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Tsitsi Dangarembga

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Beschreibung

Tsitsi Dangarembga gilt als eine der radikalsten weiblichen Stimmen des afrikanischen Kontinents. "Aufbrechen" schildert den zähen Kampf des Mädchens Tambu um höhere Bildung und wie sie allmählich dem Stammes- und Dorfleben entschlüpft. Aber alles hat seinen Preis … Dieser Roman ist das ausgezeichnete Porträt einer Gesellschaft, die von Kolonialismus und Patriarchat dominiert wird und deren jüngere Generation von Frauen um Selbstbestimmung kämpft. 2018 wurde der Roman in die BBC-Liste der "100 Bücher, die die Welt geprägt haben" aufgenommen. "Viele gute, von Männern geschriebene Romane, sind in Afrika entstanden, aber wenige von Schwarzen Frauen. Dies ist der Roman, auf den wir gewartet haben ... und dieses Buch wird ein Klassiker." Doris Lessing

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Über dieses Buch

»Aufbrechen« schildert den zähen Kampf des Mädchens Tambu um höhere Bildung und wie sie allmählich dem Stammes- und Dorfleben entschlüpft. Aber alles hat seinen Preis …

Dieser Roman ist das schonungslose Porträt einer Gesellschaft, die von Kolonialismus und Patriarchat dominiert wird und deren jüngere Generation von Frauen um Selbstbestimmung kämpft.

Tsitsi Dangarembga gilt als eine der radikalsten weiblichen Stimmen des afrikanischen Kontinents.

»Dies ist der Roman, auf den wir gewartet haben … und dieses Buch wird ein Klassiker.« Doris Lessing

2018 wurde der Roman in die BBC-Liste der »100 Bücher, die die Welt geprägt haben« aufgenommen.

Über die Autorin

Tsitsi Dangarembga ist Filmemacherin, Dramatikerin und Schriftstellerin. 1988 veröffentlichte sie ihren Roman »Nervous Conditions«, der in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde. Das Buch gilt als der erste afrikanische Frauenroman. 1992 gründete sie ihre eigene Produktionsfirma Nyerai Films. Tsitsi Dangarembga setzt sich intensiv für die Förderung filmschaffender Frauen in Simbabwe und anderen afrikanischen Ländern ein.

Sie ist Gründerin der Organisation Women Filmmakers of Simbabwe und Direktorin des International Images Film Festival for Women in Harare. Seit 2009 steht Tsitsi Dangarembga dem Institute of Creative Arts for Progress in Africa Trust vor. 2021 erhielt sie den PEN Pinter Prize, den PEN International Award for Freedom of Expression sowie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Tsitsi Dangarembga

Aufbrechen

Roman

Deutsch vonIlija Trojanow

Inhalt

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Personenregister

Glossar

Eins

Ich war nicht traurig, als mein Bruder starb. Auch entschuldige ich meine Gleichgültigkeit nicht oder, wie man auch sagen könnte, meine Gefühlskälte. Denn darum handelt es sich überhaupt nicht. Ich fühle heute vieles stärker, als ich es damals fühlen konnte, in den Tagen, als ich jung war und mein Bruder starb, und es gibt Gründe dafür, die über den reinen Prozess des Älterwerdens hinausreichen. Deshalb werde ich mich nicht entschuldigen, sondern anfangen, mir die Fakten zu vergegenwärtigen, so wie ich sie in Erinnerung habe, die zum Tod meines Bruders führten, die Ereignisse, die mich in die Lage versetzten, diesen Bericht zu schreiben. Denn obwohl man das Ereignis des Ablebens meines Bruders und die Ereignisse meiner Geschichte nicht trennen kann, geht es in meiner Geschichte schließlich nicht um den Tod, sondern um meine und Lucias Flucht; um das Gefangensein meiner Mutter und Maigurus; und um Nyashas Rebellion – Nyasha, aufgeschlossen und einsam, die Tochter meines Onkels, deren Rebellion letztendlich vielleicht doch nicht zum Erfolg führte.

Ich war dreizehn Jahre alt, als mein Bruder starb. Es geschah 1968. Die Schulferien hatten begonnen, und wir erwarteten seine Heimkehr mit dem Nachmittagsbus, der um drei Uhr durch unser Dorf fuhr. Mein Bruder ging zur Missionsschule, der mein Onkel vorstand und die etwa zwanzig Meilen westlich vom Dorf entfernt lag, in Richtung der Stadt Umtali. Manchmal, wenn mein Onkel nicht zu sehr mit Berichten und Formalitäten zum Abschluss des Trimesters beschäftigt war, konnte er sich um drei Uhr nachmittags von seinem Büro losmachen; dann opferte er die restlichen Stunden des Tages, um Nhamo nach Hause zu bringen. Nhamo zog dies vor. Er mochte Busfahrten nicht, weil es, so sagte er, zu lange dauere. Auch dünsteten ihm die Frauen zu viele ungesunde Fortpflanzungsgerüche aus, die Kinder neigten dazu, ihren verdorbenen Mägen vor Ort Erleichterung zu verschaffen, und die Männer sonderten starke Düfte ihrer tagtäglichen Arbeit ab. Er mochte das Fahrzeug nicht mit den vielerlei Produkten in bedenklichen Frischephasen, mit verängstigten Hühnern und gelegentlich mit einer voll duftenden Ziege teilen. »Wir sollten einen eigenen Bus haben«, beschwerte er sich, »wie es einen für die Schüler gibt, die in Fort Victoria und Salisbury wohnen«, wobei er allerdings vergaß, dass dies Städte waren, eigenständige urbane Zentren, während unser Zuhause in dem Gemeindegebiet um Umtali herum lag, und da die Mission meines Onkels zu Umtali zählte, gab es keinen Grund, einen Bus einzusetzen, um meinen Bruder und die anderen Schüler, die in unserer Gegend lebten, nach Hause zu befördern.

Aber auch mit einem gemieteten Bus wäre das Ende des Trimesters meinem Bruder nicht bequem genug gewesen. Der Busbahnhof – der auch der Marktplatz ist, mit blassschmutzigen Süßwarenläden, innen düster und schäbig, die wir magrosa nennen, und Marktfrauen unter msasa-Bäumen, mit hartgekochten Eiern, Gemüse, Früchten der Jahreszeit, gekochten Hühnern, manchmal mit Curry gewürzt, manchmal ohne, und mit allem anderen, was die Dorfbewohner oder Reisende vielleicht zu kaufen wünschten – ist mindestens zwei Meilen von unserer Heimstätte entfernt. Mit oder ohne gemietetem Bus – mein Bruder würde immer noch zwei Meilen zu Fuß nach Hause gehen müssen. Diese Entfernung war ein weiterer Aspekt seiner Heimreise, den mein Bruder höchst ungern erduldete.

Da ich die Fahrt nicht regelmäßig jeweils am Ende des Trimesters und am Anfang des neuen Trimesters hatte machen müssen, konnte ich nicht verstehen, wieso mein Bruder das Gehen so sehr verabscheute, besonders nachdem er so lange ohne frische Luft in einem Bus eingeengt war: Die Busfahrt zur Missionsschule dauerte fast eine Stunde. Neben der Erleichterung, sich die Beine nach einer so langen Fahrt vertreten zu können, war auch die Entfernung nach Hause nicht allzu groß, wenn man nicht in Eile irgendwohin unterwegs war. Der Weg schlängelte sich durch die Felder hinunter, wo es stets einige Menschen gab, bei denen man zehn Minuten des Tages verbringen konnte – mit Erkundigungen nach ihrer Gesundheit und der Gesundheit ihrer Familie, bewundernden Blicken auf den im Überfluss blühenden, breitblättrigen Mais, wenn er gut war, mit Voraussagen, wie viele Säcke das Feld einbringen würde, oder Überlegungen, ob die Pflanzen zu früh oder zu spät ihre Seidenquasten zeigten. Und obwohl die Wegstrecke zwischen den Feldern und dem Bahnhof der Sonne ausgesetzt und zwischen September und April, außer wenn es regnete, hart und versengt war – der grelle Sand tat in den Augen weh –, gab es immer Schatten neben den Feldern, wo Baumgruppen absichtlich stehengelassen wurden, die uns Schutz boten, wenn wir unsere Mahlzeiten aßen oder uns zwischen den beackerten Feldstreifen ausruhten.

