Aufbruch aus Imifrich - Rüdiger Schlagowski - E-Book

Aufbruch aus Imifrich E-Book

Rüdiger Schlagowski

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Beschreibung

Der skrupellose Bürgermeister Fraga benötigt billige Arbeitskräfte, um seinen Reichtum und seine Macht weiter auszubauen. Aus den Dörfern locken seine Berater die arglosen Bauern mit falschen Verträgen, die sie de facto zu Sklaven machen, in die Stadt. Mehru und Amtrok, ein Fischer-Ehepaar, übernehmen die Aufgabe, die Dorfbewohner wieder zurückzuholen, ohne dabei Gewalt gegen das brutale Machtsystem Fragas einzusetzen. Nur mit einer magischen Feder und ihrem großen Herzen bewaffnet, bieten sie Fraga die Stirn.

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Seitenzahl: 377

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2023 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99146-113-5

ISBN e-book: 978-3-99146-114-2

Lektorat: Falk-Michael Elbers

Umschlagfoto: Sonia Vega Ledo

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Kapitel 1

I

Es geschah zu einer Zeit, als es noch Fabelwesen auf der Erde gab. Eines davon lebte in einem großen See bei dem Dorf Imifrich. Jedermann hatte fürchterliche Angst vor ihm, obwohl niemand es bislang zu Gesicht bekommen hatte. Alle nannten es „das Ungeheuer“. Dies und noch andere Gründe veranlassten bei ihm eine abgrundtiefe Trauer, die mit heftigen Weinkrämpfen einherging. Dabei peitschte es mit seinem riesigen Schuppenschwanz den See derartig auf, dass dieser über die Ufer trat. Als nun die Häuser der Menschen überschwemmt wurden, packten sie eilig ihre Habseligkeiten zusammen, um die Gegend zu verlassen. Sie waren gar nicht betrübt, denn im Innersten ihrer Herzen hatten sie schon lange gehofft, einen Vorwand zu finden, um das Land ihrer Eltern, in dem sie sich so fürchten mussten und in dem sie sich nicht so recht zu Hause fühlten, hinter sich zu lassen.

Allein ein kurz zuvor ins Dorf gezogener Fischer namens Amtrok blieb mit seiner Frau Mehru dort. Seine Frau hatte mehrmals schon einen Traum gehabt, in dem ihr ein scheußlich aussehendes Wesen begegnet war, das bitterlich geweint und sie unter Schluchzen gebeten hatte, wenigstens ein paar Tage noch am See wohnen zu bleiben. Es könne ihr innerhalb dieses Zeitraumes zeigen, dass keiner sich vor ihm fürchten müsse. Sie würde ihre Entscheidung bestimmt nicht bereuen.

Weil sie ein gutes Herz hatte, konnte sie das Seeungeheuer nicht allein lassen und bat ihren Mann, mit ihr auf den See zu rudern. Anfangs fiel es Amtrok schwer, gegen die heftigen Wellen anzukämpfen, denn „das Ungeheuer“ rührte weiterhin das Wasser auf. Mehrmals wäre das Boot beinahe gekentert. Natürlich hatte Amtrok große Angst, zumal Mehru nicht schwimmen konnte, jedoch dachte er mit keinem Gedanken daran umzukehren. Nein, wenn seine Frau jemandem helfen wollte, dann unterstützte er sie in jedem Fall.

Je näher beide der Mitte des Sees kamen, desto mehr beruhigte sich das Wasser. Eine leise, traurige Musik stieg aus der Tiefe empor. Amtrok und seine Frau lauschten der schönen Melodie und Schwermut bemächtigte sich ihrer. Es erinnerte sie an eigene Notzeiten, in denen sie sich einsam und verlassen gefühlt hatten, einzig getröstet durch Mehrus Gesang und Amtroks Flötenspiel.

„Mehru, lass uns gemeinsam unser Lied spielen, das uns immer so viel Kraft gibt.“ Mit diesen Worten holte der Fischer seine Flöte heraus und begann schwere, dunkle Klänge zu blasen, während seine Frau mit heller, klarer Stimme zu singen anfing. Plötzlich bemerkten beide, jemand begleitete ihre Musik und brachte dabei wunderschöne Glockentöne hervor. Sie fühlten sich wie von einer Woge der Harmonie getragen.

Es war nicht klar zu bestimmen, woher die Begleitklänge kamen. Mal schienen sie aus den Tiefen des Sees nach oben zu dringen, mal hörten sie sie über sich in der Luft, mal wirkten sie wie ein brausender Orkan, der sich aus allen Richtungen auf sie zubewegte. Amtrok und Mehru waren erfüllt von dem Gefühl, sie hätten mit ihrer Musik das Geheimnis der Welt erfahren und sie würden von nun an durch nichts mehr in Angst und Schrecken versetzt werden können.

Doch was sie dann sahen, ließ ihnen das Blut in den Adern gefrieren. Das Wasser schien sich zu teilen und ein riesiges Ungeheuer, dessen Flügel die Sonne verfinsterten, erhob sich in die Lüfte. Sein Leib erinnerte sie an eine Schlange. Die acht kurzen, kräftigen Beine endeten in je fünf scharfen, spitzen Krallen, die jeweils wenigstens einen halben Meter maßen, und der Kopf ähnelte dem Kopf eines Falken in mindestens hundertfacher Vergrößerung. Beide glaubten, ihr letztes Stündlein habe geschlagen.

Nach einer kurzen Weile nahm Mehru all ihren Mut zusammen und schrie in die Lüfte: „Wer bist du? Und was willst du von uns?“

Mit donnernder Stimme antwortete ihr das Ungeheuer: „Entschuldigt, dass ich mich euch zeige. Normalerweise kann kein Mensch meinen Anblick ertragen, weil die meisten mein gefährliches Aussehen mit meinem Wesen gleichsetzen. Seit Menschengedenken lebe ich nun in diesem See und im Grunde meines Herzens bin ich ein friedlicher Karzol, der in direkter Verwandtschaftslinie von den noch sehr viel größeren und äußerst mächtigen Grophen abstammt. Die Grophe sind die Drachentiere in euren alten Sagen, derweil wir Karzole viele der Fähigkeiten, die die Grophe besaßen, eingebüßt haben, weil wir die Nähe von Menschenwesen gesucht haben. Früher stellten wir über die Musik unsere Kontakte zu den Menschen her. Mit der Zeit aber verlernten diese die Art von Musik, die sie dazu in die Lage versetzt, ihren Seelenfrieden aufrecht zu erhalten, und lediglich einzelne wenige Personen lockten in uns solche Töne hervor, wie ihr sie hier vernommen habt. Es grenzt an ein Wunder, von euch derartig schöne Klänge hören zu dürfen und damit meine eigenen Seelenklänge endlich wieder anstimmen zu können. Ihr müsst wissen, mein Leben ist eng mit dem der Menschen verflochten. Sollten alle aus dieser Gegend wegziehen, muss ich wenige Jahre danach sterben, und niemand wird mehr das Geheimnis der inneren Musik erfahren oder gar verstehen können. Denn die Menschen werden ihren Seelenfrieden nur noch in äußerlichen Dingen zu erstreben suchen, und je mehr sie danach trachten, umso größere Unzufriedenheit werden sie empfinden. Sie werden den Kontakt zu sich und den Mitmenschen verlieren und sich völlig verlassen vorkommen. Gefühle werden absterben, die Menschen werden sich bekriegen und kein Mensch wird einem anderen seine Liebe schenken, einfach aus dem Grund, weil keiner mehr dieses Gefühl kennt. Und ihr wisst, Menschen können ohne Liebe nicht existieren. Ihr allein könnt mich und eure Artgenossen retten. Wir alle müssten sonst zugrunde gehen.“

