Auf jeden Fall nichts mit Menschen - Verena Dittrich - E-Book

Auf jeden Fall nichts mit Menschen E-Book

Verena Dittrich

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Beschreibung

"Die Autorin schreibt voller (Selbst)-Ironie und Witz, herrlich leicht, ohne je seicht zu werden, unsentimental und doch zugleich mit einer Wärme, die hinter so mancher Schnodderigkeit kaum verborgen bleibt." Verena Maria Dittrich erzählt mit ihrer humorvollen und selbstironischen Art Geschichten, die das echte Leben schreibt - literarisch, pointiert und herrlich erfrischend verpackt von einem Zonenkind der etwas anderen Art. Aufgewachsen in der katholischen Lausitz, einer speziellen Nische des DDR-Alltags im tiefen Osten, inzwischen mittelprächtig überzeugte Berlinerin und Dreiviertel-Sympathisantin des längst nicht mehr neuen, wilden Westens, macht sich die Autorin in kurzweiligen Anekdoten und Reflexionen ihren eigenen Reim auf das, was war und ist. Und natürlich spielen dabei die Menschen - einschließlich ihr selbst - zum Trotze der Titelaussage die Hauptrolle." PRESSE-UND LESERSTIMMEN: "Mühelos gelingt es Dittrich, den Bogen vom Diktat der Mode zur SED-Diktatur zu schlagen - ein vergnüglicher Kessel Buntes, kurzweilig und aus dem Leben gegriffen!" (Mathias Zschaler, Spiegel online) "Ich habe die Texte sehr gerne gelesen, denn sie haben einen wirklich eigenen, modernen Ton! ( Dr. Andrea Müller, Droemer Knaur) "Plattenbau und Cottbus - das gehört für viele zusammen. Tausende haben Kindheit und Jugend zwischen grauen Wänden in Neu-Schmellwitz oder Sachsendorf verbracht. Verena Maria Dittrich hat ein Buch darüber geschrieben - und spricht damit vielen aus der Seele. Liebevoll-ironisch, herzzerreißend komisch und manchmal auch nachdenklich berichtet die Autorin über ihr Leben in der Gotthold-Schwela-Straße 18." (Wochenkurier) "Die Geschichten schlagen den großen Bogen zwischen einer Kindheit in Cottbus und dem Jetzt. Normalerweise mache ich ja um eBooks im Allgemeinen und Bücher im Eigenverlag im Besonderen einen großen Bogen. Aber Verena Dittrich kann was. Ihre Texte erzählen von ihrem Leben, wie sie wurde und wie sie ist.

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Seitenzahl: 179

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Verena Dittrich

Auf jeden Fall nichts mit Menschen

Geschichten aus dem Leben

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Auf jeden Fall nichts mit Menschen

Plattenmädchen und Zonenkind

Der blaue Turnbeutel

Die unsichtbare Linie

Die Lügen des Genossen Ulbricht

Heilende Aussichten

Alter Affe Schluckzwang

Blutige Sandalen

Essengeldturnschuhe und Kaugummiautomaten

Ämter, Gott und Luftballons

Neulich, bei Kaisers

Alarm und Fernsehmörder

Nicht koscher

Liebesbriefe für Großmutter

Wie ich die ganzen Jahre überleben konnte

Ritzenflitzer vs. Wollschlüpfer

Wie viele Super-Stars verkraften wir noch?

In der Bredouille

Der Vater von Tarzans Vater

Alleine sein

Weißt du, was Kapitalismus ist? Angeschissen werden!

Schlange stehen

Denn Gott hat mich gelangweilt ausgelacht

Aus dem Effeff planen

Mitten in der Nacht

Das Küchenmesser

Elefantenoberschenkel dank Kochsalzlösung

Dieters Herdplatten

Maiks Autophilosophie

Geschenke, die keiner braucht

Liebesknochen

Daten her oder es knallt!

Bitte spenden Sie jetzt!

Bin Laden ist es gewesen!

Wir sind Bummelletzter

Günter ist ein Anarcho

Freigeister saufen schöner

7:3 für Bolski

Das Bafög-Amt vergisst nichts!

