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Einige Tage vorher war LZ 77 nach einem Angriff auf den Eisenbahnknotenpunkt Revigny bei Brabant-le-Roy als loderndes Wrack abgeschossen worden. Das war auffallend, denn im allgemeinen gingen die Granaten glatt durch die Hülle, und auch bei Schrapnellfeuer blieb der Schaden meist auf wenige Gaszellen beschränkt, so daß sich das Schiff zur Not in der Luft halten konnte. Wir ahnten nicht, welche entscheidende Wendung im Luftkrieg die Vernichtung des LZ 77 bedeutete, als wir am letzten Februartag 1916 von Trier aus in der Richtung Verdun starteten, um für ihn in die Bresche zu springen. Nach einstündiger Fahrt brach an einem Motor die Kurbelwelle, wir kehrten nach Trier zurück, ersetzten zwei der Motoren durch neue und machten uns zwei Tage später abermals auf den Weg. Es goß in Strömen, dazwischen hagelte und schneite es. Acht Stunden lang schlugen wir uns mit dem Unwetter herum, schließlich waren wir froh, wieder in unsere alte Halle unterkriechen zu können. Erst drei Tage darauf gelang uns ein Angriff.
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Seitenzahl: 578
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Auf Luftpatrouille
und Weltfahrt
Erlebnisse eines Zeppelinführersin Krieg und Frieden
von
LuftschiffkapitänErnst A. Lehmann
_______
Erstmals erschienen bei:
Schmidt & Günther,
Leipzig, 1936
__________
Vollständig überarbeitete Ausgabe.
Ungekürzte Fassung.
Buchbearbeitung: Nadja Mondy
© 2018 Klarwelt-Verlag, Leipzig
ISBN: 978-3-96559-173-8
www.klarweltverlag.de
Inhaltsverzeichnis
Titel
1. Kapitel / Es war ein Sonntag hell und klar . . .
2. Kapitel / Zaungäste der Revolution
3. Kapitel / Wir jubilieren — aber wo und wie!
4. Kapitel / Ein Mann springt aus dem Luftschiff
5. Kapitel / Wir machen uns die Bomben selber
6. Kapitel / Im Butterfass zwischen Himmel und Erde
7. Kapitel / Eine Weltstadt wird gesucht
8. Kapitel / Marineleutnant Lehmann meldet sich bei Hindenburg
9. Kapitel / Eine große Ente auf einem kleinen Teich
10. Kapitel / Nordseepatrouille
11. Kapitel / Der Schütze, der auf England zielt
12. Kapitel / Bomben auf London
13. Kapitel / Skagerrak
14. Kapitel / Vom alten Grafen und seinen Arbeitern
15. Kapitel / „Lasst mir meine Wäsche hängen!“
16. Kapitel / Es gibt noch Wunder auf der Welt
17. Kapitel / Der Posten mit dem Heiligenschein
18. Kapitel / Hornissenschwärme gegen uns
19. Kapitel / Die Engländer erbeuten einen Zeppelin
20. Kapitel / In Himalajahöhen
21.Kapitel / 100 Stunden in der Luft
22. Kapitel / Freund und Feind auf dem Balkan
23. Kapitel / Hilfe für Lettow-Vorbeck
24. Kapitel / Es geht zu Ende
25. Kapitel / Wir wollen nach Amerika
26. Kapitel / Deutschland, Deutschland über alles!
27. Kapitel / Nichts ist schwerer zu ertragen . . .
28. Kapitel / — das dem geneigten Leser technisch kommt
29. Kapitel / Eckener führt „Graf Zeppelin“ zum Sieg
30. Kapitel / Wiedersehen mit Neuyork
31. Kapitel / Das Rätsel von Toulon
32. Kapitel / Reise um die Welt
33. Kapitel / Die erste transatlantische Luftschifflinie bahnt sich an
34. Kapitel / „Graf Zeppelin“ entdeckt unbekanntes Land
35. Kapitel / Im neuen Reich
36. Kapitel / Die große Deutschlandfahrt
37. Kapitel / Alte Götter, neue Gäste
38. Kapitel / Ein Anfang und kein Schluss
s war ein Sonntag hell und klar, wir fuhren aus dem Herbst in den Frühling. Wir hatten keine Fahrgäste an Bord, nur Post, und hielten die Natur zum Besten, indem wir den Winter übersprangen und der Zeit im Wettlauf gegen Westen drei gute Stunden abgewannen.
Wir hatten Auftrag, zwischen Afrika und Amerika die Luftpost zu besorgen. Das war, in dieser Form, ein neuer Auftrag, der die Verbundenheit von Fliegerei und Luftschifffahrt verstärkte. Bisher war „Graf Zeppelin“ mit Fahrgästen und Post von Friedrichshafen nach Rio de Janeiro gefahren und von dort zurück — 10 000 Kilometer hin, 10 000 Kilometer her. Jetzt übernahm er sozusagen Urlaubsvertretung. Die Mutterschiffe „Schwabenland“ und „Westfalen“, die den Postfliegern der Deutschen Lufthansa als schwimmende Stützpunkte im Atlantik dienen, wurden für einen Monat zurückgezogen, um überholt zu werden. Während dieser Zeit erledigte „Graf Zeppelin“ an Stelle der Dornier-Wale den Pendeldienst zwischen Bathurst und Pernambuco.
„Graf Zeppelin“ war unter meinem Kommando am 7. November 1935 um 7 Uhr früh in Friedrichshafen zu seiner 50. Amerikafahrt aufgestiegen. Das Luftschiff war, wie auf jeder Reise in diesem seinem siebenten Betriebsjahr, vollbesetzt. Von Rio de Janeiro kehrte es nach Recife de Pernambuco zurück, versah sich am Ankermast mit Gas und Benzin und trat am 15. November die erste der drei vorgesehenen Pendelfahrten nach Bathurst an. Der Atlantische Ozean ist zwischen Recife und Bathurst 3000 Kilometer breit.
Bathurst ist die Hauptstadt der britischen Kolonie Gambia und liegt an dem Fluss dieses Namens. Die Fluglinie der Deutschen Lufthansa, die die Flugpost über Stuttgart und Sevilla befördert, geht dort in die eigentliche Transozeanlinie über. Die Deutsche Lufthansa unterhält deshalb in Bathurst eine Station mit Flugplatz, auf dem ihre Postflugzeuge landen. Die pfeilschnelle Heinkel und die mächtige dreimotorige Junkers geben den Negern von Gambia den Begriff Deutschland. Das Erscheinen des „Graf Zeppelin“ steigerte diesen Begriff: Afrika war überwältigt von dem Eindruck und begeistert.
Da Bathurst keinen Ankermast hat, so tauschten wir ohne Zwischenlandung die Post aus und lieferten die für Südamerika bestimmte Sendung in Pernambuco ab, von wo sie die deutschen Flugzeuge des Condor-Syndikats längs der Küste und strahlenförmig über den ganzen Kontinent weiterbefördern. Am Sonntag, dem 24. November, erschien „Graf Zeppelin“ abermals vor Bathurst, warf über dem Flugplatz aus 200 Meter Höhe den kleinen Fallschirm mit der Post für Europa ab, hisste am Angelhaken die für Amerika an Bord und begab sich auf den Rückweg über den Atlantik.
Es ist ein Sonntag hell und klar, die Luft über dem heißen, weißen Sande flimmert.
Die Baracken der Flugstation unter uns schieben sich nach rückwärts, das schlanke Postflugzeug wird zur Libelle, die deutschen Kameraden in Tropenuniform und ihre schwarzen Helfer in den hemdartigen Gewändern sind nur noch weiße Tupfen. Das Städtchen, Residenz des Königlich Britischen Gouverneurs, liegt weiß und wie angeschwemmt auf der Mündungsinsel, vom andern Ufer des Gambiastromes heischen die Kanonen des Forts Sullen Respekt.
Das Dröhnen der anspringenden Motoren überdeckt das Rollen der Brandung, die der Küste eine weiße Halskrause vorlegt. Vom steilen Vorgebirge Saint Mary winkt uns die Flagge der Erholungsstation Baku den Abschied Afrikas.
Es ist, offen gestanden, kein großer Unterschied zwischen dem Herbst in Afrika, den wir verlassen, und dem Frühling in Südamerika, dem wir entgegensteuern; man schwitzt hier und schwitzt dort. Über der blauen Unendlichkeit des Atlantik aber, auf dessen Rand sich der Himmel rundet, kühlt uns der Gegenwind unserer eigenen Schiffsgeschwindigkeit, und in der scheinbaren Eintönigkeit waltet ewiger Unterschied und Wechsel.
Wenn ich nicht Luftschiffer wäre, so möchte ich mir wünschen, einmal als Passagier zu fahren, um mich ganz der Betrachtung des tausendfältigen Farben- und Formenspiels hinzugeben, dass die Künstlerin Natur aus nichts als Luft und Wasser schafft. Aber ich trage die Verantwortung des Führers und habe Dienst, und in den Ruhepausen, in denen meine Kameraden von Schiller und Wittemann mich vertreten, esse ich, schlafe ich und denke zwischendurch mit schlechtem Gewissen an das Buch, das ich über meine Fahrten schreiben soll und auf das, Kapitel um Kapitel, Herausgeber, Verleger und Drucker ungeduldig warten. Hier, zwischen Afrika und Amerika, tausend Meter über dem Atlantik, habe ich wenigstens den Trost, dass ich für alle drei unerreichbar bin. Da schreckt mich aus meiner beruhigenden Sicherheit ein Telegramm aus. Der diensthabende Funker bringt es selbst herüber und macht dazu ein bestürztes Gesicht. Es ist vom Condor-Syndikat in Rio de Janeiro abgeschickt und adressiert an Denne. „Denne“ ist das Funkkennwort für „Graf Zeppelin“; die brasilianischen Stationen funken manchmal überhöflich auch „Comte Denne“.
