Einleitung
Regeneration ist möglich
»Wenn Sie ein Dichter sind, werden Sie klar erkennen, dass in diesem Blatt Papier eine Wolke schwebt. Ohne eine Wolke gibt es keinen Regen; ohne Regen können die Bäume nicht wachsen; und ohne Bäume können wir kein Papier herstellen. Die Wolke ist notwendig, damit das Papier existieren kann. Wenn die Wolke nicht da ist, kann auch das Blatt Papier nicht da sein. Wir können also sagen, dass die Wolke und das Papier voneinander abhängig sind. ›Interbeing‹ ist ein Wort, das noch nicht im Wörterbuch steht, aber wenn wir die Vorsilbe ›inter‹ (›zwischen‹) mit dem Verb ›to be‹ kombinieren, haben wir ein neues Verb, inter-be. Ohne eine Wolke können wir kein Papier haben, also können wir sagen, dass es eine Beziehung zwischen Wolke und Papier gibt.«
Thich Nhat Hanh (1926-2022)
Was wäre, wenn die Erde ein einziges großes Lebewesen wäre? Die weltweit größten Urwälder im Amazonas- und Kongobecken, die Unmengen Sauerstoff produzieren, sind dann ihre beiden Lungenflügel. Die Gewässer sind die Blutadern, die ihren Stoffwechsel regulieren; die Flüsse sind die Venen und das unterirdisch fließende Grundwasser die Arterien. Die Haut der Erde ist der Boden, diese hauchdünne Humusschicht, schwarzbraun gefärbt durch den darin enthaltenen Kohlenstoff. Die Bäume und Pflanzen sind die Schweißdrüsen, die Wasser verdunsten, die Haut damit kühlen und den Kreislauf aufrechterhalten.
Jetzt, in Zeiten der Klimakrise, hat der Planet Fieber und die Temperatur steigt. Ein Jahr mit Hitze und Dürre toppt das nächste. Wie der Kabarettist und Klimaaktivist Eckart von Hirschhausen auf einer Kundgebung von Fridays for Future sagte, hat die Erde »Multi-Organversagen« und gehört auf die Intensivstation. Denn sie hat »eine schwere Infektion mit Homo sapiens und anderen Rindviechern«.
Das Rindvieh Homo sapiens, auch Menschheit genannt, hat seine Heimat durch die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen so zerstört, dass ihre Heilung fast aussichtslos erscheint. Das Fieber wurde zweifellos durch die Verbrennung der fossilen Energiequellen angeheizt, die Treibhausgase freisetzten. Aber ist das der einzige Grund? Das Fieber wurde auch entfacht durch die Zerstörung der Haut und der Schweißdrüsen – durch die Umwandlung fruchtbarer Muttererde in eine beinah unfruchtbare Substanz, die Versiegelung und Asphaltierung des Bodens, das Niederbrennen und Abholzen der Wälder. Damit verliert die Patientin nach und nach die Fähigkeit, das Fieber selbst herunterzukühlen – mithilfe von Boden, Wasser und Pflanzen. Und wenn sie das nicht mehr kann, wer soll das dann übernehmen?
Viele Forscher und Klimaexpertinnen glauben, dass wir in einem neuen Wetter- und Klimaregime angekommen sind. Seit 2018 fällt in Deutschland und weiten Teilen der Erde Jahr für Jahr weniger Niederschlag als im Durchschnitt, verbunden mit heftigen Hitzewellen. Dieser Trend könnte sich zu beispiellosen Dürren verfestigen, die 10 bis 15 Jahre lang andauern könnten, warnt ein Team vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig.1 Die Trockenheit in Deutschland und der Hälfte Europas betreffe eine sehr viel größere Fläche als in den 250 Jahren zuvor, schreibt das Forscherteam, das Wetterextreme von 1766 bis 2020 untersuchte. Außergewöhnlich findet es auch, dass die Temperaturen in den Trockenjahren im Schnitt 2,8 Grad höher lagen als zuvor. Dabei hatte es noch nicht einmal 2022 einbezogen, das in Deutschland zu den sonnenreichsten und heißesten Jahren seit Beginn der Wetteraufzeichnungen gehörte.
Die Europäische Dürre-Beobachtungsstelle bestätigte: Die Trockenheit von 2022, die Hitzewellen, riesige Waldbrände, Ernteschäden und schätzungsweise 100.000 Hitzetote verursachte, könnte die schlimmste seit mindestens 500 Jahren gewesen sein. Europaweit litten 47 Prozent aller Flächen an Trockenheit, vor allem am Mittelmeer.2 Und die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) meldete, dass die Temperaturen in Europa in den vergangenen 30 Jahren mehr als doppelt so stark angestiegen seien wie im globalen Durchschnitt. Alpengletscher hätten zwischen 1997 und 2021 rund 30 Meter an Eisdicke verloren. Europa weise die höchste Temperatursteigerung aller Kontinente auf.3
»Fast ein Drittel der nördlichen Hemisphäre war betroffen«, ergänzte Omar Baddour von der WMO in Genf: neben Europa auch Nordamerika, Nordindien, Südpakistan, China und Ostafrika. Es habe zwar schon immer Wetterextreme gegeben, »aber klar ist, dass sie durch den Klimawandel häufiger und in der Intensität stärker werden«.4 Im Westen der USA ging das Wasser in der schlimmsten Dürre seit sogar 1.000 Jahren im Colorado-River und seinen Stauseen zur Neige; Wälder im Yosemite-Nationalpark und anderswo brannten in großem Umfang. In Äthiopien, Somalia und Kenia verdorrten Ernten und hungerten Millionen Menschen. Im Irak trockneten weite Teile der südlichen Sümpfe aus, die als Weltkulturerbe unter Schutz stehen; der Agrarsektor schrumpfte um fast ein Viertel.
Besonders dramatisch war die Lage in Zentralchina: Der Wasserstand des riesigen Jangtse-Stroms erreichte den niedrigsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen. »Es gibt nichts in der klimatischen Geschichte der Welt, das auch nur annähernd vergleichbar ist mit dem, was in China passiert«, so der Wetterhistoriker Maximiliano Herrera im »New Scientist«.5 Der Drei-Schluchten-Staudamm und andere Stauseen lieferten kaum mehr Strom für Industrie und Haushalte, Fabriken mussten ihre Produktion drosseln, Ernten verdorrten.6
Global ist die Zahl der Trockenzeiten laut Dürrebericht der Vereinten Nationen seit dem Jahr 2000 um 29 Prozent gestiegen, vor allem in Afrika: Dort ereignen sich fast die Hälfte aller Dürren. Mehr als 2,3 Milliarden Menschen sind demnach von Wassermangel betroffen.7
Und hierzulande? Wasserknappheit im regenreichen Deutschland erschien bis vor kurzem undenkbar. Aber eine durchschnittliche Niederschlagsmenge wurde innerhalb der letzten fünf Jahre nur im Jahr 2021 gemessen. Und dieser Schnitt wurde verzerrt durch Starkregen, der in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz zu Flutkatastrophen führte.8 Die Dürresommer von 2018 bis 2022 ließen Unterböden so stark austrocknen, dass Bäume und ganze Wälder starben. Im Sommer 2022 litten laut dem Dürre-Monitor des Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung bis zu 98 Prozent Deutschlands unter Trockenheit. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz warnt vor längerfristig drohender Knappheit von Trinkwasser, aber auch vor der Unbewohnbarkeit flutgefährdeter Zonen. Ein neues Krisenbewusstsein sei nötig, so sein Chef Ralph Tiesler. Er könne nicht ausschließen, dass es sogar innerhalb Deutschlands »Klimaflüchtlinge« geben könne.9
Allein 2018 und 2019 verursachte die Dürre rund 35 Milliarden Euro Schäden in Land- und Forstwirschaft und die Überschwemmungen von 2021 über 40 Milliarden, vor allem an Gebäuden – so eine Studie im Auftrag der Bundesregierung. Wenn man weitere Zerstörungen durch Sturm und Hagel einrechnet, waren es über 80 Milliarden Euro – mehr als der gesamte Landeshaushalt von NRW. Und darin eingerechnet waren nur die quantifizierbaren Hinterlassenschaften der Extremwetter.10 Ungezählt sind die Schneisen, die das Artensterben schlug, oder auch die Traumata der Hitze- und Flutopfer. Laut einer weiteren Untersuchung sind von 2000 bis 2021 hierzulande insgesamt mindestens 145 Milliarden Euro Schäden entstanden, und bis etwa 2050 werden sich diese auf 280 bis 900 Milliarden steigern.