Nackt aber mit Handy

Als die Zone zur Neige ging

Auf Wiedersehen, Vater!

Gallseife mit pürierter Trauer

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Impressum neobooks

Vorwort

Dies sind Geschichten, die das Leben schrieb - literarisch und erfrischend verpackt von Verena Maria Dittrich, ein Zonenkind der etwas anderen Art. Aufgewachsen in der katholischen Lausitz, einer speziellen Nische des DDR-Alltags im tiefen Osten, inzwischen überzeugte Berlinerin und Sympathisantin des längst nicht mehr neuen, wilden Westens, macht sie sich in kurzweiligen Anekdoten und Reflexionen ihren eigenen wissbegierigen Reim auf das, was war und ist. Und natürlich spielen dabei die Menschen - einschließlich ihr selbst - zum Trotze der Titelaussage die Hauptrolle. Frau Dittrich mag es nämlich gelegentlich ein wenig provokant und nimmt es dabei mir der politischen Korrektheit nicht immer so genau. Mühelos gelingt es ihr beispielsweise, den Bogen vom Diktat der Mode zur SED-Diktatur zu schlagen und immer wieder mit höchst originellen Assoziationen zu überraschen, die diesen literarisch vergnüglichen ost-westlichen Kessel Buntes kennzeichnen. Und sie tut das in jenem Ton, der mittlerweile typisch für sie ist: pointiert, voller (Selbst-)-Ironie und Witz, leicht, ohne je seicht zu werden, unsentimental und doch zugleich mit einer Wärme, die hinter so mancher Schnodderigkeit kaum verborgen bleibt.

Auf jeden Fall nichts mit Menschen

Früher, in der DDR, hatten die Kinder oft so ein Poesiealbum, das sie in der Schule rumgehen ließen und in das jeder einen schlauen oder prosaischen Spruch geschrieben hat, irgendwas von Goethe oder Kästner oder dass man seine Eltern achten soll und so. Und später, in der Pubertät, wurden die Poesiealben durch elegante Freundschaftsbücher ersetzt, in die es natürlich nicht mehr der verhasste Mathe-Lehrer mit einem mahnenden Spruch geschafft hat, sondern vor allem die Jungs, für die man heimlich schwärmte. Und wenn diese Jungs dann auch noch die Musik hörten, die man selber cool fand, war eigentlich schon alles geritzt: der Weg fürs Verknalltsein war frei.

Ich erinnere mich, dass es in diesen Büchlein auch ein Kästchen zum Ausfüllen des Berufswunsches gab, ich hab da immer irgendwas hingeschrieben, was nicht stimmte, weil ich gar nicht wusste, was ich werden wollte und auch irgendwie nicht so richtig einsah, warum ich überhaupt irgendwas werden sollte. Also habe ich geschaut, was die anderen so schrieben. Die Mädchen wollten meistens Verkäuferin, Kindergärtnerin oder Friseuse werden. Das mit dem Mindestlohn war damals noch nicht so präsent. Die Jungs wollten Astronaut (bzw. Kosmonaut), Busfahrer oder Elektriker werden und wenn einer mal keinen Berufswunsch angab, schrieb er: "auf jeden Fall was mit Menschen".

Ich frage mich, was ich heute bei der Frage nach meinem Berufswunsch in so ein Freundschaftsbuch schreiben würde, heute, wo ich ja schon "was geworden" bin. Ich bin eine mittelprächtige Kunsthistorikerin und Literatur-Tante, popelige Germanistin und manche sagen sogar, ich wäre eine richtige Schriftstellerin. Ich gebe zu, diese Bezeichnung erfüllt mich noch immer mit Scham. Was die anderen Kinder wohl über mich gedacht hätten, wenn in meinem Kästchen: Schriftstellerin gestanden hätte? Oder Kunsthistorikerin und Germanistin. Diese Berufssparten waren in der DDR so rar wie – entschuldigen Sie den ausgelutschten Vergleich – Bananen.

