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Noel lebt in den 50er Jahren in Frankreich. Er erlebt die Geschenke und Verluste des Lebens. Die Bindungen zu den Menschen, die er liebt, vertiefen und verlieren sich wieder. Nicht nur Noel erzählt aus seiner Sicht sondern auch die Menschen, die ihm nahe stehen. Die Protagonisten machen neue und besondere Erfahrungen, die ihre Leben teilweise grundlegend verändern.
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Seitenzahl: 178
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Auf Wiedersehen, Noel Antonia Conrad published by: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de Copyright: © 2014 Antonia Conrad
Ich wurde 1948 am 14. April geboren. Meine Zwillingsschwester heißt Chloe. Meine Eltern lebten damals in Mussey-sur-Marne, ein kleines Dorf im Nordosten Frankreichs. Sie besaßen einen kleinen Teil des Hauses in der Rue de la Valotte. Das Haus hatte drei Etagen, wir wohnten in der Ersten und oft wohnten mehr als drei Familien in dem Haus. Es war immer etwas los, zumindest in den oberen Etagen.
Die Leute hatten Besuch oder nahmen Menschen bei sich auf, die auf der Durchreise waren. Keiner im Haus war wohlhabend und das konnte man dem Haus auch ansehen. Es war meist beige oder grau angestrichen und sämtliche Fenster und Türen waren nicht mehr die Neusten. Mussey-sur-Marne ist ein kleines Dorf, daher kannte man selten jemanden nicht, dem man auf der Straße begegnete. Auf den Fensterbrettern standen häufig Blumen und manchmal konnte man Kinderstimmen aus dem Innern des Hauses hören.
Mein Vater verließ die Familie, als Chloe und ich gerade zwei Jahre alt waren.
Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, dass Mama und Papa sich gestritten haben oder dass Papa eines Tages nicht mehr da war. Und ich bin froh darüber.
Einen Vater gab es einfach nicht in meiner Kindheit. Es war damals nicht einfach für Mama und heute weiß ich das.
Sie ist eine starke Frau mit viel Mut und Optimismus. Mama hat hellbraune Haare, die aber mittlerweile ein wenig gräulich geworden sind und große ausdruckvolle Augen. Sie ist auch in Frankreich aufgewachsen und ihre Eltern sind beide Franzosen. Mama trägt manchmal Hüte und ihre schwarzen Handschuhe.
Sie besitzt nur wenig Schmuck und hat jedoch immer welchen an, auch wenn es nur eine dünne Halskette oder ein wertloser Fingerring ist. Mama ist eine sehr liebevolle Mutter gewesen, doch enge Freundschaften zu anderen Frauen hatte sie noch nie. Sie sagte früher oft, anderen Menschen traue sie nicht so gerne. Oder sie sagte, dass Menschen unberechenbar wären und es keinen durchaus guten Menschen auf dieser Welt gäbe. Nicht, dass sie Menschen nicht mochte, aber sie sagt auch heute noch „Erwachsene lügen nicht weniger als Kinder und Kinder sind nicht weniger bösartig als Erwachsene“. Und ich glaube, sie hat damit nicht ganz unrecht.
Sie kümmerte sich um uns und war gleichzeitig immer auf der Suche nach einer besseren Arbeit, um mehr zu verdienen. Arbeit hatte sie nie genug. Nie saß sie einfach nur da und tat gar nichts. Morgens weckte sie uns, bereitete das Frühstück zu, nahm ihre Tasche, setze einen Hut auf und verließ das Haus. Man hörte noch, wie die Türe scheppernd zufiel und Mamas abgetretene Absätze von unserer Türschwelle auf den Bürgersteig klackerten. Dann sah man sie, wie sie die Straße herunter lief, lächelte und uns eine Kusshand zu warf.
Wir wussten nie wohin sie ging, wir wussten nur, sie ging irgendwohin, um zu arbeiten, damit es uns nicht an Geld mangelte. Obwohl es das trotzdem manchmal tat. Doch wir kamen immer irgendwie durch. Dann gingen Chloe und ich in die Schule und kamen nachmittags wieder zurück. Mama kam erst am Abend, kochte, spülte, putzte und brachte uns ins Bett. Ich weiß noch, dass ich als kleiner Junge bei Geräuschen wie schepperndem Geschirr, laufendem Wasser oder Bürstenstriche auf dem Holzboden immer besser einschlafen konnte.
