Black Site - Das Geheimlager - Dalton Fury - E-Book

Black Site - Das Geheimlager E-Book

Dalton Fury

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Beschreibung

Erschreckend aktuell und realistisch! Aus Kolt Raynor ist ein Säufer geworden, der keinen Sinn mehr in seinem Leben sieht. Vor drei Jahren wurde er aus der Delta Force gefeuert. Damals endete ein Einsatz in einer Katastrophe: Er traf eine Entscheidung, die seine Männer mit dem Leben bezahlen mussten. Da wird Raynor gebeten, noch einmal zurückzukehren in die Berge von Pakistan. Einige Soldaten sollen überlebt haben. Er soll sie finden und nach Hause bringen. Dies ist Raynors Chance auf Erlösung, aber sie hat ihren Preis … Raynor sucht nach einem geheimen US-Gefängnis, doch er weiß nicht, dass die al-Qaida dasselbe Ziel hat. Er ahnt auch nichts von seinem unbekannten Verfolger, der vor nichts zurückschreckt, um sicherzustellen, dass Raynor die Mission nicht erfüllt. Brad Thor: 'Ein beindruckender Thriller, aufgeladen mit Tempo, Spannung und harter Action. Dieses Buch kann man nicht aus der Hand legen!' Kirkus Reviews: 'Fury schreibt frontline-action fiction.' Über den Autor: Dalton Fury ist ein ehemaliger Kommandant der Delta Force, der in über 90 geheimen Missionen eingesetzt wurde. Nach dem Terroranschlägen des 11. September 2001 erhielt er den Auftrag, mit seinem Team den meistgesuchten Mann der Welt zu finden und zu töten - die Einzelheiten schildert er in seinem ungewöhnlichen Tatsachen-Bestseller Kill Bin Laden. Seine Erfahrungen in der Delta Force nutzt Dalton, um die explosiven Thriller mit Kolt ›Racer‹ Raynor so realitätsnah wie möglich zu schreiben.

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Seitenzahl: 602

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Aus dem Amerikanischen von Patrick Baumann

Impressum

Die amerikanische Originalausgabe Black Site – A Delta Force Novel erschien 2012 im Verlag St. Martin’s Press.

Copyright © 2012 by Dalton Fury

1. Auflage August 2015

Copyright © dieser Ausgabe 2015 by Festa Verlag, Leipzig

Lektorat: Alexander Rösch

Titelbild: iStockphoto.com und Shutterstock.com

Alle Rechte vorbehalten

eISBN 978-3-86552-360-0

www.Festa-Verlag.de

Für die Adler an der Wand.

Vorbemerkung

2001 erhielt ich als Truppenkommandant der Delta Force den geheimen Auftrag, den meistgesuchten Mann der Welt aufzuspüren und zu töten – Osama bin Laden. 2008 hielt ich die bis dahin verschwiegenen Hintergründe dieser schicksalhaften Mission in dem Buch Kill Bin Laden fest und zeichnete die vielen Wendungen der Schlacht um Tora Bora nach, die hoch in den Bergen Ostafghanistans stattgefunden hatte. Kurz nachdem Kill Bin Laden zum Bestseller wurde, begab ich mich auf eine neue Mission – die Mission, eine Thrillerserie über verdeckte Militäroperationen und diejenigen zu schreiben, die sie durchführen: ›echte‹, wenn auch fiktive Geschichten über wahre Kämpfer.

Aber statt sofort loszuschreiben und die ohnehin mit Actionromanen überquellenden Regale der Buchhändler weiter zu füllen, beschloss ich, zunächst tief in mich zu gehen. Vor allem musste ich die einzigartigen mentalen Eigenschaften eines Delta Force Operators analysieren und deutlich herausarbeiten – alles wegen eines einfachen, aber extrem mächtigen Wortes.

Es war im Jahr 2004. Unsere volle Konzentration galt allem, was mit Abu Musab al-Zarqawi zu tun hatte. Der schwer zu fassende jordanische Terrorist und Anführer von al-Qaida im Irak war gerade an den Spitzenplatz unserer Liste wichtiger Zielpersonen gerückt, nachdem man Saddam Hussein in irgendeinem stinkenden Rattenloch aufgestöbert hatte.

Eines Nachts standen wir wenige Augenblicke davor, ins Zentrum von Falludscha vorzudringen, um innerhalb eines vorgegebenen Zeitrahmens eine mit al-Zarqawi in Verbindung stehende Zielperson auszuschalten. Uns blieb nicht viel Zeit für Besprechungen. Jeder wusste, was zu tun war. Amerika erwartete einen Vorstoß von uns, selbst wenn unsere Informationen etwas unzuverlässig sein mochten. Wir gehörten schließlich zur Delta Force. Wenige Momente, bevor wir in die Fahrzeuge und Helikopter stiegen, sah mir ein Offizierskollege in die Augen und meinte: »Dalton, du bist ein Hitzkopf!«

Damals dachte ich: Du hast verdammt recht, das bin ich!

Die Jagd auf Terroristen erfordert manchmal, dass man sich innerhalb eines einzigartigen psychologischen Spektrums bewegt, in dem impulsives Verhalten, Hast und unüberlegtes Handeln sich auszahlen. Eine Geisteshaltung, die enormen Wert auf ungreifbare Faktoren wie Instinkt, Intuition und Vorahnungen legt, löst in einer risikoscheuen Kultur oft Stirnrunzeln aus. Damit mein Roman Black Site glaubwürdig sein konnte, musste Kolt Raynor über all diese Eigenschaften verfügen – und noch über viele weitere.

Aber Kolt Raynor ist nur ein freigeistiger Delta Force Operator – nicht Superman. Seine Größe, sein Gewicht und sein Körperbau sind eher durchschnittlich. Darüber hinaus verkörpert er eine Mischung der einzigartigen Talente, Eigenarten, Motivationen und Persönlichkeiten eines echten Kämpfers dieser Spezialeinheit.

Er fühlt sich beim gemeinsamen Vorgehen mit Teammitgliedern wohler, als wenn er auf eigene Faust handeln muss, genau wie die meisten echten Operators. Er hat eine Vision. Außerdem bringt er eine Leidenschaft für seinen Beruf mit, das mentale Durchhaltevermögen eines Schachprofis, und er tut, was er kann, um sich von bürokratischen Papierkriegen fernzuhalten. Das Besondere an Kolt Raynor ist, dass sein Verhalten manchmal an Aufsässigkeit grenzt und er sich bei Einsätzen größtenteils auf sein Bauchgefühl verlässt. Diese Vorgehensweise verschafft ihm die breite Unterstützung der Soldaten der Spezialeinheit, macht ihn schnell einsatzfähig und verleiht ihm bei seinen Einsätzen eine ungeheure Schlagkraft. Und obwohl die Vorgesetzten seine Marotten nicht besonders zu schätzen wissen, sind sie doch klug genug, ihn gewähren zu lassen.

Genauso wichtig wie die Darstellung Raynors war mir die Glaubwürdigkeit der Handlung selbst – natürlich musste es um große Risiken gehen, wie sie bei allen Delta-Missionen ins Spiel kommen, aber innerhalb des fiktionalen Rahmens musste ein klares Gefühl dessen erhalten bleiben, was in der realen Welt möglich ist. Außerdem wollte ich die aktuellen politischen Rahmenbedingungen unverfälscht einbeziehen. Probleme aus unserer eigenen Welt, etwa die Schwierigkeit, parlamentarische Rückendeckung für Operationen zu erhalten, bei der moralische Grenzen überschritten werden, oder die Handlungsvollmacht für riskante Missionen, mussten ebenso Berücksichtigung in Black Site finden wie die unbeschreibliche Liebe zu den Teammitgliedern, die zu einer bizarren Bereitwilligkeit führt, alles zu opfern, um einen Kameraden zu retten oder ganz einfach das Richtige zu tun.

Viele Jahre lang erledigte Kolt Raynor zuverlässig seinen Job. Aber eines Nachts ging er zu weit. Bei einer riskanten Mission im pakistanischen Ödland trübte Raynors Enthusiasmus sein Urteilsvermögen. Ein tödlicher Fehler. Und bei der Delta Force geht der Abstieg vom Helden zum Niemand blitzschnell vonstatten, selbst für einen Operator von Kolt Raynors Format.

Raynor fiel in Ungnade, wurde ins Abseits gedrängt und hing schließlich an der Flasche. Er versuchte, alles hinter sich zu lassen. Aber seine Vergangenheit ließ ihn nicht los. Und allen Bedenken zum Trotz wurde seiner Einheit bald klar, dass sie Kolt Raynor dringender brauchte als er sie.

Dalton Fury

1

Drei kleine Boote tanzten über das Wasser. Sie fuhren auf Abfangkurs zu dem riesigen Frachtschiff, das sich im Nachmittagsnebel vor ihnen auftürmte. Kohlenschwarze sehnige Somali und kaffeebraune arabische Jemeniten, insgesamt 16 Männer, lehnten sich in den Wind, beobachteten das Schiff, das am Horizont schnell größer wurde, und hantierten an ihren Kalaschnikows.

Keiner der 16 tat das hier zum ersten Mal. Sie alle waren erfahrene Piraten.

Die ungleichmäßigen Wellen und das niedrige Profil ihrer langen, schmalen Skiffs unterdrückten ihre Radarsignatur, während sie sich mit dreister Geschwindigkeit dem Heck des Schiffs näherten.

Sie waren high, bis auf den letzten Mann. Aber sie hatten keine Beruhigungsmittel oder Ähnliches eingenommen, nichts, was ihre Sinne verwirren oder ihre Entschlossenheit vermindern konnte. Nein, sie waren auf Kath – einer Droge mit amphetaminähnlicher Wirkung, die entlang des Horns von Afrika wie Kautabak in Blattform gekaut wird. Sie kauten seit dem späten Vormittag und nun raste die stimulierende Wirkung der Droge mit voller Kraft durch ihre Blutbahnen. Das Kath verlieh ihnen extreme Energie und ein fast übermenschliches Selbstvertrauen, aber es ließ sie auch unruhig, reizbar und sprunghaft agieren.