Nach den Feldern wurde die Straße schattiger, umsäumt von Sträuchern und Bäumen. Akazien, lantana, msasa und mopani, in Gruppen auf beiden Seiten. Wenn man Zeit hatte, konnte man von der Straße hinab in dichteren Wald hineingehen, um nach matamba und matunduru zu suchen. Süß und sauer. Köstlich. Nach diesem bewaldeten Abschnitt führte die Straße in eine seichte Schlucht hinab, in ein Flusstal, das Bett sinnvollerweise voller glatter, flacher Steine, die ein aufregendes Material für alle Arten unserer Kinderspiele hergaben. Über und um die niedrigsten dieser Steine herum strömte der Fluss, in der Trockenzeit spärlich, doch bei schweren Regenfällen an einigen Stellen tief genug, um einem Kind bis über den Kopf zu reichen und mich bis zu den Brustwarzen zu verschlingen. Wir lernten diese Stellen meiden, wenn der Fluss gewaltig strömte, aber in den meisten Jahreszeiten glitt er ruhig dahin, was das Baden fast überall am Ufer erlaubte. Als Kinder waren wir nicht eingeschränkt. Wir konnten spielen, wo wir wollten. Die Frauen aber hatten ihren eigenen Platz zum Baden, wie auch die Männer. Dort, wo die Frauen badeten, war der Fluss seicht, reichte mir selten über die Knie, und die Felsen waren niedriger und flacher als anderswo und bedeckten den Großteil des Flussbetts. Die Frauen mochten ihren Platz, weil er zum Wäschewaschen gut geeignet war. Wir aber freuten uns nicht darauf, so erwachsen zu werden, dass wir mit den Frauen dort waschen müssten und nicht länger in den tieferen, kühleren, interessanteren Teichen schwimmen konnten.

Der Fluss, die Bäume, die Früchte und die Felder. So war es am Anfang. So ist meine früheste Erinnerung, aber es blieb nicht so. Als ich noch ziemlich klein war, baute die Regierung die Gebäude der Bezirksverwaltung knapp eine Meile entfernt von den Stellen, wo wir uns wuschen. So mussten die Bewohner der ungefähr Dutzend Heimstätten, die unser Dorf bildeten, den Nyamarira, wie unser Fluss genannt wird, überqueren, wenn sie in den Gebäuden etwas zu erledigen hatten. Es dauerte nicht lange, bis die Geschäftstüchtigen unter uns bemerkten, dass sich ständig mehr Leute um die Verwaltungsgebäude herum versammelten als irgendwo sonst im Dorf (außer sonntags in der Kirche und an anderen Tagen an den Plätzen, wo Bier getrunken wurde) und dort ihre kleinen Gemischtwarenläden errichteten, in denen verkauft wurde, was wir brauchten – Brot, Tee, Zucker, Marmelade, Speiseöl, Streichhölzer, Kerzen, Paraffin und Seife. Ich weiß nicht mehr genau, ob der Platz vor oder nach dem Bau der Gemischtwarenläden zur Bushaltestelle wurde, aber bald hielten auch Busse dort. Untätig fingen die weniger arbeitsamen Jugendlichen unseres Dorfes an, um die Gemischtwarenläden herumzustreunen, kauften einander, wenn sie es sich leisten konnten, was selten genug war, Fanta oder Coca-Cola und billiges Parfüm, das nach Vanille-Essenz roch. Ein unternehmerischer Ladenbesitzer machte sich dies zunutze und stattete sein Geschäft mit einem Grammophon aus, damit die Jugendlichen sich mit Musik und Tanz unterhalten konnten. Sie spielten die neue Rumba, die, wie populäre Musik es oft tut, mit unsystematischen Figuren auf die Zustände der Zeit hinwies: »Kriegst Prügel, wenn du weiter nach Geld fragst«, »Vater, bin ohne Arbeit, gib mir Geld für roora«, »Mein Geliebter, warum hast du eine zweite Frau genommen?« Die Hüften wurden geschwungen, die Füße stampften zum Rhythmus dieser sozialen Fakten. Es gab Solidarität. Die Behörden wurden unruhig. Unsere fleißige Gemeinde wurde für ihre Mühen mit dem Bau einer Bierhalle belohnt, dunkelblau wie die Verwaltungsgebäude, wo »einheimisches Bier« und »sauberes Bier« die Woche hindurch billig verkauft wurde. So wurden unsere Waschplätze zu Durchgangsorten für Leute, die aus allen möglichen Gründen zu magrosa gingen. Zur Wahrung der Anständigkeit wurden die Badestellen weiter flussaufwärts angelegt. Trotzdem pflegte ich, wenn ich mich kühn fühlte (das war, bevor meine Brüste zu groß wurden), oben am Ufer-Hang die Ohren zu spitzen und, wenn ich sicher war, dass niemand kam, zum Fluss hinunterzulaufen, mein Kleid abzustreifen (mehr hatte ich meist nicht an) und glücklich an den alten, tiefen Plätzen zu schwimmen, solange ich wollte.

Und diesen Spaziergang verabscheute mein Bruder! Wahrhaftig, ich könnte endlos weiter die Reize dieses Spaziergangs schildern; darum verstand ich auch nicht, wieso er ihm so widerstrebte. Doch er widerstrebte ihm, und meistens konnte er ihn umgehen, indem er unter irgendeinem Vorwand nach Schulende in der Mission blieb, bis mein Onkel, der Bruder meines Vaters und der älteste Sohn der Familie, beschloss, uns einen Besuch abzustatten. Mein Onkel besuchte uns häufig.

Es war die Idee meines Onkels gewesen, Nhamo auf die Missionsschule zu schicken. Wenn man ihm eine Chance gäbe, würde Nhamo, so meinte mein Onkel, sich in der Schule auszeichnen, wenigstens genügend für einen anständigen Beruf. Mit dem so verdienten Geld, sagte mein Onkel, würde Nhamo unseren Teil der Familie aus dem Elend befreien, in dem wir lebten. Die Geste meines Onkels war also ozeanisch, und mein Vater, der eine Vorliebe für Übertreibungen hatte, musste kaum überredet werden, den Sinn dieses Plans einzusehen. Auf die sanfteste Weise und nur höflich zögernd wies er meinen Onkel darauf hin, dass Nhamos Weggang für alle anderen zu Hause mehr Arbeit bedeuten würde, und gab meinem Bruder seine Erlaubnis. Das geschah, als mein Bruder in der dritten Klasse war, im Jahre 1965, dem Jahr der Rückkehr meines Onkels aus England.

