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Anfang des 9. Jahrhunderts: Der Norden ist in Unruhe. Die Wikinger verlassen ihre Fjorde. Als Abenteurer und Piraten, Händler und Siedler verändern sie das Gesicht Europas, während das Frankenreich zerfällt. Der Kaiser in Aachen hat ihnen nichts entgegenzusetzen. Eine neue Strategie soll Abhilfe schaffen: Missionare statt Panzerreiter! Ein Name ist in aller Munde: Haithabu, das Tor des Nordens. Am oberen Ende der Schlei, wo sich Handelsrouten kreuzen und Drachenboote in See stechen, treffen Menschen aus aller Herren Länder aufeinander. Kostbare Güter wechseln die Besitzer: Silber und Seide aus Byzanz, Erze und Felle aus Norwegen, Glas und Wein aus Franken. Und Sklaven! Meisterschmied Torge soll mit seinen Gefährten die Stadt aufbauen helfen und die Dänenflotte ausrüsten, was ihn in einen inneren Konflikt stürzt. Währenddessen erkundet sein Sohn Edin neue Routen im Osten und sein Sohn Ivar nimmt am verheerenden Überfall auf Dorestad in Friesland teil, der in die Annalen eingeht. Auch die Benediktiner Ansgar und Autbert treffen eines Tages in Haithabu ein. Im Auftrag des Kaisers sollen sie die Dänen bekehren. Autberts Liebe zu einer Wikingerin stellt ihre Freundschaft auf eine harte Probe. Die Pläne des Dänenkönigs finden nur geteiltes Echo. Tauben und Falken streiten im Thing über die Zukunft. Die Sehnsucht nach Freiheit und Frieden wächst, bis die ersten Boote zu fernen Inseln ins Nordmeer aufbrechen, um ein neues Leben zu beginnen. Aufbruch der Drachenboote - eine Familiensaga zwischen Krieg und Frieden, die ein ungewohntes Bild von den Nordleuten zeichnet und von einer Zeit des Umbruchs und der Begegnung fremder Kulturen erzählt.
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Seitenzahl: 598
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Für Eveline
Drachenboote! So schnell, wie sie kommen, sind sie verschwunden, mit reicher Beute und Sklaven. Krieger und Abenteurer machen Meere und Küsten unsicher. Kaufleute segeln auf ihren „Wellenpferden“ nach Dublin und Nowgorod, bringen Silber und Seide aus Byzanz bis nach Gotland. Selbst vor den Küsten Andalusiens leuchten eines Tages rote Segel am Horizont.
Ein Name ist in aller Munde: Haithabu! Tor des Nordens und größter Handelsplatz der Wikinger zwischen den Meeren. Hunderte Masten im seichten Gewässer des Fjords. Sprachengewirr auf Landungsbrücken und in Tavernen. Händler aus aller Herren Länder treffen auf die besten Handwerker ihrer Zeit. Meisterschmied Torge ist einer von ihnen und hütet ein Geheimnis, während seine Söhne auf ihren Booten neue Routen erkunden.
Haithabus Könige vereinen die Dänen, rüsten Flotten gegen die Franken und lassen das „Danewerk“, den „Limes“ des Nordens, erbauen, um ihr Reich zu sichern. Der Kaiser in Aachen hat wenig entgegenzusetzen und ersinnt eine neue Strategie: Missionare statt Panzerreiter! An den Königsklöstern des Frankenreiches wird eine junge Elite darauf vorbereitet, die Wikinger zu bekehren. Ansgar, der Benediktiner und spätere Bischof von Hamburg, bricht nach Haithabu auf. Sein Begleiter und Freund Autbert verliebt sich eines Tages in eine Wikingerin.
„Vikings“ bringen Beute und Ruhm, aber sie werfen auch Schatten. Vergeblich warten Frauen und Kinder auf die Heimkehr der Schiffe. Hunger und Seuchen plagen die Menschen. „Tauben und Falken“ streiten über die Zukunft. Die Sehnsucht nach Freiheit wächst, treibt Menschen auf ihren Booten bis auf ferne Inseln im nördlichen Meer.
„Aufbruch der Drachenboote“ - eine Familiensaga zwischen Krieg und Frieden, die zu Beginn des neunten Jahrhunderts von einer Welt im Umbruch und der Begegnung fremder Kulturen erzählt.
Prolog
ERSTES BUCH 808 - 825
1. Der Überfall
2. Das Königskloster
3. Die Stadt am Noor
4. Wintersonnenwende
5. Der Gesandte
6. Die alten Wege
7. Kriegsgeschrei
8. Verbannt
9. Die Fälscher
10. Freunde
11. Corbeia Nova
12. Windzeit
13. Sommerland
ZWEITES BUCH 826 - 865
14. Der Auftrag
15. Hammer und Kreuz
16. Verbotene Liebe
17. Bei den Svear
18. Tauben und Falken
19. Die Eschenmänner
20. Longphort
21. Wegbrot
22. Zwischen den Welten
23. Die Ruderer
24. Hammaburg
25. Inseln im Wind
26. Ein Traum wird wahr
27. Der Runenstein
Epilog
Anhang:
Glossar
Figuren
Nachwort
Landkarte
Nebel lag über der Bucht und dämpfte die Geräusche der erwachenden Stadt. Der Geruch verbrannten Holzes von zahllosen Feuerstellen waberte durch die noch unbelebten Gassen.
Die Hausmägde kochten Gerstenbrei für das Morgenmahl, während sich Hausherren und Gesinde noch schläfrig auf ihren Lagern wälzten.
Ivar und Edin, die Kinder von Torge und Embla, hatten sich beim ersten Morgenlicht aus der Wohnhalle geschlichen und waren zum Hafen gelaufen, ihre Holzschiffchen fest unter den Arm gedrückt. Sie waren verabredet. Mit Sigrun, der Tochter ihres Nachbarn, des Perlenmachers, Swawa, die slawisch sprach, und noch ein paar anderen.
»Heute segeln wir aufs Meer«, sagte Edin, setzte sein Schiffchen vorsichtig aufs Wasser und gab ihm einen leichten Stoß.
Die anderen taten es ihm nach, bis die kleine Flotte im Hafen trieb.
»Richtet den Mastbaum auf!«, kommandierte Edin. »Segel setzen!«
Sie spielten nach, wie sie es vom Treiben im Hafen von Reric gewohnt waren. Wenn ihre Väter den Schiffen nachschauten, denen sie ihre Waren für die Märkte in Truso, Wolin oder Birka mitgegeben hatten.
»Was ist das für ein Geräusch?«, fragte Sigrun. »Seid mal still!«
Aus den Nebelschwaden über der Bucht hörten sie den Schlag von Ruderblättern und knarzenden Riemen.
»Schiffe!«, rief Edin. »Viele!«
Das Rollen schwoll an. Plötzlich ein Kommando, das sie nicht verstanden.
»Da!«, flüsterte Sigrun.
Kaum hundert Schritte vor ihnen schoben sich Drachenköpfe aus dem Dunst.
»Schnell weg!«, rief Ivar den anderen zu.
Als sie das Ende der Landungsbrücke erreichten, hatten die ersten Boote schon Leinen geworfen. Waren es hundert oder zweihundert Krieger, die sich in Windeseile formierten? Dann brach der Sturm los.
Die Kinder rannten, so schnell sie konnten. Über den Knüppeldamm bogen sie in die Gasse zum Hügel hinauf, wo Torges Schmiede stand und die anderen Werkstätten, für die das Handelszentrum an der südlichen Ostsee berühmt war. Laut riefen sie:
»Wikinger!«
»Überfall!«
Ein paar verschlafene Gesichter zeigten sich in den Türen.
Hunde schlugen an. Angstschreie schrillten vom Hafen herauf.
Das Geräusch von Schilden, Schwertern und Äxten, die aufeinander prallten. Wie eine Walze zogen die Fremden durch die Stadt. Wer zu den Waffen griff und sich ihnen entgegenstellte, wurde erschlagen.
Torge hatte das Rufen der Kinder zuerst gehört. Er griff zu seinem Schwert und lief ihnen entgegen. Inzwischen war das Handwerkerviertel alarmiert.
»Frauen und Kinder in die Häuser! Bogenschützen auf die Dächer! Zu mir, wer Axt und Schwert führen kann!«
Sie waren nicht wehrlos. Der Handelsplatz war schon früher das Ziel von Piraten gewesen. Aber an diesem Tag hatte nichts darauf hingedeutet. Der Nebel hatte verhindert, dass sie die Signalfeuer sehen konnten, die sie hätten warnen können.
Ivar und Edin hatten sich mit der Mutter und den anderen Frauen in der Halle ihres Holzhauses versammelt. Auch die Frauen waren bewaffnet. Sigrun war bei ihnen geblieben. Sie hatte es nicht mehr nach Hause geschafft. Aber wo war Swawa? Ihr Elternhaus lag weiter unten in der Stadt, wo jetzt die Kämpfe tobten.
Wuchtige Schläge spalteten die Eingangstür. Die Querbalken sprangen aus den Lagern. Zwei Krieger stürmten herein.
Swawas Vater warf ihnen seinen Speer entgegen, der im Schild des grimmigen Helmträgers steckenblieb. Mit zwei Sprüngen war dieser in der Mitte des Raumes. Entsetzt sah er das erhobene Schwert des Angreifers, als könne er nicht fassen, dass sein Ende kommen sollte. Im Fallen sah er seine Frau am Feuer, blickte in die angstvollen Augen von Swawa, als der tödliche Hieb ihn traf.
Der andere Krieger hatte sich der Frau genähert. Mit einer blitzschnellen Bewegung schlug er ihr das Messer aus der Hand, mit dem sie sich und ihre Tochter schützen wollte.
So hilflos hatte sie sich nie gefühlt. Nicht im Hungerwinter als Bettlerin am Stadttor, nicht als Piraten bei ihrem letzten Überfall ihr nachsetzten, um sie zur Sklavin zu machen und auch nicht, als sie bei der Geburt ihrer Tochter fast gestorben wäre. Was jetzt kommen würde, wäre anders als alles zuvor.
