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Die Zukunft von Kolt »Racer« Raynor, Kommandeur der Delta Force, liegt in den Händen von Männern, die ihre Gründe haben, ihn verschwinden zu lassen. Und so gerät Kolt in einen Kampf mit einigen der am besten ausgebildeten Killer, denen er jemals begegnet ist – den US Navy SEALs. Doch dann sendet ein Spion einen verzweifelten Hilferuf aus Nordkorea. In dem zunehmend instabilen kommunistischen Land ist eine neue Gefahr für die Sicherheit der Welt entstanden. Und nichts wird das Regime aufhalten können … Einsatz in Nordkorea. Explosive Action – erzählt von einem ehemaligen Elitesoldaten. Brad Thor: »Lest Dalton Fury. Weils keiner besser kann.« Kirkus Reviews: »Fury ist ein ehemaliger Delta-Force-Soldat. Er verleiht der Action eine realistische Schnellfeuer-Atmosphäre.« Booklist: »Gnadenlose Action. Genau das Richtige für Fans von Vince Flynn und Brad Thor.« James Rollins: »Zur Seite, Jack Ryan. Kolt Raynor ist der wahre Held des neuen Jahrtausends.«
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Seitenzahl: 541
Veröffentlichungsjahr: 2020
Aus dem Amerikanischen von Patrick Baumann
Impressum
Die amerikanische Originalausgabe One Killer Force
erschien 2015 im Verlag St. Martin’s Press.
Copyright © 2015 by Dalton Fury
Copyright © dieser Ausgabe 2020 by Festa Verlag, Leipzig
Titelbild: Arndt Drechsler
Alle Rechte vorbehalten
eISBN 978-3-86552-827-8
www.Festa-Verlag.de
www.Festa-Action.de
Für die unbesungenen Helden des 160th Special Operations Aviation Regiment, dessen Kundenservice in Militärkreisen als legendär gilt. Auf Abruf fliegen sie im Stockdunklen mit halsbrecherischer Geschwindigkeit dicht über dem Boden, und man kann sich immer darauf verlassen, dass die Night Stalkers zielsicher und pünktlich sind – plus/minus 30 Sekunden.
Vorwort
Als Scotty, der am Steuer von Bessie saß, die Rauchwolken aufsteigen sah, trat er aufs Gaspedal und ließ unseren Toyota im Rückwärtsgang über die Bordsteinkante holpern und den Müll überrollen, der im kriegsgebeutelten Bagdad überall in den Straßen lag. Ich saß neben ihm, mit weit aufgerissenen Augen und wahrscheinlich auch offenem Mund, und starrte stumm auf das Zielgebäude, das gerade in die Luft flog. Heiße Stahlsplitter, Betonbrocken und Druckwellen schossen auf die vier ungepanzerten Hummer zu, die nur wenige Meter von uns entfernt standen.
Wir waren auf der Suche nach Zarqawis Chemiewaffen oder den Materialien, die ihre Vorstufe darstellten. Was das Material betraf, hatten wir den Jackpot geknackt, aber auf die Explosion hätten wir verzichten können.
Scotty und ich schwangen unsere Ärsche aus Bessie, rannten in den Rauch und trafen dort auf das, was wir befürchtet hatten. Eine Soldatin taumelte Scotty in die Arme. Die Nähte ihrer Tarnuniform waren geplatzt und der Großteil ihres Körpers war verbrannt. Scotty tat, was er konnte.
Ich lief weiter durch die Rauchwolken und stand kurz darauf einem großen Soldaten gegenüber, der kaum noch zu erkennen war und wie ein Zombie umherschlurfte. Sein Kevlarhelm war ihm in den Nacken gerutscht wie eine Little-League-Baseballkappe; sein Gesicht war zerquetscht und verbrannt und er murmelte unverständliche Worte. Der Soldat fiel mir in die Arme. Ich schleppte seinen schweren Leib aus dem Rauch, weg von den brennenden Fahrzeugen, und legte ihn auf die Asphaltstraße. Dann klopfte ich seine brennende Kleidung mit meinen in Fliegerhandschuhen steckenden Händen aus, entfernte das Magazin aus seinem M16A4-Sturmgewehr und die Patrone aus der Kammer.
Meine Tier-One-Kameraden, Tora-Bora-Veteranen wie Stormin’ Shrek, Blinkie und mehr als ein Dutzend andere, waren weitergezogen zum nächsten Ziel, womit nur Scotty und ich als Verbindungsmänner der Task Force 626 zurückblieben. Erst vor wenigen Minuten waren noch die besten Sanitäter der Welt vor Ort gewesen. Jetzt nahm ich den deutlichen Geruch verbrannten Fleisches wahr und riss die Erste-Hilfe-Tasche von meiner Weste. Der verwundete Soldat atmete noch, wurde aber immer schwächer. Er brauchte eine Menge Hilfe, aber freie Atemwege waren die Priorität Nummer eins.
»Halt durch, Mann«, sagte ich, während ich ihm den Helm vom Kopf nahm und mir die Handschuhe mit hellrotem Blut besudelte. »Du kommst schon wieder in Ordnung, Kumpel.« Ich weiß nicht, ob ich selbst daran glaubte, aber ich hoffte, dass er es tat.
Ich zog die flexible Nasensonde aus der Tasche, befeuchtete sie mit ein paar Tropfen aus meinem CamelBak-Wasserschlauch, wischte ihm das Blut und den Dreck von der Nase und versuchte, ihm die Sonde ins linke Nasenloch zu schieben. Das ging ein, zwei Zentimeter weit gut, aber dann steckte ich in einer Sackgasse. Pech gehabt. Vorsichtig berührte ich den Oberkieferknochen kurz unterhalb der Nase. Er war verformt.
Die Augen des Soldaten waren geschlossen. Ich schüttelte ihn sanft, um zu sehen, ob er noch reagierte und bei Bewusstsein war. Ich war dabei, ihn zu verlieren.
»Bleiben Sie bei mir, Sergeant!«
Ich riss die Nasensonde heraus und nahm stattdessen die Jejunalsonde aus Hartplastik. Als ich seinen Kiefer anhob, sah ich die Zunge, setzte die Sonde an und schob sie langsam am Gaumensegel vorbei. Danach versuchte ich, sie um 180 Grad zu drehen, damit ich sie seine Kehle hinunterführen konnte. Wieder hinderte sie irgendetwas am Weiterkommen.
Scheiße!
»SANITÄTER!«
Ich blickte auf und entdeckte zu meiner Überraschung einen rot-weißen Rettungswagen wenige Meter hinter mir. Zwei irakische Notfallsanitäter in weißen Uniformen standen dort mit einer ausgeklappten Krankentrage herum und wirkten schüchtern und nervös. Ich sah mich um und hoffte inständig, dass ein Tier-One-Sanitäter aus dem Nichts auftauchen würde.
Der Soldat lag im Sterben, und ich konnte ihm nicht helfen. Hinter mir, in Richtung des Zielgebäudes, wuchs die Menge der wütenden Iraker, die begannen, uns von drei Seiten einzukreisen. Stromleitungen hingen von umgeknickten Masten herab und schlugen auf der Straße Funken wie riesige Peitschen. Ein Dutzend Iraker waren auf die vier brennenden und demolierten Hummer gesprungen, von wo sie diejenigen von uns, die geblieben waren, in einem unverständlichen Singsang provozierten.
»Scotty, bringen wir ihn in den Rettungswagen. Er braucht einen Arzt.«
Als die Tür des Rettungswagens sich schloss, knallten in der Nähe zwei Schüsse. Als ich in Richtung der Hummer schaute, sah ich einen Iraker in einem braunen T-Shirt und einer amerikanischen kakifarbenen Wüstentarnhose. Er wurde von einem der Geschütztürme gehoben und durch die Menschenkette weitergereicht.
Ich warf dem Platoon Sergeant neben mir einen Blick zu.
»Vermissen wir jemanden?«
Er zögerte. »Ich glaube, nicht.«
Der verletzte, wie ein US-Soldat gekleidete Iraker schrie, wegen einer Wunde oder vielleicht aus Angst um seinen Kopf. Er wurde durch die Menge zu einem anderen Krankenwagen an der Kreuzung getragen.
Scotty und ich schauten uns an und wussten auch ohne Worte, dass wir dasselbe dachten. Hatten die Einheimischen den Dolmetscher der Einheit aus den brennenden Autos gezogen? War der Platoon Sergeant noch auf der Suche nach ihm?
Ich spürte, wie mir jemand auf die Schulter klopfte. »Sind wieder da.«
Es war der bärtige Blinkie, ein Angriffstruppführer. Die Kavallerie war zurückgekehrt, und ich erkannte, dass er wusste, was Scotty und mir durch den Kopf ging. Ich sah mich schnell nach dem Platoon Sergeant um, aber der war verschwunden.
»Also los!«
Wir sprinteten in vollem Tempo in die wimmelnde Menge der Iraker. Ich riss den M4-Schalldämpfer von der Gewehrmündung, entsicherte und feuerte fünf Automatikschüsse in den klaren, blauen Himmel, um uns den Weg frei zu machen. Wir erreichten den Krankenwagen, bevor er losfahren konnte, und hielten den Fahrer auf. Beim Öffnen der Hintertür sahen wir den Verletzten auf einer Trage liegen, während sich ein Rettungsassistent über ihn beugte.
Ich sprang in den Wagen und stieg über den blutverschmierten Mann, während Scotty und Blinkie die Umgebung sicherten und dafür sorgten, dass das Fahrzeug stehen blieb. Ich packte den Mann am Arm und fragte ihn, ob er Englisch spreche. Er schüttelte panisch den Kopf, was mir sagte, dass er erstens eine Scheißangst hatte und zweitens nicht derjenige war, für den wir ihn hielten. Ich durchwühlte die Seitentaschen seiner Hose und brachte einige Papiere mit arabischer Schrift sowie ein Paar schwarzer Lederhandschuhe zum Vorschein, bevor ich ihm die Hand entgegenstreckte, um ihm noch eine letzte Chance zu geben, sich von uns retten zu lassen. Er ergriff sie nicht.