„Aber“, erwiderte Mehru, „das scheint mir eine äußerst schwierige Aufgabe zu sein und … ich weiß nicht, ob wir dafür geeignet sind.“

„Natürlich braucht ihr viel Mut und Durchhaltevermögen, um die Aufgabe zu lösen. Freilich gehe ich von eurer Bereitschaft aus und das reicht, denn, wie ihr wisst, vermag der Wille so manches Mal Berge zu versetzen. Ich werde euch jederzeit beistehen, solltet ihr den Wunsch dazu verspüren. Ihr müsst mich nur herbeiwünschen und ich werde euch nach meinen Kräften unterstützen. Als Zeichen meines Vertrauens gebe ich euch diese Feder aus meinem Kopfgefieder mit, die die magische Fähigkeit besitzt, denjenigen, der mit einer Hand über sie von unten nach oben streicht, unsichtbar zu machen.“

Bei den letzten Worten hatte er seinen Kopf kräftig geschüttelt und eine kleine Feder segelte ins Boot, derweil das Ungeheuer wieder in den Tiefen des Sees verschwand.

Als nun beide langsam mit dem Boot zum Ufer zurückruderten, kamen ihnen leise Zweifel, ob ihr Erlebnis wahr gewesen wäre, hatten sie doch in ihren Ehejahren manches Mal den gleichen Traum gehabt. Doch der untrügliche Beweis, dass sie nicht geträumt hatten, lag auf dem Boden des Bootes. Mehru hob die Feder schließlich auf und nahm sie an sich. „Amtrok, lass uns schwören, diese Feder niemals – außer in Gefahr oder um gefährliche Situationen zu entschärfen – zu benutzen.“

Müde traten sie in ihr Haus ein. Sie wussten, sie würden am nächsten Tag aufbrechen, um ihre Aufgabe zu erfüllen. Jedenfalls würden sie heute noch einmal gründlich ausschlafen und danach erst ihren Plan entwickeln, wie sie es schaffen könnten, dass die Menschen wieder ihrer inneren Musik Beachtung schenken würden.

II

Am nächsten Tag waren sie entgegen ihrem Vorhaben recht spät aus dem Haus gekommen. Nein, sie hatten nicht verschlafen, sondern sie waren einfach unschlüssig, was sie tun sollten. Außerdem hatten sie die Aussage des Karzols doch eigentlich gar nicht verstanden, zusammen mit ihm würden die Menschen ebenso zugrunde gehen. Sie hatten während des Frühstücks viel über eine Unmenge an Fragen nachgegrübelt und mussten plötzlich erschreckt feststellen, dass der Mittag bereits angebrochen war.

„Mehru, wir müssen uns beeilen. Wir wissen noch nicht einmal, wie viel Zeit uns überhaupt zur Verfügung steht“, sagte Amtrok zu seiner Frau.

„Du hast recht, lass uns das Allernotwendigste mitnehmen und aufbrechen.“

Beide packten in Windeseile ihre Sachen, verließen ihr Haus und gingen einfach in die Richtung, in die die anderen Bewohner ihres Ortes gezogen waren, dabei darauf hoffend, eventuell noch den einen oder die andere einzuholen.

Es dauerte tatsächlich nicht lange, bis sie Fagol, den alten Dorfvorsteher, von weitem erkannten, der sich mit einem großen Packen auf dem Rücken mühselig über die Landstraße schleppte und sich alle paar Minuten ängstlich umsah.

Als Amtrok und Mehru ihn erreicht hatten, ließ er zu Tode erschreckt sein Bündel fallen und zog blitzschnell aus einer Jackentasche einen Dolch hervor.

„Kommt mir nicht zu nahe!“, schrie er sie an. „Ihr wollt mir noch mein letztes Hab und Gut stehlen! Lasst mich alleine weiterziehen!“

„Na, hier will keiner dir etwas stehlen. Ich denke, du wirst dich über eine Begleitung auf dem Weg freuen. Beruhige dich erst einmal. Bei dir hat doch stets Vernunft und Überlegung vorgeherrscht. Was ist dir widerfahren, wenn du uns begrüßt, als wären wir Räuber?“

„Befändet ihr euch in meiner Haut, ihr würdet genauso jedem anderen misstrauen. Zuerst sind die Dorfbewohner über mich hergefallen, als sie das Geld und den Schmuck bei mir sahen. Sie nahmen mir auch alles Essbare und den Wasserkanister ab. Als ich sie bat, mir wenigstens Essen und Trinken für einen Tag zu lassen, haben sie nur gelacht, mir ins Gesicht gespuckt und mir Hundekot entgegengeworfen. ‚Da, iss und trink, bis du kotzt!‘, sagten sie höhnisch und zogen laut lachend und lärmend weiter. Jetzt habt ihr meine elende Geschichte gehört, zieht weiter und lasst mich in Ruhe sterben, denn ich merke, ich möchte ohne mein Heimatdorf nicht weiterleben.“

„Wenn du meinst, wir lassen dich sterben“, hob Amtrok an, „einzig weil du dich heimatlos fühlst, dann irrst du dich gewaltig. Gott würde dich postwendend zurückschicken, zumal du deine Lebensaufgabe nicht erfüllt hast.“

Bei Amtrok hatte sich die Idee entwickelt, Fagol dafür zu gewinnen, den Auftrag gemeinsam mit ihnen auszuführen.

„Nun iss und trink erst einmal etwas mit uns zusammen und danach sehen wir weiter!“ Mit diesen Worten öffnete er sein Bündel, holte einen großen Schinken hervor und schnitt drei gleich dicke Scheiben ab, derweil seine Frau Wasser in einen Becher schenkte, den sie herumreichte.

Man konnte Fagol anmerken, dass er länger nichts gegessen hatte. Es dauerte keine fünf Sekunden und seine Scheibe Schinken war verschlungen. Erst nach der dritten Scheibe und einem großen Stück Brot schien er halbwegs gesättigt. Er lehnte sich zurück und blinzelte Amtrok und seine Frau dankbar an. Aus dem rechten Augenwinkel löste sich eine kleine Träne und rollte auf seine Wange.

„Ihr habt mir mein Leben gerettet. Eigentlich wollte ich mich hier hinlegen und auf den Tod warten. Es fällt mir schwer, allem noch einen Sinn abzugewinnen. Wisst ihr, ich wollte an sich im Ort bleiben, denn ich fürchte mich nicht vor dem Karzol. Jedoch als alle unserem Dorf den Rücken zukehrten, entschied ich mich, ihnen hinterherzugehen, und in Gedanken baute ich mit ihnen ein neues Dorf auf.