Das fühlte sie mit verzweifelter Gewissheit, bevor ein dumpfer Schlag sie niederstreckte.
Torge hatte die Männer aus der Nachbarschaft um sich geschart. Er überragte sie um Haupteslänge und war vom jahrelangen Schmiedehandwerk geübt, das Schwert zu führen. Auch Viggo, der Perlenmacher, war aus der Nachbarschaft mit seinen Gesellen dazu gestoßen, ebenso Ingwar, der Stellmacher, für den Torge Beschläge schmiedete.
Sie waren eine eingeschworene Gemeinschaft, hatten sich als junge Leute in Reric angesiedelt. »Nordleute« nannten sie die slawischen Bewohner, deren einstiges Fischerdorf im Laufe der Jahre zu einem der großen Handelsplätze an der Küste aufgestiegen war. Und obwohl sie mit den Einheimischen konkurrierten, waren sie wohlgelitten, weil sie durch ihre Handwerkskünste zum Ruhm und Reichtum der Stadt beitrugen.
Kaum hatten sie sich vor Torges Halle versammelt, sahen sie einen Trupp Wikinger die Gasse herauf stürmen. Eine Pfeillänge entfernt stoppte der Zug. Ein Kommando ertönte. Die erste Reihe richtete einen Schildwall auf. Dahinter spannten sie ihre Bogen. Schuss um Schuss folgte in kurzen Abständen.
Der Pfeilhagel hielt blutige Ernte.
»Rückzug hinter die Ställe!«, rief Torge seinen Leuten zu.
Im selben Augenblick schob sich der Schildwall weiter die Gasse hinauf.
»Viggo, du musst mit deinen Männern verhindern, dass sie in die Halle zu den Frauen und Kindern vordringen! Alle anderen folgen mir. Wir versuchen, sie zu umgehen.«
Zwei Handvoll Männer folgten ihm durch die verwinkelten Höfe. Als die Gegner die Bedrohung in ihrem Rücken bemerkten, fiel ihr Schildwall augenblicklich zusammen. Viggo stürmte ihnen von oben, Torge mit seinen Leuten von unten entgegen. Der Nahkampf entbrannte. Schreie, Kommandos, das Krachen der Äxte auf den Schilden. Im nächsten Moment hieb Torge sein Schwert einem dänischen Krieger über den Helm.
Es glitt ab und drang diesem tief in die Schulter. Kurze Zeit später lagen weitere Dänen am Boden. Ihr Anführer brach mit seinen restlichen Kriegern seitwärts über einen Hof aus.
»Vorerst haben wir den Angriff zurückgeschlagen. Aber sie werden bald mit mehr Leuten wiederkommen«, sagte Torge.
Vom Hafen zog der beißende Rauch von verbranntem Reet durch die Gassen hinauf. Die Angreifer hatten einige Häuser in Brand gesteckt.
Aber irgendetwas war anders, als sie es von früheren Überfällen kannten. Nach dem anfänglichen Gemetzel war plötzlich eine merkwürdige Ruhe eingetreten.
Die Dänen hatten sich formiert und wurden von ihrem Anführer durch die Stadt dirigiert. Vor dem Thinghügel machten sie halt. Das waren keine Piraten. Und auch wenn es zu brutalen Übergriffen gekommen war, schienen sie es diesmal mit Soldaten zu tun zu haben, die auf Befehle gehorchten.
Der Thingvorsteher hatte daraufhin die Bewohner aufgerufen, die Waffen niederzulegen. Es hatte genug Opfer gegeben, und weiterer Widerstand war zwecklos. Auch Torges Leute erreichte die Nachricht.
Der Tag verging. Verwirrende Gerüchte machten die Runde.
Es hieß, man verhandele über ein Lösegeld.
»Das sollte nicht unsere größte Sorge sein«, dachte Torge.
Die Stadt war reich durch ihre weit gespannten Handelsbeziehungen.
Gegen Abend hatte man auf dem Platz vor dem Thinghügel ein großes Feuer entzündet, wo sich die fremden Soldaten wärmten und Fleisch am Spieß brieten. Die Verhandlung, wenn man es überhaupt so nennen konnte, hatte man in die große Halle verlegt. Vertreter der führenden slawischen Familien und der Thingvorsteher auf der einen, die Hauptleute der Besatzer auf der anderen Seite.
»Warum zerstört ihr, wovon ihr bisher profitiert habt?«, fragte der Thingvorsteher den Kommandanten. »Jahrelang waren uns eure Schiffe willkommen, habt ihr unseren Hafen doch weidlich für den Osthandel genutzt.«
»Das solltest du am besten wissen. Schluss jetzt mit der Heuchelei! Ihr steckt mit den Franken unter einer Decke und habt eure Abgaben an unseren König eingestellt. Glaubt ihr, Göttrik lässt sich auf der Nase herumtanzen?«
»Was habt ihr jetzt vor?«
»Alle Nordleute, Handwerker und Händler, müssen die Stadt verlassen und uns nach Norden folgen. König Göttrik braucht sie zum Aufbau von Haithabu. Außerdem müsst ihr uns jeden zehnten Einwohner als Sklaven mitgeben. Unter diesen Umständen sind wir willens, den Rest von Euch zu verschonen.«
»Aber welche Garantien gebt ihr uns, wenn wir uns auf eure Forderungen einlassen?«, fragte der Thingvorsteher.
»Keine!«, bekam er scharf zur Antwort.
Der Anführer der Soldaten hatte Dänisch gesprochen. Für die meisten Leute in Reric kein Problem. Fast alle, die das östliche Meer befuhren, beherrschen die Sprache des Nordens einigermaßen.
Die Fakten lagen auf der Hand. Die Flotte des dänischen Königs hatte seine Stadt überfallen. Brutal hatte sie den anfänglichen Widerstand gebrochen, dann aber nur noch Gefangene gemacht und die Schlüsselstellungen besetzt. Reric sollte seinen Versuch, sich von den Dänen unabhängig zu machen, bitter bezahlen und seinen Platz im Osthandel verlieren. Die mit den Franken verbündeten Abodriten sollten geschwächt werden. Das war offensichtlich.
Am nächsten Morgen hatte sich der Nebel gelichtet. Vor ihnen lag die weite Bucht. Fischer von der benachbarten Insel stakten, unbeeindruckt von den Geschehnissen, auf ihren Booten von Reuse zu Reuse. Das Schilf am Ufersaum wogte im Wind. Von Land her schoben sich dunkle Wolken heran.
In Reric ging an diesem Morgen niemand den gewohnten Geschäften nach. Alle warteten auf Nachrichten aus der großen Halle. Gegen Mittag sollten sich die Stadtbewohner auf dem Vorplatz versammeln.
Als der Vorsteher aus der Halle trat und sich neben den dänischen Anführer stellte, verstummte augenblicklich alles Gemurmel. Eine große Anspannung stand den Menschen ins Gesicht geschrieben. Nur ein paar Kinder wimmerten vor sich hin, weil sie die Angst ihre Mütter spürten. Der Wind verschluckte die Hälfte der Worte des Vorstehers. Aber was sie verstanden, reichte, um sich auszumalen, dass das Schicksal ihrer Stadt besiegelt war. In Kürze würden ihre Nachbarn, die Nordleute, mit der dänischen Flotte nach Norden absegeln.
Zusammen mit weit über hundert Menschen, deren Los die Sklaverei war. Vor allem kräftige, junge Männer und Frauen und sogar einige Kinder sollten es sein.
Panik und Verzweiflung breiteten sich aus, als die dänischen Krieger durch die Reihen gingen und mit der Auswahl begannen. Väter stellten sich ihnen trotzig in den Weg. Mütter begannen zu kreischen, als man ihnen ihre Liebsten entriss. Wen würde es als nächsten treffen? Wer durfte bei seiner Familie bleiben?
Torge und seine Nachbarn beklagten den Tod ihrer Männer.
Aber sie waren erleichtert, dass es den Fremden nicht gelungen war, in ihre Hallen einzudringen und Frauen und Kinder in ihre Gewalt zu bringen. Die Kunde von der bevorstehenden Deportation machte sie ratlos.
»Zum zweiten Mal in unserem Leben müssen wir alles aufgeben und neu anfangen«, sagte Embla abends zu ihm. »Ich weiß nicht, ob ich die Kraft dafür habe.«
Sie dachte zurück, wie sie vor Jahren ihre norwegische Heimat verlassen mussten. Als sie an den heimischen Fjorden Jahr um Jahr Missernten zu beklagen hatten, waren sie zusammen mit Hunderten übers Meer aufgebrochen. Die einen nur für einen Sommer, um an den fremden Küsten Beute zu machen.
Die anderen für immer. Wie schwer war es ihnen anfangs gefallen, sich in Reric eine neue Existenz aufzubauen.
»Bis Morgen müssen wir gepackt haben«, sagte Viggo zu seiner Frau Geva. Sie hatte eine mit Eisen beschlagene Holzkiste vor das Haus gezerrt und damit begonnen, Hab und Gut darin zu verstauen: Kessel, Messer und Beil, die in der Küche unersetzlich waren, die Pelzmäntel und guten Leinenkleider.
Ihre Schmuckfibeln und die Perlen aus Viggos Werkstatt legte sie ganz nach unten. Sigrun bestand darauf, die Lieblingspuppe mitzunehmen, die ihr Vater aus Stroh geflochten und mit zwei dunklen Glasperlen als Augen versehen hatte.
»Wo ist eigentlich Swawa abgeblieben? Ihr wart doch zusammen am Hafen. Hat sie es rechtzeitig nach Hause geschafft?«, fragte Sigruns Mutter.
Sigrun wusste es nicht.
»Komm, lass uns nachschauen, wie es Swawas Familie ergangen ist!«, sagte Viggo besorgt, und sie machten sich auf den Weg in die Unterstadt am Hafen, wo die slawischen Händler wohnten.
Die Tür stand offen. Vorsichtig lugte Viggo in den fensterlosen Raum. Das Herdfeuer war erloschen. Entsetzt erkannte er einen Körper am Boden.
