas seltsames Merkmal. Sie hatte eine schlanke, offenbar feminine Figur. Da sie sich zum Tennis spielen verabredet hatten, trug Henriette bereits Sportkleidung, eine enganliegende lange weiße Leinenhose und einen pinkfarbenen Blouson. Die gepackte Sporttasche mit an der Außenseite verstautem Tennisschläger stand einen Meter neben ihr am Boden.
„Ja, die bin ich“, antwortete sie mit ihrer Stimme, die ihn auch irgendwie seltsam berührte. Sie klang gut, fast wie bei einer Schauspielerin und vielleicht gerade deshalb auch etwas unnatürlich, wie aus einer anderen Welt. Bei Henriette erkannte man keinen bayerischen Akzent, aber das war in dieser Stadt bekanntermaßen nicht ungewöhnlich. Sie schaute ihn unverwandt an, Verlegenheit und Beklommenheit waren nicht zu leugnen. Das waren die Augenblicke, in denen im Inneren ein Fluchtreflex keimte und sich Luft machen wollte. Aber das ging ja nicht. Sie waren verabredet und würden jetzt zur Tennishalle spielen fahren. „Ja, dann packen wir es am besten gleich“, hörte Alexander die honigblonde Frau wie aus großer Ferne sagen. „Ja, das sehe ich auch so.“ Erst jetzt bemerkte Alexander, dass sie sich bei der Begrüßung nicht die Hände geschüttelt hatten. Alexander fühlte sich insgeheim erleichtert, er liebte den Handschlag ohnehin nicht sehr. Seit ihm in jungen Jahren ein Chef bedeutet hat, sein Handschlag sei nicht fest, nicht männlich genug und er entziehe die Hand sofort wieder und das sei für das Gegenüber nicht sehr angenehm, empfand er beim Handschlag mit nicht oder wenig bekannten Personen jedes Mal ein unruhiges Gefühl. “Gehen Sie bitte vor, ich lösche noch das Licht und schließe den Laden ab.“
Wenig später saßen sie im Auto. Alexander wusste, dass er mit seinem schlichten Fahrzeug der Kompaktklasse bei Frauen nicht unbedingt die größten Trümpfe im Ärmel hatte. Er musste es halt als gepflegter Unterhalter und mit einem hoffentlich vorhandenen gewissen Charme schaffen, sie zu beeindrucken. Soviel war klar – ein Macho oder Aufreißer war er nicht. Das Unbehagen verstärkte sich – mit einer wildfremden Frau wie ein altes Ehepaar abends im Auto sitzen…
Nicht reden ging nicht. wie fängt man also an: “Das ist ein netter Laden, den Sie da haben, wie lange machen Sie das schon?“-„Seit sechs Jahren, ich habe ihn damals von der Mutter einer guten Freundin übernommen“.-„Wie ist Ihre Kundschaft, ich denke vor allem Mütter, die Sachen für ihre Kinder kaufen.“-„Ja.“- Die Antwort war korrekt, aber karg, das Gespräch kam zunächst zum Erliegen.
Alexander verfügte inzwischen aber über die Kraft, eine Zeitlang nichts zu sagen.
Bald erreichten sie die Tennishalle im Münchner Süden. Jeder ging in seine Umkleidekabine und machte sich spielfertig. Alexander liebte Tennis spielen in der Halle überhaupt nicht. Häufig roch es nach einer Mischung aus Kunststoff, Holz und Schweiß. Dazu gesellte sich ein eigenartiges Hallen der Stimmen der Spieler. Der Velours-Teppichboden beschleunigte das Springen der Bälle übermäßig, so dass an kontrolliertes und geistreiches Spiel oft gar nicht zu denken war. In dieser Umgebung hatten die brutalen, sturen Gewaltspieler die Vorteile auf ihrer Seite. Immerhin konnte Alexander an diesem Abend von Glück sagen, dass er mit einer Dame spielen durfte. Frauen spielen weniger hart, manch-mal gar unsicher und defensiv. Auch Henriette konnte in den ersten Minuten zahlreiche Bälle nicht über das Netz schlagen, lange hatte sie nicht mehr Tennis gespielt. Doch kam recht bald eine gewisse Beständigkeit und Kontinuität in ihr Spiel. Die gelben Bälle flogen nun behutsam, aber regelmäßig über das Netz.
