Eine tödliche Einheit - Dalton Fury - E-Book

Eine tödliche Einheit E-Book

Dalton Fury

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Beschreibung

Ein Scharfschütze auf der Jagd nach Kolt Raynor. Kolt »Racer« Raynor und sein Delta-Force-Team sollen den amerikanischen Präsidenten während einer NATO-Mission in Griechenland beschützen. Als der Präsident gerade eingetroffen ist, passiert das Unvorstellbare: Die Kugel eines Attentäters reißt den griechischen Premierminister aus dem Leben. Raynor erkennt den Mörder an seiner grausigen Handschrift: eine Kugel durch das linke Auge seines Ziels. So tötet nur Rasim Miric. Die Jagd nach dem Attentäter endet, als Miric sich anscheinend selbst in die Luft sprengt. Aber Raynor glaubt nicht an den Tod des Scharfschützen. Er ist überzeugt, dass Mirics Amoklauf gerade erst beginnt … Brad Thor: »Lest Dalton Fury. Weils keiner besser kann.« Kirkus Reviews: »Fury ist ein ehemaliger Delta-Force-Soldat. Er verleiht der Action eine realistische Schnellfeuer-Atmosphäre.«

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Seitenzahl: 446

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Aus dem Amerikanischen von Patrick Baumann

Impressum

Die amerikanische Originalausgabe Execute Authority

erschien 2017 im Verlag St. Martin’s Press.

Copyright © 2017 by Dalton Fury

Copyright © dieser Ausgabe 2021 by Festa Verlag, Leipzig

Titelbild: Arndt Drechsler-Zakrzewski

Alle Rechte vorbehalten

eISBN 978-3-86552-902-2

www.Festa-Verlag.de

www.Festa-Action.de

In liebendem Andenken an Dalton Fury

Vorbemerkung

des Herausgebers der amerikanischen Ausgabe

Ich hatte das Glück, Dalton Fury zu kennen und fast ein Jahrzehnt lang mit ihm zusammenzuarbeiten, angefangen mit der Veröffentlichung seiner Memoiren mit dem Titel Kill bin Laden, die von seiner Zeit als ranghöchster Offizier in der Schlacht um Tora Bora handelten. Als Delta-Force-Kommandant war er, zusammen mit den begabtesten Delta-Sergeants, an der Entstehung des taktischen Konzepts für die Mission zum Aufspüren und Töten bin Ladens beteiligt. Kill bin Laden wurde ein enormer Erfolg, ein landesweiter Bestseller. Es war das erste Buch, das im Detail aufzeigte, wie nahe die Delta Force einer Festnahme bin Ladens gekommen war, wie nahe die US-amerikanischen Bomber und Kampfflugzeuge seiner Tötung kamen und weshalb er uns zunächst entkommen ist – obwohl er sich natürlich nicht ewig verstecken konnte.

Dalton war ein Mann, der großen Wert auf seine Privatsphäre legte (daher sein Pseudonym), aber auch ein Mann mit Prinzipien. Er wollte, dass die Leute erfuhren, was passiert war, warum der meistgesuchte Mann der Welt fliehen konnte, obwohl wir ihn bereits im Visier gehabt hatten. Der Erfolg des Buchs war für Dalton eine zwiespältige Angelegenheit. Seine Geschichte erreichte ein großes Publikum, und sein eher widerstrebender Auftritt bei 60 Minutes, wo er in Verkleidung erschien, brachte dem Buch Aufmerksamkeit ein. Unglücklicherweise zog er dadurch jedoch auch Aufmerksamkeit auf seine Person. Er war hin- und hergerissen: Natürlich wollte er Werbung für das Buch machen, aber er wollte nicht, dass es dabei um ihn selbst ging. Nach dem 60 Minutes-Interview beschloss er, nicht mehr im Fernsehen aufzutreten, wahrscheinlich nicht einmal mehr Radiointerviews zu geben. Eines Tages saß er an seinem Schreibtisch im Büro und ich sagte zu ihm: »Sie müssen nichts tun, das Sie nicht wollen.« Er unterbrach seine Arbeit, schaute auf und lächelte. Dieser eine Blick von ihm genügte, um mich daran zu erinnern, dass nur wenige Menschen einem Delta-Force-Operator, dem Angehörigen einer der meistgefürchteten Militäreinheiten der Welt, sagen konnten, was er tun sollte.

Wir hatten ein wunderbares Arbeitsverhältnis. Er war professionell, witzig, herzlich und umgänglich. Er liebte es, Bücher zu veröffentlichen. Als ich ihm gegenüber äußerte: »Mit einem Pseudonym wie Dalton Fury sollten Sie eigentlich Thriller schreiben«, gestand er mir, dass er sich schon immer gewünscht habe, Romane zu verfassen. So kam es dazu, dass die Serie der Delta-Force-Romane um Kolt »Racer« Raynor aus der Taufe gehoben wurde. Auch diese Bücher wurden Bestseller. Mit ihrer Mischung aus Action und Detailreichtum gewannen sie Fans wie etwa die Autoren James Rollins und Brad Thor, ebenfalls Mitglieder US-amerikanischer Spezialeinheiten, sowie Tausende andere. Aber das Wichtigste war: Dalton hatte großen Spaß beim Schreiben dieser Bücher. Er musste keine Interviews geben und konnte sich wieder dem widmen, was er am liebsten tat, wenn er nicht arbeitete oder schrieb: eine ruhige Zeit mit seiner Familie verbringen.

Im September 2016, mitten in der Arbeit am fünften Buch der Serie, Execute Authority, das Sie jetzt in den Händen halten, schickte er mir eine E-Mail mit einer schrecklichen Neuigkeit: Am Vortag war bei ihm Bauchspeicheldrüsenkrebs im vierten Stadium diagnostiziert worden. Im typischen Dalton-Fury-Stil schrieb er: »Ich wollte Sie nur wissen lassen, dass ich fest entschlossen bin, mein Bestes zu geben, um wenigstens noch meine Schreibpflichten erfüllen zu können.« Er teilte mir mit, er wisse, dass er die Veröffentlichung des Buchs nicht mehr erleben werde, hoffe aber, dass es dennoch bald in den Buchläden zu finden sei – »falls das für Sie okay ist«.

Okay? Ich versicherte ihm, dass mich nichts davon abhalten könne, diesen Band zur Veröffentlichung zu bringen. Ich sagte ihm, er sei der zäheste Kerl, den ich kenne, und wenn irgendjemand den Krebs besiegen könne, dann er. Er hielt Wort und reichte zwei Wochen später das fertige Manuskript ein. Leider verstarb er zwei Monate nach seiner Diagnose.

Es ist mir eine große Ehre, Ihnen den letzten Kolt-Raynor-Roman zu präsentieren. Ich hoffe, Sie genießen die Lektüre so sehr, wie Dalton das Schreiben genossen hat. Ich werde ihn nie vergessen. Und mit diesen Büchern wird ein Teil von ihm ewig weiterleben.

Marc Resnick

St. Martin’s Press, Januar 2017

Prolog

Athen

Es war eine beeindruckende, sogar spektakuläre Aussicht, aber der Mann, der am Berghang auf dem Bauch lag, interessierte sich nur für einen sehr kleinen Ausschnitt davon: den Sechs-Grad-Winkel, der vom Objektiv seines PSO-1M2-Zielfernrohrs auf seinem SVD-63-Dragunov-Scharfschützengewehr vergrößert wurde.

Sein besonderes Interesse galt einem Bereich, der fast exakt einen Kilometer südlich sowie 100 Höhenmeter unterhalb seiner Position lag. Auf diese Entfernung erfasste das Zielfernrohr einen ungefähr 80 Meter breiten Abschnitt. Auf der rechten Seite des Fadenkreuzes war eine durchgängige, grüne Masse zu sehen: die Bäume und Pflanzen des weitläufigen Nationalgartens. Links waren nur wenige Bäume sichtbar; im Vordergrund ragten hohe Gebäude auf. Die vier senkrecht angeordneten Winkel in der Mitte des Visiers lagen über dem grauschwarzen Asphaltstreifen zwischen diesen beiden kontrastierenden Umgebungen. Dieser Streifen war das Einzige auf der Welt, das für den Mann zählte.

Auf der Parkseite war der Bürgersteig voller Menschen, die durch Holzbarrikaden und Absperrbänder vom Betreten des anderen Bereichs abgehalten wurden. Aber es fuhren keine Autos auf der Straße. Sie war am Vorabend gesperrt worden und man hatte die dort parkenden Fahrzeuge entfernt.

Der Scharfschütze ließ den Blick über das Strichbild zur stadiametrischen Entfernungsmessung im linken, unteren Bereich des Objektivs wandern, eine aufwärts gebogene, unterbrochene Linie, die in 100-Meter-Abständen mit Distanzmarkierungen versehen war – von 1000 Metern am linken Ende der Kurve, dem tiefsten Punkt, bis zu 2000 Metern am rechten, höchsten Punkt.

