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Der Autor wurde 1935 in der mitteldeutschen Kleinstadt Pegau geboren. Heute lebt er in St. Tönis am Niederrhein. Ausbildung: Handelsschule, Studium der Betriebswirtschaft. Tätigkeiten: In der Datenverarbeitung großer Industrieunternehmen, von 1991 bis 2005 selbständig als EDV-Berater und Dozent. Erst dann begann er zu schreiben. Dieser Zukunftsroman ist sein erster unter seinem bürgerlichen Namen. Im Jahre 2136 startet ein deutsches Raumschiff mit 735 Menschen an Bord ins Weltall. Das Ziel ist ein bereits im 21. Jahrhundert von Astronomen entdeckter bewohnbarer Planet, 15 Lichtjahre von der Erde entfernt. Eine Gruppe intelligenter Wissenschaftler, Ingenieure, Techniker und Handwerker haben das mächtige Raumschiff in 49jähriger Arbeit entwickelt. Neue Techniken, außergewöhnliche Erfindungen und andere glückliche Einflüsse machen diesen Raumflug unter erträglichen Lebensbedingungen über lange Zeit und riesige Weiten möglich.
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Seitenzahl: 299
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Für Anja, Michael, Gabriele und Hanne
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Nachwort
Nebelschwaden schleichen gemächlich über eine ebene, offene Fläche einer trostlos wirkenden Landschaft dahin. Absolute Stille herrscht. Kein Vogelschrei oder sonstige Geräusche des Lebens sind zu hören. Und nichts bewegt sich weit und breit. Die Luft ist sehr kalt, nur einige Plusgrade Celsius über dem Gefrierpunkt.
Doch was ist das? Auf einmal kommt eine laut stöhnende, wild aussehende menschliche Gestalt eiligen Schrittes aus einem kleinen, tot wirkenden Waldstück am Rande des Geländes heraus. Der Ort des Geschehens liegt nahe der einstigen Stadt Goslar am Nordrand des Harzes.
Es ist ein Mann. Er trägt keine Kopfbedeckung und sieht zum Fürchten aus. Sein Haar ist sehr lang und zerzaust, und ebenso sein borstiger Bart. Eine Art langer Mantel aus verschiedenartigen Fellen, der schmutzig und abgenutzt wirkt, umhüllt seinen Körper. Seine Füße sind mit etwas Dunklem umwickelt, was vermutlich auch aus Fell oder Lumpen besteht. In seiner rechten Hand trägt er eine etwa armlange, rostige Eisenstange.
Nach der Zeitrechnung des seit dem Jahr 1582 geltenden Gregorianischen Kalenders ist es das Jahr 2136, doch die wenigsten Menschen interessiert das noch. Das Dasein von Menschen, Tieren und Pflanzen auf der Erde ist herb und beklagenswert geworden.
Aus der Richtung, woher der Mann kam, ist jetzt Getrampel, knackendes Holz und Geschrei von sehr lauten, wilden Stimmen zu hören. Der Mann sieht sich ängstlich um, lauscht nur kurz und rennt dann schnell weiter über die vor ihm liegende Fläche offenen Geländes. Er fällt vor Erschöpfung hin, steht wankend wieder auf und stolpert weiter in Richtung einer kleinen Anhöhe, die mit großen Steinbrocken und wild ineinander verschachtelten, toten Bäumen und Ästen übersäht ist. Wo er gerade rennt, sind am Erdboden nur einzelne, welke Grashalme, Disteln, Moose, Flechten und ähnlich karges Gewächs zu sehen. Der Flüchtende sieht nach oben zu der grauen, geschlossenen und tief hängenden Wolkenmasse.
Er murmelt vor sich hin: „Hoffentlich kommt bald die Nacht, sonst ist es um mich geschehen.“
Mit seinen achtundzwanzig Jahren hat er bisher nur wenige Male in seinem Leben den blauen Himmel oder die Sterne gesehen, meistens nur in gelegentlichen, kurzen Wolkenlücken, und das auch nur in seinen jungen Lebensjahren.
Plötzlich schreckt er zusammen. Der Erdboden unter seinen Füßen und in weitem Umkreis, soweit er sehen kann, erzittert auffallend. Ein leichtes Knistern ist zu hören. Etwas kribbelt an seinen Beinen. Doch er rennt weiter zur Anhöhe hin. Es ist pure Angst, welche ihn antreibt, größer als jene vor dem Zittern des Erdbodens unter ihm. Denn kurz vorher war er dem Tode sehr nahe.
Fünf Gestalten, ähnlich wild aussehend wie der Flüchtende, erreichen jetzt auch die ebene, offene Fläche. Sie sehen ihn rennen, und einer von ihnen zeigt mit wütendem Gesichtsausdruck zu dem Flüchtenden hin.
Ein anderer, wohl der Anführer, kreischt mit lauter, heiserer Stimme: „Los, schneller! Gleich haben wir den Hund. Es wird Zeit, dass unsere Sippe was zu essen hat.“ Die Verfolger sind die Jäger einer Sippe von Menschenfressern.
Doch ganz kurz vor dem Erreichen der Anhöhe ist der Flüchtende wie von Geisterhand vom Erdboden verschwunden. Die Verfolger bleiben abrupt stehen. Sie spüren auch das Zittern der Erde und sehen sich gegenseitig ängstlich an.
Der Anführer sagt, in diesem Moment jedoch nur leise: „Der Kerl ist mit dem Bösen im Bunde. Hauen wir besser ab und versuchen es anderswo!“ Und sie laufen eilends zurück in das tote Waldstück, woher sie kamen.