Rio, 24. November 20.05 Uhr
Recife telegrafiert in Übersetzung stop Leicht aufständische Bewegung in der Stadt stop Nach Verständigung mit Behörden halten diese Landung Zeppelins für nicht convenierend stop Bitten sofortige Übermittlung an Zeppelin anraten möglicherweise Rückreise Spanien stop Unterschrift Aeronauta stop Dazu von uns stop In Natal politische Unruhen jede Verbindung unterbrochen Postübergabe dort unmöglich stop In Recife ebenfalls Unruhen Regierung dominiert außer in Olinda und einer Kaserne im Zentrum stop Federalregierung ist bereit Giquia militärisch zu sichern stop Syncondor
Na, ich danke, das ist ja eine schöne Geschichte. Aber schließlich, es ist nicht das erste Mal, dass „Graf Zeppelin“ mit den innerpolitischen Auseinandersetzungen der großen südamerikanischen Republik in Berührung gerät. Noch immer ist die Zentralregierung in Rio de Janeiro der oppositionellen Bewegung Herr geworden, und wenn unser Landungsplatz in Giquia bei Recife militärisch gesichert bleibt, so können wir die Europapost statt über Natal in Recife abwerfen und dort zur Ergänzung unserer Betriebsmittel landen. Ich gebe deshalb unseren Funkspruch Nr. 16 an das Condor-Syndikat in Rio de Janeiro (wozu ich bemerke, dass nach internationalem Gebrauch „9 gmt“ 9 Uhr westeuropäischer Zeitrechnung — Greenwich meridian time — bedeutet):
Condor Rio
Für Recife müssen wegen Brennstoff Recife landen sorget für militärische Absperrung und Landemannschaft morgen früh 9 gmt bestätiget
Schiffsleitung Grafzeppelin
Kaum gedacht, meldet sich Recife im Empfänger, meldet sich dringlich und beschwörend gleich zweimal hintereinander:
Recife, 23.50 Uhr
Schiffsleitung Grafzeppelin Nr 199
Euer Nr 16 Landebereitschaft auf 9 gmt unmöglich da sämtliche Straßen und Telefonverbindungen diese Nacht unterbrochen bitten Landung hinauszögern bis ich Verbindung herstellen und Euch avisieren kann
Station Recife
Recife, 23.55 Uhr
Von Recife Nr 197 2.24 dringend für Grafzeppelin nach erneuter Rücksprache mit Behörden anraten dass Zeppelinankunft hier alleräußerst verzögert falls Rückkehr unmöglich stop Die Lage ist schwer und ernst
Aeronauta Recife
Was tun? Giquia mit den Gas- und Benzinvorräten, die uns am Ankermast erwarten, liegt im Kampfgebiet; die Flugplätze von Recife und Natal, die wenigstens Benzin abgeben könnten, sind gleichfalls Streitobjekt. Wir könnten Kurs auf Rio de Janeiro nehmen, aber die Gasanstalt, die im Anschluss an die neue Landungshalle das Wasserstoffgas liefern soll, ist noch nicht in Betrieb. Umkehren und in Sevilla zwischenlanden, um die Gasfüllung zu ergänzen? Der Weg gegen den Nordostpassat ist zu weit für die Betriebsmittel, die uns noch zur Verfügung stehen.
Außerdem widerstrebt es unserem deutschen Pflichtgefühl, einen Auftrag unerfüllt zu lassen, solange noch die Möglichkeit besteht, ihn auszuführen. Ich habe sofort auf den ersten Alarm die Maschinenkraft des Luftschiffes drosseln lassen, um für alle Fälle die Betriebsmittel zu strecken. Ich fahre mit nur zwei von fünf Motoren verlangsamt über den Ozean und lasse zurückfunken:
Aeronauta Recife
Laufen langsam weiter Richtung Recife werden Ihre Nachricht abwarten stop Können Landung notfalls bis Dienstag verschieben bitten jedoch dringend möglichste Beschleunigung aller notwendigen Maßnahmen einschließlich Gasfabrikation da vor eventueller Europarückkehr erst nachfüllen müssen was nur in Recife möglich
Lehmann
Die Funksprüche jagen jetzt einander; die Mitteilungen an uns kommen von unserer Landungsstation Recife, von unserem Vertreter, Herrn Hans Sievert, Geschäftsführer der uns nahestehenden großen Exportfirma Herm. Stoltz & Co., und vom Condor-Syndikat:
Für Aeronauta Recife
Nr 19 Ist Gasversorgung gesichert Fragezeichen Von wem gehen die Unruhen aus
Grafzeppelin
Recife, 25. November 01,25 Uhr
Schiffsleitung Grafzeppelin
Auf Ihr Nr 19 Haben keine Verbindung mit der Gasfabrik Unruhen anscheinend von roter Seite
Station Recife
Recife, 02.25 Uhr
Nr 202 143 q Euer 16 18 und 19
Befinde mich seit heute Mittag in ständiger Verbindung mit Kommando Regierungstruppen Punkt Bewegung geht aus von Kaserne Socorro wo heute Nacht dort liegende Truppenteile revoltierten gleichzeitig aufflatterten Kommunistenunruhen in verschiedenen Stadtteilen Punkt Revoltierende Heeresteile sind stadtwärts bis Largo da Paz vorgedrungen somit Zeppfeld und gesamte Anmarschstraßen besetzt Punkt Revolutionäre Schießereien in der Stadt dauern fort Truppenkommando erhielt Order Kriegsministers Sicherstellung Zeppelinplatzes was auf Grund obiger Situation im Augenblick unmöglich Punkt Ersatztruppen aus Maceio und Parahyba eintreffen denklich bis morgen früh sodann Säuberungsaktion Platzgelände geplant Punkt Somit Landung morgen früh ganz unmöglich verschiebet selbige vorerst auf Montagnachmittag damit rechnet dass eventuell weitere Verschiebung auf Dienstagmorgen vonnöten Punkt Letzte Verbindung mit Zeppfeld 17 Uhr zu dieser Stunde war dort alles ruhig Gasfabrikation normal laufend Punkt Verhandele gegenwärtig weiter mit Truppenkommando halte Euch über Wissenswertes laufend
Sievert
Rio, 03.10 Uhr
Hiesiges Kriegsministerium mitteilet Doppelpunkt Lokale Regierungsbehörden dringanweisen Landung möglichst hinauszuschieben so dass annehmen dass solche vor morgen Abend nicht möglich stop Schauplatz der Kämpfe sich hinzieht Richtung Giquia stop Regierungstruppen im Vorrücken hoffen bis morgen Vormittag alles niedergeschlagen zu haben
Syncondor
Condor Recife und Rio
Nr 20 Wir haben Brennstoff eingeteilt bis Mittwoch reichen bei Fortdauer günstiger Wetterlage auch bis Donnerstag werden außer Sicht von Recife dortige Landungsbereitschaft abwarten stop Wir dachten und denken nicht an Europarückfahrt werden unsererseits keinerlei Nachricht nach dort geben ohne vorherige Vereinbarung mit Euch stop Vorschlagen Ihr gebet uns Situationsbericht für Friedrichshafen und Presse eventuell über uns stop Mitteilet ob Postabwurf Maceio heute Spätnachmittag erwünscht
Grafzeppelin
Recife D 9,20 Uhr
Denne Nr 208
Euer offizieller Situationsbericht Einverständnis Truppenführung Doppelpunkt Montag 07 Uhr gmt Teile außerhalb der Stadtperipherie Pernambucos kasernierten Bundestruppen revoltierten Sonntagmorgen in ihren Quartieren während gleichzeitig in verschiedenen Stadtteilen politische Unruhen anscheinend linksorientierter Elemente ausbrachen Punkt Den innerhalb der Stadtgrenze stationierten Heeresteilen zusammen mit der Polizei gelang es die stadtinneren Unruhen niederzuhalten sowie das Eindringen der revolutionären Elemente in das Stadtinnere zu verhindern Punkt Aus dem Nachbarstaat Parahyba sind soeben Ersatztruppenteile angekommen Komma weitere werden erwartet Punkt Man denkt im Lauf des heutigen Tages die Ruhe wieder völlig herzustellen Fullstop Für Euch vertraulich Doppelpunkt Säuberungsaktion im Beginnen stop Werden denklich nachmittags neuen Situationsbericht geben können Lage durch Eintreffen obiger starker Ersatztruppen schon günstiger doch vorläufig noch an Landung vor Dienstagmorgen nicht zu denken
Sievert
Aeronauta Recife
Nr 8 Nachrichten alle erhalten einschließlich Nr 224 stop Verschiebung bis Dienstagnachmittag durchaus einverstanden wenn nötig auch Mittwoch stop Hamburg entsprechend unserer Nr 6 benachrichtigt
Graf Zeppelin
Als Briefträger des Weltverkehrs ist „Graf Zeppelin“ gehalten, die Post aus Europa pünktlich abzuliefern. Da das zur Zeit weder in Natal, der Hauptstadt des nördlich von Pernambuco gelegenen Bundesstaates Rio Grande do Norte, noch in Recife, der Hauptstadt des Bundesstaates Pernambuco, möglich ist, so beschließe ich, zu dem Zweck Maceio, die Hauptstadt des südlichen Nachbarstaates Alagôas, anzusteuern, in deren Hafen die Dornier-Flugboote des Condor-Syndikats auf dem Wege zwischen Natal und Rio im Bedarfsfalle Station machen, und lasse das nach Rio funken:
Syncondor Rio
Postabwurf Maceio 18 Riozeit
Grz
Rio, 06.07 Uhr
Euer Postabwurf Maceio falls Lage nachmittag noch unklar einverstanden und erwünscht
Syncondor
Rio, 14.20 Uhr
Nr 38 Erbitten Postabwurf Maceio über Air France Platz 13 Kilometer nördlich Stadt Maceio 11 Kilometer querab Küste stop Postabhol W 34 eintrifft nach 15 Uhr Rio-Zeit
Syncondor
Rio, 16.18 Uhr
Nr 39 Denne via pqr Maceio
Bestätiget Bereitschaft Airfrance Flugplatz für Postübernahme stop Erbitten Uhrzeit
Syncondor
Syncondor Rio
Nr 9 Postabwurf Maceio schon um 17 Uhr Riozeit stop Erbitten Wetter Maceio
Denne
„Graf Zeppelin“ nimmt direkten Kurs auf Maceio. Schon von weitem zeigt sich die kleine Stadt durch ihre hohe Kathedrale an. Von den Schiffswerften tönt Hammerschlag in den gedämpften Rhythmus unserer stoppenden Motoren, Dampfer löschen und laden auf der Reede; von der Revolution merkt man hier nichts. Wir lassen die Landzunge, auf der Maceio liegt, und die Lagune hinter uns und gehen über dem Flugplatz der französischen Gesellschaft auf 250 Meter herunter. Beauftragte des Condor-Syndikats fangen die Fallschirmpost auf, die wir abwerfen, ein kurzer deutscher Gruß von Mann zu Mann, dann entfernen wir uns wieder auf das Meer hinaus, während das Auto die für Amerika bestimmte Post nach dem Hafen bringt. Dort übernimmt sie das Flugboot, das gleich unserem Schiff ein Friedrichshafener Kind ist.