Dann dachte ich an das Geheimnis des Karzols, das mir bekannt ist, und mich überkamen Zweifel, ob ich mit den anderen jemals wieder eine Gemeinschaft aufbauen könnte. Bereits seit etlichen Jahren sehe ich, wie die Menschen den Geschehnissen um sie herum einzig Wichtigkeit beimessen, falls sie daraus einen Gewinn ziehen können. Anderes interessierte sie nicht. Bei den Festen im Dorf ging es allein darum, wer es sich leisten konnte, möglichst viel Wein, Essen und Gaukler aufzubieten, sodass alle Dorfbewohner sehen konnten, wie reich der Spender war. Die ausgelassene Fröhlichkeit, das Feiern um des Feierns willen, ja das Hineinfallen in unerwartete Ereignisse, die sich als spontane Festanlässe anboten, alles das gab es nicht mehr. Feste schienen mehr oder weniger straff durchorganisiert mit klaren Abfolgen hinsichtlich ihrer Ausrichtung. Es gab Familien, die das Dorf verlassen haben, weil sie es sich nicht leisten konnten, ein Fest zu finanzieren, was sie den anderen Dorfbewohnern gegenüber nicht einzugestehen vermochten. Ich hatte lange gehofft, dies würde ein vorübergehendes Phänomen sein. Freilich muss ich heute sagen, dass ich mich getäuscht habe.

Letzte Woche war ich seit langem einmal wieder auf dem See mit meinem Ruderboot und merkte, ich konnte keinen Kontakt zum Karzol finden. Ich war nur noch niedergeschlagen. Wie ihr vielleicht selbst erlebt habt, können Karzole menschliche Empfindungen sehr intensiv erfassen, weshalb sie die kleinsten Regungen von uns Menschen wahrzunehmen in der Lage sind. Sie treten zwar Furcht erregend im Äußeren in Erscheinung und besitzen gewaltige Kräfte, jedoch wem sie vertrauen, dem gilt ihre Liebe und Zuwendung. Sie würden sich in jedem Falle für jemanden ihres Vertrauens aufopfern. Wir Menschen kennen so etwas wenn überhaupt nur noch im Rahmen der Familie oder im abstrakten Raum über Heldenerzählungen oder Mythen.

Da nun der Karzol meine Niedergeschlagenheit erspürte, führte ihn das selbst in einen Zustand nicht enden wollender Traurigkeit, die darin uferte, dass er verzweifelt um sich schlug. Der enorme Wellenschlag wühlte den See gehörig auf und dessen Wasser überschwemmten sodann unsere Häuser. Ihr seid ja erst vor kurzem in unser Dorf gezogen und ich war der letzte Vertraute des Karzols. Doch euer Verhalten hat mir euer gutes Herz gezeigt, und nun frage ich euch: Seid ihr gewillt, mit mir zusammen die Dorfgemeinschaft oder wenigsten Einzelne davon zur Rückkehr zu bewegen und unser Wissen über Glück und Vertrautheit in die Welt zu tragen? Selbst wenn Einzelne mich überfallen und gedemütigt haben, sind sie doch ein Stück Heimat für mich und ich denke, sie werden ihre rohen Taten noch bereuen.“

Nun berichteten Amtrok und Mehru Fagol über ihre Begegnung mit dem Karzol auf dem See. Sie wollten der Bitte des Karzols nachkommen, die Menschen wieder an den See zurückzubringen, jedoch wussten sie noch nicht, wie sie das Wissen über die Zusammenhänge zwischen der inneren Musik und dem äußeren Sein dafür nutzen könnten.

„Die Aufgabe erscheint enorm schwierig, allerdings jetzt sind wir zu dritt und sollte, wie es mir heute passiert ist, die Anzahl derjenigen, die das Wissen weiter in die Welt tragen wollen, sich täglich vermehren, werden wir unser Ziel erreichen.“

„Was werden wir als Nächstes tun?“, fragten Amtrok und seine Frau wie aus einem Munde.

„Tja, was wolltet ihr denn tun, bevor ihr mich getroffen hattet?“

„Na ja, wir wollten einfach den anderen hinterhergehen und mit ihnen sprechen.“

„Dann sollten wir unseren Weg so fortsetzen, wie ihr ihn euch vorgenommen habt. Freilich denkt nicht, es wird euch auf Anhieb gelingen, die anderen zu überzeugen.“

„Weißt du, Fagol“, antwortete ihm Mehru, „unser Leben war nie einfach und manchmal waren wir ziemlich verzweifelt, wenn wir nicht mehr wussten, wie wir Brot und Kartoffeln bezahlen sollten, oder wenn wieder einmal ein Vorratskrug zerbrochen war. Jedoch ist es immer irgendwie weitergegangen und nie haben wir aufgegeben. Auch letztens hatten wir alles verloren und haben dennoch ein neues Zuhause in eurem Dorf gefunden.

Du kannst dir allerdings vorstellen, dass wir mit den anderen den Ort verlassen wollten, als kurz nach unserer Ankunft unser Haus, das wir mit viel Mühe hergerichtet hatten, überschwemmt wurde. Wäre mir nicht im Traum der Karzol erschienen – und für mich stellen Träume einen nicht unwichtigen Teil meines Lebens dar –, hätten wir drei uns wohl nicht getroffen.

Ohne diesen Traum wäre ich vielleicht versucht gewesen, das verlockende Angebot anzunehmen, für etwas Gold leichte Arbeiten in Miatr auszuführen. Ich denke dabei an meine Nachbarin Fiha, deren Augen geradezu leuchteten, die mir vorgeschwärmt hatte, wie einfach das Leben doch sein könnte. Man müsste lediglich den Vertrag bei einem Berater unterschreiben, womit man sich sechsmal in der Woche für vier Stunden zu leichten Arbeiten verpflichtete, und man hätte immer zu essen. Ja, man würde sogar ein kleines Vermögen aufbauen können.“

„Ja, ja, Mehru, mir sind diese Berater auch aufgefallen, aber in mein Haus ist keiner gekommen, weil sie wussten, ich würde nie für Gold meine Selbstständigkeit hergeben. Jedoch, nachdem du das erwähnst, verstehe ich die Hektik, mit der die Bewohner aufgebrochen sind. Denn als die Berater mich im letzten Jahr einmal aufgesucht hatten, wollten sie mir die Sache damit schmackhaft machen, indem sie mir sagten, die ersten zehn, die nach Miatr kämen, um diese Arbeit anzunehmen, würden das Doppelte des üblichen Lohns erhalten und bekämen dazu ein eigenes Haus mitsamt Bedienstetem. Wahrscheinlich hat es wieder ähnliche Versprechen gegeben.

Im letzten Jahr trafen sich die Dorfvorsteher unseres Bezirks in Miatr und zufällig begegnete mir in einem Gasthaus Fitr, der früher einmal in unserem Dorf gewohnt hatte und auf die Versprechen der Berater hereingefallen war. Er war zwar als Erster aus unserem Dorf in Miatr angekommen, doch man teilte ihm mit, aus anderen Dörfern wären ebenfalls von den Beratern angeworbene Leute gekommen. Und da habe er nun einmal Pech gehabt, denn er sei der zwölfte, was er aber nirgendwo hatte nachprüfen können.