»Sigrun, lauf schnell zurück nach Hause und sag Torge, dass ich ihn hier brauche.«
Er tastete sich in den Raum vor, trat in eine Blutlache, sah in die starren Augen von Swawas Vater. Wenige Schritte entfernt hörte er ein Stöhnen. Es war Swawas Mutter, die aus der Ohnmacht erwacht, aber noch unfähig war, sich zu erheben.
Viggo beugte sich über sie.
»Was ist geschehen? Wo ist deine Tochter?«
»Lass mich hier liegen und geh sie suchen!«, mehr brachte sie nicht heraus.
Viggo stieg über die umgeworfenen Bänke und wandte sich den hinteren Räumen zu, wo die Vorräte lagerten. Dort entdeckte er sie. Zuerst nur ihre weit aufgerissenen Augen, die angstvoll zwischen den Ballen geschorener Wolle hervorschauten.
»Swawa, komm heraus! Du musst dich nicht mehr fürchten.
Es ist vorbei. Deine Mutter wartet auf dich.«
Mehrmals musste er ihr zureden, bis sich das Mädchen hervorwagte. Viggo nahm sie auf den Arm. Sie war noch immer starr vor Schreck und brachte keinen Ton heraus.
Jetzt musste es schnell gehen. Die Zeit lief ihnen davon. Torge hatte Swawas Mutter ins Haus ihrer Nachbarn getragen, wo man versprach, sich um sie zu kümmern. Denn sie durfte die Stadt nicht verlassen. Nicht einmal als Sklavin wollte man sie in ihrem Zustand mitnehmen.
»Viggo, bitte nehmt Swawa zu euch! Ich weiß nicht, was aus mir wird«, bat sie verzweifelt.
»Ja, wir nehmen sie mit. Wir werden für sie da sein, wie für unser eigenes Kind!«
Als er das sagte, standen ihr Tränen in den Augen. Stumm fasste sie Viggos Hand und drückte sie lange.
Die nordischen Händler und Handwerker, die sich am nächsten Morgen im Hafen mit ihren Familien einfanden, wurden zu ihrer Überraschung sehr respektvoll behandelt.
»Die wissen, dass ich beim Aufbau von Haithabu von Nutzen sein kann. Genauso wie die anderen Handwerker und Seeleute, die sich im Osthandel auskennen. Darauf haben sie es abgesehen«, dachte Torge. Dennoch verachtete er diese Leute und mehr noch ihren Auftraggeber, den König. So viel Leid hatten sie über die Menschen gebracht, dass er es ein Leben lang nicht vergessen würde.
Torge war an einem norwegischen Fjord aufgewachsen. Schon sein Urgroßvater hatte dort die Schmiede betrieben. Von Kindesbeinen an war er an das Hämmern und Funkensprühen gewöhnt und fasziniert, wie aus einem Klumpen Roheisen Gerätschaften oder Waffen entstanden.
»Die Schmiede sind mit den Göttern im Bunde«, hörte er die Leute manchmal sagen. Sein Vater hatte ihm von Völundr erzählt, der in der Vorzeit bei den Zwergen in der Unterwelt in die Lehre gegangen war. Völundr schmiedete das sagenhafte Schwert Mimung, schärfer als alles, was bis dahin entstanden war.
Eines Tages hatte Torge Embla kennengelernt, als er seinen Vater ins Gebirge begleitete, um bei den Waldbauern für Nachschub an Holzkohle zu sorgen. Sie verliebten sich. Torge bewunderte Emblas Geschick, eine Welt aus Worten zu formen, wenn sie ihre Sagas über das geheimnisvolle und karge Leben im Wald und auf dem Fjell erzählte. Was für Wege hatten sie schon hinter sich gebracht, auf der Suche nach einer neuen Heimat. In Reric glaubten sie, diese gefunden zu haben. »Vergeblich!«, ging es ihm jetzt durch den Kopf.
Da riss ihn der Befehlston des dänischen Kommandanten aus seinen Gedanken:
»Du folgst mit deinem Schiff unserer Flotte!«.
»Gut«, dachte er, »so kann ich wenigstens Teile meiner Werkstatt und meinen Vorrat an Roheisen mitnehmen.«
Nachdem sie die Ladung aufs Boot geschafft hatten, ging er noch ein letztes Mal allein zurück. Die Schmiede lag etwas abseits des Wohnhauses. Die Anwohner hatten ihre Kühe aus den Ställen gelassen, die jetzt mit vollen Eutern in den Höfen brüllten. Hallen und Werkstätten lagen verlassen da. Wo sich eben noch Leben regte, herrschte gespenstische Leere.
Torge betrat die Schmiedewerkstatt und schaute sich um, ob er wirklich allein war. Dann schob er zwei Bohlen einer Zwischenwand beiseite und entnahm dem Hohlraum einen ledernen Sack. Er fasste ein zweites Mal zwischen die Wände und hielt einen geschliffenen Stein ans Licht, den er in seinem Wams verbarg.
Auf den Landungsbrücken stauten sich die Menschen, um die Schiffe zu besteigen. Die Rudergänger hatten schon Platz genommen. Manche fluchten laut vor sich hin.
»So ein Gestank! Das hält doch keiner aus. Wird Zeit, dass wir eine frische Brise bekommen.«
Die Schiffsbäuche waren mit Kisten, Fässern und Menschen vollgestopft: Frauen, Männer und Kinder. Die Sklaven waren gefesselt und von einem auf den anderen Tag schutzlos und der Willkür ihrer Besitzer ausgeliefert.
Ihre Angehörigen standen am Rande des Hafens. Reglos und entmutigt. Manche weinten. Einige schrien ihre Verzweiflung heraus.
»Meine Kinder! Gebt mir meine Kinder zurück!«
Die meisten von ihnen aber fanden keine Worte in ihrem abgrundtiefen Schmerz.
Der Kommandant erteilte den Befehl zum Aufbruch. Die Steuermänner ließen ihre vollbeladenen Schiffe von den Anlegern abstoßen. Ein um das andere Langboot glitt ins offene Wasser. Die Riemen wurden eingehängt. Beim ersten Trommelschlag senkten sich die Ruderblätter und folgten dem Takt.
Torges Boot folgte den Langschiffen in gehörigem Abstand.
Er hatte nur wenige Ruderer, denn Lastschiffe wie seines wurden gesegelt. Er ließ den Mast aufrichten und das Rahsegel aufrollen. Der Wind stand günstig und füllte das Tuch. Sein Blick war nach vorne gerichtet. Er wollte den Anschluss an die sich zügig entfernende Flotte nicht verlieren.
Swawa und Sigrun hatten sich neben die Bank des Steuermanns unter den Achtersteven gekauert und blickten zurück.
Sie fühlten beide einen unbeschreiblichen Schmerz. Aber keine von ihnen brachte etwas über die Lippen.
Ivar und Edin schwankten zwischen Traurigkeit und gespannter Erwartung. Die meisten ihrer Freunde blieben zurück. Von einem auf den anderen Tag war ihre Kindheit zu Ende.
Ihre kleinen Holzboote waren längst abgetrieben. Dennoch hielten sie Ausschau, als Torges Schiff als letztes den Hafen verließ.
Ein neues Leben wartete auf sie.
Die Brandung rollte. Welle um Welle lief auf dem breiten Strand aus, auf den sie ihre Langschiffe mit vereinten Kräften gezogen hatten. Die Taue und niedergelegten Rahen knarzten im Wind.
Thordis saß vor seinem Zelt und schärfte seine Streitaxt an einem Wetzstein. Auch seine Gefährten machten sich an ihrer Ausrüstung zu schaffen. Sie hatten das Feuer klein gehalten, obwohl es unwahrscheinlich war, dass man sie hinter den Dünen entdeckte.
Dreizehn Langboote mit 4oo Männern hatten sich der Raubfahrt angeschlossen. Es war schon seine zweite. Im vergangenen Jahr waren sie ins Rheindelta vorgestoßen, hatten ein paar Dörfer und ein Kloster geplündert.
»Wird Zeit, dass wir Beute machen!«, knurrte sein Freund Uffe zu ihm herüber.
Thordis und Uffe stammten von Bauernhöfen an der Schlei.
Wenn Aussaat und Heringsfang beendet waren, wurde es für sie wieder Zeit aufzubrechen. Sie lechzten nach Abenteuern, von denen sie an den langen Winterabenden zehren konnten. Im letzten Jahr hatte Thordis ein silbernes Kreuz und eine Handvoll Münzen mitgebracht. Er genoss die bewundernden Blicke, besonders der jungen Frauen, wenn er in der Halle seiner Sippe Schaudergeschichten zum Besten gab.
»Ruhe jetzt!«, schnauzte Hakon, ihr Anführer, vom Feuer herüber.
»Wenn wir morgen über die Klinge springen, können wir noch genug schlafen!«, raunte Thordis zurück und verkroch sich unter der Zeltbahn.
An der Westküste von Jütland hatten sich ihre Drachenboote vor Wochen gesammelt. Aus allen Richtungen waren junge Männer gekommen, um am Viking teilzunehmen. Der Jarl von Ribe hatte ihnen den Eid abgenommen.
»Glaubst du, wir werden den morgigen Tag überleben?«, flüsterte ihm Uffe zu.
»Wenn wir sie überraschen können, haben wir gute Chancen.«
»Und wenn nicht?«
»Hast du Angst, Uffe?«
Uffe schwieg eine Weile. Dann sagte er:
»Ich habe geträumt. Ich sah, wie sich unser Boot entfernte - ohne mich!«
Sie waren auf ihrer Fahrt nach Westen der friesischen Küste gefolgt, hatten auf vorgelagerten Inseln kampiert. In Bugh an der Oosterschelde war es zu einem Geplänkel mit der Besatzung der friesischen Ringburg gekommen. Um Boulogne machten sie einen großen Bogen. Keiner war erpicht, sich mit der kaiserlichen Flotte anzulegen, die dort stationiert war. Obwohl sie wussten, dass die Schiffe der Franken viel zu behäbig waren, um ihnen zu folgen und gefährlich zu werden.