Zusammen mit den geladenen Waffen in den Händen und der Verheißung des großen Reibachs, sobald sie das Schiff eingenommen hatten, steuerte das Kath eine verhängnisvolle Zutat zu einer Situation bei, die für sich genommen instabil genug war.

Und es gab noch ein weiteres gefährliches Element, das bereits gründlich in diesem überkochenden Kessel verrührt wurde und früher oder später dafür sorgte, dass die kommenden Ereignisse kein gutes Ende nahmen.

Ihr Anführer war auf Rache aus.

Sein Name lautete Abdiwali. Erst 22 und doch bereits ein altgedienter Pirat in diesen Gewässern. Er spuckte einen mit Kath durchsetzten Schleimklumpen ins schäumende Kielwasser, das der Bug des Holzbootes beim Pflügen durch das grüne Meerwasser hinterließ. Dann packte er seine AK47 mit verschwitzten Fingern und schrie dem alten Mann zu, der den Außenbordmotor bediente, dass seine Mutter eine Hure sei, wenn es ihm nicht gelang, das Boot schneller fahren zu lassen.

Abdiwali betrachtete den vor ihnen aufragenden Frachter und stellte sich die an Deck schuftenden Arbeiter vor. Wehrlose Trottel. Zweifellos Ungläubige. Sie dürften die näher kommenden Schnellboote bald sehen und begreifen, dass ihr Schiff gekapert wurde. Wenn diese Seeleute so reagierten wie all die anderen auf den Schiffen, die Abdiwali zuvor erobert hatte, würden sie eine Schreckschusswaffe abfeuern, die ein lautes Geräusch erzeugte, lästig und schmerzhaft, aber das Ziel der Abschreckung verfehlte.

Vielleicht bespritzten sie die Piraten auch mit Wasser, das ein langsameres oder größeres Boot leicht zum Kentern bringen konnte. Aber für Abdiwalis schlanke, wendige Skiffs stellten Wasserschläuche keine Bedrohung dar. Wenn diese Seemänner so reagierten wie all die anderen, sahen sie früher oder später ein, dass ihr Schicksal unabwendbar war, verlangsamten ihr Schiff und ließen sie an Bord kommen.

Falls ihnen Zeit dazu blieb, konnten sie sich in einen Schutzraum einschließen, eine Zitadelle, um sich vor den Gewehren der Piraten in Sicherheit zu bringen, während sie Kontakt zur Reederei des Frachters aufnahmen. Abdiwali und seine Männer würden Lösegeld fordern und sich über die Schnaps- und Fleischvorräte der Schiffsoffiziere hermachen. Auf die Beteuerung hin, niemanden von der Crew zu verletzen, würden schließlich die Türen der Zitadelle geöffnet und in demonstrativer Freundschaft Zigaretten herumgereicht. Anschließend kehrten die Deckarbeiter zu ihren Verpflichtungen oder in ihre Kojen zurück.

Nach ein paar Tagen – oder Wochen, falls die Reederei es für nötig hielt, sich unnachgiebig zu zeigen – bekam Abdiwali dann sein Geld und man konnte sich auf dem Schiff gegenseitig die Hände reichen. Danach stiegen die Piraten in ihre Skiffs und rasten wieder zum Mutterschiff. Der Frachter konnte anschließend mitsamt seiner Besatzung und Ladung die Fahrt fortsetzen, als hätte es den Vorfall nie gegeben.

Nein. Diesmal nicht.

Der Tod von Abdiwalis Bruder lag eine Woche zurück. Er hatte eine ähnliche Kaperfahrt angeführt und den Fehler gemacht, sich einen saudi-arabischen Tanker als Ziel auszusuchen. Dafür hatte er mit dem Leben bezahlt. Die Saudis verweigerten jegliche Verhandlung. Sie schickten bewaffnete Hubschrauber aus Dschidda, die das Deck des Tankers mit Maschinengewehren beharkten. Dabei töteten sie sowohl Entführer als auch Geiseln und schossen sogar den ersten Offizier des Schiffs nieder. Abdiwalis Bruder wurde in zwei Hälften gerissen und mit einem Fußtritt zu den Haien ins Meer befördert. Einen Piraten ließ man am Leben, brachte ihn an Bord des Helikopters und setzte ihn vor der Küste ab, damit er den anderen sagen konnte, dass sie nach Herzenslust Schiffe im Golf von Aden überfallen durften, solange am Heck keine saudische Flagge wehte.

Der Frachter, der vor ihnen das warme Wasser aufwühlte, gehörte nicht den Saudis, darüber hatte Abdiwali sich Gewissheit verschafft. Aber sein Zorn war echt und sein Rachedurst musste gestillt werden, ganz egal, an wem. Von nichts anderem als Instinkt und unbändiger Wut getrieben, beschloss der junge Abdiwali, sämtliches Leben an Bord zu vernichten.

Der 37-jährige Kolt Raynor öffnete langsam die Augen und starrte an die niedrige Decke. Die Hitze in seiner Kabine war erdrückend. Schweißperlen hingen ihm in den Wimpern. Der abgestandene Geschmack von Erbrochenem im Mund mischte sich mit dem Discounter-Bourbon, den er in den letzten sechs Tagen fast ohne Pause getrunken hatte, und sorgte dafür, dass ihm wieder schlecht wurde. Er rollte sich in seiner Koje auf die Seite und schaute durch den Raum, der etwa die Größe eines Wandschranks hatte, zur Tür, hinter der sich ein blauer Himmel abzeichnete.

Nachmittagssonne.

Scheiße. Kolt hatte seit dem Frühstück geschlafen. Er blickte auf seine Armbanduhr.

Schon kurz nach drei.

Als er sich aufsetzte, drehte sich alles um ihn. Er stützte sich mit den Händen auf die Knie, bis der Schwindelanfall verflog. Die Trainingshose aus Baumwolle war bis zu den Schienbeinen hochgerutscht, das Tanktop mit fettigen Essensresten beschmiert und die weißen Socken an der Sohle ganz schwarz. Seine Uniform hing frisch gebügelt im Schrank. Er hatte sie noch nicht mal aus der Plastikhülle genommen.

Kolt füllte die Kleidung mit seinem Körperumfang gut aus. Die Fettpölsterchen wirkten im Spiegel in letzter Zeit immer breiter. Kinn- und Schnurrbart waren ungepflegt weitergewachsen und sein Haar hing bis über die Kragenlinie.

Aber er hatte ohnehin schon seit geraumer Zeit kein Hemd mit Kragen mehr getragen.

Er bückte sich und hob die Flasche auf, die mit den Bewegungen des Schiffs hin und her rollte. Nachdem er den Plastikbecher gefunden hatte, goss er sich drei Fingerbreit Whiskey ein. Trotz der immensen Hitze in dem beengten Raum war er zu faul, die Treppe zur Kombüse auf Deck A hinunterzusteigen, um Crushed Ice aus der Maschine zu holen.

Als er den Drink an die Lippen setzte, piepste das zwischen den Laken seiner Koje vergrabene Satellitentelefon.

Beim dritten Klingeln fand er es.

»Raynor.«

»Kolt? Hier ist Pete.«

»Colonel? Wie spät ist es in Virginia?«

»Sechs Uhr morgens.«

Raynor wischte sich mit dem Unterarm salzigen Schweiß von der Stirn. »Dann rufen Sie wohl nicht nur zum Plaudern an, was?«

»Junge, haben Sie etwa getrunken?«

Raynor sah auf die Flasche herab, die er immer noch in der rechten Hand hielt. Halb leer. Er hatte eine Kiste davon an Bord geschmuggelt, doch dies war der letzte Rest. »Natürlich nicht. Ich bin im Einsatz.«

»Der Kapitän sagt, Sie hätten über die Reling gekotzt.«

»Es ist ein Schiff. Leute kotzen nun mal auf Schiffen, Pete.«

»Der Kapitän hat außerdem gesagt, Sie seien aufsässig geworden.«

»Der Kapitän ist ein Volltrottel. Wir hatten ’ne kleine Auseinandersetzung. Keine große Sache.«

»Er hat erzählt, Sie seien im Suff unhöflich geworden.«

»Es ist nicht mein Job, nett zum Kapitän zu sein. Mein Job ist … na ja, Sie wissen schon. Eigentlich ist es mein Job, hier rumzusitzen und gar nichts zu tun.«

»Sie sind der Sicherheitsbeauftragte. Sie haben eine Menge Aufgaben und wissen ganz genau, welche das sind.«

Kolt leerte den Plastikbecher mit Bourbon und warf ihn in dem Wissen weg, dass er bald genug zu ihm zurückrollte. »Ja, Sir. Ich habe die Erlaubnis, das LRAD einzusetzen, falls wir angegriffen werden.« Beim Long Range Acoustic Device handelte es sich um eine akustische Waffe, die extrem laute Signaltöne erzeugte und sich theoretisch einsetzen ließ, um Piraten in die Flucht zu schlagen.

Aber im tatsächlichen Gebrauch hatte sich herausgestellt, dass das LRAD kaum mehr als ein nervender Krachmacher war.