Zu jener Zeit, Ende 1965, hatte mein Bruder sich schon ausgezeichnet, indem er in den ersten beiden Jahren Grundschule Klassenbester wurde und danach stets unter den fünf Besten zu finden war. Mein Onkel war darüber begeistert und wollte diese Tendenz unterstützen. »Mit deinem Kopf«, pflegte mein Vater Nhamo während der frühen Schulzeit, den prägenden Jahren, zur Ermutigung zu sagen, »wäre ich inzwischen Lehrer. Oder sogar Arzt. Ja! Vielleicht sogar Arzt. Glaubst du, wir würden so leben wie jetzt? Nein! In einem Ziegelhaus mit Warm- und Kaltwasser und Licht, wie bei Mukoma. Es wäre gut gewesen, hätte ich nur den Kopf dazu gehabt.« Nhamo, ganz der gehorsame Sohn, bestätigte meinem Vater dann, dass es wirklich gut gewesen wäre, und beruhigte ihn, dass die Intelligenz, mit der er selbst gesegnet war, nicht missbraucht werden würde. Ich war anders. Ich wollte die Wahrheit herausfinden. Meinte mein Vater, dass Babamukuru sich in der Schule als gescheit erwiesen hatte? Das fragte ich ihn eines Tages, als ich ein solches Gespräch mit anhörte.

»Das nicht gerade«, antwortete mein Vater. »Ich würde nicht sagen, dass Mukoma gescheit war. Nein. Nicht wirklich gescheit. Aber er las. Ja! Mukoma las. Was immer er anrührte, brachte er voran, so war er, ja! Mukoma las immer«, schloss er mit aufgerissenem Mund und krauser Stirn, voll des Respekts vor der Beharrlichkeit meines Onkels. Und als er dann erkannte, dass er in seine eigene Falle gegangen war, fühlte er sich bemüßigt, sich zu rechtfertigen. »Aber Mukoma hatte Glück. Er bekam eine Chance. Er ging von früh an zur Missionsschule. Die Missionare kümmerten sich so sehr um ihn, dass er mit den Büchern, nun, weißt du, ha-a-a, ganz natürlich umgehen lernte.«

Ob Babamukuru nun gescheit oder fleißig war oder einfach nur Glück gehabt hatte – Nhamo gelang es meist, seinen Onkel zu beschwatzen, ihn nach Hause zu fahren. Wie Nhamo das schaffte, ist mir ein Rätsel, denn Babamukuru war nie jemand, der sich leicht beschwatzen ließ. Trotzdem schaffte es Nhamo meistens. Aber diesmal, an dem Trimesterende, von dem ich erzähle, als Nhamo gerade die sechste Klasse absolviert und deshalb vorzeitig frei hatte, war Babamukuru zu einer Besprechung in der Stadt. Nhamo war gezwungen, den Bus zu nehmen. Eigentlich glaube ich, dass Babamukuru beschlossen hatte, es tue Nhamo gut, einmal den Bus zu nehmen. Ich glaube, mein Onkel fing an, sich Sorgen zu machen über die Entwicklung meines Bruders. Jedenfalls machten sich alle zu Hause, die alt genug dazu waren, um die Entwicklung meines Bruders Sorgen – außer meinem Vater.

Bald nachdem er auf die Missionsschule gekommen war, hörte mein Bruder auf, in den kurzen Ferien nach Hause zu kommen. Obwohl er uns hin und wieder mit meinem Onkel besuchte, kam er nur einmal im Jahr, am Ende des Schuljahres und zu Anfang der Maiszeit, für längere Zeit nach Hause. Während der Ferien im August und April weigerte sich Nhamo, nach Hause zu kommen. Er gab vor, er müsse unaufhörlich lesen, um die Prüfungen am Jahresende erfolgreich zu bestehen. Das war eine gute Entschuldigung, mit der er sich vor der unangenehmen Aufgabe drücken konnte, den Mais zu ernten und zu stapeln sowie die Blätter von den Kolben zu ziehen. Am Ende eines Erntetages juckte es uns überall grässlich, und wir rannten stets von den Feldern sofort zum Fluss, um den juckenden Staub abzuwaschen. Es war nicht erstaunlich, dass Nhamo das Ernten nicht mochte. Keiner von uns empfand diese Pflicht als angenehm. Sie war einfach etwas, das getan werden musste. September und Oktober waren anders. Zu dieser Zeit wurde das Land für die neuen Pflanzungen vorbereitet. Lange bearbeiteten die Leute den Boden mit Hacken, was harte Arbeit bedeutete, aber nicht unangenehm und nicht ohne Freuden war. Kurz bevor Babamukuru 1960 nach England ging, kaufte er meinem Vater dann einen Ochsenpflug, so dass die Arbeit sich zu der Zeit, als ich alt genug war, um mitzuhelfen, auf das Pflanzen des Maises beschränkte; zumindest in den Jahren, in denen mein Vater oder ein ausreichend kräftiger männlicher Verwandter auf Besuch die Zeit fanden, den Ochsenpflug zu benutzen. In den Jahren, in denen sie keine Zeit dazu hatten, mussten wir wieder wie früher graben und pflanzen. Nach dem Pflanzen und dann die ganze Regenzeit hindurch, bis die Pflanzen groß und kräftig waren, jäteten wir Unkraut, mit unseren Händen und Hacken. Manchmal bauten wir nicht nur Mais an, sondern auch mhunga und rukweza. Zu Anfang des Ackerjahres waren wir sehr beschäftigt. Mein Onkel bestand darauf, dass Nhamo hierfür nach Hause fuhr, denn es gab keine Prüfungen, die ein Wegbleiben gerechtfertigt hätten. So war Nhamo gezwungen, einmal im Jahr in sein schmutziges Zuhause zurückzukehren, wo er sich mit kaltem Wasser in einem Emaillebecken oder in einem Fluss waschen musste und nicht in einer Badewanne mit Wasserhähnen, aus denen es heiß und kalt floss; wo er sadza mit seinen Fingern und kaum Fleisch aß und nie mit Messer und Gabel; wo es außer dem flackernden Gelb der Kerzen und den hausgemachten Paraffinlampen kein Licht gab, das ihm ermöglicht hätte, bei seinen Büchern Zuflucht zu nehmen, wenn wir anderen schlafen gegangen waren.

Diese Armut fing an, ihn zu beleidigen, oder zumindest ihm peinlich zu sein, wie es ihm, ehe er zur Missionsschule ging, nicht ergangen war. Zuvor hatten wir uns darüber verständigen können, dass der Schmutz uns grausam zusetzte, aber fraglos der unsere war; also war die Last, ihn zu vertreiben, auch unsere. Aber dann änderte etwas, das er in der Mission gesehen hatte, seine Ansichten, so dass er nunmehr glaubte, unsere Heimstätte hätte keinen Anspruch mehr auf ihn. Wenn er nun in den Ferien nach Hause kam, war es, als sei er nicht da; er war nicht sehr umgänglich. Bei der Feldarbeit mitzuhelfen, beim Versorgen des Viehs oder beim Feuerholzholen, Aufgaben, die er vor seiner Missionszeit bereitwillig erfüllt hatte, wurde für ihn jetzt zum schlechten Witz. Als die Regenfälle am Ende seines ersten Jahres in der Mission vorzeitig kamen, wies er uns darauf hin, dass der Großteil der Arbeit schon getan war und wir sehr gut zurechtgekommen waren; wenn die Regenfälle sich verspäteten, wie am Ende des zweiten Jahres, erinnerte er uns daran, dass wir es im Jahr zuvor ohne ihn auch geschafft hatten. Nur wenn Babamukuru seinen Besuch ankündigen ließ, machte er sich die Mühe mitzuhelfen. An solchen Tagen stand er mit allen anderen bei Sonnenaufgang auf, arbeitete so hart, dass die Erde sich in die Haut seiner Hände eingrub und der Schweiß ihm über den bloßen Rücken rann, was ihm Geruch und Aussehen eines mustergültigen Arbeiters verlieh. Seine Strategie war perfekt. Er kehrte nie ins Haus zurück, egal wie hart und ermüdend die vorhandenen Aufgaben waren, bevor nicht Babamukuru, bei dem verlassenen Haus angekommen, zu den Feldern hinausfuhr.

