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Die Via Tolosana, eine der wildesten und unberührtesten Wanderstrecken Europas, führt Pilger und Wanderer – zu Fuß – von Arles durch die wilde Camargue nach Montpellier, über die sturmumbrausten Cevennen in die sanfte Ebene des Lauragais nach Toulouse. Vorbei an Palmenhainen, einsamen Bauernhöfen, versteckten Klöstern und römischen Ruinen schlängelt sich die Via Tolosana durch die grüne Hügellandschaft der Gascogne zu den schneebedeckten Pyrenäen. Auf dem abenteuerlichen Weg schildert der Autor – wirklichkeitsgetreu und realitätsnah – persönliche Erlebnisse, Begegnungen mit Anwohnern sowie seltsame Erscheinungen am Wegesrand. Beim Aufstieg zum Col du Somport – nach manchen wertvollen Erfahrungen und überraschenden Erkenntnissen – kommt der Autor dem himmlischen Paradies unerwartet nahe.
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Seitenzahl: 412
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Jan-Peter Schneider
Auf der Via Tolosana
Die abenteuerlichen Erlebnisse eines Wanderers
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Impressum neobooks
Eine innere Stimme drängt mich zum Aufbruch. Die Via Tolosana, eine der wildesten und unberührtesten Wanderstrecken in Europa, ruft immer lauter. Die Via Tolosana führt von Arles durch das Rhônes-Delta, streift die zerklüfteten Ausläufer der Cevennen, schlängelt sich um die Rigole de la Plaine, durchzieht die sanfte Hügellandschaft der Gascogne und erklimmt schließlich in den Pyrenäen, auf steilen und gefährlichen Bergpfaden, den Col du Somport. Am Rande der Via Tolosana, die als „Grande Randonnée 653“ zum Netz europäischer Fernwanderwege gehört, erwarten mich einige bedeutende kulturhistorische Zeugnisse aus der Zeit des Römischen Reiches.
Aber noch stehe ich bewundernd vor dem Hauptportal des Amphitheaters von Arles. Durch mehrere Reihen aus breiten Steinbögen hindurch erhasche ich einen Blick auf die Arena und die steil ansteigenden Zuschauerränge. In römischer Zeit hatte das Amphitheater ein Fassungsvermögen von 25.000 Zuschauern. Ein raffiniertes System aus Auf- und Abgängen ermöglichte es den Ausrichtern der Gladiatorenspiele, die große Anzahl von Zuschauern innerhalb weniger Minuten auf ihre Sitzplätze zu leiten und, nach Abschluss der Veranstaltung, in genauso kurzer Zeit auch wieder zu evakuieren. Eine ingenieurstechnische Meisterleistung! Beim Anblick der Arena fällt es einem nicht schwer, die spannungsgeladene Atmosphäre zu erahnen, die bei einem Gladiatorenkampf auf den Rängen geherrscht haben muss: Unter Fanfarenklängen betreten zwei Gladiatoren die Arena und stellen sich unter dem Jubel des Publikums in der Mitte auf. Kaum hat der Schiedsrichter, in weißer Toga gekleidet, den Stab gesenkt, stoßen die beiden Schilder – unter dem Johlen der Zuschauer – krachend gegeneinander. Eilig holt der Murmillo zu einem Schlag mit dem Kurzschwert aus, doch der Thraex zieht sich flink zurück. Anfeuerungsrufe der Zuschauer schallen durch die Arena. Mit seinem kleinen gewölbten Schild tänzelt der Thraex leichtfüßig um den Murmillo herum, während dieser mit dem großen Rechteckschild schwerfällig um seine eigene Achse tapst. Der Thraex hebt sein Krummschwert drohend zum Schlag, doch der Murmillo versteckt sich geschickt hinter seinem großen Schild. Plötzlich springt der Thraex vorwärts und schlägt mit dem Krummschwert zu. Holz splittert. Der Murmillo wankt unter dem Schlag, ächzt unter dem Gewicht seines großen Rechteckschildes, fängt sich aber wieder. Im direkten Gegenzug schlägt er – unter dem begeisterten Toben der Zuschauer – mit seinem Kurzschwert zurück, erwischt den Armschutz des Thraex. Leichtfüßig weicht der Thraex zurück, hält aber den blutenden Schlagarm nur noch unter großen Schmerzen oben. Der Murmillo, der nun seine Chance wittert, tapst auf den verwundeten Thraex zu und schlägt mit seinem Kurzschwert heftig auf den Oberkörper ein. Der Thraex kann gerade noch sein kleines Schild zur Abwehr heben, dann kracht das Kurzschwert schon gegen sein Schild, bevor er strauchelt und – unter dem Johlen der Zuschauer – auf den Boden stürzt. Mit einem Satz steht der Murmillo mit gezücktem Schwert über ihm, bereit ihm in die Kehle zu stoßen. Als der Thraex das Schwert fallen lässt und die Hand hebt, schreitet der Schiedsrichter mit seinem Stab ein und beendet den Kampf. Unter dem Beifall der Zuschauer verlassen die beiden Gladiatoren die Arena, während der Ausrichter bereits den nächsten Programmpunkt ankündigt: Hinrichtung ad bestiam. Als die zum Tode Verurteilten – in Begleitung von bewaffneten Soldaten – die Arena betreten, ist aus dem Untergeschoss des Amphitheaters bereits das Brüllen der wilden Raubtiere zu hören. Die Zuschauer auf den Rängen johlen höhnisch: „Mörder!“ „Verfluchte Aufständische!“ Die Toten der Gladiatorenkämpfe wurden vor den Stadttoren von Arles auf dem Alyscamp an der Via Aurelia beerdigt, einer römischen Fernstraße, die Arles unter anderem mit Aix-en-Provence, Genua, Pisa und Rom verband. Der Name der Nekropole, Alyscamp, spielt auf das Elysium, die paradiesische Insel der Seligen, an, auf der die Götter nach griechischer Mythologie die von ihnen besonders geliebten Helden entrückten, wenn sie ihnen Unsterblichkeit schenkten.
