Aufgehoben - Klaus Eberl - E-Book

Aufgehoben E-Book

Klaus Eberl

0,0

Beschreibung

Der Aufsatzband von Klaus Eberl versammelt Texte zu Bildung, Inklusion und "Leichte Sprache" sowie Rundfunkansprachen, Predigten und Vorträge.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 321

Veröffentlichungsjahr: 2017

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



für Irmgard

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Bildung ... auf Gott vertrauen – das Leben lernen

450 Jahre und ein Tag – Paul Schneider Gymnasium

Elementarbildung in evangelischer Perspektive

Bildung im Horizont der Generalsynode Duisburg 1610

Schulentwicklung als Gestaltungsaufgabe

Flüchtlinge in der Schule

Inklusion ... die Kunst des Zusammenlebens sehr verschiedener Menschen

Von der Überwindung der Mauern

Betriebsintegrierte Arbeitsplätze

Da kann ja jede(r) kommen

Aus theologischer Perspektive: Inklusion im kirchlich-diakonischen Selbstverständnis

Kirchentag ... Leichte Sprache

Soviel du brauchst (Dtn 15,1-11)

... damit wir klug werden (Lk 16,1-13)

Geistliches Wort ... auf Sendung

Krimi

Ein Grab und eine Liebesgeschichte

Conny zieht aus

Offen ist gut

Betty Reis

Der Mond ist aufgegangen

Erinnern – gedenken

Johannes Löh – Bildung an Geist und Herz

3000 Engel im Koffer

Himmelfahrt ist Vatertag

... und nun das Wetter

Predigten ... von der Menschenfreundlicheit Gottes

An der Grenze (Joh 8,21-30)

Eine Kultur, in der jeder Mensch Platz hat (2.Kor 4,6)

Meine Bibel (Am 8,11)

Top Ten (Ex 20)

Ach, das Paradies (Gen 3)

Aufsätze, Vorträge, Texte ... ein weites Feld

Familien stärken – Zusammenleben gestalten

Die Liebe

Ehrenamt

Russische Notizen

Vorwort

Angesichts des nahenden Ruhestands ist die Durchsicht der Verzeichnisse und Ordner auf meiner Computer-Festplatte eine Reise zu den Herausforderungen, Aufgaben und Begegnungen der letzten elf Jahre geworden. Gesichter, Namen und Themen werden in meinem Gedächtnis und Herzen bleiben. Eine schmale Auswahl der Texte soll hiermit aufgehoben werden als Dank für Weggefährten, Mitarbeiter, Freunde und Gesprächspartner. Die meisten Vorträge und Predigten liegen allerdings nur in Stichworten vor – Folge meiner Vorliebe für „freie Rede“ – und kommen für eine Veröffentlichung nicht in Frage.

In den letzten Jahren meiner Arbeit als Oberkirchenrat im Rheinland war Inklusion ein Schwerpunktthema. Auch im vorliegenden Band taucht es immer wieder auf. Bildungspolitisch ging es darum, Inklusion in unseren Einrichtungen zu verankern und darauf zu bauen, dass gute Beispiele Schule machen. Theologisch hat sich für mich gezeigt, dass der Inklusionsansatz wichtige Hinweise für die Alltagstauglichkeit der Glaubensfrage gibt. Mit weitreichenden Konsequenzen für die Sprache, mit der wir von Gott reden. Für unser Bild vom Menschen mit seinen Begrenzungen und Möglichkeiten. Und für die Zukunft der Kirche, die den Anspruch einzulösen hat, offen für alle Menschen zu sein. „Da kann ja jede(r) kommen!“1 heißt es konsequent und provozierend in der rheinischen Orientierungshilfe.

Das Thema ist mir auch persönlich auf den Leib gerückt. Seit drei Jahren weiß ich, dass ich an Morbus Parkinson erkrankt bin. Menschen mit Behinderungen haben mich gelehrt, meine Grenzen zu akzeptieren und darauf zu vertauen: Ich bin aufgehoben, so wie ich bin. Vielleicht bin ich deshalb ein fröhlicher Christenmensch geblieben. Ohnehin liegt mir Perfektionismus fern. Der Tanz auf vielen kirchlichen „Hochzeiten“ erfordert regelmäßig ein gewisses Improvisationstalent.