Meteorologinnen und Klimaexperten sagen, Mitverursacher der Extremwetter seien die abgeschwächten weltweiten Höhenwinde, die Jetstreams, sowie die im globalen Norden früher beginnende Vegetationsperiode. Im Frühjahr werde das Wasser im Boden schneller verbraucht, weil Pflanzen früher austreiben, sodass es im Sommer fehlt.11 »Der Wasserkreislauf verstärkt sich in einem wärmeren Klima, es verdunstet mehr und es fällt weltweit auch mehr Niederschlag«, erklärt Klimaforscher Stefan Rahmstorf. »Leider wird es aber gerade in ohnehin nassen Regionen oft nasser und in trockenen Regionen noch trockener. Und Böden und Vegetation trocknen bei Hitze schneller aus, sodass selbst bei unveränderten Niederschlägen die Wasserbilanz negativ wird, die für die Bodenfeuchte und Grundwasser-Neubildung relevant ist.«12
Das ist sicher richtig, aber nicht alles: Wir werden zeigen, dass Abholzungen, Versiegelungen, Bodenverarmung und falsche Wassernutzung entscheidenden Anteil an Dürren und Fluten haben. Dadurch geht die Bodenfeuchte weltweit zurück, Trockenheit verstetigt sich, ausgetrockneter Boden kann Regen nicht mehr aufnehmen und verarmt weiter an Wasser, was Dürren umso wahrscheinlicher macht. Es ist keine gute Nachricht, dass sonnenreiche Tage etwa in Deutschland immer mehr zunehmen. Wenn über uns weniger Wolken ziehen, ist das auch ein Zeichen, dass das Land austrocknet. Wir Menschen produzieren gewissermaßen das Blaue im Himmel.
Die Forschung spricht von mehreren globalen Kipppunkten für das Klima; etwa das Abschmelzen des Grönlandeises oder das Auftauen der sibirischen Permafrost-Böden. Könnte es sein, dass massive Landnutzungs-Änderungen, ja Landzerstörungen, ab einem bestimmten Ausmaß auch einen Kipppunkt darstellen? Weil sie die Wasserkreisläufe zusammenbrechen lassen? Professor Douglas Sheil von der niederländischen Universität Wageningen ist alarmiert durch die Ergebnisse einer Forschungsarbeit, an der er mitgewirkt hat: »Unsere Untersuchung zeigt, dass wir nahe an einer bedeutenden Unterbrechung der Prozesse stehen, die große Teil der Welt grün, angenehm und bewohnbar machen.«13
Diese Fakten deprimieren. Ist also alles verloren? Nein, keinesfalls! Was Menschen verursacht haben, können Menschen auch rückgängig machen, jedenfalls großenteils. Jede regenerierte Fläche zählt und jedes Zehntelgrad weniger in der globalen Durchschnitts-Temperatur schafft Erleichterung. Wir sollten die Lebensfähigkeit des Planeten nicht unterschätzen. Er ist uralt, zäh und unfassbar evolutions- und regenerationsfreudig.
Die Erde hat schon bewiesen, dass sie dazu fähig ist: Ursprünglich war sie ein heißer lebensfeindlicher Brocken im All, umweht von giftigen Gasen. Vor etwa 450 Millionen Jahren lag die CO2-Konzentration in der Atmosphäre bei etwa 2.000 ppm, »parts per million«, Anteile pro Million Teilchen. Dann entstiegen den Ozeanen pflanzliche Lebewesen und besiedelten die wüsten und unwirtlichen Kontinente, begleitet von Pilzen und ihren langen Fäden, die deren Wurzeln umhüllten und ihnen beim Stoffwechsel halfen. Die neu entstehenden Landpflanzen, Riesenfarne, Bäume und Wälder reduzierten die CO2-Konzentration auf ein Zehntel, also auf etwa 200 ppm. Mittels Sonnenenergie und Wasser entzog das Grün der Atmosphäre Kohlendioxid und lagerte den Kohlenstoff aus dieser Verbindung in Pflanzenkörpern und Boden ein. Die Erde kühlte ab, der Sauerstoffgehalt stieg und mit der Zeit entstanden wunderschöne Gärten Eden.
Irgendwann aber, erst vor kurzem, kam das Rindvieh Mensch auf die Idee, den Kohlenstoff der abgestorbenen Pflanzen, der sich über Jahrmillionen in Form von Kohle, Gas und Öl unterirdisch gesammelt hatte, in seinen Öfen, Maschinen und Industrien zu verbrennen. Zusätzlich holzte der Mensch die Hälfte aller Wälder ab, um Holz zu verbrennen, Metalle zu schmelzen, Waffen und Schiffe zu bauen, monokulturelle Äcker sowie Städte anzulegen, die heute zu Hitzeinseln voller Beton und Asphalt geworden sind.
Aller Kohlenstoff, der in Form von CO2 jetzt zu viel in der Atmosphäre schwebt, kam ursprünglich aus dem Boden – aus der Humusschicht und aus Gesteinsschichten – und dorthin sollte er auch wieder zurück, so viel wie irgend möglich. Denn in den meisten Böden der Welt ist heute ein dramatischer Verlust an Kohlenstoff festzustellen, dem wichtigsten Bestandteil von Humus, ohne den der Boden seine Fruchtbarkeit verliert. Pflanzen holen das »Zuviel« an Kohlenstoff aus der Luft, speichern es in Blättern und Holz und schicken es über ihre Wurzeln in das »Zuwenig« der Böden. Das macht diese fruchtbarer und schafft gleichzeitig Kohlenstoff-Senken, die die Klimaforschung zur Stabilisierung des Weltklimas für dringend nötig hält.
Sofern wir unseren Rindvieh-Status überwinden, können wir Menschen dabei helfen. Neue wissenschaftliche Studien, die wir in diesem Buch anführen, belegen: Eine konsequente Wiederbegrünung und Wiederaufforstung und ein anderer Umgang mit dem Wasser könnte die Erderwärmung abmildern oder gar stoppen und Städte und ganze Landschaften bodennah kühlen – ganz abgesehen von Positivwirkungen wie reine Luft, sauberes Wasser und mehr Artenvielfalt. Die Natur kann sich durchaus selbst heilen, wenn man ihr den Freiraum lässt – und sie macht das sogar umsonst, mit Gratis-Sonnenlicht, Gratis-Photosynthese, Gratis-Wasser. Die Regeneration der miteinander verwobenen Kreisläufe von Blau, Grün und Schwarz – also Wasser, Pflanzen und Böden – würde die Patientin Erde genesen lassen.