»Das ist aber nicht alles.«

»Nachts drehe ich die Schläuche auf, damit Enterversuche von den Seiten verlangsamt werden. Ich vergewissere mich, dass die Anti-Piraten-Zäune intakt sind. Das sind maximal 60 Minuten Arbeit, und zwar eine Arbeit, die ein gut dressierter Schimpanse genauso erledigen könnte. Kommen Sie schon, Pete, dieser Job ist ein Witz.«

»Sie sind derjenige, der einen Witz draus macht. Sie sollten dankbar für den Gehaltsscheck sein. Vor sechs Monaten haben Sie in einer Mall in North Carolina Campingausrüstung verkauft. Jetzt sind Sie ein gut bezahlter privater Sicherheitsbeamter auf einem Containerschiff, das den Golf von Aden durchquert. Sie haben doch die Bedrohungsanalyse gelesen, die ich Ihnen nach Neapel durchgefaxt habe, oder?«

Raynor kämpfte mit dem Handrücken einen Schluckauf zurück. Er hob das Telefon wieder ans Ohr. »Ich kenne die Ausgangssituation. Es gibt Piraten im Golf und das sind Arschlöcher. Aber statistisch gesehen liegt die Chance, dass wir überfallen werden, bei weniger als eins zu 300. Seit die NATO im Golf von Aden patrouilliert, gibt es kaum noch Angriffe. Und wenn’s doch passiert, kann ich’s sowieso nicht verhindern. Ich bin ein verdammter blinder Passagier. Ich hab keinerlei Befugnisse und keine Waffen.«

»Die Einsatzregeln unserer Klienten sind streng, das kann ich bestätigen, aber …«

»Einsatzregeln? Die einzige Regel, die sie haben, lautet: ›Halt dich da raus!‹ Die lassen mich gar nichts tun, außer das LRAD zu benutzen, wenn wir überfallen werden, oder mich um die Lösegeldübergabe zu kümmern, falls es zu einer Enterung kommt. Das könnte der Kapitän genauso gut wie ich.«

»Kolt, auf diesem Schiff befindet sich Ladung im Wert von einer halben Milliarde Dollar und in der maritimen Sicherheitsindustrie gibt es ein schlecht gehütetes Geheimnis, das Sie kennen sollten. Wie viele andere Unternehmen auch heuert Jorgensen Cargo Lines uns nur deshalb für jedes Schiff an, das die Tour durch den Golf von Aden unternimmt, weil die auf diese Weise ihre Versicherungsprämien reduzieren können. Die sparen Geld dadurch, dass Sie auf Ihrem Arsch sitzen und ihn in der Sonne bräunen. Falls Sie gekapert werden, sagen Sie einfach dem Kerl mit dem größten Handtuch auf dem Kopf, dass Jorgensen Lösegeld an jede Bank überweisen wird, die er Ihnen nennt. Der Job ist äußerst wichtig, er ist simpel und setzt lediglich voraus, dass Sie nüchtern bleiben. Kriegen Sie das für mich hin, Kolt?«

»Ja, Pete.« Kolt trank den Bourbon jetzt direkt aus der Flasche. Er mochte Pete Grauer. Er wusste zu schätzen, dass der Ex-Colonel der Rangers ihm Sicherheitsjobs verschaffte, wenn sonst niemand mehr seine Anrufe entgegennahm. Selbst wenn es sich nur um einen armseligen Job auf einem stinkenden Dampfer handelte, der mitten im Nirgendwo hin- und herfuhr.

Grauer fuhr fort: »Machen Sie noch ein paar Frachtertouren, beweisen Sie mir, dass Sie sich zusammenreißen können, dann finde ich sicher eine bequeme Festanstellung in der Nähe der Heimat für Sie.«

»Danke, Pete.«

»Wie geht’s Ihrem Rücken?«

»Tut ein bisschen weh. Halb so schlimm.«

»Sie haben verdammtes Glück, noch am Leben zu sein nach allem, was Sie durchgemacht haben. Das ist Ihnen doch klar, oder?«

Kolt erinnerte sich an einen Moment in der allzu fernen Vergangenheit zurück. Die Flut der Emotionen, die sein schnapsvernebeltes Hirn erfüllte, gab ihm ganz und gar nicht das Gefühl, Glück gehabt zu haben. Trotzdem antwortete er: »Ja, Sir.«

»Machen Sie Ihre Übungen?«

Kolt nahm noch einen Schluck Bourbon und lehnte sich auf der Koje zurück. »Na sicher.«

»Wie werden Sie von der Crew behandelt?«

»Abgesehen vom Kapitän sind die alle in Ordnung. Norwegische Offiziere, philippinische Deckarbeiter. Bislang war der einzige Vorfall, dass einer von der Crew einen anderen verpfeifen wollte, weil der eine Pistole mit an Bord genommen hat. Ich hab mit dem Täter geredet, er hat mir die Waffe gezeigt. Ist ’ne alte Zinkpistole, Kaliber 22, mit der er Ratten jagt.«

»Haben Sie die Waffe konfisziert?«

»Himmel, nein. Diese Blechbüchse steckt voller Ungeziefer. Ich würd ihn selbst ’n Kaliber-50-Maschinengewehr samt Munitionsgurt in seiner Koje aufbewahren lassen, wenn er damit die Ratten abknallt.«

Pete lachte leise. »Okay. Dann lassen wir das mal durchgehen. Rufen Sie mich an, wenn es Schwierigkeiten gibt.«

Raynor schnaubte. »Statistisch betrachtet liegt die Chance, dass Sie von mir hören, bei eins zu 300.«

»Eine Sache noch.«

»Sir?«

Einige Sekunden lang hörte Kolt nur das Knistern und Knacken der Satellitenverbindung. Grauer war normalerweise ein Mann, dem selten die Worte fehlten. »Ich verstehe … alle verstehen, dass das, was Sie in den letzten drei Jahren durchgemacht haben, hart gewesen ist. Ich kann mir vorstellen, was für Schuldgefühle Sie mit sich herumschleppen. Aber … egal was passiert ist, Sie müssen das nächste Kapitel aufschlagen und darüber hinwegkommen. Diese Männer sind nicht mehr da und Ihr Selbstmitleid wird keinen von ihnen zurückbringen. Sie müssen sich selbst vergeben. Sie müssen den Rücken durchstrecken, den Kopf hochnehmen und weitermachen. Ins Leben zurückfinden.«

»Ja, Sir.« Raynors Psychiater vom Veteranenamt hatte ihm fast drei Jahre lang das Gleiche gepredigt.

Grauers Tonfall veränderte sich. Hatte er eben noch wie ein enttäuschter, aber einfühlsamer Vater geklungen, ging er nun wieder ganz in der Rolle des wortkargen kommandierenden Offiziers auf. »Und ich habe ein Geschäft zu führen. Ich kann es mir nicht leisten, dass Sie sich mit dem Kapitän anlegen. Das ist ein lukrativer Auftrag.«

»Ich verstehe.«

»Ich erwarte von Ihnen die gleiche professionelle Einstellung, die Sie unter meinem Kommando jeden Tag bewiesen haben.«

Raynor setzte sich aufrecht hin. Er konnte nicht anders. Nach 15 Jahren beim Militär war seine Reaktion auf diesen Befehlston zu einem pawlowschen Reflex geworden. »Ja, Sir.«

Grauer trennte die Verbindung.

Raynor ließ das Telefon fallen und gleichzeitig sackten auch seine Schultern wieder herab. Er wischte sich den brennenden Schweiß aus den Augen und beugte sich in der Nische vor, um den schmerzenden Rücken zu strecken. Er war hungrig und verdreckt, ihm war schlecht von der Sauferei und er verspürte Wut auf sich selbst, weil er sich so gehen ließ. Früher hatte man ihn respektiert, das wusste er, und es machte ihn krank über seine eigene Veränderung nachzudenken.

Er war ein Army Ranger gewesen, ein Offizier, später ein Mitglied der Delta Force, der elitärsten Kampftruppe der Welt.

Aber all das hatte vor drei Jahren geendet.

Kolt zuckte mit den Achseln und schüttelte die Erinnerungen ab, die ihn zu überwältigen drohten, schüttelte gerade genug Selbstekel ab, um aufstehen und in die Sandalen schlüpfen zu können. Er ging zur Kombüse hinunter, um sich ein Sandwich zu machen.

Fünf Minuten später saß Kolt Raynor allein in der Kombüse, aß ein Brot mit Frischkäse und fragte sich, ob er sich wieder übergeben musste. Ihm war mulmig zumute, als ob der Raum sich um ihn drehte. Er legte die Hände flach auf den Metalltisch, um zur Ruhe zu kommen. Sein Teller rutschte nach rechts, ebenso wie einige andere Gegenstände im Raum. Jetzt spürte er es eindeutig – es lag nicht an seiner Übelkeit, war keine bloße Einbildung. Das Schiff drehte bei unverminderter Geschwindigkeit hart nach Backbord ab. Er wusste, dass die Küste noch weit entfernt lag, ebenso wie die Nacht. Daher gab es ihm Rätsel auf, weshalb der Kapitän ein derart drastisches Manöver durchführen ließ. Es befand sich niemand in der Nähe, der es ihm erklären konnte – alle Matrosen arbeiteten in anderen Abschnitten des Frachters.

Raynor schnappte sich einen Brocken Weißbrot, verließ die Kombüse und stieg über die Treppe ins Freie. Er befand sich jetzt eine Ebene über dem Hauptdeck und ging auf die Stufen zu, die zum Steuerraum hinaufführten. Ein philippinischer Schiffsarbeiter mittleren Alters, der einen hellbraunen Overall und einen roten Schutzhelm trug, stieg über eine steile Leiter auf seine Ebene und rannte an ihm vorbei. Die dicken Gummistiefel polterten über den profilierten Metallboden des Decks.

»Was ist los?« Kolt wusste, dass der andere nur Tagalog sprach, aber er war immerhin in der Lage, ihm eine einfache Botschaft zu übermitteln.

»Piraten!«

Kolt stand bloß da und fragte mit einem Klumpen Brot im Mund: »Im Ernst?«

2

Raynor glaubte ihm nicht. Er kaute weiter sein Brot, während er über eine andere steile Treppe zu Deck B hinaufstieg, zwei Ebenen über dem Hauptdeck mit den Containern. Er schaute nach Steuerbord, auf den Ozean hinaus.

Nichts.