„Die Gladiatorenkämpfe“, sinniere ich mit Blick auf das großartige Amphitheater, während mich ein Café au lait erwärmt, „boten den Zuschauern eine willkommene Abwechslung von ihrem Alltagsleben. Die Ausrichter sorgten mit kampferprobten Gladiatoren und furchteinflößenden Raubtieren aus allen Teilen des Römischen Reiches für spektakuläre Kämpfe. Im Rahmen der Gladiatorenspiele führten die Ausrichter aber auch blutige Hinrichtungen von Kriegsgefangenen und verurteilten Straftätern durch. Diese drakonischen Strafen sicherten – durch öffentliche Demütigung der Verurteilten und durch Einschüchterung der Bevölkerung – die Macht der römischen Aristokraten. Mit der Ausrichtung solcher Gladiatorenkämpfe“, schlürfe ich nachdenklich den Café au lait, „konnte die Unzufriedenheit der einfachen Bevölkerung, vor allem den Missmut über ihre miserablen Lebensverhältnissen in beengten Mietblöcken, die Verbitterung über die niedrigen Arbeitslöhne, die Verärgerung über die teilweise kaum bezahlbaren Lebensmittelpreise, überdeckt werden. Zudem konnten sich die Sponsoren der Gladiatorenspiele die Zustimmung und Unterstützung der einfachen Bürger bei Wahlen zu öffentlichen Ämtern sichern.“
Gegen Mittag drängt mich die innere Stimme unüberhörbar zum Aufbruch. Mit einem widerwilligen Ruck schultere ich den Rucksack, der mir in diesem Augenblick noch federleicht erscheint, und breche zur ersten Etappe der Via Tolosana auf. Gegenüber der Kathedrale Saint Trophime flattern gleich mehrere Trikoloren an der Fassade des Rathauses. Kaum habe ich den Rathausplatz überquert, pfeift mir in der Rue de la République bereits ein kühler Wind entgegen und die wenigen Passanten hasten mit zerzausten Kleidern durch die Gasse. Kurz vor der Trinquetaille-Brücke spricht mich ein älterer Herr mit kleinem Rucksack von der Seite an: „Gehst du etwa auf die Via Tolosana?“ „Ja,“ entgegne ich „Sie etwa auch?“ und deute auf seinen Rucksack. „Nein,“ antwortet er lachend, „aber vor einigen Jahren bin ich selbst auf der Via Tolosana und dem Camino Francès nach Santiago gewandert.“ Dann mustert er mit einem Blick meine Ausrüstung „Hast du denn keinen Wanderstab dabei?“ „Nein. Braucht man denn einen?“ frage ich skeptisch. „Ja, klar, um dich gegen bösartige Hunde zur Wehr zu setzen. Du schlägst Ihnen auf die Schnauze und sie lassen von dir ab.“ erklärt er mit einem spitzbübischen Lächeln. „Und wenn der Weg über kleine Bäche oder durch sumpfiges Gelände führt, kannst du dich auf dem Wanderstab abstützen.“ Ich merke schon: Die Wanderung auf der Via Tolosana verspricht wirklich ein spannendes Abenteuer zu werden. Je näher wir der Rhône kommen, desto kräftiger zerrt der Luftzug an mir und meinem Rucksack. Auf der Trinquetaille-Brücke schließlich brausen derart heftige Sturmböen, dass ich mich dem Wind mit aller Kraft entgegenstemmen muss, um nicht auf den Boden geworfen zu werden. „Heute bläst aber ein kräftiger Mistral.“, bemerkt der ältere Herr trocken. Tatsächlich peitscht der Mistral die Rhône zu meterhohen, schäumenden Wellen auf und treibt diese stromabwärts Richtung Mittelmeer. „In dieser Jahreszeit musst du auf den Etappen in den Cevennen mit Niederschlag und niedrigen Temperaturen rechnen.“ gibt der ältere Herr mir noch mit auf den Weg, bevor er sich auf der anderen Seite der Rhône mit einem freundlichen „Bonne chance!“ verabschiedet.
Auf mich allein gestellt schlage ich mich durch den Vorort Trinquetaille und gelange schon bald auf eine einsame Landstraße, die durch die flache Mündungsebene der Rhône führt. Bei klarem Himmel und frühlingshaften Temperaturen rauscht der Mistral unablässig über die landwirtschaftlich genutzten Flächen, die sich bis an den Horizont hin ausdehnen. Auf den Viehweiden käuen – unbeeindruckt von dem stürmischen Wetter – schwarze Camargue-Rinder mit ihren ausladenden Hörnern, während auf den Pferdekoppeln unmittelbar daneben weiße Camargue-Pferde ungestüm wiehern. In den Wassergräben entlang der Landstraße wachsen bis zu 4 Meter hohe Schilfpflanzen, die sich im Takt der Mistralböen raschelnd zur Seite beugen. Der Mistral fegt auch über die wenigen verstreut liegende Wohnhäuser hinweg, die mit pastellgelbem Anstrich und den blauen Fensterläden zarte Farbtupfer in der kargen Mündungsebene der Rhône setzen. Auf den Reisfeldern am Wegesrand stehen noch die verdorrten Reisbüschel des letzten Jahres. Nach einem angenehmen Marsch durch das Mündungsdelta überquere ich die Brücke über die Petite Rhône und gelange dadurch zum ersten Mal auf das Gebiet der Region Languedoc-Roussillon. Das heutige Etappenziel, die Kleinstadt Saint Gilles du Gard, befindet sich bereits in Sichtweite. Auf dem Hügel, in der Nähe der Petite Rhône, ist bereits der Glockenturm der Abteikirche Saint Gilles zu erkennen, der, Ainmitten von ineinander geballten Häusern in abgestuften Beige- und Brauntönen, emporragt.
Am späten Nachmittag, der Mistral hat mittlerweile nachgelassen, dafür ist die Hitze unerträglich, trudele ich ziemlich ermüdet auf dem Vorplatz der romanischen Abteikirche des ehemaligen Benediktiner-Klosters ein. An dem Maison des Pélerins, das unmittelbar am Platz liegt, lehne ich mich erst erleichtert an die Hauswand und lasse den lästigen Rucksack auf den Boden plumpsen. Die heutige Etappe durch das flache Mündungsdelta der Rhône ist – zumindestens für einen ungeübten Wanderer wie mich – doch ziemlich anspruchsvoll gewesen. Die Füße brennen bereits seit einigen Stunden in den Wanderschuhen, vielleicht haben sich sogar die ersten Blasen an der Ferse gebildet. Und die Schulterblätter schmerzen genau an den Stellen, auf denen das Gewicht des Rucksacks den ganzen Tag über gelastet hat. Einen leichten Sonnenbrand habe ich mir, glaube ich, auch zugezogen. Denn durch den frostigen Mistralwind ist mir überhaupt nicht aufgefallen, dass ich während der gesamten Etappe der intensiven Sonnenstrahlung des Midi ausgesetzt war. Nach einer Verschnaufpause betrete ich das Maison des Pélerins und treffe im Inneren auf den Herbergsvater, einen älteren Herren mit grauen Haaren, der mich herzlich begrüßt: „Bonjour! Bienvenue, cher pélerin!“ Wir plaudern kurz miteinander, dann lege ich ihm das Créanciale, den Pilgerpass, vor: „Pouvez-vous tamponner ce document, s'il vous plaît?“ Der Herbergsvater, gutmütig lächelnd, holt den Stempel heraus, presst ihn in das Stempelkissen, nimmt beim Créanciale genau Maß und drückt ihn kurz darauf fest in das Créanciale. „Merci bien!“ Mein erster Stempel auf der Via Tolosana! Aufmerksam begutachte ich den Stempelabdruck, bevor ich den Pilgerpass trocken wedele und anschließend wieder vorsichtig im Rucksack verstaue.
Wenige Stunden später, leicht erholt von der ersten Etappe auf dem GR 653, öffne ich zur Feier des Tages eine Flasche Wein aus der Region. Ein guter Tropfen! Bei einem Glas lasse ich die ersten Eindrücke der Via Tolosana, das prächtige Amphitheater in Arles, die vom Mistral aufgepeitschte Gischt der Rhône, die wehenden Mähnen der Camargue-Pferde, aber auch die brennenden Füße bei meiner Ankunft in Saint Gilles du Gard, noch einmal Revue passieren.