Die Berater hatten ihn nach Strich und Faden belogen und keines der Versprechen war eingehalten worden. Sie bekamen zwar einigermaßen genug zu essen und zu trinken und man gewährte ihnen ein Dach über dem Kopf, aber die Berater hatten ihnen nicht gesagt, sie müssten jederzeit zur Arbeit zur Verfügung stehen, sodass sie nicht selten mitten in der Nacht geholt wurden, und wer nicht mitmachen wollte, wurde geschlagen und, wenn er sich weiterhin weigerte, in einen Kerker gesperrt. Das hat Fitr nicht lange ausgehalten. Er hat sich davongeschlichen und hält sich seither in Miatr als Fona auf – so heißen die Illegalen, die aus Werkstätten und von Gütern geflüchtet, jedoch durch Vertragsrecht ihren alten Arbeitgebern noch verpflichtet sind. Die Fonas leben im Untergrund und es gibt in den Städten viele Unterstützer, die ihnen Wohnung und Essen bieten.

Allerdings sollten wir uns jetzt auf den Weg machen. Bis zum nächsten Dorf benötigen wir etwa drei Stunden und in vier Stunden ist es dunkel. Da möchte ich mich nicht mehr auf der Straße befinden, denn die hat sich zu der Zeit in einen gefährlichen Aufenthaltsort verwandelt.“

III

Es dämmerte bereits, als sie in Hangstu ankamen. Schon von weitem konnten sie das einladende Licht der Dorfschänke erkennen. Kaum waren sie in den Schankraum getreten, schallte ihnen das sogar für Schänken überlaute Gelärme der Leute entgegen, dessen Ursache sie bald ergründeten. An einem Tisch saßen zwei Berater aus Miatr, die mit großen Versprechen Leute anwarben für, wie sie sagten, leichte Arbeit und gutes Geld auf den Höfen oder in den Werkstätten ihrer Herren. Man würde von allen, die mit ihrer Unterschrift oder einem Fingerabdruck in Stempelfarbe den Vertrag unterzeichneten, zehn Glückliche auslosen, die dann als Auserwählte eine eigene Werkstatt ihrer Wahl samt Bedienstetem für den Haushalt bekommen würden. Selbstverständlich wollten viele sofort unterschreiben und meinten wohl dabei, wenn sie unter den ersten zehn Unterzeichnern wären, würden sie garantiert ihre eigene Werkstatt erhalten. Acht Bauern hatten den Vertrag bereits unterschrieben, da bahnte sich ein etwa dreißigjähriger Mann durch die Menge seinen Weg und baute sich mit übereinandergeschlagenen Armen neben den Beratern auf. Sein stechender Blick war zornig auf die Menge gerichtet, seine Haare standen wild durcheinander, überhaupt wirkte seine Gestalt durch seine Größe, seine wuchtigen Schultern und sein gesamtes Auftreten einschüchternd auf die anderen.

„Ihr seid des Teufels!“, richtete er sich an die Berater. „Ich habe viele von euch bereits in anderen Dörfern gesehen und die Bewohner rechtzeitig vor euch warnen wollen. Jedes Mal musste ich dasselbe erleben. Ich habe von meinem Schicksal erzählt, das mir durch euch Berater widerfahren ist. Jedoch keiner wollte mir zuhören. Mir hattet ihr auch einen guten Lohn für leichte Arbeit versprochen, bekommen habe ich gerade einmal genug zu essen, ein notdürftiges Dach über dem Kopf und täglich sechzehn Stunden schwerste Arbeit. Erkrankte ich einmal, wurde ich geschlagen, wenn ich nicht schnell genug arbeitete. Bin ich vor Schwäche einmal auf meinem Schlaflager liegengeblieben und der Aufseher schaffte es nicht, mich mit Prügeln zum Aufstehen zu bringen, wurde ich für mehrere Tage in den Kerker geworfen. Dort bekam ich jeden Tag gerade einmal einen Becher Wasser und eine Scheibe trockenes Brot …“

„Lügen, alles Lügen!“, hob jetzt einer der Berater an. „Sofern ihr den Schwachsinn glaubt, kann ich euch nicht weiterhelfen. Letztendlich ist es freilich eure eigene Entscheidung, ob ihr das Glück, das ihr mit den Händen ergreifen könnt, wahrnehmt oder ob ihr das bessere Leben den anderen überlasst, die das Wagnis eingehen, die Warnungen eines geistig Verwirrten in den Wind zu schlagen. Eins möchte ich euch aber dringlich ans Herz legen. Überlegt eure Entscheidung gut, wir kommen so schnell kein zweites Mal wieder.“

„Ha, kämt ihr zu früh an einen Ort zurück, so gäbe es bestimmt einen Verwandten oder Freund der unzähligen von euch Betrogenen, der gerne mit euch abrechnen würde, der erfahren hat, wie ihr den von ihnen geliebten Menschen zugrunde gerichtet habt. Leute“, wendete sich der Mann nun an die anderen Umstehenden, „unterschreibt nicht und vor allem reißt ihnen die unterschriebenen Verträge aus den Händen!“

Ein Murren erhob sich und der Kreis um die Berater wurde enger. Jedoch wagte es keiner, ihnen die Verträge zu entwenden, denn die Berater hatten das Recht auf ihrer Seite, und jeder wusste, würden sie sie angreifen, sie würden wie Diebe abgeurteilt werden und im Gefängnis landen.

Der Dorfvorsteher von Hangstu trat nun an den Tisch der Berater heran: „Könnt ihr uns irgendeinen Beweis dafür geben, dass ihr die Wahrheit sprecht und das von euch Versprochene nicht nur leere Worte sind?“

„Gewiss“, erwiderte einer der Berater und wies auf einen in der Nähe stehenden elegant gekleideten Herrn. „Loszek, erzähl doch mal den Leuten hier über deinen Werdegang in Miatr.“

„Ihr werdet es mir nicht glauben, aber noch vor zwei Jahren habe ich wie ihr als Bauer gearbeitet und kaum genug zu essen gehabt. Tag für Tag dieselben Strapazen. Wenn es lange nicht regnete, verdorrte das Getreide auf den Feldern. Nie bestand die Aussicht, mehr als das tägliche Essen zu sichern, und selbst das ging mit Ungewissheit einher. Was war das für ein Leben, frage ich euch? Hätte ich eine Frau und Kinder gehabt, wir wären bereits Hungers gestorben, denn hatte ich etwas zu essen, reichte es gerade einmal für mich.

Als dann Peto“ – und er zeigte auf den rechts neben ihm stehenden Berater – „in unser Dorf kam, erschien er mir wie ein Befreier. Unverzüglich habe ich mich ihm angeschlossen und diese Entscheidung bereue ich nicht. Heute besitze ich ein eigenes Haus in Miatr mitsamt Bedienstetem und ich arbeite sechsmal wöchentlich nicht mehr als vier Stunden, wobei meine Aufgabe darin besteht, den Bediensteten, die auf einem Gut mit der Feldarbeit beschäftigt sind, zu zeigen, wie sie das Land bearbeiten müssen, damit die Ernte möglichst ergiebig ist. Ich führe heute ein zufriedenes, glückliches Leben und würde mit niemandem tauschen wollen.“

Ein erwartungsvolles Leuchten ließ die zerfurchten Gesichter vieler Bauern erstrahlen und mancher hätte sofort unterschrieben, doch Thorei, der Dorfvorsteher, wendete sich nun an den Mann, der sie vor den Verträgen warnen wollte.

