Auf zum Angriff - Dalton Fury - E-Book

Auf zum Angriff E-Book

Dalton Fury

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Beschreibung

Kolt Raynor vor seiner größten Bewährungsprobe In den USA gibt es 64 Kernkraftwerke. In eines davon wollen die Terrormilizen der Al-Qaida eine Bombe einschleusen. Nur in welches? Kolt »Racer« Raynor ist der Mann, der den feigen Angriff auf das Herz Amerikas und den Tod Hunderttausender Unschuldiger verhindern soll. Doch als ihn ein Vorgesetzter wegen seiner Alleingänge im Visier hat und seine Delta-Force-Kollegin Cindy entführt wird, stößt der erfahrene Kämpfer gegen den Terror an seine Grenzen. Publishers Weekly: »Die Actionszenen sind über jeden Zweifel erhaben.« Brad Thor: »Lest Dalton Fury. Weils keiner besser kann.« Kirkus Reviews: »Fury ist ein ehemaliger Delta-Force-Soldat. Er verleiht der Action eine realistische Schnellfeuer-Atmosphäre."

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Seitenzahl: 603

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Aus dem Amerikanischen von Patrick Baumann

Impressum

Die amerikanische Originalausgabe Full Assault Mode

erschien 2014 im Verlag St. Martin’s Press.

Copyright © 2014 by Dalton Fury

Copyright © dieser Ausgabe 2017 by Festa Verlag, Leipzig

Lektorat: Alexander Rösch

Titelbild: Arndt Drechsler

Alle Rechte vorbehalten

eISBN 978-3-86552-541-3

www.Festa-Verlag.de

www.Festa-Action.de

Für die mehr als 10.000 bewaffneten Leute,

die für die nukleare Sicherheit unserer Nation sorgen

und die jeden Tag zur Stelle sind, um Angriffe auf

Kernkraftanlagen zu verhindern.

Mitgliedsausweis und Dokument der Jamiat ul-Ulema-i-Pakistan

Vorbemerkung

In einer mondlosen Sommernacht hatten wir gerade die hohe Lehmmauer der Madrasa erklommen. Gemeinsam mit meinem Teamkollegen – Codename Happ – und unserem Air Force Combat Controller checkte ich leise, aber zügig die drei Räume im oberen Stockwerk der islamischen Lehranstalt. Dann hörten wir das verräterische Geräusch von drei außerhalb des Grundstücks schnell nacheinander abgefeuerten Überschallpatronen im Kaliber 5,56 Millimeter.

Jetzt wissen sie, dass wir hier sind.

Ich überlegte, welche Optionen uns blieben. Sollten wir den anderen zur Hilfe eilen oder unsere Position beibehalten? Mit dem Daumen aktivierte ich mein Handmikro.

»Alles klar bei euch da draußen?«

»Roger, alles klar!«, funkte ein anderer Operator von draußen zurück.

Die gesetzlose Grenzstadt Shkin unweit der pakistanischen Grenze galt als vermuteter Aufenthaltsort von Feinden und lag direkt an einer bekannten Fluchtroute der Al-Qaida. Mein Boss, Colonel Gus Murdock, war nicht gerade erpicht darauf gewesen, uns in dieser Nacht grünes Licht für den Zugriff zu geben. Aber er verstand unsere Sorgen und vertraute seinen Leuten vor Ort, wie es alle guten Kommandanten tun. Vor einer halben Stunde hatte er nachgegeben und uns Einsatzerlaubnis erteilt – aber ich glaube, auch er wusste, dass wir eine Möglichkeit gefunden hätten, auch ohne seine Einwilligung zuzuschlagen.

Happ und ich sprangen vom Balkon im ersten Obergeschoss herunter und schlichen uns über den weichen Sand zur offenen Eingangstür. Zusammen durchsuchten wir mehrere Räume, bevor wir feststellten, dass sich im letzten Al-Qaida-Kämpfer aufgehalten haben mussten. Wir durchwühlten ihre Schlafsäcke, stellten die zurückgelassenen Funkgeräte sicher und entdeckten sofort die im Wind wehenden Vorhänge vor den Fenstern, durch die sie geflohen waren. Wir gingen durch die übrigen Räume zurück, jeder auf einer Seite, und traten wieder ins Freie.

Am abgeschlossenen Vordertor hievte Happ das schwere Schloss aus der hölzernen Halterung. Die massive Metalltür schwang auf.

»Eagle, Eagle«, befahl Happ im Hinausgehen. Wir drückten uns an die Außenwand und arbeiteten uns in nördlicher Richtung voran.

Kurz darauf kniete ich über der Leiche eines stämmigen Typen in weißem Gewand. Sanft legte ich zwei Finger seitlich an den Hals auf Höhe des Adamsapfels und prüfte den Puls. Ich musterte den weißen Turban und schaute in seine aufgerissenen Augen. Mit leerem Blick und reglosen Pupillen richteten sie sich auf das Paradies über ihm. Ich streckte die behandschuhte Hand aus und strich vom Turban hinab über seine Lider, um sie zu schließen. Das hatte ich bisher noch nie getan. Eine solche Aktion hinterlässt einen Abdruck auf deiner Seele und lässt dich nie mehr los.

Ich blickte auf. Sein Mörder stand mit der Pistole in der Hand ganz in der Nähe. Beim Eintreffen des Funkspruchs war mir nicht bewusst gewesen, dass es sich beim Operator am anderen Ende um den Schützen handelte. Hätte er nicht aufgepasst, läge er jetzt in einer Blutlache im Sand.

Der Leiter dieser Lehranstalt hat gleich zwei miese Entscheidungen getroffen.

Die erste bestand darin, Al-Qaida-Kämpfern Unterschlupf zu gewähren, die nach Afghanistan gekommen waren, um Soldaten der Koalition zu töten. Die Funksprüche, die wir vor zwei Stunden abgehört hatten, ließen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Uns hätte es allerdings genügt, dem Kerl Handschellen anzulegen und ihn zum Bagram Airfield auszufliegen.

Sein zweiter, ungleich dümmerer Fehler war, dass er nach dem Sprung aus dem Fenster eine halbautomatische 9-Millimeter-Makarov aus dem ledernen Schulterholster gezogen hatte. Unser später Besuch beruhte auf dem abgefangenen Funkspruch, aber erst die gezogene Pistole setzte die Einsatzregeln in Kraft und besiegelte seinen Tod. Das Letzte, was er mitbekommen hatte, bevor er zum Märtyrer wurde, musste das verschwommene Bild eines amerikanischen Delta-Force-Operators mit Kampfanzug und Nachtsichtgerät in etwa zehn Schritten Entfernung gewesen sein.

Ein Duell, das er nicht gewinnen konnte.

Happ kniete vor mir und leerte die linke Brusttasche des Al-Qaida-Helfershelfers aus. Dieser besaß einen Mitgliedsausweis der Partei Jamiat ul-Ulema-i-Pakistan. Im blutverschmierten Pass und den gefalteten Dokumenten prangten Löcher von der dreischüssigen Salve, die wir eben beim Übersteigen der Grundstücksmauer gehört hatten. Die Streuung des Trefferbilds war kaum größer als eine Halbdollarmünze.

Ich sah zum Schützen auf. »Guter Schuss!«

»Bist wohl ein bisschen eingerostet«, zog Happ ihn auf. »Normalerweise passen deine Treffer auf ein Zehncentstück.«

Wir hätten es in dieser Nacht dabei belassen, in unseren rattenverseuchten Quartieren bleiben und uns um unseren eigenen Kram kümmern können. Stattdessen schnappten wir uns die Ausrüstung, knackten mit den Knöcheln und nahmen unser nächstes Ziel ins Visier.

Das war mehr als nur die Wirkung des ›Kommando-Cocktails‹. Diesen Begriff hatte der überaus talentierte Ex-Delta-Kommandant Pete Blaber geprägt, um diese absolut euphorisierende Mischung aus Jagdfieber und dem Nervenkitzel des Tötens zu beschreiben. Nein, es steckte wesentlich mehr dahinter. Es hatte ebenso mit unserer Verantwortung füreinander und für unsere Landsleute zu tun. Und, ja, nach 9/11 machte auch der Drang nach Vergeltung einen gehörigen Teil unserer Motivation aus.

Und das, Leute, bleibt auch weiterhin die zentrale Antriebsfeder für einen gewissen Delta-Force-Major namens Kolt ›Racer‹ Raynor. Nach zwölf Jahren Krieg gegen den Terror, obwohl unsere Nation ihre Einsätze in Afghanistan reduziert und das Hauptaugenmerk stattdessen auf Krisenherde am Horn von Afrika oder in Syrien richtet.

Auch bei seiner dritten Rückkehr im Rahmen dieser Delta-Force-Reihe nach Tier One Wild – Orden für die Toten hat Kolt Raynor noch nichts dazugelernt, wenn es darum geht, sich Autoritäten unterzuordnen. Aber, hey – wenn man dem Präsidenten den Arsch gerettet hat, wird man plötzlich zu einem sehr gefragten Mann. Trotzdem hätte er es diesmal besser sein lassen und die Mission abgebrochen.

Aber Raynor ist schon immer stur seinen eigenen Regeln gefolgt. Und wenn ein Kamerad in der Scheiße steckt oder er ein hochrangiges Ziel im Visier hat, verbannt er den Abbrechen!-Befehl kurzerhand aus seinem Wortschatz.

In solchen Phasen kennt Kolt Raynor nur los, los, los.

Außerdem sind einige Tier One-Persönlichkeiten einfach wichtiger als andere, wie sich im Verlauf dieses Romans zeigen wird.

Viele geheime Spezialeinheiten wie die Delta Force, das SEAL Team 6 oder das britische SAS-Regiment 22 können sich während der gesamten Dauer ihres Bestehens vielleicht einen oder zwei unkonventionelle Operators leisten. Sind es mehr, müssen sie damit rechnen, dass ihre Mitglieder wieder in konventionelle Truppen eingegliedert werden und ihr Hauptquartier geschlossen wird, wie es Dick Marcinkos Red Cell oder dem Canadian Airborne Regiment widerfahren ist.