Und nie wusste ich, wann Mama damit aufhören würde. Sie sagte immer, sie wolle, wenn sie schon tagsüber nicht zuhause sein konnte, dass es wenigstens sauber war und etwas zu Essen in der Küche gab. Früher hatte Madame Renoir immer auf uns aufgepasst. Sie war eine alte Dame und wie eine Großmutter für uns.
Sie war wundervoll warmherzig und sorgfältig. Sie hatte graues Haar und tiefe Lachfalten in Stirn und Wangen. Als Chloe und ich noch kleiner waren, spielten wir täglich auf den zwei Stufen vor unserer Haustür. Daran kann ich mich auch noch erinnern.
Ein kleines Kind zu sein, ist glaube ich seltsam. Noch heute frage ich mich, wie und an was kleine Kinder denken. Ich weiß noch, wie Madame Renoir uns unser von da an geliebtes Schaukelpferd schenkte. Es war aus Holz, hatte eine struppige Mähne und Schweif, und zwei schwarze Punkte dienten als Augen.
Sie schenkte es uns zu unserem vierten Geburtstag. Sie und Mama hatten gelächelt, als sie mit ansahen, wie unsere Augen leuchteten, sobald wir das Schaukelpferd gesehen hatten. Ich habe es heute noch in meinem Zimmer stehen. Doch Madame Renoir starb im Winter 1957. Es war Ende Januar.
Madame Renoir hatte uns aufgezogen, sie war uns teilweise näher als unsere eigene Mutter. Seitdem waren wir tagsüber alleine und niemand war da, wenn wir von der Schule kamen. Mir war das alleine sein egal, auch wenn ich in den ersten Monaten oft an Madame Renoir denken musste. Man gewöhnt sich an alles, doch ich glaube, Chloe erging es anders. Ich hätte ihr gerne geholfen, doch ich wusste nicht wie.
Sie saß nur noch in der Küche oder im Wohnzimmer und starrte an die Wand.
Ich war oft mit Freunden weg, wir gingen an den Fluss oder spielten auf der Straße Fußball. Ich dachte nicht an Chloe und heute fühle ich mich schuldig dafür, was im Herbst 1959 geschah. Ich liebte meine Schwester, doch ich hasste diesen Anblick, wenn ich nachhause kam. Ich warf meine Jacke aufs Bett, zog meine Schuhe aus, ging meistens in die Küche, trank einen Schluck, dann ließ mich aufs Sofa fallen. Da saß sie. Auf dem geblümten Sessel neben der Couch. Sie saß immer nur so da, und ich sah immer seltener ein Lächeln auf ihren Lippen, nicht mal ein gequältes oder künstliches. Chloe hatte ein sehr schönes Gesicht, doch sie war sehr dünn. Ihre Finger waren knochig, ihre Haut blass und ihre Backen eingefallen. Chloe hatte schulterlange blonde Haare. Wenn ich nach Hause kam, schaute sie meistens nur kurz zu mir und las weiter oder starrte weiter an die Wand. Chloe war sehr ordentlich. Ihre Haare waren immer gekämmt, ihre Kleider waren immer sauber. Das konnte ich von mir nicht behaupten. Sie trug immer Röcke und nur sonntags Kleider. Ich hatte auch keine blonden Haare, sie waren hellbraun. Chloe hatte eine gerade Nase, genauso wie ich und geschwungene Lippen. Ihre Zähne waren gerade und sie hatte eine feine Lücke zwischen den Schneidezähnen.
Ihre Augen waren groß und hatten eine gräulich blaue Farbe. Sie starrte mich manchmal mit diesen Augen an und ich wusste nie, was sie wollte oder was sie damit bezwecken wollte. Ihre Augen waren groß und leer und fast hätte man sagen können ein wenig langweilig. Aber trotzdem fühlte man sich seltsam, wenn man Chloe in die Augen sah. Es fühlte sich an, wie losgerissen zu werden oder wie loslassen zu müssen. Loslassen zu müssen von deinem Leben. Es war wie eine Krankheit. Ich wollte nicht auch nur dasitzen und nichts tun. Ich wollte nicht loslassen, ich durfte nicht genauso leblos werden wie sie. Ich hatte oft darüber nachgedacht, wann Chloe wieder glücklicher werden würde oder wieder mal etwas unternehmen würde, doch es schien mir sinnlos. Wenn ich sie fragte, was los war, sagte sie nur, ich solle sie in Ruhe lassen oder sie wisse nicht, warum sie keine Lust hätte, raus zu gehen. Manchmal ging sie auch einfach in ein anderes Zimmer und lernte für die Schule oder las ein Buch. Ich fand, das war besser, als nur an die Wand zu starren.