Bei Begegnungen habe ich oft den „Pskower Engel“ verschenkt. Er handelt von den Grenzen und Gaben, die unser Leben bestimmen. Nur ein kleines Stück Holz. Die Flügel ausgebreitet – aber ein Flügel größer als der andere. Fast ein Kreuz. Jochen Leyendecker, der ihn für die Initiative Pskow entworfen hat, wollte einen Engel mit Behinderung schaffen. Er wollte sagen: niemand muss perfekt sein.

Der Engel fühlt sich gut an. Die Finger spüren: Hier kann ich mich festhalten. Halten und gehalten werden. Darum geht es im Glauben - in der Kirche, die sich neu verorten muß im Alltag der Menschen - in der Welt, die von einer Krise zur anderen taumelt. Kurz gesagt: Es geht darum, bedingungslos aufgehoben zu sein. Die Sehnsucht nach Geborgenheit jenseits dessen, was man machen, schaffen und leisten kann, zieht heimliche Kreise. Das zeigen im Jubiläumsjahr der Reformation die vielen Versuche, die Rechtfertigungsbotschaft neu zu buchstabieren. Auch der kleine Holzengel hat diese Botschaft im Gepäck, wenn er bei Taufen und Konfirmationen, in Krankenhäusern und Hospizen überreicht wird. Zuletzt war er sogar in der Raumstation ISS und hat mit dem nötigen kritischen Abstand das Treiben der Welt betrachtet ...

Ich halte ihn fest in meiner Hand. Ich weiß um das große Glück, dass ich aufgehoben bin in der Liebe meiner Familie! Deshalb blicke ich dankbar zurück und erwartungsvoll nach vorne.

Klaus Eberl

Wassenberg/Düsseldorf, Reformationstag 2017

1 Da kann ja jede(r) kommen. Orientierungshilfe Inklusion der Ev. Kirche im Rheinland, Düsseldorf 2013.

I. Bildung ... auf Gott vertrauen – das Leben lernen

450 Jahre und ein Tag - von der Lateinschule zum Paul-Schneider-Gymnasium2

450 Jahre Lateinschule Meisenheim, 60 Jahre Paul-Schneider-Gymnasium: ein großes Jubiläum, an dem ich Sie einladen möchte, einen Schultag an unserem Gymnasium zu verbringen. Die Anreise haben alle hier schon hinter sich gebracht, wie auch die Schülerinnen und Schüler morgens aus den Bussen strömen oder von den Eltern

gebracht werden. Weitere kommen mit dem Fahrrad und müssen die sanften Hügel des Hunsrücks überwinden. Den kürzesten Weg haben die Internatsschüler, die sich nur ein wenig auf dem Gelände bewegen müssen, um ihre Klasse zu erreichen.

1. Stunde: Geschichte

Es klingelt. In der ersten Stunde steht Geschichte auf dem Stundenplan. Woher kommen wir? Warum gibt es uns eigentlich so, wie wir sind? So fragt das Geschichtsbewusstsein. Schüler stellen W-Fragen, Lehrer sollten sich davor hüten, Antworten zu geben. Sie sind dazu da, dass die Lernenden selbst Antworten finden. Also gehen wir in die Bibliothek, suchen im Katalog und finden eine Festschrift zum 400jährigen Jubiläum der Lateinschule. Das ist - wie man ohne große mathematische Kenntnisse feststellen kann, 50 Jahre her - aus der Schülerperspektive eine Ewigkeit. Ein damaliger Lehrer des PSG, Karl-Heinz Drescher, hat in einem Beiheft die Geschichte der Lateinschule aufgeschrieben. Ein schwieriger Text, voller lateinischer Zitate. Hier müssen wir uns durchkämpfen.