Aber Sie können sicher sein: Diejenigen, die lange genug durchhalten, um ein Ziel nach dem anderen auszuschalten, die genug Haken schlagen und konsequent ihre Gegner bezwingen, haben früher oder später einen Ruf als Actionhelden weg. Das sind die Jungs, die man sich an seiner Seite wünscht, wenn man in einem Versteck hockt oder sich durch ein Gebäude kämpft. Man kann dieses Image nicht erzwingen – es kommt von selbst.

Natürlich kann es auch verdammt Furcht einflößend sein, mit Männern wie Kolt Raynor um die Häuser zu ziehen. Allzu oft endet es damit, dass einem jemand Mullbinden bis zum Knochen in eine blutende Wunde stopft oder einem sogar die Hundemarke abnimmt und den Reißverschluss des Leichensacks zuzieht. Und, ja, manchmal wird einem auch eine weitere nutzlose Medaille an die Brust geheftet.

Warum tun Männer und Frauen so etwas? Warum streben einige amerikanische Männer und Frauen danach, in den Rängen der elitärsten Top-Secret-Organisationen zu dienen, in denen jede einzelne ihrer Handlungen analysiert und jeder Schuss gezählt wird und alle Einsätze einem Ritt auf dem Pulverfass gleichen?

Warum hat ein kleines Team aus Delta-Operators im Oktober 2013 einen hoch riskanten Einsatz am helllichten Tag mitten in der libyschen Hauptstadt Tripolis durchgeführt, um Abu Anas Al-Libi festzunehmen? Klar, dieser Drecksack war ein hochrangiges Al-Qaida-Mitglied und stand im Zusammenhang mit den Bombenanschlägen von 1998 auf US-Botschaften in Tansania und Kenia auf der Fahndungsliste der Vereinigten Staaten. Die auf seinen Kopf ausgesetzte Belohnung betrug mindestens fünf Millionen Dollar. Aber hatte es mit dem bereits erwähnten ›Cocktail‹ zu tun, oder ging es um etwas anderes?

Mehr als je zuvor ist dieses Buch, diese Mission angereichert mit Erfahrungen aus erster Hand, sowohl aus meinem Militärdienst als auch aus dem Beruf, dem ich seit meinem Ausscheiden aus der Unit nachgehe. Es geht um Aktionen, die ich eine kleine Gruppe ungenannter Helden immer wieder habe durchführen sehen – auf verschiedensten Schlachtfeldern und in den Sicherheitszonen dieser Welt, ohne dass sie dabei je an Ruhm und Ehre gedacht haben.

In Full Assault Mode bemühe ich mich, dieser Frage nach dem Warum nachzugehen, ohne das Wie zu vernachlässigen. Diesen Aspekt will ich auf keinen Fall vernachlässigen.

Die Sicherheit der kommerziellen Atomenergie ist ein großes Thema in dieser Ära nach dem 11. September und unserer heutigen Zeit.

Deshalb habe ich bei meinen Recherchen auf zwei vertrauenswürdige Experten für dieses Sachgebiet zurückgegriffen, die für den Schutz von Informationen über Sicherheitsmaßnahmen zuständig waren – diese hochbrisanten, von der Regierung unter Verschluss gehaltenen Einzelheiten über verwundbare Punkte nach dem Atomic Energy Act von 1954. Richard H. und Allen Fulmer sind zwei der Besten auf ihrem Gebiet und ich weiß ihren Enthusiasmus, ihr Wissen und ihren Blick für Details sehr zu schätzen.

Die meisten Autoren werden mir beipflichten, dass man in einer Ära, in der die Technik ständig neue Fortschritte macht, ein Expertenteam hinter den Kulissen braucht, um einen glaubwürdigen Action-Thriller zu schreiben. Leute, die sich mit den spezifischen Einzelheiten der Funktionsweise von Forschungsrobotern auskennen, die wissen, was sich tief in den Eingeweiden eines Kernreaktors befindet oder wie die besten Helikopterpiloten bei einem durch Tsunamis ausgelösten Stromausfall auf Kurs bleiben. Ich bin dieser Handvoll Freunde zutiefst dankbar. Sie haben mir meine Grenzen aufgezeigt und meinen Kompass richtig justiert, damit ich nicht vom Kurs abkomme. Am wichtigsten waren für mich die Erkenntnisse, die mir Chris Evans vermittelt hat. Chris ist ein extrem talentierter und fähiger Schriftsteller, und seine fast unheimliche Gabe, mit sanfter Hand Kapitel für Kapitel durchzugehen und von Zeit zu Zeit Korrekturen an der Zielrichtung vorzunehmen, hat mir außergewöhnlich weitergeholfen, kam immer rechtzeitig und war mir stets willkommen.

Fans von Racer werden sich erinnern, dass er ein trockener Alkoholiker ist. Bei seinem ersten Auftritt in Black Site erlitt er einen Rückfall. Jetzt, da er wieder in der Unit ist und für seinen dritten Auftritt zurückkehrt, werden die meisten Leute mir wohl zustimmen, wenn ich sage, dass es besser für ihn ist, einen gesunden Sicherheitsabstand zu seinem alten Kumpel Jack Daniel’s einzuhalten. Aber falls Kolt sich doch wieder an eine Bar setzt – vielleicht weil die berauschende Wirkung des Kommando-Cocktails nachlässt –, gäbe er bestimmt meinem Lektor Marc Resnick von St. Martin’s Press und meinem Agenten Scott Miller von der Trident Media Group einen aus. Obwohl Kolt sie vermutlich hin und wieder für SEAL-Team-6-Groupies halten würde, bekäme er doch schnell mit, wie versiert, einsatzbereit und zupackend sie bei ihrer Arbeit in der Verlagsbranche sind. Vor allem zählt der Nervenkitzel einer tollen Entdeckung für sie kaum weniger als die Freude über einen Verkaufserfolg.

Also, auf Rich, Allen, Chris, Marc und Scott! Fünf Weltklassetypen, die auf der Höhe ihres Könnens sind – und glücklicherweise auf meiner Seite des Teams kämpfen. Aber wie üblich verdankt Kolt seine Langlebigkeit nicht nur den Lesern, sondern auch den drei Ladys bei mir zu Hause. Sie geben mir Rückhalt und halten auf neutralem Gebiet nach Anzeichen Ausschau, ob Kolt Raynor sich zu sehr in den Vordergrund drängt oder am Ende gar wirklich glaubt, was die Presse so über ihn schreibt. Ich bin sehr dankbar, dass sie es Kolt ermöglicht haben, genügend Armhebel und hinterhältige Beinfeger abzuwehren, um die dritte Runde zu überstehen.

Ding, ding, ding.

I’m not the killer man, I’m the killer man’s son.

But I’ll do the killing ’til the killer man comes.

Ronald Reagan,

40. Präsident der Vereinigten Staaten

1

Östliches Afghanistan, Anfang Februar 2013

Eine Batterie gepanzerter Fahrzeuge, allesamt nach Tieren benannt, rollte eine zerfurchte, unbefestigte Straße tief im Taliban-Territorium nahe der pakistanischen Grenze entlang. Die Temperatur pendelte um den Gefrierpunkt, für Anfang Februar gar nicht schlecht, und bis zur Morgendämmerung waren es nur noch zwei Stunden.

Eigentlich ging es um eine ganz simple Mission. Sie sollten zehn Kilometer einer schwer verminten Strecke säubern, die zu einem von den Taliban kontrollierten Dorf führte, dem Schnittpunkt dreier Geheimrouten, über die Kämpfer der Taliban und des Haqqani-Netzwerks nach Afghanistan gelangten. Eine wichtige Mission, die im Fall eines Erfolgs die Frühlingsoffensive der Taliban stark behindern würde.

Die Chance, dass die Abendnachrichten in den USA darüber berichteten, ging trotzdem gegen null. Das hier war kein Thunder Run – so hatte man den donnernden Ansturm der M1-Abrams-Panzer und Bradley-Kampffahrzeuge getauft, die 2003 bei der Irak-Invasion durch Bagdad gefegt waren wie ein Hagelsturm aus Stahl. Es ließ sich nicht einmal mit der Fahrt der T-72-Panzer und der gepanzerten BMP-Kampffahrzeuge durch Darayya vergleichen, eine Vorstadt von Damaskus. Nein, hier ging es um quälend langsames Vorrücken, bei dem sich der Fortschritt nur in Metern, manchmal sogar Zentimetern bemessen ließ.

Es war Tag 5 und die Kolonne immer noch einen Kilometer vom Ziel entfernt. An der Spitze des Zugs auf diesem gottverlassenen Ziegenpfad fuhren zwei zehn Tonnen schwere, mit jeweils zwei Männern besetzte Minensuchfahrzeuge vom Typ Husky 2G, an der Frontseite mit vier großen Elektronikkonsolen ausgestattet. Jedes suchte eine Straßenseite ab, wozu sie Niitek-Visor-2500-Bodenradare einsetzten. Sie forschten nach Sprengsätzen. Heute hatten sie bereits drei gefunden, seit Beginn der Mission insgesamt ein Dutzend. Sieben davon verfügten über genug Sprengkraft, um mit Leichtigkeit selbst die schwersten Fahrzeuge der Kolonne zu zerstören. Es galt als großer Erfolg, sie entdeckt zu haben, bevor sie detonieren konnten. Aber wie man so schön sagte: Schon ein einziger übersehener Sprengsatz versaut einem den ganzen Tag.

Der Aktion lag ein groteskes Wettrüsten zugrunde. Hoch entwickelte Elektronik und gepanzerte Fahrzeuge gegen Heimtücke und stetig anwachsende Sprengkraft. Wenn man darüber nachdachte, kam es einem fast kriminell vor, dass man Soldaten diese Straßen einmal in ganz normalen Toyota-Pick-ups hatte befahren lassen. Andererseits musste man im Krieg auf das zurückgreifen, was man gerade zur Verfügung hatte, und 2001 waren Sprengsätze noch kein großes Thema gewesen.