Mit seiner rechten Schulter – keine seiner Hände war auch nur in der Nähe des Abzugsbügels – verschob er das Gewehr auf dem Zweibein, nahm eine beinahe unmerkliche Korrektur vor. Dann legte er das Muster zur Entfernungsmessung über einen Polizisten, der links von der Barrikade stand, sodass die Füße des Mannes die untere Linie berührten und die Oberseite seiner Schirmmütze an der Kurve lag, eine Winzigkeit rechts von der unbeschrifteten Markierung für 900 Meter. Diese ungefähre Messung stimmte nicht mit der weit präziseren überein, die er mit dem GPS vorgenommen hatte, und er tendierte dazu, dem GPS zu glauben.

Der Entfernungsmesser war auf eine durchschnittliche Körpergröße von 1,70 Metern kalibriert, etwas größer als der Schütze selbst – 1,66 Meter –, aber kleiner als der Durchschnitt in der westlichen Welt. Man hatte ihm gesagt, dass seine Größe, beziehungsweise seine Kleinheit, auf Unterernährung in der Kindheit zurückzuführen sei. Aber dieses Thema spielte keine Rolle für ihn. Viele Männer waren eitel, wenn es um ihre Größe ging. Sie trugen Plateauschuhe oder dicke Absätze, um den empfundenen Mangel auszugleichen. Der Scharfschütze wusste jedoch nur allzu gut, dass man auffiel, wenn man in einer Menschenmenge andere überragte, und das konnte den Tod bedeuten, vor allem in seinem Beruf. Der Polizist war wahrscheinlich größer, eher 1,80 Meter, was die Abweichung erklärte. Natürlich gab es Methoden, solche Messungen zu überprüfen. Menschen konnten unterschiedlich groß sein, aber bei Waffen war dies seltener der Fall. Hätte der Polizist ein Gewehr getragen, hätte der Schütze die Länge seines Unterarms mit derjenigen der Waffe vergleichen und so mit hinreichender Genauigkeit die Größe des Mannes bestimmen können. Doch aus dieser Entfernung, die die effektive Reichweite des Dragunov weit übertraf, war es so gut wie unmöglich, dies festzustellen. Er wusste nur, dass der Mann ein Polizeibeamter war, weil dieser ein hellblaues Uniformhemd und eine dunkle Mütze trug. Und natürlich weil er auf der anderen Seite der Barrikade stand. In jedem Fall genügte die Entfernungsmarkierung jenseits der 800 Meter nur für eine ungefähre Einschätzung. Im Moment beschäftigte er sich nur damit, um die Langeweile zu vertreiben.

Er hatte bereits mehrere Stunden reglos an diesem Hang gelegen, nur fünf Meter abseits eines der Pfade, die sich über ihm schlängelten. Während dieser Zeit waren Dutzende von Wanderern und Touristen an ihm vorbeigekommen, aber unter der Tarnplane hatte ihn niemand bemerkt, ebenso wenig das Gewehr oder die Sandsäcke, die es so gut wie unbeweglich machten. Um ihn selbst unbeweglich zu machen, gab es keine anderen Mittel als Geduld und Disziplin, aber davon besaß er genug.

Er schloss das Auge und die Welt verschwand, aber vor seinem inneren Auge sah er die Einzelheiten noch vor sich. Der waldige Hang, der ihn umgab. Die Stadt, die sich unter ihm erstreckte. Die Straße. Die Menge.

983 Meter. Das war die tatsächliche Distanz zur Spitze des obersten Winkels im Visier, die das bis auf einen Meter genaue GPS anzeigte. Diesen Punkt würde das 7,62-mal-54-Millimeter-Geschoss treffen, wenn er den Abzug betätigte, vorausgesetzt seine Höhenverstellung war korrekt und der Wind blieb konstant. Aber wenn die Zeit gekommen war abzudrücken, würde die Kugel natürlich nicht exakt diese Stelle treffen. Das Ziel würde an einem anderen Ort sein, ein paar Meter entfernt von diesem Referenzpunkt, vielleicht auch ein paar Meter weiter weg oder näher, und diese kleinen Unterschiede führten zu erhöhter Unsicherheit. Er würde rasend schnell Anpassungen an der Lage des Gewehrs und den Einstellungen des Zielfernrohrs durchführen müssen.

Ohne das Auge zu öffnen, bewegte er langsam die rechte Hand zum billigen Transistorradio in seiner Brusttasche und drehte am Rädchen, um es einzuschalten. Es war auf die Frequenz eines einheimischen Nachrichten- und Talksenders eingestellt, der auf Griechisch sendete, einer Sprache, die er beherrschte, wenn auch nicht fließend. Bis jetzt hatte er das Radio ausgeschaltet gelassen, teilweise weil es eine unnötige Ablenkung bedeutet hätte, aber vor allem, weil trotz der flachen Ohrenstöpsel, die das Signal direkt in seinen Gehörgang schickten, immer ein Risiko blieb, dass ein Passant mit guten Ohren das Radio hörte und der Sache auf den Grund gehen wollte. Aber jetzt musste er wissen, was sich in der Welt jenseits des schmalen Streifens abspielte, den er durch das Fernrohr beobachtete.

Fast eine Minute lang hörte er zu und bemühte sich, aus den vertrauten Worten in unvertrautem Kontext ein Mosaik zusammenzusetzen, bis schließlich etwas in seinem Kopf klick machte und ein klares Bild zu entstehen begann.

Er öffnete sein Auge, richtete es wieder auf diesen speziellen Punkt in mehr als 900 Metern Entfernung, hörte jedoch weiter zu, bis der Wetterbericht kam.

Klarer Himmel. Die Temperatur betrug 30 Grad Celsius, die Luftfeuchtigkeit 40 Prozent, die Regenwahrscheinlichkeit lag bei null und der gelegentliche Wind blies mit acht Stundenkilometern aus nördlicher Richtung.

Der Scharfschütze spähte wieder durch das Fernrohr, bemerkte die leichte Bewegung der Äste auf der rechten Seite des Parks und beschloss, die Einstellungen nicht zu verändern. Wenn die Bäume sich immer noch bewegten, wenn der Moment der Wahrheit gekommen war, würde er um eine Winzigkeit weiter nach rechts zielen, um den Wind zu kompensieren – eine Technik, die man, wie er erfahren hatte, als Kentucky-Windvorhalt bezeichnete.

Diesen Ausdruck hatte der Offizier vom amerikanischen Militär benutzt, der ihn im gleichen Atemzug als »Naturtalent« bezeichnet hatte. Der Scharfschütze hatte schon damals fließend Englisch gesprochen, aber dieses Wort hatte ihn verwirrt, und er hatte den Amerikaner gebeten, es näher zu erläutern. »Das bedeutet, du hast eine Gabe dafür«, hatte der Offizier ihm erklärt. »Eine natürliche Gabe für das Distanzschießen.«

Diesen Satz würde er nie vergessen, ebenso wenig den Mann, der ihn ausgesprochen hatte.

Es war die Wahrheit. Er hatte zwar nur wenig Unterricht in den Grundlagen des Schießens erhalten, besaß jedoch ein intuitives Verständnis für das Zusammenspiel räumlicher und ballistischer Faktoren, die bestimmten, ob eine Kugel ihr Ziel traf. Mit der Zeit und mit wachsender Erfahrung hatte er seine Fähigkeiten verfeinert, bis er ein Geschoss mit beinahe hundertprozentiger Verlässlichkeit genau dorthin schicken konnte, wo er wollte, jedes Mal wenn er den Abzug drückte.

Heute würde es nicht anders sein.

Als der Wetterbericht zu Ende war, drehte er am Rädchen und schaltete das Radio aus. An den Mienen und Gesten der Schaulustigen erkannte er, dass die Ankunft kurz bevorstand. Und tatsächlich fuhr im nächsten Moment eine Reihe von Polizeiwagen und Motorrädern durch sein Sichtfeld, die vier fast identische, schwarze Cadillac Escalades mit schwarz getönten Fensterscheiben eskortierten.

Die imposanten Luxus-Sportfahrzeuge kamen zum Stehen. Im Zielfernrohr waren drei von ihnen sichtbar. Der mittlere Wagen lag genau am Zielpunkt.

Der Schütze wartete.

Die Seitentüren der schwarzen SUVs öffneten sich exakt gleichzeitig, schwangen über die Schotterdecke auf, und mit perfekt synchronisierten Bewegungen stiegen Männer in schwarzen Anzügen heraus.

Der Blick des Scharfschützen wanderte zum Rand des Visiers. Er prüfte, ob die Baumspitzen sich noch bewegten. Alles war reglos. Der Wind hatte aufgehört.