Wie wir es in den Straßen von Bagdad oder den Bergen Afghanistans tun mussten, muss auch der fiktive Operator Kolt ›Racer‹ Raynor innerhalb von Sekundenbruchteilen Entscheidungen treffen, die auf seinem taktischen Scharfsinn, seinem Hintergrundwissen und seiner Einsatzerfahrung beruhen. Die Lage kann sich blitzschnell ändern, und es gibt nur zwei Arten, darauf zu reagieren: Man kann in Schockstarre verfallen und darauf warten, dass ein Kamerad einem hilft, wieder zu sich zu kommen, oder man legt einen Schalter um und lässt sein Training das Steuer übernehmen. Genau wie Scotty es getan hat.
In One Killer Force kriegt Racer es mit jeder Menge Kampf und Chaos zu tun und ist gezwungen, von Plan A abzuweichen – dem Plan, der nur selten den ersten Schuss überlebt.
Zu Kolt Raynors Glück liefert er immer Ergebnisse ab, auch wenn viele der Ansicht sind, dass die Art seiner Entscheidungsfindung manchmal zu wünschen übrig lässt. Über das Niveau dieser Ergebnisse wird üblicherweise erst in den Nachbesprechungen und auf den Fluren diskutiert. Wenn Sie mich fragen: Ich hätte besser sein sollen an diesem heißen Sommertag in Bagdad. Nicht auszudenken, was ohne Scotty und die schnelle Rückkehr der Tora-Bora-Krieger passiert wäre.
In der realen Welt der Spezialeinheiten gibt es keine Individuen. Es gibt nur ein Team, das wiederum aus aufeinander abgestimmten Teams mit sich gegenseitig ergänzenden Fähigkeiten besteht, die zum Erreichen des Missionsziels führen. Von Scharfschützen über Bildanalysten und Helikopter-Bordschützen bis hin zu Personalsachbearbeitern – es ist eine gut geölte Maschinerie aus Tausenden, oder zumindest nahe daran. Ich habe das Glück, dass es auch in der Welt der fiktiven Spezialeinheiten nicht anders ist.
Um One Killer Force zu schreiben, habe ich mehr Hilfe gebraucht als gewöhnlich. Zweifellos wäre Kolt ›Racer‹ Raynor für immer untergetaucht geblieben, wären da nicht die außergewöhnliche Unterstützung und das blinde Vertrauen von Marc Resnick, meinem langjährigen Lektor bei St. Martin’s Press, sowie meines Superagenten Scott Miller von der Trident Media Group gewesen.
Jetzt, da das vierte Buch meiner Delta-Force-Thrillerserie erscheint, fühle ich mich geehrt und bin äußerst dankbar dafür, dass Marc und Scott mir immer noch erstklassig den Rücken freihalten. Ein weiterer Segen ist für mich, dass ich Chris Evans wiederhabe, der seinerseits ein extrem talentierter Schriftsteller ist. Er hat mir geholfen, die Mitte der Zielscheibe zu treffen, wenn mein Schreibstift nur noch den Rand bekritzelt hat. Außerdem hat er all diese kleinen Verstöße gegen die Regeln guten Schreibens korrigiert, denen ich zugegebenermaßen weniger Beachtung geschenkt habe als noch den Spielanweisungen und lebhaften Arm- und Handzeichen meines Footballtrainers vor ein paar Jahrzehnten.
Nicht nur Marc, Scott und Chris bin ich zutiefst dankbar, sondern auch meinen früheren Kameraden und anderen Experten, die bereit waren, mich mit einzigartigem Insiderwissen über Spezialausrüstung oder mit historischen Einordnungen echter Einsätze zu versorgen, die wir vor Jahren zusammen erlebt haben. Den Feind bekämpfen, ein Buch verfassen – beides ist ein Mannschaftssport, kein Zweifel. Für Kolt Raynor ist es ein Sport, bei dem er ohne die Unterstützung meiner Frau und meiner Töchter schon lange auf der Reservebank gelandet wäre. All diesen Racer-Fans habe ich sehr viel zu verdanken.
1
425 Seemeilen nordöstlich von Goose Bay, Neufundland, über dem Atlantischen Ozean – März 2014
Ein kleiner, dunkler Schatten huschte unter dem abnehmenden Viertelmond über die Wellen. Was den Schatten warf, war ein Helikopter des Typs MH-6M Mission Enhanced ›Little Bird‹ des 1/160th Special Operations Aviations Regiment. Seine Außenhülle war mattschwarz und absorbierte sowohl Licht als auch Radarsignale. Der Delta-Force-Major Kolt »Racer« Raynor lehnte sich an der Steuerbordseite in den Gegenwind und wünschte sich, er hätte nicht so viele Fernsehsendungen über Haie gesehen.
Kolt akzeptierte, dass es zu seinem Job gehörte, sein Leben aufs Spiel zu setzen. Gott, das war sogar einer der Hauptgründe dafür, dass er sein Dasein als Special Operator liebte. Dennoch brachte er sich manchmal in Situationen, in denen er das Gefühl hatte, sein Glück zu sehr auf die Probe zu stellen, und das Dahinrasen dicht über dem kalten, dunklen Ozean war so eine Situation.
Heute Nacht war die Lage aus verschiedenen Gründen besonders schlecht, und Kolt hatte viel zu viel Zeit, über diese Gründe nachzudenken, während der Little Bird sein Schicksal herausforderte und mit den Unterseiten seiner Kufen viel zu dicht an die hässlichen Wellen herankam. Ein verkommener iranischer Terrorist namens Marzban Tehrani hatte mit einer Gruppe von Möchtegern-Dschihadisten die Queen Mary II bei ihrer Kreuzfahrt über den Atlantik in seine Gewalt gebracht. So schlimm das auch war – die neuesten Erkenntnisse machten es noch viel schlimmer. Es hatte sich zwar noch nicht endgültig bestätigt, aber man war der Annahme, dass es Tehrani gelungen war, sich einen, möglicherweise zwei in Nordkorea hergestellte nukleare Minisprengköpfe zu beschaffen – die legendäre Koffer-Atombombe, vor der westliche Regierungen sich schon seit Jahrzehnten fürchteten. Einiges sprach dafür, denn durch den verbotenen Handel mit Nukleartechnologie zwischen Nordkorea und dem Iran verfügte Marzban bekanntermaßen über Verbindungen zum nordkoreanischen Regime.
Was auch immer Marzban und seine Landsmänner vorhatten – wenn man davon ausging, dass es sich nicht einfach um einen massiven Selbstmordanschlag mit Bomben handelte –, sie sprachen jedenfalls nicht mit den Verhandlungsführern des FBI. Nein, sie waren entweder merkwürdig scheu oder verfolgten eine clevere Taktik. Bis jetzt hatten sie nur über das Handy einer älteren Dame aus Buffalo kommuniziert, die die Kreuzfahrt von ihren Kindern geschenkt bekommen hatte. Die NSA hatte rasch alle Informationen bereitgestellt, die sie über Mildred Angelica Swanson gefunden hatte. Diese war 73 Jahre alt, geboren in Harrisburg, Pennsylvania, hatte ihren Abschluss am Vassar College gemacht, war die Witwe von Jonathan Merle Swanson, die Mutter zweier erwachsener Kinder und eine regelmäßige Besucherin des Trump Casino in Atlantic City, außerdem mehrerer von amerikanischen Ureinwohnern betriebener Casinos im Bundesstaat New York. Über Tehrani hatte die NSA nicht annähernd so viele Details anzubieten.
Kolt hob die Schultern in seinem Trockenanzug um einen oder zwei Zentimeter, um die Öffnung am Hals zu schließen. Der Anzug war alles andere als maßgeschneidert. Im Gegensatz zu den Anzügen, die das SEAL-Team trug, stammte seiner direkt aus den SEAL-Team-Six-Vorratsräumen – und wer auch immer den Halsbereich ausgeschnitten hatte, musste einen Nacken wie Hulk Hogan haben. Der schneidende Wind, der von der bewegten See aufstieg, schien direkt auf seinen Adamsapfel zu treffen.
Diese Scheiß-SEALs!
Über sein Headset hörte Raynor das OPSKED, das Codewort dafür, dass der Helikopter-Kampfverband – kurz HAF für helicopter assault force – den Umkehrgrenzpunkt erreicht hatte. »Alle Stationen, alle Stationen, Gettysburg, ich wiederhole, Gettysburg.«
Kolt beugte den Kopf nach vorn und richtete die Augen nach oben, um einen Blick auf das Zielschiff zu erhaschen. Da der Punkt erreicht war, an dem sie nicht mehr umkehren konnten, hatte er geglaubt, vielleicht zumindest die Umrisse des Ziels erkennen zu können. Aber das konnte er nicht. Drei schwere Transporthubschrauber des Typs MH-47 Dark Horse, das Fleisch auf den Rippen der HAF, flogen ihnen in einer gestaffelten Formation auf der rechten Seite voraus und verhinderten, dass Kolt das Ziel zu sehen bekam.
Kolt wusste, dass die SEALs etwa 30 Sekunden vor den 47ern eintreffen und sich auf einer wohlüberlegten Bahn in der Heckwelle des Schiffs bewegen würden. Der Boot-Angriffstrupp, boat assault force oder BAF, würde mit vier unauffälligen, metallisch grauen Mark V Special Operations Crafts perfekt positioniert werden und auf den Hecküberhang des Zielschiffs zusteuern, ohne dass jemand an Bord etwas davon merkte.
Er drehte sich um und betrachtete den SEAL, der hinter ihm saß und sich nach hinten lehnte, um dem Wind auszuweichen. Der SEAL hatte es sich so bequem wie möglich gemacht und die wenigen Zentimeter genutzt, die ihm in der offenen Kabine zur Verfügung standen, um Kolt zwischen sich und den Gegenwind zu bringen. Seine Ausrüstung war definitiv individuell angepasst, absolut wasserdicht und schwimmfähig.
