Auf Wellen gehen - Heiko Spilker - E-Book

Auf Wellen gehen E-Book

Heiko Spilker

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Beschreibung

Komm, lass uns surfen gehen! Sylt, 19 Grad, Nieselregen: Viel erwartet der siebzehnjährige Flo nicht von diesen Ferien. Doch dann trifft er Nina! Sie bringt ihm in der graukalten Nordsee das Wellenreiten bei – und endlich beginnt sein Sommer. Zwischen Brandung, Sonne und Meer erlaubt sich Flo, von mehr Zeit mit Nina zu träumen. Wäre sie nur nicht mit Bas, dem Rich Kid, zusammen! Und auch ihr toter Bruder ist ständig so präsent. Die Tage auf Sylt nehmen immer mehr Fahrt auf, alles steuert auf die große Party am Ende der Ferien zu. Jetzt heißt es für Flo, endlich aufzuspringen, solange die Wellen auf ihn zurollen. Für alle Surfer, Kaltwasserbader, Meerjunkies. Ein moderner Surfroman über Liebe, Freundschaft, Tod und Leben.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 264

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Heiko Spilker

Auf Wellen gehen

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

01 Start

02 Los geht’s

03 Lass uns wellenreiten gehen

04 Grau am Morgen

05 Im Flow

06 Backen mit Nina

07 Buhne 16

08 Petrichor

09 Karnickeltown

10 Weiter geht’s

11 Drück auf Start

12 Stirn an Stirn

13 Ein neuer Tag

Glossar

Soundtrack zum Buch

Danksagung

Impressum neobooks

01 Start

Ich bin tot. Nein, ich lebe – oder zumindest irgendwas dazwischen. Blasen steigen neben mir auf. Überall ist Wasser durchmischt mit Luft. Es gurgelt um mich herum. Und immer wieder bricht eine neue Welle über mir, drückt mich runter, zerrt an mir. Endlich bin ich oben. Luft! Ich schmecke Meerwasser. Über mir schreien Möwen, als hätten sie im Wellendurcheinander einen riesigen Heringsschwarm entdeckt.

Ich brauche einen kurzen Moment, um zu wissen, wo ich bin. Schnell greife ich die Spitze des Surfbretts, drehe das Ding in Richtung Strand und paddle die nächste Welle an. Meine Augen brennen, meine Arme sind schwer. Seit schätzungsweise zwei Stunden bin ich im Wasser und inzwischen ziemlich erschöpft. Dennoch schaffe ich es, die Spitze des Boards leicht nach links auszurichten. Von rechts brechen die Wellen. Nach spätestens fünf Sekunden machen die Nordseeviecher zu wie eine alte Muschel, in die man Zitronensaft reingeträufelt hat. Und ich mitten drin. Immer wieder ein Vollwaschgang für mich.

Hinter mir in dem wogenden Grau muss irgendwo Nina sein. Wo Philip ist, weiß ich nicht. Ich paddele kräftiger. Das Board beginnt sich hinten zu heben, also gehe ich in Doppelzüge über. Die Welle ist direkt hinter mir und mich packt erneut der Ehrgeiz. Ich will es jetzt nicht versauen. Als das Board von sich aus schneller wird, springe ich auf. Links und rechts meiner Füße gleitet das Meeresgrau mit weißem Schaum entlang, immer schneller. Was für ein Gefühl! Ich auf dem Board. Über mir stahlblauer Himmel, dazwischen weiße Wolkenfetzen. Ein Sturm vor Schottland hat besten Swell gebracht. Vor Schottland! Hunderte Kilometer entfernt! Und ich? In Deutschland. Auf Sylt. Genauer: gute 80 Meter vom Wenningstedter Strand entfernt. Mitten drin in hüfthohen Wellen, während das Board über das graue Wasser schießt und mehr oder weniger das macht, was ich ihm vorgebe mit meinen weichen Beinen. Meine Arme habe ich für mehr Balance seitlich von mir gestreckt, als wäre ich ein Tiefflieger.

Der Ritt ist ein bisschen so, wie sich gerade mein ganzes Leben anfühlt: die Zeit hier auf Sylt, meine Verknalltheit in Nina, meine Freundschaft mit dem verrückten Philip. Warum verrückt? Manchmal denke ich eben, dass eine geschlossene Anstalt und das ein oder andere Medikament vielleicht besser für ihn wären als das ganze Geld und die viele Zeit zum Grübeln. Mist, wieder reißt es mich vom Brett! Die Welle hat mich und zieht mich runter, reißt an mir, wirbelt mich herum und dann wieder rauf – dennoch komme ich gar nicht richtig an die Oberfläche. Nun weiß ich überhaupt nicht mehr, wo oben und unten ist. Da ist wieder der Waschgang tief in der Welle, vor dem mich Nina gewarnt hat. Langsam habe ich keine Luft mehr. Etwas zerrt an meinem Fuß. Die Leash! Wenigstens verbindet mich die dünne Fangleine noch mit dem Surfbrett.