Erstaunt war Alexander über ihren Dress. Diese im Grunde schicke Frau – Besitzerin eines Bekleidungsgeschäftes – trug ein weißes Tennishemd und – ganz eigenartig – eine weite kurze Hose bis knapp über die Knie. Das waren beileibe keine Hot Pants(die sie bei ihren offenbar hübschen Beinen hätte tragen können), es war aber auch keine Tennis- oder Trainingshose. Mit ihrer ganzen Erscheinung erinnerte Henriette an eine englische Kolonialdame im 19. Jahrhundert. Das Spiel indes machte zusehends Spaß. Alexander hatte früher Turniere gespielt, nicht auf allzu hohem, aber doch auf brauchbarem Niveau. Nun spielte er nur noch zum Spaß. Häufig missglückten ihm zu seinem eigenen Ärger viele Grundschläge, deren Gelingen eigentlich eine Selbstverständlichkeit hätte sein müssen. Heute aber spielte er sicher, konnte Henriette die Bälle so zuspielen, dass sich oft längere Ballwechsel entwickelten. Beim Auflesen der Bälle trafen sie sich immer wieder am Netz, wechselten ein paar Worte und lächelten sich manchmal auch zu. Im teuren München kostete eine Stunde Hallentennis 35 Euro. Henriette bestand darauf, das Geld mit Alexander zu teilen.
Sie setzten sich dann an der Bar nebeneinander. Hier ließ sich Alexander nicht lumpen und lud sie auf ein Getränk ein. Henriette bevorzugte Apfelschorle, Alexander gönnte sich ein Hefeweißbier. Kalorien und Alkoholgehalt würden ihm nicht in die Quere kommen, beim bevorstehenden Sauna-Besuch würde er alles ausschwitzen. „Nett ist es hier.“ Henriette schürzte ihre fein geschwungenen Lippen und zwinkerte Alexander zu. „Das Spannende ist, dass man hier unmittelbar neben den Tennisplätzen sitzt und den anderen zusehen kann.“- „Nach getaner Arbeit kann man das ja auch besonders genießen“, entgegnete er.-„Haben Sie früher oft gespielt?“-„Ja, ich habe sogar Turniere gespielt, aber das ganz große Talent war mir nicht vergönnt. Und durch die vielen Umzüge in den folgenden Jahren ist es nicht mehr so recht weitergegangen. Heute bin ich nur noch ein Gelegenheitsspieler. Sie spielen heute aber auch nicht zum ersten Mal.“-„Nein, vor Jahren hatte ich einen Freund, mit dem ich zwei Mal in der Woche gespielt habe. Sportlich bin ich auch immer geblieben. Wenn es Zeit und Wetter zulassen, jogge ich, so oft es geht.“
Zwischen den beiden entwickelte sich eine lockere, dabei aber anregende und kurzweilige Plauderei.
Aus dem Blind Date war bereits eine Art Bekanntschaft geworden. Und wie immer bei neuen Bekanntschaften unter Singles – und Alexander vermutete einfach mal, dass Henriette auch Single war - stellte man sich bereits am Anfang die Frage, ob möglicherweise der lang ersehnte neue Lebenspartner vor einem saß. Zumindest Alexander fragte sich das. Die Frauen waren in dieser Hinsicht oft seltsam verhalten oder abwartend. So viel stand fest: man gefiel sich.
Der sensibelste Teil des Abends lag indes noch vor ihnen. 10 Minuten später trafen sich Alexander und Henriette in der angegliederten Sauna. Welch delikate Situation: Man kannte sich so gut wie gar nicht oder vielleicht nun ein kleines bisschen und würde sich nachher nackt sehen. Dieses Bewusst-sein prickelte in Alexander und ließ sein Herz deutlich pochen. Zugleich empfand er die Situation als völlig unangemessen. Mann und Frau sollten sich nach seiner Überzeugung, zumal in der Öffentlichkeit, erst dann einander nackt zeigen, wenn ein Mindestmaß an Vertrautheit zwischen ihnen existierte oder sie gar miteinander intim gewesen waren. Hier würde es aber nun anders laufen. Nun gut – es sollte ihm auch recht sein. Unbekannte, neue Situationen machten ja schließlich das Leben aus.