Maschinengerecht (oben) oder artgerecht (unten)? In welcher Landschaft wollen wir leben, wie sollen unsere Lebensmittel produziert werden?
Die Herausforderung dabei ist, dass dieser Heilungsprozess viel rascher ablaufen muss als in den Frühzeiten des Globus. Als Erstes sollten wir anerkennen, wie faszinierend komplex und vielfältig die Wechselwirkungen zwischen den Ökosystemen auf dem Planeten sind – dem einzigen uns bekannten Himmelskörper in der unendlichen Weite des Weltalls, der Leben hervorgebracht hat und Lebewesen beherbergt. Viele glauben, es reiche, den CO2-Gehalt in der Atmosphäre zu reduzieren, um die Klimakrise zu stoppen – also die Welt mit Solarmodulen, Elektroautos und CO2-Verpressung ins Erdreich zu beglücken. Das ist eine problematische Verkürzung, die einem technokratischen Weltbild entspringt: Menschliche Technik, die doch die Probleme mitverursacht hat, soll die zentrale Lösung darstellen. Das unfassbar komplexe Zusammenspiel der Biosphäre mit den verschiedenen Treibhausgasen gerät damit aus dem Blick. Neben CO2 gehören dazu auch Methan, Lachgas, Fluorkohlenwasserstoffe und – Wasserdampf.
Wasser kühlt, das wissen wir alle. Es ist ein faszinierendes Element, das Menschen, Tiere, Pflanzen und alle Lebewesen auf der Welt verbindet und durch sie hindurchfließt. Als globales Lösungs- und Transportmittel befördert es Nährstoffe in alle Zellen, Lebewesen und Ökosysteme. Es zirkuliert über Böden, Vegetation, Flüssen, Meeren und Niederschlag in einem ewigen Kreislauf rund um die Erde. Und deshalb hat die Analogie zwischen menschlichem Blut- und planetarem Wasserkreislauf ihre Berechtigung, auch wenn sie wie jeder Vergleich hinkt. Wir werden belegen: Mit wiedererstarkten Wasserkreisläufen, mit mehr Vegetation und fruchtbaren Böden könnten Städte und ganze Landschaften direkt gekühlt und wiederbelebt werden. Das darf auf keinen Fall eine Ausrede sein, andere Maßnahmen zur Reduktion der Treibhausgase zu unterlassen. Aber es könnte uns zusammen mit diesen den Spielraum verschaffen, die Pariser Klimaziele von maximal 1,5 Grad plus einzuhalten.
Wenn man genauer auf den Klimawandel schaut, sieht man: Im Kern dreht sich alles ums Wasser. Wir erleben fast überall abwechselnd Dürren und Fluten. Gletscherschmelzen plus falsche Wasser- und Landbewirtschaftung lassen Hochwasser zunehmen und den Meeresspiegel ansteigen. Hurrikane und Stürme werden verheerender. Auch Dürren dauern länger, dabei entstehen Teufelskreise, die sie weiter antreiben. Weil sie den Boden austrocknen, kann er – falls es doch mal wieder regnet – Starkregen nicht mehr aufnehmen, sodass Fluten entstehen. Das Wasser rauscht direkt in die Meere und fehlt auf den Kontinenten, was wiederum Dürren zu verstetigen droht.
Das Ganze wirkt fast so, als ob die Natur sich im Aufstand gegen die Menschheit befände. Im Aufstand gegen zu viel von der Menschheit beanspruchten Raum, sprich: Versiegelung, Monokulturen, Technik, Kanalisation, höhere Dämme. Versuche, das Element zu bändigen und unter Kontrolle zu bekommen, werden aber vielerorts vergebens sein. Wenn man Wasser vor allem als Problem, als Abwasser und lästigen Abfall sieht und in die Meere leitet, antwortet es mit Entzug, sprich Dürre. Wenn man es in menschengemachte Flussbetten zwingt, wird es schneller, höher, reißender, gefährlicher und antwortet als Flut. In Analogie zur Biolandwirtschaft, die das Ziel hat, mit der Natur zu wirtschaften und nicht gegen sie, sollte deshalb ein Leitsatz lauten: mit dem Wasser arbeiten und nicht gegen es. Das Wasser ist unser gemeinsames Lebenselixier. Wir sollten uns mit ihm anfreunden und ihm den nötigen Raum lassen, dann besänftigt es sich meist von selbst.
Die Wasser-, Kohlenstoff- und Energie-Kreisläufe der Erde hängen eng miteinander zusammen, wie wir später noch sehen werden. Wird einer beschädigt, werden alle anderen in Mitleidenschaft gezogen. Das lässt Klimaschutz sehr kompliziert erscheinen, aber vielleicht ist die Regeneration des Planeten mit Blau, Grün und Schwarz einfacher als bisher angenommen. Womöglich werden mit der Wiederherstellung des einen Kreislaufs auch die anderen mitregeneriert. Bei den Vereinten Nationen gibt es drei größere Unterorganisationen, die sich jeweils getrennt voneinander um die Abmilderung des Klimawandels, des Artensterbens und der zunehmenden Wüstenbildung kümmern. Mit den weiter unten vorgeschlagenen Maßnahmen könnte man alle drei Bereiche verkoppeln: eine echte Win-Win-Win-Situation.
Wasser gibt es genug auf dem Planeten und die Menge bleibt immer gleich. In Hitzezeiten und über Wüsten und nackten Böden verdunstet es schneller, aber es verschwindet ja nicht im Weltall. Der aufsteigende Wasserdampf kondensiert, bleibt in flüssiger Form von Wolken erhalten und kann wieder abregnen. Mit vielen praktischen Beispielen und Leuchtturm-Projekten werden wir zeigen: Die Menschheit kann viel tun, damit sich das wertvolle Nass wieder gleichmäßiger verteilt, um die Natur zu regenerieren.
Entscheidend ist dabei die Verlangsamung der Wasserkreisläufe. Menschliche Eingriffe haben vor allem in den letzten beiden Jahrhunderten dafür gesorgt, dass Regenwasser oberflächlich abläuft, Flüsse begradigt, Feuchtgebiete trockengelegt und riesige Staudämme gebaut wurden. Dadurch ist dem Wasser die Möglichkeit genommen worden, in natürlicher Geschwindigkeit den Boden zu durchfeuchten, das Grün zum Wachsen zu bringen, die Grundwasser-Depots zu füllen und bei Fluten auf Überschwemmungs-Gebiete auszuweichen. Heute fließt es über Drainagen, Gräben und Kanalisation sehr viel schneller als früher in die Ozeane – und hinterlässt allmählich austrocknende Kontinente. Deshalb lautet die Lösung in Analogie zur Slow-Food-Bewegung: Slow Water! Langsames Wasser! Wir brauchen in Deutschland, Europa und der Welt eine regenerative Bewegung, die das Wasser und seine Kreisläufe verlangsamt, damit sie wieder ihre wertvollen Dienste tun können.14
Das würde dem Klima und allen Lebewesen entscheidend helfen. Denn ob ein lokales Gebiet renaturiert und begrünt oder asphaltiert und betoniert ist, macht in Hitzesommern hohe Temperaturunterschiede aus. Wir haben das am eigenen Leib erlebt: Das Kapitelgerüst dieses Buchs konzipierten wir mitten in der ersten Hitzewelle 2022 in Berlin. Sobald wir die Tür öffneten, schwappte die Hitze wie eine riesige Welle auf uns zu und nahm uns fast den Atem. Arbeiten erschien unmöglich. Bis wir uns an einem Waldsee niederließen. Dort war es um 20 Grad kühler als in der City – und geistige Konzentration wieder möglich.