Die Männer in den Anzügen standen jetzt ein paar Schritte von den Autos entfernt. Sie drehten die Köpfe hin und her, scannten die Umgebung, hielten nach Gefahren Ausschau. Er wusste, dass diese Männer nur das öffentliche Gesicht der Schutzmannschaft waren. Sicherlich waren noch viele andere Agenten im Gebiet, manche inmitten der Menge, andere in den umliegenden Gebäuden. Sie verfolgten das Eintreffen der Wagen durch Zielfernrohre, so wie er, nur dass ihre Gewehrläufe nicht auf die Straße gerichtet waren, sondern sich über die Baumgrenze des Parks und die Dächer bewegten, auf der Suche nach Bedrohungen.

Aber sie suchten am falschen Ort.

Der Schütze gestattete sich nicht einmal den Anflug eines zufriedenen Grinsens. Noch nicht.

Aus dem Fahrzeug am oberen Rand seines Sichtfelds stieg eine weitere Gestalt in einem hellgrauen Anzug. Er justierte geschickt nach, legte das Fadenkreuz über sein neues Ziel.

Die Vergrößerung des Fernrohrs war nicht so stark, dass man Gesichter erkennen konnte, aber der Scharfschütze hatte keinen Zweifel, wer dieser Mann war.

Der Präsident der Vereinigten Staaten.

Er checkte noch einmal die Bäume. In den 20 Sekunden seit dem letzten Mal war eine leichte Brise aufgekommen. Er beobachtete die Bewegung der Blätter, kam augenblicklich zu einer Einschätzung der Windstärke und bewegte die Waffe gerade weit genug, damit das Ziel links des Zielpunkts lag.

Er betrachtete noch einmal die Entfernung, kalkulierte und prüfte seine Anpassungen gegen den Geschossfall. Aus dieser Distanz würde die Kugel um fast zehn Meter von der geraden Linie absinken – um die fünffache Höhe des Ziels.

Er hob den Lauf um eine Winzigkeit.

Wenn er abgedrückt hatte, würde die 7,62-Millimeter-Kugel etwa zwei Sekunden bis zum Ziel benötigen. Zwei Sekunden, in denen der Mann sich aus der Schusslinie bewegen konnte.

Der Schütze verlagerte das Fadenkreuz noch um ein paar Striche nach links und legte den Finger an den Abzug, überzeugt, dass das Geschoss genau dort einschlagen würde, wo er wollte. Er stellte sich den hervorspritzenden rötlichen Nebel vor, der den Erfolg seines Schusses und das Ende eines Lebens bedeuten würde.

Das war es, wenn es hieß, ein »Naturtalent« zu sein.

»Bald«, flüsterte er, bevor er das Zielfernrohr noch einmal verschob.

Erster Teil:

1

Eine leichte Brise brachte die Zweige am Rand des Nationalgartens zum Rascheln. Als der Wind über seinen freiliegenden Nacken strich, hob US Army Delta Force Lieutenant Colonel Kolt Raynor – Codename Racer – unwillkürlich die Schultern und rückte die unbedruckte, marineblaue Baseballmütze auf seinem Kopf zurecht.

In den letzten 15 Jahren war er in den Genuss von »gelockerten Körperpflegestandards« gekommen – Ausnahmen, die das Militär für Eliteeinheiten machte, die oft die Aufgabe hatten, sich an Krisenherden überall auf der Welt unauffällig unter das Volk zu mischen. Nun fiel es ihm schwer, sich an regelmäßigere Haarschnitte zu gewöhnen, aber das gehörte zu den Konsequenzen, wenn man sich das silberne Eichenlaub an die Uniform heftete und das Kommando über eine Delta Sabre Squadron übernahm. Als Staffelkommandant verbrachte er nun viel weniger Zeit auf Schießplätzen und dafür weit mehr Zeit in Meetings mit Leuten, die entweder maßgeschneiderte Anzüge oder Klasse-A-Uniformen mit Sternen auf den Schultern trugen. Es waren Männer, denen es ganz und gar nicht behagt hätte, sich mit einem bärtigen Operator mit zerzausten Haaren und kampferprobter Tarnkleidung zu treffen. Raynors aktuelle Frisur entsprach noch lange nicht den Vorschriften und sein Haar war um einiges länger, als er es in jüngeren Jahren als Airborne Ranger Captain getragen hatte. Aber es brachte trotzdem seinen zurückweichenden Haaransatz zum Vorschein, der wahrscheinlich der Hauptgrund dafür war, dass er sich mit seinem Äußeren nicht ganz wohlfühlte.

Es war bei Weitem nicht das größte Opfer, das er gebracht hatte, um in der Einheit bleiben zu können. Und trotz der eingegangenen Kompromisse wollte er es nicht anders.

Raynor hatte aus einem Reflex auf die Brise reagiert, aber eigentlich spürte er sie kaum. Der Grund für seinen neuesten Haarschnitt, tatsächlich auch der Grund, weshalb er auf diesem griechischen Bürgersteig stand, war gerade eingetroffen. Er konzentrierte sich mit allen Sinnen auf seine Umgebung. Langsam drehte er den Kopf, sah hierhin und dorthin, hielt sich nicht mit Einzelheiten auf, sondern erfasste das Gesamtbild.

Aus dem Augenwinkel sah er, wie die Secret-Service-Agenten aus den identischen Fahrzeugen der Wagenkolonne stiegen. Nur sie wussten, in welchem Auto der Präsident – der 45. der USA – wirklich saß und welche nur als Köder dienten. Raynor blickte nicht direkt auf die Fahrzeuge oder die Männer, die vor ihm ausschwärmten. Er wusste, dass dies die einzige Richtung war, aus der er nicht mit einer Gefahr rechnen musste. Stattdessen beobachtete er die Menge, die Bäume hinter ihr, die Gebäude im Norden und Süden der Villa Maximos, des offiziellen Regierungssitzes des griechischen Ministerpräsidenten. Aber vor allem behielt er die Gesichter der Delta-Operators im Auge, seiner Männer (und Frauen), die sich in der Menge, dem Wald und den nahen Gebäuden verteilt hatten. Er selbst sah nicht viel, aber zusammen sah die Delta-Staffel beinahe alles.

Dieses beinahe war es, das Raynor wachsam bleiben ließ.

Sein Blick blieb kurz an einem Gesicht in der Menge haften, das einem großen Mann mit zottigen braunen Haaren und einem dichten, rötlich-braunen Bart gehörte. Der Mann hatte die Arme vor der breiten Brust verschränkt und betrachtete die Versammlung gleichmütig. Aber dann richtete er die Augen auf Raynor und formte die Lippen zu einem Kuss.

»Gleichfalls, Slap«, murmelte Raynor und setzte seine Beobachtungen fort.

Slap war die Kurzform von Slapshot, dem Codenamen von Jason Holcomb, Kolts Freund und der Sergeant Major der Noble Squadron. Das waren zwei Rollen, die sich nicht immer miteinander vertrugen. Trotz seines hohen Rangs im Team konnte man sich immer darauf verlassen, dass Slapshot seinen ganz eigenen, respektlosen – und zumindest Kolts Meinung nach nicht besonders lustigen – Humor in jeder angespannten Situation zum Einsatz brachte. Und das waren so ziemlich alle Situationen, in die ein Delta-Operator geraten konnte.

Als Nächstes sah Kolt Major Brett Barnes, einen der Truppenkommandanten, die im Rang unter ihm standen. Der 29-jährige West-Point-Absolvent war erst kürzlich zur Staffel gestoßen. Bis jetzt hatte er noch keinen Fehler begangen, der groß genug war, um ihm bei den Sergeants einen Spitznamen einzubringen. Barnes war noch dabei, sich an Raynors Führungsstil zu gewöhnen, der keinerlei Ähnlichkeit mit den Dingen hatte, die er als Kadett oder in irgendeinem der verpflichtenden militärischen Lehrgänge kennengelernt hatte. Aber man musste dem jungen Delta-Truppenkommandanten zugutehalten, dass er die wichtigste Lektion für einen Offizier in der besten Antiterroreinheit der Army bereits gelernt hatte: Diese bestand darin, seinen Unteroffizieren immer zu vertrauen. Die Anführer von Barnes’ Team gehörten ohne Ausnahme zu den fähigsten Operators, mit denen Raynor jemals zusammengearbeitet hatte.