Das Condor-Syndikat in Rio wird von uns verständigt:
Haben Maceio Post abgeworfen laufen langsam nordwärts bleiben außer Sicht Nähe Recife
Schiffsleitung Grafzeppelin
Recife, 17.18 Uhr
Denne Nr 216/7
Bin hier auf Station erbitte Verbindung in 15 Minuten
Sievert
Recife, 17.40 Uhr
Denne Nr 224
Für Euch vertraulich stop Weiterentwicklung normal jedoch Largo da Paz heftiger Widerstand lebhafte Schießereien Artillerieeinsatz Punkt Truppenkommando hofft nach wie vor Säuberungsaktion Platzgeheges heute Abend durchgeführt Platz selbst angeblich durch Umgehung schon Besitz Regierungstruppen jedoch Lage vermutlich auch morgen früh noch nicht endgültig gesichert deshalb und in Anbetracht Unmöglichkeit Landungsvorbereitungen bis morgen früh verschiebet Landung vorerst weiter auf Dienstagnachmittag Punkt Bleibe bis 15 Uhr hier auf Station in Erwartung Eurer eventuellen Nachrichten Punkt Neuer Situationsbericht vorbehaltlich besonderer Umstände erst morgen früh
Sievert
Denne 54/55, 18.00 Uhr
Condor Recife und Rio
Da Friedrichshafen scheinbar beunruhigt erbitten sofort Euer bzw Regierungseinverständnis zu Abgabe folgender Meldung Doppelpunkt Landung Recife statt planmäßig heute Montagabend wahrscheinlich erst morgen Dienstag da in Pernambuco seit Sonntagabend teilweise Truppenrevolte welche dank sehr energischen Eingreifens der Regierung sofort niedergeschlagen stop Wir erwarten jedoch zur Zeit sicherheitshalber Anzeige Landungsbereitschaft Pernambuco haben schönstes Wetter und Brennstoff und Proviant bis Donnerstag
Schiffsleitung Graszeppelin
Zeppreederei Friedrichshafen und Berlin
Aufstieg Recife war wegen Verspätung Südpost erst Freitagabend deshalb Landung planmäßig eigentlich heute Montagabend diese jedoch verschoben bis morgen stop Truppenrevolte sofort niedergeschlagen abwarten jedoch sicherheitshalber Landungsbereitschaft feiern 500. Fahrt
Schiffsleitung Grafzeppelin
Über all dieser Kriegsberichterstattung der Stationen ist es Abend geworden, und die Revolution legt sich zu Bett. Wir hören über Nacht nichts als Meldungen, die überholt sind oder einander widersprechen; von den Verhältnissen auf unserem Landungsplatz erfahren wir nichts. Auch Olinda, die kleine Bischofsstadt, die auf pittoresker Felsenhöhe über Recife liegt, versagt zu beiden Malen.
Olinda, 25. November 17.10 Uhr
Service from post and telegraph of Brasil Pernambuco no down now
Olindaradio
Olinda, 26. November 08.10 Uhr
Here is revolution please give me if expect landing field or if destiny rio pse to inform our chief
Olindaradio
„Hier ist Revolution“ — ja, das glauben auch wir schon bemerkt zu haben, und ob wir zu landen hoffen dürfen, das dachten wir gerade von denen zu erfahren, die uns treuherzig danach fragen.
ie Sonne sank, die Sonne steigt, „Graf Zeppelin“ kreuzt auf der Höhe von Recife. Wir machen den normalen Dienst und können im Übrigen nichts tun als warten. An sich eilt es uns nicht so, wir sind vier Tage unterwegs und können uns, wenn es nottut, noch vier Tage ohne Zwischenlandung halten. Das eben ist der große Vorteil des Luftschiffes vor dem Flugzeug, das nur mit laufenden Motoren, also mit genügend Betriebsstoff, flugfähig bleibt. Da wir sparsam waren, reicht unser Benzin und Öl noch; Lebensmittel und Frischwasser sind zwar knapp, weil wir auf eine so lange Ausdehnung der Reise nicht gefasst waren, aber wir kämen damit aus. Doch da der Dampfer „España“ der Hamburg-Südamerikanischen Dampfschifffahrtsgesellschaft auf unserem Kurs steht, so nutze ich die Gelegenheit zu dem Experiment, ein Luftschiff vom Seeschiff aus zu verproviantieren.
Ein Funkspruch fliegt zum Landsmann wie der Wunschzettel zum Weihnachtsmann:
Kapitän Espana dhgt
Steuern Sie an zur Aufnahme von Proviant falls Ihnen möglich
30 Kilo Brot wie vorhanden
1 Stück Kalbsschlegel
1 Stück Rinderkeule
10 Pfund Fleischwurst
25 Kilo Kartoffeln
Büchsenheringe für 50 Portionen
25 Flaschen Bier kalt
5 Pfund Mehl
5 Pfund Spaghetti
50 Paket Zwieback
Grafzeppelin
Grafzeppelin
Können alles bekommen außer Flaschenbier dafür ein Fass Bier Kartoffeln nur frisch in Säcken stop Wie nehmen Sie es über und wann Fragezeichen Wenn nötig setzen wir Boot aus stop Position 12 Uhr gmt 6.42 Süd 33.04 West Kurs 204 rw Gruß
Schneekloth
Espana
Danken für Hilfe bitten Proviant ohne Bier bereithalten stop Zum Manöver Kurs gegen den Wind volle Fahrt stop Abgeben auch mit Leine Netz zum Verpacken stop Aufnahme im zweiten Anlauf
Grz
Das Programm wird beiderseits so prompt und glatt erledigt, als seien Seeschiff und Luftschiff in hundert Proben aufeinander eingespielt. „Graf Zeppelin“ schiebt sich von rückwärts über die „España“ heran, die mit volllaufender Maschine vor uns her dampft, beschreibt einen Bogen und geht tiefer. Gegen die Windrichtung eingestellt, steuert das Luftschiff über den Frachtdampfer, unsere Motorenkraft ist so weit abgedrosselt, dass sie dem Gegenwind gerade nur die Wange hält. „Graf Zeppelin“ tritt, wie man beim Militär sagt, auf der Stelle.
Es ist ein Augenblick, der jedes deutsche Herz höher schlagen lässt, als Flagge über Flagge das neue Deutschland grüßt. Schiff ist so nah an Schiff, dass wir mit der Besatzung Gruß und Nachricht tauschen können, während Schillers Leute durch die Fallreeptür der Passagiergondel das Netz herablassen. Das ist bedeutend größer als das Einkaufsnetz, mit dem unsere Hausfrauen in der fernen Heimat auf den Marktplatz gehen, aber es erfüllt denselben Zweck. Kaum ist das Seil mit seiner 110 Kilo schweren Nutzlast wieder aufgewunden, so gehen unsere Motoren auf volle Kraft. Die „España“ sinkt hinter uns zurück, schon wirkt sie wie ein Spielzeugschiff im Weihnachtsladen, und die Mannschaft besteht nur noch aus Punkten. Aus unserer Funkbude springt ein Dank zurück zum wackeren Kapitän, der uns geholfen hat:
Kapitän Schneekloth dght
Recht herzlichen Dank jetzt können wir Ende Pernambuco Revolution abwarten Gruß
Lehmann
Weiter kreuzen wir auf See, zwischen der Festlandküste und dem vulkanischen Felskegel der kleinen Inselgruppe Fernando Noroñha, die als Vorposten Amerikas aus dem Meere aufsteigt. Haushoch donnert die Brandung um die Klippen, und der weiße Gischt scheint sich zu fliegendem Getier zu verdichten: Seeadler, Albatrosse, Reiher flitzen wie Schneegestöber um die Felsentürme; im gläsern blauen Meer unter uns gleitet des Luftschiffes violetter Schattenumriss über torpedoförmige Haie und braune, deckenflache Riesenrochen dahin. Die Hauptinsel, zweieinhalb Kilometer breit, elf Kilometer lang, erinnert mich an Helgoland: über breitem Strand erhebt sich hundert Meter hoch der rotgebrannte Fels. Auf seinen Rücken schmiegen sich, zwischen Mais- und Bohnenfeldern, Maniok und Rizinus, ein paar flache Steinhäuser, überragt vom Gerüst der Funkstation. Einen einzigen Menschen werde ich gewahr: regungslos steht er am Strand und schaut dem Luftschiff nach. Ist der Mann am Strand einer der 160 Wärter, ist es einer der politischen Verbrecher, die hierher verbannt sind? Verbannt auf die glühendrote Insel, drei Grad vom Äquator, 750 Kilometer von der nächsten Festlandküste. Einmal im Monat kommt der Dampfer von Recife de Pernambuco und bringt für die Gefangenen und ihre Wärter Post und Proviant. Es war bald nach der vorigen Militärrevolte in Pernambuco, als die Kunde von einem tollen Piratenstreich durch die Zeitungen ging. 600 politische Gefangene, so hieß es, hatten die 160 Wärter auf Fernando Noroñha überwältigt, die Funkstation zerstört und sich des Regierungsdampfers bemächtigt, der gerade dabei war, auszubooten. Aufseher und Gefangene tauschten die Rolle, die Freibeuter nahmen Kurs auf Recife, ergänzten im Hafen ihre Vorräte und stachen wieder in See. Die Regierung bot Wasserflugzeuge und zwei Kleine Kreuzer auf, um die Ausreißer zu stellen, aber der Atlantische Ozean ist ein weites Feld und die Küste Brasiliens 8000 Kilometer lang, und so währte es eine Weile, bis dem unzeitgemäßen Spuk Cooperscher Marineromantik ein Ende gemacht war. Später wurde Fernando Noroñha — oder richtiger gesagt: die See davor — Standort für das Mutterschiff der deutschen Postflugboote, die „Graf Zeppelin“ jetzt vertritt. In Recife haben wir selber noch die Spuren der vorigen Rebellion gesehen, die von Polytechnikum und Jägerkaserne ausging, und im Hotel Central hat man unseren Fahrgästen, die dort abzusteigen pflegen, die Geschichte der Kugellöcher in der Wand erzählt.
Der Speisesaal des Hotels nimmt den achten, obersten Stock des schmalen Turmbaus ein, der inmitten der niedrigen Tropenhäuser einen Wolkenkratzer in Taschenformat darstellt. Man hat aus seiner Höhe noch drei Seiten wunderbaren Ausblick: auf den Atlantik, dessen Brandung sich gischtend an dem viele hundert Kilometer langen Sandsteinriff der Flachküste bricht, auf das grelle, heiße Labyrinth der unabsehbar ausgedehnten Stadt und auf die moorigen Lagunen mit den langstieligen Staubwedeln der Kokospalmen, zwischen denen von Zeit zu Zeit der Silberfisch „Graf Zeppelin“ unter senkrechter Sonne schimmert.