In der Klima- und Wetterforschung werden die Temperaturen weltweit nach einem einheitlichen wissenschaftlichen Standard auf zwei Metern Höhe gemessen – ungefähr in der Lebenshöhe von Menschen. Ob ich 25 oder 45 Grad aushalten muss, kann über Leben und Tod entscheiden. Der Erfolg von Klimamaßnahmen muss sich also wortwörtlich messen lassen an den Spitzen-Temperaturen in unseren Heimatorten. Die globale Durchschnittstemperatur oder der CO2-Anteil in der Atmosphäre ist dafür weniger interessant. In Portugal, Spanien, Italien und Südfrankreich herrschten im Sommer 2022 zeitweise bis zu 45 Grad, in Indien und Pakistan waren es sogar bis zu 50. In Deutschland sind in den Hitzesommern von 2018 bis 2020 ungefähr 20.000 Menschen hitzebedingt verstorben.15 Sie sind im öffentlichen Bewusstsein jedoch weniger präsent als die 180 Todesopfer der Flutkatastrophe im Ahrtal und anderswo von 2021.
Auch wenn man nicht gleich stirbt: Derartige Temperaturen übersteigen die Grenzen der physischen und psychischen Anpassungsfähigkeit. Laut einer Studie von 2022 nehmen Hassreden in allen Klimazonen und Religionsgruppen zu, wenn es zu heiß oder zu kalt ist. Ein Forschungsteam vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung untersuchte gut vier Milliarden Tweets in den USA und kombinierte sie mit Wetterdaten. Mittels künstlicher Intelligenz bekam es heraus, dass 75 Millionen davon Hass-Tweets waren, die sich steigerten, wenn sich die lokalen Temperaturen außerhalb der menschlichen Komfortzone befanden. »Menschen neigen zu aggressiverem Online-Verhalten, wenn es draußen entweder zu kalt oder zu heiß ist«, so die Erstautorin Annika Stechemesser. Die Aggression nehme ab 30 Grad aufwärts zu, ergänzt Mitautor Anders Levermann. Hasswellen im Gefolge von Hitzewellen gefährden den gesellschaftlichen Zusammenhalt und inneren Frieden.16
Perspektivisch sollte deshalb jeder Wassertropfen aufgefangen und so lange wie möglich in der Landschaft gehalten werden, damit er weiter zirkulieren kann und nicht ungenutzt über die Kanalisation in die Ozeane fließt, Boden und Nährstoffe mit sich reißt – und den Meeresspiegel weiter ansteigen lässt. Wälder sollten zu dauerhaften Mischwäldern mit humusreichen Böden umgebaut, Land(wirt)schaft regenerativ umgestaltet, Städte zu »Schwammstädten« umgeformt und konsequent begrünt werden. Alle würden davon profitieren: das Klima, die menschliche Gesundheit, Tiere und Pflanzen, Bauern und Gärtnerinnen, Nationen und die Weltgemeinschaft als Ganzes.
Solche »naturbasierten Lösungen« empfehlen auch immer mehr Wissenschaftler und Expertinnen.
Das Autorenteam der IPCC-Berichte nennt hier Wiederaufforstung, Humusaufbau und Renaturierung von Flüssen, allerdings meist unter der Überschrift »Klimaanpassung«. Das kann man so sehen, aber das »Greening« und »Blueing« des Planeten ist aktive Hitzeminderung. Das glaubt auch die Hamburger Meteorologin Daniela Jacob, Mitautorin des IPCC-Sonderberichts zu 1,5 Grad: Wenn sich Wasserkreisläufe verbesserten, »kann man das auch als Klimaschutz sehen«.17
Das »Eingrünen« und »Einblauen« kühlt Landschaften und Städte ganz direkt – und hilft zudem gegen Wüstenbildung und Artensterben. Eine Simulationsstudie von 2020 ergab das sensationelle Ergebnis: Die Renaturierung von nur 15 Prozent der Ökosysteme könnte 60 Prozent des Artensterbens verhindern und die gewaltige Zahl von rund 300 Gigatonnen CO2 speichern.18 In einer weiteren Studie von 2022 wurden weltweit 3.700 Standorte von Sümpfen und Mooren untersucht. Das unglaubliche Ergebnis: Würde man die vier Millionen Quadratkilometer degradierter Feuchtgebiete renaturieren, ließen sich damit 100 bis 400 Gigatonnen CO2 festlegen, ganz abgesehen von weiteren positiven Effekten wie Artenschutz und Wasserspeicherung.19
Auch erfreulich: Das Bundesministerium für Umwelt will »natürlichen Klimaschutz« mit einem 64 Maßnahmen umfassenden Aktionsplan fördern. Moore sollen wiedervernässt, ein »naturnaher Wasserhaushalt« wiederhergestellt, Wälder umgebaut und Städte klimaresilient gemacht werden. Bis 2026 sollen dafür vier Milliarden Euro eingesetzt werden – so viel wie noch nie im Bereich Naturschutz, gemessen an der Größe der Aufgabe aber immer noch eher zu wenig.20
Die geschilderten Zusammenhänge referieren wir im Buch mittels Farben. Zuerst geht es um BLAU, die Zerstörung und Regenerierung kleiner und großer Wasserkreisläufe. Dann um GRÜN: Wälder, schwitzende Bäume und »fliegende Flüsse« sowie darum, wie Wälder ihren Regen selbst erzeugen. Drittens erzählen wir vom SCHWARZ – unter anderem von Mooren und wie der Kohlenstoff aus der Luft wieder in den Boden zurückgeholt werden kann, um diesen fruchtbar zu machen. Viertens geht es um BUNT, der Zusammenschau aller Farben in den heutigen Städten. Dabei schildern wir die natürlichen Kreisläufe von Blau, Grün und Schwarz hintereinander, wohlwissend, dass das eigentlich nicht möglich ist und man sie in der Natur gar nicht voneinander trennen kann, weil alles mit allem zusammenhängt.
In allen Kapiteln verweisen wir auf Studien, führen Interviews mit Wissenschaftlern und Expertinnen. Und vor allem berichten wir von Win-Win-Lösungen und Leuchtturm-Projekten, die es überall gibt, von lokal bis global, und die uns mit Hoffnung erfüllen können.
Im Nachwort zeigen wir: Regeneration ist schneller möglich, als gemeinhin angenommen wird. Analog zur Regenerativen oder Aufbauenden Landwirtschaft (ReLaWi oder AuLaWi), die wir in unserem Vorgängerbuch »Die Humusrevolution« vorgestellt haben, bedarf es hierfür einer regenerativen oder aufbauenden Landnutzung (ReLaNu oder AuLaNu). Wir beenden das Buch mit unserer Vision von regenerativen Klimalandschaften.
Der Buchtext erinnert dabei ein wenig an einen mäandernden Fluss. Mal fließt er schnell, mal langsam, durch Deutschland, Europa, andere Kontinente, mal durch die Geschichte, mal durch Gegenwart und Zukunft, mal wird er in ein Betonbecken gesperrt, mit nüchternen Zahlen und wissenschaftlichen Studien, mal laden schöne Ufer zu erfreulichen Geschichten ein. Und am Ende finden sich die Lesenden in einer artenreichen Klimalandschaft wieder, die Mensch und Natur wieder miteinander versöhnt.