Er ging zur Backbordseite des Oberbaus, eher neugierig als besorgt. Das Schiff hatte sein drastisches Steuermanöver beendet und schoss wieder geradlinig durch das Wasser. Genau hinter dem Schiff, backbord im Kielwasser, entdeckte er drei kleine Boote. Dreieinhalb Meter lang und schnell, alle voller Männer. Er schätzte, dass es insgesamt 15 waren, einige Schwarze, einige Araber. Die meisten hatten AK47- oder AK74-Gewehre im Anschlag, aber er vermutete auch mindestens einen Raketenwerfer. Die kleinen Wasserfahrzeuge hüpften auf und ab und hielten selbstsicher auf das riesige Schiff zu.

»Ich werd verrückt.« Sie waren zu nahe für das LRAD und Raynor blieb nicht genug Zeit, um zu den Feuerwehrschläuchen zu kommen.

Diese Männer würden in Kürze das Schiff entern.

Raynor hatte bereits versagt.

Die Piraten erweckten mit ihren Turbanen und den mit Gewehrmagazinen behängten Oberkörpern einen durchaus bedrohlichen Eindruck. Aber Kolt hatte die Vorgehensweise bei Schiffsentführungen vor der somalischen Küste studiert und wusste daher, dass die Wahrscheinlichkeit, dass bei der bevorstehenden Transaktion jemand verletzt wurde, als gering eingestuft werden konnte. Jorgensen Shipping bezahlte – und diese Typen wussten das. Trotz einiger in den Medien aufgebauschter gewalttätiger Zusammenstöße zwischen Piraten und Seestreitkräften im Golf von Aden ging es bei der großen Mehrzahl dieser Vorfälle um nichts anderes als ›Wegzoll‹. Die Bande kam an Bord eines Schiffs und verlangte die Überweisung eines bestimmten Geldbetrags, damit es ihre Gewässer passieren durfte.

In dieser Form bot es natürlich keinen geeigneten Stoff für dramatische Filme oder Fernsehserien.

Raynor überlegte, in seine Kabine zurückzugehen und die Uniform anzuziehen, um in einem für einen Vertreter der Reederei angemessenen Aufzug zu erscheinen. Aber er entschied sich dagegen. Ein schickes Outfit für eine Begegnung mit halb nackten afrikanischen Piraten verstärkte die Absurdität der Situation nur unnötig.

Die Bewaffneten schickten sich an, das Schiff mit an langen Stäben befestigen Strickleitern zu entern, während Kolt die Treppen hinunterstieg und das lange Deck überquerte. Er hatte sein Brot in eine Mülltonne geworfen und bewegte sich betont ruhig, die Arme an den Seiten. Aus 100 Metern Entfernung beobachtete er, wie die Matrosen um die Piraten herumstanden, ihnen sogar an Bord halfen. Sicher hatten manche dieser Kerle bereits Schiffsentführungen erlebt: Sie kannten das Protokoll. Es blieb keine Zeit, zur Zitadelle hinunterzugehen, dem Sicherheitsraum, der sich mehrere Ebenen tiefer in den Eingeweiden des Rumpfs befand. Also taten die Deckarbeiter einfach ihr Bestes, sich mit den Männern gut zu stellen, die das Kommando übernahmen. Die norwegischen Offiziere waren nirgendwo zu sehen. Vielleicht rannten sie zur Zitadelle, obwohl die Piraten am Bug sie wahrscheinlich vorher abfingen.

Wo auch immer die Norweger steckten, eins stand fest: Sie überließen Raynor das Verhandeln.

Das hielt er für eine gute Neuigkeit, denn Kolt wusste, dass sein Atem nach Alkohol roch, und obwohl er auf dieser Kreuzfahrt schon manches Mal betrunkener gewesen war als jetzt, war er doch alles andere als nüchtern. Er beschloss, direkt mit den Piraten zu sprechen und sich so weit wie möglich vom Kapitän fernzuhalten. Kapitän Thomasson war nicht gerade Kolts größter Fan, wie sein Petzanruf bei Pete Grauer bewies.

Während mehr und mehr Piraten mit nacktem Oberkörper vor ihm an Deck kletterten, sah Kolt zu seiner Überraschung, dass einige der Banditen die Filipinos wütend hin und her schubsten. Sie stellten sie in der Nähe des Bugs in einer Reihe auf, rissen ihnen die Schutzhelme von den Köpfen und setzten sie sich gegenseitig auf. Raynor ging weiter, aber etwas verriet ihm, dass Gefahr im Verzug war – etwas an den Bewegungen und dem Verhalten der Angreifer.

Kolt blieb abrupt stehen. Die Aggression, die ein paar dieser fast noch jugendlichen Kerle an den Tag legten, wies keine Ähnlichkeit mit den Verhaltensmustern auf, die Raynor über die Standardprozedur bei typischen Piratenattacken im Golf von Aden kannte. Die Gesten eines jungen Somali, vermutlich ihr Anführer, erschienen besonders wirr. Seine weit aufgerissenen Augen und sein Geschrei in Richtung der Filipinos wirkten wild und animalisch. Er stieß wahllos Männer zu Boden, schlug ihnen mit dem Gewehrknauf gegen den Kopf und trat nach ihnen, während sie sich auf dem heißen Metallboden des Decks auf dem Rücken wanden.

Raynor huschte schnell hinter einen Stapel zusammengerollter Taue am Rand einer Containerbucht, keine 40 Meter von dem Handgemenge entfernt. Durch die plötzliche Bewegung rumorte sein Magen und er fühlte sich wacklig auf den Beinen.

Aus dieser Entfernung konnte er den Anführer der Piraten deutlich hören. »Ich bin Abdiwali. Ich habe jetzt Kommando über Schiff! Wo ist Kapitän?«, schrie der junge Mann auf Englisch. Niemand antwortete. Mit einem Stoß in Richtung Schiffsturm forderte er ein junges Crewmitglied auf, den Kapitän zu holen. Dann schickte er mit einer Handbewegung vier seiner Männer in verschiedene Richtungen davon, wohl damit sie die Offiziere und alle anderen an Bord zusammentrieben. Während sie sich in Bewegung setzten, feuerte der Anführer ein halbes Magazin in einen gelben Container, knapp über die Köpfe der sich zusammenkauernden Crew hinweg.

Der private Sicherheitsmann aus Amerika wusste nicht, was er tun sollte. Nach den Vorschriften wäre es jetzt sein Job gewesen, auf den Anführer zuzugehen. Er hätte ihm versichern sollen, dass Jorgensen Shipping bereit war, mit ihren guten Freunden, den Somaliern, zusammenzuarbeiten, um sich mit ihnen auf vernünftigem Wege auf die nötige Summe zu einigen, damit der Frachter seinen Weg durch diese Gewässer mit vollständiger Besatzung und Ladung fortsetzen konnte.

Aber Raynor hatte ein ausgesprochen schlechtes Gefühl bei der Sache. Das Letzte, was er im Moment tun wollte, war, mit einem Lächeln im Gesicht auf die Piraten zuzuschlendern und sich als derjenige vorzustellen, der hier das Sagen hatte.

Ohne die geduckte Haltung aufzugeben wandte Kolt sich um und rannte los.

Der philippinische Matrose, noch ein Teenager, saß auf seiner winzigen, unteren Koje auf Deck G. In der Hand hielt er den rostigen Revolver, den er im Hafen von Athen gekauft hatte, um sich zumindest die größten Ratten vom Leib zu halten. Er hörte das Krachen von Schnellfeuergewehren mehrere Ebenen unter ihm auf dem Hauptdeck. Die Waffe in seinen Händen hatte er noch nie abgefeuert, nicht einmal den Zylinder aufschnappen lassen, um nachzusehen, ob überhaupt Patronen darin steckten.

Der junge Mann zitterte von Kopf bis Fuß. Dies war seine erste Begegnung mit Piraten. Die anderen aus der Crew hatten ihm gesagt, dass er nichts befürchten musste. Aber er war etwas einfältig und von Natur aus ängstlich. Er fürchtete sich zu Recht vor Gewehren, die wütend herumschreiende Männer auf ihn richteten. Sein Zittern wurde fast krampfartig, als schnelle Schritte durch den Gang näherkamen. Der Türriegel wurde mit einem Klicken zurückgeschoben. Er hob ungeschickt den winzigen Revolver.

»Walter, Walter, ist schon okay.«

Es war der Amerikaner, dieser langhaarige Sicherheitsmann, der den ganzen Tag in seiner Kabine blieb und nach Whiskey roch. Der Mann, der gekommen war, um einen Blick auf seine Pistole zu werfen, drei Tage nach dem Verlassen von Neapel. Aber nachdem er den Grund für den Kauf erfuhr, hatte er Walter schmunzelnd erlaubt, sie zu behalten. Er hatte ihm sogar das Versprechen abgenommen, eines Tages eine Ratte für ihn zu schießen.

Walter senkte die Waffe mit einem hörbaren Seufzen der Erleichterung.

»Ich muss mir deine Knarre leihen.«

Der junge Filipino hielt sie ihm mit bebenden Händen hin. Der Amerikaner wirkte entschlossen und selbstbewusst. Er nahm die Pistole entgegen, ließ sie flink um einen Finger rotieren, schob einen Verschluss nach vorn und klappte den Zylinder aus. Er zog eine Patrone hervor und hielt sie ins Licht. In weniger als drei Sekunden hatte er alles wieder zusammengesetzt, schob sich den Revolver hinten unter das Unterhemd und schickte sich an, zurück in den Flur zu gehen.

Walter rief ihm nach: »Mr. Kolt! Da sind viele Piraten mit großen Maschinengewehren. Sie haben nur fünf kleine Kugeln. Mit fünf kleinen Kugeln können Sie die nicht aufhalten.«

Der Amerikaner beugte sich noch einmal in die Kabine hinein. Seine Augen, während der letzten Woche vom Hochprozentigen getrübt, funkelten jetzt und sein Blick war scharf, intelligent und zielstrebig. »Nein. Aber durch fünf kleine Kugeln komm ich vielleicht an eins dieser großen Maschinengewehre.«

Damit wandte er sich ab. Seine Schritte verhallten im Gang, als er sich im Laufschritt entfernte.