Schon wieder wirbelt es mich herum. Wie war das gleich? „Greif nach der Leash“, hat Philip gesagt. „Dein Board wird immer nach oben treiben. Also musst du nur nach der Leash greifen, um zu wissen, wo oben ist.“ Fuck, dass ich als Siebzehnjähriger in der Nordsee beim Wellenreiten umkomme, hätte ich mir vor meinem Sommerurlaub nicht in den wildesten Träumen vorstellen können. Aber da hatte ich noch nicht den Mund mit Meerwasser voll. Die nächste Walze wirbelt mich wieder herum als sei ich ein Pfannkuchen, der gewendet werden muss. Wie lange noch? Meine Gedanken laufen auf Hochtouren. Wie wäre es, jetzt zu sterben? Wäre das schlimm?

Ja, verdammt! Noch habe ich Nina nicht aufgegeben. Dafür denke ich schließlich einfach zu oft an sie. Und dann ist da noch die Party heute Abend. Und da will ich hin. Wie oft habe ich daran gedacht, wie es wohl ist, Nina zu küssen? Ich, Florian aus dem eher öden Hamburg-Eilbek küsse die Wellenreiterin Nina von Sylt. Wär’ nicht schlecht. Genau das wünsche ich mir doch die letzten zehn Tage. Also halte ich jetzt unter Wasser mal besser ganz brav die Luft an.

Noch ein Waschgang und ich bin endlich wieder oben. Frische Luft und klare Geräusche sind der Beweis, dass ich es geschafft habe. Ich rotze das Salzwasser aus, sodass die Spucke als kleine blasige Schauminsel neben mir auf der Wasseroberfläche treibt. Richtig sehen kann ich immer noch nicht, alles ist wie hinter Schleiern. Erst als ich mit dem Handrücken ein paar Mal über die Augen wische, erkenne ich, dass mein Board zwei Armlängen neben mir treibt. Da kommt aber schon die nächste Welle und ich atme tief ein. Keinen Moment zu früh, denn die Wassermassen drücken mich schon wieder unter die Oberfläche. Alles wird dumpf.

Wieder Luftmangel. Ich schlucke trocken unter Wasser und denke erneut an die Party. Um 22 Uhr muss ich da sein. Das geht nicht anders. In knapp sieben Stunden. Fuck. Reiß dich zusammen, Flo! Du willst mit den anderen feiern, auch wenn es sich nicht vermeiden lassen wird, dass Bas und sein widerlicher Freund Lennart dabei sind. Auch wenn er versprochen hat, mir eins in die Fresse zu geben. Soll er doch!

Was kann der mir schon? Ich sollte das mit Nina wagen. Das kleine Problem: Nina wollte bis jetzt noch nicht so richtig was von mir wissen. Der Morgen am Strand zählt irgendwie nicht. Und der Nachmittag bei ihr auch nicht. Und ich? Ich bringe kaum einen sinnvollen Satz raus, wenn ich mal mit ihr allein bin. Von wagen kann da nicht die Rede sein.

Wieder an der Oberfläche, wieder Luft. Das Meer schäumt um mich herum, kocht nahezu. Blaue Wellen, wie sie in den ganzen Surffilmen zu sehen sind, gibt es hier nicht. Eher ein schmutziges Grau mit weißem brodelnden Schaum. Der Strand ist nur noch wenige Meter entfernt. Leider schießt er nach rechts davon: Die seitliche Strömung in Strandnähe hat mich gepackt. Einfach Trecker hier auf Sylt genannt – oder Riptide im Englischen! Nur noch wenige Augenblicke, dann geht die Strömung nicht mehr parallel zum Strand, sondern im Channel raus aufs Meer – soweit sollte ich es möglichst nicht kommen lassen. Wo sind bloß die Buhnen?

Ich paddele wild mit der linken Hand, während ich rechts das Board packe und gleichzeitig versuche, den Kopf über Wasser zu halten. Zum Glück bin ich nicht mehr in den richtig großen Wellen, sondern nur noch im Weißwasser. Dann habe ich es geschafft. Mir ist kalt. Vor Erschöpfung oder vom Wasser? Ich weiß es nicht. Für einen Moment stoppe ich und mache, was alle anderen auch machen: Ich pinkele in meinen eigenen Neoprenanzug. Angenehme Wärme breitet sich rund um meine Körpermitte aus. Das tut gut.

„Alles okay bei dir?“, höre ich auf einmal von hinten.

Ich reiße meinen Kopf rum. Ist das peinlich. Nina ist direkt hinter mir. Wahrscheinlich hat sie alles gesehen, zum Glück aber nicht, dass ich mich mit meiner eigenen Pisse wärme wie ein Baby oder ein grenzdebiler Alkoholiker.

„Du bist ziemlich rumgewirbelt worden“, sagt sie, was ein bisschen wie eine Frage klingt.