Auch heute hätte ich Schwierigkeiten, nur einen Berufswunsch in das Berufswunschkästchen zu schreiben. Um es nicht unnötig zu spezifizieren, würde ich womöglich einfach nur schreiben: "auf jeden Fall nichts mit Menschen". Dieses Unspezifische könnte ich wiederum sehr genau spezifizieren: Weil sie anstrengend sind und gehässig, weil ich viele von ihnen nicht leiden kann, weil sie verlogen sind und peinlich, weil sie Eigenschaften haben, die ich nicht ertragen kann, weil sie verloren sind und mir schlicht und einfach auf den Keks gehen. Weil ich selber einer bin.

Plattenmädchen und Zonenkind

"Zuhause ist, wo das Herz ist", hat Oma früher gesagt, wenn Mutter sehnsüchtig über den Bahndamm geguckt hat. Ich – das Zonenkind – habe mich bei diesem Satz immer gefragt, was diejenigen machen, die sich nicht entscheiden können, die weg – oder mal West-Luft schnuppern wollen, und die keine Lust mehr auf Prag oder Budapest haben. Ich bin in der Platte groß geworden. Ich bin ein Plattenkind. Wir lebten in einem kleinen Arbeiterviertel, namens Schmellwitz, in einer Mietwohnung, Marke P2, für 80 Mark. Als Kind dachte ich, dass diese Wohnung für immer mein Zuhause sein würde, ich dachte sogar, dass jedermanns Zuhause irgendwie so ähnlich aussähe wie meins, jedenfalls in der DDR. Alles in unserem Viertel war immer ein bisschen zu grau, zu hellhörig, zu bedeckt, zu verwanzt. Auf den Straßenschildern standen Namen in Deutsch und Sorbisch und ich habe mich oft gefragt: Wer waren Gotthold Schwela und Ernst Mucke? Keiner wusste eine Antwort: weder die Lehrer, noch der zuständige Abschnittsbevollmächtigte, und schon gar keiner aus der Familie.

Wir hatten eine Puschkin-Promenade und einen Ernst Thälmann-Platz, da habe ich im Bushäuschen mal den Stefan geknutscht und der Dajana später fast eine reingehauen, weil sie den Stefan ebenfalls geknutscht hat, was mir damals nicht so passte. Viele Plätze und Straßen haben heute andere Namen, der Ernst-Thälmann-Platz auch. Warum eigentlich? War was mit Ernst Thälmann nicht in Ordnung? Die Straßenschilder verschwanden damals schneller, als dass man sich den Sozialismus abgewöhnt hatte. Die Wilhelm-Pieck-Straße hieß plötzlich nicht mehr Wilhelm-Pieck-Straße und andere Straßen hießen auf einmal Willi-Brandt-Straße und so weiter. Nicht so in Schmellwitz. In diesem Viertel sind die Straßenschilder zwar verrostet und verbogen, tragen aber noch die alten Namen. Beinahe ein Zeitdokument, denke ich und drücke auf Auslöser.

Der blaue Turnbeutel

Es gibt manchmal Dinge, die ich einfach nicht für mich behalten kann, die ich in die Welt hinaus rotzen muss, damit sie nicht mehr in meinen Gehirnwindungen Purzelbäume schlagen. Dabei denke ich oft, ach, Gottchen, Kind, thematisiere nicht jeden Mist, vergiss es einfach, sprich es nicht aus, es wird dadurch nur peinlich. Und zwar für dich selber! Aber offensichtlich will ich auf Gedeih und Verderb die Ehre der Fettnäpfchen verteidigen, diese armen Fettnäpfchen – die können schließlich auch nichts dafür, dass ich ständig in sie rein latsche. Ich erklär mal kurz, worum es überhaupt geht: Unter dem Motto: Chillen und Grillen habe ich die Genossinnen und Genossen, mit denen ich zusammen arbeite, neulich zum gemütlichen Sit in eingeladen. Ich schrieb, und ja, ich gebe es zu, ich wollte eben lustig sein, ich hab das manchmal, dass ich unbedingt lustig sein möchte, na ja, jedenfalls zurück zur Einladung. Ich schrieb: "Liebe Freunde der freien Körperkultur, so jung und knackig kommen wir nicht mehr zusammen. Deswegen soll im Juli unser lang erwartetes Treffen stattfinden." So weit, so unspektakulär.