Der Verfolgte aber fällt ins Bodenlose abwärts, das glaubt er wenigstens. Es ist dunkel, graust ihn, und bald wird es ihm schwindelig. Sein vermeintlicher Fall dauert lang, und er schließt insgeheim mit seinem Leben ab. Viele Stationen seines bisherigen Lebens durchrasen blitzschnell seine Gedanken. Doch dann wird sein Fall auf geheimnisvolle Weise abgebremst, und er kommt auf seine Füße zu stehen. Schnell schließt er seine Augen, geblendet von sehr hellem, leicht bläulichem Licht. Instinktiv fühlt er, dass er jetzt immer noch in Gefahr ist. Aber wie und wo, kann er nicht begreifen. Erschreckend für ihn ist auch das helle Licht, denn außer Holzfeuern hat er noch nie so helles Licht gesehen, wohl gehört, dass es früher mal elektrischen Strom gegeben habe, mit dem Lampen zum Leuchten gebracht worden sein sollen, elektrische Maschinen und andere erstaunliche Dinge angetrieben wurden. Als sich seine Augen langsam an die Helligkeit gewöhnt haben, stellt er fest, dass er sich in einem kreisrunden Raum befindet. Er schätzt ihn auf einen Durchmesser von ungefähr fünf Meter. Die runde Wand glänzt metallisch und ist um die drei Meter hoch. Das helle Licht kommt kreisförmig vom oberen Rand des Raumes. Innerhalb des Lichtkreises ist es dunkel. Und er ahnt, dass er aus diesem Dunkel heraus hier ankam.
Drei Gestalten in etwa seiner Größe treten aus einer an der Wand befindlichen Tür und umstellen ihn. Sie jagen ihm großen Schrecken ein. Zuerst sehen sie ihn nur starr und schweigend an, denn sie sind über sein Aussehen verdutzt, zeigen das mit ihren Blicken. Sie selbst tragen einheitliche Uniformen. Die Jacken sind hoch geschlossen, am Hals ist ein niedriger Stehkragen. Die Hosenbeine reichen nur bis über die Knie und liegen eng an den Oberschenkeln. Die Unterschenkel sind mit grauen Strümpfen bedeckt und die Füße mit schwarzen Schuhen. Diese Schuhe bestehen aus einem künstlichen Material, das nur wie Leder aussieht. Die gesamte Bekleidung hebt die Eleganz menschlicher Körper hervor. Die Grundfarbe der Uniformen ist helles blau. Auf ihnen sind silbern schimmernde Taschen, an der linken Brustseite Namen und Dienstbezeichnungen goldfarbig aufgebracht. Das Material der Uniformen ist leicht glänzend, für den Ankömmling von einer noch nie gesehenen Art an Kleidung, doch auch sehr sauber, ordentlich und funktionell wirkend.
„Sprichst du deutsch, Eindringling?“ fragt einer der drei, auf dessen linker Brustseite Gerd Hartlein und Sicherheitsdienst stehen, mit lauter Stimme.
„Ja“, erwidert der Gefragte mit gesenktem Kopf und ängstlicher, zittriger Stimme, „wo bin ich hier? Werdet ihr mich töten?“
„Das geht dich jetzt nichts an! Leg sofort die Stange, welche du in der Hand hast, auf den Boden, sonst müssen wir Gewalt anwenden!“ bekommt er als Antwort.
Der nun unerwartet Gefangene hatte seine Eisenstange, die für ihn eine Waffe bedeutet, auch beim tiefen Fall nicht losgelassen. Jetzt legt er sie schnell nieder.
„Woher kommst du?“ hört er erneut von Gerd.
„Meine Sippe lebt seit kurzer Zeit auf einem Lagerplatz unweit von hier“, sagt er sehr leise, „wir sind eine zusammenlebende Gruppe von Menschen mit gleichen Interessen, Sorgen und Nöten. Ich war auf der Suche nach Essbarem, also nach Pflanzen oder Tieren, als ich fünf Fremden begegnete, die mich gefangennahmen und danach fesseln wollten. Da die Fremden sehr schmächtig und ausgehungert auf mich wirkten und ich ziemlich kräftig bin, konnte ich mich wieder losreißen, meine Waffe ergreifen und fliehen. Sie sprachen auch deutsch, so wie wir in unserer Sippe.“
„Was für eine Sippe, was meinst du damit und bedeutet das?“ fragt Gerd, „und wie viele gehören dazu? Erzähl uns alles darüber! Und wieso konntest du in unseren Sicherheitsbereich eindringen? Doch sag uns zuerst deinen Namen!“
Ein zweiter Mann des Sicherheitsdienstes unterbricht: „Gerd, der Magnetschirm war für wenige Minuten heruntergestuft, weil die Antigravitationswerfer noch einmal überprüft wurden.“
„Welche Schlamperei! So etwas darf nicht vorkommen“, sagt Gerd, „es bringt unseren Abflug, wenn nicht gar unsere gesamte Zeitplanung in Gefahr.“