Die Brise von der See streicht kühlend durch den Saal; an den weißgedeckten Tischen, über die winzige Ameisen nach Zucker jagen, speisen vornehme Brasilianer, blonde Deutsche, ungenierte Bürger der USA., lautlos bedient von straffhaarigen, braunen Indios.
In diese friedliche Versammlung von Gentlemen und Ladies in Weiß trägt der Fahrstuhl einen schwerbewaffneten Soldaten. Der Mann ist, gemessen an den Deutschen, klein und zierlich und nimmt sich in seiner gelben Khaki-Uniform wie ein Bruder des kraushaarigen Negerknaben aus, der den Lift bedient und mit verschreckten Rehaugen kindlich zu ihm aufschaut. Höflich teilt der Soldat den Gästen mit, dass in diesem Augenblick die Revolution beginnt, und ersucht sie, die Fensterplätze zu räumen, da sogleich geschossen wird. Die Gäste, wie sich denken lässt, beeilen sich, den Wunsch des jungen Helden zu erfüllen; kaum haben sie sich an die fensterlose Wand des Speisesaals zurückgezogen, so hebt drunten ein Maschinengewehr zu tacken an, Gewehre knallen, in Fensterscheiben und Saaldecke erscheinen mit Geklirr und Klatschen runde Löcher.
Nationalmiliz schlägt den Aufruhr nieder, dessen politische Drahtzieher im Hintergrund verschwinden. Es heißt, dass kommunistische Propaganda im Spiele ist; ein verwegener Freibeuter der Politik, Luiz Carlos Prestes, taucht seit der Revolution von 1924 immer wieder auf.
Graf Zeppelin“ übernimmt Proviant vom Dampfer „España“
Speisesaal, Passagierkabine und Mannschaftsmesse im „Graf Zeppelin“
Die Fäden der Verschwörung sollen in Fabriken und Kasernen, ja sogar bis in einzelne Ministerien reichen, und die große Spinne in dem fernen Moskau sei bestrebt, ihr Netz auch auf Argentinien, Paraguay und Chile auszudehnen. Nun, Brasilien ist gesund und stark, sein fähiger Präsident, Getulio Bargas, wird auch jetzt mit dem Hochverrat der Verführten fertig werden. Der Empfänger in unserer Funkkabine nimmt zwischen den vielen tausend Wetter- und Standortsmeldungen begierig jede politische Verlautbarung aus Rio de Janeiro auf. Der Bundespräsident hat das Kabinett zur Notstandssitzung einberufen. Garnison, Marine, Polizei sind alarmiert. Banken, Bahnhöfe, Fabriken werden militärisch bewacht. Durch Parlamentsbeschluss wird über ganz Brasilien für dreißig Tage der Belagerungszustand verhängt. Alle kommunistischen Führer im Land sind zu verhaften.
Schärfe und Umfang der getroffenen Maßnahmen beweisen, dass es sich diesmal denn doch nicht mehr um einen Putsch rein lokalen Charakters handelt, obwohl in Rio selbst noch alles ruhig scheint. Der Herd der Unruhen ist ausgerechnet dort zu suchen, wohin wir wollen — nicht bloß wollen, sondern müssen!
Der Ausstand ist in der Nacht des 23. November gleichzeitig in den drei aneinandergrenzenden Bundesstaaten Rio Grande do Norte, Parahyba und Pernambuco ausgebrochen, was beweist, dass er nach genauem Plan organisiert worden ist. Im Staat Grao Pará, der in Äquatornähe zwischen den seeartigen Strommündungen des Para und des Amazonas liegt, und im Staat Alagôas, der südlich auf Pernambuco folgt und dessen Hauptstadt Maceio ist, sind die Putschvorbereitungen rechtzeitig aufgedeckt und vereitelt worden.
In Natal der Hauptstadt von Rio Grande do Norte, hat sich das meuternde 21. Jägerbataillon der Regierungsgebäude und der Funkstation bemächtigt und dadurch andere Truppenteile zu sich herübergerissen. Der Staatspräsident Rafael Fernandez ist in die Polizeikaserne geflüchtet. Die Funkstation verkündet eilfertig den Sieg der Revolution, den der Generalstreik von 200 000 Arbeitern besiegele. Die Bundesregierung in Rio de Janeiro dementiert; von beiden Parteien wird der Rundfunk als Propagandawaffe in den Bürgerkrieg einbezogen.
In Parahyba, Hauptstadt des gleichnamigen Staates, haben sich die Aufrührer verschanzt und werden von Polizei und Regierungstruppen angegriffen. Unser Reiseweg führt uns gelegentlich über Parahyba nach Pernambuco. In Recife selbst, der Hauptstadt von Pernambuco, hat sich aufsässiges Militär — Unteroffiziere, Militärschüler, Jäger — zu Herren der Kasernen gemacht und rückt gegen die Regierungsgebäude und den Hafen vor; blutige Straßenkämpfe mit regierungstreuen Truppen und Nationalmiliz sind im Gange. Hundertmal haben wir vom „Graf Zeppelin“ den Eindruck der Lagunenstadt aus der Vogelperspektive in uns aufgenommen und sind mit ihrer Topographie vertraut. Wir kennen die lange, schmale, schnurgerade Linie des Korallenriffes, das Recife den Namen gab und den einfahrenden Schiffen vor der Brandung Hafenschutz gewährt. Wir sehen die Einfahrt zwischen Riff und der Halbinsel Bairro do Recife von altertümlichen Forts bewacht und die Frachtdampfer am Kai schneeweißen Rohrzucker, Baumwollballen und die quadratisch zugeschnittenen Balken des roten Brasilholzes laden, nach dem sich Pernambuco nennt. Wir sehen das Gewimmel der Eingeborenen in allen Farben zwischen Weiß und Schwarz, Gelb und Braun, hören das herrische Klingeln der Staatsautomobile und das Rattern der vielen Bonds — wie hier die Straßenbahnen heißen — auf den Brücken, die zur Bairro do Antonio Vaz und von dieser Insel zur Villenvorstadt Bõa Vista führen. Wird um Bahnhof, Marinearsenal, Kommandantur und Zollamt des Hafenviertels schon gekämpft? Ist die Vrijborg auf São Antonio, die sich der Stadtgründer Moritz von Nassau, deutscher Feldherr in holländischen Diensten, baute, noch in Händen der Regierung? Wir wandern in Gedanken wieder durch die Hauptstraße, deren Geschäftsschilder so viele deutsche Namen zeigen und in der uns von dem mächtigen Kontorhaus der Exportfirma Herm. Stoltz & Co. die deutsche Handelsflagge grüßt. Dort ist der Sitz der Aeronauta, die die Belange der Deutschen Zeppelin-Reederei vertritt. Wenn sich — woran wir nicht zweifeln — der Ansturm der Rebellen an der Tatkraft der Regierung bricht, so muss er zwangsläufig über die Brücken des Rio Capiberibe zurückfluten nach Bõa Vista, wo unsere deutschen Landsleute mit Frau und Kindern wohnen.
Wir waren so manches liebe Mal Gast im Deutschen Klub, haben gekegelt und eisgekühltes Bier dazu getrunken und sogar die Schule im Obergeschoss des Klubhauses besucht, das ein Patrizierhaus aus dem brasilianischen Empire ist. Kokospalmen schauen mit Giraffenhälsen über das durchbrochene Dach, durch das die Meeresbrise streicht; ein gilbender Bananenhain, dicht wie ein Maisfeld, hängt in mächtigen Büscheln voller Frucht; der Brotbaum bietet den Kindern auf dem Spielplatz seine ungebackenen Laibe; das spröde Gras hat, wo es sich zu Strahlen teilt, innen einen zarten Silberstern. In schwarzschlammigen Tümpeln längs des Laubenganges fielen Krebse, und der Tyrannenvogel pickt immer hungrig nach Insekten. An der heißen Mauer, die das Klubgelände einsäumt, sonnen sich Leguane; die Kehlen der langschwänzigen Echsen flattern vor Erregung, wenn ein Kind sich ihnen nähert, während sie doch Neugier bannt. Erst wenn die Kinderhand nach ihnen greift, retten sie sich in huschende Flucht.
Es ist Turnstunde, als wir kommen; paarweise springen je ein Mädel und ein Bub übers Seil. Als einer von uns es den Kleinen nachmacht und dabei das Seil wirft, erhebt sich jubelndes Gelächter. Danach marschieren wir an Tennisplatz und Kegelbahn vorbei in die Klassenzimmer: Rechenstunde. Man rechnet auf eine neue Art mit Zerlegung der Zahlen; ich zittere heimlich, dass der Herr Lehrer mich befragen könnte. Die Kleinen aber kennen keine Schulangst, ihre semmelblonden Köpfe glühen vor Eifer; und auch die Lesestunde, die dann folgt, ist eitel Lust. Nur über das schwere Wort „Pflug“ stolpern ihre flinken Zungen, niemand kann es sprechen, und niemand weiß auch zu sagen, was das ist: ein Pflug. Da holt der Lehrer einen großen Buntdruck, darauf ist alles, was ein deutsches Dorf enthält: das Bauernhaus mit dem Storchnest, der Acker mit dem Pfluggespann, die Eiche und der deutsche Wald. Die Kinder, plötzlich still geworden, schauen mit großen Augen: das also ist das ferne Land, wo alle Leute ihre deutsche Muttersprache sprechen!
Später, als wir auf der Holzbahn Kegel schieben, schmiegt sich eine kleine weiche Patschhand in die meine; blaue Kinderaugen schlagen sich vertrauensvoll zu mir auf: „Ich will auch mit dem Zeppelin nach Deutschland — bitte, schreib mir ein Billett.“ Es ist die sechsjährige Helga des Klubverwalters Lederer; ich schreibe ihr ein Billett. Die Geschwister wollen nicht zurückbleiben, und die siebenjährige Annelore schreibt eigenhändig ihren Namen ein: „Aneloreleterao“ — lautgetreu so, wie ihn die Brasilianer sprechen. Helga, Annelore, Wolfgang haben sich damit begnügen müssen, auf dem Ankerplatz das Luftschiff zu betreten. Für sie, die von Entfernungen nichts wissen, macht das keinen Unterschied — und in der Tat: es ist ja deutscher Boden, den ihr Fuß betrat.