Wie Raynor und ein paar der anderen Operators trug auch Barnes eine weite, blaue Windjacke, eine blaue Baseballmütze, eine kakifarbene Chinohose und eine dunkle Piloten-Sonnenbrille. Diese improvisierten – und weithin sichtbaren – Uniformen dienten einer ganzen Reihe von Zwecken. Die weiten Jacken verbargen leichte Schutzwesten und taktisches Gurtzeug mit vor der Brust im Halfter steckenden halbautomatischen Pistolen oder kurzläufigen, mit Schalldämpfern ausgestatteten MP5SD-Maschinenpistolen mit ausklappbaren Schulterstützen unter der rechten Achselhöhle. Die leicht erkennbare Kleidung identifizierte sie als Teil der Schutzmannschaft des Präsidenten. Sie unterstützten sowohl die amerikanischen Secret-Service-Agenten als auch die HP, die Hellenische Polizei oder griechische Landespolizei, die für zusätzliche Sicherheit sorgten. Falls es zum Schlimmsten kam und sie die Waffen ziehen mussten, die sie unter den Windjacken trugen, würde es von größter Wichtigkeit sein, dass man sofort erkannte, wer sie waren. Außerdem würde diese verdächtige Aufmachung auch ohne ihr Zutun dazu dienen, die Menge unter Kontrolle zu halten sowie die Aufmerksamkeit möglicher Beobachter von den Gesichtern der Delta-Operators abzulenken. Zu guter Letzt sollten diese »Arbeitsuniformen« zudem von Slapshot und den restlichen Operators in Zivil ablenken und es ihnen leichter machen, sich unter die Leute zu mischen, um mögliche Gefahren aus der Nähe aufzuspüren.

Keine fünf Schritte von Slapshot entfernt stand »Shaft«, auch bekannt als Master Sergeant Ken Knight. Der in Boston geborene Afroamerikaner war einer der Teamanführer aus Barnes’ Truppe, aber anhand seines Äußeren hätte das niemand vermutet. Shafts Haare waren zu Cornrows geflochten und er trug Baggy Jeans sowie ein Secondhand-T-Shirt, das ein ausgebleichter Siebdruck von Captain Jack Sparrow aus den Fluch der Karibik-Filmen zierte. Über seiner Schulter hing eine große, rot-grün-gelbe Rastafari-Häkeltasche. Slapshot hatte sich angewöhnt, Shafts Tasche als »Herrenhandtäschchen« zu bezeichnen.

Shaft war Angriffstruppführer, aber gleichzeitig der erfahrenste Sanitäter der ganzen Einheit. Zwischen seinen Einsätzen hatte er den medizinischen Lehrgang durchlaufen, was eine beachtliche Leistung war. Deshalb erfüllte er für sie nun zusätzlich die Funktionen eines Hauptsanitäters. Seine Tasche enthielt ein komplettes medizinisches Notfallset für den Kampfeinsatz – Bandagen, Druckverbände, mehrere Rollen Kerlix-Verbandmull, QuikClot-Päckchen und drei Beutel mit Salzlösung, aber keine Waffen. Das bedeutete jedoch nicht, dass Shaft unbewaffnet war. Seine weite Jeans verbarg eine Glock 23, die direkt über dem Schritt in einem Thunderwear-Holster steckte. Aber seine Hauptaufgabe, wie auch die der anderen Undercover-Agenten, war das Identifizieren von Bedrohungen, damit andere – im Idealfall die Hellenische Polizei, damit es nicht zu diplomatischen Verwicklungen kam – einschreiten und die Gefahr abwenden konnten.

Direkt hinter Shaft stand Sarah Bell. Sarah war eine der wenigen Frauen in Deltas sogenannter Augmentationszelle, Kurzform aug cell. Die Aufgabe dieser Frauen bestand im Ausspähen von Zielen und der Sammlung von Daten über die Zielgebiete. Sarah war kein Operator, hatte nicht den Delta-Selektionsprozess und den Operator-Trainingskurs durchlaufen. Bis jetzt konnte nur eine einzige Frau diese Ehre für sich beanspruchen: Sergeant First Class Cindy »Hawk« Bird.

Kolt suchte weiter die Menschenmenge ab. Er sah Hawk nicht, wusste aber, dass sie irgendwo da draußen sein musste.

Aus dem Ohrstöpsel in seinem linken Ohr ertönte eine Stimme: »Champ ist draußen.«

Es war die Stimme von Secret Service Special Agent Jess Simmons, des SAIC – special agent in charge, leitender Agent – der Schutzmannschaft des Präsidenten. »Champ« war der Codename des Secret Service für den Präsidenten Gerald Noonan, der nun seit sechs Monaten im Amt war. Die Nachricht bedeutete, dass Champ aus seinem gepanzerten Cadillac gestiegen war und im Freien stand.

Simmons war ein typischer Alles nach Lehrbuch-Anführer. Er und Raynor, der für das »Lehrbuch« wenig übrighatte, waren deshalb zunächst aneinandergeraten. Simmons hatte ständig versucht, Kolts Leuten zu sagen, was sie zu tun hatten, und Kolt hatte ihm immer wieder geduldig erklärt, weshalb das nicht funktionieren würde.

Nun ja, vielleicht nicht allzu geduldig.

Nachdem sie sich schließlich ausgesprochen hatten, war alles etwas glatter gelaufen, jedenfalls mehr oder weniger. Die leicht neurotisch wirkenden Secret-Service-Agenten schienen wirklich dankbar für die Hilfe zu sein, und Kolts Leute waren im Gewinnen von Freunden nicht weniger begabt als im Beseitigen von Feinden. Digger – Master Sergeant Pete Chambliss – hatte sich mit einem diensteifrigen, jungen Special Agent angefreundet, einem ehemaligen Soldaten, der »beinahe zur Delta Force gegangen wäre«. Und Hawk hatte praktisch ihren eigenen Fanclub.

Diesem Moment waren Tage der Vorbereitung und Koordination mit Simmons und seinen Leuten vorausgegangen. Alles nur für diese 45 Sekunden. So lange würde es dauern, bis Champ dem griechischen Ministerpräsidenten die Hand geschüttelt, für ein paar Fotos posiert und dann die Villa Maximos betreten hatte. In dieser Zeit war der Anführer der freien Welt am angreifbarsten.

Der Lärm der Menge änderte sich in Ton und Lautstärke und bestätigte damit Simmons’ Botschaft – als ob eine solche Bestätigung notwendig gewesen wäre. Aber dieser ungestüme Empfang war alles andere als freundlich. Offenbar war Präsident Noonan in Athen ebenso unbeliebt wie in seinem Heimatland, wenn auch aus ganz anderen Gründen.

Im Verlauf seiner Zeit beim Militär, erst als Infanterist, dann als Offizier, jetzt als Anführer der Delta Sabre Squadron, hatte Kolt Raynor unter vier verschiedenen Regierungen gedient. Manche waren besser gewesen als andere, keine perfekt, aber nie hatte Raynor die Versuchung verspürt, den Dienst zu quittieren, um nicht unter einem obersten Befehlshaber dienen zu müssen, mit dem er politisch nicht übereinstimmte. Es war die Pflicht jedes Soldaten, Befehle zu befolgen, die von gewählten Regierungsvertretern kamen, ganz egal ob der Soldat diesen Befehlen persönlich zustimmte oder die Personen schätzte, die sie erteilten. Raynor nahm seine Pflicht ernst. Er hielt sich aus politischen Debatten heraus und reduzierte offene Kritik am Präsidenten oder anderen gewählten Regierenden innerhalb der Staffel auf ein Minimum. Mit ein wenig Gemecker und Genörgel war immer zu rechnen, aber alles, was darüber hinausging, konnte zum raschen Ende einer militärischen Laufbahn führen.

Mit Präsident Noonan hatte Raynor kein besonderes Problem. Der Mann war Karrierepolitiker und früherer Sprecher des Repräsentantenhauses. Er besaß die Erfahrung und das Potenzial, einen fähigen, wenn auch nicht unbedingt außergewöhnlichen Oberbefehlshaber abzugeben – Raynors persönlicher Erfahrung nach bei Weitem nicht der schlimmste bisher. Aber Noonan hatte das Pech gehabt, ausgerechnet in einem historischen Moment ins Amt zu kommen, in dem jahrzehntelang schwelende Brandherde in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft sich schließlich in einem gigantischen Vulkanausbruch der Scheiße entluden.

Während der Vorwahlen hatte die Situation sich zugespitzt. Wähler beider Parteien, die vom allgemeinen Stillstand und dem business as usual in der Politik frustriert waren, hatten sich revolutionären Kandidaten zugewandt, die zwar an entgegengesetzten Enden des politischen Spektrums standen, aber alle Populisten mit großer Anziehungskraft für die Massen waren. Einer dieser politischen Außenseiter hatte nach einer umstrittenen Vorwahlsaison, die seiner Partei irreparable Schäden zugefügt hatte, die Nominierung nur knapp verfehlt. Sein Kontrahent war ein mit vielen Makeln behafteter Karrierist gewesen, der unter Gebrauch politischer Vorwände eine Strategie der verbrannten Erde verfolgt hatte. Er war nicht nur bei der Oppositionspartei verhasst, sondern auch von Skandalen verfolgt gewesen. Noch dazu war er zutiefst abhängig von der wohlhabenden Elite und den internationalen Großkonzernen.

Aber der Tumult auf der anderen Seite war noch alarmierender gewesen.

Der zweite populistische Kandidat hatte mit seinem direkten, unverschämten Auftreten dem Parteiendenken geradezu den Todesstoß versetzt und mehr als ein Dutzend Rivalen aus dem Feld geschlagen, von denen viele bereits als sichere Nominierungskandidaten gegolten hatten. Aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz und zum großen Schrecken sowohl der Machthaber innerhalb der Parteien als auch der TV-Experten hatte er die Wahl gewonnen.