Später dann, am Abend, ich daddele gerade durchs gemeingefährliche Internet, sehe ich auf meinem Blog die Suchbegriffe, die die Menschen bei Google eintippten und daraufhin bei mir gelandet sind. Man gibt ja alles Mögliche bei Google ein, aber dass da – auf MEINEM Blog plötzlich MEIN Name in Verbindung mit FKK-Stränden (öffentliche Bilder im Internet, icke nackig!) steht, versetzte mich mindestens eine Zehntelsekunde in einen akuten Schockzustand. Die Suchbegriffe lauteten: "Verena FKK", "Verena freie Körperkultur", "Verena oben ohne", "Verena FKK.com".

Gott Gütiger, dachte ich, ich habe ca. 30 Personen eingeladen. Wer von denen will mich nur nackt sehen? Wer von denen träumt nachts von meinen Möpsen? Und warum – What the fuck – denken die, dass es da gleich eine ganze Homepage von mir gibt – ich lasziv in Posemuckel aufm Kuhfell? Ich steigerte mich richtig in die Sache rein, analysierte jeden einzelnen Kollegen, begann zu denken, dass man sie mit einem Blick sofort als Spanner enttarnen könnte. Ich wurde richtig großkotzig: Pah, der Typ, ich hab’s ja immer gewusst. So in etwa. Dann, und jetzt komme ich endlich zum Punkt, sagt mir mein Herz – ausgerechnet mein Herz, dass ich mal wieder runterkommen sollte von meinem hohen Ross und dass die Leute, die "Verena FKK" bei Google gesucht haben, wahrscheinlich ein Playmate meinen. Miss Juni heißt wohl auch Verena und hat bei einem Nackt-Shooting irgendwas über FKK-Badestrände gesagt.

Also, ähm, also… war gar nicht ich gemeint?!? Keiner meiner Kollegen wollte wissen, ob es von mir im Netz FKK-Fotos vom letzten Sommer am Scharmützelsee gibt! Niemand!!! Ich spürte, wie die Enttäuschung durch meine Adern strömte. Dabei hatte ich mich doch schon so schön echauffiert! Und meine ganzen Verdächtigungen! Alles umsonst! Alles für die Katz! Niemand wollte mich nackt sehen. Kein einziger Kollege! So eine Unverschämtheit!!!

In der folgenden Nacht plagte mich zur Strafe ein bitterlicher Alptraum. Ich träumte, dass ich sauer, ja richtiggehend eingeschnappt, zu dem Event gehe, jedoch unbekleidet, nur mit einem Blauen Turnbeutel in der Hand. Die Kollegen sehen mich aus der Ferne. Alle schauen auf mich. Ich. Nackig. Meine Finger um den Dederon-Henkel gekrallt. Trotzig gehe ich schnurstracks weiter auf sie zu. Jeder staunt! Sie machen "aaahhh" und "oooooh" und laufen mir entgegen. Und auf einmal haben alle nur Augen für: MEINEN BLAUEN TURNBEUTEL!

Die unsichtbare Linie

Wie schnell das gehen kann, das Erwachsenwerden. Mit einem Male fühlt man es – ganz tief in sich drin – und man sagt sich dann, aha, so ist das, wenn man erwachsen ist, so muss das also sein. Man drückt Stempelkarten und macht Lohnsteuerjahreserklärungen, heiratet und lässt sich scheiden. Man schafft sich Häuser und Hunde an, Kinder und Katzen. Man wird verwundbar. Verpasst Chancen. Trifft die falschen Entscheidungen oder hört auf, jemanden zu lieben. Man trinkt und raucht und lässt es wieder, eine Zeitlang geht man mittwochs in die Sauna, freitags zum Skat und sonntags zur Beichte. Viele von diesen Erwachsenen-Dingen macht man, ohne genauer darüber nachzudenken. Weil sie normal sind und dazugehören und eben oft auch einfach so sein müssen.