„Und wie ist das bei dir? Kannst du einen Beweis dafür erbringen, dass die Berater – was du zwar nicht direkt sagst, was aber deinen Worten zu entnehmen ist – die Leute betrügen wollen?“

„Nein, außer meinem eigenen Zeugnis kann ich keinen weiteren Beweis für meine Anklagen anführen. Ihr müsst wissen, jeder, der die Wahrheit über diese Verträge spricht, läuft Gefahr, von den Beratern und ihren Herren bis zum Äußersten verfolgt zu werden. Das fängt mit Drohungen an, geht weiter mit öffentlichen Bloßstellungen, führt zu ungerechtfertigten Anklagen, und falls das alles nicht fruchtet, setzen sie ihre Prügeltrupps ein und schrecken sogar vor Mord nicht zurück.“

„Das ist ja ungeheuerlich!“, wendete sich Peto an den Mann. „Solche infamen Lügengeschichten hab’ ich ja mein Lebtag nicht gehört! Wäre ich nicht von Eurer Verrücktheit überzeugt, würde ich Euch sofort ins Gefängnis sperren lassen. Gleichwohl werde ich Euch einen Platz im Sonnentempel besorgen, denn ich möchte Euren Gesundungsprozess fördern.“

Viele Bauern erhoben nun ihre Stimmen gegen den Mann und schüttelten ihre Fäuste in seine Richtung.

„Es ist wohl besser, wenn du diesen Ort verlässt!“, forderte ihn Thorei auf, um Gewaltausbrüche zu vermeiden. Der Mann merkte, er konnte hier nichts mehr gewinnen, und sein Blick wirkte für einen kurzen Moment ein wenig wie der eines geprügelten Hundes. Dann straffte er seinen Körper und ging aufrechten Schrittes zum Ausgang. Bevor er hinausging, nickte er kaum merklich in die Richtung von Fagol, der seinen Gruß erwiderte. Kaum jemand von den im Raum Anwesenden hatte davon etwas bemerkt.

Nicht lange nachdem er die Tür leise hinter sich geschlossen hatte, waren die nächsten Verträge unterzeichnet, und bis auf zehn Bauern – unter ihnen auch der Dorfvorsteher Thorei – hatten alle ihre Unterschrift unter einen Vertrag gesetzt, als der Schankwirt spät in der Nacht die Schänke schloss.

Fagol, Amtrok und Mehru legten sich auf das für die Gäste in der Nähe des Kamins ausgebreitete Stroh. Lange konnten sie nicht einschlafen. Alle mussten sie an das Erlebte denken und insgeheim bewunderten sie den Mut des Mannes, der seine Stimme gegen die Berater erhoben hatte. Allerdings erschien es Amtrok und Mehru merkwürdig, dass Fagol ihnen gar nichts über den Mann erzählte, obschon sie ihren gegenseitigen Gruß gesehen hatten.War vielleicht der Mann doch nicht mehr ganz bei Sinnen?, war der letzte Gedanke von Amtrok, bevor er in unruhige Träume sank.

IV

In einem seiner Träume befand sich Amtrok mit Mehru zusammen auf dem See bei Imifrich. Beide lagen ausgestreckt auf dem Boden des Bootes und genossen die allmählich wärmer werdenden Strahlen der Sonne auf ihren Körpern. Mehrus Hände streichelten sanft über Amtroks Arme, Rücken, Nacken und Brust. Immer wieder fuhren ihm Wonneschauern über die Haut und manchmal nahm er sacht Mehrus Hand und legte sie an einen anderen Ort, um ihr mitzuteilen, dass zum Beispiel der Unterarm noch darauf wartete, gestreichelt zu werden. Gerade wollte er sich Mehru zuwenden, die schon mit freudiger Spannung seine Berührungen vorwegnahm und deren kaum wahrnehmbare Härchen auf den Armen leicht aufgerichtet standen, da vernahmen sie die durchdringende, tieftraurige Stimme des Karzols aus den Tiefen des Sees.

„Ihr schafft das nicht. Die Aufgabe, die ich euch gestellt habe, werdet ihr nicht lösen. Die letzten Karzole werden untergehen und mit ihnen auch ihr. Menschen werden lediglich mechanisch ihr Leben fristen ohne in die eigenen Tiefen vorzudringen. Sie werden allein sich selbst anbeten und jeder wird mit allen Mitteln Macht über andere erlangen und bewahren wollen. Streit, Zwist, Krieg werden als die bekannten Folgen daraus hervorgehen. Ich bin schuld, wenn ihr an der Schwere der Aufgabe zerbrecht. Könnt ihr mir verzeihen, euch eine zu schwere Aufgabe gegeben zu haben?“

„Aber“, entgegnete ihm Mehru, denn Amtrok hatte sich von dem Schreck ob der plötzlichen Störung des so harmonisch erlebten Moments noch nicht erholt, „wir sind doch erst losgegangen und haben bisher keinen Plan gefasst, wie wir genau deine Aufgabe erfüllen können. Bist du nicht etwas zu früh mit deinem Urteil, wir würden es nicht schaffen? Bislang haben wir eigentlich unser Leben ganz gut gemeistert. Solltest du meinen, wir hätten etwas falsch gemacht, teil uns mit, worum es sich handelt und wie wir uns richtig verhalten können.“

„Als wir gemeinsam auf dem See diese Musik gemacht haben, war ich einfach nur glücklich und fühlte eine Kraft durch uns hindurchgehen, die mich mit der Gewissheit erfüllte, alles wird gut enden. Ihr müsst eure Kraft wahrnehmen und entfalten, damit andere davon angesteckt werden und aus ihrem auf Macht, Geld und Ruhm ausgerichteten Leben ausbrechen wollen. Jeder kann lernen, seinen eigenen Seelenreichtum mit anderen zu teilen und dabei den der anderen zu erfahren. Jedoch dazu muss man den Weg der Liebe kennen, der dort beginnt, wo man seine eigenen Unzulänglichkeiten und Fähigkeiten sieht und akzeptiert sowie sich selbst so liebt, wie man ist. Ihr wisst ja, wer sich selbst nicht liebt, kann niemand anderen lieben.“

„Ja, ja“, antwortete ihm Mehru, „das wissen wir, doch was genau willst du uns damit sagen? Ich verstehe dich nicht so recht.“

„Dann will ich euch etwas fragen: Habt ihr euch gestern in der Schänke wohlgefühlt? Und wenn nein, hättet ihr etwas dagegen unternehmen können?“

„Tja, wohlfühlen kann man das nicht nennen. Freilich stand es nicht in unserer Macht, die Lage zu verändern. Die Berater und der Mann haben einen zu starken Einfluss auf die anderen ausgeübt, als dass wir unsere Stimme hätten erheben können, damit jeder sie vernommen hätte.“

„Da will ich dir schon recht geben. Mit einer Rede hättet ihr gar nichts ausrichten können. Jedoch hättet ihr euch nicht in eine Ecke der Schänke setzen und eure Musik anstimmen können?“