Am späten Vormittag breche ich vom Maison des Pélérins zur zweiten Tagesetappe auf. Bedächtig laufe ich die Rue de la République hinab durch das mittelalterliche Stadttor von Saint Gilles du Gard. Bei strahlend blauem Himmel und angenehmen Temperaturen gelange ich schon bald auf den Sentier de Cougourlier, der mich durch blühende Apfel-, Pfirsich- und Aprikosenplantagen und manche noch kahle Weinfelder führt. In sämtlichen Obstplantagen und Weinfeldern haben die Landwirte mittlerweile Wasserrohre im Erdboden verbuddelt. Auf diese Weise ist jeder einzelne Obstbaum, jede einzelne Weinrebe im Wurzelbereich mit einem Wasseranschluss ausgestattet und wird bei Bedarf gezielt mit Wasser versorgt. Auf einer kleinen Weide nebenan hüpfen Lämmer blökend um ihre frierenden Mutterschafe. Der Schafzüchter lässt sich kurz bei der Schafschur stören und versichert mir, dass ich mich weiterhin auf der Via Tolosana in Richtung Vauvert befinde. Beruhigt setze ich meinen Weg auf dem Sentier de Cougourlier fort. Auf beiden Seiten des Weges breiten sich nun unzählige, geordnete Reihen von frühlingshaft kahlen Weinreben aus. Beinahe könnte man meinen, die Weinplantagen würden sich bis zum Horizont erstrecken, derart gründlich haben die Winzer das flache Mündungsdelta der Rhône für den Weinanbau genutzt. Inmitten dieser ausgedehnten Anbaugebiete erheben sich die palastartigen Weingüter der Winzer. Plakative Schilder am Rande der Straße laden interessierte Weinkenner zur Verkostung in den Weinkellern ein. In glühender Mittagshitze stoße ich auf den Canal du Rhône-Languedoc, einen breiten Wasserkanal aus Beton, durch den unablässig – fast geräuschlos – beträchtliche Wassermengen strömen. Damit wird sicherlich der gewaltige Wasserbedarf der Landwirtschaft für die Bewässerung der Reisfelder, der Obstplantagen und der Weinfelder gedeckt. Beim Anblick des Wasserkanals muss ich unwillkürlich an den römischen Pont du Gard denken, der – nur wenige Kilometer entfernt – zusammen mit seinen Aquädukten über mehrere Jahrhunderte die Wasserversorgung der Stadt Nîmes absicherte. Auf drei Etagen mit einer Gesamthöhe von 49 Metern überquert der Pont du Gard bis heute das Flusstal des Gardon. Auf der obersten Ebene flossen täglich etwa 20.000 m³ Quellwasser durch eine Röhre aus wasserundurchlässigem Beton in Richtung Nîmes. Zusätzlich dichteten die Bauingenieure die Betonröhre mit einer rötlichen Paste aus Wein, gelöschtem Kalk und Fett ab, um etwaige Leckagen des Aquäduktes auszuschließen. Auf der Gesamtstrecke von 50 km haben die Bauingenieure dabei – mit Blick auf die Vermessungstechnik – eine wirklich staunenswerte Leistung vollbracht, denn das durchschnittliche Gefälle des Aquäduktes betrug lediglich 24 cm auf einem Kilometer Wasserleitung. Eine ingenieurstechnische Meisterleistung! In Gedanken versunken marschiere ich noch mehrere Kilometer an dem schnurgeraden Wasserkanal aus Beton entlang, ehe mir eine rot-weiße Markierung signalisiert, dass ich den Canal du Rhône-Languedoc auf einer Brücke überqueren muss. Auf der anderen Kanalseite gelange ich in leicht hügeliges Terrain mit zahlreichen Apfel-, Pfirsich- und Kirschplantagen, die bereits in voller Blüte stehen. In den Bäumen brummen Bienen, Hummeln und andere Insekten von Blüte zu Blüte, um an dem schmackhaften Nektar zu saugen. In den kahlen Weinstöcken nebenan sind wohl noch einige Winzer mit Schnittarbeiten zu Gange, denn auf dem Feldweg stapelt sich bereits das aufgeschichtete Schnittholz zum Abtransport. Während ich mich, bei prallem Sonnenschein, den nächsten Anstieg hinauf quäle, verfluche ich meinen Rucksack, der allem Anschein nach enorm an Gewicht zugelegt hat. Von der Viehweide nebenan glotzen mich dabei Rinder mit großen Augen unverblümt an. Auf einer anderen Weide dürfen sich unterdessen glückliche Schweine grunzend in Schlammlöchern suhlen. Der zähe Anstieg zieht sich gewaltig in die Länge. Erst am späten Nachmittag erreiche ich endlich den Hügelrücken, von dem ein Hohlweg in einen verwunschenen Eichenwald führt. Nach der fast unerträglichen Hitze beim Aufstieg genieße ich den angenehm kühlen Schatten, den die breit ausladenden, knorrigen Eichen spenden. Auf dem Hohlweg geht es abwärts in ein idyllisches Tal, dann steigt der Weg wieder an, bis ich, vom Waldrand aus, in einiger Entfernung – endlich – den Ortsrand von Vauvert ausmachen kann. Gegen Einbruch der Dämmerung erreiche ich schließlich den heutigen Etappenort.
Während ich in der Altstadt nach einer privaten Herberge suche, kommt mir ein dezent gekleideter, älterer Herr in schwarzem Anzug und weißem Hemd entgegen, an dessen Brust ein großes, metallenes Kreuz baumelt. Über seinem grauen Rauschebart lugen winzige Augen hinter einer Hornbrille hervor. Spontan spreche ich ihn an: „Entschuldigung, könnten Sie mir vielleicht helfen? Ich suche eine Unterkunft.“ Der kräftige alte Herr räuspert sich erst einmal schwerfällig, bevor er mir in bestem deutsch erwidert: „Mal schauen, ob ich Ihnen helfen kann.“ „Sie sprechen ja ganz hervorragend deutsch.“ rufe ich überrascht aus. „In meiner aktiven Zeit habe ich mehrere Jahre als Militärseelsorger beim Euro-Korps in Mühlhausen gearbeitet.“ erklärt der ältere Herr. „Ach“, sage ich, „der Verband militärischer Einheiten europäischer Staaten, der zur Verteidigung der Europäischen Union sowie der Krisenintervention bei EU-Missionen dient. Am Euro-Korps beteiligt sich, wenn ich mich nicht irre, auch die deutsch-französische Brigade.“ „Ja, so ist es.“ erwidert der ehemalige Militärseelsorger lakonisch. Langsam und bedächtig tapst er durch die Altstadt voran. „Es gibt drei Kirchen in Vauvert, die reformierte Kirche,“ der ältere Herr bleibt stehen und zeigt in Richtung einer Kapelle, bevor er einige Schritte weiter tapst „die lutheranische Kirche und die katholische Kirche.“ der ältere Herr hält erneut inne und weist in Richtung Stadtzentrum „Die zwei protestantischen Kirchen haben sich bereits vor 150 Jahren getrennt.“ Er legt eine kurze Pause ein. „Vor 150 Jahren.“ wiederholt der ehemalige Militärseelsorger. Beeindruckt nicke ich. „Zwei protestantische Kirchen in einer Kleinstadt mit 10.000 Einwohnern? Das wundert mich, denn erst neulich habe ich gehört, dass in Frankreich lediglich 2 Prozent der Bevölkerung Protestanten sind, während sich die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung zum katholischen oder muslimischen Glauben bekennt.“ „Ja, tatsächlich.“ bestätigt der ehemalige Militärseelsorger mit einem missmutigen Lächeln. „Im Departement Gard liegt der Anteil der Protestanten aber bei 10 bis 20 Prozent.“ Auf meinen fragenden Blick fügt er hinzu: „Das ist auf die Religionskriege im 16. Jahrhundert zwischen dem katholischen König und den protestantischen Hugenotten zurückzuführen. Im Verlauf dieses Konfliktes wurden die Hugenotten in die Gebiete südlich der Cevennen abgedrängt.“ Mit kleinen Schritten tapst er vorwärts. „In Frankreich besteht, wie Sie vielleicht wissen,“ der alter Herr hält an und wendet sich mir zu „eine Trennung von Staat und Kirche. In den staatlichen Schulen wird also kein Religionsunterricht erteilt. Die Schüler haben lediglich die Möglichkeit, während ihrer Freizeit den Religionsunterricht in der Gemeinde zu besuchen. Von diesem Angebot machen aber nur wenige Schüler Gebrauch, denn viele Eltern schicken ihre Kinder nicht zum Religionsunterricht.“ seufzt der ehemalige Militärseelsorger missmutig, bevor er weitertapst. Die Nacht ist bereits hereingebrochen, als wir endlich bei der Herberge eintreffen. Ich bedanke mich herzlich beim alten Herrn für seine Hilfsbereitschaft. „Bonne soirée!“
An der Pforte der Herberge erwartet mich bereits eine kleine Frau, die sich mit „Monica“ vorstellt. Sie führt mich in den Hof eines größeren Anwesens, öffnet einen Schuppen und knipst das Licht an. Eine kleine, saubere Kammer, aber nach der langwierigen Suche bin ich erleichtert, überhaupt eine Unterkunft gefunden zu haben. Entkräftet streife ich den Rucksack ab, entledige mich der Wanderschuhe und lasse mich rückwärts in das Bett fallen. Als ich mich in der Kammer umsehe, finde ich doch tatsächlich das erst kürzlich erschienene Buch „Immortelle Randonnée: Compostelle malgré moi“ von Jean-Christophe Rufin im Regal. Aus unerklärlichen Gründen hat Rufin, Mitglied der Academie Francaise, – wie Hape Kerkeling – eines Tages den Entschluss gefasst, auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela zu wandern. Spontan nehme ich das Buch aus dem Regal und blättere es durch. Bei einem Glas Wein – eine Flasche Wein habe ich noch zufällig im Rucksack gefunden – schmökere ich begeistert in seinen Beobachtungen über die erste Begegnung mit der für ihn bis dahin unbekannten Pilgerwelt. Mit dem scharfem Blick eines Wissenschaftlers seziert Rufin – sehr zutreffend – die unterschiedlichen Motive der Pilger auf dem Jakobsweg und ihre typischen Eigenarten. Höchst amüsant! Bis tief in die Nacht erheitere ich mich an seinen persönlichen Erlebnissen auf dem Camino de Norte, an der baskischen und kantabrischen Küste entlang, die Rufin wirklich sehr unterhaltsam zu präsentieren versteht.