Der Drecksack!
Kolt drehte sich wieder um, ließ den Blick über das am Galgen eingehakte Seil schweifen, dessen Rest zusammengerollt nur 30 Zentimeter entfernt lag, dann nach vorn zu den Piloten im rundum verglasten Cockpit, bevor er sich leicht in Richtung Heck lehnte, um durch die offene Kabine Slapshot anzusehen, den Sergeant Major seines Trupps. Eiskaltes Meerwasser, das von den Rotorblättern der 47er aufgepeitscht wurde und sich mit dem Regen einer Böe mischte, tropfte ihm in den unteren Halsbereich, lief zwischen seinen Brustmuskeln hindurch und sammelte sich in seinem Nabel. Kolt fragte sich, ob Slapshot dasselbe Problem hatte.
Slapshot hatte ebenso wie Kolt die sprichwörtliche Arschkarte gezogen, was seine Position betraf, nur auf der anderen Seite des Little Bird. Hinter ihm war ein zweiter perfekt angezogener, scheinbar einem Rekrutierungsposter entsprungener SEAL eingehakt, in Begleitung eines sehr unfreundlich dreinblickenden Malinois.
Kolt nahm Blickkontakt zu diesem wachsamen Tier namens Roscoe auf, ein Bombensuchhund in voller Montur. Roscoes Augen waren wie schwarze Murmeln, in denen der abnehmende Mond wie in einem Taschenspiegel reflektiert wurde. Schaudernd wandte Kolt sich ab.
Er hob die behandschuhte Linke, um seinen aufblasbaren Kragen zu justieren. Dieser taktische Lebensretter war ein Muss, wenn man wie ein Vogel über den Ozean flog, aber er hatte ihm bereits den Hals wund gescheuert. Durch ihr hydrostatisches Ventil würde seine Weste sich in Sekundenschnelle selbst aufpumpen, wenn sie tiefer als zehn Zentimeter unter Wasser geriet. In Notlagen oberhalb der Wasseroberfläche konnte man so zwar immerhin sicher sein, dass der Kopf über Wasser blieb, aber ob man atmen konnte, war eine ganz andere Frage.
Nachdem er seine Beschäftigung mit der Rettungsweste aufgegeben hatte, checkte Kolt den Sitz seiner Notausstiegsausrüstung. Das Mini-Unterwasseratemgerät HEED III war mit einem Schnappverschluss am linken Schultergurt seiner Kampfweste befestigt. Kolt umfasste es sacht und brachte das Mundstück ein wenig näher an seinen Mund. Mit einem schnellen Blick zu den Wellen hinab ging er im Kopf das Vorgehen zur Rettung seines Lebens durch. Im Gegensatz zu seinem Kragen verfügte die HEED-Sauerstoffflasche nicht über einen automatischen Aktivierungsmechanismus. Sie funktionierte nur, wenn man bei Bewusstsein war und alle fünf Sinne beisammenhatte.
Der Vogel stieg und sank, bis er wieder eine gleichmäßige Flugbahn annahm. Kolts Magen stabilisierte sich ein paar Sekunden später. Er wusste, dass der Pilot im Blasencockpit des Twister Two-One, Chief Warrant Officer Three Stew Weeks, einer der Besten in Amerika war, der Goldstandard, was Helikopterpiloten betraf. Trotzdem – ein Konturenflug mit 152 Knoten bei Nacht, nur 30 Meter über den eisigen Wogen des Nordatlantiks, war wagemutig, wenn nicht leichtsinnig.
Als das Killer-Ei, wie die Little Birds auch genannt wurden, den Wellen gefährlich nahe kam, bevor es wieder aufstieg, wünschte Kolt, er hätte beharrlicher um einen Platz in einem der 47er gekämpft. In einem dieser großen Vögel zu sitzen war im Vergleich zu diesem kleinen Spielzeug, als würde man mit einem M1 Abrams fahren.
Kolt begann zu bereuen, dass er sich so bemüht hatte, von den Ärzten wieder zum Einsatz zugelassen zu werden. Erst vor ein paar Monaten hatte er das Versuchskaninchen für sie gespielt, als sie ihm im Raleigh Duke Medical Center experimentelle Antibiotika verabreicht und ihn einer hämatopoetischen Stammzellentransplantation unterzogen hatten. Er hatte versucht, dem ganzen medizinischen Fachjargon zu folgen, es aber schließlich aufgegeben und einfach gehofft, es würde ihnen irgendwie gelingen, ihn vor den Auswirkungen der Strahlendosis zu bewahren, die er sich im Yellow-Creek-Atomkraftwerk eingefangen hatte.
Hawk. Sie war während der ganzen Prozedur bei ihm geblieben, bei jeder fieberhaften Reaktion auf die Medikamente, jedem …
»An alle Stationen, Sumter, Sumter.«
Scheiße. Leg den Schalter um, Kolt.
Er schüttelte den Kopf, verscheuchte die Gedanken. Er richtete den Blick nach vorn, über den aufgewühlten Atlantischen Ozean.
Dort, knapp über dem flachen Horizont, waren die sanften gelben Lichter der 79.300 Tonnen schweren Queen Mary II zu erkennen. Als Kolt nach unten sah, stellte er fest, dass sie bereits über ihrem Kielwasser flogen. Der Heli ging in Schräglage und brachte sich direkt hinter dem Schiffsheck und ihrem Ziel in Position, der Grill Terrace, einem Fünf-Sterne-Restaurant.
Die Analysten der Navy hatten sich bei der Missionsplanung auf den Princess Grill konzentriert. Hier, wo sie einen großen beheizten Whirlpool hinter sich hatten, würden die Terroristen sich wahrscheinlich postieren, um Rettungsboote oder Helikopter ins Visier zu nehmen, die versuchten, sich dem Luxuskreuzer heimlich zu nähern.
Kolt ging im Kopf seine Checkliste durch und bereitete sich schon auf die gemeinsame Missionsnachbesprechung vor.
BAF: Annäherung wie geplant. HAF: Annäherung wie geplant.
Die Lampen im Restaurant waren noch eingeschaltet und warfen schwaches Licht auf die Heckwelle des riesigen Schiffs. In Kolts Augen ließ es das dunkle Wasser noch kälter wirken. Es war überraschend, dass die Lichter noch brannten, da sie alle Terroristen beleuchten würden, die sich auf dem Hinterschiff aufhielten, aber das war umso besser für das Angriffsteam. Es war ein Fehler, davon auszugehen, dass der Feind ausschließlich kluge Entscheidungen traf. Man musste bereit sein, seine Taktik jederzeit anzupassen, gerade dann, wenn der Gegner etwas Dummes tat. Kolt wusste nur allzu gut, dass rationales Handeln vorhersehbar, Dummheit dagegen unberechenbar war.
Als er eine Bewegung auf dem Wasser wahrnahm, richtete Kolt den Blick nach unten und sah, dass der Boot-Angriffstrupp sich aufteilte, um auf beiden Seiten am Heck der Queen Mary hinaufzuklettern. Mit nur 25 Metern Länge waren die Angriffsboote wie kleine Fische im Schatten eines Kolosses.
Kolt konnte die SEALs an Bord nicht erkennen, aber er wusste, dass einige von ihnen mit Wärmebild-Zielfernrohren auf der Lauer lagen und nach Terroristen Ausschau hielten, die mutig genug waren, den Lauf eines AK-47 über die Reling zu schieben. Die restlichen SEALs würden hinter den zwei Männern warten, die die Enterstange hoben, während ein dritter versuchte, die Enterhaken beim ersten Versuch ins Ziel zu bringen. An den Haken waren leichte Aluminiumstrickleitern befestigt, mit denen die SEALs aus allen vier Booten innerhalb von Sekunden leise an Bord des entführten Kreuzfahrtschiffs steigen konnten.
Alles passierte jetzt schnell, sodass Kolt wenig Zeit blieb, über seine erste Mission seit Yellow Creek nachzudenken. Da es für Terroristen mittlerweile sehr schwer geworden war, Flugzeuge zu entführen, hielten sie nach anderen Transportmitteln Ausschau, die schlechter gesichert waren. Es war kein Wunder, dass sie sich für ein Kreuzfahrtschiff entschieden hatten. Diese Schiffe waren groß, langsam, voller unschuldiger Menschen, und sie würden mit Sicherheit die volle Aufmerksamkeit der Medien überall auf der Welt auf sich ziehen. Und als wäre das noch nicht albtraumhaft genug, befand sich die Queen Mary auf einem Ost-West-Kurs. Sie kam aus Southampton und war auf dem Weg nach New York. Kolt wusste, dass der Befehl nicht nur lautete, entführte Flugzeuge abzuschießen, falls diese eine Bedrohung für Ziele am Boden darstellten, sondern dass die Navy auch darauf vorbereitet war, aus demselben Grund ein Schiff zu versenken.
Er zog die Schultern bis zu den Ohren hoch und feuerte in Gedanken den Little Bird an. Warten ging ihm auf die Nerven. Übergänge und Mittelwege waren nicht seine Sache. Aber es gab noch einen anderen Grund dafür, dass er wollte, dass die Sache ins Rollen kam. Der Kommandant des Joint Special Operations Command, Lieutenant General Seth Allen, hatte den bemerkenswerten Entschluss gefasst, gleich zwei Spezialeinheiten auf diese Mission zu schicken: eine vom SEAL Team Six, die andere vom Osage Squadron der Delta Force. Die Deltas führten zwar nicht annähernd so oft wie die SEALs Einsätze im Wasser durch, aber das hieß noch lange nicht, dass sie Schwimmflügel brauchten.
Die Deltas und die SEALs zusammen. Es konnte prächtig funktionieren – oder in einer prächtigen Katastrophe enden.