Manchmal trug Babamukuru kurze Hosen, wenn er uns besuchte. Falls wir alle auf den Feldern waren, nahm er eine Hacke zur Hand und arbeitete eine Zeitlang mit, bevor er mit meinem Vater und Nhamo zur Heimstätte zurückfuhr. Dort hörte er sich den Bericht meines Vaters an: über unsere Verspätung beim Bestellen der Felder; wie die Kühe des Nachbarn unsere Felder plünderten; dass Babamukuru einen Stacheldraht besorgen solle, der Affen und Kühe fernhalten würde. Wenn Babamukuru keine kurzen Hosen trug, kehrten sie sofort zum Haus zurück. Meine Mutter band sich dann mit zusammengekniffenen Lippen die kleine Rambanai enger an den Rücken und arbeitete schweigend weiter. Die wilden Schwünge ihrer Arme, wenn sie einen Maisstängel griff und abschälte, hielt Netsai und mich vom leisesten rebellischen Murmeln ab. Wir stellten uns vor, wie dieser wilde Arm meiner Mutter zischend eine Rute über unsere Beine ziehen würde, und das machte uns sehr vorsichtig. Netsai legte meiner Ansicht nach übertrieben los, wenn meine Mutter schweigend wütend wurde. Sie hätte ein unanständig großes Stück Feld abgeerntet, eine peinliche Anzahl Kolben gesammelt, wenn ich mich nicht geschämt hätte, mich von meiner kleinen Schwester bei der Arbeit übertreffen zu lassen und so das Gesicht zu verlieren. Wir folgten den Spuren des Autos meines Onkels, wenn die Sonne sich zu neigen begann, und trieben die Kühe zurück in ihren Kral, denn es gab für diese Aufgabe außer Nhamo keinen anderen jungen Mann in unserer Familie. Wir beeilten uns sehr, um nicht zu spät zur Vorbereitung des Abendessens zu kommen. Ich selbst sah Babamukuru ungern in kurzen Hosen, denn in seiner Missionskleidung war er eine würdevolle Erscheinung, und so wollte ich ihn sehen.

An den Tagen, an denen Babamukuru zu Besuch kam, töteten wir einen Hahn. Oder vielmehr, wir töteten einen Hahn, wenn wir einen entbehren konnten, sonst nur eine Henne. Wir töteten auch ein Huhn, wenn Nhamo nach Hause kam, ob mit Babamukuru oder allein. Netsai und ich trieben den Vogel in eine Ecke und fingen ihn schließlich, nachdem wir lange vergeblich nach Luft und Federn geschnappt hatten, bei der Jagd unterstützt von den Freudenschreien der kleinen Rambanai, die oft in Heulen endeten, wenn ihr der Vogel auf der Flucht vor uns ins Gesicht flog.

An jenem bestimmten Novembernachmittag, an dem wir Nhamo zu Hause erwarteten, beschloss meine Mutter, ihr Gemüse zu bewässern – Raps, covo, Tomaten, derere und Zwiebeln – , welches sie auf einem Stück Land anbaute, das meiner Großmutter gehört hatte, in der Nähe der Hütte, aber doch eine Viertelstunde zu Fuß entfernt. Meine Mutter und ich gingen gemeinsam von den Feldern und trieben die Rinder vor uns her, bis wir den Gemüsegarten erreichten, wo wir uns trennten; sie ging bewässern, ich zur Hütte, die nicht gebrauchte Viehpeitsche in der Hand, denn das Vieh war genauso begierig nach Hause zu kommen wie ich. Unsere Schatten fielen länglich nach Osten, denn die Sonne ging hinter den Hügeln unter. Es war schon nach sechs. Zu dieser späten Zeit war ich sicher, Nhamo schon zu Hause vorzufinden, doch als ich vom Rinderkral heraufkam, sah ich nur Rambanai und Netsai im sandigen Hof vor der Küche spielen. Sie spielten nhodo, oder vielmehr spielte Netsai, und Rambanai warf nur die Steine hoch und protestierte lautstark, wenn Netsai wieder an der Reihe war. Rambanai war zu jung, um einen Stein in die Luft zu werfen, mehrere andere Steine aufzuheben und dann den ersten Stein im Fall zu fangen. Netsai wusste dies sehr wohl, aber sie genoss es trotzdem, Rambanai beim nhodo zu schlagen.

Sobald Rambanai mich sah, kam sie angelaufen und protestierte heftig gegen die unfaire Netsai, doch in ihrer unverständlichen Sprache, so dass allein ihr Mienenspiel mir sagte, was sie meinte.

»Ruhig jetzt«, sagte ich beruhigend, nahm sie in die Arme und setzte sie mir auf den Schoß. »Ich werde nhodo mit dir spielen. Das wird fein. Hat Nhamo dich sein Gepäck abholen lassen?«, fragte ich Netsai.

»Nein, Schwester Tambu«, antwortete sie. »Mukoma Nhamo ist noch nicht gekommen.«

»Er ist noch nicht gekommen?« Ich war noch nicht beunruhigt, denn der Drei-Uhr-Bus war oft ein Vier- oder Fünf-Uhr-Bus. Ich war sogar erleichtert. Ich würde den Hahn nicht töten müssen. »Dann vielleicht morgen, wenn ihn Babamukuru im Auto mitnehmen kann.«

Wie ich Nhamo kannte, wusste ich, dass er nicht so spät am Tage zu Fuß ankommen würde, denn dann müsste er sein Gepäck selbst tragen, auch wenn es nicht viel war, denn er ließ seinen schweren Koffer bei Babamukuru zurück. Er hatte gewöhnlich nicht mehr als eine kleine Tasche bei sich, die seine Bücher sowie ein oder zwei Paar khakifarbene kurze Hosen enthielt, die einzigen seiner Kleidungsstücke, die er nicht zu ruinieren fürchtete, wenn er sie zu Hause trug. Manchmal hatte er auch eine Plastiktüte bei sich, die allerlei Krimskrams wie Zucker und Tee, Seife, eine Zahnbürste und Zahnpasta enthielt. Der Zucker und der Tee waren meist Geschenke meiner Tante für meine Mutter, doch Nhamo behielt sie für sich. Er trank dann süßen schwarzen Tee und las seine Bücher, während wir unsere Arbeit im Haus erledigten. Dies belustigte meine Mutter. Wenn sie ihn dabei erwischte, schimpfte sie ihn aus und schickte ihn zum Viehhüten, aber wenn sie davon erzählte, lachte sie. »Der Junge mit seinen Büchern! Er wird eines Tages einen hervorragenden Lehrer abgeben, bei all dem Lesen!«