Der Gefangene zuckt zusammen … Abflug, denkt er. Welcher Abflug? Doch er antwortet: „Mein Name ist Michael Grether. Die Sippe, zu der ich gehöre, besteht zurzeit aus einundzwanzig Mitgliedern, zwei davon sind kleine Kinder. Ich habe keine Verwandten mehr, bin also allein unter den anderen. Wir waren früher eine größere Sippe, so um die hundert. Seit ich denken kann, sind wir ständig unterwegs, früher auch mit meinen Eltern. Wir bauen uns immer Erdhöhlen oder leben in natürlichen Höhlen, und oft können wir uns auch in Resten ehemaliger, verfallener Siedlungen einrichten. Von meinen Eltern weiß ich, dass wir ursprünglich aus einer Stadt mit dem Namen Kassel stammen. Vor einigen Jahren waren wir noch eine Art Bauern und bewirtschafteten hier und da einen kleinen Bereich. Aber die Erträge waren meistens gering, denn es wuchs nicht alles so wie früher, es fehlte stets an ausreichend Sonnenlicht und Wärme. Zunehmend sind wir deshalb wieder Jäger und Sammler geworden. Andererseits sind wir immer mehr auf der Flucht vor anderen Sippen, die uns berauben oder umbringen wollen. Wir begegnen immer häufiger anderen Menschen, deren fremde Sprache wir nicht verstehen, so ist das Auseinandersetzen mit ihnen fast unmöglich. Meine Verfolger scheinen Menschenfresser zu sein. Solchen sind wir schon öfter begegnet, und wir haben dadurch etliche Mitglieder verloren, auch im Kampf mit ihnen. Einige der Sippe haben in den letzten Jahren ihr Leben selbst beendet, sie kamen mit den jetzigen Lebensumständen nicht mehr klar.“
„Ja, du hast Recht. Wir haben alles beobachtet, es waren in der Tat Menschenfresser, die dich verfolgten. Wir beobachten ihr Treiben in unserer Nähe schon längere Zeit. Sie drangen schon öfter in unseren Sicherheitsbereich ein und wurden von uns abgeschreckt“, bestätigt Gerd, „und es ist auch nicht die einzige Saubande mit solchen schmählichen Absichten. Hast du einen Beruf oder sonst etwas Nützliches gelernt?“
Der Gefangene wagt nicht danach zu fragen, was mit „beobachten“ gemeint ist, antwortet jetzt aber sehr ruhig: „Ich habe von meinem Vater das Schmiedehandwerk gelernt. Da wir aber viel herumzogen, selten ausgeübt. Als meine Eltern gestorben waren, hatte ich dafür noch seltener Gelegenheit, und schließlich wurde mir mein Werkzeug gestohlen. Mein Vater war ein Meister in diesem Beruf und hatte früher mal eine Werkstatt. Alles, was für einen Schmied noch möglich ist, besteht in der Bearbeitung von Alteisen, doch das ist fast nicht mehr zu finden. Und Metallherstellung in Fabriken, die es früher gegeben haben soll, wie mein Vater mir erzählte, gibt es nicht mehr. Es sind ja nun auch viel zu wenige Menschen da, für die es etwas zu tun gibt. Ich habe von meinem Vater auch das Feuermachen gelernt. Es ist nicht einfach und nur mit bestimmtem, sehr trockenem Holz möglich. In unserer Sippe mache ich immer Holzfeuer, damit wir uns daran wärmen oder Fleisch rösten können. Doch meistens essen wir rohes Zeug. Das Überleben wird immer schwieriger, an Sesshaftigkeit ist kaum mehr zu denken. Doch ich muss noch einmal fragen, wo ich hier bin. Denn nicht mehr in Freiheit … bei euch … wohl tief in der Erde zu sein, kommt mir unheimlich vor. Und warum habt ihr mich gefangen genommen? Was habe ich euch getan, und was habt ihr mit mir vor?“
„Auf alle Fragen darf ich im Augenblick keine Antwort geben“, sagt Gerd, „vielleicht später! Im Grunde wollten wir dich nur retten, was uns drei hier vom Sicherheitsdienst Probleme mit unseren Vorgesetzten bringen kann.“
Gerd wendet sich an seinen Kameraden Herbert Schulten: „Es wird Zeit, dass der Gestank hier aufhört und die Lumpen beseitigt werden. Außerdem scheint er Läuse oder anderes Ungeziefer zu haben, er kratzt sich doch dauernd am ganzen Körper und vor allem auf dem Kopf. Ab mit dem Mann, weg mit den stinkenden Sachen, ihn waschen und einkleiden!“
Herbert geht auf eine Wand des Raumes zu. Keine Tür ist zu sehen, nur schwache, andersfarbige Linien und Zeichen sind an der Wand. Er legt seine rechte Hand an eine bestimmte Stelle, und mit einem leisen Summton öffnet sich eine Tür.
„Komm“, sagt Herbert zum Gefangenen, „folge mir!“ Über einen sehr langen Flur erreichen beide eine Stelle, wo Herbert wieder auf die gleiche Weise eine Tür öffnet. Sie betreten einen Baderaum. Der Gefangene sieht sich erschreckt und verwundert um. Derweil öffnet Herbert an der Wand durch Berühren eine Klappe, auf welcher „Abfälle“ steht.
„Ganz ausziehen und alle Sachen in die Klappe fallen lassen!“ hört der Gefangene und tut es nach einigem Zögern. Er steht nun nackt da, sein Körper ist sehr schmutzig, und an manchen Stellen sind leichte Verletzungen zu sehen.
Herbert berührt jetzt mit einer Fingerspitze einen roten Punkt an der Wand, und daraufhin rauscht eine Dusche von einer bestimmten Stelle an der Decke los. So etwas hat der Gefangene noch nie gesehen. Von einem Bad oder einer Dusche weiß er nur aus Erzählungen seiner Eltern und Großeltern. Auf einen Wink von Herbert stellt er sich unter die Dusche und wundert sich über das wohlig warme Wasser, das auf ihn trifft. Solange er denken kann, hat er sich nur an Tümpeln, Bächen, Seen oder Flüssen kalt waschen können, und das auch nur ganz selten. Herbert berührt mit einer Fingerspitze eine gelbe Markierung an der Wand, welche die Form eines Mundes hat, und aktiviert damit einen Fernsprecher, den es in allen Räumen gibt. Daraufhin leuchten Schaltflächen innerhalb des Mundzeichens mit den Zahlen 0 bis 9 auf. Herbert tippt eine dreistellige Zahl ein.