Kapitän Thor Thomasson ging an den riesigen Containern auf dem Hauptdeck vorbei. Zwei Piraten flankierten ihn, hielten seine Arme fest und fuchtelten ihm mit den Mündungen der Gewehre vor dem Gesicht herum, um ihn anzutreiben. Er trug sein formelles Jackett zugeknöpft, hielt den Kopf aufrecht und die Nase hoch, das Kinn stolz vorgereckt. Hinter sich hörte er, wie seine Offiziere ebenfalls mit vorgehaltenen Waffen weitergedrängt wurden.

Natürlich war er wütend auf diese dreckigen Räuber. Er hielt sie für den Abschaum der Meere, eine absolute Plage für seine ehrenvolle und vornehme Profession. Aber so sehr er sich auch über diese schlecht gekleideten, schweißtriefenden Schwarzen und Araber ärgerte, verspürte er doch ungleich größere Wut auf diesen amerikanischen Mistkerl, diesen alkoholsüchtigen Sicherheitsbeauftragten, der eigentlich längst am Satellitentelefon hängen müsste, um diesen Schwachköpfen Geld auf ihre Bankkonten in Nairobi zu überweisen.

Wo zum Teufel steckte dieser Säufer Raynor?

Kapitän Thomasson wurde vor den Anführer der Piraten gebracht und auf die Knie gezwungen, was für den norwegischen Seemann einen Schock darstellte. Er wurde auf Französisch, Englisch, Somali und Arabisch angeschrien. Speichelfäden flogen aus dem Mund des jungen Piratenführers, während er brüllte und mit dem Gewehr wild durch die Luft fuchtelte.

Thomasson hatte schon Schiffsentführungen durchgestanden, aber diesmal lief es offensichtlich anders. Diese Männer steigerten sich in einen wilden Zorn hinein, und es sah beinahe so aus, als wollten sie töten.

Kolt Raynor rannte die Treppe zu Deck B hinunter, lief um die Ecke und stieß fast mit zwei überraschten Piraten zusammen. Beide Männer richteten blitzschnell ihre Gewehre auf ihn. Er konnte sehen, dass sie sich mit irgendeiner Droge aufgeputscht hatten. Die ruckartigen, fast unwillkürlichen Bewegungen erschienen unberechenbar. Er hob die Hände auf Hüfthöhe, mit vorwärts gerichteten Handflächen.

Und er lächelte, während er sprach. »Français? Parlez-vous français, mes amis?«

Einer der Männer nickte und bestätigte, dass er Französisch sprach.

»Très bien. Je suis avec la société de transport Jorgensen. Tout va bien.«

Alles okay, versicherte er ihnen. Er sprach höflich und ruhig.

Auf Französisch fuhr er fort: »Ich bin befugt, Ihnen eine Zahlung für unsere sichere Weiterfahrt anzubieten. Hier, meine Freunde, ich zeige Ihnen meine Papiere.«

Kolt schob die rechte Hand langsam in Richtung Hosenbund. Die Männer hatten sich getrennt und misstrauisch an beiden Seiten des Gangs postiert. Beide hielten ihre AKs auf seine Brust gerichtet. Kolts Worte und sein Auftreten hatten sie etwas beruhigt, aber sie waren weder Amateure noch Trottel. Als er die rechte Hand senkte, schrie der eine ihn an, sich nicht zu bewegen.

Raynors Handbewegung, erst langsam und vorsichtig gewesen, wurde nun pfeilschnell. Er griff sich ins Kreuz, während er einen schnellen Schritt nach rechts machte. Seine Hand kam zum Vorschein. Bevor die Piraten reagieren konnten, schoss er dem Mann links von ihm ins rechte Auge. Sein Begleiter zuckte vor Schreck zusammen und wollte den Abzug seiner AK47 betätigen, aber zwei Kugeln in den Hals schlossen das Nervensystem kurz und seine Finger entspannten sich.

Kolt stopfte die noch heiße Pistole wieder in den Hosenbund, trat vor und wand dem zweiten Toten sanft das Gewehr aus den Händen, noch bevor er auf dem Metallboden des Decks aufkam. Er hängte es sich über die Schulter, hob die identische AK auf, die neben dem ersten Piraten lag, klappte mit einem schnappenden Geräusch die Schulterstütze auf und lief weiter auf die Bugseite des Oberbaus zu.

»Geht und schaut nach, was das war!«, rief Abdiwali zwei seiner Männer zu. Sie bewegten sich im Laufschritt in Richtung Oberbau. Kapitän Thomasson blieb auf den Knien. Der heiße Metallboden verbrannte ihm durch die gebügelte Hose die blasse Haut. Seine Offizierskollegen knieten in einer Reihe neben ihm. Die Filipinos standen hinter den Norwegern. Alle waren erschrocken über das unberechenbare Verhalten ihrer Geiselnehmer.

Es lief alles nicht so, wie es hätte sein sollen.

Thomasson hatte ihnen Geld angeboten, das an jede Bank der Welt überwiesen werden könnte. Der Anführer hatte ihn ausgelacht und verkündet, dass die Piraten sie alle töten und ihr Boot mit der Ladung behalten würden. Auf diese Weise erhielten sie zehnmal mehr Geld, als sein Unternehmen gewillt sei, für ihre armseligen Leben zu bezahlen.

Genau in diesem Moment hallten Kalaschnikowschüsse über die große Wand aus Containern hinter ihnen. Es war schwer festzustellen, wo sie herkamen. Die Blicke der Piraten und der gesamten Crew zuckten zum Oberbau. Dort, 50 Meter entfernt, stand ein einzelner Mann mit erhobenem Sturmgewehr auf Deck B.

Thomasson blinzelte ins Sonnenlicht, das sich in den Fenstern des Aufbaudecks spiegelte. Schließlich fragte er: »Raynor?«

3

Kolt Raynor hatte gerade vier Männer auf kurze Distanz getötet, zwei mit der Pistole und zwei weitere mit einer ›geliehenen‹ Kalaschnikow. Es war leicht gewesen. Aber jetzt, auf diese Entfernung, hatte er große Schwierigkeiten, kleinere Ziele im Visier zu behalten. Das Schiff wiegte sich sanft von einer Seite zur anderen. Raynor hatte seit Jahren nicht mehr mit einem Gewehr geübt und seine körperliche Verfassung hatte sich so stark verschlechtert, dass die kurze Strecke, die er gerannt war, und die paar Treppen, die er genommen hatte, ihn bereits erschöpften.

Außerdem war er ohne jeden Zweifel betrunken.

Aber er versuchte, das, was ihm an Leistungsfähigkeit fehlte, durch Show wettzumachen.

Er rief den Angreifern unter ihm zu: »Vier von euch hab ich schon erledigt! Haut ab und steigt in eure Boote, sonst töte ich euch alle!«

Der Anführer der Piraten schrie zurück: »Ich erschieße den Kapitän!« Abdiwali packte den Mann am gebügelten und gestärkten Uniformkragen und zog ihn auf die Füße. Er hielt dem Offizier die AK an den Hals und zog ihn nahe zu sich heran, benutzte seinen massigen Körper als Schutzschild.

Die Sonne brannte Kolt unbarmherzig ins Gesicht. Er kniff die Augen zusammen und zielte sorgfältig mit der AK. Die Waffe zuckte in seinen Händen hin und her. Raynor war wütend auf sich selbst, weil er im Dienst getrunken hatte. Gleichzeitig hatte er eine verzweifelte Sehnsucht nach einem großen Schluck Bourbon, um die Nerven zu beruhigen. Er machte sich Sorgen um sein Zielvermögen und über die Waffe in seiner Hand. Raynor hatte dieses Gewehr nicht justiert – er hatte keine Ahnung, wie präzise es schoss, selbst wenn es von einem stocknüchternen Schützen benutzt wurde.

Trotzdem – er musste nur 50 Meter überwinden. Im militärischen Dienst hatte Raynor routinemäßig Ziele in Kopfgröße aus vierfacher Entfernung über Kimme und Korn getroffen. Er sagte sich, dass 50 lausige Meter kein Problem darstellten, nicht einmal besoffen mit einer unbekannten Waffe. Er zielte auf die Stirn des Piratenanführers, verdrängte den Kapitän aus seinen Gedanken und zog langsam und zuversichtlich den Abzug durch.

Bumm. Der Rückstoß der Waffe rammte ihm den Kolben gegen die Schulter. In seinem benebelten Zustand bekam er weiche Knie. Er brauchte einen langen Moment, um sein Ziel neu anzuvisieren.

Der Anführer der Piraten stand noch.

Kapitän Thor Thomasson fiel aufs Deck. Er wand sich am Boden und hielt sich die Schulter.

»Oh, Scheiße«, murmelte Raynor.

Abdiwali schrie: »Was ist los mit dir? Bist du verrückt? Ich werde alle umbringen!« Rasch funktionierten die Piraten sämtliche Schiffsoffiziere zu menschlichen Schutzschilden um. Abdiwali zerrte den verletzten Kapitän Thomasson auf die Beine und schob ihn zwischen sich und den Oberbau.

Blut lief den blauen Ärmel der Kapitänsuniform hinunter.

Kolt Raynor senkte langsam die Waffe, ließ sie zu Boden fallen und hob die Hände.

Abdiwali schlug dem verwundeten Kapitän wiederholt den Holzkolben des Gewehrs an den Kopf, während er darauf wartete, dass seine Männer den Bärtigen von Deck B herunterbrachten. Er hatte heute vier Männer verloren, aber er wollte 25 Leben als Wiedergutmachung nehmen. Danach plante er, mit den Überlebenden seiner Mannschaft das Schiff zu plündern und eine Zeit lang nach Beute zu suchen, um schließlich wieder in die eigenen Boote zu steigen und zur Küste zurückzurasen, bevor die NATO-Schiffe oder Helikopter eintrafen.