Jedenfalls war sein Gepäck nie zu schwer für ihn. Und trotzdem trug er es nie selbst. Stattdessen ließ er irgend etwas, einige Bücher, eine Plastiktüte, eine Kleinigkeit, nur des Prinzips wegen bei den Geschäften am Busbahnhof zurück, denn er stand auf freundschaftlichem Fuß mit allen. So konnte er Netsai losschicken, die Sachen zu holen, sobald er zu Hause ankam. Wenn er großzügiger Laune war, erbot er sich, währenddessen auf Rambanai aufzupassen, die noch auf unsicheren Beinen stand. Wenn er seinen wahren Charakter zeigte, erklärte er grinsend, es sei nicht Aufgabe eines Mannes, auf Kinder aufzupassen, und Netsai, die noch jung, aber groß für ihr Alter war, band sich das Baby auf den Rücken, um so das Gepäck zu holen. Wenn es für sie allein zu viel war, begleitete ich sie gelegentlich. Da ich wusste, dass er keine Hilfe brauchte, dass er uns nur seine Macht demonstrieren wollte, seine Autorität, uns zwingen zu können, Sachen für ihn zu erledigen, hasste ich es, das Gepäck meines Bruders zu holen. Fast so groß wie er, war ich, wenn er mich verärgert hatte, imstande, ihm ein Holzscheit aus dem Feuer ins Gesicht zu werfen. Also piesackte er mich nur wenig. Dafür bekam Netsai ab, was an mir vorüberging. Nhamo machte es Spaß, ihr beim kleinsten Anlass den Stock zu geben. Um des Friedens willen ging ich mit meiner Schwester bis zu den Geschäften, wenn sie Hilfe brauchte, und den ganzen Weg brummten wir wütend vor uns hin und schimpften über die Faulheit unseres Bruders. Man wundert sich vielleicht, wieso ich nicht für meine Schwester eintrat und meinem Bruder sagte, er solle sein Gepäck selbst tragen. Ich tat es, als er Netsai diesen Auftrag zum ersten Mal gab. Er erklärte sich bereit, selbst zu gehen, doch nachdem ich in die Küche zurückgegangen war, führte er Netsai außer Hörweite und verprügelte sie kräftig mit einem dünnen Pfirsichzweig. Arme Netsai! Sie erzählte mir, sie sei den ganzen Weg bis zu den Geschäften gerannt. Und dann fragte sie mich, wieso ich sie nicht gleich hätte gehen lassen?! Zuerst dachte ich, sie stelle wegen der Schläge so eine dumme Frage, doch später wurde mir klar, dass es ihr wirklich nichts ausmachte, Nhamos Gepäck zu tragen, wenn es nicht zu viel für sie war. Sie war ein süßes Kind, von der Sorte, die später eine reizende, traurige Frau abgeben.

Das war nicht das einzige Unsympathische an meinem Bruder. Dieser unser Nhamo war voller unvernünftiger Ideen. Selbst nach all diesen Jahren glaube ich, dass es in unserem Heim gesünder zuging, wenn er nicht da war. Damals war ich mir jedenfalls sicher. Ich erinnere mich, an jenem Novembernachmittag Erleichterung empfunden zu haben. Da ich nun den Hahn nicht töten und zubereiten musste, brauchte ich mich nur um das sadza und das Gemüse zu kümmern. Das war keine Arbeit, so dass ich noch zum Garten zurückgehen und meiner Mutter helfen konnte. Der Gedanke an meine Mutter, die so hart, so allein arbeitete, deprimierte mich stets, aber schließlich beschloss ich, das Abendessen vorzubereiten, damit sie sich nach ihrer Heimkehr ausruhen konnte. Denn ich wusste, wenn es noch Arbeit gab, nachdem sie das Wässern beendet hatte, würde sie sich weiter abrackern.

»Was ist los, Schwester Tambu?«, fragte Netsai und riss mich aus den Gedanken. Ich bewegte Rambanai auf meinen linken Schenkel und spürte, dass mein Knie eingeschlafen war.

»Was ist los, Schwester Tambu?«, erkundigte sich Rambanai. Typisch Netsai, eine Frage zu stellen, die ich nicht beantworten konnte. Ich wollte meinen Schwestern nicht kaltblütig mitteilen, dass ich darüber nachgedacht hatte, wie wenig ich meinen Bruder mochte. Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Da er unser Bruder war, hätten wir ihn mögen sollen, was es schwieriger machte, ihn nicht zu mögen. Da es mir trotzdem gelang, konnte ich meinen Bruder wohl überhaupt nicht leiden!

»Es wird schon gut«, bemerkte ich, in dem Versuch, mich selbst zu überzeugen, »wenn Mukoma Nhamo nach Hause kommt.«

»Wieso?« Netsai war verwundert. »Was wird er tun?«

»Was tun?«, kam das Echo von Rambanai, über das ich lachen und somit die Antwort vermeiden konnte. Ich setzte sie ab und ging zur dara, um das Emaillebecken mit Wasser zu füllen und die Töpfe und Teller zu holen, die ich zum Kochen brauchen würde. Die dara war deprimierend. Termiten hatten sich zielstrebig einen Weg durch das rechte Bein gekaut, so dass sie unverschämt schief stand. Ständig fielen Sachen herunter. Als sei das noch nicht genug, waren mehrere der Riemen aus Rinde, die die Bretter zusammenhielten, verfault. Die Bretter waren verschoben, große Löcher taten sich zwischen ihnen auf, so dass die Gegenstände, wenn sie nicht von der dara fielen, durch sie hindurchfielen.

Sie muss repariert werden; ich muss sie reparieren, dachte ich, wie schon ein Dutzend mal zuvor, und versprach mir, dass ich mir die Zeit nehmen würde. Ich beugte mich hinab, um den Zehn-Gallonen-Kanister unter der dara hervorzuziehen. Ich hoffte inbrünstig, dass er noch ausreichend Wasser für die Nacht enthielt.

Netsai sah mir zu. »Er ist voll«, sagte sie und lächelte. »Wir haben die Dosen benützt. Wir mussten nur dreimal zum Fluss gehen.«

»Gehen Fluss«, stimmte Rambanai zu.

»Du arbeitest gut«, sagte ich zu meiner Schwester, berührt von ihrer Fürsorge. Ihr hübsches kleines Gesicht strahlte von innen. Wir lächelten uns an, und Rambanai gluckste.

Der covo war frisch und hatte große Blätter, die schnell gewaschen waren. Die Töpfe waren alle sauber, ein weiteres Zeichen für Netsais rücksichtsvolle Art. Es machte mir Spaß, das Essen zuzubereiten, wenn die schmutzigeren Arbeiten schon erledigt waren. Ich summte, während ich den covo stückchenweise in den Topf gab, und freute mich, als die Hühner die verstreuten Stücke aufpickten und so den Ort aufräumten, ohne selbst Gefahr zu laufen, gefangen und gekocht zu werden. Wie ich die ganze Prozedur hasste – um Netsais Hilfe zu bitten, dem Vogel die Flucht zu vereiteln, meine wachsende Verärgerung, wenn ich nach seinen Flügeln griff und nur Luft zu fassen bekam, bevor ich ihn schließlich erwischte, gackernd und schrill protestierend, bis er die Unvermeidlichkeit spürte und verstummte. Auch konnte ich den Geruch des Blutes nicht ertragen, der mich zu ersticken drohte, wenn kochendes Wasser über den kopflosen Vogel geschüttet wurde, damit seine Federn sich lösten. Das nächste Mal, dachte ich naiv, soll Nhamo ihn selbst fangen. Wenn er Huhn essen will, soll er es selbst fangen und töten. Ich werde es rupfen und kochen. Das schien mir eine faire Arbeitsteilung zu sein.