Und dann hatten die Ereignisse eine wirklich bizarre Wendung genommen.

Die Kongressführung, die sich mit diesen zwei äußerst unbeliebten und umstrittenen Kandidaten konfrontiert sah, hatte insgeheim beschlossen, in allen 50 Bundesstaaten noch einen weiteren Kandidaten auf den Stimmzettel zu setzen, um ihre Wahl zu verhindern – ihren früheren Sprecher Gerald Noonan. Wie erwartet hatte Noonan den beiden großen Parteikandidaten Stimmen entzogen. Es waren bei Weitem nicht genug für einen Sieg gewesen, aber gerade genug, um beide Kontrahenten daran zu hindern, eine Mehrheit zu erreichen, und genau darauf hatte der Kopf der Verschwörung – der derzeitige Sprecher des Repräsentantenhauses – gezählt.

Für den Fall, dass es keinem Kandidaten gelang, eine klare Mehrheit der Wählerstimmen zu erreichen, schrieb der zwölfte Zusatzartikel zur Verfassung die Ernennung eines Präsidenten durch das Repräsentantenhaus vor, der aus den drei Kandidaten mit den meisten Stimmen auszuwählen war. Dieser Artikel war in der amerikanischen Geschichte erst einmal in Kraft getreten: nach der Wahl im Jahr 1824, als der Kongress John Quincy Adams zum Präsidenten ernannt hatte, obwohl er bei den allgemeinen Wahlen nur Zweiter geworden war. Jetzt hatten die Kongressabgeordneten der Vereinigten Staaten zum zweiten Mal das Kleingedruckte der Verfassung benutzt, um sich über den Wählerwillen hinwegzusetzen und ihren eigenen Mann ins Weiße Haus zu bringen. Und damit hatten sie die Lunte eines Pulverfasses angezündet.

Eines der unbeabsichtigten Ergebnisse war, dass die gespaltene Wählerschaft jetzt etwas gefunden hatte, über das sie sich einig war: Der Kongress hatte die Wahl gekapert. Millionen von Wählern, die sich von diesem unfairen System bereits vorher nicht angemessen repräsentiert gefühlt hatten, zeigten nun keinerlei Interesse an Belehrungen über die Verfassung oder die komplizierten Abläufe im Inneren einer Republik. Sie waren bereit für eine blutige Revolution.

Raynor hatte gewusst, dass die Lage schlimm war, aber wie schlimm sie wirklich war, wurde ihm erst klar, als Jess Simmons bekannt gab, dass die Zahl der ernst zu nehmenden Drohungen gegen Präsident Noonan, das Gesicht dieser angeblich korrupten Vorgänge, sich vervierfacht hatte. Simmons hatte ihnen anvertraut, dass seine Behörde, die durch mehrere sehr öffentliche Skandale in den letzten Jahren der vorangegangenen Regierung bereits stark angeschlagen gewesen war, nun kurz vor dem Kollaps stand.

So düster die Situation zu Hause auch war, in Übersee war sie noch düsterer. Eine wachsende Bewegung für nationale Souveränität, die unter anderem das Ende der Europäischen Union sowie die Auflösung der NATO forderte, breitete sich wie ein Waldbrand in Europa aus. Die Europareise von Präsident Noonan, die eigentlich den Zweck hatte, Unterstützung für die NATO zu sichern, schien den gegenteiligen Effekt zu haben und vielmehr antiamerikanische Ressentiments zu befeuern, selbst in Ländern, die einmal entschieden auf der Seite der USA gestanden hatten.

Personenschutz für Diplomaten im Ausland gehörte zu den Aufgaben der Delta Force, und dies war nicht das erste Mal, dass man Raynor gerufen hatte, um den Secret Service zu unterstützen. Aber es war das erste Mal, dass sich die Gefahr so echt anfühlte.

Ironischerweise war es auch das erste Mal, dass er das Gefühl hatte, ein persönliches Interesse am Ausgang dieser Mission zu haben. Derjenige, der derzeit nur einen Herzschlag von der Ernennung zum Präsidenten entfernt war – ein Admiral im Ruhestand namens William Mason –, war der einzige Mann, dessen Aufstieg zur Präsidentschaft Raynor zum sofortigen Rücktritt bewegt hätte, trotz seiner entschieden apolitischen Arbeitsethik.

Es lag nicht nur daran, dass Raynor Mason nicht ausstehen konnte oder dass dieses Gefühl auf Gegenseitigkeit beruhte. Tatsächlich war Raynor nicht sicher, ob er der Versuchung widerstehen könnte, Mason selbst umzubringen, falls er die Gelegenheit dazu bekam.

Sein erster Zusammenstoß mit Admiral Mason lag erst ein paar Jahre zurück. Mason, der damals der kommandierende General des JSOC gewesen war, hatte ihm befohlen, eine Operation abzubrechen, bei der er Shaft nach einer Einzelgängermission aus dem Einsatzgebiet evakuieren sollte. Raynor hatte den Befehl schlichtweg ignoriert. Durch seine Entschlossenheit hatte er Shaft gerettet, eine hochrangige Zielperson gefangen genommen sowie entscheidende Informationen über terroristische Aktivitäten auf amerikanischem Boden sichergestellt. Technisch gesehen war der Befehl zum Abbruch des Einsatzes ungültig gewesen, weil die Mission bereits den letzten Umkehrpunkt hinter sich gelassen hatte und Raynor damit die volle Befehlsgewalt innehatte, genannt execute authority– die Befugnis, die Operation so zum Abschluss zu bringen, wie er es für richtig hielt, ohne dass sich höhere Stellen noch in den Ablauf einmischen konnten. Aber mit solchen Formalitäten konnte man Männer, die Sterne an der Uniform trugen, nur selten überzeugen. Zum Dank hatte Mason versucht, Raynor vor ein Kriegsgericht zu bringen.

Damals war Bill Mason nichts weiter als ein inkompetentes Arschloch gewesen. Aber ein nicht lange zurückliegendes Ereignis hatte den früheren JSOC-Kommandanten zu einer Gefahr ersten Ranges gemacht. Obwohl er es nicht beweisen konnte – noch nicht –, war Raynor sich zu 99,97 Prozent sicher, dass Mason Landesverrat begangen hatte. Genauer gesagt: Er hatte einem bekannten Feind der Vereinigten Staaten streng vertrauliche Informationen über Personal und Einsätze der Delta Force zukommen lassen, um diesem Feind zu ermöglichen, einen Hinterhalt vorzubereiten, bei dem Raynor und seine Staffel getötet werden sollten.

Als lebender Beweis dafür, dass Scheiße immer oben schwimmt, hatte Mason nach seinem Ausscheiden aus der Navy eine Reihe politischer Posten bekleidet. Der Höhepunkt war seine Ernennung zum Leiter des Außenministeriums gewesen. Von dort war es nur ein kleiner Schritt zur Nummer zwei unter den unabhängigen Außenseiterkandidaten für das Amt des Präsidenten gewesen. Gerald Noonan war die Nummer eins.

Admiral Mason war jetzt Vizepräsident Mason, und falls Noonan etwas zustieß, würde Mason der Präsident der Vereinigten Staaten sein.

Kolt Raynor würde alles in seiner Macht Stehende tun, um das zu verhindern.

Raynor widerstand dem Drang, dorthin zu sehen, wo alle anderen hinsahen. Dies war der entscheidende Augenblick. Falls sich ein Attentäter in der Menge befand, würde er sich jetzt offenbaren.

Kolt scannte die Gesichter. Manche wirkten hoffnungsvoll und begeistert, überwältigt von dieser Chance, einen historischen Moment mitzuerleben und einen Blick auf ein berühmtes Regierungsoberhaupt werfen zu können. Andere fletschten in rechtschaffener Empörung die Zähne und riefen dem Mann höhnische Bemerkungen und Anschuldigungen zu. Mit Letzteren hielt er sich nicht lange auf. Stattdessen hielt er nach ruhigen, unauffälligen Mienen Ausschau, nach jemandem, der vielleicht im Stillen seinen Mut sammelte, um zur Tat zu schreiten. Nach Leuten, die zappelig, hoch konzentriert oder auch vollkommen gelassen wirkten, als ob die Gewalttat, die sie planten, für sie das ultimative Beruhigungsmittel war.

Es waren Hunderte, und Raynor wusste, dass er nicht jedes Gesicht einzeln mustern konnte. Aber niemand, der im Vordergrund stand, nahe genug, um eine echte Bedrohung zu sein, wies die Merkmale auf, nach denen er suchte.

Champ stand bereits seit fast zehn Sekunden im Freien, obwohl der gepanzerte Cadillac immer noch zum Teil zwischen ihm und der Menge stand.