Eine Frauenstimme ist zu hören: „Hier Abteilung Allgemeiner Dienst. Was ist zu tun?“
„Hier Gerd Hartlein … Sicherheitsdienst … bitte einen Dienstmann mit Waschzeug in Bad sieben schicken.“
Der Gefangene schüttelt mit dem Kopf und wundert sich, dass Herbert mit der Wand spricht. Wenig später erscheint ein Uniformierter mit Badezubehör. Dieser zeigt dem Gefangenen den Umgang mit Seife und schrubbt seinen Rücken mit einer weichen Bürste ab. Der Gefangene fühlt sich sehr wohl und hilft bei seiner Reinigung emsig mit. Nachdem er sich abgetrocknet hat, werden seine Verletzungen untersucht und versorgt. Der Dienstmann bestäubt anschließend alle behaarten Stellen des Gefangenen mit einem puderartigen Mittel gegen Ungeziefer. Danach schneidet er dem Gefangenen das Kopfhaar auf wenige Millimeter Länge und entfernt den ganzen Bart. In einem Nebenraum erhält der Gefangene passende Sachen: eine Uniform, Unterwäsche, Strümpfe und ein Paar Schuhe. Beim Ankleiden wird ihm alles freundlichst erklärt und geholfen. An seiner linken Brustseite wird ein provisorisches Schild angeheftet, darauf schreibt Herbert den Namen und darunter ein großes, rotes „G“, was für „Gefangener“ steht. Der Dienstmann geht wieder, und Herbert bringt den Gefangenen über den Flur zu einem anderen Raum, in dem sich ein Tisch mit vier Stühlen befindet. Auch diese Möbel erwecken den Anschein, als wären sie aus glänzendem Metall. Die Sitze der Stühle sind mit samtartigem Stoff bezogen. Als der Gefangene diese Dinge sieht, befühlt er sie mit seinen Händen, lächelt, berührt und betrachtet sie immer wieder. Es erscheint ihm alles wie ein Wunder, diese Genauigkeit und Schönheit der Gegenstände. Und auch hier strahlt wie in allen Räumen, die der Gefangene bisher sah, das leicht bläuliche Licht von der gesamten Decke herab.
Herbert veranlasst noch, dass ein anderer Dienstmann dem Gefangenen zu trinken und zu essen bringt. Er fordert ihn auf, sich satt zu essen. Schließlich eröffnet er ihm, dass er in Kürze durch den Leiter des Sicherheitsdienstes verhört würde. Auf seine ängstlichen Fragen antwortet er nicht. Dann zeigt er ihm in einer Ecke des Raumes ein Zeichen an der Wand, das er mit einem Finger berühren soll, wenn er seine Notdurft verrichten müsste. Er erklärt ihm die Funktion der Einrichtung und sagt, dass er auf diese Weise selbst den kleinen Raum öffnen und benutzen soll. Danach verlässt Herbert den Raum.
Nun, da der Gefangene allein ist, kommt ihm erst richtig und mit aller Wucht zu Bewusstsein, dass er nun eingesperrt ist, auf alles Kommende geduldig warten und hoffen muss. Und aufgrund seines rätselhaften Eintritts in diesen geheimnisvollen, ihm immer unheimlicher werdenden unterirdischen Bereich, ist ihm ganz klar - eine Flucht von hier ist aussichtslos.
Der Gefangene bekommt nach langem Warten Besuch von zwei Männern mit zusätzlichen Abzeichen auf den Uniformen. Jeder trägt einen zehnzackigen, silbernen Stern vor der Dienstbezeichnung. Zuerst stellen sie sich mit ihren Namen und ihrem Rang vor.
Der eine sagt: „Günter Achtsamer … Leiter des Sicherheitsdienstes“, und der andere, „Wilhelm Vieting … Leiter der Technik.“
Günter beginnt: „Wir sind hier, um dich zu verhören“, der Gefangene runzelt die Stirn und wagt die beiden nicht anzusehen, „du brauchst dich nicht daran stoßen, dass wir dich duzen. In unserer Gemeinschaft ist es ganz in Ordnung so und gleichzeitig ein Beweis von gegenseitigem Vertrauen. Jeder bei uns ist wichtig! Standesdünkel, wie er früher unter den Menschen üblich war und zum Teil wohl noch ist, gibt es bei uns nicht. Du sollst auch uns mit unseren Vornamen ansprechen. Wir sind nicht deine Feinde! Unser jetziges Verhalten zu dir ist nur zu unserer Sicherheit vonnöten. Du bist nun einmal hier, und wir glauben, dass es zu deinem und unserem Nutzen ist. Wenn du auf unsere Vorschläge, welche wir dir gleich machen werden, eingehst, wirst du Verständnis dafür haben. Also … Michael“, und als dieser erleichtert aufatmet und verhalten grinst, „erzähle uns bitte zuerst einmal ausführlich über das Leben da draußen. Wir wissen viel darüber, doch nicht genug. Wir glauben, du hast berechtigte Fragen über uns und den Ort, wo du jetzt bist. Doch habe Vertrauen und Geduld! Du bekommst alles erklärt. Was du Gerd Hartlein berichtet hast, brauchst du nicht zu wiederholen.“
Michael zögert eine Weile und sagt dann: „Danke, mir fällt ein Stein vom Herzen. Und nun zu eurer Frage über die Zustände draußen, wie ihr es nennt. Als mir eben das Wort ‚draußen’ über die Lippen ging, hatte ich ein seltsames Gefühl, so wie ich es noch nie empfand. Ich kann nicht erklären warum, aber ich vertraue euch. Ergänzend zu dem bereits berichteten, kann ich sagen: In den herumirrenden Sippen herrscht große Furcht, besonders vor großen, gewaltigen Wirbelstürmen, lang anhaltenden Regenfällen, riesigen Überschwemmungen, ständigem Hunger, Krankheiten und anderem mehr. Wer sehr leidend wird, ist meistens verloren. Heiler, die früher einmal Ärzte genannt wurden, gibt es kaum, und bis auf das Wissen über heilende Pflanzen, haben auch sie wenige Möglichkeiten zu helfen. In unserer Sippe ist so ein Heiler. Ich war als Kind einmal sehr krank, hatte sehr hohes Fieber, konnte fast nicht mehr atmen, und unser Heiler rettete mich mit einem ekelhaft schmeckenden Brei aus Kräutern, den ich mehrere Male wieder erbrach. Je jünger die Menschen jetzt sind, desto weniger Wissen haben sie, selbst nicht über alltägliche Dinge, denn es gibt ja keine Schulen mehr. Gerade die Jüngeren glauben wieder vermehrt an Hexen, böse Geister und anderen solchen Unsinn. Ihre Eltern haben wegen den harten Lebensbedingungen weniger bis gar keine Zeit, ihr noch vorhandenes Wissen an ihre Kinder weiterzugeben. Als satt kann sich kein Mensch mehr bezeichnen … das ist wohl nun für immer vorbei. Die Menschen werden nicht mehr so alt wie früher einmal. Es gibt in meiner Sippe keinen über fünfzig.“
„Und wie sieht es bei den Tieren aus?“ fragt Günter weiter.