„Dazu war ich aber nicht in der rechten Stimmung, das kann man nicht erzwingen.“

„Wenn man jedes Mal erst in die richtige Stimmung gelangen muss, kann das Leben schon beendet sein, bevor eine rechte Stimmung angeflogen gekommen ist“, gab der Karzol ihr zu verstehen. „Mitunter muss man seinen gesamten Mut zusammennehmen, um Dinge zu tun, die einem zunächst sinnlos, vielleicht erzwungen oder sonst was erscheinen, um nicht getan zu werden. Ihr kennt das sicherlich: Eigentlich verspürtet ihr keine Lust dazu, habt es dennoch getan. Und oft habt ihr dann festgestellt, hättet ihr es nicht getan, wärt ihr um ein Glücksgefühl betrogen worden …“

V

Abrupt wurde hier Amtroks Traum unterbrochen, jemand hatte ihn kräftig an der Schulter gerüttelt. Eine laute Stimme drang an sein Ohr: „Los, los, aufwachen! Du glaubst wohl, du kannst hier den ganzen Tag in der Schänke rumfaulenzen. Wer nicht sein Frühstück bei mir einnimmt, der verschwindet jetzt ruckzuck! Die anderen Gäste wollen nicht in deinem Schlafgestank frühstücken.“

Mehru und Fagol standen bereits fast reisefertig an der Tür, sie hatten es nicht übers Herz bringen können, Amtrok aufzuwecken, so tief hatte er geschlafen. Amtrok rollte schnell seine Decke zusammen, stopfte sie in sein Bündel, murmelte eine Verabschiedung und schlüpfte mit den beiden anderen durch die Tür ins Freie.

Es war kurz nach Sonnenaufgang, die beste Zeit zum Reisen, wenn man ausgeruht auf die Strecke geht. Jedoch Amtrok fühlte sich von seinem Traum wie gerädert. Zeit zum Schlafen hatte er ja genug gehabt, dennoch hatte die Trauer des Karzols sich auf ihn übertragen und er schleppte sich schwerfälligen Schrittes des Weges.

„Sag mal“, sprach ihn Fagol an, „hast du heute Nacht im Steinbruch geackert, derweil Mehru und ich in der Schänke übernachtet haben? Oder bist du über Nacht zum Greis geworden?“

„Nein“, antwortete ihm Amtrok, „keins von beidem. Aber ich hatte heute Nacht einen merkwürdigen Traum. In dem ist mir der Karzol erschienen und er hat mir gesagt, er glaubt nicht, wir könnten seine Aufgabe erfüllen. Das stimmte mich traurig, während Mehru ihm zu bedenken gab, dass wir doch erst einen Tag unterwegs seien. Ich weiß nicht, wollen wir nicht lieber umkehren?“

„Du spinnst wohl! Erst lassen wir unsere neue Heimat ohne weiteres hinter uns zurück, versprechen dem Karzol, alles in unseren Kräften Stehende zu unternehmen, die Aufgabe zu erledigen, um deren Erfüllung er uns gebeten hat, und sollen dann unverrichteter Dinge zurückkehren, ohne überhaupt den Versuch gewagt zu haben, die Menschen zur Rückkehr in ihre Heimat zu bewegen? Wenn du solche Dinge sagst, dann …“

Mehru wurde von Fagol unterbrochen: „Behalte es lieber für dich, was du noch sagen wolltest. Du kannst Amtrok keinen Vorwurf daraus machen, dass er an der Erfüllung der Aufgabe zweifelt. Freilich musst du unterscheiden, Amtrok: Der Karzol hat im Traum zu dir gesprochen. Nun zweifle ich an der Fähigkeit der Karzole, im Schlaf in unsere innersten Welten einzudringen. Möglicherweise waren einmal die Grophe dazu in der Lage. Ich weiß es nicht. Was ich jedoch weiß, ist, in den Träumen zeigen sich unsere Ängste und Hoffnungen. Du brauchst dich nicht zu schämen, momentan eher verzagt zu sein und an den Erfolg nicht so recht glauben zu können. Du kannst allerdings, indem du in uns Vertrauen setzt, unsere Kräfte stärken und unsere Hoffnung auf dich wirken lassen. Auf diese Weise können deine Ängste in Zuversicht verwandelt werden. Glaubst du, das ist ein möglicher Weg?“

„Weiß nicht“, brummelte Amtrok vor sich hin, doch man merkte, er war nicht mehr nur am Nachgrübeln und auch sein Gang hatte sich etwas beschleunigt.

Als sie zwei Stunden später eine kurze Rast einlegten, blickte ihnen Amtrok wieder optimistisch entgegen und er summte leise eine Melodie vor sich her. Weil sie jetzt zu dritt waren, wollten sie sich das Frühstück für den Mittag aufheben, tranken etwas Wasser aus dem nahen Bach und füllten ihre Wasservorräte auf.

Gerade hatten sie vor, die Reise nach Miatr fortzusetzen, da stellte sich ihnen ein Mann in den Weg, den sie als den Mann aus der Schänke erkannten, der die Bauern vor den Beratern hatte warnen wollen.

„Fitr, sei gegrüßt! Dich hätte ich hier am allerwenigsten erwartet. Ich dachte, du wärst bereits in der Nacht wieder nach Miatr zurückgekehrt!“, begrüßte Fagol seinen ehemaligen Dorfbewohner. „Oh, entschuldigt, ich habe euch nicht einander bekannt gemacht: Darf ich euch Fitr vorstellen, der wie wir aus Imifrich stammt? – Und das hier sind Mehru und Amtrok, die beide vor kurzem aus Gritolk in unser Dorf gezogen sind. Vielleicht hast du von dem Krofass gehört, der Gritolk und einzelne weitere Dörfer zerstört hat. Mehru und Amtrok haben lediglich ihr blankes Leben retten können. Ich habe ihnen das Stück Land am See angeboten, außerdem konnten wir einen Fischer gebrauchen, nachdem du uns im letzten Jahr verlassen hattest und wir, wenn wir zum Selberfangen keine Zeit hatten – und das ist leider meist der Fall –, alten Fisch vom Händler aus Hangstu kaufen mussten, wollten wir unseren Speiseplan nach der Sitte unserer Vorfahren einrichten. Erzähl’ uns, wie geht es dir?“

„Abgesehen davon, dass ich ständig auf der Hut sein muss“, begann Fitr, „geht es mir ganz gut. Du weißt ja, ich gehöre zu den Fonas und meine Aufgabe besteht darin, die Leute in den Dörfern vor den Beratern zu warnen. Wie du jedoch selbst in Hangstu erleben konntest, gestaltet sich das nicht einfach und die Berater erweisen sich als geschickte Redner, die in eigens dafür eingerichteten Lehrgängen geschult werden, die Menschen, die sie anwerben sollen, um den Finger zu wickeln. Meine Erfahrung, die ich in Miatr gemacht habe, reicht nicht aus, die Berater als Lügner zu entlarven. Gestern habe ich vor Wut gekocht, als ich einsehen musste, dass ich die Bauern nicht überzeugen konnte, und ich weiß, mit Wut im Bauch kann ich gegen diese gewieften Berater nicht ankommen, außer ich würde meine körperlichen Kräfte einsetzen. Nur würde ich mit einem solchen Verhalten den Therfas die besten Argumente liefern, mich festnehmen zu lassen. Ich werde sowieso schon gesucht, zumal ich gegen den Vertrag verstoßen habe, den ich letztes Jahr in Imifrich unterschrieben habe, indem ich nach vier Wochen meiner Werkstätte den Rücken zugekehrt habe und ein Fona geworden bin. Freilich verfolgen die Therfas zurzeit andere Interessen, da bin ich ihnen unwichtig, solange ich ihnen nicht merklich schade. Was aber macht ihr hier auf der Landstraße nach Miatr?“

Und Fagol erzählte Fitr die Geschichte mit dem Karzol, dem Auszug der Bauern aus Imifrich und ihrem Auftrag. Nachdem er geendet hatte, atmete Fitr erleichtert auf, was Fagol, Mehru und Amtrok nicht verstehen konnten.