Ein Spritzer Salzwasser holte Kolt wieder in die Gegenwart zurück. Er suchte noch einmal den Restaurantbereich ab, fand aber keine Anzeichen für die Anwesenheit der Terroristen. Er richtete sein Augenmerk auf das darunter gelegene zehnte Deck, wo die schwachen, aber beständigen Lampen der Außenkabinen, der exorbitant teuren Windsor- und Buckingham-Suiten, hinter teilweise heruntergelassenen Vorhängen leuchteten.
Er wusste, dass der Angriffstrupp diese Suiten in wenigen Minuten betreten würde, und er machte sich Sorgen, dass sie dort in irgendeine Art von Hinterhalt geraten würden. Das Delta-Team würde die oberen Decks 13 bis 7 säubern, während die SEALs zu den tieferen Decks hinunterstiegen. Man nahm an, dass Marzban und seine schmutzigen Bomben sich dort unten befanden – die SEALs bekamen also den interessanten Teil der Mission, während die Deltas sich mit der Unterstützerrolle begnügen mussten. Seit sie Osama ausgeschaltet hatten, waren die SEALs immer unausstehlicher geworden.
CW3 Stew Weeks brachte Twister Two-One bis auf 30 Meter ans Heck der Queen Mary heran. Er verlangsamte auf 60 Knoten, um den 47ern Zeit zu geben, ihre 30 Meter langen Seile von den Heckrampen und den rechten Vordertüren auszuwerfen. Der erste der 47er mit den Doppelrotoren manövrierte über dem Sonnendeck, drehte sich 90 Grad gegen den Uhrzeigersinn und ließ alle drei Seile gleichzeitig hinab. Der zweite 47er schwebte aus, zog die Nase über dem hinteren Ende von Deck 12 hoch, ahmte die Drehung des ersten Hubschraubers nach und ließ seinerseits drei Seile über dem Shuffleboardbereich hinab.
Weeks hielt Twister Two-One auf Abstand, bis die Delta-Sturmtruppen sich abgeseilt hatten und die 47er sich nach Osten entfernten, um aus der Deckbeleuchtung der Queen herauszukommen. Der Helikopter huschte hin und her, während der Pilot ihn im Dunkeln hielt, ihn ungefähr 70 Meter achtern und leicht nach steuerbord schweben ließ. Fast sofort sank die Windkühle, sodass Kolt sein Gesicht entspannen und sich auf die Soldaten konzentrieren konnte, die die Nylonseile hinabrutschten, einer pro Sekunde.
Schnell wischte Kolt die Wassertropfen von den Gläsern seiner Eye-Pro-Brille, gerade als die letzten Männer aus beiden 47ern sein Sichtfeld verließen. Sekunden später fielen sechs dunkle Nylonseile auf das Deck – für Kolt das Stichwort, auf das Signal zum Vorrücken zu ihrem Startpunkt zu warten.
»Seile sind raus, Seile sind raus.«
So weit, so gut; gute Mission.
Sofort fühlte er, wie die Nase seines Little Bird etwa 30 Zentimeter absank und die Maschine ihre Geschwindigkeit erhöhte. Twister Two-One folgte der Anflugsroute der 47er und hielt sich dabei an der Steuerbordseite, sodass sie direkt über die zwei Mark-V-Boote der SEALs flogen, die nun auf halber Länge des Schiffs auf den Wellen schaukelten.
Kolt löste die verschränkten Hände voneinander und schaute zwischen seinen Multicam-Salomon-Kampfstiefeln hindurch. Das vordere Mark-V-Boot fuhr aus der Heckwelle, brachte Abstand zwischen sich und das entführte Schiff, bevor es sich auf den 27 Meilen weiten Weg zum Mutterschiff machte, die schwimmende Einsatzbasis, die unter dem Namen USS Ponce bekannt war. Kolt wusste, dass die SEALs bereits geschickt wie Dschungelaffen die Leitern hinaufgeklettert waren und sich jetzt auf die Haupttreppe zubewegten, um zu den tieferen Decks hinunterzusteigen.
Bootscrew: gut geentert.
Kolt lehnte sich leicht nach vorn, testete die Spannung seines Haltegurts und entdeckte das zweite Mark V, das immer noch neben dem Schiff positioniert war. Der Fahrer hielt das Boot so nahe daran, wie er konnte, saugte sich wie ein Blutegel am Rumpf fest, um den SEALs eine stabile Basis zum Klettern zu geben.
Der erste Enterversuch muss schiefgegangen sein.
»Schon seekrank, Boss?«, fragte Slapshot über ihre gesonderte Funkfrequenz.
Kolt lehnte sich zurück, um ihn durch die Kabine anzusehen. Er zeigte ihm ein paar Sekunden lang den Mittelfinger und drückte dann die Sprechtaste. »Falls du’s nicht richtig gesehen hast: Das war ein Fuck You.«
»Roger. Ich glaub, ich schau mal bei der Regatta Bar vorbei, sobald wir an Bord sind«, erwiderte Slapshot.
»Da kann’s voll werden. Die Froschmänner sind schon auf dem Schiff.« Kolt griff hinter sich, um den Karabinerhaken seines Gurts zu kontrollieren, fand den beweglichen Teil und stieß ihn leicht an, um sicherzugehen, dass er sich schnell genug öffnen würde.
»Dann wird das das Erste, was ich bei der Nachbesprechung erzähle«, sagte Slapshot.
Twister Two-One beschleunigte in Richtung der Brücke, des höchsten Punktes der Queen und der Stelle, an der Roscoe am schnellsten den haarlosen Knöchel oder knochigen Unterarm eines Terroristen zwischen die Zähne bekommen würde.
Chief Weeks drosselte die Geschwindigkeit und lenkte leicht nach links, bewegte den Steuerknüppel leicht seitlich und ließ die Maschine ein paar Meter weitergleiten, um seine Fahrgäste direkt über den Abseilpunkt zu bringen, schwebte dann aus und kam etwa zwei Meter über der Brücke zur Ruhe.
»Seile, Seile, Seile«, funkte Weeks.
Kolt war mit der Stelle zufrieden. Er drehte sich um und sah, wie der SEAL das zusammengerollte, schwere Nylonseil nach unten stieß, sodass die ganzen neun Meter zum Brückennock hinabrutschten. Kolt betätigte seinen Schnappverschluss mit dem Daumen, löste seine Verbindung zum Little Bird und griff nach dem Seil, um dem SEAL nach unten zu folgen. Für einen erfahrenen Operator wie ihn war das Routine. Auch wenn niemand darüber Buch führte, wie oft sich ein Operator abseilte – anders als bei der Anzahl seiner HALO-Fallschirmsprünge oder seiner Bestzeit auf dem langen Hindernisparcours –, musste diese Zahl bei Kolt irgendwo zwischen 1000 und 2000 liegen.
Aber dieser Abstieg fühlte sich irgendwie nicht richtig an. Er spürte, wie der MH-6M nach links glitt, nicht mit der Geschwindigkeit der Queen Mary Schritt hielt.
Er hatte mit behandschuhten Händen das Nylonseil im Gorillagriff gepackt, aber jetzt zögerte Kolt. Er sah nach unten. Seine Instinkte waren hellwach. Sein Landepunkt war nicht kompromittiert, er war einfach verschwunden – er starrte auf die mondbeschienenen weißen Wellenkämme an der rechten Bugspitze.
Scheiße!
Er war nicht sicher, ob der SEAL sich erfolgreich abgeseilt hatte oder vom Ende des Seils ins Meer gefallen war. Aber er wusste, dass ein Little Bird, der über einem fahrenden Schiff zur Seite abdriftete, nichts Ungewöhnliches war. Weeks würde nachjustieren und sie wieder über den korrekten Abstiegspunkt bringen. Kein Drama. Kolt hielt sich einfach weiter am Seil fest.
»Twister ist getroffen, Twister ist getroffen«, sendete Weeks mit ruhiger Stimme.
Kolt erstarrte. Was zur Hölle war passiert?
Ohne Vorwarnung kippte die Nase des MH-6M nach unten, die Maschine kam schwankend aus dem Gleichgewicht und drehte unkontrolliert nach rechts ab.
Haben die Rotorblätter das Schiff getroffen? Sind wir mit einer Antenne kollidiert? Einer Hochspannungsleitung?
Das war durchaus ungewöhnlich. Kolt nahm an, dass der Heckrotor ausgefallen war, entweder durch eine Antriebsstörung infolge einer Kollision oder durch irgendeinen unvorhersehbaren mechanischen Fehler. Ob es an einem dieser Faktoren lag oder an einem anderen – jeder gewöhnliche Handwerker hätte erkannt, dass die Kacke am Dampfen war.
Kolt überlegte, ob er nach seinem Karabinerhaken greifen und sich wieder einhaken sollte. Eine andere Möglichkeit war, einfach am Seil ins sichere Wasser hinabzurutschen. Er könnte Abstand zwischen sich und das Problem bringen, sich von seiner selbstaufpumpenden Weste den Hintern retten lassen, eine Leuchtfackel zünden und sich später aus dem Wasser ziehen lassen. Bevor er sich entscheiden konnte, hörte Kolt einen metallischen Knall und riss den Kopf herum, um die Ursache herauszufinden. Der Heckrotor war von der Hauptkabine abgebrochen und fiel zum Ozean hinunter.
Kolt wusste, dass der sicherste Ort jetzt drinnen bei den Piloten war, so weit weg von den sechs wirbelnden Blättern des Hauptrotors wie möglich. Gleich danach bot der Bereich hinter den Pilotensitzen in der offenen Kabine in der Nähe des Zusatztanks den besten Schutz und die größte Chance, die bevorstehende Bruchlandung zu überleben.
Wenn der Absturz begann, blieben Chief Weeks nicht mehr viele Optionen, was das Notverfahren betraf. Er würde sich darauf konzentrieren, die Maschine gerade zu halten, während sie aus etwa 17 Metern Höhe zur unruhigen See hinabwirbelten.