„Von meinen Eltern weiß ich: Großtiere gibt es nur noch ganz wenige auf der Erde, was zum Beispiel Elefanten, Pferde, Kühe und ähnlich große Tiere betrifft. Und auch die uns Menschen sehr nahestehenden Tiere, die Affen, sind ganz selten geworden. Vielleicht gibt es sie aber doch noch manchmal an besonders klimatisch günstigen Plätzen. Niemand weiß das so genau. Die rücksichtslose Vernichtung aller Wälder auf der Erde im letzten Jahrhundert und eine lebensfeindliche Wetterverschlechterung führten dazu. Aus Hunden, Katzen, Ratten und ähnlichen Kleintieren haben sich gefährliche Raubtiere entwickelt. Sie fallen in Rudeln sogar Menschen an. Am meisten hat sich das Verhalten der Vögel geändert. Selbst viele kleine Vogelarten sind zu Raubvögeln geworden. So sah ich einmal eine sehr große Anzahl von Drosseln gemeinsam so lange auf einen kleinen Hund einhacken, bis dieser sich erschöpft ergab. Sie zerrupften und fraßen ihn dann gierig auf. Große Raubvögel gibt es kaum mehr, es fehlt an ausreichend Beutetieren für sie. Überhaupt scheinen die Vögel am besten mit den starken Veränderungen klar zu kommen, denn sie sind im Gegensatz zu den reinen Landtieren sehr beweglich, um noch vorhandene Nahrungsplätze zu erreichen. So sind sie noch zahlreich vertreten. Wie es in den Meeren aussieht, weiß niemand mehr genau. Sie sind durch ständige Stürme und gewaltig hohe Wellen sehr gefährlich für uns Menschen geworden. Ich habe gehört, dass es im Norden von uns riesige Gebiete gibt, wo heute Meer ist und es früher viele Siedlungen gegeben habe, darunter auch große Städte. An all den Veränderungen seien vor allem auch im letzten Jahrhundert stattgefundene, unvorstellbar schlimme Kriege mit massiver Zerstörung vieler Länder schuld. Die Klimaänderung durch Erderwärmung, das Abschmelzen aller Eismassen und eine grenzenlose Verschmutzung der Erde, vor allem der Meere und Flüsse, veränderten die Lebensbedingungen drastisch. Weitere Probleme entstanden durch übergroßen Müll und Giftstoffe. Mein Vater sagte mir einst, dass es seit Anfang des vorigen Jahrhunderts eine große Verschwendung gegeben habe, ausgelöst durch eine hemmungslose Jagd nach wirtschaftlichem Wachstum in allen Ländern der Erde und einer überspannten Gier nach Reichtum und Wohlleben. Auf der Erde sieht es …“
Günter unterbricht: „Danke, Michael. Das deckt sich vielfach mit anderen Meldungen, die wir bisher erhielten. Ich sehe, du schilderst den Zustand deiner bisherigen Umwelt richtig, und auch das, was du gehört hast, stimmt. Zur Verschlechterung der Lebensbedingungen führte noch, was du wohl nicht weißt, ein starker Anstieg der Weltbevölkerung in den ersten vier bis fünf Jahrzehnten des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Das war einfach zuviel für die Erde, eine Erschöpfung trat ein. Die Nahrungsknappheit führte auch zum Aussterben vieler anderer Lebewesen. Es wurde damit ein Punkt erreicht, wo eine Umkehr unmöglich war.“
Michael sieht jetzt sehr blass aus, und er fragt: „Bitte, Günter, sage mir, was aus mir wird und wie tief ihr hier unter der Erdoberfläche lebt, wie das alles funktioniert. Es ist doch hier alles viel anders als ich es bisher sah oder wie ich es sonst ausdrücken soll.“