Allerdings klärte Fitr die drei nun auf: „Also, da kann ich nur sagen, ihr könnt von Glück reden, mich getroffen zu haben, denn, soweit ich von einem Vertrauten vor einer Stunde erfahren habe, sind die Stadtwächter von Miatr beauftragt, jeden, der keinen Passierschein für die Stadt besitzt, festzuhalten und ihn erst wieder frei zu geben, sobald er einen Vertrag bei einem der Berater unterschrieben hat.“

„Ich hätte nicht gedacht, sie würden so offensichtlich gegen das Recht verstoßen“, warf Fagol ein.

„Viele Leute sind zu den Fonas übergelaufen. Jedoch die Arbeit in den Werkstätten und auf den Gutshöfen erledigt sich nicht von selbst, und haben sie dort zu wenig Arbeitskräfte, werden die Therfas bald nichts mehr verdienen können und ihr naher Ruin wäre abzusehen. Folglich behelfen sie sich mit diesen – wie sie es nennen – ‚Notmaßnahmen‘ und kleiden es zudem in große Worte wie die ‚Rettung unserer Stadt‘. Du erinnerst dich doch bestimmt an die Zeit von Ghoro, der damals jeden Bürger von Mobirowien für ein Jahr zur Zwangsarbeit verpflichtet hatte, weil er mit seinen Riesenbauten und seinem Luxusbedürfnis die Staatskasse geplündert hatte. Wer in der damaligen Zeit Ghoros Notregeln in Ordnung fand, wird Verständnis für die Therfas aufbringen, heute ihre Stadt durch Zwangsarbeit retten zu wollen.“

„Ja“, seufzte Fagol tief. „Ich gebe dir recht und du erinnerst mich an meine schlimmsten Zeiten. Ich musste damals mit meiner Frau Mounra schwerste Arbeiten in Miatr verrichten und Mounra und unser gerade einmal ein Jahr alter Sohn Tirton starben dort am Fieber. Ich hatte kaum eine Stunde Zeit bekommen, um beide zu begraben. Meine Trauer musste ich in die Träume nehmen, wollte ich diese Zeit überleben. Anfangs hätte ich viel dafür gegeben, meiner Frau und unserem Sohn in den Tod zu folgen. Allerdings sagte ich mir dann, ich könnte, solange ich lebe, Zeugnis geben von Ghoros Untaten, damit er vielleicht später einmal zur Rechenschaft gezogen würde.

Ich nehme an, du kennst die Gegend hier so gut, dass du uns zeigen kannst, wie wir Miatr umgehen können?“

„Also, wenn ihr die Stadt umgehen möchtet“, erwiderte ihm Fitr, „helfe ich euch selbstverständlich dabei, doch falls ihr nicht davor zurückschreckt, in die Stadt gelangen zu wollen, kann ich euch dabei ebenfalls helfen. Bochre ist ein die Fonas unterstützender Therfa und er stellt uns Passierscheine aus, sofern wir diese brauchen.“

„Das klingt ja viel besser, als ich gedacht hatte. Euer Widerstand ist in den höchsten Kreisen von Miatr angekommen. Bochre kenne ich noch als Halbwüchsigen, der uns zunächst wie die anderen Kinder der Therfas mit Steinen bewarf. Das änderte sich, nachdem sein Freund Fraga einmal einen alten Mann an der Schläfe traf und dieser auf der Straße zusammenbrach und verstarb. Während Fraga nur darüber lachte, schien Bochre sehr nachdenklich gestimmt. Von dem Moment an suchte Bochre Kontakt zu uns und unterstützte uns, wo er konnte. Zum Beispiel brachte er uns häufig kleine Essensportionen vorbei. Klein sollten sie sein, damit es in seinem Haus nicht auffiel, denn wir merkten, wir brauchten Bochre nicht nur, sondern wir mussten ihn auch unterstützen, um ihn nicht zu gefährden. Nur zu gut erinnerten wir uns an Darsto, der in demselben Jahr als sechsjähriger Knabe aus dem Haus seines Vaters geworfen worden war, weil er den hungernden Fonas geholfen hatte.

Wenn Bochre uns Passierscheine ausstellen kann, denke ich, werden wir diese Möglichkeit dankend in Anspruch nehmen. Oder was haltet ihr davon, Mehru und Amtrok?“

„Selbstverständlich werden wir das großzügige Angebot annehmen“, übernahm Mehru das Wort. „Das ist doch keine Frage! Ich vermute, viele unserer Dorfbewohner sind ohnehin bereits in Miatr angekommen und nach den zurzeit in der Stadt vorherrschenden ‚Notregeln‘ zur Arbeit zwangsverpflichtet. Trotzdem sollten wir versuchen, Einzelne einzuholen, um sie zu warnen.“

„Denk mal daran, wie die Leute sich in der Schänke verhalten haben“, wendete Fitr ein. „Sie glaubten mir kein Wort und jetzt werden sie sich genauso wenig aufhalten lassen. Freilich hast du sicher recht, wir sollten nichts unversucht lassen. Gar nicht weit von hier gibt es eine Fähre über den Ferfolm. Wenn wir an der Stelle übersetzen, können wir einige Stunden Weges einsparen. Ich wollte euch sowieso dorthin führen, denn der Fährmann Stahro ist unser Vertrauens- und Verbindungsmann zu Bochre. Ich schlage allerdings vor, wir sprechen dort erst einmal ab, wie es für euch weitergehen kann.“

VI

Alle drei waren einverstanden, zunächst zum Fährmann Stahro zu gehen und die Lage an diesem Ort zu besprechen. Dafür mussten sie die Straße in entgegengesetzter Richtung benutzen, um zu dem Pfad zu gelangen, der zur Fähre führte. Es dauerte keine fünf Minuten, bis sich ein kleiner Weg von der Straße ab in Richtung Wald und von dort aus zum Fluss schlängelte. Erst als sie direkt vor dem Fährhaus standen, erkannten sie, dass der Pfad hier endete und der Weg mittels Fähre fortgesetzt werden musste. Stahro machte sich bereits an der Fähre zu schaffen, um die Fahrgäste möglichst schnell zu ihrem Ziel zu befördern.