Zunächst musste eine gesunde Scheu demonstriert werden. Deshalb hatten sie vereinbart, sich vor der Tür zur Sauna zu treffen. Wie immer war Alexander mit dem Umkleiden schnell fertig geworden. So wartete er in seinem bewährten dunkelblauen Bademantel mit kleinen, aber feinen geometrischen Mustern vor der Eingangstür. Nach kaum einer Minute erschien auch Henriette. Sie trug einen langen cremefarbenen Bademantel, hatte zudem ein blaues Handtuch über den linken Arm gehängt und trug in der rechten Hand eine Seifenschale und Waschlotion. Henriette lächelte ihn verhalten an: „Dann wollen wir mal.“-Alexander öffnete ihr die Tür und sie betraten das großzügig gestaltete Saunagelände. Zunächst suchten sie zwei nebeneinander angeordnete Liegen aus, auf denen sie ihre Handtücher ausbreiteten. Für einen Augenblick setzten sie sich nebeneinander auf die Liegen.
Eine Übereinkunft gab es angesichts ihrer noch sehr kurzen Bekanntschaft nicht. So stand Henrietteals erste auf: “Ich dusch´ mich eben und mach´ dann den ersten Saunagang.“- Nun war es also so weit. Ohne Alexanders Reaktion abzuwarten, schlenderte sie zu den Duschen, die von ihren Liegen gut einzusehen waren. Sie zog den Bademantel aus und hängte ihn an einem Haken auf. Darunter trug sie nichts. Alexander war von ihrem geradlinigen, selbstbewussten Verhalten noch beeindruckt und zunächst auf der Liege sitzen geblieben. Aber warum sollte er nun nicht zur Dusche schauen? Er war überrascht. Henriette hatte einen wunderschönen Körper mit wohl geformten Rundungen an den richtigen Stellen. So attraktiv hatte er sie nach der englischen Kolonialhose nicht erwartet. Alexander schaute ihr aufmerksam, aber nicht aufdringlich zu, wie sie das Wasser über jede Körperpartie laufen ließ. Nun war er dran. Er ging zum Duschbereich, legte seinen Bademantel ab und ließ sich ebenfalls vom Wasser berieseln, sorgfältig darauf achtend, dass er nicht direkt neben Henriette stand und die nackte Frau in ein Gespräch verwickeln musste. Das wäre dann doch zu aufdringlich gewesen. Oder etwa nicht? Aber Henriette war schnell. Sie schlang sich das Handtuch um den Körper und verließ die Duschen Richtung finnische Sauna.
Wenige Minuten später wollte ihr Alexander in den heißen Holzverschlag folgen. Doch es hieß gerade: "Aufguss – momentan kein Zugang“. Alexander wartete 2 Minuten. Als der Saunameister die Kammer verließ, durfte er eintreten – und kam in einen dampfgefüllten feucht-heißen, von Personen fast überquellenden Raum. Er konnte Henriette fast nicht erkennen und nahm auf einer der oberen Bänke einen der wenigen Restsitzplätze ein. Es roch fein nach herber Orange, aber die Mischung aus Hitze und Schweiß treibender Feuchtigkeit war mörderisch. Nun erkannte er Henriette, auf einer der unteren Bankreihen sitzend. Beide genossen die nächsten Minuten in der Sauna schweigend und schwitzend. Henriette verließ bald die Sauna als erste, dabei bewunderte Alexander gern ihre anmutige Rückseite.
In der nächsten Stunde gelang es ihnen, Peinlichkeiten auf Grund ihrer Blöße zu vermeiden. Sie fanden sich auf ihren Liegen wieder und setzten ihren gekonnten Small Talk fort - angeregt, aber nicht emotional, allgemein und nicht vertiefend.
Nach dieser ersten gemeinsamen Unternehmung wurde es noch einmal spannend. Alexander brachte Henriette mit dem Auto nach Hause. Ihr Apartment lag in einem anderen Stadtteil als ihr Laden. Der Weg führte etwa 15 Minuten durch den mittlerweile fortgeschrittenen Winterabend. Hätte es nicht den um 22:20 Uhr noch lebhaften Autoverkehr gegeben, es wäre tiefe Nacht gewesen. Die Konversation verlief schleppend.