„Du scheinst sehr in Ordnung zu sein“, antwortet Günter, „du kannst bei uns bleiben und solltest dich darüber freuen. Wir brauchen hier tüchtige Handwerker. Deine Vorkenntnisse sollten reichen, um aus dir einen tüchtigen Techniker zu machen. Du brauchst nur bereit zu sein, viel hinzu zu lernen. Wir haben vor neunundvierzig Jahren, also im Jahr 2087, eine Entscheidung getroffen, und wir wussten bereits damals, dass es für uns auf der Erde keine Zukunft mehr gibt. Wir, das waren am Anfang einige Wissenschaftler, Ingenieure, Mediziner, Astronomen und weitere entschlossene, vorausdenkende Fachleute. Es waren mutige Männer und Frauen, welche einen Plan entwarfen und seine Verwirklichung bis heute mit Erfolg durchführten. Im Laufe der Jahre holten sie einige andere tatkräftige, an unseren Erfolg glaubende Leute hinzu. Meistens waren das gute Handwerker und sonstige Spezialisten. In wenigen Tagen sind wir an dem Ziel angelangt, das wir uns gesetzt haben, und gleichzeitig am Anfang einer vielversprechenden Zukunft.“
Michael sieht die zwei anderen zweifelnd an. Zu unverständlich sind ihm ihre bisherigen Aussagen. Er denkt: Wie kann es auf dieser kaputten Erde und tief in ihr Hoffnung geben, ein Ziel erreichbar sein? Er ist sehr aufgeregt und wieder sehr blass, fragt jedoch jetzt direkt und bündig: „Ist hier unten so ein Ziel möglich? Ich kann mir ein Leben ohne Himmel, Wolken, Wind, den Geruch von Erde und vielem anderen nicht denken … kann es mir einfach nicht vorstellen.“
Jetzt spricht zum ersten Mal Wilhelm: „Ich werde dir nun einige Fragen technischer Art stellen und kleine Aufgaben geben, die du mir mündlich lösen und beantworten sollst. Es ist wichtig, dein Wissen und deine handwerkliche Veranlagung zu prüfen. Frage mich bitte, wenn du etwas nicht verstehst, denn bestimmte Ausdrücke werden mittlerweile zwischen euch Menschen draußen und uns hier drinnen abweichend sein.“
Dann erfolgt eine lange Zwiesprache. Das Ergebnis der Prüfung ist verblüffend für die beiden anderen. Sie haben einen Mann mit großer Befähigung für Handwerk und technisches Einfühlungsvermögen vor sich.
Wilhelm sagt es ihm und fährt fort: „Bitte, ich wiederhole, habe Vertrauen zu uns. Ich erkläre dir zu gegebener Zeit alles. Du wirst ab jetzt in meiner Abteilung, die sich mit der gesamten Technik befasst, und dazu gehört auch die Instandhaltung, mein Mitarbeiter sein. Es sei denn, du willst zurück. Doch das ist nicht so einfach, denn in deiner Sippe wirst du von hier erzählen, zum Erzählen gezwungen sein. Das könnte uns in große Gefahr bringen! Wenn du zurück möchtest, musst du dich ein paar Tage in Gefangenschaft gedulden. Es wird dir an nichts fehlen. Wir werden dich dann ein Stück entfernt von deiner Sippe freisetzen. Sage ja zu uns, wir brauchen dich! Hier erwartet dich ein geregeltes Leben, gesunde Ernährung, richtige ärztliche Betreuung, anerkanntes Arbeiten in einer guten Gemeinschaft von Gleichgesinnten. Kurz und gut, hier bekommst du eine wahre Zukunft. Bedenke dabei auch, dass du zuletzt allein ohne Familie in der Sippe warst, niemand wartet auf dich.“
Während der letzten Worte, die ihn eigentlich erfreuen müssten, ist Michael noch trauriger geworden. Er sieht aus wie ein Häufchen Elend. Zusammengekrümmt und mit gesenktem Kopf sitzt er da. Sie glauben bei ihm zu sehen, wie angespannt er nachdenkt. Und sie haben Verständnis für sein Verhalten, sehen es nicht als Schwäche an, versetzen sich gedanklich in seine Lage und lassen ihm Zeit.
Nach einigen Minuten erst kommt seine Antwort: „Ja“, sagt er mit leiser, aber klarer Stimme, „ich möchte bei euch bleiben.“
Günter und Wilhelm sehen sich lächelnd und zufrieden an. Sie reichen nacheinender Michael die Hand und beglückwünschen ihn zu seinem „Ja“.