Ich versuche in dem mittlerweile flacheren Wasser aufzustehen, trete aber in ein Sandloch und platsche sofort ungelenk ins Wasser zurück. Als ich mich wieder aufrichten will, sehe ich gerade noch, wie eine kleine Welle mein Surfboard seitlich voran direkt auf meinen Kopf zuschiebt. Bevor ich was sagen kann, trifft es mich auch schon am Kopf. Was mir bleibt, ist nur ein Rumms – und ich kippe wieder um. Erneut bin ich unter Wasser.

„Alles gut, Flo?“

Nina ist von ihrem Board gesprungen und hält es mit der rechten Hand fest, während sie mir mit der linken hochhilft. Ist das peinlich! Gemeinsam gehen wir die letzten Meter an den Strand.

Als der trockene Sand anfängt, lasse ich mein Board zu Boden fallen und setze mich drauf. Bin ich kaputt! Nina steht vor mir. Das Wasser tropft ihr aus den Haaren.

„Das sah ziemlich übel aus.“ Ich nicke nur als Antwort.

„Lass es für heute gut sein. Chill ein bisschen!“ Noch während sie spricht, dreht sie sich um.

„Sehen wir uns heute Abend auf der Party?“, rufe ich ihr nach, als sie zum Meer läuft. Ich hoffe, dass sie es noch hört.

„Ja, klar. Freu' mich!“

Knapper hätte das Gespräch nicht ausfallen können. Dennoch: Vor Aufregung lässt mein Herzschlag meinen Hals rhythmisch erbeben. Heute Abend auf der Party sehe ich sie wieder! Schon ist sie wieder vorn im Weißwasser und paddelt raus, als wären da überhaupt keine Wellen. Den Rücken perfekt gespannt, die Bewegungen der Arme sicher – man sieht ihr sofort an, dass sie das schon seit Jahren macht.

„Fahr nach Hause!“, höre ich sie noch rufen, da ist sie schon wieder mitten in den Wellen.

Ich raffe schnell meine Tasche und mein Handtuch zusammen, die neben einem Strandkorb liegen, und werfe mir alles über die linke Schulter. Rechts trage ich das Board. Den Neo ziehe ich zu Hause aus, beschließe ich.

Auf dem Weg zu meinem Fahrrad, das mit der von mir selbst gebauten Surfboard-Halterung hinter den Dünen steht, komme ich bei der letzten Reihe der Strandkörbe an Lennart vorbei. Er kramt in seinen Sachen. Wie immer funkelt er mich finster wie ein Raubtier an, als ich Hallo sage. Warum rede ich Depp überhaupt noch mit ihm? Vor allem nach gestern Abend? Egal, wir werden keine Freunde mehr. Heute Abend also die große Party. Falls ich überhaupt eine Chance bei Nina haben sollte, muss ich sie heute Abend nutzen. Auch wenn mir Lennart die Nase bricht. Ich muss es versuchen – muss, muss, muss.

Als ich gerade das Fahrradschloss öffne, spüre ich eine Hand auf meiner Schulter und eine vertraute Stimme sagt: „Hej, für einen Anfänger wie dich war das gar nicht schlecht. Und jetzt zeig mal, was du wirklich draufhast. Ab zur Muschelbank!“ Ich zucke zusammen und erkenne, wer da spricht. Erfreut bin ich nicht, doch bevor ich etwas sagen kann, kommt: „Und ja keine Ausreden!“

Kaum zwanzig Minuten später sind wir am Strand und ich starre auf die weißen Brecher, die da auf dem Meer viel zu groß auf mich zurollen.

Aber erst noch mal alles auf Anfang. 

02 Los geht’s

Kennst du das? Es ist das großartige Sommergefühl: Sonne, Strand und Meer. Einfach toll. Dieser Urlaub ist der beste der Welt. Du liegst am Strand. Die Augen sind zu, und Schwarz wird zu Rot, wenn du den Kopf in Richtung Sonne drehst. Die Füße sind tief in den warmen Sand eingegraben, und im Hintergrund rauschen die Wellen.

Stopp! Und kräftiges Kratzgeräusch der Plattennadel quer über die Rillen. So toll ist es bei mir nicht. Eigentlich ist es sogar ziemlich scheiße.

Ich bin auf Sylt. Allein. Vor zwei Tagen bin ich angekommen bei 19 Grad Celsius. Und viel wärmer ist es bislang hier auch nicht geworden. Von Hitze also keine Spur – vorhin hat es zu allem Überfluss auch noch genieselt. Jetzt geht es einigermaßen. Okay, Salz auf den Lippen, Wind im Haar und die Füße im Sand habe ich am Strand bei Westerland auch. Aber das ist dann auch schon alles.

Ohne Jeans und Jacke oder Hoodie geht es nicht. Und im Wasser sind nur ein paar bekloppte Alte und kleine Kinder. Die Alten kommen dabei immer mit geröteter Haut und prustend schnell wieder aus den Wellen raus, die Kinder zitternd und mit blauen Lippen. Schreien „Mami!“ vorn am Wasser und halten ihre Eimerchen vorwurfsvoll in die Höhe – solange bis ein resignierter Erwachsener sich aus dem vor Wind schützenden Strandkorb schält, zu ihnen geht und halbherzig anfängt, mit ihnen zu spielen oder sie mit einem Handtuch schnell abzurubbeln.