Noch vor dem Morgengrauen schoben sie ihre Langboote ins Wasser und nahmen Fahrt auf. Die Bucht war schnell überquert. An der gegenüberliegenden Flussmündung der Somme zeichneten sich die Umrisse einer Siedlung ab. Als sie den Morgennebel durchstießen, lag das schlafende Dorf vor ihnen.
Sobald die Schiffe das Ufer erreichten, sprangen die Ruderer von den Bänken, zogen ihre Schilde von der Bootsreling und stürmten los. Hunde schlugen an. Türen flogen auf. Noch schlaftrunken, griffen die Fischer zu den Waffen.
Fackeln flogen auf die Reetdächer. Die ersten Häuser gingen in Flammen auf. Wer sich in den Weg stellte, wurde niedergemacht. Die Gegenwehr verebbte. Plötzlich herrschte Totenstille.
Thordis sah, wie Frauen, Kinder und Verwundete im nahen Gehölz Schutz suchten. Niemand folgte ihnen, denn nun begann das Plündern. Hallen und Ställe wurden durchwühlt. Die Dorfkirche war verschlossen. Sie spalteten die schwere Holztür mit wenigen Hieben ihrer Kriegsäxte, stürmten in den Chorraum, wo sie das kostbare Kreuz vom Altar rissen.
Thordis erwischte einen der silbernen Kerzenständer, Uffe den anderen. Als die Morgensonne am Himmel stand, saßen sie schon wieder in ihren Booten und ruderten weiter den Fluss hinauf, dem nächsten Ziel ihrer Raubgier entgegen.
»Diesmal hat es sich gelohnt«, grinste Uffe.
Die Klosterkirche von Corbie an der Somme hob sich dunkel vor dem grauen Himmel ab. Eine Kathedrale des Glaubens und ein Hort des Wissens. Berühmt im ganzen Reich und begünstigt von den Königen, demonstrierte sie den wachsenden Einfluss der Kirche.
Im Osten leuchtete am Himmel ein schmaler Silberstreifen.
Im nächsten Augenblick würde die Sonne aufgehen. Das Morgengebet war beendet. Mehr als hundert Mönche zogen schweigend durch den Kreuzgang ins Refektorium. Nur das Schlurfen ihrer Sandalen war zu hören. Die morgendliche Kälte steckte ihnen in den Gliedern. Als sie den Speisesaal betraten, dampften auf den Holztafeln die Schüsseln mit Mehlsuppe. Der Duft von frisch gebackenem Brot zog ihnen in die Nasen. In Corbie musste niemand hungern.
Der Prior sprach das Tischgebet. Das Frühmahl wurde schweigend eingenommen. Einer von den Novizen las aus der Regula des Heiligen Benedikt. Ängstlich schielte er zum Abt hinüber.
Der Abt von Corbie war ein ebenso geachteter wie gefürchteter Mann. Nicht allein, dass er als Vetter des Kaisers dessen Gunst besaß und zu Beratungen bei Hofe hinzugezogen wurde – Adalhard war auch als erfolgreicher Ökonom seines Klosters anerkannt. Wenn es seine Pflichten erlaubten, schrieb er an einer Ordnung für die Wirtschaftsführung der Königsklöster.
Seine Abtei zählte zu den größten Grundbesitzern in der Grafschaft Picardie.
Wer die Klosterpforte durchschritt, hatte schlagartig Macht und Einfluss der Benediktiner von Corbie vor Augen. Im Mittelpunkt der weitläufigen Anlage stand die dreischiffige Basilika mit dem gewaltigen Westwerk aus dunklem Basalt. Mit seinen schmalen Fenstern und Scharten glich es mehr einer Burg als einem Gotteshaus. Steinerne Figuren und Ornamente aus rotem Sandstein schmückten die Bögen des Portals. Seitlich schloss sich der Kreuzgang an. Zweireihige Steinsäulen mit filigranen Mustern und Fabelwesen öffneten den Umgang zum Garten hin und zeugten vom Kunstsinn der Erbauer. Von dort aus hatten sie Zugang zu Speisesaal, Kapitelsaal und Schlafsaal, ohne die strenge Klausur verlassen zu müssen.
Rings herum reihten sich weitere Steingebäude, eingefriedet durch eine hohe Mauer aus Bruchsteinen. Bibliothek und Schreibsaal, das Haus des Abtes, Werkstätten, hölzerne Ställe, aus denen das Grunzen von Schweinen und das Schnattern der Gänse zu hören waren. In den strohgedeckten Scheunen wurde Getreide gedroschen, Heu und Hafer für die Pferde gelagert. Durch eine schmale Öffnung in der Außenmauer ergoss sich ein Bach, der die Abtei mit frischem Wasser versorgte. In der Wassermühle hörte man tagein tagaus das Klappern der Mühlräder und das Reiben der Mahlsteine.
»Ora et labora« lautete der Wahlspruch der Benediktiner:
»Bete und arbeite«. Abt Adalhard verstand sich auf beides.
Nur seine Klosterbrüder fragten sich manchmal, worauf er wohl mehr achtete, das ernsthafte Gebet oder die penible Buchführung?
Wenn es um Ordnung ging, verstand er keinen Spaß. Sie kannten seine Wutausbrüche, wenn er irgendwo den Schlendrian entdeckte.
»Bodwien, bitte begleite mich in die Pergamentwerkstatt.
Und lass vorher dem Bruder Bibliothekar ausrichten, dass ich ihn dort erwarte«, sagte Adalhard im Anschluss an das Morgenmahl zu seinem Cellerar.
»Ja, Vater Abt. Sollen sie etwas für deinen Besuch herrichten?«
»Nein, im Gegenteil, ich will die Sache ohne Ankündigung in Augenschein nehmen. Mir ist zu Ohren gekommen, dass die Schreiber im Skriptorium über fehlendes Pergament klagen und Müßiggang treiben, was, wie du zweifellos weißt, eine Todsünde ist.«
Bodwien folgte dem Abt durch den Kreuzgang. Sie durchquerten den Klostergarten, um am anderen Ende bei den Wirtschaftsgebäuden die Werkstatt für die Pergamentherstellung aufzusuchen.
Beim Betreten nahm ihnen der Gestank fast den Atem.
Dutzende Tierhäute waren auf Holzrahmen gespannt, wo sie zunächst trockneten, um dann sorgsam mit dem Messer von Hautresten gereinigt zu werden.
Bruder Chlodwig, der Leiter der Werkstatt, erwartete den Abt und seinen Begleiter. Inzwischen war auch Bibliothekar Childerich eingetroffen.
»Meister Chlodwig«, begann Adalhard seine Inspektion, »deinen Schreibern soll es an Pergament fehlen. Sei so gut und erklär mir, wie es zu diesen Engpässen kommen konnte.«
Chlodwig räusperte sich. Es kam selten vor, dass der Abt sich für die praktischen Erfordernisse seiner Werkstatt interessierte.
»Der Ausstoß an Pergamentseiten ist über die Jahre gleich geblieben. Aber nun ist der Bedarf kräftig gestiegen. Unsere neue Schrifttype, die die Kopisten verwenden, ermöglicht ihnen ein schnelleres Abschreiben der alten Kodizes. Wir kommen mit der Herstellung von Pergament nicht mehr nach.«
»Was schlägst du also vor?«, fragte der Abt.
»Unser Konvent verfügt zwar über keine freien Arbeitskräfte, aber man könnte Leute von außen einstellen, die zumindest bei den Vorarbeiten behilflich sind«, antwortete Chlodwig.
»An wen denkst du?«, mischte Childerich sich ein.
»Ich denke an die Sachsen, die auf des Kaisers Geheiß jüngst von Transalbingen zu uns gebracht wurden. Unter denen scheinen ein paar geschickte und verständige Leute zu sein«, gab Chlodwig zur Antwort.
Er hatte einige von ihnen auf den umliegenden Höfen beobachtet, wo der Abt sie ansiedeln ließ, um die Bauern des Klosters bei der Feldarbeit zu unterstützen.
Da ergriff Bodwien das Wort. Der Cellerar konnte seinen Ärger kaum beherrschen.
»Wer soll denn die zusätzlichen Mäuler stopfen? Es gibt schon genug Streit unter den Brüdern, wenn sie kürzertreten müssen. Die Hungerleider aus dem Norden machen es nicht besser!«
Das Gesicht des Abtes verfärbte sich. Bodwien hätte wissen müssen, dass er damit seine Kompetenzen überschritt. Zu seiner und aller Umstehenden Überraschung aber blieb der erwartete Wutanfall aus.
»Ich will dir deine unüberlegten Worte nachsehen, Bodwien. Sicher haben wir das Problem, so viele zusätzliche Leute zu versorgen. Du zerbrichst dir Tag und Nacht den Kopf darüber. Aber du weißt, dass unsere Abtei nicht nur die Kraft hat, eine Krise wie diese zu meistern, sondern auch in des Kaisers Schuld steht.«
Bodwien wollte widersprechen. Aber Adalhard war jetzt in seinem Element:
»Die Nachrichten, die mich aus Aachen erreichen, sind beunruhigend. Die Sachsen kommen nicht zur Ruhe. Auch an der Grenze zu den Dänen braut sich was zusammen, von den Awaren ganz zu schweigen. Kaiser Karl braucht unsere Unterstützung.«
»Gott sei Dank, sind wir hier weit genug entfernt davon«, warf Bodwien ein.
»Eben darum, lieber Cellerar, ließ der Kaiser die Leute aus dem aufrührerischen Norden deportieren und bei uns ansiedeln.«
»Aber deshalb müssen wir sie ja nicht wie unsere eigenen Leute behandeln!«, warf er mürrisch ein.
»Das ist ein gefährlicher Irrtum, Cellerar! Diese Leute roden unsere Wälder, bauen unsere Brücken, mähen und dreschen unsere Gerste. Gründe genug, sie ordentlich zu behandeln!