»Fuck!«
Kolt wusste nicht, wer das gerufen hatte, aber es entsprach voll und ganz seiner Meinung. Während er gegen die Zentrifugalkraft des sich im Kreis drehenden, jetzt hecklosen MH-6M ankämpfte, stieß Kolt das Seil von sich und griff nach dem Kabinenrand. Er bekam das Blech mit der rechten Hand zu fassen, entließ das Seil aus der Umklammerung seiner Linken und schaffte es halb springend, halb ziehend, seinen Oberkörper ins Innere zu hieven. Er lag auf dem Rücken, seine Beine hingen an der Steuerbordseite hinaus und er streckte die Hände nach allen festen Punkten aus, die er finden konnte. Während er sich auf den kommenden Aufprall einstellte, rollte er die Augen unter der Schutzbrille nach oben. Kolt blinzelte zweimal.
Slapshot?
Einen Moment später tauchte der auf den Kopf gedrehte MH-6M in das eisige Wasser ein. Die Rotorblätter peitschten durch die Fluten und wurden dabei bedeutend verlangsamt. Kolt wurde gegen das Dach des Helis geschleudert, wobei seine Schutzweste ihn vor schweren Aufprallverletzungen bewahrte. Er atmete eine dichte Abgaswolke aus Motoröl und JP8-Treibstoff ein und Eiswasser strömte in das türlose Blasencockpit und die Kabine.
Kolt wusste, dass die Schultergurte der Piloten beim Aufprall einrasteten und dass sie sich befreien würden. Wenn sie bei Bewusstsein geblieben waren, war das angesichts ihres umfangreichen Trainings und ihrer Basisqualifikation für diese Mission so gut wie sicher. Aber mit der gleichen instinktiven Sicherheit wurde Kolt klar, dass er in der Scheiße steckte.
Er dachte an sein Schwimmtraining und Slapshots pubertäre Panikmache über einen angeblichen »Keuchreflex« zurück. Der Durchschnittsmensch konnte demnach bei Wasser in Zimmertemperatur 103 Sekunden lang die Luft anhalten, während ihm schon nach etwa zwölf Sekunden die Luft ausging, wenn er in kaltes Wasser eintauchte. Slapshot hatte ihm erklärt, dass der Keuchreflex unkontrollierbar war und sich einen Scheiß dafür interessierte, was für ein harter Kerl man war.
Das HEED!
Er hielt den Atem an, während der MH-6M ihn gefangen hielt und ihn tiefer unter die unruhige Wasseroberfläche zog. Aber weil er vergaß, den Mund zu schließen, entweder durch den harten Aufprall mit den Schutzplatten seiner Weste oder einfach durch den Schock, schluckte er einen Mundvoll Meerwasser. Er wollte es ausspucken, aber weil er bereits unter Wasser war, blieb ihm nichts anderes mehr übrig, als den Mund fest zu schließen und seine aufsteigende Panik zu bekämpfen.
Er tastete nach dem HEED-Atemgerät, fand es zu seiner Verblüffung schon beim ersten Versuch, hatte jedoch Mühe, das weiße Mundstück aus Gummi zu seinem Gesicht zu drehen. Er stopfte es sich in den Mund, schloss die Lippen fest darum und blies das Wasser aus dem Atemregler sowie aus seinem Mund. Kolt hustete, weil er das Salzwasser nicht vollständig losgeworden war, und gab sich Mühe, ruhig zu bleiben.
Wenn man bei Nacht tauchte, ohne Orientierungspunkte und ohne etwas sehen zu können, war der Schlüssel zum Überleben etwas, das eigentlich der Intuition widersprach. Aus dem abgestürzten Hubschrauber herauszuschwimmen war das Letzte, das er jetzt tun sollte, weil es sehr wahrscheinlich war, dass er durch seine Arm- und Beinbewegungen dabei mit seiner Ausrüstung an irgendeinem unsichtbaren Hindernis hängen blieb. Falls es dazu kam, würde er die Luft in seinem HEED beim Versuch verbrauchen, sich zu befreien. Sobald ihm die Luft ausging, würde Salzwasser in seine Lunge dringen, er würde sehr bald einen Schwimmbad-Blackout erleiden und ganz einfach ertrinken, zusammen mit dem Wrack zum Meeresboden sinken. Ganz ähnlich wie das, was in Yellow Creek passiert war.
Kolt tat sein Bestes, um Ruhe zu bewahren, aber da er sich in einem sinkenden Helikopter befand und ihm nur noch für zwei bis fünf Minuten Luft blieb, musste er schnell handeln. Mit einfachen, kontrollierten Handgriffen arbeitete er sich nach Gefühl aus dem Wrack hinaus. Sobald er den Rumpf hinter sich ließ, würde der natürliche Auftrieb seines Körpers ihn aufrichten und in Richtung Oberfläche drehen. Und durch den selbstaufpumpenden Kragen standen seine Chancen noch besser.
Aber Kolt hatte zu viel Meerwasser geschluckt und musste kämpfen, um dem HEED-Atemgerät trotz des Wassers in seiner Lunge Luft abzuringen. Er tastete mit den Händen nach dem Außenrand der Kabine und spürte, wie das Gewicht des Wracks seine Hände nach unten zog. Er ließ los, um zu verhindern, dass er zum Ozeanboden hinabgeschleift wurde, und stieß sich mit dem rechten Stiefel von einem festen Punkt ab, den er nicht sah.
Obwohl seine Brille noch an ihrem Platz war, konnte er nichts sehen und stieß mit dem vorderen Ende seines OpsCore-›Brain-Bucket‹-Helms an irgendetwas, das seinen Fluchtweg versperrte.
Durch den Schreck verlor er das HEED-Mundstück. Kolt streckte die rechte Hand aus, um das Hindernis abzutasten, während er mit der anderen die Fangschnur einholte, um sein HEED zu sichern und das Mundstück wieder einzusetzen. Wieder drückte er auf die Oberseite des Luftbehälters, um das Wasser aus dem Atemregulator zu entfernen. Wieder hustete er heftig und kämpfte gegen den natürlichen Drang an, das Mundstück auszuspucken.
Ein Mensch!
Kolt griff rasch nach dem Oberkörper der vor ihm schwimmenden Person. Er strich mit den Händen seitlich an ihr entlang, um festzustellen, ob sie mit dem Kopf nach unten schwamm und bewusstlos war. Oder vielleicht sogar tot.
Kolt war nicht ganz sicher, ob der Kerl von der gegenüberliegenden Seite des Helikopters der SEAL oder sein Troop Sergeant Slingshot war. Er hob die Hände zur Taille der Person und tastete im Wasser nach einem Haltegurt. Der Auftrieb des Operators und sein aktivierter Kragen wirkten gegen die Abwärtsbewegung des sinkenden MH-6M an. Er folgte dem straff gespannten Gurt mit der Linken bis zum Verschluss, ließ diesen mit dem Daumen aufschnappen und spürte, wie der Gurt nach oben schnellte, was bedeutete, dass der mit Luft gefüllte Kragen des Mannes ihn zur Wasseroberfläche zog.
Fuck!
Kolt fühlte einen kräftigen Biss am rechten Unterarm. Die scharfen Zähne drangen mühelos durch das Polyurethan seines Trockenanzugs und bohrten sich in seine Haut.
Roscoe!
Der Biss des Bombensuchhunds ließ nicht nach, und er begann, den Kopf wild hin und her zu schütteln, als ob er Kolt den Arm am Ellbogen abbeißen wollte. Kolt öffnete den Karabinerhaken und zog ihn aus dem Ring am Heli. Sofort fühlte er, wie auch der Haken aus seiner Hand nach oben gezogen wurde, was ihm bestätigte, dass der SEAL befreit war und zur Oberfläche aufstieg.
Während Roscoe sich weiter in seinen Arm verbiss und dabei zappelte, als hätte er eine Lunge wie ein Alligator und wäre nicht zehn Meter unter der Meeresoberfläche, kam Kolt plötzlich wieder in den Sinn, dass er direkt vor dem Aufprall einen kurzen Blick auf Slapshot erhascht hatte. Auf der Suche nach Slapshots Sicherheitsleine tastete er den linken Rand der Außenbank ab. Er war jetzt wahrscheinlich auf den Kopf gedreht, wie der SEAL es gewesen war, aber durch die Leine immer noch nahe genug am Hubschrauber, damit Kolt sich vergewissern konnte.
Nichts als Wasser.
Kolt griff mit der linken Hand nach Roscoes Nacken und schob den Daumen nahe ans rechte Ohr des Hundes. Er kniff ihn fest, um Roscoe auf andere Gedanken zu bringen. Als dessen Biss nachließ, riss Kolt seinen rechten Unterarm los und suchte nach Roscoes Karabinerhaken. Zuerst konnte er ihn nicht finden, als er mit der Hand an der Außenbank entlangstrich, also war er gezwungen, den Suchbereich zu erweitern. Gerade als er den Haken mit der rechten Hand berührte, traf ihn eine von Roscoes Vorderpfoten von oben, riss ihm die Schutzbrille vom Gesicht und hinterließ einen langen Kratzer auf seiner rechten Wange. Das kalte Salzwasser floss ihm in die Augen, und im nächsten Moment schlug ein zweiter Pfotenhieb ihm das HEED aus dem Mund.
Scheiß auf den Hund, ich muss zur Oberfläche, sonst ersauf ich in diesem einsamen Ozean.
Kolt glaubte, er hätte seine Entscheidung gefällt: den Hund sich selbst überlassen, die eigene Haut retten. Aber dann packte ihn das schlechte Gewissen und erinnerte ihn daran, dass Roscoe nicht nur irgendein Streuner im Hindukusch war. Vielleicht war dabei auch Gottes Hand im Spiel. Schon vor 9/11 hatten sich Diensthunde im Einsatz als unverzichtbar erwiesen. Man musste kein PETA-Extremist sein, um zu wissen, dass Hunde eine echte Unterstützung im Kampf waren und dass es Jahre dauerte, sie zu trainieren. Sie hatten schon zahllosen Operators das Leben gerettet, entweder indem sie Sprengsätze aufgespürt oder indem sie Gesindel wie die tschetschenischen »Schwarzen Witwen« bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi ausgeschaltet hatten.