Ich war naiv. Dass er Netsai wegen des Gepäcks verprügelte, hätte mir die Augen öffnen müssen. Nhamo war nicht darauf aus, fair zu sein. Vielleicht anderen Leuten gegenüber, aber sicherlich nicht seinen Schwestern gegenüber, seinen jüngeren Schwestern. Vielleicht ist es unfair von mir, ihn postum mit Vorwürfen zu überhäufen, wenn er sich nicht mehr verteidigen kann und ich genug gesehen habe, um zu wissen, dass Schuld nicht in sauber verpackten Päckchen vorkommt. Vielleicht stelle ich es so hin, als hätte Nhamo einfach beschlossen, ekelhaft zu sein und dies sehr gut beherrscht; tatsächlich tat er nichts anderes, als sich, vielleicht etwas extrem, so zu verhalten, wie es erwartet wurde. Die Bedürfnisse und Gefühle von Frauen wurden in meiner Familie nicht vorrangig beachtet, es gab sie offiziell nicht einmal. Deshalb war ich in dem Jahr, als Nhamo starb, noch in der dritten Klasse statt in der fünften, wie es meinem Alter entsprochen hätte. Damals empfand ich die Ungerechtigkeit meiner Lage jedes Mal, wenn ich darüber nachdachte, was ich oft tun musste, da Kinder ständig über ihr Alter reden. Dieser Ungerechtigkeit wegen fing ich an, meinen Bruder nicht leiden zu können, und nicht nur meinen Bruder: meinen Vater, meine Mutter – eigentlich alle.

Zwei

Nun fiel die Ernte aus irgendeinem Grund in dem Jahr meiner Einschulung trotz ausreichender Regenfälle sehr mager aus. Obwohl wir genug Mais geerntet hatten, um nicht zu verhungern, blieb nichts zum Verkauf übrig. Das bedeutete, dass es zu Hause kein Geld gab. Kein Geld bedeutete keine Schulgebühren. Keine Schulgebühren bedeutete keine Schule. Auch gab es keine Hoffnung, Geld zu beschaffen, denn Babamukuru hatte die Mission verlassen, um in England mehr über Erziehung zu lernen.

Ich war erst fünf, als Babamukuru nach England ging. Folglich weiß ich nur noch, dass alle sehr aufgeregt und sehr beeindruckt von diesem Ereignis waren. Um herauszufinden, was damals wirklich passierte, und um die folgenden Ereignisse zu verstehen, habe ich viele Leute gebeten – Maiguru und Babamukuru, meinen Vater, meine Mutter, Nyasha und Chido –, mir zu erzählen, was ihnen im Gedächtnis geblieben war. Ich fand heraus, dass es, kaum verwunderlich, Diskussionen und Konflikte und Spannungen gegeben hatte, die ich als kleines Mädchen nicht wahrnehmen konnte.

Babamukuru wollte die Mission nicht verlassen. Er wollte nicht noch einmal so weit von zu Hause fort, denn er hatte seine Mutter schon einmal verlassen, um nach Südafrika zu gehen, und er war noch nicht lange genug wieder daheim, um sicher zu sein, dass sie im Alter gut versorgt wäre. Auch hatte er jetzt selbst eine Familie. Obwohl die Missionare, die ihm ein Stipendium für das Studium in England besorgt hatten, auch Maiguru ein Stipendium anboten (so bestrebt waren sie, dieses intelligente, disziplinierte junge Paar in England ausbilden zu lassen, damit sie ihrem Volk nützlich sein konnten), blieb die Sorge um die Kinder. Die Diskussionen und Spannungen bei seiner Abreise hatten weniger mit seinem Weggehen zu tun als mit der Frage, was mit den Kindern geschehen sollte. Babamukuru schätzte die ihm gebotene Möglichkeit sehr; auch wäre eine Ablehnung einer Art Selbstmord gleichgekommen. Seine Undankbarkeit hätte die Missionare verärgert. Er wäre in Ungnade gefallen, und sie hätten an seiner Stelle einen anderen vielversprechenden Afrikaner unter ihre Fittiche genommen. Da er die notwendige Qualifikation nicht im eigenen Land erhalten konnte, blieb ihm keine andere Wahl, als sich für fünf Jahre zu entwurzeln, um danach eine Position einzunehmen, die es ihm im Laufe der Zeit ermöglichen würde, sich selbst und seine beiden Familien aus der Abhängigkeit von Umwelt und spendablen Missionaren zu befreien. Mein Großvater war der Ansicht, die Kinder wären zu Hause besser aufgehoben, wo sie unsere Gewohnheiten kannten und sich im Kreis der Familie wohlfühlten. Aber Babamukuru, der vor Augen hatte, wie schwierig das Leben zu Hause war, wollte nicht, dass seine Kinder die Not und das Elend seiner Kindheit erlebten. Auch wollte er seine Kinder bei sich haben, um so entscheidende Dinge wie ihre Erziehung und ihre Entwicklung selbst zu überwachen. Also wurden Chido und Nyasha nach England mitgenommen. Und mein Vater, dem fünf Jahre ohne einen Bruder, der für ihn sorgte, wie eine Ewigkeit vorkamen, tröstete sich mit der Aussicht, nach Babamukurus Rückkehr von dem dann höher Qualifizierten noch reichhaltiger versorgt zu werden als bisher. Meine Mutter war hoffnungsvoll. Sie dachte, mein Vater würde endlich Verantwortung übernehmen.

Ich kann mich an ein Gespräch mit Nhamo über das Phänomen von Babamukurus Bildung erinnern. Nhamo war allein schon von der Bildungsmenge, die möglich war, beeindruckt. Er sagte mir, dass die Ausbildung, wegen der Babamukuru weggegangen sei, sehr wichtig gewesen sein müsse, sonst wäre er wegen ihr nicht so weit fortgezogen. »England«, sagte er gewichtig zu mir, »ist sehr weit weg. Viel weiter weg als Südafrika.« Nhamo wusste damals vieles. Er wusste mehr als zum Zeitpunkt seines Todes. So wusste er zum Beispiel, dass er als Erwachsener wie Babamukuru viele akademische Grade anstreben und Schuldirektor wie Babamukuru werden würde. Er wusste, dass er seinen jüngeren Schwestern Bildung sichern oder zumindest sich um uns sorgen musste, wie Babamukuru es für seine eigenen Brüdern und Schwestern tat. Er wusste, dass er auf den Feldern und beim Vieh helfen und freundlich zu den Leuten sein musste. Aber vor allem wusste er, dass er hart arbeiten musste, um stets der Klassenbeste zu sein. Das tat er in den unteren Klassen eifrig. Einmal war er mit seiner Leistung besonders zufrieden, denn er hatte einen Mitschüler ganz knapp übertroffen. Nach all diesen Erfolgen wurde ihm mitgeteilt, er könne nicht weiter zur Schule gehen, weil das Geld für die Schulgebühren fehlte. Er weinte.

Glücklicherweise war meine Mutter in jenem Jahr willensstark. Sie fing an, Eier zu kochen, die sie dann zum Busbahnhof trug und an durchreisende Passagiere verkaufte. (Das bedeutete, dass wir sie nicht essen konnten.) Sie bot auch Gemüse an – Rüben, Zwiebeln und Tomaten –, wozu sie ihren Garten erweiterte, um mehr anbauen und verkaufen zu können. Das Geschäft ging leidlich, gut an öffentlichen Feiertagen, wenn Reisende von weit entfernten Orten wie Salisbury, Fort Victoria, Mount Darwin und Wankie in Versuchung kamen, eine Kleinigkeit nach Hause mitzunehmen. So kratzte sie genug Geld zusammen, um meinen Bruder in der Schule zu halten. Ich sah ein, dass Gemüseverkaufen kein einträgliches Geschäft war. Ich sah ein, dass es nicht genug Geld für meine Schulgebühren gab. Ja, ich sah ein, dass ich nicht weiter zur Schule gehen könnte, obwohl ich sehr gern zur Schule ging und auch gut war. So wirkten sich die Umstände ungünstig auf mich aus.