Wilhelm sagt: „Willkommen in unserer Gemeinschaft! Morgen früh siehst du die Abteilung. Dort wirst du auch wohnen, da ein bestimmter Bereich der Abteilung der Wohntrakt Technik ist. Und ab morgen erfährst du dann alles Wichtige über deine Aufgaben, Rechte, Pflichten und vieles mehr. Hier ist das Zusammenleben in der Gemeinschaft übersichtlich geregelt. Es wird ein sehr harter Tag, dein erster bei uns. Die weiteren Tage werden dir immer besser gefallen. Vieles musst du in der nächsten Zeit lernen. Und zahlreiche Tage sind für deine Eingewöhnung erforderlich. Doch so angenehm wie hier hast du noch nicht gelebt. Da wäre noch etwas! Morgen untersucht dich ein Arzt auf Krankheiten, sogar sehr gründlich. So etwas kennst du ja nicht, aber habe keine Angst davor! Ich bringe dich jetzt zu einem Wohnraum.“
Beide verlassen den schlichten Besprechungsraum und gehen über den Flur zu einem anderen, ähnlich runden Raum, der genau so aussieht wie jener, wo Michael in der Tiefe ankam. Wilhelm bedeutet Michael, dass er sich in dessen Mitte stellen soll. Dann geht er zu einer Stelle an der Wand, wo ein hellblaues Viereck mit den schwarzen Ziffern von 0 bis 9 darin sichtbar ist. Er tippt mit einem Finger eine Zahlenkombination ein. Über dem Viereck leuchtet kurz danach ein grünes Lämpchen auf. Anschließend stellt er sich ganz schnell neben Michael. Wenige Sekunden später hat Michael das gleiche Empfinden wie bei seinem vermeintlichen Fall in die Tiefe zu den Sicherheitsleuten. Und auch jetzt glaubt er immer noch, dass es beim ersten Mal ein freier Fall war. Um beide herum ist es dunkel, keiner kann den anderen sehen. Und weil Michael dieses Geschehen bereits kennt, ängstigt es ihn nicht so sehr. Sie stehen kurz danach in einem anderen runden Raum. Hier erklärt Wilhelm, dass sie mit einem „Transporter“ etwa 230 Meter weit gefahren wären, und wie das funktioniert, bekäme Michael mit anderen Dingen in den nächsten Tagen erläutert. Sie gehen kurz über einen Flur. Wilhelm öffnet eine Tür, über der in deutlich großen Zeichen „T17“ steht. Sie treten in einen mit Bett und allen sonstigen wohnlichen Dingen – Tisch, Stühle, Regale, Schränke … - eingerichteten Raum. Wilhelm gibt jetzt wichtige Hinweise und Erklärungen. Im Raum befinden sich an verschiedenen Stellen der Wand ein Fernsprecher, eine Digitaluhr, ein Bildschirm und ein Tonempfänger. Michael wird erklärt, dass er am Fernsprecher – ein Mundzeichen mit den Zahlen 0 bis 9 darin - die Zahlenkombination 999, eine Notrufnummer, eintippen soll, wenn er in Not ist oder Wünsche hat, zum Beispiel nach Speisen und Getränken. Hört er dann eine Stimme, soll er seine Wünsche laut und deutlich sagen. Die anderen Geräte werden ihm jetzt noch nicht erklärt. Und wiederum kommt Michael nicht aus dem Staunen heraus. Er erfährt von Wilhelm auch, dass er seinen Raum heute noch nicht ohne Erlaubnis verlassen kann. Er muss dafür erst die Berechtigung freigeschaltet bekommen. Es wäre sehr wichtig, sich an diese Anweisung zu halten und nicht zu protestieren. Ab dem morgigen Tag wäre alles geregelt. Er sagt ihm, dass er morgen früh um 6 Uhr geweckt und eine halbe Stunde später zu einem Speiseraum abgeholt würde. Wilhelm verabschiedet sich, und er verrät Michael nicht, dass dieser bereits in dem Raum ist, der ihm für die nächste Zeit zur Verfügung steht. Es ist ein Wohnraum der Abteilung Technik.
Wunderbare Klänge wecken Michael am Morgen auf. Sie sind so schön, wie er es noch nie in seinem Leben gehört hat. Sie kommen von der Wand – ein Tonempfänger ist dort - neben seinem Bett. Bisher haben ihn nur die Stimmen der Tiere oder das Rauschen des Windes aufgeweckt. Er fühlt sich sehr wohl und ausgeruht. Dann betrachtet er seine Uniform, welche auf einem Stuhl neben seinem Bett liegt. Die Sauberkeit, Ordnung und die Wohnlichkeit im Raum lassen ihn erneut staunen. Dann kneift er sich in den Arm, um zu prüfen, ob es kein Traum ist, das Hier und Jetzt.
Ganz leise flüstert er: „Kein Traum“, springt aus dem Bett und staunt, denn seine Uniform, auf die er jetzt von oben blickt, liegt mit der linken Brustseite für ihn sichtbar auf dem Stuhl. Und darauf steht goldfarbig aufgebracht „Michael Grether“ und darunter „Techniker“. Er öffnet die Tür zum Bad, kommt danach etwas ungeschickt mit der für ihn ungewohnten Reinigungsprozedur zurecht und kleidet sich an. Auf einem Stuhl sitzend, wartet er voller Spannung auf alles Kommende.
Punkt 6.30 Uhr geht die Tür auf. Zuerst sieht Michael nur Wilhelm, seinen künftigen Abteilungsleiter. Er will aufstehen, lässt sich jedoch schnell und mit erstauntem Gesichtsausdruck wieder auf den Stuhl zurückfallen. Denn hinter Wilhelm tritt eine sehr hübsche, junge Frau ein. Es ist deshalb umwerfend für ihn, weil er noch nie die Körperform einer Frau so schön, so deutlich wahrgenommen hat. Die Frauen in seiner Sippe waren immer nur mit irgendwelchen Fellen oder anderem hässlichen Zeug umhüllt, so wie er selbst auch hier ankam. Auch die nun eintretende Frau ist mit einer Uniform bekleidet, welche aber von den männlichen abweicht, ja, viel schöner und schicker wirkt. Ihre Form betont die besondere Schönheit des weiblichen Leibes. Die Grundfarbe ist ein mittleres rot. Die meisten Merkmale der Uniform sind aber der männlichen gleich. Die Frau trägt halblanges, herabfallendes, glattes Haar. Die Männer, welche Michael bisher hier in der geheimnisvollen Welt sah, tragen alle einen einheitlichen, kurzen Haarschnitt.
Nachdem sich Michael erhoben hat, stellt Wilhelm die Frau vor: „Ich darf dir Hanna Wagner vorstellen. Sie gehört zu meinen engsten Mitarbeitern, ist also Techniker wie du, Michael. Ach so, du grinst bei meinen letzten Worten, und ich weiß auch warum, denn dir steht noch viel Ausbildung und Einarbeitung für deine zukünftigen Aufgaben bevor. Danach kannst du dich mit Recht Techniker nennen. Hanna weiß inzwischen Bescheid über dich und wird einige Zeit deine Eingliederung in das Arbeitsgeschehen und weitere Belange unserer Gemeinschaft begleiten“, er nickt mit dem Kopf und lacht leise kichernd vor sich hin, „du kannst sie als deinen Ausbilder oder, wenn es dir gefällt, Lehrer bezeichnen.“
Hanna und Michael reichen sich verschmitzt lächelnd die Hände und schauen sich dabei tief und lang in die Augen. Als er sie so betrachtet, weiß er, sie ist etliche Jahre jünger als er. Er spürt ein Kribbeln im Bauch, und wie ein Zauberhauch lassen ihre Blicke ein schnell wieder verglimmendes, zartes Lächeln über seine Züge huschen.