Ich liege oben am Dünenaufgang. Die Sonne hat hier den Sand getrocknet, windgeschützt ist es auch. Zwei Meter entfernt sind Holzpflöcke in die Erde gerammt, zwischen ihnen ist ein dicker Draht gespannt, dahinter beginnt das Dünengras. No-go-Area laut Kurverwaltung. Meine immer mal wieder sonnige Stelle davor ist gar nicht so übel.

Aber um ehrlich zu sein: Von Sommerferien sollte man als 17-Jähriger mehr erwarten dürfen als nur „gar nicht so übel“. Sie sollten grandios sein – mit allem Drum und Dran.

Von grandios bin ich weit entfernt. Die Insel. Der Strand. Das Meer. Okay. Aber der Rest?! Die mit Multifunktionsjacken bewaffneten Familien mit ihren völlig überladenden Strandtaschen? Oder die Oldies in Beige oder – noch schlimmer – im elitär-maritimen Blauweiß-Look auf der Westerländer 70er-Jahre-Strandbad-Promenade? Ich weiß echt nicht, was mich hierhergeführt hat. Na ja, eigentlich weiß ich es schon. Ich selbst. Also: Danke für das Altersheim, in dem ich nun bin. Super gemacht, Flo! Bist du siebzehn oder schon siebzig?

Wie letztes Jahr habe ich es auch dieses Mal wieder verpasst, mich rechtzeitig um meine Ferien zu kümmern. Ich habe die sechs Wochen im Sommer einfach auf mich zukommen lassen. Was habe ich also erwartet? Die große Familientour gibt es nicht mehr, seit meine Mutter vor drei Jahren ausgezogen ist. Einfach abgehauen. Geld ist auch nicht genug da, als dass ich mit den anderen nach Spanien hätte fahren können. Also musste ich wieder einmal das nehmen, was mir angeboten wurde. Das war diesmal: Tante Iris.

Zwei Wochen vor Ferienbeginn hat sie mich an der Bushaltestelle auf dem Handy erreicht. Seit zwei Jahren hatten wir uns nicht mehr gesehen. Und da ruft sie mich also an, als ich gerade auf den Bus warte und der 116er endlich kommt. Grandioses Timing. Eigentlich hätte ich ihn nehmen müssen, um noch rechtzeitig in der Schule zu sein. Das konnte ich nun aber vergessen – telefonieren im Bus mit meiner Tante ist in Anwesenheit der anderen einfach unmöglich.

Ich schnaube, dennoch drücke ich den Knopf am Kopfhörer, um das Gespräch anzunehmen.

„Ja?“

„Flo? Bist du das? Hier ist Iris. Du weißt, deine Tante!“

„Ja, natürlich.“ Was will sie von mir?

„Flo – ich habe von deinem Vater gehört, dass du noch nichts für die Sommerferien geplant hast.“

Danke Pa, denke ich schon, als sie den Satz noch nicht zu Ende gesprochen hat.

„Na ja, noch nicht richtig“, gebe ich widerwillig zu. Doch sie geht gar nicht darauf ein.

„Hättest du vielleicht Lust, zu mir nach Sylt zu kommen? Ein Zimmer ist frei geworden. Gestern Abend. Der alte Herr, der es jeden Sommer bucht, ist im Krankenhaus. Seine Tochter hat gerade angerufen.“ Kurze Pause – sie muss wohl kurz überlegen. „Dein Glück sozusagen. Wenn man das überhaupt sagen darf. Herrgott.“

Sie macht wieder eine Pause beim Sprechen. Gelegenheit für mich, über ihr Angebot nachzudenken und die Pros und Cons abzuwägen. Die Ferien in der Frühstückspension meiner Tante zu verbringen, ist nicht die attraktivste Vorstellung von grandiosen und unvergesslichen Ferien. Aber stattdessen den ganzen Sommer in Hamburg bleiben?

„Flo? Bist du noch dran?“

„Ähh, klar. Wann? Und: ja, gern“, stammele ich.

„Ab 11. Juli hatte er gebucht, du könntest wie er zwei Wochen hier wohnen.“

So hat es mich also nach Sylt verschlagen. Zwei Wochen bei Tante Iris. Sie ist schon okay – und das sage ich nicht nur, weil sie die Schwester von Pa ist. Aber Westerland! Der langweiligste Ort der Welt. Klar, das Meer ist natürlich da. Aber dennoch. Viel langweiliger hätten die Ferien in Hamburg auch nicht werden können.

„Du kriegst das kleine Zimmer unterm Dach! Das hatte Herr Schneider auch immer“, meinte meine Tante, als ich vor zwei Tagen angekommen war und mit ihr die knarzende Holztreppe nach oben hinaufstieg.