Gab es einfach nichts(mehr) zu bereden oder lag es an der bevorstehenden Entscheidung? Alexander wusste: vor ihrer Haustür würde er sie einfach aussteigen lassen oder er würde sie fragen, ob er noch „mit hoch kommen“ solle. Aussteigen lassen wäre die stressfreie Lösung; man ging auseinander, dachte gern an den durchaus genussvollen und heiteren Abend zurück, würde ein Wiedersehen ankündigen, es aber letztlich offen lassen und aus der neuen Bekanntschaft unverbindlich und seelisch wie körperlich unversehrt wieder aussteigen. Single-Kultur halt. Das „Mit-Hoch-Gehen“ würde deutlich mehr Stress auslösen. Alles andere als ein „Angriff“, also der Versuch, einen intimen Kontakt auszulösen, müsste der Frau dann völlig unverständlich, ja lächerlich erscheinen.
Alexander war kein Draufgänger, keiner von der schnellen Sorte. Als Junge und auch noch als junger Erwachsener hatte er sogar riesige Probleme gehabt, Frauen zu gewinnen. Dummerweise lag die ganze Last, den „ersten Schritt“ zu tun, ja immer beim Mann, es sei denn, man hatte etwas Unwiderstehliches an sich. Alexander war nicht unwiderstehlich, zumindest nicht in der Anbahnungsphase. So wäre es also schon darauf angekommen, die Initiative zu ergreifen, zum Beispiel die Frau einfach zu umarmen oder zu küssen, irgendetwas zu tun, das die nette Plauder- oder Kumpelbeziehung in eine andere Bahn gelenkt hätte, die Bahn der Erotik, Leidenschaft, Liebe und vielleicht später auch Beziehung.
Bei Alexander war es viele Jahre wie verhext. Immer wenn die entscheidende Minute, ja Sekunde anstand, wenn ihm ein bewundertes Mädchen gegenüberstand, möglicherweise gar mit schmachtendem Blick oder leicht geöffnetem Mund, spürte er geradezu körperlich eine Blockade, die ihn zurückriss, die verhinderte, dass er tat, was er so gern getan hätte und – schlimmer noch – was er hätte tun müssen, um den Kontakt auf eine neue, zärtliche Ebene zu heben. Waren diese Augenblicke(im wahrsten Sinne des Wortes), die Gelegenheit verpasst, der Zug abgefahren, entlud sich in ihm jedes Mal ein Gefühl der Verbitterung und des Verlustes. Er wusste dann jedes Mal, er hatte auch diese Beziehung verspielt, vergeigt, ja gar nicht erst entstehen lassen. Es war sogar vorgekommen, dass er auf den damals üblichen Teenagerparties beim Tanz zu einem Schmusesong die Mädchen eng umschlungen im Arm hielt, aber nicht imstande war, sein Gesicht dicht vor ihres zu bringen und sie zu küssen, ganz einfach, ohne Worte. Das hätte das „Zusammen-Gehen“ besiegelt. Wenn das Mädchen entsprechend reagiert…Und genau da lag das Problem: was ist, wenn der Annäherungsversuch(wobei bei solchen Tänzen, auch „Stehtango“ genannt, die große Nähe, das Schmusen ja schon bestand) von der jungen Frau abgeblockt und er damit abgewiesen wird?
Inzwischen wusste Alexander: was gab es in solchen Situationen zu verlieren? Es gab nichts zu verlieren, nur zu gewinnen? Wenn man keinen Vorstoß wagt, hat man schon verloren. Manchmal redete er sich danach selbst heraus mit dem Argument, dass es doch total ungerecht und unfair sei, dass sich immer der Mann aus der Deckung wagen und eine Abfuhr riskieren muss und nie die Frau. Aber was half ihm das? Hätte er es doch einfach als Spiel betrachtet nach dem Motto: „Schauen wir mal, was bei meinem Experiment herauskommt, ob sie anbeißt.“
So weit war er damals aber nicht, seine Gedanken hatten immer wieder um diese krankhafte Blockade gekreist statt sich die Fragen zu stellen, die zur Befreiung aus vielen Situationen des Zauderns und Zagens herausführen können: „Was spricht dagegen, in dieser Situation diesen Schritt zu tun?“ und – noch elementarer – „Was kann schlimmstenfalls passieren, wenn ich jetzt diesen Schritt tue, wenn ich es wage?“ Hätten diese Fragen schon damals zu seinem Gedankengut gehört, er hätte gehandelt, ganz sicher, und ihm wären kummervolle, destruktiv verbrachte Monate und Jahre erspart geblieben. Wochen lang hatte er immer damit gehadert, gegrübelt, wie er womöglich doch noch den Weg zu der Angebeteten finden konnte. Dieses Hadern hatte aber nie zu einem Ergebnis geführt.