Denn das ist eine unserer wichtigsten Botschaften: Lokale Gruppen können zwar nicht den CO2-Gehalt der Atmosphäre senken, aber die lokalen Temperaturen! Und zwar vergleichsweise einfach durch natürliche Klimalösungen: Bodenentsiegelungen, Wiederbegrünung von Städten, Aufforstungen, Renaturierungen von Flüssen und Gewässern, regenerative Landwirtschaft. Das schafft miteinander vernetzte „Klimalandschaften“. Damit meinen wir klimaresiliente, kleinteilig strukturierte, artenreiche, multifunktionale Landschaften – Wälder, Wiesen, Äcker, Feuchtgebiete –, deren kleine Wasserkreisläufe intakt sind, sodass sie die Erde kühlen. Extremwettern, Dürren und Fluten wird auf diese Weise vorgebeugt und alle Lebewesen finden darin ein Auskommen.
Gelbe Dürren und braune Fluten
Dürre in Deutschland
Was für ein trauriger Anblick. Der Fluss – einfach verschwunden. Die Schwarze Elster, ein Nebenfluss der Elbe, fließt normalerweise von der sächsischen Lausitz rund 180 Kilometer durch das südliche Brandenburg bis nach Sachsen-Anhalt. Auf ihren Wellen paddeln Kanufahrer, an ihren Ufern vergnügen sich Radlerinnen und Wanderer. Doch im Juni 2022 zeigten sich nahe der Stadt Senftenberg nur noch heiße grauschwarze Steine. Nicht zum ersten Mal. Aber so früh im Jahr war die Schwarze Elster noch nie ausgetrocknet. Der Landesanglerverband fing verbliebene Fische mit Netzen ein, damit sie nicht erstickten. Sie wurden mit Strom betäubt und an Stellen, die noch Wasser führten, wieder ausgesetzt.
Ursache des Verschwindens war die mehrjährige Dürre. Gewässerpegel und Grundwasserspiegel fielen im Sommer und wurden im Winter zu wenig aufgefüllt. Die Kreisverwaltung Elbe-Elster verbot deshalb Anliegern, Wasser aus der Schwarzen Elster und anderen Gewässern zu pumpen. Auch die Stadt Cottbus und der Landkreis Spree-Neiße forderten ihre Einwohnerschaft auf, tagsüber nichts mehr aus Seen und Flüssen zu schöpfen. Die Elbe, der Rhein und viele andere deutsche Gewässer erreichten im Sommer 2022 Rekord-Niedrigstände, viele kleinere Flüsse wie etwa die Berliner Panke trockneten aus.
Seit 2018 hat es in Deutschland deutlich weniger Niederschläge gegeben als im langjährigen Mittel, vor allem in Hessen, im Großraum Berlin und in den ostdeutschen Bundesländern. Dieser liegt bei ungefähr 800 Liter pro Quadratmeter. 2018 zählte der Deutsche Wetterdienst im Schnitt aber nur noch 590 Liter, in den Folgejahren maß er 730 bzw. 710 Liter – sehr ungleich verteilt zwischen den Regionen und zwischen Dürren und Überflutungen. 2021 gab es mit 805 Litern pro Quadratmeter zwar wieder etwas mehr Regen, dafür aber begleitet von der Flutkatastrophe in NRW und Rheinland-Pfalz.21
Das Grundwasser sinkt vielerorts, langsam aber sicher. Starkregen kehrt diesen Trend nicht um, weil er oft großflächig in Flüsse und Kanalisation abfließt und der Niederschlag Jahre braucht, um im Grundwasser anzukommen. »Es müsste im Prinzip über mehrere Jahre hintereinander ordentlich regnen, damit sich der Grundwasserspiegel wieder regeneriert«, so Martin Weyand, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft.22 Katastrophale Waldbrände, vor allem in Brandenburg und Sachsen, waren die Folge der Trockenheit. Rund 4.300 Hektar fielen den Flammen zum Opfer – ein Rekordwert, der die Feuerwehr bundesweit in Atem hielt.23
Wassermangel wie hier am Rhein in Köln ist im »immerfeuchten« Deutschland längst Realität.
Aber auch ohne Brand sterben immer mehr Bäume. Vor etwa 40 Jahren produzierte das Waldsterben Schlagzeilen wegen des Sauren Regens, den bekamen die Behörden in den Griff. Nun aber starb und stirbt der Wald in einem bisher nicht bekannten Ausmaß. Flächendeckend vertrocknen Bäume, vor allem Fichten-Monokulturen im Harz und in anderen Mittelgebirgen. Aber auch »klimaangepasste« Mischwälder mit alten Buchen und Eichen leiden. Bäume mit Kronenlichtungen, Pilzkrankheiten, Miniermotten- und Borkenkäferbefall sind eher der Normalfall als die Ausnahme. 4 von 5 Bäumen sind krank, ergab der im März 2023 vorgestellte Waldschadensbericht der Bundesregierung. Die vielgeplagten städtischen Straßenbäume mit ihren viel zu kleinen Baumscheiben mussten oft gefällt oder radikal gestutzt werden.
Bisher war Deutschland so reich an Wasser, dass seine Entsorgung Priorität hatte und nicht seine Speicherung. Die Wasserwirtschaft behandelte es vor allem als abzuleitendes Problem, in der Landwirtschaft ging es hauptsächlich um Entwässerung mittels Drainagen und Gräben. Doch nun wird in immer mehr Regionen das Wasser knapp. Etwa im Vogelsberg, wo Einheimische schon lange gegen die Wasserentnahmen durch die durstige Metropole Frankfurt protestieren.
Der Journalistenverbund »Correctiv« hat die Daten von 6.700 Messstellen ausgewertet und 2022 in einer interaktiven Karte zusammengetragen. Eigentlich eine Behördenaufgabe. Das Ergebnis ist erschreckend: An knapp der Hälfte aller Orte ist das Grundwasser ab dem Dürrejahr 2018 auf den tiefsten Stand seit 1990 gefallen – vor allem in NRW, Thüringen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Bayern und Hessen. Insgesamt sank es netto mehr, als es stieg. Die Gründe dafür sind komplex, aber allesamt von Menschen verursacht.24 Grundwasserökologe Hans Jürgen Hahn von der Universität Koblenz-Landau sorgt sich, dass es »eine ganz klare Tendenz zu weniger Wasser in der Landschaft und zu weniger Grundwasser-Neubildung« gebe. Allein in Süddeutschland seien es 25 Prozent weniger.25
Nach Angaben der Bundesregierung werden nur 2 Prozent des Wassers für Acker-Bewässerung genutzt. Aber weder Bundesagrarministerium noch Umweltbundesamt noch Bauernverband können genaue Angaben zu den abgepumpten Mengen machen. »Correctiv« vermutet, dass sie stark unterschätzt werden, denn im EU-Schnitt fließen rund 25 Prozent in die Landwirtschaft. Und der Wasserbedarf nimmt bei steigenden Temperaturen stark zu, allein in Brandenburg hat er sich seit 2003 verdreifacht. In einigen Regionen muss Grundwasser aus immer größeren Tiefen geholt werden.26
Der drohende Wassermangel ist doppelt menschengemacht. Zu den Ursachen zählen falsches Wasser- und Landmanagement einschließlich Entwässerung, Monokulturen auf Äckern und in Wäldern, großflächige Versiegelung und mangelnde Anreize zum Wassersparen für die Industrie. Plus natürlich die Klimakrise. Steigende Temperaturen führen zu höheren Verdunstungsraten – Boden, Pflanzen und Feldfrüchte brauchen mehr Wasser. Gleichzeitig ist weniger Wasser vorhanden, weil Sommerregen zurückgehen, die Wasserspeicherung in agroindustriell bearbeiteten Böden abnimmt, der Grundwasserspiegel sinkt. Und wenn endlich doch Niederschlag fällt, kann ihn ausgetrockneter Boden kaum mehr aufnehmen, sodass zu viel in die Kanalisation fließt. So wird das Wasserdefizit mit der Zeit immer größer. Und damit die Dürre.