(Chloe)
Mir fehlt jemand. Ich habe keinen Vater und Mama ist nur arbeiten, ich vermisse Madame Renoir so sehr. Noel versteht das nicht. Ihm ist es wahrscheinlich gleichgültig ob jemand bei uns ist. Ich bin fast nur alleine. Warum kann er nicht mal zuhause bleiben? Ich bin sehr einsam ohne jemanden in der Wohnung und ich kenne sie in und auswendig. Ich kann es Mama nicht sagen. Doch ich kann es nicht mehr lange aushalten.
Nach ein paar Monaten wurde es besser. Sie lachte häufiger, hatte zwei Freundinnen gefunden und ich dachte, ich müsste mir endlich keine Sorgen mehr machen. Sie war auch wieder freundlicher zu mir und bereitete manchmal das Abendessen zu. Mama hatte nie mitbekommen, wie traurig Chloe gewesen war, doch ich möchte ihr nicht die Schuld dafür geben, was eben so geschah, wie es geschah.
Mama hatte so viel zu tun und wenn sie es gewusst hätte, hätte sie bestimmt eine Bekannte gebeten, bei uns zu bleiben, solange sie arbeiten musste. Ich erinnere mich lebhaft an den Tag, an dem ich die Augen öffnete und nicht die geringste Ahnung hatte, was ich in wenigen Minuten feststellen werden würde.
Ich war damals elf Jahre alt. Chloe und ich hatten uns bisher ein Zimmer geteilt, ansonsten gab es noch das Wohnzimmer, von welchem aus die Fenster in Richtung Süden zeigten.
Deshalb war es dort tagsüber schön hell. Die Gardinen waren jedoch meist zugezogen und es war warm. Das Licht wirkte verschwommen und doch so klar, dass man die Staubkörnchen durch den Flur in der Luft schweben sehen konnte, wenn die Türe des Wohnzimmers geöffnet war und man zur Haustür hinein kam. Im Flur war damals gräulicher Teppichboden, der bis in das Wohnzimmer reichte. Chloe war eine Zeit lang wie ein Möbelstück in unserem Wohnzimmer gewesen. Ihre blonden Haare und ihre helle Haut in dem hellen warmen Licht waren nach einer Weile eins geworden, so dass ich sie nicht mehr sah. Ich sah nicht mehr sie selbst. Ich hatte sie verloren. Und auch als es ihr besser ging, war sie nicht mehr ganz sie selbst und ich gewann sie nie mehr zurück. Sie glitt mir aus den Fingern, wie ein nasses Stück Seife, immer wieder, wenn ich versuchte meine Schwester wieder zu gewinnen.
Ich drehte meinen Kopf zum Nachttisch und sah, dass Mama vor einigen Tagen Mageriten auf unseren Nachttisch gestellt hatte und musterte die eingegangenen Blütenblätter. Das Innere der Blüten war gräulich geworden und hart, die Blumen standen reglos da.
Überhaupt war es sehr still. Ich hörte nicht Mamas Schritte im Flur, ich hörte keine Stimmen von oben oder quietschende Fahrräder, die die Rue de la Valotte herunter rollten, und ich hörte keine Atemzüge neben mir. Meine Augen schweiften zu Chloes Bett. Sie war fort. Das Bettlaken war straff gezogen und die gestreifte Wolldecke sorgfältig darüber gelegt. Das Kissen gerade gerückt und der Bezug ohne Falten darüber gestülpt. Ich konnte noch ihre Hand sehen, wie sie über die Bettdecke fuhr, ich konnte noch ihre leeren Augen sehen, wie sie aus dem Fenster blickten. Ich konnte sie noch riechen und ihre warme Hand in meiner spüren. Ich konnte noch hören, wie sie sprach und wie sie lachte.
Ich sprang aus dem Bett und lief in den Flur. Ich konnte meinen eigenen Herzschlag in meinen Ohren pochen hören. Ich schaute in die Küche und suchte im Wohnzimmer.