Auf meinem Weg zum Erwachsenwerden gab es keine Linie, die ich bewusst überschritten habe, keinen Moment, in dem mir klar war, so, du bist nun ein erwachsener Mensch, du bist jetzt drin in der Erwachsenenwelt, du musst jetzt darin zurechtkommen und dich an die anderen Erwachsenen gewöhnen, denn du bist jetzt einer von ihnen. Press die Lippen zusammen, wenn dir was nicht passt oder schweige so laut, dass es jeder hören kann. Gleichmäßig atmen geht nur noch am Wochenende.

Nie habe ich darüber nachgedacht, wann genau ich erwachsen geworden bin. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich mich nie erwachsen gefühlt habe. Oder schon als Kind ein bisschen erwachsen war. Aber jetzt, wo ich älter werde, frage ich mich von Zeit zu Zeit, warum ich sie auf einmal sehe – diese Linie, die ich früher nie wahrgenommen habe, von der ich behaupte, dass sie damals nicht da war oder zumindest unsichtbar. Auch jetzt ist sie oft nur ganz schwach zu sehen, irgendwo ganz weit hinten, unnahbar, unerreichbar. Und sie entfernt sich, wenn ich auf sie zugehe, noch entfernt sie sich.

Doch irgendwann begann ich, in meiner eigenen Erwachsenenwelt über Dinge zu stolpern, die auch anderen Erwachsenen zu schaffen machen, Dinge, die jeder für sich selbst erledigen muss, Dinge, über die man ungern spricht, Dinge die wehtun und die einen hässlich aussehen lassen, müde und alt. Und all diese Dinge haben einen Namen, den man früher nicht kannte und heute oft nicht wissen will. Unheimlich scheinen sie, traurig und knöchern, obwohl sie dazu gehören. Ihre Bedeutung wissen wir nur, weil wir müssen, nicht weil wir wollen. Patientenverfügung, Notar, Vorsorgevollmacht, Alzheimer, Stent, Herzkatheter, Beatmungsgerät, Bypass, Psychose, Depression, Embolie, Infarkt, Grabstätte.

Die Angst vor diesen Lebensdingen, so glaube ich, lässt mich die Linie jetzt bewusster wahrnehmen als damals, während meiner unbeschwerten Jugend. Tick, tack, tick, tack… Ich bin erwachsen geworden, jetzt werde ich alt. Wenn ich Glück habe. Ich will‘s nicht verdrängen, ich will später nicht im schmierigen Lichtkegel der Wohnzimmerfunzel sitzen, mit den verhornten Fingerspitzen über die vergilbten Fotos von früher streicheln so als würde die Vergangenheit dadurch zur Gegenwart, und mich dabei wehmütig heiser heulen.

Ich will mit aller Kraft meinen Sandsack boxen, solange bis er sich nicht mehr bewegt, ich will jetzt lernen zu akzeptieren, dass ich alt werde. Dass ich ohne zu husten durchatmen und mit Freude sagen kann: Ich bin alt. Ich hab es lange, lange kommen sehen. Ich bin ein alter Mensch mit einem alten Herzen. Aber ich bin immer noch ein verdammt guter Boxer. Und ich kann jetzt ruhig öfter müde sein, das ist kein Problem mehr, die Träume werden die gleichen bleiben.

Ja, ja, ja! Es geht jetzt um Klamotten! Sie denken nun vermutlich: was kommt die uns denn mit so einem oberflächlichen Thema? Wobei ich mich frage, ob es wirklich so oberflächlich ist. Denn sagt es nicht Einiges über unser Inneres aus, wie wir mit unserem Äußeren zurechtkommen? Ich frage mich nämlich oft, ob ich mich eigentlich wirklich schön finde? Es gibt ja so Tage, da fühlt man sich grandios und fabelhaft. Da schaue ich in meinen Zahnpasta bespritzten, halb blinden Spiegel und denke mir: "Ja, ist okay, kannst dich ruhigen Gewissens auf die Straße trauen!"