Wie ernst die Lage ist, lässt sich derzeit noch nicht genau abschätzen. Fest steht: Seit Beginn regelmäßiger Wetteraufzeichnungen im Jahr 1881 ist es in Deutschland im Mittel um 1,6 Grad wärmer geworden, die Geschwindigkeit der Erwärmung hat vor allem seit den 1970ern stark zugenommen. Der Sommer 2022 zählt laut Wetterdienst zu den heißesten jemals gemessenen.27
Nach den Dürrejahren könnten auch wieder Jahre mit viel Niederschlag folgen, vielleicht mit zu viel. Mangel und Überfluss sind zwei Seiten einer Medaille. Dass Extremwetter wie Dürren und Fluten zunehmen, hat die Klimaforschung schon lange vorhergesagt, nun wird es überall empirisch belegt und sichtbar.
Wasserverbrauch in Deutschland
Ungefähr vier Fünftel unseres Wassers hierzulande nutzen Industrie und Energieversorger – Großkonzerne sowie Kraftwerke, die damit kühlen. Sie zahlen dafür oft nur einen Bruchteil der Wasserpreise, die auf der Rechnung von Privathaushalten stehen. Nach einer Recherche von »Correctiv« nutzt die Industrie Billionen Liter jährlich – und bezahlt oft fast nichts dafür. Noch verhängnisvoller: Die Verträge der Industriekonzerne laufen über Jahrzehnte. Sollte es in kommenden Dürren zu Konflikten um das Trinkwasser kommen, können sie weiter Wasser entnehmen und die Behörden stehen weitgehend machtlos da.28
Der größte Verbraucher ist der Chemiekonzern BASF, der unter anderem Kunststoffe, Pestizide und Kunstdünger herstellt. Die Rohstoffe dafür werden erhitzt und danach mit Wasser wieder abgekühlt. Das Ludwigshafener Werk entnimmt hierfür laut »Correctiv« rund 1,2 Milliarden Kubikmeter Wasser aus dem Rhein, das nach Werksangaben größtenteils zurückgeleitet wird, und 20 Millionen Kubikmeter Grundwasser. RWE komme mitsamt seinen Tagebauen auf rund eine halbe Milliarde Kubikmeter Wasser pro Jahr – so viel wie rund 11 Millionen Menschen zusammen verbrauchen. Coca Cola stellt aus kostbarem Grundwasser, Zucker und künstlichen Aromastoffen zweifelhafte Getränke her. Der Konzern zahlt mancherorts 9 Cent pro Kubikmeter, seine Produkte verkauft er anscheinend um das 9.000-Fache teurer.29
Dennoch muss man feststellen: In Deutschland gibt es fast überall hochwertiges Trinkwasser zu vergleichsweise niedrigen Preisen – im Unterschied zu anderen Ländern, deren Wasserversorgung privatisiert wurde. In Großbritannien hat die frühere Premierministerin Margaret Thatcher ab 1989 die Wasserversorgung privatisieren lassen, was die Kosten um durchschnittlich 40 Prozent steigen ließ und den Service massiv verschlechterte. Dortige Leitungen wurden kaum gewartet, deshalb versickerte im Dürresommer 2022 ein Fünftel allen Leitungswassers oder der tägliche Wasserbedarf von vier Millionen Menschen.30 Die meisten hiesigen Wasserwerke sind Kommunalbetriebe, also im Besitz der insgesamt fast 11.000 Städte und Gemeinden. Und ihr Zweck ist die Versorgung der Bevölkerung und nicht der wirtschaftliche Gewinn. Wasser gilt als Teil der »kommunalen Daseinsvorsorge« und das sollte unbedingt auch so bleiben.
Der Durchschnittsverbrauch von Privatpersonen in Küche, Bad und Garten sinkt übrigens langsam, trotz überschwappender Privatpools von Reichen. Betrug er 1991 noch 144 Liter pro Kopf und Tag, so lag er 2021 bei 121 Litern.31 In den Dürrejahren wurde dennoch Wasser knapp. In manchen Gemeinden Brandenburgs und Hessens untersagten die Behörden 2022 das Rasensprengen oder Poolfüllen mit Trinkwasser.
Trotzdem scheinen aber weder Bundesregierung noch Landesregierungen und Kommunen für drohende Wasserkrisen gewappnet. Anders als bei der Gasknappheit infolge des Ukrainekriegs gibt es keine umsetzbaren Pläne, wer bei Wasserknappheit zuerst beliefert wird und wer wie viel einsparen muss. Bevölkerung, Landwirtschaft, kritische Infrastruktur oder Industrie? Die im März 2023 vom Bundeskabinett verabschiedete »Nationale Wasserstrategie« formuliert hier nur die Aufgabe an die zuständigen Behörden, Kriterien dafür zu erarbeiten – so als ob der Klimawandel eine überraschende Erscheinung sei.
Dürre in Südeuropa
Europa hat 2022 den heißesten Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen erlebt. Noch weit dramatischer als in Deutschland war die Situation in Südeuropa. Was bei dem kleinen Fluss Schwarze Elster im Kleinen geschah, passierte bei einem von Europas mächtigsten Strömen im Großen. Der Po, mit etwa 650 Kilometer längster Fluss Italiens, dessen Einzugsgebiet Millionen von Menschen mit Feldfrüchten und Trinkwasser versorgt, wurde zu einem kläglichen Rinnsal. Früher speisten ihn Alpengletscher mit Schmelzwasser, das blieb 2022 fast gänzlich aus: Seit Anfang Dezember 2021 gab es in Piemont praktisch keinen Niederschlag mehr. Wasserstände mit sieben Meter unter Normalnull wurden gemeldet. Boote lagen auf dem Trockenen, das Flussbett sah streckenweise aus wie eine Wüste. An seiner Mündung in die Adria drang Meerwasser über das Flussbett 40 Kilometer ins Landesinnere vor – Felder versalzten, Ackerkulturen gingen ein.
Ganz Italien erlebte die schlimmste Dürre seit mindestens 70 Jahren. Auf einen trockenen milden Winter folgten 2022 ein Frühjahr und Sommer mit Hitzewellen, und das gleiche Muster schien sich auch Anfang 2023 fortsetzen zu wollen. Fünf norditalienische Regionalregierungen riefen den Wassernotstand aus und verboten ihrer Einwohnerschaft zeitweise, Wasser für Swimming Pools, Autowaschen und Rasensprengen zu entnehmen.32 128 Gemeinden im Piemont und in der Lombardei waren gezwungen, Trinkwasser aus Tankwagen zu beziehen. Die Schäden für die Landwirtschaft waren immens, ein massives Bauernhof-Sterben dürfte die Folge sein. Klimaexperte Renzo Ross aber riet den Menschen sarkastisch, sie sollten den Hitzesommer genießen – schließlich könne er als der frischeste der nächsten 50 Jahre in die Geschichte eingehen.33
Eigentlich sei Italien »das wasserreichste Land Europas«, behauptet zumindest der Wasserexperte Erasmo D’Angelis.34 Die jetzige Dürre erklärt sich zum Teil durch die Erderhitzung, zum anderen Teil aber auch durch schlechtes Landmanagement und bürokratisches Versagen. In Italien sind viele Wasserleitungen so marode, dass sie im Schnitt 42 Prozent ihres Inhalts verlieren. Seit 60 Jahren ist in die Rohrleitungen kaum noch investiert worden – es schien ja immer genug Wasser zu geben. Bisher wurde Regenwasser möglichst schnell über die Kanalisation ins Meer abgeleitet, rund 89 Prozent fließt so ungenutzt ins Mittelmeer. Die italienische Regierung will deshalb nun vier Milliarden Euro bereitstellen, um rund 10.000 neue Wasserspeicherbecken aufzubauen – was in etwa der Schadenssumme der Dürre von 2022 in der Po-Ebene entspricht.35
Auch Frankreich, Spanien, Portugal, Rumänien, Kroatien, Slowenien, Griechenland und Zypern erlebten 2022 eine historische Dürreperiode mit dramatischen Waldbränden. In Großbritannien wurde nach bislang ungekannten Temperaturen um die 40 Grad der Hitzenotstand ausgerufen. In den wasserreichen Niederlanden wurde das Grundwasser knapp. Laut der spanischen Umweltministerin Teresa Ribera sind 75 Prozent der Fläche von ganz Spanien durch Austrocknung und Erosion bedroht.36 Das liegt auch am wasser- und pestizidintensiven Anbau von Export-Obst und -Gemüse unter Plastikplanen im 350 Quadratkilometer großen »Mar Plástico« im südspanischen Almeria, der »Klimakatastrophe in Ihrem Kühlschrank«, wie eine Zeitung formulierte. In Portugal wüteten bei Extremtemperaturen ebenfalls heftige Waldbrände, die ausgetrockneten Monokulturen von Eukalyptusbäumen und Kiefern brannten wie Zunder.