Unsere Besorgnis um die kleine deutsche Kolonie wird nicht geringer, als es sich in neuen Meldungen bestätigt, dass die Aufständischen über den Fluss zurückgetrieben werden und sich in den Vorstädten einzunisten suchen. Sechs Kilometer von Recife, mit ihm durch die Straßenbahn verbunden, ragt auf einem Höhenzug und dadurch vom Luftschiff weit sichtbar die alte Bischofsstadt Olinda. Deutsche Benediktinerinnen leiten dort das Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar, und im Kloster nebenan bilden deutsche Franziskaner für den Missionsdienst aus. Diese Stadt der barocken Kirchen hält das 29. Jägerbataillon besetzt; es hat sich der Revolte angeschlossen und deckt den Aufständischen in der Hafenstadt den Rücken.
Unser Landungsplatz Giquia liegt außerhalb von Recife am Rande der Mangrovensümpfe, die für Meuterer und Mob gleichfalls gute Deckung bieten. Es verlautet, dass Kapitän Reis die Meuterer, die in den Straßenkämpfen 100 Tote, 70 Verwundete und 90 Gefangene verloren haben sollen, gegen die Sümpfe abdrängt, soweit sie nicht in den Kasernen zerniert sind. Das Schwergewicht des Bürgerkrieges scheint jedoch Natal zu sein, wohin die Zentralregierung alle verfügbaren Truppen und die beiden Kreuzer „Bahia“ und „Rio Grande do Sul“ dirigiert.
Unser Mittelsmann an Land, Herr Sievert, hat in dieser Verwirrung der Zustände einen schweren Stand. Sein Briefbericht, den wir später zu lesen bekommen, erzählt davon:
„Seitdem ich am Sonntagmorgen die Nachricht von den Unruhen erhielt, habe ich so gut wie kein Auge mehr zubekommen. Zu jener Stunde erhielt ich noch einen Mietwagen, der mich in die Secretaria brachte. Die Antwort auf meine Frage, was wir mit dem Zeppelin machen sollten, war: „E inconveniente o Zeppelin vir!“ Ich habe sofort ein Radio via Rio losgelassen — Telefon ging von der Polizei aus — und dringend Rückkehr des Schiffes nach Spanien angeraten.
Ob das ging, wusste ich natürlich nicht, aber es schien mir die einzige ganz sichere Lösung, da sich nicht übersehen ließ, was aus der Revolution werden würde. Man hatte bei der Obrigkeit die stärksten Besorgnisse wegen des Umfanges der Bewegung. Ich wollte dann selbst zur Radiostation Pina; es war nicht möglich, da irgendein Mietwagen selbst um Gold nicht zu haben war.
Durch einen Zufall beförderte man mich noch zum Derby, wo ich wegen der Sicherstellung des Platzes, der Haltemannschaften usw. vorsprechen wollte. Verständlicherweise hatte man im Augenblick aber keine Zeit für solche Fragen, da die Truppenteile erst einmal auf die verschiedenen Posten in der Stadt verteilt werden mussten. Unverrichteter Dinge kehrte ich in den Deutschen Klub zurück, um von hier aus in unserem eigenen Wagen loszufahren. Aber als ich gerade in die Garage wollte, setzte eine wilde Knallerei ein. Die Kommunisten hatten sich von hinten durch das Gelände auf die Wasserscheide durchgeschlichen und lieferten sich von hier mit den von der anderen Seite der Brücke angreifenden Polizeitruppen ein feuriges Stelldichein, das uns während einer guten halben Stunde zwang, Deckung zu nehmen. Auch das ging vorbei, gegen 16 Uhr konnte ich meinen Wagen noch unter Schusskonzert aus der Garage holen. Telefone funktionierten ja nicht mehr, aber glücklicherweise kam ich, wenn auch nach tausend Schwierigkeiten, noch durch nach der Funkstation Pina. Nachrichten vom Zepp lagen noch nicht vor. Anscheinend hatte er unsere Warnung noch nicht erhalten. Ich gab erneut durch, dass er, falls die Rückkehr unmöglich sei, zumindest seine Ankunft hier soweit wie möglich hinausschieben solle.
Zum Zeppfeld durchzukommen, war ausgeschlossen. Man kam nur bis zur Afogadosbrücke, wo die Knallerei schon begann. Ich fuhr darum zum Quartel General. Man schilderte mir die Lage als ‚muitissimamente delicada‘ und hatte für den Zeppelin keine Hoffnung. Ein Telegramm vom Kriegsminister lag bereits vor mit dem Befehl, das Zeppelinfeld zu besetzen und den Aufenthalt des Luftschiffes sicherzustellen. ,Mais que fazer, eu nao tenho tropas‘. So war es: es standen im Augenblick noch keine Truppen zur Verfügung, und das Zeppfeld lag in den Händen der Revolutionäre. Natal, das gegenwärtig einer Räterepublik zu gleichen scheint, beweist die Gefahr der Bewegung.
Ich konnte im Augenblick auch nichts machen, hoffte aber immer noch, dass der Zepp ungefährdet sei. Nachrichten von ihm waren nicht zu bekommen.
Gegen 20 Uhr erhielt ich auf Umwegen den Bescheid, dass ein Telegramm für mich vom Zepp mit der Mitteilung da sei, dass er Montag früh 6 Uhr ankäme und sofort landen müsse.
Mir war ganz und gar nicht wohl bei dieser Mitteilung, und ich fuhr für alle Fälle erst einmal wieder in die Stadt, wo ich zuerst das Quartel General aufsuchte. Dort war man nicht weniger bestürzt als ich, denn die Truppen aus Parahyba konnten frühestens gegen Morgen eintreffen.
Schließlich erschien mir aber der Inhalt des Telegramms so unverständlich, dass ich mich auf die Beine machte, um es selbst in Pina zu lesen. Versuche, mit dem Wagen durchzukommen, scheiterten. Ein besonderer Passierschein verschaffte mir überall Zutritt und Passage. So kam ich durch die dunkle Rua Imperial mit dem Verbot, den Scheinwerfer anzustellen, glücklich an der aufgerissenen Straße vorbei, um mir dann beim Abbiegen nach Pina sagen zu lassen, dass die Pina-Brücke unter Feuer stehe und nicht passierbar sei. Also wieder zurück und versucht, zu telefonieren.
Das klappte denn schließlich auch, und ich erfuhr in einem neuen Telegramm von Lehmann persönlich, dass man wohl bis Dienstag mit der Landung warten könne. Ich habe dann die ganze Nacht im Kontor zugebracht, von wo wir uns, wenn auch unter Schwierigkeiten, mit Pina verständigen konnten.
Auf Grund meiner eingehenden Berichte teilte Kapitän Lehmann das Gas so ein, dass er bis Mittwoch, eventuell auch bis Donnerstag auskommen kann.
Zwischendurch setzte ich mich immer wieder mit dem Quartel General in Verbindung (denn ich musste über die Lage im Bilde sein), bis ich die Gewissheit der späteren Landemöglichkeit hatte. Jetzt bereiten wir alles auf Mittwochnachmittag vor, wenn ich auch noch Furcht vor Sabotageakten habe.
Darum beabsichtige ich, möglichst viel Deutsche zur Landung zu verwenden. Largo da Paz ist wild zugerichtet. Die gesamte Stromzufuhr ist unterbrochen, also auf dem Feld alles dunkel. Darum wäre es das Beste, am Donnerstagmorgen zu landen, während des Tages Gas nachzufüllen und gegen Abend wieder abzufahren.
Es scheint heute schon bedeutend ruhiger, nachdem sich Socorro ergeben haben soll. Auf jeden Fall stehe ich mit dem Zepp in dauerndem Radiokontakt, so dass man dort über alles unterrichtet ist.“
ie Funksendung von Land erfolgt jetzt Schlag auf Schlag; Pina gibt Herrn Sieverts vertrauliche Berichte unverzüglich an mich weiter.
Recife, 26. November 11.35 Uhr
Schiffsleitung Grafzeppelin Nr 228
Für Euch streng vertraulich stop Soeben erhaltene Informationen vom Truppenkommando sind dergestalt dass Kämpfe in Gegend Zeppplatz anzudauern scheinen Punkt Truppenkommando hofft jedoch bis heute Abend bis Areas vorzudringen und Positionen im Laufe des morgigen Tages zu festigen Punkt Stadtinneres ruhig doch starke Absperrungen und völlig ohne jedes Verkehrsmittel Punkt Erachten notwendig Verschiebung Landung auf Mittwochnachmittag besser noch wäre Landung Donnerstagmorgen Auffüllung tagsüber und Start Donnerstagabend um Nachtaufenthalt zu vermeiden Punkt Bitte diesbezügliche technische Möglichkeiten zu studieren Punkt Gemäß Informationen Herrmann sind 22 000 Kubikmeter Wasserstoffgas fertig Versuche jetzt mit Herrmann zum Platz zu gelangen Punkt Ihr seid gestern gegen 14 Uhr gesichtet worden bitte haltet Euch nur außer Sicht Punkt Falls eilige Mitteilungen bitte sofortige Durchgabe Hoffe bis 10 Uhr 30 wieder auf Pinastation zu sein
Sievert
Aeronauta Recife
Nr 10 für Sievert In Anbetracht scheinbar bevorstehenden Wetterumschlages sollte Landung und Nachfüllung nicht länger als unbedingt notwendig hinausgeschoben werden deshalb bitte rückfraget Truppenkommando ob nicht doch Mittwochnachmittag ausreichende Sicherheit erreichbar
Lehmann
Recife, 13.50 Uhr. Eingegangen an Bord 15.30 Uhr
Schiffsleitung Graf Zeppelin Nr 233
Für Euch streng vertraulich stop Rückkomme soeben vom Landeplatz bestätige Empfang Eures Radios 10 Punkt Gemäß Aussagen Giquia befindlicher Truppenteile ist Regierungsaktion von Stadt aus bis Tigipio vorgedrungen Revolutionäre teilweise gefangen doch Großteil im Rückzug auf Socorro Komma Socorro wohin Regierungstruppen anscheinend umklammernd vorrücken wird wohl Hauptaktionsplatz werden Punkt Landeplatz und Anlagen anscheinend völlig unbeschädigt Herrmann gegenwärtig mit genauer Untersuchung beschäftigt definitiver Bericht nachmittags Komma Kraft und Lichtstrom sowie Telefon unterbrochen Punkt Anbetracht Eures Radios werde sofort nötige Vorbereitungen treffen Punkt Sicherheit für Landung sollte bis Mittwochnachmittag erreichbar sein doch bedeutet natürlich jeder Zeitgewinn für gründliche Säuberung Platzumgebung weiteren Sicherheitsfaktor Punkt Da außerdem momentan nicht zu übersehen ob Stromzuführung bis Mittwochnachmittag wieder geordnet würde evtl. Beleuchtung fehlen was weiterer Grund möglichsten Vermeidens Nachtaufenthaltes Punkt Deshalb bitte Möglichkeit Aufenthalt nur Donnerstag ungeachtet unserer energischsten Vorkehrungen zu Mittwochlandung im Auge behalten Punkt Hoffe bis 15 Uhr erneut Vorkehrungen Truppenkommandos berichten zu können empfehle Verständigung Rio Gesamtbrasillage
Sievert
Amtliche und Pressemeldungen, die wir auffangen, ergänzen das Bild der Lage. Danach kann die Revolution in den Nordstaaten als niedergeworfen gelten. Die Regierungstruppen sind jetzt stark genug, um mit Hilfe der Nationalmiliz und der Freiwilligen aus dem Hinterland die Säuberung der Bundeshauptstädte zu vollenden. Artillerie fährt gegen die Kasernen der Meuterer auf und macht sie sturmreif. Fluggeschwader des Heeres und der Marine lösen über den Barrikaden Bomben aus und jagen den Flüchtenden Geschossgarben nach. Ein paar Rädelsführer, die aus Natal mit dem Dampfer „Santos“ zu entkommen suchen, finden das Meer durch die Kriegsschiffe gesperrt und kehren entmutigt zurück. Die Kasernen in Olinda und Socorro sind geräumt, Fliegerbomben brechen bei Jobotao den letzten Widerstand. Die Rebellen strecken überall die Waffen oder fliehen in das unwegsame Landesinnere.