Simmons gab das nächste Update durch: »Midas setzt sich in Bewegung.«

Raynor riskierte einen schnellen Blick zur Straße. Noonan befand sich in der Mitte einer kleinen Menschentraube aus höchst wachsamen Secret-Service-Agenten. Midas – der Codename des griechischen Ministerpräsidenten – war von seiner eigenen Schutzmannschaft umgeben und nun auf dem Weg, seinen amerikanischen Kollegen zu begrüßen. Während er näher kam, positionierten die Leibwächter beider Kontingente sich neu. Es sah aus, als würden sich zwei Wassertropfen begegnen und um die beiden Männer zu einem einzigen Tropfen verschmelzen. Dabei ließen sie noch genug Platz, damit die Fernsehkameras die Begegnung im Zentrum für die Ewigkeit festhalten konnten.

Champ und Midas streckten gleichzeitig die Hände aus, als hätten sie die Bewegung einstudiert. Gleichzeitig drehten sie sich um und lächelten in die Kameras …

Und hinter Midas’ Kopf stieg roter Nebel auf.

2

Kolt und seine Kameraden hatten schon vor langer Zeit gelernt, dass kein Training der Welt etwas gegen bestimmte physische Realitäten ausrichten konnte. Wenn man den Tod aus der Nähe sah oder spürte, dass der eigene bevorstand, brauchte das Gehirn Zeit, um die über Augen und Ohren aufgenommenen Sinnesreize zu verarbeiten, die passende Reaktion zu wählen und dann das entsprechende Signal an den Körper weiterzuleiten. In praktischer Hinsicht war das nicht sehr lange – nicht mehr als zwei Zehntelsekunden –, aber Kolt Raynor wusste, dass das bereits eine Zehntelsekunde zu lang war.

Die Fähigkeit, eine Gefahr blitzschnell einzuschätzen, konnte den Unterschied zwischen dem Ausschalten eines bewaffneten Terroristen und der versehentlichen Tötung eines Zivilisten oder einer Geisel bedeuten, die man retten wollte. Oder man wurde vielleicht von dem Kerl umgebracht, den man gerade übersehen hatte.

In den Sekundenbruchteilen zwischen dem Aufsteigen des roten Nebels und dem Ausbrechen hektischer Aktivität um den US-Präsidenten – noch bevor der griechische Ministerpräsident zu Boden fiel – sah Kolt Raynor bereits eine ganze Menge. Die Art, wie Midas’ Kopf zurückgeschnellt war, und die Wolke aus atomisiertem Blut, die hinter ihm in der Luft hing, ließen darauf schließen, dass ein Hochleistungsgeschoss mittleren Kalibers aus großer Entfernung abgefeuert worden war. Es war irgendwo aus dem Norden gekommen, von oben, in einem Winkel von weniger als 40 Grad.

»SCHARFSCHÜTZE!«, rief er und wiederholte die Warnung. »SCHARFSCHÜTZE! SCHARFSCHÜTZE!«

Adrenalin durchflutete ihn. Er wandte sich in die Richtung, aus der der Schuss gekommen war. Seine rechte Hand tastete nach dem Griff seiner Glock 23. Es war eine Reflexhandlung – man wandte sich der Gefahr zu, neutralisierte die Gefahr, bevor ein weiterer Schuss fallen konnte. Aber sein Verstand wusste es besser. Der Schütze war wahrscheinlich mindestens 400 oder 500 Meter weit weg. Es gab nicht das Geringste, das Raynor tun konnte, um so eine Gefahr zu »neutralisieren«, nicht von dort, wo er war, nicht mit einer Pistole. Es gab nur eine richtige Reaktion. Die Secret-Service-Agenten taten es bereits: Sie warfen sich auf Champ, formten einen menschlichen Schutzschild um ihn und schoben ihn in den mit offenen Türen wartenden Escalade. Die HP-Schutzmannschaft tat dasselbe für Midas, sie umringten ihn und schafften ihn aus Raynors Sichtfeld. Aber Kolt wusste, dass es für ihn bereits zu spät war.

Er hatte die Austrittswunde nicht gesehen, nur das hervorschießende Blut, aber er hatte einen kurzen Blick auf die Eintrittswunde erhascht.

Die Kugel war durch das linke Auge des griechischen Ministerpräsidenten eingedrungen.

Es dauerte eine weitere Hundertstelsekunde, bis ihm die Bedeutung dieser Tatsache klar wurde.

Nein. Das kann nicht sein.

Er blickte nach Norden, in die Richtung, aus der der Schuss gekommen sein musste, hielt nach dem Schützen Ausschau. In seinem Unterbewusstsein läuteten Alarmglocken. Der Schütze war noch da draußen, und sie alle standen hier im Freien, waren verwundbar. Aber wenn dieser Mann der Profi war, für den Raynor ihn hielt, war er sicher nicht so dumm, ein zweites Mal zu schießen und damit zu riskieren, dass man ihn fand. Er hatte seine Hauptmission bereits erfüllt. Alles, was jetzt noch blieb, war das Verlassen des Einsatzgebiets.

Raynor hob den Blick ein wenig, versuchte, sich die Flugbahn der Kugel vorzustellen. Sie konnte nicht von einem der Dächer in der Nähe gekommen sein. Dazu war der Eintrittswinkel viel zu flach gewesen. Außerdem hatte er auf jedem einzelnen dieser Dächer die Scharfschützen seiner Noble Squadron in Stellung gebracht.

Keine kaputten Fenster, keine offenen Fenster.

Wäre er weiter entfernt gewesen, hätten andere Gebäude und die Vegetation dem Schützen das Schussfeld verstellt.

Also, wo zum Teufel …

Seine Augen richteten sich auf einen leicht bewaldeten Berghang, der hinter den Häuserreihen sichtbar war. Es war der Lykabettus, ein 300 Meter hoher Berg, der einen Ausblick über die Stadt bot.

Bei seinen Nachforschungen im Vorfeld war Raynor die mögliche Gefahr nicht entgangen, die vom Westhang des Lykabettus ausging. Simmons hatte zunächst abgewinkt und darauf hingewiesen, dass der Berg mehr als 800 Meter entfernt war. Kolt hatte entgegnet, dass Delta-Scharfschützen aus dieser Distanz beim Training regelmäßig ihre Ziele trafen. Simmons hatte die Warnung an die Einheimischen weitergeleitet, die versprochen hatten, jemanden am Hang auf Patrouille zu schicken. Aber der leitende Special Agent machte sich offenbar größere Sorgen über Bedrohungen aus unmittelbarer Nähe. Kolt war nicht weiter auf die Sache eingegangen. Simmons hatte schließlich recht gehabt, dass ein Angriff vom weit entfernten Berg aus sehr unwahrscheinlich war. Außerhalb des JSOC gab es nur eine Handvoll Männer, die fähig zu einem solchen Schuss waren.

Er trat einen Schritt vor, dann noch einen, und bevor es ihm richtig bewusst wurde, rannte er bereits. Hinter ihm brach ein Höllenlärm aus, als der Menge endlich klar wurde, dass gerade etwas Schreckliches passiert war. Raynor wusste, dass eine Massenpanik folgen würde, bei der die verängstigten Schaulustigen sich gegenseitig umrennen würden im Versuch, vor der unbekannten Gefahr zu fliehen. In beiden Ohrstöpseln – einer links, der auf die Frequenz des Secret Service eingestellt war, einer rechts für die Delta-interne Kommunikation – ertönten knisternd Funksprüche, bei denen in all dem Chaos das Funkprotokoll außer Acht gelassen wurde.

»Position halten. Haltet die Leute zurück.«

»Champ ist in Sicherheit!«

»Statusbericht. Was ist los? Woher kam der Schuss?«

Raynor ignorierte die Frage, obwohl er die Antwort kannte.

Das kehlige Dröhnen von Motoren drang durch den Lärm. Die Wagenkolonne des Präsidenten brauste davon, fuhr nach Süden zum geplanten Sammelpunkt.

Raynor lief weiter nach Norden.

Direkt vor ihm standen mit ausgeschaltetem Motor und ohne Fahrer sechs Polizeimotorräder des Modells Honda TransAlp 650 – sie waren weiß, und das Wort ›Polizei‹ stand in lateinischen Buchstaben auf der rechten Seite. Sie waren nach Süden ausgerichtet und blockierten die Straße. Ein Dutzend Polizeibeamte in voller taktischer Ausrüstung und mit Motorradhelmen stand in der Nähe und starrte ungläubig in Richtung des allgemeinen Chaos. Standardmäßig saßen in der DIAS, der umstrittenen griechischen Motorradstaffel der Polizei, immer zwei Männer auf jedem Fahrzeug: einer, der fuhr, und einer, der schoss. Als Raynor näher kam, griff er in seine Windjacke und holte seine Identitätsnachweise und seine Marke hervor. Der Beamte in seiner Nähe wirkte angespannt und seine Hand bewegte sich zur Waffe.