Trefft also gefälligst alle Vorkehrungen!«
Adalhard wandte sich gerade zum Gehen, als der Klosterpförtner ihnen entgegen hastete.
»Vater Abt«, sagte er völlig außer Atem, »wir haben gerade Nachricht von einem Boten des Bischofs von Amiens. Dreizehn Langboote rudern flussaufwärts auf die Stadt zu.«
Adalhard wusste, wie unwahrscheinlich es war, dass sie der alten Römerfestung an der Somme gefährlich werden konnten.
Amiens hatte feste Mauern bis zum Hafen hinunter. Was aber, wenn die Dänen gar nicht die Stadt zum Ziel hatten, sondern weiter stromaufwärts sich ihre Abtei zur Plünderung ausgesucht hatten? Adalhard machte eine besorgte Miene.
Die Abtei Corbie lag auf einem Geestrücken und war, außer von Osten, durch Sümpfe und Dickicht auf natürliche Weise geschützt. An der offenen Flanke aber waren Mauern und Tore besonders stark befestigt. Zur Not würden sie sich ihrer Haut erwehren oder in der Kirche verschanzen.
Ein Überraschungsangriff wie auf Lindisfarne vor der Küste Norththumbriens würde nicht mehr gelingen. Die Ereignisse dort hatten vor Jahren die ganze Christenheit erschüttert. Niemand hatte sich vorstellen können, dass ein solcher Überfall von See her geschieht, hatte ihm Alkuin damals geschrieben.
Der einflussreiche Berater am Hofe seines Vetters, des Kaisers, stammte selbst aus Britannien und hatte von dort Nachrichten aus erster Hand über den grausamen Überfall bekommen.
Seitdem rissen die Schreckensmeldungen nicht mehr ab.
Auch die Inselabtei Iona in Schottland war ein Opfer der Überfälle geworden. Adalhard kannte die Berichte aus Ulster:
»Nordmänner überall! Kein Hafen, kein Kloster, keine Stadt ist vor ihnen sicher! Sie greifen nach Beute, verschleppen die Menschen, verheeren die Lande. Keiner vermag ihnen zu widerstehen.«
»Und nun stehen sie vor Amiens«, dachte er.
»Bodwien, lass Vorräte in die Klosterkirche schaffen.«
Augenblicklich machte der Cellerar kehrt zu seinen Magazinen.
»Bruder Prior, holt Euch kräftige Männer von den Bauernhöfen. Lasst sie und unsere Mühlenknechte bewaffnen. Sie sollen die Mauern zur Flussseite besetzen. Die Wachen an der Klosterpforte werden verdoppelt. Und wehe, der Glöckner schläft ein!«
Bald herrschte ein emsiges, fast lautloses Treiben. Alle wussten, was auf dem Spiel stand.
Es wurde Nacht. Zeit für die Komplet. Stille breitete sich über das Kloster. Von Ferne drang das Geheul eines Hundes herüber. Der Wind rüttelte an den Fenstern. Die Kerzen warfen lange Schatten auf die Säulen im hohen Chor. Adalhard sah die nervösen Blicke der Brüder. Er meinte, die Angst sogar aus ihrem Gesang heraushören zu können.
Eine dunkle Prophezeiung ließ ihn nicht los: »Seht, ein Volk zieht vom Nordland heran. Ein großes Volk bricht auf von den Grenzen der Erde. Sie kommen mit Bogen und Sichelschwert, grausam sind sie und ohne Erbarmen.«
Da erklang aus hundert Stimmen, was zu dieser Zeit die Gebete der Christenheit bewegte: »Befreie uns, Gott, vom wilden Volk der Normannen, das unsere Reiche verwüstet.«
Adalhard konnte nicht einschlafen. Das Feuer im Kamin war erloschen. Kälte drang durch die Mauern. Ihn fröstelte. Aber wohl mehr von innen. »Was Menschen einander antun! Zu welchen Grausamkeiten wir fähig sind! Ganze Stämme und Völkerschaften unterjochen wir. Tausende müssen über die Klinge springen, wenn sie die Taufe verweigern«, dachte er.
»Ist dieser Kampf, den wir Franken zur Verbreitung des Christentums führen, wirklich rechtens? Wie können wir uns da über die Nordmänner beschweren?« Adalhard zweifelte.
An Steuerbord passierten sie gerade die südlichen Vorwerke von Amiens, als ein Raunen durch die Ruderbänke ging.
»Sie haben uns entdeckt!«, knurrte Uffe verdrießlich seinem Vordermann über die Schulter.
»Ja, die Signalfeuer springen von Dorf zu Dorf«, antwortete Thordis. »Schneller, als wir gegen den Strom vorankommen.«
Ihre entblößten Oberkörper waren schweißbedeckt. Die Muskeln schmerzten. Trotzdem trieb ihr Kommandant sie weiter an: »Legt einen Schlag zu!«
Thordis sah die Stadt näher kommen. Dunkel und bedrohlich erhoben sich vor ihnen die Mauern in der Morgendämmerung. Soviel war schon zu erkennen: Das Tor zum Hafen war geschlossen. Die Landungsbrücken waren leer. Nur Lanzenspitzen und Helme lugten hinter den Zinnen hervor. Sie wurden erwartet.
Thordis verstand nicht, was Hakon vorhatte. Es war doch offensichtlich, dass sie sich hier nur blutige Köpfe holen konnten.
Fast im gleichen Augenblick tönte das Kommando: »Ruder halt! Bleibt mit den Booten in der Flussmitte!«
Gleich darauf der nächste Befehl:
»Zehn Mann mit mir über Bord! Wir kapern den fetten Handelssegler dort drüben.« Hakon zeigte auf ein großes, bauchiges Schiff an der Flussseite des Anlegers, dessen tiefe Lage volle Ladung ahnen ließ.
Der Steuermann ihres Bootes bestimmte Uffe und ihn für das Himmelfahrtskommando.
Jetzt musste es schnell gehen. Sie ließen sich über die Bordwand gleiten. Mit kräftigen Zügen schwammen sie in Richtung des Anlegers. Kaum waren sie in Reichweite der Bogenschützen, hagelte es Pfeile von den Mauern. Er sah, wie es Uffe vor ihm traf. Der Pfeil bohrte sich in seinen Nacken. Lautlos ging er unter. Endlich hatten sie das Boot erreicht, zogen sich an Bord und suchten Schutz hinter den Planken.
»Thordis, komm rüber!«, rief Hakon. Und zu den anderen:
»Deckt uns mit den Schilden an der Reling!«
Geduckt kappten sie die Taue und stießen das Boot mit den Riemen vom Anleger ab.
»Kopf runter! Den Rest erledigt die Strömung«, hörte Thordis zu einer Erleichterung.
Die List ging auf. Als die Verteidiger begriffen, was sie vorhatten, machten sie einen Ausfall durch das Hafentor und stürmten auf die Landungsbrücke. Doch da waren sie schon in der Mitte des Stroms und wurden vom nächsten Langboot ins Schlepptau genommen. Mit voller Kraft legten sich die Ruderer in die Riemen.
Thordis konnte sich ein Grinsen über die Unverfrorenheit ihres Kommandanten nicht verkneifen. Das war nach seinem Geschmack. Auch ihn konnte man leicht unterschätzen. Selbst von kleiner, drahtiger Statur, überraschte er seine Gegner oft durch Gerissenheit und Schläue.
Selbstzufrieden hockte er im gekaperten Schiff auf einem dicken Ballen friesischen Tuchs, für das man auf den Märkten ein Vermögen bekommen würde. Fässer und Truhen stapelten sich im Schiffsbauch unter Deck. Die Mädchen würden ihm bei der Rückkehr schöne Augen machen, wenn er von ihrem Coup erzählte. Soviel war sicher. Nur Uffe hatte dran glauben müssen. »Schade um den Kerl«, dachte Thordis.
Als die Mittagssonne am Himmel stand, war der Spuk vorbei. Wieder war es ein berittener Bote, der die Entwarnung brachte. Adalhard empfing ihn vor dem Abtshaus.
»Die Nordmänner haben einen Handelssegler mitgehen lassen. Aber die Stadt war nicht in Gefahr. Wir hörten, dass sie auf ihrem Rückzug flussabwärts weitere Fischerdörfer überfallen und junge Frauen und Männer verschleppt haben.«
»Ich mag mir nicht ausmalen, was denen in der Sklaverei bevorsteht«, dachte der Abt.
»Vielleicht wollten sie nur unsere Schwachstellen auskundschaften«, sagte der Prior. »Und beim nächsten Mal kommen sie mit hundert Booten.«
Adalhard ahnte, dass der Prior mit dieser Einschätzung Recht behalten könnte.
»Bruder Prior, schick mir bitte einen der Schreiber ins Abtshaus. Ich muss die anderen Abteien warnen und dem Kaiser berichten.«
Die Wege der Boten, die von Corbie ausgesandt wurden, waren weit und gefährlich. Bis zur Küste waren es drei Tagesreisen. Von dort brauchte man einen weiteren Tag, um nach Britannien überzusetzen und noch einen, um an den Sitz des Erzbischofs von Canterbury zu gelangen. Die Brüder reisten auch auf der alten Römerstraße nach Tours in Südgallien. Andere folgten der Heerstraße nach Osten, über Lüttich und Aachen.
Nicht alle, die der Abt aussandte, kehrten wohlbehalten zurück. Weite Landstriche, die sie durchwanderten, waren kaum bevölkert, die Wälder endlos und undurchdringlich. Für die Einheimischen waren Fremde eine Bedrohung. Selbst die Mönchskutte schützte nicht vor Übergriffen.
Boten waren die Augen und Ohren in einer Welt, die unvorstellbar groß geworden war und voll unbekannten Wissens.
Aber nicht nur Informationen gingen hin und her. Kostbare Kodizes und Kopien von antiken Schriften wechselten die Besitzer, um in Corbies Skriptorium abgeschrieben zu werden.
Die Benediktiner von Corbie waren stolz darauf, dass ihre wohlhabende Abtei eines der bekanntesten Skriptorien unterhielt und zu den großen Schulen des Reiches gehörte.