Am nächsten Morgen bei Tageslicht verlasse ich die Kammer und stelle überrascht fest, dass die Kammer, in der ich übernachtet habe, allem Anschein nach früher eine Pferdebox war, die zu einer kleinen Unterkunft umgebaut wurde. Auf Nachfrage lacht Eric, der Inhaber der Herberge: „Der Vorbesitzer hat in den Pferdeboxen einst Pferde gehalten, um seinen eigenen Kindern und den Kindern seiner Freunde und Nachbarn Reitunterricht zu ermöglichen.“ Später beim Frühstück erzähle ich ihm über meine Eindrücke von der zweiten Etappe: „Gestern Abend bin ich in der Altstadt einem pensionierten Militärseelsorger, der früher beim Euro-Korps gearbeitet hat, begegnet. Der alte Mann hat mir dann bei der Suche nach einer Unterkunft geholfen.“ Eric, das merke ich schon, ist ziemlich unzufrieden mit den politischen Verhältnissen in Frankreich, denn er beginnt sogleich zu schimpfen: „Schon seit Jahren geht es in Frankreich bergab. Jetzt kürzlich hat der Verteidigungsminister tatsächlich beschlossen, einen Standort des Euro-Korps zu schließen, um eine Kürzung des Verteidigungsetats auszugleichen.“ Eric schüttelt verärgert den Kopf. „Gerade beim Euro-Korps wird der Rotstift angesetzt.“ „Das ist nun tatsächlich vollkommen unverständlich.“ stimme ich ihm zu. „Gestern – auf der Etappe von St. Gilles du Gard nach Vauvert – habe ich ziemlich viele Weingüter, Apfel-, Pfirsich-, Aprikosen- und Kirschplantagen gesehen.“ wechsele ich das Thema. „Ja, die Region ist ein wichtiges Obst- und Weinanbaugebiet.“ erklärt mir Eric. „Die Pflückarbeiten in den Obstplantagen und die Weinlese auf den Weingütern sind natürlich sehr arbeitsaufwendig. In der Erntezeit sind die Landwirte daher auf Unterstützung durch Saisonarbeitskräfte angewiesen. Insgesamt arbeiten hier jedes Jahr etwa 2.000 Erntehelfer. Viele von denen kommen schon seit vielen Jahren, um bei der Obst- und Weinernte etwas hinzuzuverdienen.“ Nach einer kurzen Pause fügt Eric hinzu: „Während der Weinlese wird hier in der Stierarena übrigens auch ein traditionelles Stierfest veranstaltet.“ „In Vauvert gibt es eine Stierarena?“ frage ich erstaunt. „Bei deiner Ankunft in Vauvert musst du eigentlich an der Arena vorbeigelaufen sein.“ erwidert Eric. „Die Stierarena befindet sich nämlich am Rande der Altstadt an einem großen Platz.“ „Ja, das mag sein, dass ich daran vorbeigelaufen bin.“ räume ich ein. „In der Dämmerung ist mir die Arena aber nicht aufgefallen.“ „In der Camargue hat eigentlich fast jede Stadt eine solche Stierarena. Bei den traditionellen Stierrennen werden die Hörner der Stiere mit Kokarden geschmückt, die die Raseteurs mit Hilfe eines Hakens innerhalb einer Viertelstunde abreißen müssen. Nach dem Stierrennen erhalten die Raseteurs dann die für die Kokarden festgesetzten Preisgelder.“ Eric holt ein Buch über Stierrennen in der Camargues herbei und zeigt mir verschiedene Illustrationen, die die schwarzen Camargue-Rinder sowie die weißgekleideten Raseteurs und ihre Helfer, die Tourneurs, bei der Jagd auf die Kokarden zeigen. Während ich einen Café au lait schlürfe, stellt Eric fest: „Europa bietet jungen Leuten während Ausbildung und Studium viele Möglichkeiten mit dem ERASMUS-Programm. Meine Tochter hat während ihrer Schulzeit selbst ein Jahr an einem College in England verbracht.“ „Wo denn?“ erkundige ich mich neugierig. „In Brighton, an der englischen Südküste.“ „Ach, in Brighton steht doch der Royal Palace, der nach dem Vorbild indischer Mogul-Paläste erbaut und im Inneren im chinesischen Stil eingerichtet wurde.“ rufe ich aus. „Und mit den Vergnügungsparks auf den Piers.“ ergänzt Eric. „Genau.“ „Und der College-Besuch hat im Rahmen eines schulischen Austauschprogramms stattgefunden?“ „Nein, das war eine private Organisation, die diesen College-Aufenthalt vermittelt hat. Die Gasteltern aus Brighton haben sich bereit erklärt, meine Tochter für ein Jahr in ihrem Haus aufzunehmen. Ihre englischen Mitschüler haben sich aber ziemlich garstig gegenüber meiner Tochter verhalten und sie bei jeder Gelegenheit aufgezogen und gehänselt – so bösartig, wie Kinder in diesem Alter eben sein können.“ Eric schweigt einen Moment nachdenklich, bevor er fortfährt: „Meine Tochter hat während dieses College-Jahres ziemlich leiden müssen.“ „Ja, manchmal fehlt denen ein Gespür für die Grenzen des Humors.“ „Auf jeden Fall hat sie während dieses College-Aufenthaltes ihre englischen Sprachkenntnisse deutlich verbessern und nebenbei einige wertvolle Lebenserfahrungen sammeln können.“ Eric nimmt einen Schluck Wasser zu sich. „Die EU erlaubt die Gasförderung mittels Fracking.“ empört sich Eric, kurz nachdem er das Wasserglas abgesetzt hat. „Obwohl beim Fracking ein giftiges Chemikalien-Cocktail unter Hochdruck in den Untergrund gepresst wird, damit sich das Gas aus dem Schiefergestein lösen kann.“ „Ja, neulich habe ich auf ARTE eine Dokumentation über die Auswirkungen der Förderung von Schiefergas mittels Fracking auf Mensch und Natur in den USA gesehen.“ erzähle ich Eric. „Beim Fracking bilden sich im Untergrund bis zu 800 Meter lange Risse im Gestein. Neuste Untersuchungen haben ergeben, dass diese Fracking-Methoden bereits mehrere Erdbeben in den USA ausgelöst haben.“ „Nicht zu glauben!“ schüttelt Eric mit dem Kopf. „Das Chemikalien-Gemisch, das beim Fracking in das Schiefergestein gepresst wird bzw. das für die Wartung von Bohrköpfen und Röhren genutzt wird, besteht aus unzähligen giftigen Substanzen. Etwas ein Drittel des Chemikalien-Gemisches bleibt dauerhaft im Boden, die übrigen zwei Drittel müssten eigentlich aufwendig auf Sondermüll-Deponien entsorgt werden, aber in der Praxis verdunstet dieses Chemikalien-Gemisch in aller Regel in Sammelbecken, wodurch die Giftstoffe in großen Mengen ungefiltert in die Atmosphäre entweichen.