Die Panzerfahrzeuge rollten langsam vorwärts, gefolgt von einer Kolonne sieben minengeschützter Buffalo-Wagen mit einem Nettogewicht von jeweils mehr als 23 Tonnen. Sie sahen nicht nur aus wie knurrende Bestien aus Metall, sie klangen auch so. Aufgrund ihrer schieren Größe und Wucht waren sie in einem Hollywood-Blockbuster sogar als gestaltwandelnde Kampfroboter zum Einsatz gekommen.

Aber so beängstigend sie auch wirkten – ein paar 155-Millimeter-Artilleriegeschosse aus der sowjetischen Afghanistan-Invasion, die man einen halben Meter unter der Erde vergraben hatte, drohten jederzeit zu zünden, zu explodieren und sie in einen Haufen Metall- und Fleischbrocken zu verwandeln. Also schob sich die Kolonne enorm langsam voran. Die Huskies scannten die Erde nach todbringenden Fallen ab, während die Buffalos in sicherer Entfernung folgten. Jeder war mit vier Absteigern besetzt – ein nüchterner Ausdruck für die Soldaten, die im Bedarfsfall die Deckung der schwer gepanzerten, v-förmigen Karosserien der Buffalos verließen und zu Fuß patrouillierten.

40 Klicks entfernt auf dem Jalalabad Airfield hockte Kolt ›Racer‹ Raynor in verkrampfter Haltung auf einer Kiste mit Feldrationen im Aufenthaltsraum seines Bravo Assault Teams. Er verfolgte die Fortschritte der gepanzerten Kolonne auf einem 50-Zoll-Flachbildschirm. Die Liveübertragung wurde von einer Drohne beigesteuert, die in etwa 4500 Metern Höhe über den Fahrzeugen in Warteschleife schwebte. Ein Fenster in der oberen linken Ecke zeigte eine Infrarotaufnahme des Sektors.

Bis dato stellten die Fahrzeugkolonne sowie ein Eseltrio, das sich 100 Meter vor den Huskies an die windabgewandte Seite eines felsigen Hügels drängte, die einzigen nennenswerten Wärmequellen dar. Die Mission war zwar nicht so sexy wie die Verfolgung einer ranghohen Tier-One-Zielperson, aber bestimmte Entwicklungen konnten dafür sorgen, dass Kolt und seine Männer in Marsch gesetzt würden. Heute Nacht hielten sie sich für ein TST bereit – ein time-sensitive target, ein zeitabhängiges Ziel.

Um genau zu sein, konzentrierten sie sich auf die Kerle an den Zündknöpfen. Während manche Sprengsätze durch Belastung von Druckplatten von selbst ausgelöst wurden, erforderten andere eine Fernzündung per Knopfdruck. Damit das klappte, durften die Techniker der Terroristen nicht mehr als ein paar Hundert Meter entfernt sein. Verborgen hinter irgendeinem Felsvorsprung, für das bloße Auge unsichtbar.

Kolt hätte die Schützen in den Buffalos kontaktieren und ihnen sagen können, dass sie die verdammten Esel vergessen und stattdessen lieber nach Eseln auf zwei Beinen suchen sollten. Aber der junge Army-Offizier vor Ort konnte es sicher nicht gebrauchen, dass ihm jemand aus der hinteren Reihe ins Ohr quasselte, selbst wenn es sich dabei um Kolt Raynor handelte. Außerdem lehnte Kolt solches Mikromanagement im Einsatz selbst strikt ab.

»Wir sollten da draußen sein, nicht hier«, murmelte er leise. 40 Klicks waren selbst mit dem Heli zu weit für einen sogenannten Schnellzugriff. Kolt blickte sich im Raum um. Er war hier nur zu Gast, also behielt er seine Überlegungen für sich. Ja, er war ihr Kommandant, aber manchmal war es selbst für Kommandanten klüger, einfach zu schweigen. Außerdem wollte er nicht vor den Männern vom Leder ziehen und ihnen vorschreiben, was man besser anders regelte. Er hielt es für wichtig, die subtile Distanz zwischen Befehlshabenden einerseits und Befehlsempfängern andererseits zu wahren. Nach mehr als einem Jahrzehnt hatte jeder im Raum die Schnauze voll von Krieg. Der Drang, sich an Bösewichten abzuarbeiten, hatte schon vor Jahren nachgelassen. Auch an Kolt war diese Entwicklung nicht spurlos vorbeigegangen.

Für den Augenblick arrangierte er sich mit seinem Schicksal. Er ließ den quälend langsamen Vormarsch von ›Thunder Turtle‹ kurzzeitig aus den Augen, um sich im Zelt umzusehen. Alle vier von Kolts Angriffstrupps wohnten in solchen Stoffbehausungen, die früher einmal grün gewesen waren. Jetzt bedeckte sie eine zentimeterdicke Schicht aus braunem Staub, der an allem kleben blieb, selbst im Inneren. Bei all dem Dreck und Gerümpel hätte es sich genauso gut um eine Höhle handeln können.

Die Operators entspannten sich auf quietschenden Army-Klappbetten mit grünen Nylonbezügen, die mit ihren Aluminiumbeinen auf dem Sperrholzboden nie richtig gerade standen. Man hatte Regale aus zentimeterdickem Sperrholz und Kanthölzern mit kleinen, etwa kopfhohen Rückwänden zwischen den Kojen aufgestellt, um so etwas wie Privatsphäre zu schaffen. Aber eigentlich gab es keine, sofern man sich diese anderthalb mal 1,80 Meter großen Flächen nicht gerade als isolierte Zellen vorstellte.

Kolt stand auf und ging zum Eingang des Zelts. Er schob die Hand in die Tasche seiner Crye-Precision-G3-Kampfhose und zog einen halb leeren Beutel Red-Man-Kautabak heraus. Es wird bald dunkel, dachte er und schob sich drei Streifen zwischen Wange und Gaumen. Noch ein Tag war ohne konkrete Resultate verstrichen. Für die 30 bärtigen Delta-Operators waren es entschieden zu viele.

In der relativen Abgeschiedenheit und Verstecktheit dieses beengten Areals auf dem Jalalabad Airfield konnte man schnell den Eindruck bekommen, auf einer verlassenen Insel gestrandet zu sein. Fast noch schlimmer: Es war keine Änderung in Sicht. Da die Vereinigten Staaten und Afghanistan vor ein paar Jahren ein Sicherheitsabkommen unterzeichnet hatten, wechselte die Kontrolle über militärische Operationen zunehmend auf die afghanischen Streitkräfte über. US-Soldaten und ihre Ausrüstung wurden nach und nach aus dem Kriegsgebiet abgezogen. Aber nicht die Kampfmittelbeseitigungstruppe der Mission Thunder Turtle, und ganz sicher nicht Spezialeinheiten wie die Delta Force. Ob es ihnen gefiel oder nicht, sie mussten bleiben. Solange Al-Qaida eine Bedrohung für die fragile afghanische Regierung oder – in ihren Augen noch wichtiger – die Sicherheit der Vereinigten Staaten darstellte, blieben Operators vor Ort.

Kolt drehte sich um, als er ein Geräusch hörte. Die Bravo-Leute johlten und zeigten auf den Bildschirm. Er kniff die Augen zusammen, um Einzelheiten zu erkennen, und schüttelte den Kopf. Die verschwommenen Wärmesignaturen ließen darauf schließen, dass zwei der Esel es miteinander trieben.

Kolt sah auf die Uhr und stellte fest, dass sie noch ungefähr eine weitere Stunde vor sich hatten. 60 Minuten monotones Herumsitzen und Warten darauf, dass etwas passierte, bevor es dämmerte und Thunder Turtle zur Basis zurückkehrte. So sah sein Leben in J-Bad aus. Stunden und Tage voller Langeweile, sporadisch durchbrochen von kurzfristigen Quickie-Missionen in den gefährlicheren und unbarmherzigeren Regionen Afghanistans. So war es schon seit dem ersten Einsatz nach 9/11. Obwohl das nun bald ein Jahrzehnt so ging und man Osama bin Laden vor zwei Jahren erwischt hatte, änderte sich nicht viel.

Im Afghanistan des 21. Jahrhunderts konnte einem jeder neue Augenblick weitere Adrenalinschübe bescheren, wie schon früher in der Menschheitsgeschichte, als die Legionen von Alexander dem Großen hier einmarschiert waren. Im einen Moment konnten die Soldaten eine Kolonne gepanzerter Fahrzeuge beobachten, die durch die kraterartige Landschaft krochen, im nächsten konnten sie bereits in ein erbittertes Feuergefecht mit wagemutigen Rebellen verwickelt sein. Kolt wusste, dass er einen gewaltigen Vorteil hätte, falls es dazu kam.

Im Zelt versammelten sich an diesem Abend viele erfahrene Leute. Vier der fünf Mitglieder des Bravo-Teams hatten fast zwölf Jahre lang im Rahmen der Operation Enduring Freedom zahlreiche Flüge aus den Staaten nach Afghanistan absolviert. Der jüngste Neuzugang im Team verfügte über immerhin vier Jahre Kampferfahrung. Außerdem hatten sie alle harte Stadtkämpfe im Irak miterlebt und in Ostafrika unter enormem Stress gestanden, wenn sie nicht gerade Taliban-Phantome und Al-Qaida-Kämpfer jagten. Zusammen mit Auszeichnungen für Tapferkeit hatten die meisten Schädel-Hirn-Traumata von Sprengfallen oder mauerbrechenden Detonationen als Andenken mitgenommen. Und die meisten, wenn nicht sogar alle, mussten davon ausgehen, als angehende Kandidaten für eine posttraumatische Belastungsstörung zu gelten.

Im Gegensatz zu Afghanistan war der Irak ein wahres Paradies für einen Operator. Es gab ständig etwas zum In-die-Luft-Sprengen oder jemanden, den man entweder retten oder aus dem Weg räumen konnte. Informationsfetzen aus einem Einsatz erwiesen sich als wertvoller Background für die nächsten Missionen. In den meisten Fällen ergänzten findige Analysten kurz vor der Rückkehr in ihr Schlafquartier einige bis dahin unbekannte Personen auf den Listen an der Wand, die ausländische Kämpfer und Anführer der schiitischen Milizen erfassten. Die meisten wünschten sich Frieden im Irak, aber für manche verschwammen die Grenzen zwischen richtig und falsch, und das Töten war für sie entweder zu einem Sport geworden oder ließ sie nur noch kalt.