Ein Beispiel von vielen, wie sich Klimaerhitzung und unangepasste Landnutzung gegenseitig hochschaukeln, schilderte ein Reporter des Tagesspiegels: Der Santa-Clara-Stausee im Südwesten Portugals staut seit den 1960er-Jahren das Wasser des Flusses Mira und verteilt es über lange Kanäle, um eine trockene Ebene zu bewässern. In der gottverlassenen Gegend siedelten sich kleinbäuerliche Familien an und praktizierten eine kleinräumige Selbstversorgung. Dann aber kamen 2016 der US-Agrarkonzern Driscoll’s und Dutzende Agrarfirmen, die in seinem Auftrag riesige Himbeer-Plantagen anlegten. Alles hochsubventioniert durch EU-Agrarzuschüsse. 90 Prozent der Beeren werden exportiert, vor allem nach Mitteleuropa zu Lidl, Rewe und anderen Supermarktketten, sodass man dort zu jeder Jahreszeit billige Beeren kaufen kann. Die Sprinkler-Anlagen auf den Himbeer-Plantagen laufen Tag und Nacht. Und bilden riesige Pfützen. Laut Lokalregierung laufen 60 Prozent des Wassers ungenutzt in den Atlantik.
Und gleichzeitig regnete es seit Oktober 2020 praktisch nicht mehr. Der Wasserstand des Stausees lag 2022 15 Meter unter der Normalmarke. Der Wasserpreis verfünffachte sich – unbezahlbar für kleinbäuerliche Familien. Mitten in den Hitzeextremen traute sich Bauer José Mochtiquiero nicht mehr, den Wasserhahn anzustellen. »Dreh ich den auf, bin ich bankrott«, berichtete er. Und zeigte um sich: »Alles trocken, alles tot.« Seine Tomaten, sein Mais, sein Weizen, sein Klee. Er müsse sein Land vertrocknen lassen »wegen dieser gottverdammten Himbeeren«.37
Azorenhochs werden größer und dauern länger
Die Verstärkung der Wetterextreme erklärt die Klimaforschung damit, dass der Jetstream durch die schnelle Erwärmung des Nordpols abgeschwächt wird. Der »Jet« oder Strahlstrom ist ein dynamisches Band von Starkwinden rund um den Globus, die als Ausgleichsbewegung zwischen polarer Kaltluft und warmen, äquatorialen Luftmassen entstehen. Und nun schwächeln sie und beginnen immer öfter zu mäandern, weil der Temperaturunterschied zwischen Arktis und den Tropen kleiner wird. Das lässt Hochs und Tiefs durchschnittlich länger über einer Region verweilen und manchmal wie festgenagelt verharren. Womöglich auch, weil Bodenfeuchte und Verdunstung weltweit zurückgehen, wir kommen noch darauf zurück.
Während eines fast stationären Sommerhochs nehmen Hitze und Trockenheit sehr schnell zu. 2021 wanderte ein solches Hoch über British Columbia in Kanada wochenlang nicht weiter und bescherte dieser gemäßigten Zone Temperaturen bis 50 Grad; Menschen mussten sich in Keller flüchten. Auch die berühmten Azorenhochs – jene Wetterlage, die früher angenehme Sommertage bescherte – dauern heute oft länger als früher und bringen Europa Rekordtemperaturen. Ein Team um die Klimaforscherin Caroline Ummenhofer von der Woods Hole Oceanographic Institution in den USA kam zum Ergebnis, dass Anzahl und Größe der Azorenhochs zunehmen. Um 1850 zählte man alle zehn Winter ein riesiges Hoch, inzwischen alle vier. Diese Hochdruckgebiete dehnen sich enorm aus, treiben nasses Wetter nach Norden, verursachen Wolkenbrüche über Skandinavien und halten Regen von der Iberischen Halbinsel fern. Deshalb sei es in Spanien und Portugal so trocken wie seit 1.200 Jahren nicht mehr.38
Gleichzeitig blockieren stationäre Hochs die Regentiefs, sodass es an ihren Grenzen zu Starkniederschlägen kommen kann, oft in tropisch anmutenden Sturzfluten. Wenn solche Tiefs tagelang über demselben Gebiet abregnen, kann das zu Hochwasser führen – wie im Ahrtal 2022. Diese »Blockierungen« waren in Mitteleuropa früher eher im November und Dezember zu beobachten, inzwischen verschieben sie sich in das Frühjahr hinein.
Dauerhochs können zu selbstverstärkenden Prozessen führen und Rückkopplungen zwischen Land und Atmosphäre auslösen. Wenn Landflächen tagsüber heißer werden und austrocknen, führt das zu anormal erwärmten kilometerdicken Schichten in der Atmosphäre, die sich auch nachts nicht auflösen. Das wiederum produziert laut Studien einen fortschreitenden Wärmestau über mehrere Tage, der die Austrocknung des Bodens verstärkt und zu Extremtemperaturen führt.39 Was die Dürre erneut verstärkt.
Verdunstung (»latente Energie«) senkt die Bodentemperatur, erhöht die Reflexion der Sonneneinstrahlung durch sich bildende Wolken und ermöglicht so Niederschlag (links). Fehlende Vegetation erhöht die Temperatur am Boden und schafft Hochdruckzonen, die das Vordringen feuchter Luftmassen behindern. Lokale Trockenheit ist oft die Folge (rechts).