„Sei gegrüßt, Stahro“, sprach ihn Fitr an. „Ich habe noch drei Freunde mitgebracht. Fagol, den Dorfvorsteher aus Imifrich, meinem alten Heimatdorf, sowie Mehru und Amtrok, zwei weitere Dorfbewohner.“

„Fitr, das ist ja eine Überraschung“, antwortete ihm der Fährmann. „Seid mir alle gegrüßt! Ich hoffe, ihr bringt keine schlechten Nachrichten. Davon habe ich seit den Notregeln in Miatr genug gehört.“

„Also zunächst können wir uns darüber freuen, im Kampf gegen die Ungerechtigkeit drei weitere Mitstreiter gefunden zu haben“, entgegnete Fitr dem Fährmann. „Das nenne ich gute Nachrichten. Allerdings werben die Berater wieder auf den Dörfern an und viele haben sich überrumpeln lassen. In Hangstu haben gestern fünfzehn Bauern einen Vertrag unterschrieben und bekanntlich gehen mit den Leuten, die einen Vertrag ‚ergattert‘ haben, stets auch weitere Abenteurer mit, die aus irgendeinem Grund am Tag davor nicht unterzeichnet haben.“

„Na ja“, warf nun Fagol ein, „aus meinem Dorf sind bis auf uns drei alle anderen in Richtung Miatr gezogen, um leichte Arbeit für gute Bezahlung zu bekommen. Das sind insgesamt dreißig Bauern. Unser Anliegen ist es, unsere Dorfbewohner zu überreden, in unser Dorf zurückzukehren. Jedoch nach allem, was ich gehört habe, wird das wohl schon zu spät sein.“

„Dennoch sollten wir nichts unversucht lassen“, mischte sich Amtrok ein, denn was er heute gelernt hatte, war, dass er, sollte einer von ihnen seinen Mut verlieren, sich auf die beiden anderen verlassen konnte und sie dem Mutlosen neue Kräfte verleihen können. „Was haltet ihr davon, wenn Mehru und ich uns von dir, Stahro, über den Fluss setzen lassen und wir die Dorfbewohner, die wir erreichen können, zur Rückkehr zu bewegen versuchen?“

„Das erscheint mir durchaus sinnvoll“, bemerkte Stahro. „Ich werde euch gleich über den Fluss bringen. Am anderen Ufer angekommen warte ich zwei Stunden auf euch, damit ich euch wieder zurückbringen kann. Ihr dürft euch freilich nicht weiter als einen Kilometer Miatr nähern, denn ab dort greifen euch die Stadtwächter auf und verschleppen euch in die Stadt zur Zwangsarbeit.“

„Bevor ihr losfahrt“, hob Fitr an, „möchte ich dich um etwas bitten. Stahro, wir benötigen für die drei Passierscheine, damit sie unbehelligt in die Stadt hineinkommen können. Kannst du das für uns erledigen?“

„Ich denke, das wird sich machen lassen.“ Stahro gab Mehru und Amtrok ein Zeichen, ihm zu folgen. Zwei Minuten später hörte Fitr bereits, wie ein Staken ins Wasser tauchte und mit kräftigem Stoß das Boot auf den Fluss brachte. Noch eine Weile lauschte er dem gleichmäßigen Geräusch des Eintauchens hinterher, das durch ein kaum hörbares Glucksen eingeleitet wurde, welches sich dann in der Stille verlor, um wieder von neuem zu erklingen, bis der Staken keinen Grund mehr zu fassen bekam und als Ruderstange diente.

Nach wenigen Minuten erreichten sie das andere Ufer. Stahro schärfte Mehru und Amtrok nochmals ein, nicht zu dicht an Miatr heranzugehen, und erinnerte sie daran, er würde nicht länger als zwei Stunden warten, zumal es um die Mittagszeit häufig Kunden gab, die aus den Dörfern kommend über den Fluss gesetzt werden wollten. Die Straße könnten sie nicht verfehlen, denn es führe wie auf der anderen Seite nur ein einziger schmaler Weg vom Fluss dorthin.

Tatsächlich stießen sie nach einer Viertelstunde auf den Weg, der direkt nach Miatr, dessen Mauern sie aus der Entfernung erkennen konnten, führte.

„Lass uns hier an der Weggabelung warten, ob sich einzelne Dorfbewohner aus Imifrich noch auf dem Weg in die Stadt befinden, denn diese Straße müssen sie entlangkommen, wenn sie nach Miatr wollen“, schlug Amtrok vor.

„Hast du etwa meine Gedanken gelesen?“, antwortete ihm Mehru und schaute ihm verschmitzt in die Augen. Er liebte es, wenn sie ihn so provokant anschaute und ihn mit ihren Blicken umarmte. Es war ein Spiel, das beide gerne spielten.

„Ja, das habe ich. Allerdings nur um mich zu vergewissern, ob du meiner Meinung bist“, gab ihr Amtrok zur Antwort.

„Da bildet sich tatsächlich der Lakai ein, eigene Gedanken im Kopf zu haben. Ich werde mir eine angemessene Strafe für eine derartige Ungezogenheit überlegen müssen.“ Und Mehru nahm eine strenge Miene an, derweil sich Amtrok mit einer großen Geste in gespielter Demut auf den Boden vor ihr hinwarf.

„Prinzessin, meine Schuld ist unermesslich und ich bitte darum, auf der Stelle für mein unwürdiges Verhalten bestraft zu werden“, grinste Amtrok Mehru entgegen.

„Dass er sich nicht erdreiste“, fauchte sie ihn an, „seinen Blick ein weiteres Mal auf mein holdes, prinzessliches Antlitz zu werfen, da er doch wisse, ein Lakai würde Ihre Hoheit damit in den Schmutz ziehen. Des Weiteren möge er bedenken, Ihre Hoheit ist auch nur ein Mensch, der den menschlichen Schwächen nicht abgeschworen hat, und dazu gehört nun mal das Entgegennehmen eines Blickes, der Ihre Hoheit völlig dahinschmelzen lässt.“ Zum Ende hin hatte sie ihre Tonlage in eine säuselnde, liebkosende, ja neckende Art verändert.

„Hoheit, mich dürstet nach der gerechten Strafe“, erwiderte ihr Amtrok mit künstlich verzweifelter Miene, erhob sich händeringend aus dem Staub und kniete ergeben mit gesenktem Haupt vor ihr nieder, um geduldig den Schuldspruch zu hören.

„Also, wenn ihn derartig nach Wiedergutmachung der Schuld verlangt, werde ich ihm das nicht versagen können. Zur Strafe möge er Ihre Hoheit eine halbe Stunde lang kraulen. Damit nachher von keiner Seite Beschwerden kommen, möge er sofort seine Strafe antreten.“

Amtrok hatte gerade die ersten fünf Minuten der Strafe abgegolten, als er auf der Straße eine lärmende Gruppe wahrnahm, die sich ihnen zügig näherte. Es handelte sich um acht Bauern mit ihren Frauen und Kindern, die aus Imifrich stammten. Die Gesprächsfetzen, die Mehru und Amtrok entgegengetragen wurden, drehten sich um Schmuck, kostbare Gewänder, riesige Werkstätten, teure Möbelstücke und überhaupt um Reichtum und Macht. Die Erwachsenen wirkten wie entrückt in ihre Fantasiewelt angefüllt mit Gold, Edelsteinen, riesigen Häusern mit Mosaikböden und Fußbodenheizung, sodass ihnen Mehru und Amtrok am Wegesrand gar nicht auffielen. Wären die Kinder nicht gewesen, hätten sie die beiden nicht bemerkt.

VII