Der 18. August 1558 kann als Geburtstag der Lateinschule gelten. Meisenheim gehörte zum Fürstentum Zweibrücken. Ein kluger Regent, Herzog Wolfgang, erkannte, dass nur durch Bildung weiter Kreise der Bevölkerung sein kleiner Staat vor den Anforderungen der Zukunft bestehen könne. Einflüsse des Humanismus und der Reformation leiteten den Herzog, als er seinen Kanzler beauftragte, dazu eine Kirchenordnung zu entwerfen, die ein klares Schulprogramm beinhaltete:

Grundlage der Schulen ist die Offenbarung Gottes. Mit dem Lesen der Bibel im Urtext fängt alle Bildung an.

Ziel der Schule ist die Vorbereitung auf das Universitätsstudium und damit auf den Dienst in der Kirche oder im weltlichen Regiment des Landesherrn.

Geld und Herkunft soll keine Rolle spielen, sondern Begabung

Wo Eltern kein Geld haben, sorgt der Landesherr selbst für den Unterhalt durch Stipendien.

Damit wollte der Herzog seine Untertanen immun machen gegen die Rekatholisierung durch den Kaiser. Die Schule des 16. Jahrhunderts unterschied sich natürlich von der heutigen. Es wurde nicht Deutsch gesprochen, sondern Latein. Zuweilen spielen Griechisch und Hebräisch eine Rolle. Auch der Fächerkanon wird bei den heutigen Klassen Kopfschütteln hervorrufen: Grammatik, Dialektik, Rhetorik - das alles, um hochschulreif zu werden in den Hauptstücken christlicher Lehre.

Die Pädagogik der Zeit war derb. Körperliche Züchtigung war an der Tagesordnung. Die Kirchenordnung mahnt zur Mäßigung, denn man solle „mit der Rute züchtigen ohne Verwundung oder Beschädigung des Leibes und der Gesundheit.“ Den Lehrern ging es offenbar nicht besser. Auch die Eltern wurden verpflichtet, die Schulmeister nicht zu „schmähen, an(zu)tasten oder zu schlagen“.

Nun hat die Meisenheimer Lateinschule nur unzureichend die hohen Erwartungen des Herzogs erfüllt. Von Elternseite wurde die Monopolstellung des Lateinischen beklagt. Allmählich durfte auch die deutsche Sprache benutzt werden. Und politische Entwicklungen führten dazu, dass die Landeshauptstadt Zweibrücken den Vorzug des Gymnasiums beanspruchte und Meisenheim nur zu einer Art Zubringerschule wurde.

Im 18. Jahrhundert wird die Geschichte der Lateinschule durch die aufgeklärt absolutistische Politik Herzog Christians IV geprägt. In der zur Stadtschule herabgestuften Lehranstalt hielten nun praktische Fächer Einzug. Mit der Schule selbst ging es leider bergab. Die französische Revolution hielt schließlich nichts von evangelischen Schulen. Der Präfekt des Departements erklärte kurz und knapp, die Kenntnis toter Sprachen, der Geschichte und dergleichen Wissenschaften sei unnütz; denn Frankreich habe bei all seinen Eroberungen ihrer nicht bedurft … Am Ende des Jahrhunderts hatte die Schule noch sieben Schüler und einen halbblinden Schulleiter, der auf mildtätige Spenden angewiesen war.

Unter der Herrschaft der Landgrafschaft Hessen-Homburg im 19. Jahrhundert erhob sich der Phönix wieder aus der Asche. Neue Gebäude wurden errichtet, der Lehrplan restauriert, Lehrer eingestellt. Neben dem Landgrafen gewährte der Gemeinderat einen großzügigen Zuschuss. So können Blütezeiten entstehen. Gute Bildung bedarf der Anstrengung aller!

Die preußische Verwaltung öffnete die Schule für die Moderne. Bald konnte man zwischen Griechisch und Englisch wählen. Und unter dem Druck vieler Eltern entstand neben der Gymnasial- eine Realschulabteilung. Der beständige Wechsel der Schulformen und - konzepte im Laufe der Zeiten erinnert fatal an die Hektik heutiger Schulpolitik. Unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise ließ man in der Weimarer Republik aus Ersparnisgründen den humanistischen Zweig ruhen. Der Nationalsozialismus machte schließlich aus der Lateinschule eine Volksschule.