O Scheiße! Ich kann Roscoe nicht hierlassen.
Kolt fasste Roscoes Karabinerhakenverschluss mit beiden Händen und konnte ihn leicht öffnen. Er hielt den Verschluss noch fest, als er sein HEED wiederfand und das Mundstück in den Mund nahm.
Verdammte Scheiße. Leer!
Er zog an der umgedrehten Außenbank über seinem Kopf und stellte fest, dass er sich von dem immer noch sinkenden Little Bird wegbewegte. Er war außer Atem, er spürte die Frühwarnzeichen für einen Schwimmbad-Blackout und wusste, dass er sofort zur Oberfläche musste. Sicher, das Ertrinken war ein friedlicher Tod, sobald man seine Belastungsgrenze überschritten hatte. Aber die Panik vor dem Frieden erfasste alle Menschen, ohne Unterschied.
Kolt kraulte mit den Händen und machte Froschtritte mit den Beinen. Er war dankbar für seinen Kragen und machte sich keine Sorgen mehr über das kalte Wasser, das seinen Hals oder die Kratzer berührte. Noch zwei lange Schwimmzüge, und sein behelmter Kopf brach durch die Wasseroberfläche. Roscoe tauchte einen Augenblick später auf. Auf die Stille im sinkenden Hubschrauber folgte nun der Rotorenlärm von einem schwebenden MH-6M, bei dem es sich mit Sicherheit um Twister Two-Two handelte.
Gerade als Kolt die Hand hob, um dem Little Bird zuzuwinken, beleuchtete ein Lichtstrahl vom Gewehr eines Operators Kolt, Roscoe und ihre unmittelbare Umgebung. Kolt bemerkte mehrere Gegenstände, die in der Nähe schwammen. Es überraschte ihn nicht, ein Polster von einem Pilotensitz zu sehen, außerdem eine Pilotenkarte, die für gewöhnlich am Oberschenkel befestigt wurde, aber das dritte Objekt, das auf dem Wasser schwamm, wirkte seltsam fehl am Platz. Er blickte mit zusammengekniffenen Augen in den Rotorenwind und das helle, weiße Licht, die von dem schwebenden Twister Two-Two ausgingen, und versuchte, das Ding genauer zu erkennen.
Er rieb sich das Salzwasser aus den Augen.
Ein verdammtes Hundespielzeug!
2
USS Ponce, Atlantischer Ozean
Gottverdammt! Delta-Force-Kommandant Jeremy Webber tat sein Bestes, dankbar zu sein für das, was er hatte, aber bei näherer Betrachtung war das nicht viel. Die gemeinsame Trainingsmission, bei der ein Angriff auf ein großes Schiff auf hoher See simuliert wurde, war für Delta ein Schlag ins Wasser gewesen – aber wenigstens waren alle Männer lebendig und in relativ guter Verfassung wieder aus dem Wasser gefischt worden.
Webber holte tief Luft und bemühte sich, die Ruhe zu bewahren, während er zusammen mit dem SEAL-Kommandanten Hank Yost vom Planungsbereich zum Haupthangardeck der USS Ponce ging. Sie wussten, dass die MH-6M Little Birds bald auf dem Flugdeck landen und die durchnässten Männer zurückbringen würden, die man aus dem Meer gerettet hatte. Webber ließ seinem Kollegen von der Navy den Vortritt, ließ ihn ihren Weg durch Kombüsen bahnen und Abkürzungen durch wasserdichte Türen nehmen, bis sie schließlich das Hangardeck erreichten.
»Ihre Jungs sind heute Abend ganz schön nass geworden«, sagte Yost.
»Nicht nasser als Ihre.« Webber ärgerte sich über sich selbst, weil er sich provozieren ließ. Es war kein Geheimnis, dass das Verteidigungsministerium erwog, Delta Force und SEALs zusammenzulegen oder sogar eine der beiden Einheiten aufzulösen. Das war einer der Gründe für die Planung dieser gemeinsamen Übung.
»So viel zur Trainingsmission«, sagte Yost.
Will der unbedingt einen Ellbogen zwischen die Zähne? Webber und Yost waren seit Jahren befreundet, aber im Moment war er drauf und dran, ihm eine reinzuhauen. Doch er behielt sich im Griff und erwiderte: »Ich bin jedenfalls froh, dass alle in Ordnung sind.«
Webber stieg die letzte Aluminiumtreppe vom zweiten Deck hinauf und senkte den Kopf, während er nach Yost über die Schwelle der wasserdichten Tür trat. Auf dem Hangardeck herrschte reger Betrieb. Seeleute und Soldaten duckten sich in die offenen Ausrüstungscontainer des 160th Special Operations Aviation Regiment und der Einheit oder kamen wieder heraus. Wartungsmannschaften waren in dem mit Seilen abgesperrten Areal zu sehen, in dem die übrigen AH-6-Kampfhubschrauber, ihre hölzernen Raketenkisten sowie die MH-6Ms standen. Sie bereiteten alles für den Fall vor, dass ein Startbefehl erteilt wurde.
Der Hangardeck-Fahrstuhl Nummer zwei kam auf der Steuerbordseite vom Flugdeck herunter. Im Mondlicht zeichneten sich etwa ein Dutzend Silhouetten vor dem dunkelblauen Himmel ab, als er langsam in Sicht kam.
Webber sah zuerst Kolts Füße, während der Fahrstuhl den äußeren Rand des Flugdecks hinter sich ließ und mit etwa 15 Zentimetern pro Sekunde weiter herabsank. Hinter Kolt war Slapshot zu sehen, und in der Nähe standen zwei SEALs, von denen einer einen Hund auf dem Arm trug. Gleich hinter ihnen waren die zwei Piloten der Little Birds. Webber staunte – offenbar hatte Raynor neun Leben. In dieser Hinsicht ähnelte der Soldat der USS Ponce. Vor zwei Jahren hatte man das Schiff aus dem Verkehr ziehen wollen, aber das hatte sich geändert, als dem U. S. Central Command klar wurde, dass eine schwimmende vorgeschobene Operationsbasis benötigt wurde, um für Notfälle im Nahen Osten und vor der afrikanischen Küste gerüstet zu sein. Anstatt sie für Autoersatzteile auszuschlachten oder sie unter der Flagge irgendeines verbündeten Staates der Dritten Welt operieren zu lassen, hatte man die USS Ponce zur Kampfmaschine umgerüstet und sie mit dem ersten Laserwaffensystem der Welt ausgestattet.
Webber und Yost blieben ein paar Meter vor Kolt stehen, während die Sanitäter sich an die Arbeit machten. Mit Scheren schnitten sie seinen aufblasbaren Kragen und seine Kampfweste auf, dann an seinen Armen entlang, um den Polypropylen-Trockenanzug von seinem Körper zu lösen.
»Wenn ihr mich schneidet, hetz ich den verdammten Hund auf euch«, knurrte Kolt. »Und die Kampfweste hätte ich einfach ausziehen können. Die hättet ihr nicht ruinieren müssen.«
Webber lachte leise.
Als Yost ging, um nach seinen SEALs zu sehen, trat Webber näher zu Raynor. Etwa ein Dutzend Sanitäter prüfte seine Vitalwerte. Webber bemerkte das Blut, das Kolt über das Gesicht lief.
Einer der Sanitäter leuchtete diesem mit einer kleinen Taschenlampe in die Augen und forderte ihn auf zu blinzeln, während er ein Stück Kerlix-Mullbinde auf die Wunde drückte. Ein zweiter maß ein paar Sekunden lang mit einem Ohrenthermometer Kolts Temperatur, während ein dritter seinen Kopf und Oberkörper gründlich untersuchte. Während sie arbeiteten, fiel Webbers Blick unvermeidlich auf das halbe Dutzend Kampfnarben, die sich über Kolts Sixpack, die Brustmuskeln und den rechten Oberarm zogen. Das kalte Wasser hatte ihnen eine hellrosa Farbe verliehen, durch die sie sich stark von der Strandbräune seines Oberkörpers abhoben.
Kolts Narben waren keine Überraschung für Webber, das große Tattoo über der Schulter jedoch schon. Es erstreckte sich vom linken Bizepsansatz über den kräftigen Deltamuskel und den ganzen linken Brustmuskel. Es zeigte spartanische Krieger in taktischer Formation, die ihre Schilde hoben, um einen Pfeilregen abzuwehren. Als Webber näher kam, fiel ihm auf, dass die Tätowierung noch frisch war, vielleicht ein paar Tage, höchstens eine Woche alt und immer noch rot und leicht geschwollen. Als er die Worte ›Molon Labe‹ las, lächelte er. Der Ausdruck war ebenso aussagekräftig wie das Bild. Webber begriff, dass Kolt damit die schlimme Narbe von der Kugel überdeckt hatte, die ihn in Yellow Creek durch friendly fire getroffen hatte.
Aber irgendetwas irritierte Webber. Etwas an Kolts Verhalten war merkwürdig. Seine Augen schienen in weite Ferne zu starren, und er blinzelte kaum. Der Delta-Kommandant war sich nicht sicher, aber er hatte dies im Laufe der Jahre schon bei anderen Operators gesehen.
Für eine Sekunde glaubte er bei Kolt Raynor die klassischen Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung zu erkennen.
»Wie ich sehe, haben Sie ein neues Tattoo, Major.«
Keine Antwort. Webber trat ein paar Schritte näher und winkte mit der rechten Hand vor Raynors Augen.
Es funktionierte. Kolt schüttelte leicht den Kopf, als würde er aus einer tiefen Trance erwachen. »Äh, ja, Sir, Entschuldigung.« Er wirkte völlig unbeschwert. »Schöner Abend zum Schwimmengehen.«
Webber versuchte, nicht zu grinsen. Wenn sich jemand das Recht verdient hatte, sich nach Belieben mit Tattoos zu schmücken, war es Raynor. Solange sie nicht einen kompletten Arm oder Gesicht und Hals bedeckten, war Webber es nach mehr als einem Jahrzehnt im Krieg mittlerweile scheißegal.