Auch unsere Landungsstation in Recife ist frei und meldet sich.
Recife, 14.50 Uhr
Denne Nr 236
Wir versuchen durch Meldegänger Wetterbericht von Olinda zu erhalten
Station Recife
Recife, 16.20 Uhr
Denne Nr 237
Versuchet Verbindung mit Olinda vielleicht dort Wettermeldung Küste zu erhalten
Station Recife
Recife, 17.20 Uhr
Schiffsleitung Grafzeppelin Nr 238
Socorro hat sich ergeben somit Lage gesichert Punkt Fahre jetzt zum Landeplatz und gebe anschließend Bericht Herrmann über Befund Gasfabrik veranlasse Maßnahmen Säuberungsaktion Platzumgebung Vorbereitung Landung Mittwochnachmittag
Sievert
Denne, 17.25 Uhr
Syncondor Rio
Nr 14 Nach Mitteilung Recife Landung voraussichtlich Mittwochnachmittag stop Erwarten Südpost planmäßig Freitag früh 6 Uhr Riozeit in Recife stop Erbitten von Euch möglichst ausführliche Information über Gesamtlage
Lehmann
Denne, 17.25 Uhr
Aeronauta Recife
Nr 15 Bestätige Euer 233 stop Wir sind bei gutem Wetter durchaus in der Lage bis Donnerstag früh zu warten müssen aber auch den sehr leicht möglichen Fall eines Wetterumschlages mit im Auge behalten und deshalb unter allen Umständen Landemöglichkeit Mittwochnachmittag sicherstellen Entscheidung braucht erst Mittwochmittag getroffen zu werden
Lehmann
Denne, 18.34 Uhr
Zeppelinreeder Friedrichshafen und Berlin
Nr 63/64 Lage Pernambuco noch nicht restlos geklärt deshalb Landung wahrscheinlich erst Mittwoch stop Haben heute vom Hasüddampfer Espana 110 Kilo Frischproviant übernommen
Grz
Secretario seguranza Recife
1Aggradecemos penhorademente providencias a aviso possibilidade amarracao temos providenciado todo programma aterissagem quarttafeira tarde ponto agradecem axia absequito providencias segurance dirigivel contra actos prejuiciaes
Grafzeppelin
Recife, 19.18 Uhr
Schiffsleitung Grafzeppelin Nr 240
Ergebnis Herrmanns Untersuchung Platzanlage keinerlei Beschädigungen alles in bester Ordnung Beleuchtung durch Dieselbetrieb sichergestellt Punkt Gemäß Mitteilung Pernambuco Tramway Stromzuführungsnetz und Telefon voraussichtlich in heutigen Abendstunden wiederhergestellt Punkt Arbeiten mit allen Kräften für Landung Mittwochnachmittag halten selbige auf Grund entschiedener Lage für wahrscheinlich genügend gesichert Punkt Bestätige Empfang Eures Radios 15 mit definitivem Entscheid über Landung Mittwochnachmittag einverstanden
Sievert
Recife, 19 Uhr Nr. 341/26 urgente
Comte Denne via ppo
2Secretario seguranza publica informa essa aeronave pode descer Giquia onde situacao jo normalisada pt obquio acusar sandacoes a Braga director regional correos e telegrafos
Graf Zeppelin“, 19.45 Uhr
A Braga director regional correos e telegrafos
Recife
3Acuso recebido vosso nr 341/26 pt Immensamente gratio vossa exa communicacao normalisacacao situacao pt Pedimos transmittir secretario seguranza publica sera procurado pelo nosso representante acerca descida aeronave amanha pela manha pt Saudacoes
Comte Zeppelin
„Graf Zeppelin“ fährt in die Bucht von Rio de Janeiro ein
Wieder daheim! Das Luftschiff wird an den Seilspinnen herabgezogen
Denne, 20.20 Uhr
Aeronauta Recife
Nr 16 Bestätigen Euer 240 stop Secretarrio seguranza publica ließ uns soeben durch Postdirektor Braga mitteilen das Schiff jetzt landen könne bitte setzet Euch mit ihm in Verbindung ob Landung nicht morgen früh 5 Uhr Riozeit bereits unbedenklich möglich
Lehmann
Denne, 23.40 Uhr
Aeronauta Recife
Nr 17 für Sievert Antwort auf unser Nr 16 dringend erwünscht
Grafzeppelin
Recife, 23.45 Uhr
Schiffsleitung Grafzeppelin Nr 243
Ansicht Secretario seguranza publica über Landungsmöglichkeiten mir bekannt Punkt Wo Ihr jedoch laut Euren Mitteilungen unter allen Umständen völlig gefahrlos Landung bis Mittwochnachmittag verschieben könnt meine Ansicht dass morgigen Tag zur weiteren Sicherung ausnützen sollten Folgende Begründung Erstens gründliche Säuberung Wohnviertel in Platzumgebung bisher nicht durchgeführt somit Möglichkeit dortigen Versteckt seins Revolutionärer oder Waffen die eventuell zu Sabotageakten verleiten könnten absolut nicht ausgeschlossen Habe diese Säuberung für morgen beantragt stop Zweitens ist die Gewissheit Bereitschaft genügender Landemannschaft morgen früh absolut nicht gegeben denn Platzumgebung war heute Nachmittag noch stark entvölkert und ich bezweifle stark dass selbst verfügbare Leute bei Dunkelheit anmarschieren Habe zur Sicherheit und Übersicht jedoch auf morgen früh Probealarm Haltemannschaft angesetzt stop Haltemannschaft aus Polizeitruppe gleichfalls abrate da selbige durch bisherige Aktionen ermüdet und bisher Zusagen Kommandos nicht erhältlich stop Für morgen Nachmittag verfügbare Hilfskräfte deutscher Kolonie zur Durchsetzung Haltemannschaft veranlasst somit empfehle nach wie vor ausdrücklich Fernhalten von Recife und Landung Mittwochnachmittag 17 Riozeit stop Bitte Bestätigung oder Gegenorder
Sievert
Denne, 27 November 0.10 Uhr
Aeronauta Recife
Nr 16 Bestätigen Ihr Nr. 243 frühester Landetermin Mittwoch 17 Uhr Riozeit
Grz
Recife, 12.25 Uhr
Schiffsleitung Grafzeppelin Nr 245
Nacht verlies in voller Ruhe Verkehrsmittel Stadt kommen erst heute Morgen allmählich in Betrieb Telefone noch unterbrochen Punkt Bereiten alles für Landung heute Nachmittag 17 Uhr Riozeit vor
Sievert
Via Hamburg, 2.30 Uhr
Erbitten Stichwortbericht über Position letzte Maßnahmen und Besonderheiten
Unterschrift verstümmelt
Denne, 14.00 Uhr
Aeronauta Recife
Nr 19 Wir werden pünktlich 17 Uhr Riozeit zur Landung anfahren
Grafzeppelin
Denne, 14.55 Uhr
Syncondor Rio
Nr 21 In Recife ist völlig normaler Zustand wiederhergestellt Ungefähr 17 Uhr 30 Riozeit landen Wiederaufstieg Freitag früh 9 Uhr gmt zur nächsten planmäßigen Postfahrt nach Afrika stop Erbitten rechtzeitiges Eintreffen Südpost sowie Benachrichtigung Samstagabend falls Postabwurf nicht Natal
Lehmann Grafzeppelin
Denne, 14.50 Uhr
Zeppelinreeder Friedrichshafen und Berlin
Nr 16 In Recife ist völlig normaler Zustand wiederhergestellt werden ungefähr 17.30 Riozeit landen stop Unsere 500. Fahrt wird also gleichzeitig Weltdauerrekord mit fast 119 Stunden stop Wiederaufstieg Freitag früh
Lehmann Grafzeppelin
Berlin, 15.10 Uhr
Kommando Grafzeppelin via Hamburg
Im Einverständnis mit Luftfahrtministerium erbitten Stichwortbericht über Position letzte Maßnahmen und Besonderheiten
Funkantwort erbeten
DNB4 Berlin
„Graf Zeppelin“, 15.20 Uhr
DNB Berlin
Vorige Woche Aufstieg Freitagabend Postaustausch Bathurst Sonntag früh stop Erste Nachricht über Recife Revolution an Bord einging Sonntagabend stop Da in Rio Gasfabrik noch unfertig und Reife Sevilla gegen Nordostpassat zu weit beschlossen sofort Brennstoffsparen durch reduzierte Geschwindigkeit wodurch noch eine Woche Luftausdauer möglich stop Darüber hinaus wäre Brennstoffaufnahme vom Boden oder Seeschiff in Betracht gekommen stop Zur Übung und weil Brot etwas knapp war übernahmen wir gestern früh rund 100 Kilo Frischproviant vom Hasüddampfer Espana stop Wir kreuzten Nähe Recife hatten ständige Funkverbindung mit Recife Nachrichten ließen erkennen dass Unruhen und Gefechte hauptsächlich in Nähe Luftschiffplatz jedoch spätestens gegen Ende der Woche erledigt sein würden und so lange hatten wir Zeit besonders da fortdauernd allerbestes Wetter stop Gestern abend ergaben sich die Aufständischen den aus Maceio Bahia Parahyba zugezogenen Regierungstruppen stop Wir werden heute gegen Sonnenuntergang landen Fahrtdauer bis dahin rund 120 Stunden
Lehmann
Noch eine Nacht und ein Tag vergehen, ehe „Graf Zeppelin“ über die große, volkreiche Lagunenstadt dahinfährt und zur vorbestimmten Stunde landet.