“ „Unfassbar!“ ruft Eric aus. „In der Tat.“ stimme ich ihm zu. „Dazu kommt, dass die Chemikalien-Flüssigkeit, die im Boden verbleibt, in vielen Fällen das Grundwasser vergiftet. Das „Wasser“, das dort aus dem Wasserhahn fließt, teilweise tiefschwarz, teilweise bräunlich getrübt, aber auf jeden Fall übelriechend und ungenießbar, kann überhaupt nicht mehr als Trinkwasser genutzt werden.“ Eric schüttelt erschüttert den Kopf. „Wenn dort Einwohner zu Hause den Wasserhahn aufdrehen, können die Leute das im Wasser gelöste Methangas mit einem Feuerzeug entzünden, so dass eine riesige Stichflamme entsteht.“ Eric nickt mit dem Kopf: „Das Video habe ich auch schon im Internet gesehen.“ „Außerdem werden anscheinend immer wieder Vorfälle dokumentiert,“ fahre ich fort „in denen hochkonzentrierte Gasgemische aus dem Erdboden austreten und zu einem Massensterben bei Fischen, Kaninchen und Vögeln führen. Und bei Menschen führen das vergiftete Trinkwasser, die Gasaustritte sowie die verdunsteten Chemikalien zu Übelkeit, Schwindelgefühlen, Kopfschmerzen, Asthma sowie Verlust des Riech- und Geschmacksvermögens. Aufgrund der krebsauslösenden Inhaltsstoffe des ChemikalienCocktails besteht zudem der Verdacht, dass Fracking im Zusammenhang mit Krebserkrankungen in den Gasfördergebieten steht.“ Nachdenklich hält Eric sein Wasserglas in der Hand: „Und dabei ist das Schiefergas-Vorkommen relativ gering. Berechnungen der förderbaren Schiefergasvorkommen in Europa haben ergeben, dass die Schiefergas-Vorkommen – außerhalb der Wasserschutz- und Naturschutzgebiete – gerade einmal wenige Jahre zur Deckung des Gasbedarfs ausreichen würden – und das bei sehr hohen Kosten für die Förderung des Schiefergases. Im übrigen zeigt sich mittlerweile in den USA, dass das förderbare Schiefergasvorkommen lange Zeit maßlos überschätzt wurde.“ „Ich glaube, die geringe wirtschaftliche Bedeutung des Schiefergases steht in keinem Verhältnis zu den potentiellen Schäden, die mit Fracking-Methoden verbunden sind.“ meint Eric. „Das EU-Parlament sollte wirklich ein eindeutiges Verbot von Fracking aussprechen.“ Nach dem Frühstück ist es an der Zeit, endlich zur heutigen Etappe aufzubrechen. Eric, der selbst vor einigen Jahren mit seiner Tochter auf der Via Podiensis unterwegs war, verabschiedet mich: „Bonne route! Ultreia!“ „Merci bien! Bonne journée!“
Schon wenige Minuten später habe ich die Kleinstadt Vauvert hinter mich gelassen. In der Nacht ist ein kräftiger Regenschauer über der Gegend niedergegangen und die Temperaturen sind spürbar gesunken. Auf dem Weg herrscht eine tiefe morgendliche Stille. Fröstelnd stapfe ich an frisch gepflügten Ackerflächen und kahlen Weinstöcken vorbei, sobald ich aber in die Nähe von Aussiedlerhöfen gelange, erhebt sich hinter den Hofmauern lautes Hundegebell. „Vielleicht sollte ich mir,“ denke ich bei mir, „doch noch einen Wanderstock zulegen.“ In der Nähe von Codognan tummeln sich zahlreiche Kaninchen vor ihrem ausgedehnten Bau unmittelbar am Wegesrand. Auf regennassen Feldwegen stiefele ich durch feuchten Erdboden, und bald schon klebt ein fetter Erdklumpen an der Sohle meiner Wanderschuhen. Mit Blick auf die noch ausstehende Wegstrecke durch ausgedehnte Weingüter versuche ich erst gar nicht, die Wanderschuhe von den lehmigen Klumpen zu säubern. Die Hitze ist – schon am Vormittag – unerträglich. Es ist daher wenig verwunderlich, dass ich trotz des flachen Terrains fürchterlich ins Schwitzen gerate. Gegen Mittag erreiche ich endlich den heutigen Etappenort, die kleine Ortschaft Gallargues-le-Montueux. Auf dem Marktplatz herrscht ein erstaunlich reges Treiben. Auf der vollbesetzten Terrasse eines Restaurants unterhalten sich die Gäste ausgesprochen lebhaft, und auf den Sitzbänken am Rande des Marktplatzes treffen immer wieder Anwohner zu einem kurzen Plausch zusammen. In der Nähe des Marktplatzes finde ich dann – zu meiner großen Erleichterung – auch die Herberge.
Nach einer Ruhepause in der Gîte unternehme ich noch am selben Nachmittag einen kurzen Ausflug zum nahegelegenen Pont Ambroix, die Ruine einer bedeutenden römischen Brücke, die einst den Fluss Vidourle überquerte. An dieser Stelle befand sich die Via Domitia, eine wichtige Fernstraße im Römischen Reich, die einst den Alpenübergang am Col de Montgenévre und den Pyrenäenübergang am Col de Panissars miteinander verband. An der Via Domitia lagen einige wichtige Handelszentren wie Nemausus, das heutige Nîmes, und Narbo Martius, das heutige Narbonnne. Der Pont Ambroix stand hier ursprünglich auf 12 Brückenpfeilern und hatte eine Länge von insgesamt 180 Metern. Durch Verfall und Abriss ist heute leider nur noch ein Rundbogen mit einer Länge von 10 Metern zu sehen. Tief beeindruckt stehe ich vor dem Querschnitt des Pont Ambroix, an dem sich der Aufbau einer römischen Straße leicht nachvollziehen lässt. Die römischen Bautrupps stabilisieren zunächst den Untergrund mit groben Steinen, dann brachten sie Schotter und Sand auf, um Unebenheiten des Untergrundes auszugleichen. Zum Abschluss ordneten die Bautrupps die stabilen Pflastersteine jeweils mit einer leichten Neigung zum Straßenrand an, damit das Regenwasser auf beiden Seiten der Straße ablaufen konnte. Mit anderen Worten: Eine ingenieurstechnische Meisterleistung! Zurück in der Gîte öffne ich eine Flasche Wein, um bei einem Glas die herrlichen Erlebnisse des heutigen Tages noch einmal Revue passieren zu lassen, vor allem aber den Pont Ambroix, das formidable Bauwerk, das über 2000 Jahre in den Fluten des Vidourle überdauert hat und immer noch ein beredetes Zeugnis für die bautechnischen Fertigkeiten der römischen Bauingenieure ablegt.