Nach dem Krieg wurde die Lateinschule als städtisches Realgymnasium weitergeführt. Wegen nicht mehr zu bewältigender finanzieller Belastungen bemühte man sich um die Übernahme durch die Evangelische Kirche. Der Abgabebeschluss durch die Stadt und der Übernahmebeschluss durch die Kirchenleitung wurden im März 1947 gefasst. Landesregierung und französische Militärregierung genehmigten die Übernahme und Umwandlung in ein evangelischhumanistisches Gymnasium mit realgymnasialer Abteilung. Am 21.7.1948 beschloss das Kuratorium den Namen „Paul-Schneider-Gymnasium“.

Fast vier Jahrhunderte im Zeitraffer. Die alte Festschrift wird wieder ins Regal gestellt. Eine neue Frage steht im Raum. Wer ist eigentlich Paul Schneider? Ein ehemaliger Schüler? Der Vater des heutigen Rheinischen Präses? Erneute Suche in der Bibliothek. Es findet sich ein schmales Bändchen mit Predigten - also ein Pfarrer. Und ein gewichtiges Buch des Vereins für rheinische Kirchengeschichte. „Scharfe Gegner“ - die Disziplinierung kirchlicher Mitarbeiter durch das evangelische Konsistorium von 1933 bis 1945. Kirche und Pfarrer Gegner? Das scheint ein schwieriger Fall zu sein. Zum Glück kann man sich ja bei Wikipedia informieren.

Der Name Paul Schneider ist ein hoher Anspruch für eine Schule. Der Theologe war eine sperrige Persönlichkeit. Feste Prinzipien und ein unbeirrbarer Glaube machten ihn immun gegen die Versuchungen des Nationalsozialismus. So klar und unzweideutig, wie Paul Schneider christliche Existenz in seiner bedrängenden und bedrohlichen Situation gelebt hat, so möchte christlicher Glaube auch heute gelebt werden. Ihm war von Anfang an klar, dass Hitler und seine Bewegung den Zumutungen des Evangeliums entgegen standen. 1933 schloss er sich dem Pfarrernotbund an, um den Einfluss der Nationalsozialisten auf die Kirche zurückzudrängen. Im Konflikt mit den Deutschen Christen und der NSDAP versagte ihm das Konsistorium die Unterstützung und ließ ihn allein. 1934 wurde er nach Dickenschied und Womrath versetzt. Der engagierte Vertreter der Bekennenden Kirche blieb bei seiner konsequenten Haltung gegen den nationalsozialistischen Staat und wurde mehrmals wegen seiner tapferen Predigten und Schriften verhaftet. 1937 erhielt er ein Aufenthaltsverbot für die Rheinprovinz, dem er sich nicht fügen wollte und konnte, weil er sich seinen Gemeinden verpflichtet fühlte. Das brachte ihn ins KZ Buchenwald, wo zu jener Zeit politisch, religiös oder rassisch Verfolgte wie Kriminelle einsaßen. Für seine Mitgefangenen wurde er zum „Prediger von Buchenwald“, der ihnen Mut zusprach, der vom Licht in der Finsternis zeugte. Als der unbeugsame Theologe beim Appell den geforderten Hitlergruß verweigerte, wurde er misshandelt und gequält. Im Juli 1939 ermordeten ihn die Nazi-Schergen mit der Überdosis eines Herzmedikaments.

Paul Schneider gilt vielen neben Bonhoeffer als evangelischer Märtyrer im NS-Staat. Sein Eintreten gegen politische Barbarei und für die Freiheit des Glaubens ist bis heute das evangelische Maß - für die Kirche, für die Schule. Zu begrübeln, worin denn nun das Vermächtnis an uns bestehe, hätte er sich wohl verbeten. Das Vermächtnis, woran er gebunden blieb, ist das Wort Gottes und mutiges Bekennen. Diese Botschaft bleibt vernehmlich.

2. Stunde: Religion

Es klingelt zur zweiten Stunde. Religion. Wieder eine W-Frage: Wie reimt sich eigentlich Kirche auf Schule? Warum hat die Kirche Schulen? Und welchen Einfluss haben Schulen auf die Kirche? Daran haben sich schon Synoden abgearbeitet. Fest steht: In einigen Gebieten unserer Landeskirche wurden in Folge der Reformation erst Schulen gebaut, bevor man Kirchen errichtete. Denn Bildung, die Fähigkeit sich seines Verstandes zu bedienen, ist eine zentrale Funktion christlicher Existenz sowie der Würde und Mündigkeit des Menschen.