Auf dem weiten Sandfeld ist das Landungskreuz wie immer ausgelegt, die deutschen Mitarbeiter und Freunde winken, und die Landungsmannschaft in gelbem Khaki lacht uns aus braunen Augen fröhlich an, während sie nach den Seilknebeln und Haltestangen springt.
Wenige Minuten später ist der Nasenring des Luftriesen am Ankermast festgemacht, und die hintere Motorengondel rollt auf dem Schienenkreis, sooft ein Windstoß das Schiff aus seiner Gegenrichtung abzudrängen sucht.
Es ist nach mitteleuropäischer Zeit, die der brasilianischen vier Stunden voraus ist, 21.25 Uhr, als wir landen. Ohne Anstrengung und Absicht haben wir die bis dahin längste Fahrt eines Luftschiffes, die des französischen Marinekreuzers „Dixmuide“, um eine Stunde übertroffen. „Dixmuide“, nebenbei bemerkt, war ebenfalls ein deutscher Zeppelin und führte im deutschen Kriegsdienst die Bezeichnung L 72, ehe der Waffenstillstandsvertrag dazu zwang, dieses Luftschiff an Frankreich auszuliefern.
Für die Besatzung des „Graf Zeppelin“, die vom ersten bis letzten Mann vorbildlich ihre Pflicht getan hat, ist die stolzeste Genugtuung das Funktelegramm des Reichsministers der Luftfahrt Generaloberst Hermann Göring:
Berlin, 28 November 13.40 Uhr
Syncondor für Denne Recife
Habe mit lebhaftem Interesse Ihre Fahrt verfolgt und beglückwünsche Sie zur glücklichen Landung
Göring
Unverzüglich werden die leeren Benzintanks des Luftschiffes wieder aufgefüllt; die Messe wird frisch verproviantiert, das Gas ergänzt. In den Tropen ist der Temperaturunterschied zwischen Tag und Nacht grösser als bei uns, das Luftschiff hat infolgedessen viel Wasserstoffgas abblasen müssen, das jetzt aus der Gasanstalt am Landungsplatz ersetzt wird.
„Graf Zeppelin“ hat planmäßig noch eine dritte Postfahrt zwischen Bathurst und Recife zu erledigen und soll im Anschluss daran zu seiner letzten diesjährigen Passagierfahrt nach Rio weiterfahren. Aus der Hauptstadt aber kommt schlimme Kunde. Die opportunistischen Politiker und Militärs haben sich unter dem Schlagwort: „Fort mit den Ausländern und ihren Lakaien!“ zu Werkzeugen kommunistischer Drahtzieher gemacht und beantworten den durch Rundfunk verbreiteten Aufruf des Bundespräsidenten Vargas an die Aufständischen, sich zur Vermeidung weiteren Blutvergießens zu ergeben, mit Revolution in der Hauptstadt selbst. Das 3. Infanterieregiment meutert und wird von Bundestruppen in der Kaserne belagert, in die Feldkanonen Bresche schlagen. Unteroffizierspiloten und Flugschüler greifen ihre Offiziere an, Artillerieschüler tun es ihnen nach und fahren Geschütze gegen die Flugzeughallen auf; Schuppen und Flugmaschinen gehen in Flammen auf. Flieger kreisen über dem Stadtteil Urca, ihre Bomben fallen auf Feind und Freund. Acht Stunden später erinnern nur noch die rauchenden Trümmerhaufen von Kaserne, Fliegerschule und Ausstellungspalast, die Löcher in den Häusern, zerschmetterte Automobile und Blutlachen auf den Straßen an die Schreckensszenen in der Millionenstadt.
Diese Vorgänge spielen sich 2000 Kilometer südlich von uns ab, während 350 Kilometer nördlich die Regierungstruppen noch dabei sind, Natal von den Aufrührern zu säubern. Für mich kommt es darauf an, zu wissen, wie es in Brasilien voraussichtlich aussehen wird, wenn „Graf Zeppelin“ von Afrika zurückkehrt. Mit Herrn Sievert, dem Vielbewährten, begebe ich mich zur Kommandantur.
Unser Auto umgeht moorschwarze Tümpel; scharenweise hocken und hüpfen die Aasgeier an ihrem Rand, scheußliche Wächter des Todes, von dessen Beute sie schmarotzen, und eben dadurch doch die natürliche Sanitätspolizei dieses Tropenlandes.
Nackte Negerkinder tummeln sich im Straßenstaub und lärmen mit den Benzinkanistern, die nach Erfüllung ihrer ursprünglichen Aufgabe als Mülleimer, Milchkanne, Wasserhalter, und was sonst noch im Haushalt nottut, dienen.
Die ebenerdigen Häuschen an der Vorortstraße sind aus Lehm und Bambusstangen kunstlos gefügt; auf ihren Holzveranden treten schwarze Weiber die Nähmaschine, wozu ihnen das Grammophon aus rostigem Trompetentrichter aufspielt.
Allmählich mehren sich die Lastautos und hochbordigen Fords mit dem verschlissenen Sonnenverdeck, die Häuser werden höher und rücken zusammen, und mit einem Mal tut sich weltstädtisches Getriebe auf. Verkehrspolizisten in Weiß mit Tropenhelm dirigieren mit eleganter Geste ihres Stabes das Gewimmel der Autobusse, Eselskarren und Fußgänger; nur die Kraftwagen der Ärzte und Behörden rasen unaufhörlich klingelnd durch.
Zwischen Staatspalästen, Banken und Geschäftsauslagen flanieren Müßiggänger und schöne Frauen, Hausierer breiten ihre Ware — Zuckerzeug, alte Stehkragen und was immer — mitten auf dem Gehweg aus, Papageien plappern wahrsagend auf der Straße; vor dem Lotto steht das Volk Schlange, und in den nach vorne wandlosen Zigarrenläden setzen die Kunden an den sorgsam angeketteten Streichholzschachteln ihre feuchtfrische Brasil in Brand. Es ist nicht anders als sonst in Recife, das Leben geht seinen Alltagsgang, und selbst der automobilisierte Leichenzug, der in flottem Tempo zum Friedhof hastet, hat mit dem Bürgerkrieg nichts zu tun.
Die regierungstreuen Truppen, die in Recife zusammengezogen sind, kommandiert General Rabello.
Er war bei Ausbruch der Revolte auf Dienstreise; sein Stabschef hat gemeinsam mit dem sehr zuverlässigen Polizeichef die Stadt für die Regierung gerettet. Der Polizeichef hält die Revolution für beendet; der Chef des Stabes glaubt Herrn Sievert und mir erst in drei bis vier Tagen die gewünschte Garantie geben zu können. Das kann ich nicht abwarten, sondern starte fahrplanmäßig am Freitag, mit der amerikanischen Post an Bord, nach Bathurst. Die Postflieger haben sich so wenig wie die Luftschiffer durch die Revolution davon abhalten lassen, ihren Dienst zu tun. Pünktlich sind die Piloten des Condor-Syndikats von Chile, Argentinien und Uruguay nach Rio de Janeiro geflogen, haben ihre deutschen Kameraden dort die Postsäcke übernommen und sich, während unter ihnen die Fliegerbomben des Bürgerkrieges platzen, auf den Luftweg nach Pernambuco gemacht. Als „Graf Zeppelin“ die hohe See erreicht, geht als erster Funkspruch von Bord unser Dank an den Reichsminister der Luftfahrt Generaloberst Göring nach Berlin:
Kommandant und Besatzung des Graf Zeppelin zurzeit wieder unterwegs nach Bathurst danken gehorsamst für freundliches Telegramm welches größte Freude auslöste
Lehmann
Denne, 30. November 14.50
Syncondor Rio
Erbitten im Lauf Samstag ausführliche Wetterübersicht Europa Nordatlantik stop Mitteilet Zeppelinreeder Friedrichshafen und Berlin dass wir ausgerüstet sind zur Heimreise jedoch unsere dahingehende Entscheidung erst Samstagabend vor Bathurst treffen werden wenn auf Grund der mit Rio und Recife verabredeten Beurteilung der dann vorliegenden dortigen politischen Lage und deren vermutlicher Entwicklung die Sicherheit des Luftschiffes in Brasilien nicht völlig gewährleistet ist und deshalb Aufgeben des Restprogramms ratsam sein sollte
Lehmann
Von Rio an Denne, 16.46 Uhr
Augenblickliche Verhältnisse geben zu Befürchtungen keinen Anlass
Syncondor
Denne an Rio, 18.10 Uhr
Unsere Frage galt nicht den augenblicklichen Verhältnissen sondern der nach Ansicht der zuständigen Behörden bis einschließlich sechsten Dezember zu erwartenden Entwicklung der Lage besonders auch in Recife und Natal stop Dringantwort bis 20 Riozeit da wir sonst nach Friedrichshafen fahren.
Lehmann
Ich bin entschlossen, bei Ausbleiben der nötigen Garantie für die Sicherheit des Luftschiffes von Bathurst direkt nach Friedrichshafen zurückzukehren.
Die Europapost, mit der uns das Schnellflugzeug der Deutschen Lufthansa von Stuttgart entgegenkommt, müsste dann allerdings bis zum 6. Dezember, wo das Stationsschiff „Schwabenland“ den Dienst wiederaufnimmt, in Bathurst liegenbleiben. Auch würde die letzte Passagierfahrt nach Rio ausfallen, von wo wir am 4. Dezember zwölf Fahrgäste abholen wollen.
Aber beides erachte ich für unwesentlich gegenüber der Gefahr, dass „Graf Zeppelin“ nochmals in blutige Auseinandersetzungen hineingerät oder durch Sabotageakt irgendeines aufgeregten Wirrkopfes bedroht wird.
Die amtlichen und Pressemeldungen, die unser Bordfunk auffängt, lauten jedoch beruhigend, und so kann ich nach erfolgtem Postaustausch in Bathurst in der Frühe des 1. Dezember mitteilen:
Denne, 3.20 Uhr
Dr Eckener und Zeppelinreeder Friedrichshafen
Haben Kurs Recife werden Restprogramm planmäßig durchführen
Lehmann
In der Dunkelheit des 2.Dezember, 22.15 Uhr, werfen wir über der lichterglänzenden befreiten Hafenstadt Natal mit Fallschirm die Post für Amerika ab, und am nächsten Morgen gegen 8 Uhr machen wir zur Gas- und Benzinergänzung in Recife Zwischenlandung.