Es versprach ein amüsanter Nachmittag zu werden. Abdiwali wollte ihn damit einleiten, dass er den bärtigen Ungläubigen, der sich nun näherte, um sein erbärmliches Leben betteln ließ.

»Abdiwali!«, rief einer der Piraten, die ihn vor sich herstießen. »Er ist Amerikaner! Er hatte Mustafas Gewehr … und eine Pistole hinten in seiner Hose versteckt.« Der Pirat stieß den Amerikaner vor den Füßen seines Anführers auf den heißen Boden. Der Mann ging auf Hände und Knie und fing an zu kotzen, bespritzte die Sandalen und die nackten Beine des Piraten mit Galle.

Erst sprang Abdiwali zurück und schrie vor Wut, ehe er vorstürmte und dem Mann mit dem Gewehrkolben einen Schlag auf den Kopf verpasste. Die zwei Piraten, die diese ekelerregende Kreatur flankiert hatten, taten es ihm nach. Alle drei prügelten mit ihren Gewehren auf ihn ein, während er sich auf dem Deck in seiner eigenen Kotze wälzte.

Als ihre Attacken langsamer wurden, stemmte er sich auf Hände und Knie hoch. Der Mann links von ihm hob sein Gewehr hoch in die Luft, um ihm einen letzten heftigen Schlag auf den Rücken zu versetzen. Plötzlich sprang der Amerikaner aus seiner kauernden Haltung dem niedersausenden Gewehr entgegen. Er drehte dem Piraten den Rücken zu und packte die Waffe aus der Bewegung. Der Haltegurt lag um den Hals des Somali – der Amerikaner zog die Waffe vor sich und riss den würgenden Piraten von den Beinen. Er wirbelte ihn herum, damit sie Rücken an Rücken standen, und hielt ihn vom Fallen ab, während der Mann zappelte und würgte, weil er mit dem Gurt des eigenen Gewehrs erdrosselt wurde.

Abdiwali versuchte hektisch, seine mit dem Kolben nach vorn gehaltene Waffe umzudrehen, aber dieser vollgekotzte Ungläubige reagierte zu schnell. Der Amerikaner kam näher, wobei er unverändert dem Besitzer der Waffe mit dem Gurt die Luft abdrückte. Er presste Abdiwali den Lauf der AK an die Stirn und schob ihn rückwärts zur Reling. Noch ein kräftiger Stoß, und Abdiwali drohte zwei Stockwerke tief ins Wasser zu fallen.

Der somalische Piratenanführer ließ die Waffe fallen und hob schnell die Hände.

Alle Piraten schrien jetzt herum, bis auf ihren Anführer, der mit großen Augen den Lauf an seiner Stirn anglotzte, und den, der mit dem Gurt um den Hals auf Kolts Rücken hing. Raynor konnte die anderen Männer nicht sehen, aber aus ihren Schreien und Rufen ließ sich ihr Aufenthaltsort ablesen und – fast noch wichtiger – ihre Unentschlossenheit.

Kolt starrte den Mann am Ende des Gewehrlaufs an.

»Wenn du jetzt was anderes sagst als ›Steigt wieder in die Boote!‹ landet die Hälfte von deinem Schädel im Meer!«

Der Somali zögerte, fing an zu sprechen, aber Kolt unterbrach ihn.

»Denk dran, irgendwas anderes als ›Steigt wieder in die Boote!‹ und du bist Fischfutter, du Arschloch!«

Schweiß tropfte von der Stirn des Piratenführers auf den gebläuten Gewehrlauf. Ein dicker Tropfen floss am Korn vorbei. Durch das Strampeln des auf Raynors Rücken hängenden Mannes wurde das Gewehr vor und zurück gerissen. Der Schweiß tropfte mit der Bewegung von der Unterseite des Laufs.

Abdiwali ließ den Blick am Gewehr entlangwandern, vorbei an den sonnenverbrannten Armen und Händen des Amerikaners, zum Gesicht. In seine Augen. Sie waren wässrig und blutunterlaufen, und Abdiwali war sich sicher, den widerlich süßen Geruch von Whiskey unter dem ranzigen Gallegestank wahrzunehmen, der Gesicht und Kleidung des Mannes anhaftete.

Nach einem Augenblick rief er, erst auf Englisch, dann auf Somali: »Steigt wieder in die Boote!«

Kolt trat zurück und hob das Gewehr eben hoch genug, um den gewürgten Mann hinter sich auf das heiße Deck fallen zu lassen. Dieser schnappte nach Luft wie ein Fisch, den man gerade aus dem aufgeheizten, grünen Meer gezogen hatte.

Die Piraten stiegen an den Seiten des Schiffs hinab. Sie nahmen ihre Waffen mit, aber Kolt behielt die Stirn des Anführers so lange im Visier, bis alle seine Männer zwei Etagen tiefer in den Schnellbooten saßen. Dann schob er Abdiwali, ohne ein Wort zu sagen, auf die Reling zu. Dieser stieg hinüber. Gewandt kletterte er die Strickleiter hinunter, die sie für den Aufstieg benutzt hatten. Ein hölzernes Skiff fuhr vor, um ihn aufzunehmen.

Die drei Boote beschleunigten und entfernten sich. Die Offiziere an Deck drängten sich um ihren verwundeten Kapitän, um ihm zu helfen. Einige der Matrosen jubelten und klopften Raynor anerkennend auf den Rücken, aber er stieß sie zurück und forderte sie auf zu verschwinden. Sie begriffen nicht. Ihre Verwirrung wuchs noch, als der mit Erbrochenem verschmierte Mann vor der Reling in die Knie ging und sich mit dem Gewehr des Piraten von sich gestreckt auf den Bauch legte.

Die Boote fuhren doch weg. Warum konzentrierte er sich unverändert auf sie?

Kapitän Thomasson lag in der Nähe, stöhnend vor Schock und Schmerz.

Das Blattkorn von Kolts AK schwankte vor ihm. Er konzentrierte sich darauf, so gut er konnte, schielte aber von Zeit zu Zeit auf den Anführer im mittleren Boot. Als sie 100 Meter entfernt waren, passierte genau das, womit Raynor gerechnet hatte: Das Boot fuhr langsamer und ging auf Kurs parallel zum Frachter. Kolt konzentrierte sich mit aller verbliebenen Kraft auf das Blatt des Richtkorns und mühte sich ab, es über den pechschwarzen Mann zu legen, der in dem kleinen Kahn stand. Er ignorierte die Haut rötende Hitze des mit einem Waffelmuster bedeckten Untergrunds, auf dem er lag. Abdiwali hob eine Panzerfaust, stützte sie an seiner Schulter ab und zielte auf das Schiff.

Kolt wusste, dass der Pirat den Frachter nicht mit ein paar lausigen Raketen versenken konnte. Aber er konnte Crewmitglieder töten und Schiff und Ladung beschädigen. Kolt tat sein Bestes, auf den Kopf des weit entfernten Mannes zu zielen. Als er glaubte, ihn im Visier zu haben, gab er einen Schuss ab.

Der Pirat bewegte sich nicht, sondern zielte seinerseits mit der Panzerfaust.

Kolt schoss noch einmal.

Wieder daneben.

Es sah aus, als ob der Somali gleich seine Rakete abfeuerte.

»Ach, zum Teufel damit«, knurrte Kolt und schaltete das Gewehr auf Vollautomatik. Er zielte flüchtig auf das Schnellboot und ballerte drauflos. Fünf, zehn, 20, 25 Kugeln sausten den Piraten entgegen. Der Anführer taumelte mit erhobener Panzerfaust zurück. Eine Rakete schoss in den Himmel und zischte, gefolgt von einer weißen Rauchspur, harmlos über das Schiff hinweg.

Der somalische Piratenführer stürzte ins Wasser, den metallenen Raketenwerfer noch in den Händen. Alle anderen Piraten an Bord des Skiffs, bis auf einen, zuckten, taumelten und starben mit ihm. Kollateralschäden. Der einzige Überlebende kroch geduckt zum Außenbordmotor und entfernte sich mit seinem zersplitterten, von Kugeln durchlöcherten Boot. Die anderen beiden Wasserfahrzeuge ließen ihren Anführer und die anderen zurück und rasten der sicheren Küste entgegen.

Kolt stand auf, torkelte für einen Moment und kämpfte mit dem Drang, sich erneut zu übergeben. Ein Schiffsoffizier mit Erste-Hilfe-Kasten kümmerte sich um Kapitän Thomasson. Der weißhaarige norwegische Kapitän funkelte den Amerikaner wütend an, während er ausgestreckt auf dem Deck lag.

»Sie Idiot! Sie sind ein typischer amerikanischer Cowboy! Wir sind für solche Fälle versichert. Die wären sicher vernünftig geblieben, wenn Sie denen einfach das Geld angeboten hätten!«

Kolt wandte sich dem ersten Offizier zu. »Sagen Sie der Crew, sie sollen die Leichen und die Waffen über Bord werfen. Und dann will ich, dass Sie mir zeigen, wie schnell dieses Schiff fahren kann. Ich geh wieder in meine Kabine.«

»Damit Sie sich besaufen können?«, rief Thomasson mit eisigem Spott.

»Ganz genau, Skipper«, murmelte Kolt, während er allein ins Aufbaudeck zurückging.

4

Raynor schloss die Tür zu seinem Wohnwagen auf, ging hinein und warf den Schlüssel und sein Portemonnaie auf den abblätternden Küchentresen aus Resopal. Er durchquerte den winzigen Wohnbereich und ließ sich plump auf die am Boden liegende Matratze fallen. Dort griff er nach der halb vollen Flasche Old-Grand-Dad-Whiskey, die er als Reserve zurückgelassen hatte, und nahm einen kräftigen Schluck.