»Aber das wissen wohl inzwischen auch die Nordmänner, dass bei uns etwas zu holen ist. Nur eine Frage der Zeit, bis sie es erneut versuchen werden«, befürchtete der Abt.
Die See war rau. Von Westen wehte eine scharfe Brise und trieb Schaumwolken übers Deck. Sie mussten das Segel reffen.
Für die Kinder und Frauen hatten sie zwischen Masten und Achtersteven Segeltuch gespannt. Darunter hockten sie eng an eng und froren: die Familien von Torge, Viggo, Ingwar und Torges Schmiedegesellen, Holm und Okke. Zusammen waren sie zwanzig Personen an Bord. Die Kisten mit dem nötigsten Hausrat und den Gerätschaften waren unter den Decksplanken verstaut. In der Bootsmitte rund um den Mast hatten sie die schweren Eisenbarren gestapelt.
Torges Boot lag tief im Wasser und war hinter die Langschiffe der Dänen zurückgefallen. Doch eines der dänischen Schiffe blieb auf Sichtweite und ließ jeden Fluchtversuch von vornherein aussichtslos erscheinen. Wohin auch hätten sie fliehen sollen?
Bei Einbruch der Dämmerung setzte das Leitschiff ein Feuersignal an der Küste, wo die Flotte für die Nacht vor Anker gehen sollte. Wenn sie ihren Frachtsegler auf den schmalen Sandstrand setzten, brannten schon etliche Lagerfeuer, an denen sich die Leute wärmten und eine warme Mahlzeit vorbereiteten.
Am nächsten Tag zur Mittagszeit stand die angekündigte Einfahrt in den Fjord bevor. Die Flotte schien darauf gewartet zu haben, dass Torges Boot aufschloss. Dann ruderte ein Schiff nach dem anderen auf eine bestimmte Stelle im Mündungsgebiet zu, die durch einen Reisigbaum markiert war.
»Diese Stelle dürft ihr nicht verfehlen«, hatte einer der dänischen Steuermänner ihnen eingeschärft. »Setzt euch an die Ruder und holt das Segel ein. Sonst lauft ihr Gefahr, dass die Strömung euch auf eine Untiefe treibt.«
Erst jetzt entdeckte Torge die Landmarken zu beiden Seiten der Mündung. Erdhügel mit einer Kuppe aus Findlingen signalisierten ihm und den Steuermännern der vorausfahrenden Boote die Einfahrt zum Fjord.
Die Mündung war breit. Aber schon bald verengte sie sich wieder. Noch eine Tagesreise, und sie würden ihr Ziel erreicht haben, hatte man ihnen gesagt.
Am südlichen Ufer der Schlei schlugen sie ihr letztes Lager auf. Diesmal waren es nicht nur die Feuer am Ufer, denen sie, wie immer als letztes der Schiffe, entgegenfuhren. Landeinwärts duckten sich niedrige Hütten vor einem Eichenwald.
Lichter flackerten. Geräusche wehten herüber. Das Dorf bereitete sich im letzten Tageslicht auf die Nacht vor.
Zu später Stunde hörte Torge, wie sich Stimmen näherten.
Er sah, dass ihr Anführer eine Gruppe Fremder in der Mitte des Lagers empfing.
Torge suchte einen Vorwand und bat beim nächst liegenden Feuerplatz um Holz. Von dort aus wurde er stiller Zeuge der nächtlichen Begegnung mit den Soldaten eines dänischen Wachpostens.
»Gab es Vorkommnisse seit unserer Ausfahrt?«, fragte sie ihr Kommandant.
»Nichts Außergewöhnliches«, antwortete der Anführer der Wache. »Frachtschiffe wie üblich und jede Menge Fischerboote auf Heringsfang. Nur ein einziges Kriegsschiff mit Kurs Gotland. Trotzdem, seid auf der Hut, wenn ihr morgen weiterfahrt!«
»Warum?«, fragte der Kommandant erstaunt.
»Wir haben Nachricht aus den Dörfern im Süden, dass eine berittene Truppe die Gegend unsicher macht. Abodriten!
Sie sind uns ausgewichen, scheinen aber darauf aus zu sein, Schwachstellen auszukundschaften.«
Tatsächlich kannten sie diese Vorstöße seit Jahren. Der Fjord verlief unmittelbar im Grenzgebiet zu Transalbingen, das in den vergangenen Jahren von slawischen Stämmen überfallen und zeitweise besetzt worden war. Die größere Gefahr aber lauerte noch weiter im Süden. Nachdem die Sachsen unterworfen waren, verging kein Jahr ohne Vorstöße der Franken über die Elbe nach Norden.
»Schickt mit dem ersten Morgenlicht einen Reiter zu den anderen Posten, um unsere Durchfahrt zu melden. Wir wollen nicht in Beschuss geraten.« Mit diesem Befehl entließ der Kommandant die Wachen.
Auf der letzten Etappe weitete sich der Fjord mehrmals zu einem See, um sich dann abrupt zu verengen, was sie in Reichweite von Bogenschützen brachte. Blieb zu hoffen, dass es Dienstleute der Schleihäuptlinge waren, die dort wie gewohnt im Auftrag des Königs die Passagen kontrollierten.
»Torge, schau nach Steuerbord!«, rief ihm Viggo vom vorderen Steven zu.
Was Viggos Aufmerksamkeit so plötzlich auf sich gezogen hatte, war ein Bauwerk mitten im Fjord, wie sie es noch nicht gesehen hatten. Hölzerne Plattformen aus tausenden Palisaden ragten aus dem seichten Nordufer bis zur Fahrrinne, die sich durch die Strömung auf natürliche Weise gebildet hatte.
Auf ihnen hatte man Planken und eine Brustwehr errichtet.
Dahinter patrouillierten schwer bewaffnete Krieger.
Erst vor wenigen Jahren hatte der König dieses Sperrwerk zum Schutz der Handelswege und seines Hofes errichten lassen. Hier konnte niemand unbemerkt den Fjord durchfahren oder über die nahe gelegene Furt nach Norden übersetzen.
Die Boote fuhren dicht auf. Torges Boot konnte jetzt mithalten, denn die Dänen hatten ihre Fahrt verlangsamt. Die Stimmung auf den Schiffen war ausgelassen. Der heimatliche Hafen lag nur wenige Striche voraus. Ein letztes Manöver, und dann lag das Ziel vor ihnen: Haithabu!
Geschützt vom Noor, einer Seitenbucht des Fjords, der hier endete, umgeben von Schilf, Heide und Mooren, erhob sich, leicht ansteigend, eine stattliche Ansammlung von Häusern, Hütten, Ställen und Schuppen. Der Hafen lag voller Boote unterschiedlicher Größe, Bauart und Herkunft. So viel konnten Torge und seine Leute erkennen.
Auch das Hafenbecken war von einem Sperrwerk umgeben.
Sie steuerten durch den schmalen Durchlass, argwöhnisch von den Wächtern beobachtet, die wohl alle Fremden auf diese Weise musterten. Ein Sprachengewirr feilschender Händler, Seeleute und Handwerker schlug ihnen von den Landungsbrücken entgegen, wie sie es von Reric kannten.
An einem für die Flotte reservierten Anleger machten die Dänen ihre Boote fest und begannen mit dem Entladen. Torge tat es ihnen gleich.
Hier also sollten sie Fuß fassen: 25 deportierte Familien. Darunter Bootsbauer, Glasbläser, Gerber, Stellmacher, Tischler, Segelmacher, Seilflechter und Tuchschneider. Auch Kaufleute, die über gute Handelsbeziehungen ins östliche Meer verfügten und Steuermänner, die die Routen dorthin kannten. Von ihrem Wissen und Können wollte die Stadt profitieren – und die königliche Steuerkasse auch.
Ivar und Edin konnten es kaum erwarten, das Boot zu verlassen. Sigrun hatte ihren Arm um Swawa gelegt, die sich weigerte, von Bord zu gehen.
»Sieh nur, Swawa«, sagte Sigrun, »hier werden wir ein neues Zuhause finden.« Swawa blickte stumm vor sich hin. Nur eine Träne verriet, was in ihr vorging.
Obwohl sie weit über 15o neue Gesichter waren, die den Booten mit Sack und Pack entstiegen, nahmen die Händler und Seeleute auf den benachbarten Anlegern kaum Notiz von ihnen. Das änderte sich erst, als die Sklaven an Land gebracht wurden. Mit Beschimpfungen und Stößen trieb man sie aus den engen Schiffsbäuchen der dänischen Langboote, wo sie tagelang verharrt hatten. Augenblicklich bildete sich eine Traube von Menschen um sie herum, in der Erwartung, die Schiffsführer würden ihre menschliche Fracht wie gewohnt auf dem Markt feilbieten. Aber der dänische Kommandant schnauzte sie an:
»Macht Platz! Diese Sklaven gehören dem König und werden in den Webereien arbeiten.«
Man sah den Leuten an, dass sie unzufrieden waren. Haithabu brauchte frische Arbeitskräfte. Einer machte seinem Unmut Luft:
»Der König will unsere Steuern. Dann muss er auch dafür sorgen, dass wir unsere Arbeit schaffen!«
Gefesselt stolperten die Gefangenen in einer langen Reihe über den Bohlenweg stadteinwärts, bis sie am anderen Ende der Siedlung wieder auf freies Feld stießen. Niedrige Grubenhäuser nahmen sie dort auf und boten dürftigen Schutz.
Frauen und Kinder wurden von den Männern getrennt. Sie wurden in unterschiedliche Lager geführt. Die Hütten waren halb in das Erdreich eingelassen. In der Mitte des einzigen Raumes war eine Feuerstelle. Entlang der mit Moos und Lehm gestopften Wände aus Weidenflechtwerk hatte man Stroh ausgebreitet, auf dem sie schlafen konnten.