Bei Morgenanbruch schultere ich vor der Herberge den Rucksack. Langsam schlendere ich durch die menschenleeren Straßen von Gallargues-le-Monteux und passiere bald darauf am Vidourle die Ruinen des Pont d'Ambroix, das formidable Bauwerk aus der römischen Epoche, das unerschütterlich Zeugnis für die ingenieurstechnischen Meisterleistungen der römischen Bauingenieure ablegt. Nachdem ich den relativ naturbelassenen Fluss Vidourle flussaufwärts überquert habe, marschiere ich kilometerlang durch die karge Garrigue der Camargue. Zwischen dornigen Büschen stehen steinerne Schutzhütten, die von Viehhütern früher bei Unwetter als Unterstand genutzt wurden. Auf einer Weide, mitten in der dornigen Garrigue, grast eine Herde von Camargue-Rindern, diesen urtümlichen, schwarzen Viechern mit den ausladenden Hörnern, vollkommen unbeeindruckt von dem vorbeiziehenden Wanderer. Kaum habe ich die dürre Garrigue-Landschaft verlassen, stoße ich auf das Weingut Domaine de Vallongue, das inmitten ausgedehnter Weinstöcke herrschaftlich thront. Nicht weit vom Weingut entfernt hält plötzlich ein klappriger Wagen neben mir, die Fahrerin kurbelt das Seitenfenster herunter: „Kann ich Sie mitnehmen? Wohin wollen Sie denn?“ „Eigentlich will ich doch zu Fuß nach Montpellier wandern.“ sage ich mir. „Nach Vendargues.“ antworte ich ihr gegen meinen Willen. „Ach, steigen Sie einfach ein.“ fordert sie mich auf. „Na gut.“ Da auf dem Beifahrersitz eine Teenagerin, offenbar ihre Tochter, sitzt, quetsche ich mich mit dem Rucksack auf die Rückbank und wecke dabei einen vor sich hin dösenden Jungen mit Wuschelkopf, offenbar ihr Sohn. „Vielen Dank!“ Bald schon habe ich den Eindruck, dass die Fahrerin sich selbst nicht sonderlich gut in der Gegend auskennt. „Wo kommen Sie denn her?“ frage ich. „Aus einem Dorf in der Nähe.“ „Nein, ich meine, aus welchem Land kommen Sie?“ „Aus Syrien.“ „Ach, dann sind Sie Asylbewerberin?“ „Nein!“ erwidert die Fahrerin empört und wirft mir einen entsetzten Blick zu. „Ich studiere Französisch an der Université de Montpellier.“ Sie fährt über die Landstraße. „Um meine Kinder in Sicherheit zu bringen.“ fügt sie nach einer längeren Pause hinzu, als sie an einer Kreuzung auf die Autobahn A9 auffährt. „Das verstehe ich.“ erkläre ich. „Und fühlen Sie sich hier wohl?“ „Nein, nicht wirklich.“ antwortet sie mit Tränen in den Augen. „Die ständigen Anträge auf Visa-Verlängerung, die Unsicherheit, wie es demnächst weitergeht. Demnächst muss ich einen Nebenjob finden, um über die Runden zu kommen.“ „Und wenn Sie Ihr Studium abgeschlossen haben, wollen Sie dann nach Syrien zurückkehren?“ erkundige ich mich, während sie wieder von der Autobahn abfährt. „Das kann ich jetzt noch nicht sagen.“ antwortet sie. „Dafür ist es noch zu früh. Es ist ja noch gar nicht absehbar, wie lange die blutigen Kämpfe in Syrien weitergehen werden, wann wieder Frieden einkehrt.“ Kurze Zeit später setzt sie mich schließlich am Bahnhof von Vendargues ab. Die junge, couragierte Mutter hält es sogar für nötig, mich zum Ticketschalter zu begleiten. „Der Zug wird an Gleis 1 abfahren. Und die Fahrkarte muss vor Fahrtantritt entwertet werden.“ gibt sie mir noch mit auf den Weg. Die junge Mutter hätte sich um ihre beiden eigenen Kinder nicht fürsorglicher kümmern können. „Bonne journée!“ Ich wünsche ihr und den Kindern alles Gute. Mit dem Regionalzug treffe ich schließlich am frühen Nachmittag am Hauptbahnhof von Montpellier ein. Auf dem Trottoir der Rue Maguelone, die vom Bahnhof ins Stadtzentrum führt, wiegen sich die Palmen bei strahlend blauem Himmel sanft im Wind und verleihen der Stadt ein mediterranes Flair. Eine Tram schleicht gemütlich zur Haltestelle auf dem Place de la Comédie, auf dem sich Fußgänger im quirligen Treiben tummeln, gut beobachtet von den Gästen der Cafés und Restaurants am Rande des Platzes. Auf der Esplanade Charles de Gaulle, die unmittelbar an den Place de la Comédie anschließt, kann man im Schatten der Platanen auf einer Parkbank Platz nehmen, Schach spielen oder eine Kunstgalerie besuchen. In der Fußgängerzone hingegen, die an der Opéra Comédie beginnt, flanieren die Passanten in großer Zahl über den Place Jaurès, vorbei an den vollbesetzten Terrassen von Restaurants und Cafés, in denen Einheimische und Gäste gemütlich einen Eisbecher genießen und Cappuccino trinken. Inmitten des heiteren Trubels sticht die lebensgroße Statue von Jean Jaurès, dem wohlgenährten, bärtigen Mann im halboffenen Frack, ins Auge. Als einfacher Abgeordneter und Gründer der Zeitschrift „L'Humanité“ hat sich Jean Jaurès, der engagierte Sozialreformer aus Castres, während seines gesamten politischen Lebens für die Themen eingesetzt, die heute den Kernbestand des sozialen Europas ausmachen, insbesondere für das Streikrecht der Arbeitnehmer, die Anerkennung der Gewerkschaften, die Einführung der Kranken-, Arbeitslosen- und Rentenversicherung und die Förderung von genossenschaftlichen Unternehmen. In der Nähe des Place Jaurès streben einige Passanten den Halles Castellanes zu, einer der für Montpellier typischen Markthallen, die im Schatten einiger Palmen steht. An Obst- und Gemüseständen, Käsetheken, Metzgereien und Bäckereien stöbern die Marktbesucher in dem breiten Angebot nach leckeren Spezialitäten. Die Verkäufer wiegen die Waren, kassieren das Geld und plaudern mit ihren Kunden. An der Theke eines Bistrots hängen derweil andere Marktbesucher gedankenverloren über ihrem Expresso, stoßen mit ihren Thekennachbarn auf das frisch gezapfte Bier an oder vertiefen sich in der heutigen Ausgabe der Regionalzeitung. Auf abgelegenen Seitengassen, nicht weit von der Préfecture entfernt, stoße ich auf die Cathédrale Saint-Pierre, einen im gotischen Stil errichteten Kirchenbau, auch wenn die beiden wuchtigen Glockentürme und das imposante, auf runden Säulen gestützte Eingangsportal eher an eine mittelalterliche Burg erinnern. Direkt neben der Cathédrale Saint-Pierre, am Boulevard Henri IV., befindet sich die Medizinische Fakultät der Université de Montpellier, einer der ältesten medizinischen Fakultäten in Europa. Bereits Ende des 12. Jahrhunderts erteilte Guilhelm VIII., der damalige Herrscher von Montpellier, jedem – unabhängig von seiner Herkunft und seiner religiösen Zugehörigkeit – die Erlaubnis, das Fach Medizin zu unterrichten und eine medizinische Ausbildungsstätte zu errichten. Beim Aufbau der Medizinischen Fakultät in Montpellier leisteten Samuel Ibn Tibbon und Moise Ibn Tibbon wichtige Impulse mit ihren Übersetzungen aus dem Arabischen, insbesondere der „Abhandlung über Medizin“ des römischen Arztes Galenos mit Kommentaren von Ali ben Ridwan sowie medizinischer Werke von Rhazès und Avicenna sowie Averroès. Dabei sollten sich insbesondere die Abhandlungen von Galenos schon bald – für mehrere Jahrhunderte – zu den Standardwerken des Medizin-Studiums in Europa entwickeln. Aufgrund jahrelanger Erfahrung bei der Betreuung von Gladiatoren konnte Galenos nämlich in seinem Werk wertvolle Hinweise für die erfolgreiche Behandlung von offenen Wunden und Knochenbrüchen weitergeben. Da sich Galenos während seiner ärztlichen Tätigkeit sogar an operative Eingriffe am Gehirn und an den Augen heranwagte, setzte Galenos für lange Zeit bleibende Maßstäbe im Bereich der chirugischen Medizin. Das von Galenos dabei eingesetzte chirugische Besteck war dabei im Hinblick auf Form und Qualität schon erstaunlich ausgereift. Die Übersetzungsarbeiten von Ibn Tibbon und Moise Ibn Tibbon trugen insofern maßgeblich zum Prestige der Medizinischen Fakultät von Montpellier bei. Auf der anderen Seite des mit Palmen bewachsenen Boulevard Henri IV., direkt gegenüber der Medizinischen Fakultät, liegt der Botanische Garten, den Pierre Richer im Jahr 1593 auf Bitte von Henri IV. zur Erforschung der pharmakologischen Wirkung von Kräutern und Pflanzen angelegt hat. Lange Zeit stand der Botanische Garten den Professoren und Studenten der Medizinischen Fakultät ausschließlich zu Studienzwecken zur Verfügung. Doch mittlerweile ist der Botanische Garten mit seinen Kräuterbeeten auch für das breite Publikum geöffnet, die hier am Rande der quirligen und geschäftigen Altstadt eine grüne Insel der Entspannung finden.