Damit ist unser Auftrag, die Dornier-Wale der Deutschen Lufthansa im Postdienst zwischen Afrika und Amerika zu vertreten, fahrplanmäßig durchgeführt. Das Luftschiff setzt die Reise nach Rio de Janeiro fort und kehrt mit Post und Passagieren nach Friedrichshafen zurück.
Am 10. Dezember 1935, morgens 6.41 Uhr, landet „Graf Zeppelin“ auf dem schneebedeckten Werftgelände und kommt zur verdienten Winterruhe und gründlichen Überholung in seinen Stall neben der Bauhalle, in der das doppelt so große Schwesterschiff LZ 129 entstand und LZ 130 — um es seemännisch, aber nicht ganz zutreffend auszudrücken — auf Kiel gelegt ist. LZ 127, wie die Werftnummer des „Graf Zeppelin“ lautet, hat 1935, in seinem siebenten Betriebsjahr, auf 82 Fahrten 355 221 Kilometer zurückgelegt und dabei 13 962 Kilogramm Post und Fracht und 5227 Personen, davon 1437 Fahrgäste, befördert. Die Gesamtstrecke, die LZ 127 seit seiner ersten Werkstattfahrt bewältigt hat, beträgt bis Ende 1935 mehr als das Dreißigfache des Erdumfanges, nämlich 1 350 000 Kilometer, das Gesamtgewicht von Post und Fracht dabei 65 000 Kilogramm, die Zahl der beförderten Reisenden 12 000. Noch niemals, seit es Verkehrszeppeline gibt — und das ist seit mehr als 25 Jahren —, ist einem Fahrgast unterwegs ein Leid geschehen. Welches andere Beförderungsmittel kann das gleiche von sich sagen?
In dem großen, schönen, zukunftsreichen Land Brasilien herrschen wieder Ruhe und Ordnung. Kein Briefempfänger in Berlin oder Buenos Aires, Santiago oder Warschau hat auch nur einen Tag länger auf die Post warten müssen; die kulturelle Zusammenarbeit der Nationen im Weltverkehr triumphiert über die Unruhestifter und Störenfriede, die mit Waffengewalt die Menschheit auf ihre Art beglücken.
Dennoch bleibt mir sonderbar zumute. Wir waren sozusagen Zaungäste der Revolution, sind aus einem unter starker Führung befriedeten Vaterland in friedlichem Dienst unversehens in die blutige Tragödie des Bürgerkrieges geraten. Mir ist, wie manchmal im Traum, als habe ich dieses alles schon einmal erlebt. Erinnerungen wachen auf an Jahre, in denen Deutschland gegen eine Welt von Feinden um sein Dasein rang. Die Zeppeline, die ich damals führte, stoppten nicht am Rand der Feuerzone, sondern kämpften mit, und es geschah im Kriegsdienst, als ich die Fahrtdauer eines Luftschiffes zum ersten Mal auf hundert Stunden brachte. Von diesen erlebnisreichen Zeiten, in denen sich Weltgeschichte formte, sollen die folgenden Kapitel erzählen.
1 (Wir danken verbindlichst für Ihre Vorkehrungen und die Mitteilung der Möglichkeit einer Landung Haben vorgesehen die Landungspläne Donnerstagabend Punkt Danken für Vorkehrungen zur Sicherstellung Luftschiffes gegen feindliche Handlungen.
Graf Zeppelin.)
2 (Der Sekretär der öffentlichen Sicherheit teilt mit, dass die Landung des Luftschiffes in Giquia möglich sein wird, da die Lage wieder normal Punkt Erbitte Bestätigung an Post- und Telegrafendirektor Braga.)
3 (Bestätigen Empfang Ihres Nr 341/26 Punkt Äußerst dankbar Eurer Exzellenz für Wiederherstellung normaler Lage Punkt Bitten übermittelt Sekretär der öffentlichen Sicherheit Wird von unserem Vertreter ausgesucht werden Wahrscheinlich Landung Luftschiffes morgen früh Punkt Grüße
Graf Zeppelin.)
4 Abkürzung für Deutsches Nachrichtenbüro.
ochenlang hatte ich das Verkehrsluftschiff „Sachsen“ auf Passagierfahrten von Leipzig aus geführt, und wir waren diesmal in der Hauptstadt Sachsens gelandet. Nun benutzten wir den Sonntag dazu, um eine Gruppe von Erfindern an Bord zu nehmen, deren Eingebungen das Reisen in der Luft sicherer machen sollten. Einer von ihnen schleppte sich mit einem verwickelten Gegenstand, der einem ungeheuren geschlossenen Regenschirm ähnlich sah. Er erklärte, dies sei der neueste Fallschirm.
„Wollen Sie es versuchen?“ wandte er sich; an mich. Wir schwebten 1200 Meter über dem Erdboden, und eine große Menschenmenge wartete unten, dass irgendetwas geschähe.
„Nein, danke“, antwortete ich. „Sie haben doch sicher Vertrauen zu Ihrer Erfindung, versuchen Sie es also selber!“
Aber er lehnte meine wiederholte Aufforderung, mit seinem Schirm auszusteigen, ab, sehr zum Vergnügen der anderen Erfinder, die nun ihre Erzeugnisse wie stolze Mütter auf einer Babyschau vorwiesen.
„Gut“, entschied ich, „es geht auch anders.“ Ich band eine Strohpuppe an das Ding und warf es über Bord. Es schlug auf die Erde auf wie ein Stein, die Strohpuppe platzte, und ihre Sandfüllung spritzte auseinander.
Alle anderen lachten über die Niederlage ihres Mitbewerbers, außer einem. Er hatte sich abseits von der Vorführung gehalten, die für uns eine vergnügliche Abwechslung in dem recht eintönigen Fahrprogramm bedeutete. Der Mann war Fallschirmspringer von Beruf, und es zog jedes Mal eine Masse Leute an, wenn er auf Jahrmärkten und ähnlichen Schauplätzen von einem Freiballon absprang. Heute kam er mit einem ganz neuen System, das er von unserem Schiff aus erproben wollte.
„Der nächste!“
Er zögerte nicht, sondern trat, einen kleinen Ballen unter den Arm geklemmt, kaltblütig aus der Kabinentür hinaus in den freien Luftraum.
„Ich habe einen Verrückten in den Tod geschickt!“ war mein erster Gedanke, als ich den menschlichen Körper fallen sah. Er schoss, sich im Sturze drehend, direkt auf die Zuschauermenge zu, die aus unserer Höhe wie kleine schwarze Punkte erschien. Von Entsetzen über den waghalsigen Sprung gepackt, starrte ich in die Tiefe, fest überzeugt, dass der Aufschlag den Mann zerschmettern müsse. Ich sah, wie das Paket von ihm wegfiel, als habe er es als nutzlos fortgeworfen. Zu meiner Überraschung bauschte es sich jedoch und öffnete sich dann mit einem Knall wie ein Pistolenschuss. Als ich den Springer unter dem geöffneten Schirm wieder zu Gesicht bekam, schwang er zunächst wie ein Pendel hin und her und senkte sich dann langsam und sicher zur Erde. Wir hatten die erste Vorführung des Faltfallschirmes erlebt, wie er heute überall in Gebrauch ist.
Wir selber sprangen oft aus den Luftschiffen, aber unsere Absprünge vollzogen sich ohne Fallschirm und beschränkten sich infolgedessen auf die allerniedrigsten Höhen. Es kam nämlich manchmal vor, dass wir mit „schwerem“ Schiff landen mussten, zum Beispiel bei Schneesturm oder Regen, wenn der Reserveballast verausgabt war. Für solche Fälle war die Schiffsbesatzung darauf eingeübt, dass unmittelbar vor der Landung jeder entbehrliche Mann nach außen kletterte und sich dort mit den Armen am Geländer festhielt. Sobald sich das Schiff dem Erdboden bis auf zwei Meter genähert hatte, gab ich das Zeichen, und die außen hängenden Leute sprangen ab. Dadurch erleichterten sie das Fahrzeug um manchen Zentner und bremsten sein Niedergehen. Im nächsten Augenblick standen sie schon wieder bereit und packten die Handgriffe, um das Ausschlagen des Luftschiffes auf den Erdboden zu verhindern. Dieser Landungstrick, der uneingeweihten Zuschauern fast wie Desertion vorkommen musste, hat immer gut geklappt. Der Mann ging als Ballast über Bord. Mit Hilfe eines zuverlässigen Fallschirmes musste sich unsere Methode verbessern lassen: wir waren dadurch in Stand gesetzt, nötigenfalls aus jeder beliebigen Höhe abzuspringen.
Bis dahin — es war im Sommer 1914 — waren solche Notfälle noch nicht vorgekommen. Die Deutsche Luftschifffahrts-Aktiengesellschaft, eine Tochtergründung des Zeppelinschen Unternehmens und besser bekannt unter der Abkürzung Delag, bestand seit 1910 und veranstaltete Rundfahrten und Passagierreisen zwischen deutschen Städten. Außer den Werftanlagen in Friedrichshafen standen dafür Luftschiffhallen in Baden-Baden, Potsdam, Frankfurt a. M., Düsseldorf, Johannisthal, Gotha, Hamburg, Leipzig und Dresden zur Verfügung. Wohl jeder Deutsche in diesen Vorkriegsjahren hat damals einen Zeppelin fahren sehen, sei es die „Deutschland“, die „Schwaben“ oder später „Hansa“, „Viktoria Luise“ und „Sachsen“. Insgesamt waren auf 1600 Fahrten 37 250 Fahrgäste befördert worden, die Schiffe hatten dabei 3200 Stunden in der Luft zugebracht und 150 000 Kilometer zurückgelegt — alles ohne Unfall. Fahrkarten waren bei allen Zweigstellen der Hamburg-Amerika-Linie zu haben. Die Delag war gedacht als Grundlage zu einem Luftschiffverkehr, der einmal alle deutschen Städte und vielleicht auch die wichtigsten Orte des übrigen Europa miteinander verbinden sollte. Schon zogen wir sogar eine Nordpolfahrt in Erwägung — Graf Zeppelin und Prinz Heinrich von Preußen, der Bruder des Kaisers, hatten zu diesem Zweck auf dem Lloyddampfer „Mainz“ eine Expedition nach Spitzbergen unternommen, um einen geeigneten Stützpunkt für den geplanten Vorstoß zum Pol ausfindig zu machen. Da brach über die Welt das große Unglück herein.
Als ich am Abend des 31. Juli 1914 den Führerstand der „Sachsen“ verließ, wurde mir ein Telegramm des Kriegsministeriums ausgehändigt. Es enthielt den Befehl, mich mit der „Sachsen“ nicht weiter als 50 Kilometer vom Standort zu entfernen.