So musste er seine ganze Jugend und die Jahre Anfang 20, in denen die Schaffung eines beruflichen Fundaments ansteht und ein geregeltes und verlässliches Privatleben von entscheidender Bedeutung sein kann(es sei denn, man ist erfolgreicher und glücklicher Casanova), ohne Partnerschaft und ohne Sexualität zurechtkommen. Diese Zeiten lagen nun glücklicherweise hinter ihm. Er hatte sehr darum kämpfen müssen, sich zu trauen, hatte sich manch blutige Nase geholt bei Annäherungen, die mangels Erfahrung zunächst tölpelhaft ausfielen. Bald hatte er dann aber seine Traumprinzessin gefunden, die ihm alle Tränen weggeküsst, ihn geliebt und verwöhnt und ihn zu einem überglücklichen Mann gemacht hatte. Und dann war sie vor fast genau einem Jahr wieder gegangen…
Nun war Alexander ein Mann in mittleren Jahren, die Blockade gab es nicht mehr und er konnte seine Handlungen auf diesem pikanten Lebenssektor steuern, zumindest weitgehend. Seit der Trennung von seiner Frau hatte er einige Frauen „herumgekriegt“, mit ihnen geschlafen. Er wusste also, er kommt endlich heran an die Frauen. In einem Fall hätte es sogar auf eine neue Lebensbeziehung hinauslaufen können. Frau mit 13-jähriger Tochter, die ihn fast schon wie einen Vater verehrte, große Gefühle bei der Mutter, gediegenes Reihenhaus in guter Wohnlage – er hätte mehr gehabt als vorher mit Rosemarie. Aber trotz seines vorher existierenden Gefühls der Einsamkeit und Verlorenheit – er hatte diese Beziehung aus den Händen gegeben, er hatte sie geradezu mit Füßen getreten. Er hatte die Frau einfach nicht gemocht, sie stets mit Rosemarie verglichen(Das Schlimme war, dass sie manche Gemeinsamkeit mit ihr hatte) und dabei stets schlecht abschneiden lassen.
Nun war sie also da – die Minute und irgendwann die Sekunde der Entscheidung bei Henriette. Wie erwähnt – Alexander konnte es nun (fast) steuern und er wählte die entspannendere Alternative. Er ließ sie sich verabschieden, bekundete, dass es ein schöner Abend gewesen sei und machte keine Anstalten, ihr einen Abschiedskuss, und sei es auch nur auf die Wange, zu geben. Somit war nichts verloren(nun nicht mehr, noch einmal – er konnte es jetzt ja steuern), und gewonnen war ein schöner Abend mit Sport, lockerer Unterhaltung und der Freude daran, diese Frau auch „in natura“ gesehen zu haben, ohne sich emotional zu verwickeln. Single-Philosophie pur! So lief es in dieser Stadt – der Hauptstadt der Singles – sicher jeden Abend Hunderte Male und jeden Monat tausendfach. Viele sehnten sich danach, sich mit einem anderen Menschen – möglichst sogar in Liebe – zusammenzutun. Aber fast keiner will die Flanke öffnen, sich verwundbar machen, ein Risiko für das geschundene oder versteinerte Herz eingehen. Da war es doch einfacher, sich weiter zu sehnen, zu träumen und in seiner Burg – häufig winzige Apartments in großen Wohnanlagen – zu verharren. Um sich nicht als völlig einsam verstehen zu müssen, wird abends zum Telefonhörer gegriffen und der – oft genug ebenso unverbindliche – Freundeskreis abtelefoniert. Der Begriff „Freundeskreis“ ist dabei häufig übertrieben. „Bekanntenkreis“ trifft es eher. Ein weniger geglücktes oder gar missglücktes Treffen, und die entsprechende Person purzelt aus der Adress- und Telefonliste heraus.