Auf dem Weg zurück zur Herberge fallen mir die zahlreichen Fahrradstationen auf, an denen man gegen einen kleinen Obolus ein Velo ausleihen kann, um sich in der Stadt fortzubewegen. Wenn ich etwas mehr Zeit hätte, würde ich jetzt liebend gerne mit dem Velo an die Mittelmeerküste fahren, also zum Étang de l'Arnel, Ètang du Méjean sowie zu den Stränden an La Grande Motte, die von der Altstadt aus – auf einer gut ausgebauten Fahrradstraße am Ufer des Flusses Le Lez – innerhalb einer halben Stunde erreichbar sind. An den Stränden von Montpellier wiegen sich sicherlich gerade Palmenhaine in der leichten mediterranen Brise, während sich die Badegäste – auf ihren Strandtüchern ausgestreckt – wohl entspannt in der Abendsonne bräunen. Bei den sommerlichen Temperaturen verspricht ein Bad im Mittelmeer auf jeden Fall schon eine willkommene Abkühlung. Aber mit Blick auf die fortgeschrittene Uhrzeit schlendere ich doch lieber zur Herberge zurück. Vielleicht werde ich zum Abschluss des Tages in der Herberge ja noch ein Glas Rotwein trinken. Ja, ich denke, das werde ich – nach diesem anstrengenden Stadtrundgang – tun.
Bei frischen Temperaturen trete ich am frühen Vormittag fröstelnd vor die Herberge. Mit dem Rucksack auf dem Rücken schüttele ich mich erst einmal warm. Dann trotte ich gemächlichen Schrittes durch die engen Gassen der Altstadt von Montpellier. Auf dem Vorplatz der Église Saint-Roch bleibe ich verwundert stehen. Auf der Hausfassade gegenüber scheint sich nämlich die Rosette der Église Saint-Roch in einem Glasfenster zu spiegeln, doch beim zweiten Blick stellt sich heraus, dass die vermeintliche Spiegelung lediglich Teil eines gelungenen Trompe l'oeil bildet, das dem Betrachter eine lebendige Straßenszene mit Hausbewohnern am geöffneten Fenster und jungen Leuten am Treppenaufgang vorgaukelt. Tatsächlich hat ein Fassadenmaler mit der perspektivischen Darstellung der Figuren, aber auch mit Schattenwürfen und Lichtreflexen die Illusion eines dreidimensionalen Raumes geschaffen. Kurz darauf wandere ich die Rue Foch hinauf und passiere schließlich den Triumphbogen zu Ehren von Louis XIV.. Mit diesem Arc de Triomphe feierte der französische König bereits 1693 seinen Sieg über die Protestanten in den Hugenottenkriegen, obwohl der katholische Glaubenskrieg weiterhin ganze Landstriche seines Königreiches verwüstete und seine Bevölkerung zutiefst spaltete. Auf dem Place Royale de Peyrou ziehe ich dann noch an der grandiosen Reiterstatue von Louis XIV. vorbei, bevor ich dem Aquädukt Saint-Clément stadtauswärts folge. In dem auf den oberen Arkaden errichten Kanal leitet der Aquädukt aus dem 18. Jahrhundert bis heute Trinkwasser aus der Quelle von Saint-Clément in ein auf dem Place Royale de Peyrou gelegenes Wasserreservoir, das die Springbrunnen und öffentlichen Wasserentnahmestellen der Stadt Montpellier versorgt. Bei seinem Entwurf hat sich der Architekt Henri Pitot de Launay erkennbar von dem Pont de Gard inspirieren lassen. Denn beim Aquädukt Saint-Clément steht die Wasserleitung – fast wie bei seinem architektonischen Vorbild aus der römischen Epoche – auf über 20 Meter hohen Arkadenbögen.
Nach über einer Stunde erreiche ich in der Nähe des Fußballstadions „Stade de la Mosson“ endlich die Stadtgrenze. Aber ich finde partout nicht den Fußweg nach Grabels, der mich endgültig aus Montpellier führen soll. Ich schaue mich noch einmal um, aber weit und breit ist keine rot-weiße Markierung zu erkennen. Zum Glück findet in der Nähe des Stade de la Mosson gerade ein Markt statt, auf dem sich zu dieser frühen Stunde schon einige Kunden tummeln. Ich spreche also einen zuverlässig wirkenden Marktbesucher an, doch der kennt weder den Grande Randonnée 653 noch die Via Tolosana. Und ein Weg am Ufer des Mosson fällt ihm – auch nach längerem Nachdenken – nicht ein. Schade! „Merci bien!“ Die Marktstände verstellen leider den Blick auf das angrenzende Strauchwerk, in dem irgendwo der Zugang zum gesuchten Fußweg versteckt liegen muss. Als ich mich gerade auf die Suche begeben möchte, kehrt der Mann noch einmal zurück. „Hier in der Nähe liegt ein Park. Wenn Sie am Parkeingang, den abfallenden Fußweg hinuntergehen, gelangen Sie zum Bach Mosson.“ „Merci bien!“ Tatsächlich entdecke ich kurz hinter den Marktständen den Parkeingang und bald darauf auch den Bach Mosson. Allerdings hinterlässt der Uferbereich des Mosson einen ziemlich vermüllten Eindruck, denn ich muss im Park an einigen überquellenden Mülleimern, zerbrochenen Flaschen, Hundescheiße und Plastikabfällen aller Art vorbeilaufen. Mit zunehmender Entfernung von der Stadtgrenze kommen jedoch die natürlichen Reize des kleinen Mosson, der sanft durch die Landschaft mäandert, immer stärker zur Geltung. Am Ortsrand von Grabels durchquere ich schließlich sogar einen Naturlehrpfad, der den Spaziergängern die reichhaltige Pflanzen- und Tierwelt am Mosson näherbringen soll. In der Siedlung von Grabels steige ich auf einem Schotterweg bergan, bevor ich auf einen Trampelpfad wechsele, der mich durch dorniges Gebüsch aufwärts führt. Auf dem höchsten Punkt blicke ich schließlich auf eine leicht wellige, aber karge Garrigue-Landschaft. Ein kalter Mistral fegt über die niedrigen Zwergsträucher hinweg, zwischen denen sich anspruchslose Rosmarin- und Lavendelpflanzen verstecken. Fröstelnd ziehe ich den Reißverschluss meiner Jacke hoch. In einiger Entfernung entdecke ich auf einer Anhöhe – zum ersten Mal seit Beginn meiner Wanderschaft – zwei einsame Wanderer mit Rucksack, die sich aber mit strammem Marschtempo vorwärtsbewegen und bald schon in einer Senke verschwinden. Nach einer Cart-Bahn muss ich zwei stark befahrene Autostraßen überqueren, bevor ich durch einen zwischen kleineren Weinfeldern eingequetschten Waldstreifen ziehe. Kaum habe ich dieses Dickicht verlassen, sehe ich auf einmal zahlreiche Reitpferde, die mit wehender Mähne auf ihren Pferdekoppeln herumtänzeln und dabei interessiert die vorbeiziehenden Wanderer beobachten. Auf dem Reiterhof klappern die Pferdepfleger mit blechernen Eimern, misten die Pferdeboxen aus und striegeln die Pferde im Innenhof. „Bonjour!“ Ein Pferdepfleger schleppt einen Sattel zu einer der Pferdekoppeln, um eines der Pferde zu bewegen. An einem kurzen Anstieg, hinter dem Reiterhof, entdecke ich die beiden Wanderer wieder, die zwischenzeitlich aus meinem Sichtfeld entschwunden gewesen sind. Nach dem Sticker auf einem der Rucksäcke zu urteilen, handelt es sich wohl um zwei belgische Wanderer, aber mit dem strammen Marschtempo, das die beiden an den Tag legen, kann ich natürlich nicht mithalten, und sie verschwinden erneut aus meinem Blickfeld. Bald darauf erblicke ich, von einer Anhöhe aus, den heutigen Etappenort, das kleine Montarnaud. Schon leicht entkräftet trudele ich wenig später in Montarnaud ein.