»Das sind eure Aufseher«, deutete der Anführer der Eskorte auf eine Handvoll Bewaffneter. »Versucht nicht, euch aus dem Staub zu machen. Weit würdet ihr nicht kommen!«
Bohana und Danja hatten sich schon auf dem Transport kennengelernt. Nun betraten sie zusammen mit anderen Frauen und ihren Kindern die ihnen zugewiesene Erdhütte. Die Kinder froren und weinten still vor sich.
Bohana war die Frau des Hafenmeisters von Reric. Ihn hatten die Dänen beim ersten Ansturm erschlagen. Ihre Freundin Danja hatte mitansehen müssen, wie ihr Haus in Flammen aufging, aber wenigstens war ihre Familie zusammengeblieben.
Nun aber wurde ihr Mann fortgeführt. Sie hatte Angst um ihn.
Ihre größte Sorge aber galt ihrem Kind, das die Überfahrt nur mit Not überstanden hatte.
»Macht ein Feuer!« Dahinten in der Kiste findet ihr ein paar Vorräte«, sagte die Aufseherin. »Morgen bei Sonnenaufgang hole ich euch zur Arbeit. Eine von euch bleibt zurück und kümmert sich um die Kinder!«
Vor den Familien der Handwerker und Händler baute sich am Rande des Hafens ein großer, vornehm gekleideter Däne auf: »Ich bin Ragnar, der Wikgraf. Ihr untersteht meinem Schutz und haltet euch gefälligst an meine Anordnungen.«
Es würde nicht schaden, den Neuankömmlingen von Anfang an klarzumachen, wie die Dinge hier liefen. Als Wikgraf handelte er mit Vollmacht des Königs und vertrat diesen im Thing der freien Männer von Haithabu.
»Wie geht es jetzt weiter?«, fragte Torge und schaute dem Wikgrafen selbstbewusst in die Augen.
»Ihr habt uns alles genommen, was wir uns aufgebaut hatten«, warf Viggo von der Seite ein. Und Ingwar, der Stellmacher, sprach laut und fordernd aus, was alle dachten: »Wir sind Nordleute wie ihr und freie Menschen! Wir erwarten Entschädigung!«
Man sah dem Wikgrafen an, dass er sich kaum noch beherrschen konnte. Gleichwohl schien er die Situation beruhigen zu wollen:
»Nun mal langsam! Es ist das Königs Wille, dass ihr Teil dieser Stadt werdet, als geachtete Handwerker und Händler.«
»Wie stellt ihr euch das vor?«, rief ein anderer von hinten in die Runde.
»Jeder Meister und Kaufmann wird mit einem Stück Land belehnt. Darauf könnt ihr euch bis zum Winter neue Hallen, Kontore und Werkstätten errichten. Was ihr sonst an Unterstützung und Hilfe beim Aufbau braucht, besprecht ihr in den Gilden, in die ihr aufgenommen werdet.«
Die Leute aus Reric mussten anerkennen, dass ihre Deportation einem wohl durchdachten Plan folgte.
Schließlich ergriff Torge ein weiteres Mal das Wort: »Wikgraf, wer entscheidet über die Vergabe der Grundstücke? Wir hatten schließlich Nachbarn, mit denen wollen wir zusammenbleiben.« Natürlich dachte er dabei an Viggo und Geva ebenso wie an Ingwar und Ulfhild.
»Besprecht das mit Guthorm. Des Königs erster Baumeister wird euch zur Seite stehen. Es gibt nur eine Regel: Handwerker, die mit Feuer arbeiten, müssen sich am Stadtrand ansiedeln.
Wie ich hörte, bist du Schmied. Also trifft das auf dich zu.«
Auch Viggo arbeitete mit Feuer, wenn er das Glas für seine Perlen schmolz. Genauso Ingwar, der die eisernen Beschläge für Wagen, Fässer und Truhen erhitzen musste, um sie anzupassen.
»Glück gehabt!«, flüsterte Embla lächelnd zu Geva und Ulfhild hinüber. »Also weiter auf gute Nachbarschaft!«
Nachdem sie auseinandergegangen waren, beluden sie die bereit gestellten Karren mit ihren Sachen. Torge konnte die Leute überreden, ihm ein Gespann Ochsen zur Verfügung zu stellen, um seine schwere Fracht an Ort und Stelle zu transportieren.
Als sie das ihnen zugewiesene Gelände erreichten, konnten sie ihre neue Umgebung von der erhöhten Lage aus gut überblicken. Vor ihnen breitete sich eine weite, freie Fläche aus.
Wildblumen, wohin das Auge schaute. Ein Bach verlief quer durch die Wiesen bis zum Noor. Südlich erblickten sie in einiger Entfernung eine Ansammlung von Gehöften. Klein gewachsene Rinder grasten im Sumpfland, das nach Nord-Osten angrenzte und in ein schier endloses Schilfmeer überging. Auf den Weiden sahen sie unzählige Schafe, in Flechtzäunen eingepfercht. Eine Gruppe von Grabhügeln erhob sich aus der Landschaft, der die Stadt ihren Namen verdankte: Haithabu, Stadt auf der Heide.
»Wann wurde Haithabu errichtet?«, fragte Torge den Karrenführer.
»Das ist kaum ein halbes Jahrhundert her. Friesische Kaufleute haben den Platz entdeckt und das Noor als Hafen genutzt.«
»Es heißt, auch der König habe ganz in der Nähe seinen Sitz.«
»Ja, Göttrik hat seinen Königshof am gegenüberliegenden Ufer errichten lassen. Von dort aus herrscht er über Jütland und die Inseln.«
Aus den Dächern der Hallen am Hafen quoll der Rauch vieler Feuerstellen. Ochsenkarren und Lastenträger waren auf den Bohlenwegen unterwegs und besorgten den Transport von Waren und Gütern, die im Hafen gelöscht und umgeschlagen wurden. Im Norden wurde der Blick durch eine Anhöhe begrenzt, auf der sie einen Ringwall mit Palisaden erkennen konnten.
Das war die Hochburg zum Schutz des Hafens, von der man ihnen erzählt hatte.
Die Baumaterialien lagen wie angekündigt bereit: Holz, Weidenruten, Reet und jede Menge Findlinge. Am Rande ihrer Grundstücke waren Zelte errichtet, wo sie zunächst unterkommen konnten. Selbst den Bohlenweg hatte man aus der Stadt behelfsmäßig heraufgeführt und damit die feuchten Mulden überbrückt. Zumindest äußerlich war an alles gedacht. Ob sie hier irgendwann heimisch und gar dazugehören würden? Jetzt hatten sie erst einmal andere Sorgen. Der Sommer war angebrochen. Sie mussten ihn nutzen, um ein festes Dach über den Kopf zu bekommen.
Die Frauen hatten versucht, es sich in ihrem Grubenhaus einzurichten. Aber so spärlich wie die Ausstattung war, die man ihnen zur Verfügung stellte, schien das fast unmöglich zu sein.
Ein paar schmutzige Felle und lumpige Wolldecken, die schon andere vor ihnen gebraucht hatten, sollten sie nachts wärmen.
Sie waren nicht die ersten, die an diesem finsteren Ort überleben wollten.
Als Bohana und Danja am nächsten Morgen zu den Hütten der Weberei kamen, trafen sie auf Frauen und Mädchen, die mit ihnen das gleiche Los teilten. Sie sprachen Friesisch und Slawisch, Sächsisch und einen merkwürdigen Singsang, den sie zuerst nicht zuordnen konnten. Es waren Kriegsgefangene aus dem Land der Samen. Sie alle waren Opfer von Überfällen geworden und hatten ihre Heimat verloren.
Die Vorarbeiterin wies ihnen einen Webstuhl zu.
»Lasst euch von eurer Nachbarin zeigen, was ihr zu tun habt.
Die nächsten Tage habt ihr noch Schonfrist. Danach erwarte ich, dass ihr das Tagespensum schafft.«
Anfangs waren die Frauen an den Webstühlen neben ihnen wenig erfreut, die Fremden anzulernen. Es kostete ihre Zeit und, wenn es schlecht lief, einen Teil ihrer Tagesration.
Halbwüchsige Mädchen spannen die dünnen Fäden auf Spindeln, die ihnen die Weberinnen abnahmen. Schlichte, feste Wolle, aus der die Bahnen für das Segeltuch entstanden.
Kaum ein Lichtstrahl fiel in die Hütten. Talglichter brannten. Dass es Abend geworden war, merkten sie an ihrer Erschöpfung. Ihre Hände schmerzten, die Augen tränten, weil sie der feine Wollstaub reizte, der sich wie ein dünner Schleier auf alles legte. Manche der Frauen und Mädchen, die hier schon länger arbeiteten, quälte ein trockener Husten. Tagein tagaus ohne Ruhetag - ein Leben wie in der Hölle.
In den folgenden Wochen und Monaten wurden Bohana und Danja Teil dieses Räderwerks, das mit großer Präzision ablief.
Die Aufseherin beobachtete sie argwöhnisch. Vielleicht, weil sie zu viel fragten oder nach der Schufterei abends manchmal einen Blick in die Nachbarhütten warfen. Sie wollten herausfinden, wo sie waren.
Man brauchte in der Regel einen ganzen Monat, um genug Stoffbahnen für ein einziges Großsegel gewebt zu haben. Die Arbeit von 2o Weberinnen zehn Stunden täglich war dafür erforderlich. In den Nachbarhütten wurden die Bahnen zusammengenäht. Oft kamen die Frauen, die dort eingesetzt waren, abends mit blutenden Händen nach Hause.
Um das Tuch wetterfest zu machen, wurde es auf den Wiesen ausgebreitet und mit einem Gemisch aus heißem Teer, Fett und Fischöl bestrichen. Das war die Arbeit der Männer aus dem anderen Lager.
Wie viele Menschen für diese auszehrende Arbeit wohl schon versklavt worden waren, fragten sie sich manchmal.
Der Anzahl der Grubenhäuser nach mussten es viele hunderte sein. Denn auch die wetterfeste Kleidung der Krieger und Seeleute, ihre Zelte und Planen wurden hier am Rande der Stadt gefertigt.