Wilhelm fährt fort: „Ihr werdet gleich zuerst gemeinsam essen. Danach bringt Hanna dich zu einem Arzt, was ich gestern schon ankündigte. Wenn die Untersuchung vorüber ist, wird sie dir wichtige Teile der Abteilung zeigen. Erschrecke nicht über das, was du sehen und erfahren wirst! Es wird nicht alles so heiß gegessen, wie es gekocht wird! Von deiner bisherigen Lebensweise bis zu jener hier bei uns geltenden, bedarf es reichlich Zeit der Eingewöhnung. Doch habe Mut! Alle, die bisher mit dir Berührung hatten, glauben an dich. Also, auf ihr beiden, ab in eine neue Welt für dich, Michael!“
Alle drei verlassen den Raum. Wilhelm verabschiedet sich, und Michael folgt Hanna über den Flur. Dabei fällt Michael auf – er hatte sich schon gestern darüber gewundert -, dass die Fußböden in allen Räumen und Fluren nicht ganz eben verlaufen, sie sind ganz leicht gewölbt und vermitteln ein Gefühl, als ginge man von einer winzigen Anhöhe hinab oder hinauf zu ihr.
Nach einem kurzen Weg über den Flur erreichen beide eine automatische Tür, die Hanna auf die ihm bereits bekannte Weise öffnet. Sie betreten einen sehr gemütlichen Speiseraum, der durch warme Farben an Wänden und Fußboden heimelig wirkt. Ausgestattet ist er mit mehreren Tischen, an denen sich je sechs Stühle befinden. Die Möbel sind denen im Verhörraum gleich, nur die Farbe der Stuhlsitze weicht etwas ab. An einer Längsseite des Raumes ist eine Theke. Mit seiner gedämpften Beleuchtung macht dieser Raum einen besonders ansprechenden Eindruck auf Michael. Im Raum sitzen um die vierzig Personen. Eine muntere Unterhaltung ist im Gange, es wird gegessen, gelacht und geredet. Dann richten sich wie auf eine Anordnung hin all ihre Blicke auf die Eintretenden. Es wird ganz ruhig im Raum. Hanna stellt den neuen Kollegen mit Namen vor, und ein leises Trommeln auf die Tische ist die Antwort. Michael hat dabei das Empfinden, dass er von einer guten Gemeinschaft angenommen ist.
Hanna geht mit ihm zur Theke für die Essensausgabe. Hier muss sie ihm erst viel erklären. Als Michael dann einen Teller mit seinem Essen erhält, sieht er starr und nachdenklich darauf. Was darauf liegt, kennt er nicht. Auf dem Teller sind nur drei runde Scheiben, etwa mit acht Zentimeter Durchmesser und zwei Zentimeter Dicke, die bräunlich aussehen. Weiter bekommt er ein Henkelglas – alle Trinkgefäße und sämtliches Geschirr sind hier unzerbrechlich - mit einer rötlichen Flüssigkeit. Als auch Hanna die gleichen Sachen erhalten hat, setzen sie sich auf freie Plätze an einen Tisch. Hier sitzt er zunächst unbeweglich da und schaut nur auf den Teller. Hanna sieht sein Zögern.
Da sagt sie: „Beiß einfach hinein! Es wird dir schmecken und das Getränk auch.“
Als Michael eine Scheibe nimmt, sie lange von allen Seiten betrachtet, sie befühlt und schließlich ein Stück abbeißt, strahlt sein Gesicht hell auf. „Köstlich!“ haucht er, „was ist das?“
„Wir nennen es einfach Morgenessen“, sagt Hanna mit glücklichem Lächeln, „es wird von unserer Abteilung Versorgung jeden Tag nach verschiedenen Rezepten zubereitet, und zwar für alle von uns gleich. Ärzte und Wissenschaftler von uns, von denen einige bereits verstorben sind, haben ein Verfahren entwickelt, diese schmackhafte Nahrung herzustellen. In unserem Lebensbereich können wir nicht einfach alle unser eigenes Essen zubereiten. Unser Leben hier erfordert an erster Stelle Ordnung und gute Zusammenarbeit. Jeder von uns hat seinen festen Platz und die seinem Können entsprechenden Aufgaben. Das Ergebnis dieser Lösung ist beachtlich, denn nur auf diese Weise können wir unsere Aufgaben und Pflichten gut erfüllen, nur so können wir überleben. Überhaupt, unsere Nahrung enthält alle wichtigen Bestandteile für ein gesundes Leben. Sie unterscheidet sich nur in der Zubereitung und Form von der Nahrung, die es vordem bei uns Menschen gab. So gut und gesund wie das Essen hier ist, hast du wahrscheinlich in deinem bisherigen Leben noch nicht bekommen. Es hat sogar die richtige Festigkeit. Du wirst inzwischen bemerkt haben, dass man ausgiebig kauen muss. Das ist nicht nur für den Erhalt der Zähne wichtig. In dem Getränk sind ebenfalls wichtige Bestandteile für unseren Organismus. Alles hat sich bisher bewährt. Wir behalten, was die Mahlzeiten anbelangt, alle alten Bräuche bei, so wie es schon lange für die Menschheit gilt, also gibt es täglich neben dem Morgenessen auch ein Mittag- und ein Abendessen.“