Dann hebe ich mein Shirt hoch und versuche ein paar nicht vorhandene Bauchmuskeln zu erkennen. Ich spanne den Bauch an, aber da will einfach nichts zu sehen sein, nicht der kleinste, mickrigste Bauchmuskel. Ich finde das von meinem Bauch mir gegenüber ziemlich dreist und überlege schon wie ich ihn die kommenden Tage für diese Unverschämtheit bestrafen könnte. Aber so, dass es ihm richtig zu schaffen macht und er sich verpisst.

Wünsche können ja bekanntlich Berge versetzen, nur leider können sie keine Fettpölsterchen schmelzen lassen. Erst recht keine Orangenhaut. Und dann, wenn das Licht gnädig fällt, umschmeichelt es immer so schön die kleinen fiesen Dellen an den Schenkeln und am Hintern und ich jubele, weil es so scheint, als hätte sich meine verhasste Freundin, Genossin Orange, mal einen Tag frei genommen. Auch meine Haare fallen an diesen Tagen wunderbar und mein Teint strahlt heller als Vaters Höhensonne. Ich bin jedes Mal richtig von mir selber geblendet. Solche Tage sind toll.

Ich liebe auch diese Tage, an denen ich das perfekte Outfit spazieren trage. Also wenn man sich zum Beispiel was hübsches Neues zum Anziehen gekauft hat und das dann das erste Mal trägt, das ist doch jedes Mal ein grandioses Gefühl. Man fühlt sich wie neu geboren. Und am allerliebsten würde man, ich meine natürlich Frau, sofort nochmal in den Laden stürzen und das Outfit ein zweites Mal kaufen. Zur Sicherheit, falls mit Outfit Eins irgendwas Unvorhersehbares passiert. Meine Devise lautet: das Beste sollte man doppelt und dreifach haben. Ziemlich dekadent, finden Sie nicht auch? Vielleicht gibt’s das ja morgen schon nicht mehr, denke ich dann in meinem Wahn, alles raffen zu wollen, vielleicht ist es ja morgen schon ausverkauft, vielleicht gibt’s ja morgen überhaupt keine Läden mehr, im ganzen Land nicht. Alle zu! Wirtschaftskrise, Inflation, Insolvenz. Da muss man natürlich drauf vorbereitet sein! Und dann eben für den Notfall auch gut gekleidet.

Höchst interessant finde ich aber die Metamorphose eines jeden Lieblings-Outfits. Es verändert sich nämlich ziemlich rasant. Und zwar gnadenlos. Denn wenn man exakt dasselbe Outfit ein paar Wochen später erneut anzieht, ist die Wirkung: Na? Genau! Verpufft! Und zwar völlig. Als wäre die Prise Magie dieser Klamotten-Kombination, in der ich mich noch ein paar Tage zuvor wie die Herzogin von Rummelsburg gefühlt habe, mit dem letzten Schleudergang gnadenlos weggespült worden.

Also, was lernen wir daraus? A) Genießen wir diesen Zauber des ersten Klamotten-Mals. Und B) Wir brauchen ständig neue Klamotten! Denn möglicherweise ist genau das der Grund, warum wir Frauen immer vor unseren - aus allen Nähten platzenden - Kleiderschränken stehen und jammern, wir hätten nichts zum Anziehen. Weil uns der Kick fehlt! Und den haben wir nun mal nur mit neuen Klamotten. Na ja, zumindest ein Teil von mir. Kein großer, nur so schlappe neunzig Prozent. Da können mich die alten Klamotten im Schrank noch so sehr anlächeln, keine Chance. Und deshalb müssen wir Frauen auch öfter shoppen gehen. Finden Sie nicht auch, dass so eine, zugegeben, nicht sehr weise Einsicht dennoch einem Hauch von Erleuchtung gleichkommt? Ja, ich könnte mit meiner Einsicht nämlich gegen das gefährliche Shopping-Gen ankämpfen, aber nö, ich kriege ja den Hals nicht voll. Raff, raff, raff...Bald kann ich mir von meinen Klamotten ein Zelt nähen. Es ist wie eine Droge, das mit den neuen Klamotten. Gelegentlich überlege ich schon, eine Anfrage bei der Bundesregierung für einen Untersuchungsausschuss einzureichen: "Frauen und Klamotten: Wie die Suchtgefahr abrupt eingedämmt werden kann."