Jetzt, in dieser kalten Nacht im späten Winter in Nordost-Afghanistan, saßen alle Teammitglieder bis auf eine Ausnahme untätig herum. Der Einzige, der sich seine Gefahrenzulage verdiente, war Shaft, aber er befand sich rund vier Stunden Fahrt von ihnen entfernt.

Im Gegensatz zum Rest durfte Shaft Jagd auf das attraktive Tier-One-Ziel machen – das Objekt, dem die Aufmerksamkeit der nationalen Kommandobehörden galt.

»Hat Shaft sein letztes Kommunikationsfenster eingehalten?«, fragte Slapshot, der stämmige Troop Sergeant Major.

»Ja, da suchte er immer noch nach Eseln«, antwortete Kolt, wobei er sich kaum vom Bildschirm abwandte. Er neigte den Kopf, platzierte seine Oberlippe zielgenau über der Öffnung der leeren Wasserflasche und spuckte einen Strahl Red-Man-Tabaksaft hinein.

Ohne den Blick von der neuesten Maxim-Ausgabe abzuwenden, meldete Digger sich zu Wort: »Na, das sollte im Hindukusch ja nicht so schwer sein.«

»Mann, ich mein die Sorte, die vier Beine hat. Ist ’n weiter Weg durch das Tal«, erwiderte Slapshot. Dann schüttelte er mit gespieltem Ekel den Kopf. »Aber vielleicht wird aus dem Paar da noch ’ne ménage à trois, wer weiß?« Er deutete auf den Flachbildschirm.

»Eine ménage à was?«, wollte Digger wissen.

»’n flotter Dreier, du Blödmann!«

»Ja, die Anzahl der Beine ist so ziemlich das Einzige, woran man die unterscheiden kann«, brummte der unverändert in sein Magazin versunkene Digger. Dann legte er es auf der Brust ab, um seinem Truppen-Daddy einen verstohlenen Blick zuzuwerfen.

Kolt lachte leise, wobei er darauf achtete, nicht den Eindruck zu erwecken, dass er sich in einen verbalen Schlagabtausch zwischen zwei Assaultern einmischen wollte.

»Glaubst du, Ghafour ist da?«, fragte Slapshot Kolt mit veränderter Stimme. Er sprach von dem 64-jährigen paschtunischen Ältesten Haji Mohammad Ghafour – einem Terroristen, den sie unbedingt erwischen wollten.

»Wer zum Teufel weiß das schon, Slapshot? Schätze, ich sollte besser dran glauben, wenn ich Shaft schon da hinschicke.«

»Ich wette, er ist nicht da. Aber hör lieber auf dein Bauchgefühl, Boss.«

»Wenn du’s für unklug gehalten hast, Shaft zu schicken, warum hast du nichts gesagt?«

»Ich kenn dich schon lang genug, Racer. Hätte eh keine Rolle gespielt, was ich denke.«

Kolt fiel dazu nichts ein. Er widmete die volle Aufmerksamkeit erneut dem Plasmabildschirm und Thunder Turtle. Er wusste, dass er oft weiter gegangen war als andere. Dadurch geriet er allerdings auch öfter in Schwierigkeiten. Viele Operators verdankten ihren Silver Star oder ihr Purple Heart einer von Kolts impulsiven Kommandoentscheidungen.

Ihm war allerdings bewusst, dass manche seiner Entschlüsse unangenehme Folgen nach sich zogen. Die Namen mehrerer seiner Freunde waren in die Wand eingraviert, die als Gedenkstätte der Einheit diente, und jeder, der durch das ›Rückgrat‹, den zentralen Verbindungsgang der Delta-Basis ging, wurde an sie erinnert. Trotzdem wussten seine Männer, dass er Kugeln quasi magisch anzog und öfter unter Beschuss geriet als die meisten anderen Kommandanten. Und wenn man nach mehr als zehn Kriegsjahren immer noch in der Delta Force war, gab es zwei Konstanten: Man war entweder geschieden oder bereitete die notwendigen Schritte vor, und wenn man unter Kolt diente, musste man entweder töten oder sterben. Es war und blieb eine Organisation von Freiwilligen, und der Selektionsprozess hörte nie auf.

Da der Krieg in Afghanistan nach zwölf Jahren weiter andauerte und der meistgesuchte Mann der Welt, Al-Qaida-Anführer Osama bin Laden, mittlerweile Fischfutter war, wendeten sich Tier-One-Einheiten wie die Delta Force jetzt anderen Zielen zu. Die neue Nummer eins auf ihrer Liste war der ägyptische Arzt Aiman Al-Zawahiri, oder Z-man, wie die Special Operations Forces ihn nannten. Er hatte die Führung von Al-Qaida kurz nach bin Ladens Tod übernommen und lief nach wie vor frei herum. Ghafour, der bis vor Kurzem noch relativ unbekannt gewesen war, verdankte seinen höheren Listenplatz der langjährigen Beziehung zu Z-man.

Trotz vieler Informationen wusste niemand, wo sich diese beiden Männer aufhielten. Lange war es die gängige Methode der Special Operations Forces gewesen, frühere Bekannte von Zielpersonen aufzuspüren. Manche bezeichneten diese Targets als ›tief hängende Früchte‹. Man hoffte – und es war oft wirklich kaum mehr als eine Hoffnung –, dass sie etwas über die ranghöheren Gesuchten verraten konnten. Im Laufe der Jahre hatte diese Herangehensweise zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen geführt.

Wenn man Ghafour fand, konnte es durchaus bedeuten, dass die Ergreifung Zawahiris nur noch eine Frage der Zeit war. Aber kürzlich aufgetauchte Informationen legten nahe, dass es aus einem ganz anderen Grund außerordentlich wichtig war, Ghafour zu finden. Die CIA betrachtete ihn nicht länger nur als ›tief hängende Frucht‹.

Fast ein Jahr lang hatte man die Fundgrube aus Computerdaten, Festplatten, USB-Laufwerken und handgeschriebenen Dokumenten auf Arabisch gesichtet, die das SEAL Team 6 in bin Ladens Versteck in Abbottabad, Pakistan, sichergestellt hatte, bis man schließlich auf entsprechende Hinweise zu Ghafour stieß. Versteckt in Osamas umfangreicher Pornosammlung entdeckte ein an Schlaflosigkeit leidender Analyst verschlüsselte Pläne, die Ghafour mit geplanten Attacken auf kommerziell betriebene Kernkraftwerke in Verbindung brachten. Zwei dieser Kraftwerke befanden sich in Europa, drei andere wurden im Rahmen einer kruden Verschlüsselung lediglich durch die Buchstaben X, Y und Z bezeichnet. In einem waren der Analyst und Kolt sich 100-prozentig einig: X, Y und Z befanden sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf dem Gebiet der USA.

Das genügte, um sich der Aufmerksamkeit des Präsidenten sicher zu sein, ebenso wie der jedes Staatschefs der amerikanischen Alliierten. Und weil der kürzliche internationale Aufschrei über den Einsatz von Saringas gegen die eigene Bevölkerung durch das syrische Schurkenregime gezeigt hatte, dass die ›Koalition der Willigen‹ nur begrenzt bereit war, bei solchen internationalen Vorfällen einzuschreiten, konnte der Präsident sich nicht erlauben, bei einem potenziellen Angriff auf amerikanischem Boden Schwäche zu zeigen. Während viele Informationen, die man in dieser Nacht in Abbottabad gefunden hatte, mit dem Rest der Welt geteilt wurden, befürworteten alle Organisationen und Behörden, in deren Zuständigkeit Aspekte der nationalen Sicherheit fielen, dass die MTSAK-Akten – kurioserweise in der Aussprache sehr eng an empty sack angelehnt – streng geheim bleiben sollten.

Um ganz ehrlich zu sein: Kolt hatte der Bürgerkrieg in Syrien zunächst ebenso wenig gejuckt wie Haji Ghafour. Bis man feststellte, dass sein Heimatland dadurch bedroht wurde. Andernfalls hätte er Shaft nie gebeten, bei einer Einzelgängermission im pakistanischen Ödland seinen Hals zu riskieren.

»Vielleicht sollten wir uns die Esel da schnappen und sie ausquetschen«, schlug Kolt vor. Er sah zu, wie die Tiere ihr nachmittägliches Schäferstündchen beendeten und einen Pfad einschlugen, der den der gepanzerten Kolonne kreuzen würde. »Haben Sie diese Tiere richtig sehen können?«, wollte Kolt von Slapshot wissen. Sein Kollege hatte einen Knopf im Ohr, mit dem er die Funksprüche von Thunder Turtle mitverfolgte.

»Ja, Racer«, bestätigte Slapshot. »Bloß drei stinknormale Esel. Keiner hat ihnen was umgeschnallt, und wenn sie so viel Sprengstoff geschluckt hätten, könnten sie sich wohl kaum so bewegen.«

»Schätze, nicht«, gab Kolt zurück. Trotzdem hatte er ein ungutes Gefühl dabei, wie die Esel von ihrem Treffpunkt zwischen den Felsen zur Straße hinunterwanderten. Die noch 50 Meter entfernten Huskies drosselten das Tempo, wurden aber nur unmerklich langsamer.

Der Buffalo an der Spitze fuhr an den rechten Straßenrand. Zweifellos hatte der Bordschütze darum gebeten. Er wollte wahrscheinlich einen Schuss auf die Tiere abfeuern, um sie zu verscheuchen. Da entstand abrupt eine wirbelnde, weiße Wolke auf dem Bildschirm und hüllte die gesamte Kolonne ein.

»Fuck!«, schrie Kolt. Er packte die Wasserflasche so fest, dass sie aufplatzte und ihm der Tabaksaft über die Finger lief. Nachdem die Wolke sich verzogen hatte, sah man den Buffalo mit der Nase nach unten in einem volle fünf Meter breiten Krater stecken.