Hier riecht es nach altem Haus, Reinigungsmitteln und Sonnencreme. Und die Bezeichnung Zimmer für den Raum ist auch schon sehr wohlwollend gemeint. Er ist kaum größer als eine Abstellkammer. Es passen gerade ein Schrank, ein Bett und ein Sessel mit kleinem Tisch hinein. Alles ist im hellen Ikea-Look gehalten, die meisten Möbel sind aus Holz. Das Zimmer liegt direkt unter dem Dach. So kann ich wenigstens vom kleinen Dachfenster aus das Meer sehen. Das ist so ein Drehkippfenster aus dunklem Holz, dessen Rahmen von der Seeluft schon zu splittern anfängt. Darunter befindet sich eine alte Rippenheizung. Als ich sie sehe, bin ich froh, wenigstens im Sommer hier zu sein.

Es befindet sich auch noch ein Waschbecken mit kleinem Spiegel im Zimmer. Das leicht schnörkelige Design und einige dunkle Haarrisse im ehemals weißen und nun eher hellgrauen Porzellan zeigen, dass es ebenfalls nicht mehr ganz neu ist.

„Hier ist noch dein Schlüssel für die Eingangstür unten und der hier ist fürs Zimmer. Die Toilette und die Dusche sind vorn auf dem Gang“, holte mich meine Tante aus der gedanklichen Inspektion des Raums. Dann reichte sie mir den Schlüsselbund mit einem schon leicht ausgeblichen „Hallo, Westerland“-Anhänger aus Plastik dran.

Damit war mein Urlaub also besiegelt. Zwei Tage ist das her. Tausende Tonnen von Sand sind jetzt um mich herum, von der ganzen Menge an Wasser ganz zu schweigen. Und ich in einer Mulde in den Dünen, mitten in dem bisschen Sonne, das sich gerade mal zeigt. Vorhin habe ich ein wenig gezeichnet. Mache ich häufiger. Dazu habe ich von meinem Vater mal ein kleines schwarzes Notizbuch bekommen. Für Sylt habe ich es prompt vergessen, daher habe ich mir gestern ein einfaches Ringbuch gekauft. Zwar kariert, aber für Skizzen in den Dünen völlig okay. Aber jetzt bin ich müde. Ich lege meine Zeichensachen neben mich auf den Rucksack und lasse mich zurück in den Sand fallen. Die Sonnenstrahlen wärmen mich ein bisschen und ich beginne langsam wegzudösen. Wäre da nicht plötzlich das Geschrei.

„Sophieeee, komm endlich!“, ruft es nicht weit entfernt.

Ich werde wieder wach und blinzele zwischen den Augen hervor. Im ersten Moment sehe ich nur das Meer glitzern und den hellen Sand.  

Wieder ruft jemand, es kommt vom schmalen Dünenweg links von mir. Langsam erkenne ich, dass es eine Sie ist, die da ruft. Sie steht rund zehn Meter von mir entfernt und scheint in meinem Alter zu sein, hat blonde Haare bis kurz über die Schultern und ein riesiges, rotweißes Surfboard unter dem Arm. Der Neoprenanzug ist nur an den Beinen angezogen und reicht ihr bis zum Bauchnabel. Oben herum trägt sie nur ein Bikinioberteil. Die Ärmel des Anzugs hängen baumelnd an den Hüften runter. „Wir verpassen noch die besten Wellen! Und wir haben doch nur eine halbe Stunde. Vielleicht ist es das letzte Mal, Sophie. Jetzt komm doch endlich!“

Ihre Freundin – anscheinend Sophie – trottet gut fünf Meter hinter ihr her. Sie hat ihre braunen Haare zum Pferdeschwanz gebunden. Und auch sie hat den Neoprenanzug nur halb angezogen.

„Übertreib doch nicht! Das Meer läuft schon nicht weg“, schnauft Sophie und kommt hinterher. Statt eines Bikinioberteils trägt sie ein weißes, eng anliegendes Surfshirt mit einem rosa Logo vorn, das leicht in der Sonne glänzt. Als sie fast auf gleicher Höhe sind, laufen sie gemeinsam weiter, obwohl die Blonde noch immer ein, zwei Schritte vor der anderen ist. Kurz vor der Wasserlinie legen sie die Boards in den Sand und ziehen die Neoprenanzüge komplett an.

Inzwischen habe ich mich ganz aufgesetzt, um besser sehen zu können. Was haben die vor? Okay, Wellen sind da, seit die Flut eingesetzt hat. Aber surfen? Ein bisschen viel gewollt für Deutschlands Spießerinsel Nummer #1. Ich richte mich weiter auf. Schnell haben sie ihre Neoprenanzüge ganz an, heben ihre Boards auf und sind im Wasser. Erst waten sie durch die Brandungszone, danach legen sie sich auf die Boards und paddeln aufs Meer. Die ersten Wellen brechen sich über ihnen. Gespannt schaue ich ihnen weiter zu, wobei ich mich vor allem auf die Blonde konzentriere, die gerufen hat. Schon nach wenigen Augenblicken sind beide ein gutes Stück vom Strand entfernt. Dann setzen sie sich auf die Boards und dümpeln im Wasser. Plötzlich dreht die Blonde ihr Board in Richtung Strand, krault, steht mit einem Ruck auf und surft. Nach einigen Momenten lässt sie sich einfach rückwärts ins Wasser fallen. Als die Welle weiter ist, sehe ich, dass sie schon wieder rauspaddelt. Krass, die surfen richtig! Gebannt schaue ich weiter zu.