Mein Vater meinte, dies sollte mich nicht bekümmern. »Über so was macht man sich doch keine Sorgen! Ha-a-a, das ist nichts«, beruhigte er mich mit seiner ewigen Bereitschaft, die einfachste Lösung zu wählen. »Kannst du Bücher kochen und sie deinem Ehemann vorsetzen? Bleib zu Hause bei deiner Mutter. Lerne kochen und putzen. Pflanz Gemüse.«

Es war seine Absicht, mich mit beruhigenden, vernünftigen Worten zu trösten, aber ich sah den Sinn darin nicht. So war es oft, wenn mein Vater etwas sagte, aber bislang hatte es keinen so konkreten Anlass gegeben, an seinen Theorien zu zweifeln. Diesmal hatte ich aber Beweise. Maiguru war gebildet; servierte sie denn Babamukuru Bücher zum Abendessen? Ich fand zu meiner unglücklichen Erleichterung heraus, dass mein Vater nicht vernünftig war.

Ich beschwerte mich bei meiner Mutter. »Baba sagt, ich brauch keine Ausbildung«, sagte ich voller Verachtung zu ihr. »Er sagt, ich muss lernen, eine gute Ehefrau zu werden. Schau dir Maiguru an«, fuhr ich fort, meiner Grausamkeit nicht bewusst. »Sie ist eine bessere Ehefrau als du!«

Meine Mutter war zu alt, um sich von meinem kindischen Unsinn beeindrucken zu lassen. Sie versuchte, einige meiner Vorwürfe zu entkräften, indem sie mir lang und breit erklärte, dass mein Vater recht habe, weil auch Maiguru kochen und putzen und Gemüse anbauen könne. »Eine erwachsene Frau zu sein, das ist eine große Last«, sagte sie. »Wie sollte es anders sein? Sind nicht wir es, die die Kinder gebären? Da kannst du nicht einfach entscheiden, heute möchte ich dies tun und morgen jenes und am übernächsten Tag möchte ich eine Ausbildung haben! Wenn Opfer gebracht werden müssen, bist du diejenige, die sie bringen muss. Und diese Sachen sind nicht einfach; du musst von jung auf, von sehr jung auf, anfangen, sie zu lernen. Je früher, desto besser, dann ist es später einfacher. Einfacher! Als ob es jemals einfach wäre. Und in unserer Zeit ist es am schlimmsten; einerseits das Elend, eine Schwarze zu sein, andererseits die Bürde, eine Frau zu sein. Aiwa! Was dir helfen wird, mein Kind, ist zu lernen, deine Bürde mit Ausdauer zu tragen.«

Ich dachte mehrere Tage lang darüber nach, in deren Verlauf ich trotz meiner guten Noten an meiner Intelligenz zu zweifeln begann, denn wie in den Worten meines Vaters konnte ich auch in denen meiner Mutter keinen Sinn sehen. Meine Mutter behauptete, schwarz zu sein sei eine Bürde, weil man arm bleibe, aber Babamukuru war nicht arm. Meine Mutter behauptete, Frau zu sein sei eine Bürde, weil man Kinder gebären und sich um sie und den Ehemann kümmern müsse. Aber ich glaubte nicht daran. Maiguru wurde von Babamukuru gut versorgt, wohnte in einem großen Haus auf dem Missionsgelände, das ich nicht gesehen, von dem ich aber gerüchteweise gehört hatte, wie riesig und elegant es sei. Maiguru wurde in einem Auto herumchauffiert, sah gepflegt und frisch aus und war stets sauber. Sie war insgesamt eine andere Frau als meine Mutter. Es kam mir besser vor, wie Maiguru zu sein; nicht arm und nicht von der Bürde, eine Frau zu sein, erdrückt.

»Ich werde wieder zur Schule gehen«, eröffnete ich meinen Eltern.

Mein Vater nahm an, ich erwartete von ihm, dass er das Geld irgendwie, womöglich durch Arbeit, besorgte, und reagierte heftig. »Fängst du wieder mit dem Blödsinn an! Ich sehe es schon. Du weißt doch, dass dein Babamukuru noch einige Zeit weg sein wird!«

»Ich werde mir die Gebühren selbst verdienen«, versicherte ich ihm und unterbreitete ihm meinen Plan, so wie ich ihn entworfen hatte. »Wenn du mir etwas Aussaat gibst, werde ich mein eigenes Feld beackern und selbst Mais anbauen. Nicht viel. Gerade genug, um die Gebühren zu bezahlen.«

Mein Vater war sehr belustigt. Er ärgerte mich sehr mit seinem ständigen Lachen, mit seiner unangenehm erwachsenen Art. »Gerade genug, um die Gebühren zu bezahlen! Kannst du sie dir dabei vorstellen?«, gluckste er zu meiner Mutter hin. »So ein Sträuchlein, aber schon mit reifen Plänen! Kannst du deiner Tochter sagen, Ma’Shingayi, dass wir kein Geld haben. Wir haben kein Geld. Das ist alles.«

Meine Mutter kannte mich natürlich besser. »Hat sie denn um Geld gebeten?«, gab sie zurück. »Hör deinem Kind richtig zu. Sie möchte nur etwas Aussaat. Die können wir ihr geben. Lass es sie versuchen. Lass sie selbst sehen, dass manche Sachen einfach nicht zu machen sind.«

Mein Vater war einverstanden. Etwas Aussaat war kein großer Preis, mich ruhigzustellen. Ich begann mein Projekt am nächsten Tag, einem Dezembertag 1962. Im Januar darauf kam mein Bruder eine Klasse weiter. Ich arbeitete in der Hütte, auf den Feldern unserer Familie und auf meinem eigenen Stück Land. In diesen ersten Tagen meiner Gärtnerei murmelte ich Gebete voller Liebe und Ehrfurcht, die ich an meine Großmutter richtete. Meine Großmutter hatte unerbittlich das Land bebaut, ausgesät und reiche Ernten eingebracht, bis zu ihrem letzten, wortwörtlich letzten Augenblick. Als ich noch zu klein war, um irgendetwas anderes als ein Hindernis bei der Feldarbeit zu sein, verbrachte ich ergebnisreiche Stunden mit meiner Großmutter, arbeitete mit ihr zusammen auf dem Stückchen Land, das sie ihren Garten nannte. Wir zogen Seite an Seite mit der Hacke Furchen für die Maispflanzen, die jede von uns trug. Ich bestand dickköpfig darauf, mit ihr Schritt zu halten, so dass sie drei Stufen gleichzeitig bearbeitete, damit ich auf meinem einen mitkam. Indem sie meinen Arbeitseifer lobte, machte sie ihn für mich zu einem Wert.

Sie gab mir auch Unterricht in Geschichte. In Geschichte, wie sie sich nicht in den Schulbüchern findet; Feldarbeit und dann eine Rast, der Anfang einer Geschichte, eine Pause. »Was passierte dann, Mbuya, was passierte?« – »Noch etwas Arbeit, mein Kind, ehe du die Geschichte weiter hörst.« Langsam, mit Methode, wurde das Feld den ganzen Tag hindurch beackert, und die Episoden der Geschichte, wie meine Großmutter sie verstand, reihten sich aneinander.