»Verflucht, das hat wehgetan«, rief Digger. Er schob sich so dicht an den Bildschirm heran, dass er fast mit der Nase dagegenstieß. »Der Buffalo scheint noch heil zu sein. Ich meine, er hat zwar das rechte Vorderrad verloren, aber der Rumpf wirkt unbeschädigt. Gibt’s Verletzte, Slapshot?«

»Moment. Die versuchen gerade, die Lage in den Griff zu kriegen.«

Slapshot saß vorgebeugt und presste die rechte Hand ans Ohr, während er zuhörte. Eine halbe Minute später blickte er hoch. »Keine Schwerverletzten oder Toten. Der Fahrer hat wahrscheinlich ’nen Knöchelbruch und die anderen wurden ziemlich durchgerüttelt, aber ansonsten sind sie okay.«

Kolt entspannte sich etwas. Etwa 900 Meter hinter dieser Kolonne folgte eine zweite, die aus drei weiteren Buffalos und zwei 29 Tonnen schweren MRVs bestand – das stand für mine-resistant recovery vehicles, also minenresistente Bergungsfahrzeuge. Quasi Abschleppwagen auf Steroiden. Beide waren schwer gepanzert und verfügten über einen riesigen Hubarm, der bis zu 30 Tonnen heben konnte. Ferner zählten Abschleppwinden zur Ausstattung. Thunder Turtle mochte keine schnelle Truppe sein, aber sie war bestens vorbereitet.

Die zweite Explosion beendete das Leben der drei Esel.

»Verdammt, die Esel waren mit Sprengstoff beladen. Der Auslöser muss nervös geworden sein und den Knopf zu früh gedrückt haben«, fluchte Slapshot.

Kolt wollte ihm gerade zustimmen, als Schüsse mit Leuchtspurmunition über den Monitor flackerten. Eine Menge Schüsse. Entlang der Kolonne gepanzerter Fahrzeuge erfolgten mehrere kleinere Detonationen. Eine direkt dort, wo ein Buffalo stand. Mehrere Folgeexplosionen im Inneren des Fahrzeugs schlossen sich an und rissen das gepanzerte Ungetüm in Fetzen.

»Die ballern wild rum und schmeißen Granaten«, erkannte Kolt. Damit gab er das Stichwort zum Aufbruch.

»Gott, das sieht aus als wär ’ne Mörsergranate direkt in die Schützenluke reingeflogen!« Slapshot kam aus seiner Koje geklettert.

Kolt rannte bereits zum Ausgang des Zelts. »In zehn Minuten ist Abmarsch!«

2

»Packt euer Zeug!«, befahl Kolt auf dem Weg zum Bereitschaftsraum.

Slapshot hob eine Hand, während die Männer des Bravo-Teams sich in Bewegung setzten. »Ich hab den Flugstatus im Auge behalten. Wir werden uns gedulden müssen. Die bereitstehenden Vögel haben sie vor ’ner Stunde auf eine Unterstützungsmission für die ANF geschickt. Dann geriet noch ein Rettungsflieger unter Beschuss und einer von ihren Black Hawks meldete, dass er nicht mehr wegkommt und am Boden bleiben muss. Die Flugzentrale hat ihnen zwei weitere Black Hawks zur Unterstützung geschickt. Die sagen, dass es mindestens ’ne Stunde dauern wird, bis noch zwei vorbereitet und flugfertig sind.«

Kolt blieb stehen und drehte sich zu Slapshot um. »Ist mir egal, ob die dafür Kleber und Gummiband benutzen, aber ich will, dass sie umgehend einen Black Hawk fertig machen.«

»Ich kümmer mich drum, Boss«, versprach Slapshot. Kolt verließ mit dem Rest des Teams das Zelt.

Er ignorierte die Kälte und stapfte rasch über das Gelände zum Bereitschaftsraum. Er wollte sich gerade über die unausgegorene Planung aufregen, die Thunder Turtle in diese Notlage gebracht hatte, bremste sich aber, um nicht zu sehr in Rage zu geraten. Schuldzuweisungen konnte und würde man später vorbringen. Aber jetzt musste er sich konzentrieren und voll da sein.

Kolt betrat den Raum und ging zu seinem Sperrholzschrank am entgegengesetzten Ende. Die ideale Stelle, um seine Kameraden im Blick zu behalten, während sie sich bereit machten. Falls etwas nicht funktionierte oder jemand Zweifel hatte, bekam er es von hier aus mit. Schnell begann er mit dem Ritual, das seine Muskeln beinahe automatisch durchführten. Es spielte keine Rolle, ob es vor einer Übung war oder einem echten Einsatz wie heute Nacht. Das Anlegen der Ausrüstung erledigte er stets auf die gleiche Weise und mit hoher Konzentration. Vergleichbar mit einem abergläubischen Baseballspieler, der seine Schnürsenkel immer auf die gleiche Art band, dabei vier Spearmint-Kaugummis kaute, mit dem Schläger gegen die Stollen seiner Schuhe klopfte oder die Klettverschlüsse seiner Fanghandschuhe nach jedem Wurf rituell öffnete und schloss. Der große Unterschied zu einem Delta-Operator bestand darin, dass es in diesem Fall um Menschenleben ging, nicht um das Aufhübschen einer Sportstatistik.

Kolt nahm sich einen Augenblick Zeit zur Begutachtung des Equipments. Alles lag noch dort, wo er es nach der letzten Mission deponiert hatte. In der Mitte des Schranks warteten in aufrechter Position Schutzweste und Panzerplatten, schwer und robust wie die Rüstung eines römischen Soldaten. Sie glänzten zwar nicht, wirkten aber trotzdem beeindruckend.

Die Gewehre und das Halligan-Tool lehnten an der Rückwand, erstere mit der Mündung nach oben, die geladenen Magpul-Magazine ordentlich an der Seitenwand gestapelt. Die Glock-23-Gen4 in taktischem Hellbraun lag ungeladen auf der Seite, daneben die mit Vollmantelpatronen bestückten Magazine. Olivgrüne Rauchpatronen, Thermitgranaten, Splittergranaten und Nine-Banger-Blendvarianten stapelten sich in Kartons. Nicht gerade hübsch anzusehen, aber praktisch. Selbst nach so vielen Jahren brachte dieser Anblick Kolt zum Lächeln.

Die beiden Funkgeräte blinkten grün in ihren Ladestationen, was signalisierte, dass die Batterien komplett aufgeladen waren. Für einen Delta-Truppenkommandanten war es der sichere Weg ins Verderben, mit nicht voll funktionsfähigen Funkgeräten loszuziehen. Kolt hielt es für fast genauso schlimm wie eine Waffe ohne Munition. Wenn man nicht mit den Assaultern oder Scharfschützen kommunizieren konnte, wie wollte man da eine Truppe anführen?

Zusätzliche Batterien für alle Geräte, von der Waffenoptik über Nachtsichtgerät und GPS-Orter bis hin zum Peltor-Headset, waren säuberlich mit Klebeband oder anderen Hilfsmitteln am entsprechenden Ausrüstungsgegenstand festgeklettet oder in einer Westentasche verstaut. Sprengladungen für Türen, zwei mit Gummistreifen und eine 84-Zoll-Schneidladung, wurden ordentlich zusammengerollt von einem Gummiband gehalten. Die Zünder lagen auf der entgegengesetzten Seite, solange sie nicht gebraucht wurden. Kolt achtete darauf, die Zünder in Taschen weit genug von den Sprengladungen entfernt zu lagern, um kein unnötiges Risiko einzugehen.

Er hielt inne und starrte ins Leere, während er dem Geraschel des Bravo-Teams lauschte, das seine Ausrüstung zusammensuchte. Kein wildes Rumoren wie bei einer Sportmannschaft. Die Männer arbeiteten ruhig, führten leise und knappe Unterhaltungen. Hollywood hätte mit so einer unspektakulären Szene nichts anfangen können.

In der Gewissheit, dass sonst alles geregelt war, klopfte Kolt auf die linke Schultertasche, um sich zu vergewissern, dass die Packung Red-Man-Tabak noch mindestens zu einem Drittel gefüllt war. Dabei spürte er auch den CAT-Druckverband und hoffte, dass er ihn diesmal nicht brauchte. Er strich mit der Hand am Körper entlang und ertastete in der linken Hosentasche die aus Stoff bestehende Fluchtkarte des umgebenden Gebiets. Außerdem waren dort 300 Dollar in Goldmünzen sowie sein Blood Chit, ein Rettungszettel in einem halben Dutzend Sprachen, darunter Arabisch, Persisch, Urdu, Paschtunisch, Russisch und Hindi. Im Zeitalter des Dschihad wusste man nie, was für Leuten man begegnete. Je nach ihrer Stammeszugehörigkeit, der aktuellen Windrichtung und der Laune des Gottes, zu dem sie beteten, konnte in Sekundenbruchteilen alles vor die Hunde gehen. Aber Gold brachte in der Regel die Augen jedes Gegners zum Funkeln.

Kolt öffnete den Einsatzgürtel aus schwarzem Nylon und stopfte sich das Hemd in die Crye-Combathose, bevor er ihn wieder schloss. Als Nächstes befestigte er die Schlaufe am Ende der elastischen Sicherheitsleine der Gürtelschnalle und schlang das Nylonseil um die Hüfte, ehe er den Schnappverschluss um eine Schlaufe auf der Rückseite einrasten ließ. Falls der Heli abstürzte, eine Notlandung hinlegen musste oder der Pilot abrupte Manöver flog, konnte Kolt sicher sein, nicht über Bord zu gehen, solange er sich angeleint hatte.

Er nahm Bewegung im Vorbau des Zelts wahr. Jemand kam mit Stiefeln an den Füßen hereingerannt. Slapshot trug ein Grinsen im rotbärtigen Gesicht. »Unser Vogel steht bereit! Wir fliegen in sechs Minuten ab!«

»Klingt gut«, freute sich Kolt. Dann fiel ihm der körperliche Zustand von Master Sergeant Jason ›Slapshot‹ Holcomb ein. Es lag jetzt etwa ein Jahr zurück, dass sie einen Durango-SUV geschrottet hatten, während sie mit Hochgeschwindigkeit Daoud Al-Amriki im nördlichen Mexiko verfolgten. Slapshot hatte dabei am meisten abbekommen, sich einen Wangenknochen und den linken Arm gebrochen und außerdem massive innere Verletzungen davongetragen. Danach verbrachte er sechs Monate in einem künstlichen Koma. Niemand war ganz sicher gewesen, ob er durchkam.