Ich guckte vor der Haustür und im Garten, den wir uns mit den anderen Familien teilten. Es war der 24. Oktober und auf der Straße tanzten lauter Blätter im Wind. Es war noch nicht einmal sechs Uhr. Dann lief ich in Mamas Schlafzimmer, um sie zu wecken. Ich rief und rüttelte an ihrer Schulter. Sie drehte sich langsam um und öffnete die Augen. Sie strich mir über den Kopf und fragte mich, was los war. „Sie ist weg“, flüsterte ich. „Chloe!“ Mama stand auf und lief in unser Zimmer, ich tapste ihr hinterher und blieb im Türrahmen stehen. Ihre Augen zuckten über das gemachte Bett, die fehlenden Schuhe im Flur und ihre Hände schnellten zum Schrank. Alle Kleider von Chloe waren weg. Nichts mehr von dem, was ihr gehört hatte, war noch da. Mama hatte immer großen Wert auf Bildung gelegt, deswegen gab es keinen Grund, dass ich die Schule heute nicht besuchen sollte.
Ich griff nach den Schulbüchern auf dem tintenverfleckten Schreibtisch, zog eine Jacke über und lief den Flur entlang. Nachdem ich meine Schuhe angezogen hatte, huschte ich aus der Haustür und lief die Straße herunter.
Ich tat alles, um Chloe wieder zu finden. Ich hatte meinen Kindern immer alles ermöglichen wollen. Ich wusste, dass ich zu viel arbeitete, doch mir war auch jeden Tag bewusst gewesen, dass wenn ich es nicht tat, wir womöglich nicht durchkommen würden.
Seit Madame Renoir gestorben war, hatte ich es gewusst. Ich hatte mit angesehen, wie sie nur noch alleine zu Hause waren. Meistens schliefen sie schon, wenn ich nach Hause kam. Chloe war ein schlaues Mädchen, das hatte ich immer gewusst. Ich zog mein Nachthemd aus und streifte mir ein dunkelblaues Kleid mit runden Knöpfen über. Es hatte einen schönen Rock, der mir bis über die Knie reichte. Der weiße Unterrock guckte mit einer feinen Spitze darunter raus. Ich setzte mich vor meinen Spiegel, kämmte mir die Haare und knotete sie mir am Hinterkopf zusammen. Ich rannte beinahe ins Bad, um mir das Gesicht zu waschen und mir eine Halskette anzulegen. Ich setzte einen Hut auf, zog mir schnell meine abgetretenen Schuhe an, verschwand aus der Wohnung und die Türe fiel hinter mir ins Schloss. Es war windig draußen. Ich strich mir über den Haaransatz und zupfte an dem Kleid herum.
Dann rückte ich meine Kette zurecht und musste grinsen. Ich war stolz auf meinen wenigen, wertlosen und verdreckten Schmuck und zog immer etwas von meiner kleinen Sammlung an.
Ich kam mir so unbedeutend vor und so klein. Ich wusste, es war nicht der richtige Zeitpunkt, um zu lachen. Ich liebte meine Kinder über alles und eines davon war mir verloren gegangen. Ich sollte jetzt wirklich nicht lachen. Dann machte ich einen Schritt auf die Straße und lief zum ersten Nachbarhaus. Ich schritt leise die Treppe hoch und klopfte an die hölzerne Tür. Die Tür wurde geöffnet und eine grauhaarige Frau sah mir ins Gesicht. Ich kannte sie gut und erzählte ihr von meiner Situation. Sie verkündete mir ihr Beileid, doch sagte sie, sie hätte meine Tochter vorgestern das letzte Mal gesehen. So lief es fast bei jedem meiner Nachbarn.
So rannte ich nach beinahe einer Stunde zur Polizei. Der Beamte war ein netter junger Mann mit blonden kurzen Locken und einer Brille. Er war sehr verständnisvoll und versprach mir, dass er und einer seiner Kollegen sich noch heute auf den Weg machen würden, meine Tochter zu suchen. Ich hatte ihm alle Informationen und ein Foto von Chloe gegeben.
Ich nickte und verließ den Raum. So schnell ich konnte, rannte ich nach Hause. Mein Kleid wehte im Wind und Haarsträhnen waren aus meiner Frisur gerutscht.