Starkregen, Fluten, Überschwemmungen
Die Flutkatastrophe, die im Juli 2021 im Ahrtal 133 Menschen das Leben kostete, hat auf brutale Weise gezeigt, dass Sturzfluten, die durch die Erderwärmung wahrscheinlicher werden, auch in Deutschland möglich sind.40 Mit am meisten gefährdet sind diejenigen, die in bergigen Gebieten an Flussufern wohnen. Dort können Regenmassen in solcher Menge und Schnelligkeit die Hügel hinab stürzen, dass Flüsse alles mit sich reißen. Potenziell sind wir aber alle gefährdet, auch im Flachland. In Berlin floss im Juni 2017 Starkregen in die U-Bahnschächte, sodass einige Abenteuerlustige darin sogar mit dem Boot herumpaddelten. Weit weniger lustig war ein Vorfall in der zentralchinesischen Metropole Zhengzhou, wo nach den schwersten Regenfällen seit Jahrzehnten im Juli 2021 Hunderte Menschen in der U-Bahn eingeschlossen waren. Auf Videos sah man, wie ihnen das Wasser in den Waggons buchstäblich bis zum Hals stand. Mindestens ein Dutzend Personen ertranken.41
Überschwemmungen
Flutkatastrophen und Starkregen haben in den letzten Jahren in Deutschland deutlich zugenommen. Doch viele sind aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwunden: Im Juli 1997 trat nach heftigen Regenfällen über halb Europa die Oder über die Ufer. Besonders betroffen waren Tschechien und Polen, aber auch in Deutschland starben 114 Menschen. Schadenssumme: etwa vier Milliarden Euro. Verheerende Dammbrüche konnten nur in letzter Sekunde mit Einsatz der Bundeswehr verhindert werden, die der Brandenburger SPD-Politiker Matthias Platzeck auf den völlig durchweichten Oderdeichen koordinierte. Im August 2002 überschwemmten Donau und Elbe weite Teile von Tschechien, Österreich, Nord- und Ostdeutschland, die Behörden maßen einmalig hohe Pegelstände. 21 Menschen starben, rund 43.000 mussten evakuiert werden. Schadenssumme: neun Milliarden Euro.42 Und bei jeder neuen Flut hieß es in den Medien: Das sei ein »Jahrhundert-Hochwasser«. Seit 1997 muss folglich ein halbes Jahrtausend vergangen sein.
Heftige Schnee- und Regenfälle sorgten auch in Österreich im November 2019 für Überschwemmungen, mehrere Seen traten in Kärnten über die Ufer. Der bei Villach gelegene Faaker See führte ein Hochwasser, wie es statistisch nur alle 100 Jahre vorkomme, so die Behörden. Im Juli 2021 schwoll ein kleiner Bach in Hallein bei Salzburg nach Starkregen zu einem reißenden Strom an. Die Innenstadt von Hallein wurde teilweise überflutet. Und als im Sommer 2022 halb Europa in der Gluthitze verdorrte, trat in Kärnten der Fluss Villach nach Sturm und Sturzregen über die Ufer. Ganze Dörfer wurden von Schlammmassen bedrängt und von der Außenwelt abgeschnitten, mindestens ein Mensch starb.43 Die Schweiz erlebte 2021 einen sehr nassen und gewittrigen Sommer mit großflächigen Überschwemmungen im ganzen Land. Es entstanden Schäden in Höhe von knapp einer halben Milliarde Franken.44 Im Juni 2022 rollte nach Starkregen im Kanton Bern eine Flutwelle über mehrere Ortschaften. Häuser wurden überschwemmt, Bewohner dazu aufgerufen, das Gebiet sofort zu verlassen.
Einige Tage vor den Fluten im Ahrtal hatte die britische Klimaforscherin Hannah Cloke eindringlich gewarnt, dass sich Außergewöhnliches zusammenbraut. Doch ihre Warnungen wurden nicht oder nur in einer Form weitergegeben, dass ihre Dimension nicht verstanden wurde. Viel zu lange warteten die kommunalen Behörden, dass der zuständige Landrat den Katastrophenalarm auslösen würde. Niemand traute sich, auf den vorgeschriebenen Amtsweg zu pfeifen und selbst tätig zu werden – was wohl viele Leben gerettet hätte. Der Landrat aber war nicht zu erreichen, und was er in der Katastrophennacht trieb, konnte auch der spätere Untersuchungsausschuss des Landesparlaments von Rheinland-Pfalz nicht klären.45
Die Flut im Ahrtal zeigt, dass viele Kommunen auf Starkregen nicht vorbereitet sind. Es fehlt nicht nur an Katastrophenplänen mit klaren Zuständigkeiten, sondern auch und vor allem an Prävention. Wo Regenfälle zu Sturzfluten werden können, sollten unter anderem Rückhaltebecken gebaut werden. Vielleicht kann damit nicht alles zurückgehalten werden, aber doch ein Teil. Flüsse, die in enge Steinbetten gezwängt wurden, sollten renaturiert werden, damit Wassermassen auf Überschwemmungsflächen ausweichen können. Behörden sollten überall »Gefahrenkarten« auflegen und den Wiederaufbau gefluteter Häuser oder Neubauten an besonders gefährdeten Flussabschnitten verbieten.
Aber das geschieht selten, nicht einmal im Ahrtal. Dort wurden über 3.000 Gebäude zerstört, doch nur 34 Häuser dürfen nicht mehr an derselben Stelle aufgebaut werden. Die Allermeisten könnten ihr Haus an derselben Stelle wieder errichten, versprach auch die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer der Bewohnerschaft.46 Welche Drähte in den Himmel hat sie, um zu wissen, dass sich die Katastrophe nicht in ähnlicher Weise wiederholt? Der Geograf Thomas Roggenkamp charakterisiert das als »Hochwasser-Demenz«.47 Da der Wiederaufbau von der Bundesregierung gefördert wird, zahlen letztlich alle Steuerzahlenden für diese Nachlässigkeit.
Auf agroindustriell behandelten Böden – wie hier auf einem Maisacker – kann der Niederschlag nicht versickern; Wasser landet auf schnellstem Weg inklusive wertvollem Humus im nächsten Fluss.
Viele Kommunalregierungen sind nicht nur unvorbereitet, sie agieren auch teilweise gegeneinander und in Konkurrenz zueinander. Das zeigt das Beispiel der niedersächsischen Samtgemeinde Elm-Asse. Sie wurde mehrere Jahre von Wassermassen und Schlammfluten heimgesucht, neun von zehn Gemeinden waren betroffen. Sie hätten sich zusammentun und die Kosten für Präventivmaßnahmen teilen können, doch die Gemeinde Kissenbrück mochte sich nicht beteiligen. Der Bürgermeister ließ sogar einen Supermarkt im Hochwassergebiet bauen. Seine Kommune habe es doch nicht getroffen, argumentierte er – und wie er glauben viele Dorfvorsteher: Wir wurden verschont, ergo werden wir weiter verschont. »Eine hochriskante Betrachtung, wenn man sich nur auf seinen Ort kapriziert«, kommentierte Frank Böttcher vom Deutschen Wetterdienst.48
»Viele Kommunen sind überfordert«, schätzt Jens Hasse vom Deutschen Institut für Urbanistik die Lage ein. Finanziell, organisatorisch, konzeptionell. Es fehlt an Planungskapazitäten und an Geld. Achim Daschheit vom Umweltbundesamt findet deshalb: »Freiwilligkeit reicht nicht mehr aus. Es braucht ein Klima-Anpassungsgesetz.« Gute Idee, doch 2022 gab es ein solches bundesweites Gesetz immer noch nicht.
Immerhin aber wurde 2021 das Zentrum für Klimaanpassung gegründet, geführt vom Deutschen Institut für Urbanistik. Dort können sich interessierte Kommunalverwaltungen beraten lassen, welche Maßnahmen am besten für den jeweiligen Ort geeignet sind.49 Das Zentrum warnt auf seiner Website: Keine Kommune in Deutschland könne sicher sein. Potenziell seien alle betroffen, bergige wie flache, ländliche wie städtische, in denen der Boden stark versiegelt sei und das Wasser nicht abfließen könne. Aber die allerwenigsten Kommunen verfügen über konkrete Pläne zu Flächenentsiegelung oder Regenrückhalt-Becken.50
Nationale Wasserstrategie