Niemand wurde hier alt. Schwer traf sie die Strafe der Kürzung ihrer Tagesration. Die bestand ohnehin nur aus einer Handvoll Hirse und Gemüse. Nach wenigen Monaten waren sie so entkräftet, dass sie ihre Arbeit kaum noch schafften.
»Wir müssen durchhalten«, flüsterte Bohana ihrer Freundin vor dem Einschlafen zu.
Sie hatten sich an ihre Kinder geschmiegt. Danjas Tochter hatte sich vom Fieber erholt und neue Kraft geschöpft. Sie war ein wunderbar fröhliches Kind.
Als sie abends zusammensaßen, berichtete eine der Frauen:
»Heute ist im Männerlager ein Unfall passiert. Der Kessel mit dem Teergemisch ist beim Abfüllen umgekippt und hat einen der Männer verbrannt. Sie haben ihn drüben auf dem Gräberfeld verscharrt.«
Danja schmerzte der Gedanke an ihren Mann. Sie hatte Angst, dass auch er einmal unter den Verunglückten sein könnte, die es fast täglich gab.
Waren die Männer nicht beim Tünchen der Segel und Teerender Schiffsrümpfe eingesetzt, wurden sie truppweise zum Holztransport in die Wälder abkommandiert. Oder sie mussten im Hafen die maroden Palisaden austauschen.
»Wer weiß, wann wir dort oben liegen? Niemand wird sich erinnern, woher wir kamen und wer wir waren. Nur namenlose Schicksale«, flüsterte Danja Bohana zu.
Ein schwüler Spätsommertag lag über der Stadt. Ein Gewitter bahnte sich an, wie es die Stadtbewohner fürchteten. Die reetgedeckten Häuser brannten lichterloh, wenn es einschlug.
Beim letzten Mal hatte es ein Frachtschiff im Hafen getroffen, das voll beladen in See stechen wollte. Nur mit einem Sprung ins Wasser hatten sich die Seeleute retten können.
Wie alle Kinder hatten auch Ivar und Edin Angst. Hatte man ihnen doch von früh auf erzählt, dass es das zornige Grollen von Thor war, der mit seinem Hammer Blitze schlug.
Sie zogen sich nach drinnen zurück, wo sich bald auch der Rest der Familie und der Gesellen einfand, die mit Torge und Embla das neu errichtete Langhaus bewohnten.
Ivar und Edin hatten Tag für Tag miterlebt, wie ihr neues Zuhause Gestalt annahm. Auch auf den Nachbargrundstücken von Viggo und Ingwar war das gleiche Treiben zu beobachten gewesen. Torge und seine Gesellen, Holm und Okke, Viggo und Ingwar, hatten sich zusammengetan und ihre Häuser und Werkstätten gemeinsam aufgebaut. Die Handwerkergilde hatte ihnen zusätzlich ein paar Hilfsarbeiter zur Verfügung gestellt.
Embla, Geva und Ulfhild hatten alle Hände voll zu tun, die hungrigen Mäuler zu stopfen. Das Herdfeuer ging nie aus, das sie zunächst in einer Behelfshütte und später in der ersten der neu errichteten Wohnhallen schürten. Schweinefleisch brutzelte über der Glut, und zur Abwechslung gab es Salzhering und Stockfisch, Kohl und Wurzelgemüse vom Markt – und schon war einer der begehrten Eintöpfe fertig.
Edin schaute aus dem Tor. Der Himmel war schwarz. Ein Regenschauer prasselte nieder. Der kleine Bach, der ihr Grundstück durchzog, trat über die Ufer. Die Schafe auf den benachbarten Weiden hatten unter einer Linde Schutz gesucht. Vom Hafen und angrenzenden Noor war fast nichts mehr zu sehen.
Den Wolken folgte ein scharfer Westwind, der alles mit sich riss, was nicht niet- und nagelfest war. Schon krachten die ersten Blitze. Einer von ihnen musste im Wald eingeschlagen haben. Wenige Sekunden später grollten die Donner. Weitere Blitze schlugen ein. Plötzlich sah Edin, wie oberhalb der Stadt bei den Grubenhäusern ein Feuer loderte.
»Kommt schnell!«, rief er in die Halle. Dort oben musste es ein Grubenhaus getroffen haben.
»Die armen Menschen!«, sagte Embla. »Sie besitzen ohnehin kaum etwas, jetzt verlieren sie auch noch das Letzte.«
»Dabei waren sie einmal wohlhabende Bürger und glückliche Familien. Der Überfall hat alles verändert.«, sagte Torge.
»Und wir sitzen hier, hier, Odin sei Dank, in unseren festen Häusern.«
»Warum schleudert Thor seine Blitze auf diese armen Menschen?«, fragte Edin.
»Niemand weiß, wie die Götter die Geschicke der Menschen lenken«, versuchte sich Torge herauszureden.
»Was hat das mit den Göttern zu tun?«, hielt Embla dagegen.
»Hat das Schicksal der Sklaven je einen Gott gekümmert?«
Torge fühlte wie Embla. Spätestens seit der Deportation waren ihre alten Gewissheiten erschüttert. Aber was sollten sie ihren Kindern weitergeben, wenn sie selbst anfingen, an der Vorsehung zu zweifeln?
Ivar und Edin waren zehn und elf Winter alt und damit kräftig genug, den Bauleuten zur Hand zu gehen. Es hatte damit begonnen, dass die Männer die Eichen- und Buchenstämme spalteten. Das war eine Kunst für sich, die Ingwar wie im Schlaf beherrschte. Man trieb Holzkeile in den Stamm, bis dieser sich der Länge nach spaltete. So entstanden die spitz zulaufenden Bohlen, die die Jungen zur Baustelle schleppten.
Die breite Seite der Bohlen kerbte man ein, so dass die nächste Bohle waagerecht mit ihr verbunden werden konnte. Auf diese Weise entstanden die Außenwände. Sicher und fest genug, um dem Funkenflug und, wenn nötig, auch feindlichen Äxten zu widerstehen.
Die Dachsparren aus Rundhölzern verband man mit Flechtwerk aus Weidenruten. Auf das Gerüst schichtete man mehrere Lagen Reet, das unten am Noor geschnitten und getrocknet wurde.
Schmale Luken in den Außenwänden ließen Luft und Licht herein. Die Haupt- und Seitentüren waren dank Torges Schmiedekunst mit eisernen Bändern und Riegeln versehen, was eine Ausnahme war und von seinen Nachbarn bewundert wurde.
Torge hatte mit seinen Gesellen eine Esse errichtet, die mit einem Segeltuch vor Wind und Wetter geschützt war. Bald glühten die Eisenstäbe im Holzkohlenfeuer. Auf dem Amboss wurden alle notwendigen Gerätschaften geschmiedet, vor allem Nägel, die man für den Bau brauchte.
Nachdem das Dach der Halle eingedeckt war, ging es an den Innenausbau. Edin und Ivar rollten faustgroße Findlinge in die Mitte des Raums und schichteten Lehm darüber, den sie aus einer nahen Grube herbei karrten. So entstand eine vor Bodenfeuchte geschützte Fläche für das offene Feuer. Ringsum an den Wänden lagen dicke Felle und Wolldecken auf den Holzbänken für ihre Nachtlager.
Ein großer Teil ihres Lebens spielte sich in dieser Halle ab.
Was immer geschah, es fand unter den Augen und Ohren aller anderen statt: Zeugung und Geburt, Krankheit und Schmerz, Fest und Freude. Und bald würde man auch wieder Gäste empfangen und beköstigen, wie es seit altersher Brauch war.
Wenn die Erwachsenen die Kinder schlafend wähnten und, beschwingt von Met und Bier, Geschichten zum Besten gaben, spitzten Edin und Ivar ihre Ohren. Sie hörten sie von ihrer Kindheit erzählen und der harten Arbeit auf den Berghöfen. Von den Großeltern, die ihr Dorf nie verlassen hatten.
Von lodernden Feuern zu Mittsommer an den steilen Hängen der Fjorde. Vom Erschauern über Wasserleichen und dem Ausbleiben der Boote, die auf dem Meer verschollen waren. Vom Überlebenskampf in Hungerwintern und vom Aufbruch ins Ungewisse, als die Not unerträglich wurde. Am meisten berührte es sie jedesmal, wenn ihre Mutter erzählte, wie sie bei Edins Geburt fast gestorben wäre, hätte eine alte Frau ihm nicht mit ein paar geschickten Griffen ins Leben geholfen und damit beide gerettet.
Die Spannung stieg, wenn die Rede auf die Vikings kam und die Krieger, die übers Meer an unbekannte Küsten segelten, um Beute zu machen und Ruhm zu erwerben.
Ihre Halle war voller Geschichten, mit denen sie aufwuchsen und die ihnen das Gefühl gaben, dass auch sie einmal in dieser Kette ihrer Vorfahren Platz finden würden.
Im Spätsommer waren auch die Hauptgebäude von Viggo und Ingwar errichtet. Dazu ein paar kleinere Häuser für ihre Werkstätten, die sie nur aus Weidengeflecht bauten, das mit Lehm abgedichtet wurde. Eine ansehnliche Siedlung war entstanden.
Von Deportierten sprach in der Stadt bald niemand mehr.
Sigrun begann mit zwölf Wintern eine junge Frau zu werden. Sie zog sich jetzt öfters an einsame Plätze zurück. Besonders gern folgte sie dem Bachlauf in südliche Richtung, wo sie schon bald die Gehöfte hinter sich ließ und auf die Heide kam:
Birken und Wacholder, Erlen und Ulmen an den Niederungen und dazwischen große Flächen, die nun im Spätsommer wie ein purpurnes Meer leuchteten.
Sie spürte die Veränderungen an ihrem Körper. Sie schämte sich und errötete, wenn ihre Mutter Geva sie darauf ansprach.
Nur Swawa durfte sie manchmal auf einen ihrer Spaziergänge begleiten. Zwischen den Mädchen war eine stille Vertrautheit gewachsen. Swawa sprach noch immer nicht. Aber sie schien alles zu verstehen.