Ich stolperte in die Wohnung und knallte die Türe hinter mir zu. Ich streifte meine Schuhe ab und warf sie in eine Ecke des Flurs.
Ich rannte die Straße entlang. Der Gehweg war schlecht gepflastert und ich hatte meine Augen konzentriert auf den Boden geheftet, um nicht zu stolpern. Ich stieß die Türe auf. Sobald ich die zwei Stufen hinauf gestolpert war, schossen mir so viele schöne Gedanken in den Kopf. Mamas Schuhe lagen dahingeworfen auf dem Fußboden und ich hörte keinen Laut in der Wohnung. Ich stellte meinen Rucksack in mein Zimmer und schlich langsam in das Wohnzimmer. Mama lag auf dem Sofa, sie trug ein dunkelblaues Kleid und ihre Haare waren nicht zusammen gebunden. Ihre Hände lagen schlaff da, und ich konnte die Tränen sehen, die ihre Wangen herunter kullerten. Ich ging ganz langsam hin und kniete mich angestrengt vor das Sofa. Ich strich ihre Haare aus ihrem Gesicht und nahm ihre Hand.
Ich rannte in mein Zimmer warf mich aufs Bett, und die Tränen flossen, sobald ich blinzelte. Die Türe ging auf und ich fuhr zusammen. Es war Mama. Sie kam zu mir und legte ihre Hand auf meine Wange. Sie war blass und ihre Hände zitterten. Sie nahm mich in den Arm und küsste mich aufs Haar. Ich fragte mich, ob sie wieder kommen würde. Chloe. Doch ich befürchtete, Mama würde es auch nicht wissen. Mama schloss die Augen.
Von diesem Tag an wurde alles anders. Es gab keine Spur von Chloe. Sie war wirklich fort. Nach zwei Jahren gab die Polizei die Suche auf. Ich war weder allein noch mit Mama zusammen. Wenn man einen Menschen verliert, den man wirklich liebt, wird alles gleichgültig und die anderen Menschen verschmelzen zu einer einzigen Masse.
„Vivienne“, schreckte mich die Stimme des Lehrers aus meinen Gedanken. Ich saß im Klassenzimmer und es war wahrscheinlich elf Uhr oder etwas später. Ich hatte andere Dinge im Kopf, als die Handlung der Lektüre, die vor mir lag. Ich strich mir die Haare aus dem Gesicht und senkte den Kopf. Die Worte zu lesen viel mir schwer, doch der Lehrer lobte mich und ich atmete erleichtert aus. Als die Glocke im Gang läutete, sprang ich auf und eilte mit meinen Freundinnen in die nächste Stunde. Unsere Tritte hallten im Gang und ich hatte ein seltsames Gefühl, doch ich schüttelte den Gedanken ab und hörte Claire weiter bei dem zu, was sie uns gerade erzählte. Claire war meine bis dahin beste Freundin gewesen. Sie trug immer Zöpfe und eine Brille. Ein bisschen dicklich war sie auch und redete andauernd. Sie redete aufgeregt und wendete ihr Gesicht meinem zu, so dass sie rückwärts lief und direkt gegen Noel rannte, der uns entgegen gekommen war. Sie fiel rücklings auf den Boden und sämtliche Bücher von Claire und Noel schlitterten über den Boden. Ich bückte mich und sah Noel an. Er hatte ein wirklich schönes Gesicht. Hellbraune Haare und grünliche Augen, ich kannte ihn leider kaum. Dieser Moment war der Anfang, unser Anfang. Ich erinnere mich genau, wie er den Kopf hob und mir eines der Schulbücher gab. Es war der Moment, indem wir uns das erste Mal wirklich wahrnahmen. Wir gingen in eine Klasse und liefen täglich aneinander vorbei, doch keiner hatte den anderen je wirklich wahrgenommen. Er schnappte seine Bücher, grinste und verschwand im nächsten Klassenzimmer.
An diesem Tag konnte ich dem Unterricht nicht mehr folgen, ich war zu müde und gedankenverloren. Als ich nach Hause kam, erledigte ich meine Schulaufgaben und schlief vor Erschöpfung am frühen Abend in Schuluniform ein.
Der nächste Tag war ein Sonntag. Ich wachte um acht Uhr vom knarrenden Geräusch eines Motorrads auf. Das Motorrad meines Vaters. Es war unglaublich laut, meiner Meinung nach.