Es war ein langer Nachmittag bei seinem Therapeuten gewesen und er hatte diesen Drink bitter nötig. Er achtete immer darauf, nicht wie eine Honky-Tonk-Bar zu riechen, wenn er Dr. Rudolph in seinem Büro in der Nähe des Fort-Bragg-Stützpunkts aufsuchte. Er wusste, dass die langwierige Sitzung noch unerträglicher wurde, wenn der Doc den Whiskey erschnüffelte. Kolt hätte alles getan, um dort einfach schnell hinein, wieder raus und nach Hause zu können, wo Old Grand-Dad, sein einzig wahrer Therapeut, auf ihn wartete.

Während er noch einen Mundvoll trank, um die verlorene Zeit aufzuholen, musterte er seine irdischen Besitztümer. Kolts Wohnwagen erweckte den Eindruck, als sei er verwüstet worden, aber tatsächlich hatte der Besitzer persönlich darin gewütet. Alle Teller im Trailer waren verdreckt, klebten am Tisch fest oder fanden sich im hohen Stapel in der Spüle wieder. Leere, fast leere und bald zu leerende Whiskeyflaschen verstreuten sich in der Küche und im Wohnraum. Adventure-Ausrüstung lag auf der Couch und auf dem Boden und Rucksäcke voller Schmutzwäsche standen überall herum, als sei Kolt gerade von einem seiner Sicherheitsjobs in Übersee zurückgekehrt.

Tatsächlich hatte Pete Grauer Raynor vor einem Monat gefeuert, quasi direkt nach dem Piratenangriff im Golf von Aden. Kolt machte ihm deswegen keinen Vorwurf. Er wusste, dass Grauer keine andere Wahl geblieben war. Die meisten Augenzeugen hatten berichtet, dass Raynor zweifellos Leben gerettet hatte, aber jeder Einzelne von ihnen merkte an, dass er dabei ohne Zweifel volltrunken gewesen war. Den Kapitän zu verwunden und ein ganzes Magazin auf ein Boot voller Piraten abzufeuern, von denen alle bis auf einen nur eine geringe oder gar keine Bedrohung für den Frachter darstellten, hinterließ keinen guten Eindruck in Kreisen der maritimen Sicherheitsindustrie, obwohl Jorgensen Cargo Lines versucht hatte, die Angelegenheit so gut wie möglich zu vertuschen. Sie strichen Grauers Firma aus ihrer Liste und erklärten ihren Vertrag mit ihm für annulliert.

Daraufhin hatte Grauer keine andere Möglichkeit mehr gehabt, als Kolt den Laufpass zu geben.

Er war in die Staaten zu seinem schäbigen Trailer zurückgekehrt, der sein Zuhause darstellte, seit er ihn sieben Jahre zuvor zusammen mit seinem besten Freund und Delta-Teamkollegen TJ gemietet hatte. Er stand auf einer Geflügelfarm, ein paar Meilen vom Nordtor von Fort Bragg entfernt, nicht auf der verkehrsreichen Fayetteville-Seite des Stützpunkts. Der Farmer, der ihnen den Wohnwagen vermietet hatte, verlangte nur 200 im Monat dafür. Jedem, der nicht an die Entbehrungen gewöhnt war, die Mitglieder einer Spezialeinheit erdulden mussten, wäre das wie kriminelle Abzocke erschienen. Die Hühnerställe in der Nähe erfüllten die Luft mit altem Federstaub und dem Moschusgestank von Exkrementen, und die Übungen auf dem Artillerieschießplatz, der gleich auf der anderen Seite der Straße lag, ließen TJ und Raynor nachts von ihren Matratzen purzeln. Aber die beiden Freunde hatten ihre Bude mit einem großen Fernseher, Kartons voller Kleidung, Konserven und einem Computer ausgestattet. Im ungepflasterten Hof hinter dem Trailer trainierten sie gemeinsam brasilianisches Ju-Jutsu, maßen sich stundenlang darin, Wurfmesser aus großer Entfernung gegen eine kopfgroße Zielscheibe zu schleudern, die sie in eine knorrige Eiche gleich vor der Tür geschnitzt hatten, und sahen sich zusammen Filme an.

Es glich eher einem Wohnheimzimmer in einem Junior College der dritten Welt als der Unterkunft von zwei Mitgliedern der elitärsten Spezialeinheit Amerikas. Trotzdem wurde diese Müllkippe von einem Zuhause etwa einmal im Monat zur Partyzentrale für sie und ihre Delta-Kumpel, wenn TJ und Kolt einen Mixed-Martial-Arts-Kampf über Pay-per-View bestellten und den Kühlschrank mit billigem Bier füllten.

Raynor hatte nach seinem Abschied aus der Delta-Einheit über einen Umzug nachgedacht – es gab schließlich keinen Grund mehr für ihn, so dicht an Fort Bragg zu wohnen. Aber er hatte nicht recht gewusst, wohin er gehen sollte. Also blieb er und wartete auf eine neue Anweisung oder einen neuen Plan, der ihn von dort wegführte.

Im vergangenen Monat hatte der frühere Delta-Major wenig getan, außer herumzuliegen und zu grübeln. Er vermied es, Anrufe von seinen Eltern und von Medienvertretern entgegenzunehmen, die von seiner Schießerei mit afrikanischen Piraten Wind bekommen hatten, und betrank sich fast bis zur Besinnungslosigkeit.

Auch jetzt trank er. Er legte sich auf die Matratze, schaute auf die Uhr und wünschte sich mit aller Kraft, dass die Nacht nicht so schnell hereinbrach.

In den meisten Nächten hatte er den Traum. Wenn er vor dem Traum genug getrunken hatte, wurden die Bilder wirrer, weniger klar, weniger real, weniger wie Tatsachen und mehr wie Fiktionen. Aber es war bereits Abend – er drohte einzuschlafen, bevor er sein Hirn gründlich genug betäuben konnte. Er wusste, dass dieses Scheitern an der Aufgabe, sich vor der Schlafenszeit ordentlich den Verstand wegzusaufen, in Kombination mit der Tatsache, dass Doc Rudolph darauf bestanden hatte, in der heutigen Sitzung über die Ereignisse von vor drei Jahren zu sprechen, unweigerlich dazu führte, dass seinem Traum heute Nacht eine eiskalte Authentizität anhaftete. Geschichte, keine Fantasy. Kolt würde die Geräusche hören, die Angst spüren und den Tod riechen.

Die Schuldgefühle noch einmal durchleben.

Er kippte den Old Grand-Dad und fing an zu weinen. Und er wünschte sich verzweifelt, die ganze Nacht wach bleiben zu können, damit ihm dieser beschissene Traum erspart blieb.

5

Drei Jahre früher

Vier Paar Wanderstiefel suchten nach Halt auf dem schmalen Felsvorsprung. Vier wachsame Augenpaare suchten die dunkle Ferne nach Bedrohungen ab. Vier Männer kletterten immer höher, atmeten die dünner werdende Luft und ignorierten den umherwirbelnden Schnee, der Bärte und Kleidung durchnässte, obwohl sie durch ihren Schweiß längst bis auf die Knochen durchgefroren waren. Schwere Rucksäcke und Tragewesten, Schnallen und Riemen, die sich unter der Last der Ausrüstung spannten, gestauchte Wirbelsäulen und die Gefahr, aus dem Gleichgewicht zu geraten.

Obwohl er gefährlich steil und schlecht markiert war, stellte die Entdeckung dieses Ziegenpfads einen Glücksfall für das Team dar, auch wenn seine Benutzung einem Glücksspiel glich. Sicher wäre es vorteilhafter gewesen, die Berge auf einem fest angelegten Weg zu überqueren, als sich mitten durch die Wildnis zu schleppen. Die Männer gaben sich nicht der Illusion hin, dass sie die einzigen zweibeinigen Lebewesen auf diesem Pfad zwischen Afghanistan und Pakistan waren. Die Taliban, al-Qaida, Eselkarawanen, die Schlafmohn oder Sturmgewehre transportierten – jeder, der illegal und unentdeckt von einer Gebirgsseite zur anderen reisen wollte, konnte gleich hinter der nächsten Anhöhe warten.

Mit einer schroffen Kalksteinwand links und einem gähnenden Abgrund zu seiner Rechten blieb der einzige Offizier in dieser schweigenden Prozession stehen. Der 34-jährige Major Kolt Raynor blickte vor sich in die Dunkelheit und nahm sein Team in Augenschein. Master Sergeant Michael ›Musket‹ Overstreet kletterte 20 Meter weiter vorn den Pfad hinauf, von Kopf bis Fuß in schwarzbraune High-Tech-Trekkingkleidung gehüllt. Er trug einen imposanten, grau melierten Bart und einen Pakul auf dem Kopf, die von männlichen Paschtunen der Region bevorzugte Wollmütze.

Obwohl er mit schwerem Gepäck beladen war, ließ Musket keine Zeichen von Ermüdung erkennen. Er zog sich den Hang hinauf, indem er sich mit den behandschuhten Händen an den moosigen Zacken der Felswand auf der linken Seite festhielt. Dann sah er über die Schulter zurück. Als er bemerkte, dass sein Major stehen geblieben war, ließ der Master Sergeant sich auf einen Knieschützer herab und wandte seine Aufmerksamkeit dem breiten Tal zu, das sich rechts von ihm erstreckte.

Major Raynor blickte durch die Dunkelheit und das Schneegestöber zurück und konnte gerade noch Sergeant First Class Spencer ›Jet‹ Lee erkennen, der sich 15 Meter hinter ihm den Berg hinaufschleppte. Er kletterte vorsichtig und streckte die Arme aus, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, als er auf einen vereisten Stein auf dem Weg trat. Jet trug ein HK416 vor der Brust und ein dickes Erste-Hilfe-Set auf dem Rücken. In seiner Brusttasche steckte eine Glock 23 im Kaliber 40. Jet war der Sanitäter des Teams, aber er konnte mit Langwaffe und Pistole ebenso gut umgehen wie seine Kollegen. Im Gegensatz zu Muskets Bart war seiner kurz, ungepflegt und offensichtlich langsam gewachsen. Die North-Face-Mütze hatte er sich bis über die Augenbrauen gezogen. Als er den Kopf hob, sah er, dass sie vor ihm angehalten hatten, also kauerte er sich mitsamt seinen 27 Kilogramm Ausrüstung auf den kalten Boden und stützte sich an einem abgelösten Schieferbrocken ab.