Raynor hob beide Hände, ließ mit der einen seine hellsilberne Marke aufblitzen und winkte mit der anderen, um den Mann auf sich aufmerksam zu machen. »Nicht schießen! Ich bin einer von den Guten.«

Er konnte nicht einmal genug Griechisch, um sich zu einer öffentlichen Toilette durchzufragen, aber er nahm an, dass seine Gesten allgemein verständlich genug waren. Ohne langsamer zu werden, deutete er mit der linken Hand die Straße hinunter und schüttelte sie, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. »Die brauchen Sie dahinten.«

Der Polizist wandte den Blick von Raynor ab, machte einen zögerlichen Schritt in die angezeigte Richtung und ließ Kolt gewähren. Ohne seine Schritte zu verlangsamen, lief dieser auf das letzte Motorrad in der Reihe zu. Mit ausgestreckten Armen setzte er sein ganzes Gewicht ein, um das Fahrzeug um 180 Grad nach Norden zu wenden. Widerstrebend setzte sich das Gefährt in Bewegung, die federbetriebene Seitenstütze schnappte an den Rahmen zurück und das Motorrad gewann an Geschwindigkeit.

Nach etwa 20 Metern hörte er den Polizisten aufgebracht etwas rufen. Es hätte eine Drohung oder eine Warnung sein können; Raynor konnte es nicht deuten, und er blickte nicht zurück. Als das Motorrad so schnell fuhr, wie er rennen konnte, ließ er sich auf den Sattel fallen, um ihm noch mehr Schwung zu verleihen. Er setzte die Füße auf die Pedale, betätigte in einer fließenden Bewegung die Kupplung und drückte den Anlasser. Mit einem Ruck erwachte die Maschine mit ihren 647 Kubikzentimetern Hubraum zum Leben und schoss nun aus eigener Kraft vorwärts. Raynor drehte am Gasgriff, um die Drehzahl zu erhöhen, bevor er in den nächsten Gang schaltete.

Er hatte bereits die halbe Strecke zum Fuß des Lykabettus zurückgelegt, als ihm in den Sinn kam, dass er wahrscheinlich jemanden darüber informieren sollte, was er tat.

Es war nicht schwer, über die tief in seine Gehörgänge geschobenen Ohrstöpsel den Funkverkehr zu hören. Während der Fahrt selbst einen Funkspruch abzusetzen, während der Viertakt-V-Motor unter ihm dröhnte, war etwas ganz anderes. Er ließ einen der Griffe los und betätigte die Sprechtaste.

»Hier Racer«, rief er in das Mikrofon an seinem Kragen. »Ich verfolge den Schützen. Er ist auf dem Berg. Ungefähr einen Kilometer nördlich.«

Er musste ins falsche Mikrofon gesprochen haben, denn anstelle von Slapshot oder einem seiner Truppenkommandanten gehörte die erste Stimme, die ertönte, Simmons. »Negativ, Raynor. Darum können sich Hercules’ Leute kümmern. Ich brauche Sie und Ihre Leute am Flughafen.«

Hercules war der Codename des Secret Service für Polizeioberst Kostas Drougas, einen hochrangigen Offizier von EKAM, der griechischen Antiterror-Eliteeinheit. Er war der Mann, mit dem Raynor und Simmons zusammenarbeiteten. Wie Simmons angedeutet hatte, war EKAM tatsächlich in einer weit besseren Position, um den Scharfschützen zu jagen. Schließlich war es ihre Stadt. Für Raynor hatte der Schutz des Präsidenten Priorität.

Der Notfallplan für einen Vorfall wie diesen sah vor, dass der Präsident so schnell wie möglich zurück an Bord der Air Force One und außer Landes gebracht wurde. Der Nachteil daran war natürlich, dass dieses Vorgehen für einen Feind leicht vorhersehbar war und dieser im Wald am Flughafen mit einer tragbaren Boden-Luft-Rakete warten konnte, um das Flugzeug beim Start abzuschießen. Die modifizierte Boeing VC-25 verfügte zwar über Schutzvorrichtungen, war jedoch wie jedes andere Flugzeug beim Start besonders angreifbar. Deshalb lautete der Plan, dass die Noble Squadron den Flughafen in einem Radius von drei Kilometern abriegeln sollte.

Kolt wusste, dass das korrekte Vorgehen für ihn als Staffelkommandanten in dieser Situation gewesen wäre, Champs Fluchtweg abzusichern. Es war alles andere als abwegig, dass mit diesem Attentat vielleicht bezweckt werden sollte, dass der Präsident in einen Hinterhalt lief. Aber Raynor glaubte nicht, dass das der Fall war. Er war sicher, dass der Scharfschütze allein war und dass seine Kugel ihr beabsichtigtes Ziel bereits getroffen hatte.

Slapshot meldete sich über die Secret-Service-Frequenz, bevor Raynor antworten konnte. »Da sind wir Ihnen weit voraus. Unsere Spähtrupps melden, dass der Weg frei ist. Champ hat freie Fahrt.«

Eine kurze Pause entstand. Dann ertönte Slapshots Stimme in Raynors anderem Ohr, und diesmal war sein Tonfall weit weniger diplomatisch. »Racer! Champ hat Priorität. Was zum Teufel machst du da, Boss?«

Raynor wusste, dass Slapshot ihm die Antwort, die er Simmons geben wollte, nie abgekauft hätte. Er suchte nach der Sprechtaste für den internen Delta-Funk und sagte ihm die Wahrheit. »Das ist Shiner.«

Kolt war zwar ebenfalls der Ansicht, dass der Schutz von Champ die erste – die einzige – Priorität war, aber er wusste auch, dass der Scharfschütze es nicht auf den amerikanischen Präsidenten abgesehen hatte. Für diesen bestand keine unmittelbare Gefahr, jedenfalls keine, die in Verbindung mit dem Ereignis stand, das gerade stattgefunden hatte. Aber der Schütze, den Kolt Shiner genannt hatte – und an dessen Identität er keinen Zweifel hatte –, stellte eine ganz andere Art von Bedrohung dar. Die Einheit, und vor allem Kolt Raynor, hatte die Pflicht, diese Gefahr zu beseitigen. Zwar hatte er heute nicht auf den US-Präsidenten geschossen, aber das konnte sich morgen schon ändern. Für Raynor gab es keinen Widerspruch zwischen seinem derzeitigen Auftrag, den Präsidenten zu schützen, und seiner Verfolgung des Mannes, der gerade Midas umgebracht hatte.

Er ließ die Sprechtaste los und konzentrierte sich auf das Fahren. Da die Straßen vor der Ankunft der Wagenkolonne des Präsidenten geräumt worden waren, konnte er in den leeren Straßenschluchten in wenigen Sekunden auf 100 Stundenkilometer beschleunigen. Ein paar Hundert Meter vor ihm teilte sich die Straße um den Kolonaki-Platz. Über den Baumkronen, auf beiden Seiten von Gebäuden eingerahmt, war ein kleiner Abschnitt des Lykabettus zu erkennen, der noch mehr als 400 Meter entfernt war.

Kolt hatte keine Ahnung, wie viel Zeit verstrichen war, seit die Kugel des Scharfschützen das Leben des griechischen Präsidenten beendet hatte, aber er wusste, dass sie in Sekunden zu messen war, nicht in Minuten. Kaum genug Zeit für den Schützen, seine Position zu verlassen. Was bedeutete, dass der Schütze – Shiner – immer noch dort war, auf dem Berg.

»Und woher kommt diese Einschätzung, Racer?«, fragte Slapshot. »Mal wieder aus dem Bauch heraus?«

»Der Schuss aus weiter Distanz, der Treffer in die Augenhöhle. Das passt zu Shiner, Slap.«

»Scheiße, Racer, da machst du aber einen ziemlichen Sprung. Hast du schon mal was von ›Zufall‹ gehört? Vielleicht war das nur ein Glückstreffer.«

»So viel Glück hat keiner. Komm einfach her«, bellte Raynor. Dann ließ er die Sprechtaste los, um einen Gang herunterschalten zu können, und fuhr langsamer, während er sich der Abzweigung näherte.

Er bog nicht ab, sondern fuhr weiter geradeaus. Das Vorderrad rollte über die Bordsteinkante, als er beschleunigte und auf den Platz fuhr, im Slalom um die Bäume herum, bis er den breiten Fußweg erreicht hatte, der mitten über ihn führte. Der Boden hob und senkte sich, führte über eine Reihe von Terrassen und Rampen – zum Glück waren kaum Menschen auf dem Platz –, bis er schließlich zu einer kurzen Treppe gelangte, die zur Straße auf der anderen Seite hinaufführte. Das TransAlp war ein Reiseenduro, geeignet sowohl für Stadt- als auch Geländefahrten, was im rauen Gelände auf den griechischen Inseln notwendig war. Die vorderen Stoßdämpfer absorbierten den Großteil der heftigen Erschütterungen bei seiner Fahrt über den Platz, aber es reichte nicht ganz aus, um zu verhindern, dass der Lauf seiner versteckten Glock ihm bei jedem Hüpfer einen Schlag in die Eier versetzte. Als er die letzte Treppe erreichte, beugte Raynor sich vor und gab kräftig Gas. Er spürte, wie das Motorrad unter ihm sich in Bewegung setzte. Das vordere Ende schien plötzlich zu leicht zu sein, um am Boden zu bleiben, und in einer Reihe von markerschütternden Rucken begann das Fahrzeug die Treppe hinaufzufahren.