„Sie heißt Nina!“, höre ich plötzlich eine Stimme hinter mir.

Erschrocken drehe ich mich um und blinzele gegen die Sonne, die so stark blendet, als wäre sie eine umgedrehte Schreibtischleuchte in einem Verhör. Hinter mir ein wenig höher auf der Düne sitzt ein noch dünnerer Junge als ich. Auch er scheint in meinem Alter zu sein. Er sieht mich direkt an. Ich muss gerade dermaßen konzentriert den Surferinnen zugesehen haben, dass ich gar nicht mitbekommen habe, dass noch jemand anderes in die Dünen gekommen ist und nun wenige Meter hinter mir sitzt.

„Was?“, frage ich irritiert. Ich schirme mit der rechten Hand die Sonne ab, um ihn besser zu sehen.

„Sie heißt Nina“, sagt er noch einmal ruhig und zeigt mit dem Finger in Richtung der beiden Surferinnen.

„Wer?“, gebe ich mich betont unwissend.

„Das Mädchen, dem du hinterher starrst. Sie heißt Nina. Und ihre Freundin Sophie. Aber das hast du vermutlich auch schon selbst gehört.“

Ich schaue ihn ungläubig an und blicke zwischen Meer und Dünenhang hin und her.

Er steht aus der Hocke auf und rutscht mit seiner grauen Chino die Düne herunter. Kleine Sandlawinen rollen vor ihm den Hang hinab, bevor sie wie Wasser versickern. An den Füßen trägt er weiße Nike-Turnschuhe. Über der Chino hat er ein weißes Polohemd und eine dunkelblaue Windjacke an. Die braunen Haare trägt er mit Seitenscheitel, eine Strähne fällt ihm ins blasse Gesicht. Als er bei mir ankommt, hält er mir ziemlich ungelenk die Hand hin. Dabei sehe eine teuer aussehende Uhr mit Metallarmband an seinem Handgelenk aufblitzen. Irgendwie passt sie nicht zur ansonsten eher hageren und unscheinbaren Gestalt.

„Hi, ich bin Philip“, stellt er sich vor. Verdutzt gebe ich ihm die Hand.

„Hi. Ich bin Flo.“

Ich weiß immer noch nicht, was ich davon halten soll. „Sitzt du schon die ganze Zeit da oben?“, frage ich.

„Nee, ich bin eben erst mit den beiden gekommen. Vor fünf Minuten etwa.“ Wie zur Erklärung hält er sein Handy hoch. Neu, teuer und deswegen aus meiner Sicht am Strand völlig fehl am Platz. In meiner Tasche steckt nur eine alte Krücke, die mindestens drei Generation seinem aktuellen Modell hinterherhinkt. Er schüttelt seines noch einmal kurz und zeigt wieder auf die Surferinnen. Ich schaue in die Richtung, in die er zeigt. „Ich soll sie filmen. Als Erinnerung – verstehst du?“ Tue ich nicht.

„Du zeichnest?“ Er deutet auf meinen im Sand liegenden Rucksack mit Block und die mit Bleistift gezeichnete Strandszene auf dem obersten Blatt.

„Ein bisschen manchmal“, erwidere ich knapp und schiebe schnell die Sachen in den Rucksack.

„Sah nicht schlecht aus. Aber nun muss ich runter ans Wasser. Von den Dünen aus kann ich die Beiden nicht gut aufnehmen. Wenn du willst, komm doch einfach mit!“ Philip steht auf und geht in Richtung Wasser. Erst schaue ich irritiert hinterher, dann folge ich ihm.

Gut zehn Meter vor der Wasserlinie beginnt er, die beiden mit seinem Handy zu filmen.

„Machen sie nicht schlecht, oder?“ Philip schaut mich auffordernd an, während er mit dem Handy weiterhin aufs Meer hält. Ich nicke.

„Hmm. Wusste gar nicht, dass das auf Sylt geht. Also, Wellenreiten. Macht ihr das oft?“

Jetzt fährt auch die mit den braunen Haaren, es sieht aber nicht annähernd so geschmeidig aus wie bei der Blonden.

„Nina surft so gut wie jeden Tag. Sophie und ich begleiten sie dann gern an den Strand. So richtig gut bin ich aber nicht. Deswegen wurde ich auch zum Filmen abgestellt. Mit Geräten bin wohl irgendwie besser als mit dem echten Leben.“

Er schaut wieder aufs Display und zoomt zur Abwechslung mal näher ran.