»Willst du diesmal aussetzen, Jason?«, fragte Kolt.

»Leck mich, Racer«, konterte Slapshot bissig. »Wenn ich aussetzen wollte, wär ich in Fayetteville geblieben und würd jetzt gerade aus Huske’s Hardware House torkeln.«

»Deine Entscheidung, Bruder.«

Kolt nickte zustimmend und kramte weiter in seinen Sachen. Er wollte zwar nicht ohne seinen Troop Sergeant Major in den Einsatz ziehen, aber Slapshot auch nicht gegen seinen Willen dazu zwingen. Nachdem das geklärt war, nahm Kolt die Sticker, die sein Rufzeichen in Leuchtbuchstaben zeigten, und befestigte sie an den Klettverschlüssen seiner Schultertaschen. Dann bückte er sich, hob die Trageweste an den Schulterpolstern hoch und drehte sie um. Er drückte auf den CamelBak-Wasserbehälter im Ärmel, um zu prüfen, ob er gefüllt war. Nun zog er sich die Weste über den Kopf und zwängte die Arme durch die Löcher. Nachdem er die Fastek-Schnallen an beiden Seiten gefasst und miteinander verbunden hatte, zog er die Enden der Nylon-Schnüre stramm, damit das Kleidungsstück noch enger am Körper anlag. Er fragte sich, ob sich die römischen Zenturionen vor vielen Jahrhunderten ähnlich gefühlt hatten, wenn sie ihre Rüstung anlegten. Vermutlich schon.

Kolt zog die zwei Funkgeräte vom Typ MBITS AN/PRC-148 aus den Ladestationen. Er vergewisserte sich, dass das Gerät, das er in die Funkgerättasche an der linken Seite seiner Weste steckte, auf die niedrigere Frequenz des internen Truppennetzes eingestellt war. Das in der rechten Tasche empfing die Signale aus der oberen Frequenz des Squadron-Kommandos.

»Nach diesem Einsatz schul ich vielleicht auf Astronaut um«, witzelte Slapshot, während er sich in seine Sachen zwängte.

»Astronauten essen Pulvernahrung, Slapshot. Das wär nichts für dich«, gab Digger zu bedenken.

Darüber hatte Kolt noch nie nachgedacht, aber dieses Anlegen der Montur erinnerte tatsächlich ein wenig an die Vorbereitungen von Astronauten vor einem Spaziergang im All, wie man es aus TV-Dokumentationen kannte. Er zog das Mundstück des CamelBak-Wasserbehälters an die Lippen heran und trank einen Schluck. Warmes Wasser strömte ihm in die Kehle. Er wusste, dass manche die Behälter mit Gatorade oder sogar Red Bull füllten, aber er war altmodisch und zog das gute alte H2O im Einsatz vor.

»Die beharken sich dort immer noch«, teilte Slapshot mit, der die Schießerei um Thunder Turtle mitverfolgte, während er sich anzog. »RPGs, Mörser und AKs. Und … ach du Scheiße! Jetzt fängt’s auch noch an zu schneien.«

Es wurde stiller im Bereitschaftsraum. »Wie stark?«, fragte Kolt. Er war erstaunt, wie schnell Slapshot es anhand des Wärmebilds erkannt hatte. Trotz aller technischen Fortschritte blieb es eine Herausforderung, bei Schneefall zu fliegen. Wenn es zu schlimm wurde, bekam der Vogel keine Flugerlaubnis.

»Nicht besonders, aber es kann eigentlich nur schlimmer werden.«

Kolt fluchte in sich hinein. »Wird ja immer besser.« Er kehrte zum Schrank zurück, holte zwei Mini-Splittergranaten und zwei Nine Banger aus der Kiste und schob diese in die eigens angenähte Tasche über dem v-förmigen ballistischen Tiefschutz. Als er das vor zwölf Jahren zum ersten Mal getan hatte, war ihm dabei ziemlich mulmig zumute gewesen. Aber jetzt verschwendete er keinen Gedanken daran.

Er nahm die braunen Magpul-Magazine mit je 30 Patronen im Kaliber 5,56 Millimeter und stopfte sie in die vier Magazintaschen vor dem Bauch. Dabei waren die Patronen nach unten und nach rechts gerichtet, um ein schnelles Nachladen zu erleichtern. Eins ließ er im Schrank zurück. Er deponierte noch zwei zusätzliche 15-Schuss-Magazine im Kaliber 40 Millimeter für seine Glock in den Taschen für Pistolenmagazine, erneut mit den Kugeln nach unten und rechts gedreht.

»Wie geht’s Thunder Turtle?«, fragte er, während er den Peltor-Gehörschutz über die lange braune Mähne schob. Er betätigte den Einschaltknopf an der Rückseite des rechten Kopfhörers und klatschte mehrmals dicht am Ohr, um zu checken, ob der Schutz funktionierte. Das tat er.

»Sie halten die Stellung, haben aber drei Schwerverletzte«, antwortete Slapshot. »Ein Pedro-Flug ist unterwegs, aber die werden keine Landeerlaubnis kriegen, bevor die Landezone sicher ist. Die fangen schon an, davon zu reden, die Verletzten einfach aufzuladen und loszufahren, aber das würde Stunden dauern.«

»Dann müssen wir so schnell wie möglich in die Luft«, erkannte Kolt. Er führte die Peltor-Funkkabel durch die Klettverschlüsse und befestigte den Sprechknopf an einer Stelle im Schulterbereich der Weste, wo er nicht beim Schießen störte.

Der Reißverschluss zum Bereitschaftsraum wurde aufgerissen. »Der Heli ist in drei Minuten fertig!«

Kolt schnappte sich die Glock 23 und bewegte mit drei festen Schlägen mehrmals den Schlitten zurück, um das Schmiermittel gleichmäßig über die Rillen zu verteilen. Dann hob er die Pistole, zielte auf einen zwei Zentimeter breiten Streifen schwarzes Klebeband an der Wand und gab einen trockenen Schuss ab. In einer fließenden Bewegung schob er ein 40-Millimeter-Magazin in die Waffe und versetzte dem Schlitten noch einen Stoß, um die erste Patrone in die Kammer zu befördern. Ein Druck auf den Auswurfknopf ließ das Magazin in seine Handfläche fallen. Nachdem er die Pistole wieder im Halfter verstaut hatte, füllte er mit einer weiteren Patrone auf. Er zog die Waffe erneut und rammte das wieder volle Magazin hinein, bis er das unverwechselbare Klicken beim Einrasten hörte und spürte. Zufrieden versenkte er sie wieder im Halfter.

Kolt streckte die Hand nach dem Helm aus, klopfte auf die blasse amerikanische Flagge, die mit einem Klettverschluss an der rechten Seite befestigt war, und auf das Rufzeichen an der Rückseite. Er drehte den Kopfschutz um und lächelte, als sein Blick auf das Foto von seinem Großvater im Zweiten Weltkrieg fiel, das im Gurtband steckte. Ein beruhigendes Gefühl, dass der eigene Vorfahr einen im Auge behielt. Er drehte den Helm wieder richtig herum und drückte aufs Infrarot-Leuchtband. Es saß ausreichend stramm. Abschließend setzte er sich den Helm über den Peltors auf und zog den Kinnriemen stramm.

Er drückte den Knopf, durch den sich die Nachtsichtbrille vor seine Augen senkte, um sich zu vergewissern, dass sie automatisch aktiviert wurde und sich die Kompassfunktion von selbst einstellte. Zufrieden schob er sie hoch und ließ sie einrasten, entfernte die schwarzen Staubschutzhüllen von beiden Linsen und legte sie auf das Regalbrett im Schrank.

Er hielt inne, atmete tief ein und langsam aus. Alles eine Frage der Konzentration. Solche Details waren enorm wichtig. Wenn man losrannte wie ein kopfloses Huhn, erlitt man auch das gleiche Schicksal. Konzentriert und ruhig nahm Kolt sein HK416-Gewehr und betätigte mit dem Daumen den Umschalthebel für den Feuermodus. Er schob zwei Finger in den Durchladehebel und zog ihn dreimal nach hinten, um auch hier zu checken, dass die Waffe ungeladen war. Er wusste es zwar, tat es aber trotzdem. Man überprüfte seine Waffe immer, wenn man sie einpackte. Immer!

Nun kam das letzte Kaliber-5,56-Magazin dran, wurde fest in den Magazinschacht geschoben und einer leichten Zugprobe ausgesetzt, um zu testen, ob es eingerastet war. Ein letztes Mal zog er den Durchladehebel zurück, ließ den Verschluss nach vorne schnappen und die 5,56-Millimeter-Patrone, eine Hornady TAP 75, in die Kammer gleiten. Ein prüfendes Klopfen mit der rechten Hand auf die Schließhilfe, bevor der Umschalthebel auf die sichere Position wechselte und sich die Abdeckung der Verschlussöffnung schloss.

Kolt hob das Gewehr und schaltete das EO-Tech-Visier ein. Es funktionierte tadellos. Er schaltete es wieder aus. Mit einem finalen Blick durch den Raum entfernte er den Infrarotfilter vom taktischen Licht an der rechten Seite des Systemkastens und drückte den Aktivierungsknopf, um zu sehen, ob die Lampe in Ordnung war, bevor er den Filter wieder anbrachte. Dasselbe tat er mit dem Infrarotlaser und Scheinwerfer an der Oberseite des Systemkastens.

Das Bravo-Team war bereit. Die Männer führten letzte Checks durch, wobei jeder Einzelne von ihnen Waffen und Ausrüstung die volle Aufmerksamkeit widmete. Kolt nickte und zog am Gewehrgurt. Er ließ sich komplett in die Länge ziehen. Gut! Auch die Einstellung der ausziehbaren Schulterstütze entsprach seinen Vorstellungen. Er schob den linken Arm durch die Schlaufe und hielt sich das Gewehr vor die Brust, während er den Gurt auf die passende Länge kürzte.