Trotz des Gasgebens am Anfang kroch die Honda nur noch dahin, als er die Straße am anderen Ende des Platzes erreichte, aber ein weiteres Drehen am Gasgriff half dagegen. Reifenquietschend schoss das Motorrad auf die Straße hinaus, die im Gegensatz zu denen auf der anderen Seite nicht abgeriegelt worden war. Über dem Kreischen heftig getretener Bremsen und wütendem Hupen hörte Raynor Polizeisirenen. Eine ganze Menge davon. Er wusste nicht, ob sie kamen, um ihn zu unterstützen, oder um ihn festzunehmen, und er wollte nicht anhalten, um es herauszufinden. So oder so würden sie alle dort sein, wenn er Shiner zur Strecke brachte.

Das kantige Profil des Bergs kam hinter einer Reihe von Wohngebäuden auf der anderen Straßenseite in Sicht. Das größte dieser Häuser war sieben Stockwerke hoch und musste für den Schützen direkt in der Schusslinie gelegen haben. Raynor stellte eine rasche Berechnung an: Seine Position musste viel weiter oben am Hang gewesen sein, damit er über sie hinwegschießen konnte.

Er steuerte in den Verkehr und fuhr nach Osten, umrundete die Wohngebäude und suchte nach einem Weg, der ihn nach Norden zum Berg führen würde. Aber obwohl er sich praktisch bereits am Hang befand, konnte er durch die vielen Apartmenthäuser und Bäume den Gipfel nicht sehen. Mit einem geknurrten Fluch bog er bei erster Gelegenheit links ab.

Wie lange war es jetzt her? Vielleicht zwei Minuten? Jedenfalls nicht viel länger.

Weiterhin hörte er Funksprüche, lästig wie ein Moskitoschwarm. Simmons checkte mehrmals die Route zum Flughafen und drängte seine Leute, wachsam zu bleiben. Kolt tat sein Bestes, ihn zu ignorieren. Was er im rechten Ohr auf der Frequenz seiner Staffel hörte, klang um einiges professioneller. Alle Mitglieder und diejenigen der Augmentationszelle kannten das Standardprotokoll für so eine Situation: Man hielt im Funknetz den Mund, es sei denn, man hatte etwas Wichtiges zu sagen.

Kolt wusste, dass seine Operators in Zivil zusammen mit der Menge den Tatort verlassen hatten und auf dem Weg zu ihrem Treffpunkt waren. Es war Zeitverschwendung, vor Ort zu bleiben, nachdem der Schaden angerichtet war. Nicht nötig, weiter nach verdächtigen Personen oder möglichen Beobachtern im Dienst des Schützen Ausschau zu halten oder auch nur nach irgendeinem Arschloch, das den Mord mit einer GoPro für ein Propagandavideo filmte. Nein, sie wussten aus Erfahrung, dass diese Schweine längst verschwunden waren. Für Kolt machte das nur noch deutlicher, dass er bei dieser schlecht durchdachten Unternehmung auf sich allein gestellt war.

Er beachtete das Geplapper über Funk nicht und konzentrierte sich darauf, den Fuß des Lykabettus zu erreichen. Er fand den Pfad, der bergauf führte, hauptsächlich indem er dem Strom der Touristen auf den Bürgersteigen folgte.

Slapshot meldete sich zu Wort. »Racer, wo bist du jetzt?«

»Auf dem Weg zum Südgipfel des Lykabettus.«

»Mach keine Dummheiten. Die Verkehrspolizisten könnten dich für einen Terroristen halten, vor allem wegen der Grand-Theft-Auto-Nummer, die du da abziehst.«

»Kapiert.«

Es gab mehrere Routen, die zu den zwei Gipfeln des Lykabettus führten: sich schlängelnde Pfade, unregelmäßige Treppen, eine befestigte Straße, sogar eine Seilbahn. Die meisten lagen weiter östlich oder am Nordhang. Aber es gab einen schmalen Pfad, der im Südwesten begann.

Während seiner gesamten Militärkarriere hatte sich Kolt Raynor immer auf sein Bauchgefühl verlassen. Für seine Kritiker war das der Beweis dafür, dass er nicht immer ganz zurechnungsfähig war. Ein- oder zweimal hatte sein Bauchgefühl ihn auch in ernsthafte Schwierigkeiten gebracht – lebensbedrohliche Schwierigkeiten. Aber wenn er eine schwerwiegende Entscheidung zu fällen hatte, war es immer die bessere Option, seinen Instinkten zu trauen, als die Gedanken sich im Kreis drehen zu lassen oder vor lauter Situationsanalysen wie gelähmt zu sein.

Er konnte Shiner beinahe vor sich sehen, am Hang direkt über ihm, wie er seine Tarnung abwarf, sein Gewehr liegen ließ und den Pfad hinunterwanderte, bis er sich unter die Leute mischen konnte, wie er lässig mit den anderen Besuchern davonspazierte, die keine Ahnung hatten, was gerade in 600 Metern Entfernung passiert war.

Er würde gehen, nicht rennen. Kolt fuhr langsamer und lenkte das Motorrad über eine kurze Treppe zum Pfad hinauf. Die wenigen Fußgänger, denen er begegnete, wichen zur Seite aus und machten ihm Platz. Die Kennzeichnung als Polizeifahrzeug war für sie eine hinreichende Erklärung für das Kraftfahrzeug auf dem Fußweg. Er suchte in jedem Gesicht – männlich oder weiblich – nach Ähnlichkeiten mit dem Gesicht, das sich ihm ins Gedächtnis eingebrannt hatte … eine 16 Jahre alte Erinnerung.

Werde ich ihn überhaupt erkennen? Was, wenn er mich zuerst erkennt?

Das erschien ihm unwahrscheinlich. Kolt war damals nicht nur viel jünger gewesen, er hatte auch einen Bart und eine dichte Haarmähne getragen. Dies war eine der Situationen, in denen eine Rasur und ein Haarschnitt die bessere Verkleidung boten.

Das Geräusch von Sirenen hinter ihm erinnerte ihn an ein nur geringfügig weniger dringliches Problem. Er drückte die Sprechtaste. »Slap. Statusbericht. Haben wir die Polizei schon auf unserer Seite?«

Slapshot antwortete fast sofort, aber er sprach abgehackt, schwer atmend. Raynor wurde klar, dass er wahrscheinlich rannte, um ihn einzuholen. »Die lassen dich gerade von Interpol überprüfen, aber ja, Mann. Ich konnte Hercules überzeugen, dass du den Schützen entdeckt hast. Das hast du doch, oder?«

»Er ist hier irgendwo.« Raynor sagte es ohne Zögern oder Unsicherheit. Er sah hinter sich, wo die Wohngebäude immer noch die Sicht zum Nationalgarten verstellten. Der Schuss musste aus einer höheren Position gekommen sein, aber bei normalem Schritttempo konnte der Scharfschütze diese Stelle bereits erreicht haben. Oder er hatte einen anderen Weg genommen.

»Dann navigier uns hin, Racer«, bat Slap.

»Sag Hercules, seine Leute sollen zum Lykabettus fahren. Sie müssen jede Route blockieren, die von diesem Berg herunterführt, sofort. Keiner darf weg. Und schaff auch Stitch her. Er wird genau wissen, wo er suchen muss.«

Kolt vertraute Clay »Stitch« Vickery ebenso sehr, wie er Slapshot und Digger vertraute. Er hatte jahrelang mit Kolt im Mike-Squadron-Angriffstrupp gedient. Erst kürzlich hatte Webber ihn der Noble Squadron zugewiesen, wo er Major Barnes’ Sergeant Major geworden war. Obwohl er möglicherweise der beste Scharfschütze der Einheit war, betrachtete Stitch sich als einen »vorgeschobenen Angreifer« – einen Scharfschützen, der es vorzog, mit einem Angriffstrupp Türen einzutreten, obwohl er es nicht musste. Mit seinem Jagdinstinkt war Stitch der perfekte Mann, um Shiners genaue Position zu finden.

»Roger«, erwiderte Slapshot. Eine Pause entstand. »Das ist noch nicht offiziell, aber Midas hat’s hinter sich. Schuss durchs Auge. Damit hast du goldrichtig gelegen.«

»Das ist Shiners Markenzeichen.«

»Wenn er so ein verdammt guter Distanzschütze ist, warum hat er sich dann die Chance entgehen lassen, unseren Präsidenten zu erledigen? Meinst du, er hat den Falschen getroffen?«