„Kannst du auch Wellenreiten?“, fragt er, ohne mich anzuschauen.

„Ich? Nee, nur ein bisschen skaten. In Hamburg gibt es nicht gerade viele Möglichkeiten zum Surfen. Also eher gar keine.“

„Ist doch fast das gleiche.“

„Was? Skaten? Na ja.“

„Doch glaub mir. Wenn du dich auf einem Skateboard hältst, kannst du im Prinzip auch Wellenreiten. Ich kenn ein paar, die das auch gemacht haben, bevor sie sich aufs Surfboard gewagt haben.“

Jetzt fährt die Blonde wieder. Sie tanzt nahezu auf dem Board. Es sieht umwerfend aus. Als würde sie nichts anderes in ihrem Leben tun.

„Diese Nina kann das gut, oder?“

„Jep, sie ist die Beste von uns.“

„Deine Freundin?“

„Was? Nee – nur einfach eine Freundin. Und bevor du fragst, Sophie auch nicht.“ Jetzt filmt Philip nicht mehr und steckt das Handy in seine hintere Hosentasche. Er kommt näher zu mir.

„Willst du es auch lernen? Es gibt einige Surfschulen hier.“

„Echt? Hier auf Sylt? Wo denn?“

„In Wenningstedt zum Beispiel.“

Ich schaue ihn fragend an. Noch nie was von dem Kaff gehört.

„Das liegt gerade mal ein, zwei Kilometer nördlich von hier. Hast du ein Fahrrad?“

„Nein, bis jetzt war mir noch nicht nach Fahrradtouren auf Rentnerwegen. Aber ich kann mir bestimmt eins leihen.“

„Prima.“

„Na ja, was kostet so ein Kurs denn?“

„Etwa 300 Euro, schätze ich“, meint Philip und schaut mich an. „Später brauchst du noch einen Neo – also einen Neoprenanzug – und vielleicht ein Board. Du kannst beides natürlich auch leihen.“

„Puh, klingt ordentlich aufwendig. Ich glaube, ich hab kein Geld dafür.“

Philip überhört meinen Einwand und zückt dafür wieder sein Handy. „Die kommen gleich raus.“

Und tatsächlich sind beide schon vorn im Weißwasser, wo nur noch kleine Wellen sind. Triefnass heben sie ihre Boards hoch und kommen zu uns.

„Hast du was Gutes drauf?“, ruft die Blonde Philip schon von weitem aufgeregt zu. Schnaufend kommt sie bei uns an und wirft ihr Board neben sich in den Sand.

„’Türlich, Nina. Schade nur, dass ihr nicht noch mehr Zeit habt.“

„Sophie muss nun mal zum Pferd. Aber besser als gar nicht. Zeig mal.“ Philip gibt ihr das Handy und kümmert sich gar nicht darum, dass ihre Hände immer noch nass sind und Wasser aus ihren Haaren tropft. Nina tippt ein paar Mal auf dem Handy herum und schaut sich die Filme an. Ich sehe, wie immer mehr Meerwasser aus den Haaren aufs Display rinnt. Für einen Moment bleibt mein Blick an ihrem extrem braunen Nacken hängen. Hinter ihr schält sich Sophie aus dem Neo.

„Sieht gut aus. Danke, Philip. Bin gespannt, was du wieder daraus zauberst“, sagt sie schließlich, wischt kurz übers Display und gibt ihm das Handy zurück. Nun fängt auch sie an, ihren Neopren auszuziehen.

„Und wer ist dein neuer Freund da?“, fragt sie dabei ganz nebenbei und nickt mit dem Kopf in meine Richtung. Mit einem Mal nehme ich mich selbst wieder wahr.

„Das ist Flo. Er will surfen lernen“, antwortet Philip. Bevor ich protestieren kann, setzt Nina nach: „Wie der Floh?“

„Bitte wer?“ Endlich habe ich meine Stimme wieder.

„Na der Parasit, der Floh! Du weißt schon: Der Blut saugt“, dabei schaut sie mich unter den nassen Strähnen ihres Ponys an. Aber nur für einen kurzen Moment, dann konzentriert sie sich wieder darauf, sich aus dem Neoprenanzug zu schälen.

„Nee, natürlich ohne h!“ Was soll das, denke ich – unüblich ist mein Spitzname nun auch nicht. In dem Moment öffnet sie ihr Bikini-Oberteil.