Verrückt finde ich übrigens auch, dass ich mir oft schon am Abend vorher den Kopf zerbreche, was ich wohl am nächsten Tag anziehe. Als hätte ich sonst nichts zu tun! Manchmal probiere ich den Mist sogar extra vorher an. Jetzt verdrehen Sie mal nicht die Augen! Es kommt nämlich noch schlimmer. Ich suche mir sogar die passenden Schuhe raus, passende Ohrringe, den passenden Haargummi. Meistens artet das Ganze in einer stundenlangen Ich-zerr-alles-aus dem-Schrank-Session aus. Hinterher überkommt mich natürlich nie die Lust, die Sachen wieder ordnungsgemäß einzuräumen und so stopfe ich alles in die Fächer, um es irgendwann später mit enorm hohem Zeitaufwand wieder ordentlich zusammenzulegen. Dabei ist das vollkommen sinnlos, dieses Schrank-Aufräumen. Die Ordnung hält keine zwei Tage. Aber ich mach's trotzdem. Obwohl ich weiß, dass es sinnlos ist, obwohl ich weiß, dass es nur zwei Tage schön in meinem Schrank aussieht, obwohl ich das alles weiß! Hübsch sortiert hängen Gürtel neben Gürtel, Blusen neben Blusen und so weiter. Vielleicht ist es aber auch so, dass ich nur aus einem einzigen Grund dafür sorge, dass in meinem Schrank immer wieder alles tutti paletti ist: weil ich ahne, dass ich da eines Tages selber drin hängen werde! Weil dieses Mode-Chaos mich nämlich über kurz oder lang ins Kleiderschrank-Grab bringen wird. Ich sorge somit also schon vor, richte es mir da drin ein bisschen ein, mach's mir vorab für die nächsten zehn Millionen Jahre schon mal gemütlich.

Übrigens: Geht es Ihnen auch so, dass wenn Sie sich ein besonders schönes Outfit ausgedacht haben, Sie sich auch so doll auf den nächsten Morgen freuen? Kurioserweise hat sich der Blick auf dieses Outfit über Nacht aber irgendwie geändert. Weiß der Geier wie das passieren konnte! Das, was ich am Vorabend noch phänomenal fand, sieht plötzlich am Morgen lächerlich aus. Als hätte ich einen im Tee gehabt, als ich das ganze Gedöns anprobiert habe.

Ich ärgere mich über mich selbst, schimpfe wie ein Rohrspatz, dass ich wieder viel zu viel Geld für die falschen Klamotten ausgegeben habe und dass ich wirklich überhaupt keine Ahnung von Mode zu haben scheine. Dann ärgere ich mich, weil ich mich so sehr über diese eigentlich banalen Dinge ärgere. Die Welt geht vor die Hunde und ich mach mir Gedanken über das Dienstags-Outfit. Mit mir stimmt was nicht! Ja, ich könnte mir am laufenden Band ständig selbst einen Vogel zeigen. Doch dann sage ich mir tapfer: "Das Aussehen ist doch nicht alles!", ziehe die olle Leggins und das verwaschene, viel zu kurze Kleid an, das am Hintern inzwischen ganz widerlich unvorteilhaft aufträgt und dann ist der Tag gelaufen.

An genau solchen Tagen ist man beileibe wahnsinnig anfällig für Neidattacken. Wenn ich dann eine Frau sehe, die wie die wunderschöne Französin Marion Cotillard persönlich daher kommt, dann fühle ich mich wie ein Wiener Würstchen, das versehentlich unterm Sofa gelandet ist und dort seit Wochen vor sich hin schrumpelt. Nicht mal der Hund findet mich noch appetitlich. Der blöde Köter. Ich halte hier gerade meine eigene Therapiesitzung ab, merken'se auch, ne?