Raynor wusste, dass Rocky weiter oben war, knapp außer Sichtweite, und ihnen mit dem Gewehr in den Armen vorausging. Obwohl er 50 Meter vor seinem Teamführer ging, war Sergeant First Class Carl ›Rocky‹ Price mit dem neuen Nachtsichtgerät der dritten Generation in der Lage, ihnen auf dem Pfad Deckung zu geben, bis nach hinten zu Jet – zumindest wenn der Weg gerade blieb und er Sichtkontakt hatte.

Kolt Raynor drückte die Sprechtaste seines Interteam-Funkgeräts. »Rock, alles klar da oben?«

Es dauerte einen Moment, bis die Antwort kam. Angestrengtes Atmen ertönte. »Alles easy. Warum halten wir an, Racer?« Rocky behielt das Team also im Blick, wie erwartet. Raynor überraschte nicht, dass der Mann Probleme mit der dünnen Luft hatte. Obwohl Rocky der beste Bergsteiger der Gruppe war, hatte er vor Kurzem mit einer schweren Nebenhöhlenentzündung zur Erholung den Heimweg in die Staaten angetreten. Seit seiner Rückkehr hatte er sich noch nicht wieder vollständig an die Höhenluft gewöhnt.

»Packen wir den Sauerstoff aus«, schlug Raynor den Männern vor. »Gönnt euch ’nen Zug, Jungs. Die Luft wird hier oben schnell dünn. In weniger als einem Klick gehen wir wieder auf unter 8000 runter.«

»Verstanden, Boss.« Obwohl er ihn nicht sehen konnte, wusste Raynor, dass sich Rocky jetzt hinknien, einen winzigen Aluminiumtank aus seinem Rucksack ziehen und durch das daran befestigte Mundstück tief einatmen würde.

Raynor, Musket und Jed hielten sich seit fast drei Monaten in den Bergen auf; es war höchst unwahrscheinlich, dass sie die Höhenkrankheit packte. Dennoch schien es dem Major eine gute Idee zu sein, ein paar Züge reinen Sauerstoff einzuatmen. Er schien den Vorschlag in erster Linie gemacht zu haben, um Rock zu helfen, aber auch er selbst nutzte dankbar die Gelegenheit, zum Alubehälter zu greifen.

Raynor lehnte den Rucksack an die Wand hinter sich, um Beine und Hüften etwas zu entlasten. Er war zwar fit wie ein Profisportler, aber sie trieben sich hier nicht auf einem Baseballplatz herum, sondern im Krieg. In letzter Zeit machte er sich etwas Sorgen um seine Kondition, aber in der Basis hatte er es sich nicht anmerken lassen. Er bezweifelte nicht, seine Mission erfüllen zu können, und hatte alles getan, um an ihr teilnehmen zu können. Aber er hatte das Training vernachlässigt – er war schließlich Offizier und kümmerte sich vorrangig um Karten, Geheimdienstberichte, Ausrüstung, Personal und Logistik. Darüber vernachlässigte er seine Fitness. Doch Kolt Raynor hielt sich für jemanden, der noch im letzten Moment das Ruder herumreißen konnte. Er wusste, dass er sich der Lage gewachsen fühlte und in der entscheidenden Phase zusammenreißen konnte, selbst wenn das hieß, dass er dabei auf dem letzten Loch pfiff.

Diese Mission war zu wichtig.

Sie alle trugen militärische Dienstgrade, aber sie waren keine Soldaten. Sie waren Operators. Mitglieder des First Special Forces Operational Detachment-Delta. Die Öffentlichkeit und die Presse nannten sie Delta Force; das Verteidigungsministerium nannte sie Combat Applications Group. Innerhalb der Organisation bezeichnete man sich oft einfach als The Unit – die Einheit. Und wenn Amerika harte Männer brauchte, die in einem harten Land hart durchgriffen, rief Amerika die Deltas. Und da es in diesen Tagen eine ganze Menge Rattenlöcher und eine ganze Menge Scheißkerle auf der Welt gab, hatte die Delta Force alle Hände voll zu tun.

Als seine Männer bereit waren, machte Raynor sich ebenfalls marschfertig. Er rückte den Halteriemen des HK416 so zurecht, dass er an einer anderen Stelle seines Halses scheuerte, und nahm einen Schluck aus der Tülle am Ende der Röhre, die zum Wasserschlauch in seinem Rucksack führte. Er schielte auf sein GPS-Gerät, fand seine Position und stellte fest, dass er buchstäblich mit einem Bein über der Landesgrenze stand. Das mochte für irgendeinen weit entfernten Politiker oder Diplomaten von Bedeutung sein, interessierte ihn aber herzlich wenig, da die Grenze hier nur in der Fantasie existierte. In diesen Bergen gab es keine Schilder, keinen Zaun, überhaupt keine Markierungen. Die Briten hatten vor mehr als 100 Jahren einen Strich über eine Landkarte gezogen und ihn nach irgendeinem aufdringlichen englischen Außenminister Durand-Linie getauft. Sie wurde seitdem von den Millionen von Paschtunen und Belutschen, die auf beiden Seiten lebten, weitgehend ignoriert, ebenso von Waffen- und Drogenschmugglern, Dschihadisten und – in außerordentlich seltenen Fällen – amerikanischen Spezialeinheiten.

Raynor und die drei Männer, die mit ihm auf diesem Abschnitt des Pfads standen, hatten jetzt, wo sie die Stammesgebiete unter Bundesverwaltung von Pakistan betraten, nicht mehr Grund, wachsam zu sein, als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt in den vergangenen drei Stunden ihres Vorstoßes. Nein, fünf Klicks hinter ihnen in den afghanischen Bergen war es genauso gefährlich wie fünf Klicks vor ihnen in den pakistanischen. Die Taliban verwendeten kein GPS, konsultierten so gut wie nie ihre Karten und dachten nicht zweimal nach, bevor sie schossen. Diese ganze Region aus tiefen, grünen Tälern und hoch aufragenden, schneebedeckten Gipfeln war die Heimat ihrer Feinde – und diese waren Raynor und seinen Männern zahlenmäßig im Verhältnis 1000 zu eins überlegen.

Major Kolt Raynor, Codename ›Racer‹, wandte den Blick nach Osten, nicht in Richtung seiner Leute, sondern in die, in der sich das Missionsziel befand, auch wenn es noch Stunden entfernt lag. Er marschierte los und die anderen folgten seinem Beispiel.

Neun Sekunden später sprach die 30 Jahre alte Pilotin eines unbemannten Luftfahrzeugs in einem abgedunkelten Trailer in der Creech Air Force Base in Nevada ins Headset, ohne den Blick von den Flachbildschirmen vor ihr zu nehmen.

Ihre Stimme klang geschmeidig und sanft, in den Vokalen schwang nur ein ganz dezenter Ohio-Akzent mit. »Hunter 29 hat bei Wegpunkt Charlie die Grenze überschritten. Zeitpunkt des Eindringens: Zulu 19-19.«

Sofort ertönte die Antwort ihres kommandierenden Offiziers in ihrem Kopfhörer: »Hunter 29 bei Charlie 19-19 Zulu. Okay.«

Air Force Captain Pamela Archer betrachtete die Aufnahmen ihrer mit variabler Blende ausgestatteten Infrarotkamera und verfolgte die Bewegung der vier Operators über den Pfad, 4500 Meter unter ihrer MQ-9-Reaper-Drohne. Auf der beweglichen Kartenanzeige über dem Echtzeitmonitor zeigten die GPS-Koordinaten die Grenzüberschreitung an. Die Delta-Männer tauchten als Punkte auf dem monochromen Display auf, Punkte mit Armen und Beinen, die sich mühselig einen Bergpfad hinaufschleppten, der sich neben einem breiten Canyon durch das unwegsame Gelände schlängelte.

Obwohl sich heute Morgen alle auf die afghanisch-pakistanische Grenze konzentrierten, sah Archer sich selbst ebenfalls an der Front dieses Krieges kämpfen. Sicher, sie musste einräumen, dass ihre Front gewisse Annehmlichkeiten mit sich brachte, an denen es den Delta-Jungs fehlte. So konnte sie etwa auf dem Weg zur Schlacht einen Zwischenstopp bei der Starbucks-Filiale der Basis einlegen. Ein zu vier Fünfteln leer getrunkener vierfacher Mokka stand neben dem schwarzen Joystick, mit dem sie das unbemannte Flugzeug lenkte. Die Männer auf dem Infrarotmonitor quälten sich dagegen schon seit Stunden durch die Berge und konnten sich nur gelegentlich mit einem Schluck aus ihren CamelBak-Wasserschläuchen versorgen. Noch dazu mussten sie mit der eisigen Novemberluft zurechtkommen, die auf dem 2700 Meter hohen Berg dünn war und durch die hohen Felswände zu einem unbarmherzig starken Wind wurde. Pam hingegen lebte in einem Wohnkomplex der Mittelschicht in einem nördlichen Vorort von Las Vegas. Bei Tag war es dort um die 26 Grad warm und nachts gerade kalt genug, um einen Pullover zu tragen.

Aber obwohl die halbe Welt zwischen ihr und dem Fluggerät lag, lenkte sie es geschickt von ihrer Station aus und kommunizierte mit der CIA/Delta-Einsatzleitung in der Bagram Air Base in Afghanistan. Und bei entsprechender Ausrüstung und entsprechendem Befehl konnte sie die Hellfire-Raketen abfeuern, die an den Flächenträgern ihres Reaper-Jagdflugzeugs hingen.