„Philip, gib mir doch mal das Handtuch, bitte.“

Er greift in die Segeltuchtasche und gibt ihr ein grauweiß gestreiftes. Nina trocknet sich ab, beugt sich vor und rubbelt sich die Haare. Hinter ihr ist Sophie. Auch ihr gibt Philip ein Handtuch. Ich hingegen stehe da und weiß nicht, wo ich hinschauen soll. Mein Gesicht glüht, wofür leider nicht die Sonne verantwortlich ist. Endlich nimmt sich Nina aus der Tasche ein neues Oberteil und zieht es an. Die halblangen Haare bindet sie im Nacken mit einem Haargummi zu einem kleinen Pferdeschwanz zusammen. Wieder fällt mir auf, wie perfekt braun ihr Hals ist. Sie streckt mir die Hand hin. „Hi, ich bin Nina. Aber das wird Philip dir schon erzählt haben, oder?!“ Ich nicke und schüttele die Hand. „Und du willst surfen lernen?“

„Weiß ich noch gar nicht. Das war nur eine Idee. Philip hat mich gerade darauf gebracht.“

„Aha“, entgegnet sie nur, und schon ist sie dabei, ihren Neo in das Handtuch zu rollen und das ganze Bündel in die große Segeltasche zu stopfen. „Der wird nachher gespült“, sagt sie mehr als Bestätigung zu sich selbst als zu uns.

„Ich dachte, du könntest es machen. Also das mit dem Surfen“, mischt sich Philip wieder ein. Ich schaue ihn erschrocken an. Nina hält beim Wegpacken inne, und auch ihr Gesicht hat sich verändert. Sie richtet sich auf und blickt Philip direkt an.

„Was meinst du?“, fragt sie, während sie ihn nun mit schmalen Augen anfunkelt.

„Na, Flo scheint nicht viel Kohle zu haben. Und skaten kann er auch!“, führt Philip, von Ninas Blick nicht beeindruckt, fort.

„Skaten? Na super, da kann er ja gleich nach Hawaii.“ Ihr Blick wird immer spöttischer.

„Nee, ich meine es im Ernst, Nina. Kannst du nicht?“

„Warum sollte ich? Es gibt doch die Surfschule in Wenningstedt. Auch hier in Westerland ist eine“.

„Och, komm!“

„Warum sollte ich das tun? Und warum gerade er?“

Ich fühle mich zunehmend unwohl in der Situation – noch schlimmer wäre es nur auf einem Zahnarztstuhl mit noch drei zu bohrenden Löchern gewesen. Ich will nur noch weg. Doch gleichzeitig merke, dass es nicht gut wäre, mich jetzt einzumischen.

„Weil ich noch was gut hab’ bei dir!“, erwidert Philip ganz ruhig.

„Was? Das meinst du doch nicht ernst, oder?“

„Doch. Das ist der einzige Gefallen, den ich dafür will.“

Nina starrt Philip für einen Moment regungslos an. Sie schluckt sichtbar und wendet sich wieder an mich. „Okay. Ich weiß zwar nicht warum, aber anscheinend bin ich jetzt deine neue Surflehrerin.“

„Danke!“, sage ich immer noch irritiert. „Wann passt es dir denn, dass wir starten?“

„Morgen um 8 Uhr geht’s direkt los. Dann ist es für dich als Anfänger von der Tide her am besten. Aber sei pünktlich.“

„So früh!“, entfährt es mir. Für einen Moment sieht sie aus, als hätte ich ihr Lieblingstier mit dem Fahrrad angefahren. Gleich darauf wirkt sie aber wieder nett. „Ja. So habe ich die richtig guten Wellen vorher noch für mich und danach legen wir los, bevor es hier zu voll wird.“

„Und du“, dabei schaut sie Philip wieder an. „Du bringst deinem neuen besten Freund gleich einen deiner Neos mit. Am besten auch dein altes Mini-Malibu! Damit sollten wir loslegen können.“

Philip grinst und nimmt zwei Finger zum Gruß an die Stirn: „Yes, Ma’am, yes!“

Nina lacht wieder: „Du Spinner! Nun aber los.“ Sie rafft ihre Sachen zusammen, schultert die Tasche und hebt ihr Board auf. Die ganze Zeit hat die andere – Sophie – nicht viel gesagt. Dass sie nicht stumm ist, merke ich, als die drei mit ihren Sachen abziehen und sie ebenfalls „Tschüss“ sagt. Nina betont noch mal, dass ich unbedingt pünktlich um 8 Uhr da sein soll, und erklärt mir, wo wir uns treffen. Dann sind sie weg, und ich bin wieder allein am Strand. Ich entscheide mich, ebenfalls zurückzugehen.

Eine Stunde später liege ich auf meinem Bett im kleinen Dachzimmer meiner Tante. Auf meinem Handy suche ich alles im Netz zusammen, was ich zum Thema Surfen auf Sylt als Bilder oder Videos finden kann. Mein Herz klopft bis zum Hals. Ich lerne morgen wirklich surfen?! Das ist tausend Mal besser als die USA, Spanien oder Thailand zusammen. Auch wenn es nur die Nordsee ist: Ich lerne surfen! Fuck! Ich springe von der Matratze, gehe zum Fenster und schaue aufs Meer hinaus. Dabei stelle ich mir vor, wie ich morgen auf den Wellen stehe.

03 Lass uns wellenreiten gehen

Um halb Sieben bin ich wach. Die Sonne scheint durch die geblümten Vorhänge direkt in mein Dachzimmer. Die Aufregung hat mich geweckt. Heute werde ich meine erste Surfstunde haben!