Direkt am Ortsrand entdecke ich eine Gîte, ein sympathisches Einfamilienhaus mit einem großzügigen Garten. Ich klingele an der Haustür. Kurz darauf öffnet Madame Frogé. „Bonjour, Madame! Ist denn noch ein Platz frei in der Gîte?“ „Ja, es sind noch Plätze frei.“ antwortet Madame Frogé freundlich lächelnd. Nachdem ich einen Stempel in mein Créanciale erhalten und das Zimmer bezogen habe, verlasse ich noch mal die Gîte, um mich im Lebensmittelgeschäft mit Proviant für die morgige Etappe einzudecken. Kaum bin ich in der Dorfmitte angelangt, da ziehen unvermittelt zwei Pilger, jeweils mit vollgepacktem Rucksack auf dem Rücken, an mir vorbei. Einer der beiden, ich traue meinen Augen kaum, trägt sogar eine Prozessionsstandarte vor sich her. „Bon giorno!“ „Ultreia!“ Wenige Augenblicke später sind die beiden Pilger bereits hinter der nächsten Straßenecke verschwunden. Kaum habe ich mich von dem ungewöhnlichen Anblick der Prozessionsstandarte erholt, folgen zwei weitere Pilger, wohl ein Ehepaar. „Bon giorno!“ Die Frau bleibt einen Moment stehen und plauscht – in gutem Deutsch – mit mir: Die beiden Pilger kommen aus der Nähe von Florenz und sind auf der Via Tolosana zum Col du Somport unterwegs. „Buen camino!“ „Ultreia!“ Dann setzen die beiden ihren Weg fort.
Am Abend in der Gîte sitze ich im flackernden Kerzenlicht mit zwei anderen Wanderern gemütlich zusammen, die noch dazugekommen sind, Annick, eine junge Studentin, und Kai, ein älterer Herr mit schlohweißem Haar und Schnauzer. Die Studentin berichtet, dass die Germanistik-Fakultät dieses Semester ein Seminar zum Thema „Mordfall Jesu“ anbietet: „Die Aufgabe der Seminarteilnehmer besteht darin, die Darstellung von Prozess und Kreuzigung Christi in den Evangelien mit Hilfe der historisch-kritischen Auslegung unter Berücksichtigung außerbiblischer Quellen auf Plausibilität zu untersuchen.“ „Mordfall Jesu! Das ist doch abwegig!“ empört sich Kai, mit großen, dümmlich Augen hinter seiner Brille. „Das war ein regulärer Strafprozess nach römischem Recht. Die Anklage lautete auf staatsfeindlichen Aufruhr, Anstiftung zum Aufstand und Majestätsbeleidigung. In Anbetracht dieser schweren Delikte war das Todesurteil nur konsequent. Von einem Justizmord kann nicht die Rede sein!“ erklärt Kai im Brustton der Überzeugung. „Mordfall Jesu“, schüttelt Kai verständnislos mit dem Kopf. Ich nippe leicht am Weinglas. Annick jedoch reagiert pikiert: „Bei dem Seminar geht es doch ausschließlich darum, verschiedene Aspekte im Zusammenhang mit der Kreuzigung zu untersuchen, und nicht darum, den Seminar-Titel mit juristischer Spitzfindigkeit zu kritisieren. Und überhaupt,“ gibt Annick schnippisch zurück „sind denn Geißelung und Dornenkrone mit einem regulären Strafprozess vereinbar?“ „Selbst wenn im Rahmen des Ermittlungsverfahrens verschärfte Verhörmethoden zur Anwendung gekommen sein sollten,“ blitzen die Augen des Juristen auf, „würde es sich dabei lediglich um unbeachtliche Verfahrensfehler handeln, die kein Beweisverwertungsverbot nach sich ziehen würden. Der Grundsatz des fairen Verfahrens müsste nämlich – angesichts der Schwere der im Raum stehenden Straftatbestände – in der Abwägung des Einzelfalles ganz sicherlich zurücktreten. Im übrigen“ fügt der Jurist aus Karlsruhe hinzu „konnte sich Jesus als einfacher Einwohner der Provinz Judäa nicht auf das römische Bürgerrecht berufen, das ihm im Rahmen des Strafprozesses gewisse Privilegien gewährt hätte. Denn die Provinz Judäa war römisches Besatzungsgebiet, in dem lediglich das gewöhnliche Feindrecht zur Anwendung kam.“ „Ich bin mir nicht sicher, ob die Rechte von Jesus Christus im Prozess ausreichend gewahrt wurden.“ erklärt Annick weinerlich, während sich ihre Kulleraugen mit Tränen füllen. „Im Rahmen der Hauptverhandlung hatte der Angeklagte doch ausreichend Gelegenheit, zum Tatvorwurf Stellung zu nehmen.“ stellt Kai klar, während er mit großen, verständnislosen Augen auf Annick blickt. „In der richterlichen Vernehmung durch Pontius Pilatus räumte der Angeklagte doch selbst ein, dass er sich die Königswürde anmaßte. Kaiser Augustus hatte aber nach dem Tod von Herodes das Tragen des Königstitels in dem einstigen Königreich Judäa ausdrücklich verboten. Mit der Anmaßung der Königswürde hatte Jesus daher die Autorität des römischen Kaisers öffentlich in Frage gestellt.“ Eine betretene Stille tritt ein. „Der Mann legt Gesetz und Recht wahrlich meisterhaft aus, wie es wohl nur deutsche Juristen nach gründlichem Studium beherrschen.“ denke ich bei mir und entkorke die nächste Flasche Wein „In einem schwierigen Abwägungsprozess führt er alle relevanten sachlichen Gesichtspunkte – immer unter Wahrung der Verhältnismäßigkeit selbstverständlich – einer zutreffenden rechtlichen Würdigung zu.“ Ich fülle die Weingläser nach. „Er wendet das Recht mit deutschem Augenmaß auf den konkreten Einzelfall an.“ „Abgesehen davon, „ fügt der Jurist aus Karlsruhe dümmlich, aber zugleich tiefernst hinzu „stellte der Einzug in Jerusalem auf einem Esel eine ungeheuerliche Provokation dar, die den Bestand der römischen Herrschaft auf dem Gebiet des einstigen Königreiches Judäa in seinen Grundfesten erschütterte. Mit seiner Kritik an dem Tempelkult am Vortag des Pessach-Festes schürte Jesus doch vorsätzlich Unruhen und Aufruhr in Jerusalem und führte damit eine gefährliche Destabilisierung der politischen Verhältnisse in den Gebieten des einstigen Königreiches Judäa herbei.“ Annick schaut ihn fassungslos an. „Aus Gründen des Staatsräson“ fügt er ungerührt hinzu „musste Pontius Pilatus hart durchgreifen und die Todesstrafe gegen den Rädelsführer verhängen.“ „Todesstrafe!“ ruft Annick empört aus. „Sicherlich ein hartes Urteil.“ räumt Kai unumwunden ein. „Aber das harte Strafmaß macht den Strafprozess noch lange nicht zum Justizmord. Ansonsten müsste man ja jede Hinrichtung in Florida oder Peking als Justizmord anprangern.“ Mit großen tränengefüllten Augen schaut Annick ihn an. „Das Todesurteil gegen den Nazarener“ stellt der Jurist aus Karlsruhe ungerührt fest „war rechtlich einwandfrei.“ „Lasst uns anstoßen!“ fordere ich Annick und Kai auf und hebe das Glas „Auf die Via Tolosana!“ „Auf die Via Tolosana!“