Kolts letzte Sitzungen mit Doc Johnson, dem Psychologen der Einheit, hatten mögliche Beeinträchtigungen von Kolts mentaler Fähigkeit aufgezeigt, einen Delta-Trupp anzuführen – eine Tatsache, die Webber nicht vorhatte, den Mitgliedern des Ausschusses für die Spezialeinheiten mitzuteilen. Angesichts des Traumas, das Raynor während des Yellow-Creek-Debakels erlitten hatte, überraschte Webber das nicht. Aber er hoffte inständig, dass es sich dabei nur um einen vorübergehenden Zustand handelte, den sein bester Offizier bald wieder überwinden würde. Im Großen und Ganzen nahm er an, dass Kolt mit dem Trauma fertigwürde, solange er nicht wieder zu trinken anfing.
»Alles okay, Raynor?«, fragte er und reichte Kolt die Hand.
»Ja, Sir, alles gut, mir ist nur gerade ein bisschen kalt.«
»Nein, hören Sie. Geht es Ihnen gut?« Webber sprach leise und deutlich.
Raynor blinzelte und sah sich auf dem Flugdeck um, bevor er Webbers Blick begegnete. »Das war zwar scheiße, aber mir fehlt nichts. Ich hab schnell reagiert und nicht den Kopf verloren. Mann, ich hab sogar den Köter von dem Froschmann gerettet. Ich bin voll da, 100 Prozent. Na ja, vielleicht 99.«
Webber ließ Raynor einige Sekunden lang nicht aus den Augen. Falls Kolt ihn anlog, machte er es verdammt gut. Er nickte. »Also gut. Erledigen Sie alles, gehen Sie noch schnell zur Nachbesprechung mit Slapshot und den Piloten, und dann kommen Sie in mein Quartier. Ich hab einen Job für Sie.«
»Ist der so wichtig, dass ich nicht erst mal was Warmes essen kann, Sir?«, fragte Kolt, den diese Dringlichkeit überraschte angesichts der Tatsache, dass er vor 15 Minuten fast gestorben wäre und vom Schritt abwärts immer noch tropfnass war.
»Ich fürchte, ja, Racer. Ich werd’s Ihnen bald erklären.«
»Kommen Sie schon, Sir«, erwiderte Kolt, während die Sanitäter ihm den Trockenanzug über den Hintern bis zu den Knöcheln herunterzogen, wobei seine schwarze Under-Armour-Boxerjocks zum Vorschein kam. »Können Sie mir nicht schon mal ’ne schnelle Zusammenfassung geben?«
»Na gut, Kolt.« Jetzt wusste Webber, dass Raynor wieder ganz der Alte war. »Wir haben Informationen über ein hochrangiges Ziel in Syrien. Die Sache ist machbar, aber nur, wenn wir sofort loslegen. Ich will, dass Sie an der Mission teilnehmen.«
Raynor reagierte nicht – was beeindruckend war, wenn man in Betracht zog, dass er vor nicht einmal einer halben Stunde beinahe sein Leben verloren hatte. Und hier war Webber nun und bat ihn, es erneut aufs Spiel zu setzen. Aber das war noch nicht das Schlimmste.
»Mein Team …«, begann Raynor, aber Webber unterbrach ihn.
»Nein. Sie gehen ohne die anderen.«
»Sie wollen mir doch wohl nicht das Kommando über irgendwelche SEALs geben?«
Webber schüttelte den Kopf. »Keine SEALs … und Sie werden auch nicht das Kommando haben.«
Afrin, Syrien – April 2014
Delta-Force-Operator Major Kolt »Racer« Raynor dachte über sein Schicksal nach und kam zu dem Schluss, dass es mit Sicherheit … interessant war. Erst vor zwei Wochen hatte er im kalten Wasser des Atlantischen Ozeans um sein Leben gekämpft. Jetzt saß er auf dem Rücksitz eines unauffälligen Vans im tiefsten Syrien und hielt nach einem Offizier der syrischen Armee Ausschau, der als der Fassbomben-Schlächter bekannt war. Weil ihnen Raketen, Granaten und Chemiewaffen offenbar nicht genügten, hatten die Syrer angefangen, 200-Liter-Fässer voller Sprengstoff aus Hubschraubern über Wohngebieten abzuwerfen. Der Schlächter war ein besonders fanatischer Befürworter dieser Massaker, daher stand er jetzt auf der Liste der Zielpersonen.
»Schaffst du’s, heute keinen umzubringen, Racer?«, fragte der Kommandant der Noble Squadron, Lieutenant Colonel Rick »Gangster« Mahoney voller Sarkasmus.
»Ich bin heute bloß Beifahrer«, erwiderte Kolt vom Sitz im Laderaum, der der Hintertür am nächsten war. »Mich geht das alles nichts an.«
Kolt ließ Gangsters Klugscheißerkommentar von sich abperlen wie den Schweiß nach einem 40-Meilen-Marsch. Es war nicht nötig, ihn daran zu erinnern – er wusste, dass seine Aufgabe nur im Beobachten bestand. Gott, Colonel Webber hatte ihn in Fort Bragg mehr als einmal ermahnt, bloß keinen Ärger zu machen.
Ja, es war vielleicht hin und wieder nötig, Kolt zu ermahnen, aber wie jeder Operator wusste, fiel einem der Ärger im Zielgebiet oft ganz von selbst in den Schoß, ob es einem gefiel oder nicht.
»Lagebericht, kommen«, funkte Gangster vom Vordersitz des Lieferwagens.
»Hier Jackal Two, nichts Neues.«
Jackal Two, das Scharfschützenteam, das im leer stehenden zweiten Stock eines halb fertigen Wohngebäudes Position bezogen hatte, beobachtete das Ziel aus exakt 225 Metern Entfernung durch ein Zielfernrohr. Das Versteck war so gut, dass es freien Blick auf die riesige, mit seltsamen, bunten geometrischen Mustern verzierte Eingangstür des alten, aus Lehmziegeln, Backsteinen und Gips erbauten Hauses sowie den kleinen Vorplatz bot. Selbst ein gewaltiger Kristallkronleuchter, eine in Syrien beliebte Dekoration, die man sogar in den ärmeren Dörfern fand, war durch das Fernrohr aus einer Distanz von zweieinhalb Footballfeldern sichtbar.
»Roger. 30 Minuten bis Sonnenaufgang. Wenn der Schlächter seine Mutter so liebt, wie es die CIA behauptet, wird er kommen«, gab Gangster zurück.
Er hörte sich ruhig und gefasst an, als er in das Handmikrofon sprach, das über ein schwarzes Spiralkabel mit dem SATCOM-Funkgerät verbunden war, das gleich hinter dem schwarzen Vorhang positioniert war. Und weshalb sollte er es auch nicht sein?
Gangster war ein rasant aufstrebender Delta-Force-Staffelkommandant, der auf der sehr kurzen Liste der Kandidaten stand, die eines Tages zum Kommandanten der ganzen Delta Force aufsteigen konnten. Tatsächlich erzählte man sich, dass er bereits gezielt auf diese Position vorbereitet werde. Kolt kannte solche Typen zur Genüge. Die Art von Kerlen, die beim Sport immer als Erste in die Mannschaft gewählt wurden und in der High School immer die heißeste Cheerleaderin herumkriegten.
So wie alle anderen hatte auch Gangster seine Schwachpunkte. Aber niemand erwartete von ihm, immer perfekt zu sein. Die meisten Leute in der Einheit betrachteten seine Fehler als leicht handhabbar. Aber für Kolt Raynor, der seit vielen Jahren ebenso wie er ein Delta-Offizier war, stellte seine Risikoscheu ein K.-o.-Kriterium dar. Ihm war es egal, ob der Kerl zwei der letzten drei jährlichen Triathlons der Einheit gewonnen hatte.
Neben Gangster saß ein dunkelblonder Operator namens Trip Griffin am Steuer des Wagens. Er war einer der wenigen in der Einheit, deren Vorname so einzigartig war, dass er ihnen gleichzeitig als Codename diente. Kolt spürte Trips hohen Stresslevel, während dieser die dicht beieinanderstehenden grauen und gelbbraunen, ein- oder zweistöckigen Lehmziegelhäuser genau im Auge behielt, die ungefähr einen Häuserblock entfernt und 60 Meter tiefer lagen. Der schwarze Vorhang trennte die Vordersitze des Lieferwagens von den zwei Mitfahrern hinten, aber wichtiger war, dass er die roten und grünen Leuchten des Funkgeräts vor den Blicken neugieriger Einheimischer verbarg.
»Gehen wir ab jetzt auf 100 Prozent, kommen«, gab Gangster per Funk durch.
»Roger. Jackal ist bereit.«
»Alle Kampfeinheiten, bestätigen«, forderte Gangster die drei Angriffsteams auf, die versteckt und in Deckung auf ihren Einsatz warteten.
»Hier Echo One, bereit!«
»Golf One, wir sind bereit.«
»Fox ist so weit.«
»Hier Noble Zero-One, roger, Ende!«, sendete Gangster. Er wirkte erfreut darüber, dass seine Teams alle am richtigen Ort, wachsam und bereit zum Zuschlagen waren.
Ihr zitronenfarbener Peugeot-Kastenwagen, der mehr oder weniger diskret auf einer Anhöhe mit Blick über die altertümliche Ortschaft Jindires geparkt war, wirkte hier nicht sonderlich fehl am Platz.
Obwohl der Wagen eine empfindliche Zündung hatte wie ein alter John Deere, konnte niemand behaupten, er sehe nicht einheimisch genug aus. In der nur 20 Kilometer entfernten Türkei, Syriens Nachbar im Norden, gab es Hunderttausende davon.