Ein Druck auf die Sprechtaste, um einen Funkcheck mit dem Team zu machen. Alle Funkgeräte funktionierten und waren im Netz. Er drehte den Kanalwählschalter an der Oberseite einen Klick nach rechts und funkte den Air Mission Commander auf Helo Common an.

»Baller Zwei-Eins, hier Eins-Eins. Kommen.«

»Hier ist Baller Zwei-Eins«, reagierte der Chief Warrant Officer 4 sofort – Bill Smith, ein alter Freund von Kolt.

»Smitty, was macht der Schnee?«, erkundigte sich Kolt.

»Racer, gäbe es kein noch laufendes Feuergefecht mit Verletzten, würde ich nicht abheben.«

Kolt wusste, dass es schon beinahe ein Blizzard sein musste, wenn Smitty so etwas sagte. Er beschloss, den Bogen nicht zu überspannen.

»Verstanden, Kumpel. Wir fliegen ab, wenn du es sagst. Deine Entscheidung, wie üblich.«

»Roger. Die Seile sind fertig und liegen für Passagiere bereit.«

Kolt zog sich die Quarterback-Armbinde über seinen linken Unterarm, öffnete sie und brachte den GTG (Grid Target Graph) zum Vorschein, eine Rasterkarte des Einsatzgebiets. Damit war sein übliches Prozedere nahezu abgeschlossen. Er drehte sich noch einmal zum Schrank um, nahm die etwa sieben mal zehn Zentimeter große, rot-weiß-blaue amerikanische Flagge heraus, die mit einem Klettverschluss am Sperrholz befestigt war, und brachte sie an der Kontaktstelle im Brustbereich seiner Weste an. Ein alter Brauch, den er von den frühen Delta-Operators übernommen hatte. Kolt und viele seiner Männer fühlten sich verpflichtet, ihrem Beispiel zu folgen.

Schließlich ging er zum Kühlschrank hinüber, nahm einen Energydrink heraus und wandte sich den Männern zu, die ebenfalls Dosen oder Flaschen mit ihrem bevorzugten Getränk in der Hand hielten. »Auf uns und auf die, die so sind wie wir – davon gibt’s nur noch verdammt wenige!« Alle tranken und schleuderten ihre Dosen in den Mülleimer in der Ecke.

Kolt schenkte seinen schwarz gekleideten Begleitern einen letzten Blick und ging zum Ausgang. Untypischerweise hielt er kurz inne und wandte sich noch einmal seinen Männern zu.

»Bin ich eigentlich der Einzige, der findet, dass Shaft heute Abend besser dran ist als wir?«

3

Der Black Hawk setzte Kolt und sein Bravo-Team im wirbelnden Schnee auf einem felsigen Hügel etwa 550 Meter westlich von Thunder Turtle ab. Kolt hatte seine Leine schon ausgehakt und war schon aus der Luke, bevor die Ballonreifen des Helis sanft auf dem Boden aufsetzten. In neun von zehn Fällen brachten Hubschrauber einen dorthin, wo man hinwollte. Aber sie waren bei der Landung nichts als große, einfach zu treffende Zielscheiben. In einer Kampfzone ging einem in jeder Sekunde der Arsch auf Grundeis, sobald der Heli sich nicht mehr vom Fleck bewegte.

Über dem niedrigen Bergkamm, der Kolts Position von der Stelle trennte, an der die Taliban ihren Hinterhalt gelegt hatten, gerieten Leuchtspur-Querschläger in Sicht. Ein unheimliches, oranges Glühen zeichnete sich an der Stelle mit dem zerstörten Buffalo ab. Kolt hatte den Piloten angewiesen, sie an der windabgewandten Seite im Schutz des Felsrückens abzusetzen. Er behielt den Grat im Auge und forschte nach dem verräterischen Aufblitzen feindlichen Mündungsfeuers, aber die Taliban schienen all ihre Kraft auf Thunder Turtle konzentriert zu haben.

Nachdem der letzte Assaulter ausgestiegen war, heulten die zwei maßgefertigten General-Electric-T700-Triebwerke des MH-60M Black Hawks der Night Stalker auf. Der Pilot ließ den Hubschrauber sofort abheben. Kolt zog den Kopf ein und schloss den Mund, während Steine und Sand auf ihn niederprasselten. Diese paar Sekunden, wenn einem der tonnenschwere, wirbelnde Tod direkt über dem Kopf schwebte, waren nie angenehm.

»Ich wette, die haben uns nicht kommen sehen«, meinte Slapshot. Er war neben Kolt aufgetaucht und klopfte ihm auf die Schulter, während der durch den abfliegenden Black Hawk verursachte Sturm nachließ und sich mit dem kalten Bergwind vermischte.

Kolt blickte zur Kammlinie hinauf und klappte das Nachtsichtgerät vor die Augen. Die Taliban mussten angenommen haben, dass der Schnee jedes Rettungsteam daran hinderte, Thunder Turtle zu erreichen. Oder sie hatten bewusst geplant, Chaos anzurichten und sich danach ins Dorf zurückzuziehen, bevor die amerikanischen Luftstreitkräfte am Schauplatz des Geschehens eintrafen. So oder so, es war gut.

»Der Heli hat Thunder Turtle gerade unsere Position durchgegeben. Die wissen, dass wir hier sind«, berichtete Slapshot.

»Roger«, sagte Kolt. »Dann lassen wir die Taliban auch mal wissen, dass wir hier sind.«

Kolt, Digger und der Scharfschütze des Teams, Stitch, machten sich auf den Weg. Sie huschten den Hang hinab bis in einen schmalen Graben, der vor dem Hügelkamm verlief. Bei Tageslicht wäre das ein selbstmörderischer Akt gewesen, aber in der Dunkelheit, wenn der Feind blind war und sich auf einen anderen Punkt konzentrierte, konnte man dieses Risiko getrost in Kauf nehmen. Es war zwar Mist, aber eine ganze Ecke besser, als mit dem Heli mitten im Kampfgebiet zu landen. Das war schon oft versucht worden, und immer hatten viele gute Männer dafür mit ihrem Leben bezahlt.

Trotzdem – wenn die Taliban auch nur einen einzigen Späher in den Hügeln hatten, der nach hinten Ausschau hielt, wurde es für Bravo verdammt brenzlig. Kolt war stürmisch und ein Draufgänger, aber nicht dumm. Die Hälfte des Bravo-Trupps blieb auf dem Hügel und leistete dem Rest Feuerschutz, während die Männer den Hang hinab- und auf der anderen Seite wieder hinaufstiegen.

Slapshot flüsterte in Kolts Kopfhörer: »Racer, Bewegung auf dem Kamm, auf elf Uhr.«

Kolt erstarrte. AK-Schüsse, gemischt mit dem tiefen Wummern eines 40-Millimeter-Granatwerfers aus einem der gepanzerten Fahrzeuge. Währenddessen ballerte ein Bordschütze mit einem verdammt lauten Kaliber-50-Maschinengewehr. Die restlichen Geräusche wurden vom zunehmend stärkeren Wind und dem dadurch aufgewirbelten Schnee verschluckt.

»Scheiße, ich seh nichts mehr.«

Kolt hob vorsichtig den Kopf und lugte nach links oben. Nichts als weiß und die tanzenden Schatten der Flammen vom brennenden Buffalo auf der anderen Seite.

»Und?«, fragte Kolt und brachte das HK416 an der Schulter in eine angenehmere Position. Aus den Augenwinkeln registrierte er, dass auch die anderen beiden Mitglieder des Bravo-Teams, die ihn begleiteten, an Ort und Stelle erstarrt waren. Stitch war gut 1,80 Meter groß und hatte extrem breite Schultern. Er warf einen langen Mondschatten einige Meter vor dem größeren Digger, der ein leichtes M249-Maschinengewehr mitschleppte, das mit einem Gewicht von zehn Kilo diese Bezeichnung Lügen strafte. Es war mit einer MultiCam-Stofftasche ausgestattet, die einen Gurt mit 200 Schuss 5,56-Millimeter-Munition enthielt. Außerdem schleppte er eine ähnlich schwere, schwarze Sanitätertasche mit.

»Ich war mir sicher, ’nen Kopf und ’nen Oberkörper gesehen zu haben. Aber jetzt ist da gar nichts mehr«, funkte Slapshot.

»Kannst du uns mit dem Gewehrlaser die Stelle markieren?« Kolt spähte durch die Nachtsichtbrille. Er wollte, dass Slapshot den Infrarotlaser seiner Waffe einschaltete und diesen schmalen, für das bloße Auge unsichtbaren Strahl auf die feindliche Position richtete.

»Ist markiert. Gesehen?«, fragte Slapshot.

»Ja.«

Kolt scannte weiter den Hügelkamm. Aber falls der Taliban-Späher dort war, musste er sich inzwischen hingelegt haben.

»Scheiße. Also los.« Kolt strengte seine Beine an, um schnell die letzten 60 Meter zum Punkt auf der Kammlinie hochzusteigen, auf den Slapshot seinen Laser gerichtet hatte. Falls dort ein Späher gewesen war, durften sie keine Zeit verlieren.

Gewehrschüsse pfiffen über seinen Kopf hinweg. Er wusste, dass das keine Querschläger von der Schießerei auf der anderen Seite sein konnten.

»Drei Turbane auf dem Kamm, auf zehn Uhr!«, warnte Slapshot, während Digger mit dem M249-Maschinengewehr das Feuer eröffnete. Gurtglieder und ausgeworfene Hülsen der rasch abgefeuerten 5,56-Millimeter-Patronen zischten über Kolt hinweg. Die Kupfergeschosse prasselten auf die Kammlinie nieder, die sich jetzt nur noch knapp acht Meter oberhalb von ihm befand.

Kolt ließ sich auf die Knie fallen und packte eine Splittergranate. Er riss das Klebeband ab, zog den runden Splint, zählte bis zwei und warf sie über die Hügelkuppe zu der Stelle, an der er die Taliban vermutete.

Ein greller Knall ertönte. Steine und Erdbrocken flogen durch die Luft. »Wir gehen rauf«, sprach er in sein Mikro. Er erhob sich in gebückte Haltung und legte die letzten Meter nach oben im Sprint zurück. Dabei hielt er nicht direkt auf die Taliban-Position zu, sondern wich in der Hoffnung nach rechts aus, sie flankieren zu können. 15 Meter weiter erreichte er den Hügelkamm, warf sich auf den Bauch, schob erst das HK416 über den Rand, dann seinen Kopf.