»Deine Familie hat nicht immer hier gelebt. Sie ist erst hierhergezogen, nachdem ich deinen Großvater geheiratet habe. Wir lebten in Chipinge, wo der Boden fruchtbar und dein Urgroßvater ein reicher Mann in der Währung jener Tage war. Er hatte viele fette Viehherden, große Felder und vier Frauen, die hart arbeiteten, um reiche Ernten einzubringen. Er konnte bei den Händlern Stoff und Perlen und Äxte und ein Gewehr, ja, sogar ein Gewehr, eintauschen. Die Händler blieben in jenen Tagen nicht da, sie kamen vorbei und gingen wieder. Dein Urgroßvater hatte genug Söhne für einen ganzen Kral, lauter große, starke, arbeitsame Männer. Und ich, ich war damals schön«, und ihre Augen funkelten mich an, so dass ich mich schämte, sie so genau zu betrachten, um die Schönheit von einst zu entdecken. Wieso erzählte sie mir das? Sie war nicht mehr schön, aber ich liebte sie und schämte mich, in ihrem Gesicht nach der vergangenen Schönheit gesucht zu haben. »Ich war nicht immer so alt, so voller Falten, mit weißem Haar und ohne Zähne. Damals war ich so klein und hübsch und rundlich wie du, und als ich zu einer Frau heranwuchs, war ich eine schöne Frau mit Haaren, so lang, dass man sie zu einem einzigen Zopf flechten konnte. Ich hatte schwere, starke Hüften.« Hier beendete sie meistens die erste Episode. Ich saß auf glühenden Kohlen. Die Prinzessin und der Prinz. Was passierte dann? Was passierte dann?

Die Zauberer, wohlbeschlagen in Hinterlist und schwarzer Magie, kamen aus dem Süden und vertrieben die Menschen von dem Land. Auf Eseln, zu Fuß, auf Pferden, auf Ochsenkarren suchten die Menschen einen Ort zum Leben. Aber die Zauberer waren gierig und habsüchtig; es gab immer weniger Land für die Menschen. Zuletzt erreichten die Menschen den grauen, sandigen Boden und die Heimstätte, so steinig und dürr, dass er für die Zauberer zu nichts tauglich war. Dort bauten sie ihr Heim. Aber der drittgeborene Sohn, mein Großvater, von dem Flüstern der Zauberer, von Reichtümern und Luxus verlockt und von dem harten Leben der Heimstätte abgestoßen, folgte den Zauberern auf eine ihrer Farmen. Yurvi! Nur um herauszufinden, dass sie ihn in die Sklaverei gelockt hatten. Aber eines Tages gelang es meinem Großvater, zu den glitzernden Goldminen des Südens zu fliehen, von denen man sagte, dass gute Männer dort schnell reich wurden. Der weiße Zauberer hatte keine Verwendung für Frauen und Kinder. Er vertrieb meine Großmutter und ihre Kinder von der Farm. Völlig mittellos kehrten sie zur Heimstätte zurück, wo mein Urgroßvater die Familie zusammenhielt, ohne seinen früheren Lebensstandard zu erreichen. Aber dann starb mein Urgroßvater und die Familie brach auseinander, und es stellte sich heraus, dass mein Großvater kein guter Mann war, denn er wurde in den Minen getötet, und meiner Großmutter fiel es zu, allein sechs Kinder zu versorgen. Und dann hörte sie, dass Wesen, im Aussehen den Zauberern ähnlich, aber nicht wie sie, sondern Heilige, eine Mission nicht weit von der Heimstätte aufgebaut hätten. Sie ging mit meinem Onkel, mit Babamukuru, der neun Jahre alt war und nur einen Lendenschurz trug, zur Mission, wo ihn die heiligen Zauberer aufnahmen. Sie ließen ihn tagsüber auf ihrer Farm arbeiten. Nachts unterrichteten sie ihn in ihrer Zauberei. Denn meine scharfsinnige, vorausblickende Großmutter hatte sie gebeten, ihn auf das Leben in ihrer Welt vorzubereiten.

Es schien mir wahrlich eine romantische Geschichte zu sein, ein Märchen von Belohnung und Bestrafung, von Ursache und Wirkung. Sie hatte auch eine Moral, eine unwiderstehliche Moral, die das eigene Streben belohnte, aber nur in den Grenzen des Möglichen.

Mein Onkel scheute harte Arbeit nicht; er war sie von klein auf gewohnt. Er überraschte die Missionare mit seinen außerordentlichen Leistungen in der Schule, obwohl er den ganzen Tag über auf der Farm arbeitete. Er war gewissenhaft, er war arbeitsam, er war respektvoll. Sie hielten ihn für einen guten Jungen, den man kultivieren konnte wie einen Boden, der Ernten hervorbringt, die den Bauern ernähren. Als er die Schule auf der Mission abgeschlossen hatte, richteten sie es ein, dass er eine höhere Schule besuchen durfte, was aber erst nach einigen Jahren möglich war, als eine höhere Schule für Menschen wie meinen Onkel gebaut wurde. Während er wartete und dann im Laufe seiner weiteren Schulzeit gaben sie ihm verschiedene Arbeiten auf der Mission, damit er seine Gebühren bezahlen und seine Familie unterstützen konnte.

Dann stiftete ihm die Regierung ein Stipendium für Südafrika. Mein Onkel wurde ein wohlhabender, geachteter Mann, mit einem Gehalt, das ausreichte, die mageren Einkünfte seiner Familie etwas aufzubessern. Er war der Beweis, dass das Leben auch unter widrigsten Umständen mit etwas Würde gelebt werden konnte, wenn man hart genug arbeitete und die Regeln einhielt. Ja, es war eine romantische Geschichte, so wie meine Großmutter sie erzählte. Das Leiden wurde nicht verheimlicht, aber die Botschaft war klar: Erdulde und gehorche, denn es gibt keinen anderen Weg. Sie war stolz auf ihren ältesten Sohn, der genau das getan hatte.

Als sie eines Tages, ich war nicht bei ihr, friedlich während einer Arbeitspause starb, übernahm meine Mutter das Stück Land und machte daraus einen Gemüsegarten. Es war ein großes Stück Land. Meine Mutter bestellte nicht das ganze, so dass ungefähr ein halber Morgen brach lag. Dieses Stück Land sollte zu meinem Feld werden.

In diesem Jahr wurde ich reifer, stärker und robuster, als es Achtjährige normalerweise sind. Meist wachte ich vor Tagesanbruch auf; in der ersten Dämmerung fegte ich schon den Hof. Noch ehe es ganz hell wurde, ging ich zum Fluss. Auf dem Rückweg, entlang des Pfades durch die Bäume und an den anderen Heimstätten vorbei, wo die Frauen gerade aufwachten, balancierte ich den Wassertopf auf meinem Kopfpolster aus Blättern und kleinen grünen Zweigen. Der Topf war nicht bis oben voll, denn sonst hätte ich ihn mir nicht allein auf den Kopf heben können. Während die Hähne krähten und die Hennen den Schlaf aus ihren Federn schüttelten, schürte ich das Feuer, fegte die Küche und setzte Wasser zum Waschen und für den Tee auf. Bei Sonnenaufgang war ich auf meinem Feld, in den ersten Tagen mit Roden und Jäten beschäftigt; dann grub ich Löcher in jeweils dreißig Zoll Entfernung voneinander, mit einem einzigen Hackenschwung, so wie wir es in der Schule während der Gärtnereistunden gelernt hatten; dann ließ ich die Samen hineinfallen, je zwei oder drei auf einmal, und bedeckte sie, indem ich kurz mit dem Fuß darüber scharrte; dann wartete ich auf das Keimen der Samen und arbeitete und wartete, dass die Pflanzen sprossen, und arbeitete weiter. Ungefähr um zehn Uhr, ich richtete mich nach dem Stand und der Hitze der Sonne, ging ich zu den Familienfeldern, um mit meiner Mutter zu arbeiten, manchmal mit meinem Vater und am Nachmittag nach der Schule mit meinem Bruder.