Wenn gut bezahlte CIA-Agenten zu irgendetwas nützlich waren, dann jedenfalls dazu, passende Fahrzeuge für riskante, aber lohnenswerte verdeckte Operationen zu beschaffen.
Die Platzierung des Vans war eher aus der Not geboren: Er stand leicht schräg auf einer einspurigen, schlammigen Straße an einem der vier Friedhöfe des Dorfes. Keine perfekte Stelle für Gangsters Kommandozentrale, aber sie bot eine exzellente Sichtverbindung zu seinen Angriffsteams, die etwas weniger als zwei Kilometer entfernt waren. Bevor sie hier gehalten hatten, waren sie mehr als eine Stunde lang bei leichtem Regen über die Hügel gefahren, hatten ihr Glück herausgefordert, indem sie ins Dorf hinein- und wieder hinausfuhren und mögliche Plätze auskundschafteten, die sie vorher bei der Planung identifiziert hatten. Dafür, dass es der zweite Tag war, musste die Stelle genügen. Solange die Reifen mit dem Schlamm zurechtkamen, hatten sie kein Problem.
»Jungs, ich sag’s nur ungern, aber ich muss mal schnell ein SEAL-Team aussperren«, sagte Kolt Raynor im Laderaum des Vans.
»Du machst wohl Witze, Racer«, entgegnete Gangster angewidert und riss den Vorhang zurück, um einen Blick nach hinten zu werfen. »Du musst scheißen? Jetzt?«
Kolt gefiel sein Ton kein bisschen, aber er hatte Verständnis für den bösen Blick, mit dem Gangster ihn bedachte. Gangster hatte eine Mission zu leiten. Die Einheit, vor allem seine Staffel, war dem Fassbomben-Schlächter schon lange auf der Spur, hatte ihn einige Male knapp verfehlt und war mehrmals aufgrund von CIA-Hinweisen in Sackgassen geraten. Diese Sackgassen hatten zwar nicht zum Tod von Kameraden geführt, waren aber zu einem Running Gag beim Joint Special Operations Command geworden. Es war so weit gekommen, dass der Delta-Kommandant Colonel Jeremy Webber den JSOC-Kommandanten hatte überzeugen müssen, mit der Tötung oder Festnahme des Schlächters nicht das SEAL Team Six zu beauftragen. Dies alles hatte zu der fragwürdigen Entscheidung geführt, das Haus der Mutter des Schlächters zwei Tage in Folge zu beschatten.
Sicher, die CIA hatte berichtet, dass die Mutter an einer tödlichen Krankheit litt. Und ihre Agenten im Gouvernement Aleppo schienen aus verlässlichen Quellen erfahren zu haben, dass ihre Tage gezählt waren. Grund genug für die nationale Kommandobehörde, einen Einsatz in den frühen Morgenstunden zu befehlen und einen Trupp aus der Bereitschaftsstaffel in einen CIA-Unterschlupf in der türkischen Grenzstadt Kilis zu verlegen. Ob die Geheimdienstinformationen zutreffend waren oder nicht, würde sich zeigen.
»Tut mir leid, Mann, aber diese türkischen Frikadellen bringen mir den Magen durcheinander.« Kolt war sein Dilemma peinlich und er kam sich wie ein Idiot vor, vor allem weil ihm klar war, unter welchem Druck Gangster stand, den Schlächter zu erwischen.
»Kannst du’s nicht zurückhalten? In 30 Minuten ist Showtime. Ich werd den Schlächter nicht verlieren, wie der Mossad Marzban verloren hat.«
»Leider nicht, Kumpel«, antwortete Kolt. Gangster schien noch aufgeregter zu sein, als er gedacht hatte.
Seine Bemerkung über Marzban Tehrani – den ehemaligen Anführer der iranischen Oppositionsbewegung der Volksmudschahedin und gegenwärtige Plage für den israelischen Premierminister – wirkte ziemlich fehl am Platz. Außerdem war Kolt der Ansicht, dass sie keine Zeit für Streitereien hatten, da sie den Schlächter noch nicht gesichtet hatten.
»Ich spring kurz hinten raus und such mir ’nen Baum. Bin gleich wieder da.«
»Unfassbar!«, rief Gangster. »Na gut, mach schnell, uns bleibt nicht mehr viel Zeit.«
Kolt nahm sein ultrakompaktes HK416C-Sturmgewehr im Farbton Flat Dark Earth von der Schulter und legte es auf den Teppichboden im Van. Er berührte kurz seinen Caspian-45er mit einreihigem Magazin, den er auf Höhe des Blinddarms unter Tanktop und wollenem Rollkragenpullover trug, bevor er in einen kleinen Beutel mit Reißverschluss griff.
»JoJo, behalt mal für einen Moment die Lampen vom Funkgerät im Blick, ja?«, wandte Kolt sich an Gangsters Funker.
»Ja, gute Idee.«
»Wenn ich zurückkomme, klopf ich dreimal ans Fenster, klar?«
»Roger«, sagte JoJo. »Hast du Klopapier?«
»Hab ich, Kumpel. An alles gedacht.« Kolt hielt eine frische Rolle ausländischen, zweilagigen Toilettenpapiers hoch wie ein Goldsucher, der ein Nugget gefunden hatte.
»Mach schon, beeil dich, Racer!«, drängte Gangster vom Vordersitz.
Schon gut, du Arsch! Ich hab mich eh nicht um diesen Job gerissen.
Und so war es tatsächlich. Die großartige Idee, Gangster zu begleiten, stammte von Webber. Nicht einmal Gangster war sonderlich begeistert darüber. Aber Kolt und er wussten, dass es eine Standardprozedur bei der Einheit war. Wer in der Spezialeinheit das Kommando über eine Staffel bekommen wollte, musste immer auch einen derzeitigen Kommandanten bei einer Mission begleiten. Für Kolt war das kein Problem. Allerdings hielt er es auch nicht für wirklich nötig, da er schon lange genug dabei war, um zu wissen, wie man eine Anzahl von Soldaten im Kampf koordinierte.
Kolt zog die mehrere Zentimeter dicke ballistische Decke vor der hinteren Doppeltür zurück und fasste den Türgriff. Für ein paar Sekunden sah er aus dem Fenster und vergewisserte sich, dass er nicht mit frühmorgendlichen Spaziergängern oder pünktlichen Marktarbeitern zusammenstoßen würde. Dann öffnete er vorsichtig die Tür und stieg in eine dichte Nebelbank hinaus. Leichter Regen traf sein dunkelbraunes Haar und seinen kurz geschnittenen Bart. Er spürte, wie seine Lederstiefel zwei bis drei Zentimeter tief im schokoladenfarbenen Schlamm versanken.
Scheiße! Fußabdrücke!
Er ging nach links ins hohe Gras zu der einen halben Meter hohen Friedhofsmauer aus alten grauen und hellbraunen Bruchsteinen. Wenn man sich am Alter der verunstalteten, halb verfallenen Grabsteine orientierte, von denen viele mit aufgesprühten arabischen Sprüchen beschmiert waren, musste diese Mauer vor mindestens 200 Jahren errichtet worden sein.
Hier hinterließ Kolt weniger deutliche Spuren. Er ging etwa sechs oder sieben Meter weiter um die Ecke der Steinmauer und entdeckte eine kleine Ansammlung dünner Bäume kurz hinter der Hügelkuppe. Dort ging er hinunter, schob mit dem linken Stiefelabsatz die Kiefernnadeln hinter dem zweiten Baum beiseite und hob einen schmalen Graben aus.
Mit dem Rücken zum Baum ließ er seine billige Designerjeans herunter, wobei er darauf achtete, dass die Pistole nicht aus dem Holster fiel, und hockte sich hin.
Und zwar keine Sekunde zu früh.
Kolt blickte nach Süden, während er das erste Stück Toilettenpapier bereit machte. Er war froh, dass er noch ein paar Bäume gefunden hatte, die noch nicht von den Einheimischen zu Bau- oder Feuerholz verarbeitet worden waren. Er erinnerte sich, dass der Informationsanalyst ihnen gesagt hatte, sie sollten nicht einmal auf den Gedanken kommen, sich in einem Wald verstecken zu wollen. Angeblich war Syrien in uralten Zeiten einmal dicht bewaldet gewesen, bis Waldbrände und menschliche Grundbedürfnisse dafür sorgten, dass der Großteil der Schwarzkiefern und Kermeseichen von der Bildfläche verschwand.
Da er mit seinem Geschäft noch nicht fertig war, richtete Kolt seine Aufmerksamkeit nach Südosten in Richtung der heiß umkämpften Stadt Aleppo, die 48 Kilometer entfernt lag. Der Morgen war noch nicht angebrochen, und der dichte Bodennebel, der an ihrer kleinen Hügelspitze zu kleben schien, beschränkte seine Sicht auf höchstens ein paar Hundert Meter. Er wusste, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis die syrischen Rebellen und die Regierung sich beschießen und um Gebiete kämpfen würden. So wie es in den letzten paar Monaten jeden Tag geschehen war, würden Bewohner Aleppos, deren Familien seit Generationen dort gelebt hatten, zu Bombenflüchtlingen werden oder einfach auf der Suche nach dringend benötigter Nahrung, sauberem Wasser und Zuflucht einen anderen Ort aufsuchen.
Kolt fragte sich, ob er nahe genug an der Stadt war, um die von Russland bereitgestellten Mi-8- oder Mi-17-Helikopter zu sehen, die Fassbomben auf die langsameren oder stureren Zivilisten warfen, sobald sich der Nebel lichtete.
Er richtete den Blick auf die nähere Umgebung, sah den Hügel hinab, folgte der unbefestigten Straße bis zu der alten Brücke aus Holz und Beton, von der die CIA-Agenten ihnen versichert hatten, dass sie unüberquerbar sei. Die Brücke selbst sah er nicht, aber zwei große Holzscheite, die in ihrer Nähe quer auf der Straße lagen.
Muss die einheimische Version eines ›Brücke gesperrt‹-Schilds sein.