Die Leichen zweier Talibankämpfer lagen ausgestreckt auf den Felsen. Hirnmasse trat aus dem Hinterkopf von einem der Kämpfer aus, während der andere mit dem Gesicht nach oben und leerem Blick in den Himmel starrte. Kolt erwog kurz, durch ein Stechen in die Augen zu überprüfen, ob der andere noch lebte. Aber stattdessen entschied er sich dafür, auf Nummer sicher zu gehen. Er versenkte zwei schallgedämpfte Kugeln in dem Körper, bevor er sich umdrehte, um nach dem dritten Taliban zu suchen. Diesen entdeckte er 30 Meter entfernt, wo er den Hang hinabhastete wie ein verschreckter Affe und sich mit der linken Hand die rechte Schulter hielt. Aus den Winkeln seiner Nachtsichtbrille bekam Kolt mit, wie Digger eine kurze Salve abfeuerte. Alle drei Kugeln trafen den Kämpfer zwischen den Schulterblättern. Er fiel mit dem Gesicht voran zu Boden und bewegte sich nicht mehr. Kolt war beeindruckt – schließlich war Digger in der Truppe vor allem fürs Verarzten und Zusammenflicken zuständig.

»Slapshot, drei Krähen erledigt. Uns geht’s gut«, gab Kolt durch, während er die beiden leicht bekleideten, toten Aggressoren in der Nähe musterte. Es erstaunte ihn immer wieder, wie gut sich die Taliban an die eiskalten Temperaturen angepasst hatten – wie sie stets mit derselben dünnen Stoffschicht lebten und kämpften, als ob der Wechsel der Jahreszeiten ihnen überhaupt nichts ausmachte.

»Roger«, gab Slapshot flüsternd zurück.

»Geh auf dem Kamm 100 Meter weiter. Da wirst du Deckung und ’ne gute Sicht auf die Straße und die Schlucht hinter uns haben.«

»Verstanden, Racer, ich gehe weiter«, bestätigte Slapshot.

»Das ist ja der reinste Zirkus da unten!«, meldete Stitch sich über Funk zu Wort, während er die Stützen des Zweibeinstativs unter dem maßgefertigten halbautomatischen Scharfschützengewehr ausklappte und dahinter Stellung bezog.

Kolt sah, was er meinte. Die Straße unter ihnen war vom Feuerschein brennender Wracks erfüllt. Den von der Mörsergranate getroffenen Buffalo hatte es in zwei Hälften gerissen. Der Inhalt des Fahrzeugs verteilte sich in einem Radius von zehn Metern. Die Mannschaft konnte das unmöglich überlebt haben. Kolt wusste, dass die Ursache etwas weit Schlimmeres gewesen sein musste als ein einzelner Mörserschuss. Der Buffalo, der über den Sprengsatz gefahren war, hing mit der Nase nach unten in einem durch die Explosion entstandenen Krater. Aber ein Schütze stand an der Waffe im Geschützturm. Diese Crew schien also in Ordnung zu sein. Auch die restlichen Fahrzeuge wirkten noch intakt und feuerten aus allen Rohren. Leuchtspurgeschosse zischten über ihre Köpfe hinweg.

»Die Typen müssen ja ’nen ganzen Haufen Muni dabei haben«, staunte Kolt. Er war überrascht, dass die Soldaten von Thunder Turtle unverändert eine so hohe Feuerrate aufrechterhielten, obwohl dieser Hinterhalt schon eine ganze Weile dauerte.

»Klingt, als hätten sie anständig Eier in der Hose!« Stitch wirkte beeindruckt von der Zähigkeit und dem Mut der amerikanischen Truppen unter ihnen.

Zwei Mörsergranaten schlugen auf der Straße zwischen einem Buffalo und einem Abschleppfahrzeug ein, verursachten aber nichts als ein paar Lackschäden. Das war das Schreckliche an Mörserschüssen. Mit etwas Deckung und Distanz wurden sie harmlos, aber wenn man einen direkten Treffer kassierte, war alles vorbei.

Kolt wurde sofort klar, dass sich diese Sache nicht im Vorbeigehen erledigen ließ. Falls die drei Taliban ihn noch nicht davon überzeugt hatten, dann mit Sicherheit das, was er jetzt vor sich sah.

»Slapshot, hier ist Eins-Eins. Geh weiter und bezieh nördlich von uns Position. Ende.«

»Roger. Wechsle die Position«, funkte Slapshot mit sarkastischem Tonfall zurück, als ob er sagen wollte: Das wird aber auch Zeit. Kolt nahm es ihm nicht übel, und er wusste, dass er später bei der Nachbesprechung darüber lachen würde. Außerdem wollte Slapshot ebenso wenig wie alle anderen Delta-Operators nicht ständig seinen Kopf riskieren, nur um am Ende fernab des Geschehens auf einer Anhöhe zu hocken und den Späher zu spielen.

»Boss, ich seh ein RPG-Team, das sich auf den Konvoi zubewegt«, meldete Stitch.

»Bist du sicher, Stitch?«, funkte Kolt zurück und erinnerte seinen Scharfschützen dezent daran, dass er Feind und Freund eindeutig voneinander unterscheiden musste, bevor er abdrückte. Master Sergeant Clay ›Stitch‹ Vickery war sicherlich einer der besten Scharfschützen der Einheit, aber Kolt konnte hier kein Friendly Fire gebrauchen.

»Klar identifiziert, Boss. Ich schieße.«

Kolt sah sie nicht, aber er verfügte auch nicht über Stitchs außergewöhnliche Sehschärfe. Warum hatten sie eigentlich nichts vom Joint Operations Center gehört? Anhand der Liveübertragung der 3000 Meter über den Bergen kreisenden Predator-B-Drohne hätte man die feindlichen Kämpfer im JOC in Jalalabad lange vor Stitch erkennen müssen.

»Na dann, los«, gab Kolt zurück. Dabei behielt er das etwa 200 Meter entfernt aufblitzende Mündungsfeuer einer AK im Auge und kümmerte sich um die Herstellung der Funkverbindung mit dem Kommandanten von Thunder Turtle.

Mit einem satten, dumpfen Knall verließ Stitchs erste Kugel den Lauf des schallgedämpften Scharfschützengewehrs, ein PSG1 von Heckler & Koch im Kaliber 7,62 Millimeter. Danach folgten zwei weitere Schüsse kurz hintereinander.

»Drei sind erledigt«, verkündete Stitch mit ruhiger Stimme.

Kolt schaltete mehrere Frequenzen durch, zählte die Klicks bis zum richtigen Kanal und versuchte erneut, Thunder Turtle zu erreichen.

»Alle Stationen, alle Stationen, Funkcheck. Kommen«, sprach er in sein Mikro.

»Hier ist Thunder Turtle. Wer ist da?«, fragte jemand, ganz offensichtlich ein verängstigter Soldat niederen Rangs.

»Thunder Turtle Actual, hier spricht eine verbündete amerikanische Einheit, Rufzeichen Mike-Eins-Eins, vom Hügelkamm unmittelbar östlich von Ihnen. Wir haben unsere Infrarotlichter aktiviert. Können Sie sich ausweisen?«

»Hier ist Private Ahrens. Unser Kommandant ist tot. Wir müssen von hier weg.«

Kolt drückte die Sprechtaste, hielt dann aber inne und ließ sie wieder los. Den Grund dafür kannte er selbst nicht. Vielleicht nur, weil er sich gedanklich darauf einstellen musste, dass die dauerfeuernde Truppe vor ihm anscheinend weniger Kontrolle über ihre Lage besaß, als er geglaubt hatte. Und das gestaltete die Situation für Kolt und seine Freunde erheblich ungemütlicher.

Er drückte die Sprechtaste ein zweites Mal.

»Okay, Private Ahrens. Wir sind hier, um zu helfen. Hören Sie gut zu. Folgendes brauche ich von Ihnen. Break«, sagte Kolt ruhig, ließ den Knopf für eine Sekunde los und drückte ihn erneut, um weiterzusprechen.

»Wir haben die Anhöhe auf dieser Seite gesäubert. Teilen Sie Ihren Truppenführern mit, sie sollen nach unseren Infrarotlichtern Ausschau halten, und vergewissern Sie sich, dass die verstanden haben, dass wir Verbündete sind. Ende.«

»Okay. Ja, Sir. Wir haben Schwerverletzte und uns geht die Munition aus.«

»Verstanden, Partner. Und jetzt bestätigen Sie mir so schnell wie möglich, dass Ihre Leute unsere Lichter sehen. Ende.«

Ein paar Meter von Kolt entfernt wirbelten Schnee und Erde hoch. Einen Sekundenbruchteil später hörte er das Zischen eines Querschlägers. Die Taliban hatten bemerkt, dass sie nicht mehr allein in den Hügeln waren. Aber Kolt machte sich größere Sorgen darüber, dass die Soldaten von Thunder Turtle ihn und seine Männer irrtümlich als Feinde einstuften.

Er betätigte den Taster, um über das interne Truppennetz zu senden.

»An alle: Klingt, als ob der Kommandant von Turtle tot ist. Sein Funker ist am Gerät, aber der ist ziemlich durch den Wind. Die haben uns noch nicht identifiziert, also drängt euch an die Felsen.« Kolt sah eine weitere Mündung aufblitzen und schickte einige Kugeln in die entsprechende Richtung. Am Hämmern und Heulen von Maschinengewehren erkannte Kolt, dass auch Slapshots Gruppe den Kamm erreicht hatte.

»Eins-Eins, hier ist Slapshot. Wir sind auf Position und haben die letzte Meldung empfangen. Heilige Scheiße, hier ist alles voller Feinde!«

»Konzentriert euch auf das Nordende des Kamms«, wies Kolt ihn an. Dann verfolgte er einen Schatten, der durch den Schnee schlich und eine Panzerbüchse zu tragen schien. Er schoss sein Magazin leer und lud nach. Ob er getroffen hatte, wusste er nicht.