Das deutsche Wort „Bildung“ hat seinen Ursprung in der alttestamentlichen Rede vom Menschen als Gottes Ebenbild (Gen 1,26f), als Gottes Gegenüber.

Wenn wir uns in der Welt umschauen, scheinen gegenwärtig nicht religiöse, sondern ökonomische Leitbilder im Vordergrund zu stehen. Die Menschen sind offenbar so mit sich selbst und dem Überleben in Zeiten der Globalisierung und des Kampfes jeder gegen jeden beschäftigt, dass für christliche Menschenbilder kein Platz zu sein scheint. Die Kirchen haben mit Relevanzverlust zu kämpfen. Ihre Fähigkeit zur Beheimatung nimmt ab. Aber das ist nur eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite ist eine große Sehnsucht nach Sinnstiftung zu erkennen. Es dämmert die Erkenntnis, dass menschliches Leben nicht würdevoll gelingen kann, wenn ausschließlich Kategorien der Macht- und Gewinnmaximierung oder des Spaßes die Oberhand gewinnen. Nur finden diese Menschen oft keine Hilfe in einer geformten traditionellen kirchlichen Sprache.

Melanchthon, der Reformator und „Lehrer Deutschlands“, insistierte, wir müssten „auf Menschlichkeit hin erst gebildet werden.“ „Wie aber Felder, die man nicht bestellt und besät, keine Frucht oder nur Unkraut hervorbringen, so erschlaffen die geistigen Kräfte - werden sie nicht durch Lernen angeregt und geschärft.“ Er setzte auf eine breite Allgemeinbildung, um die Heilige Schrift, den „höchsten Schatz auf Erden“, auslegen und die Welt, in der wir leben, verstehen und verantwortlich gestalten zu können.

Im Zentrum der Bildung steht der Mensch in seiner Beziehung zu Gott, zu sich selbst, zu den Mitmenschen. Bildung ist darum mehr als die Verarbeitung von Informationen, mehr als in Rateshows abrufbares Wissen. Es geht immer um die Menschwerdung des Menschen, um die Entwicklung eines Vertrauens ins Dasein in einer Landschaft der Entsolidarisierung und der Angst. Wir bleiben darauf angewiesen, dass Gott das Stückwerk gebliebene eigene Leben in Christus gnädig annimmt und erneuert.

Wenn man die heutige Bildungssituation in unserer Gesellschaft von dieser Leitlinie her beleuchtet, fallen folgende Probleme auf: Verengung auf den Wissensaspekt, einseitige Ausrichtung auf die Vernützlichung der Bildung, wenig Schärfung des Gewissens und der Sozialkompetenz. Aber Menschen fragen nach dem Sinn eines Lebens, das vom Chaos bedroht wird, also nach typisch religiösen Kategorien. Die Grundfragen nach dem Woher und Wohin, nach dem Zusammenhalt der Menschen in Solidarität und sozialer Gerechtigkeit, dem Leben zwischen den Generationen, dem Erhalt von Frieden und dem Umgang mit der Schöpfung sind für uns in der spannungsvollen Auseinandersetzung mit der Verheißung des Glaubens zu beantworten.

Es ist Aufgabe der Kirche, in der heutigen Bildungslandschaft darauf hinzuweisen, dass Wissen ein menschliches Maß braucht, wie die EKD-Denkschrift3 es sagt. Denn es geht um den „Zusammenhang von Lernen, Wissen, Können, Wertbewusstsein und Handeln im Horizont sinnstiftender Lebensdeutungen“.

Das kann die Kirche der Schule vermitteln - wenn sie es denn tut. Und umgekehrt? Was hat die Kirche von der Schule? Ich glaube, Schule ist so etwas wie ein Vorposten der Wirklichkeit. Eine Kirche, die die Schule verliert, verpasst die Welt, von der sie behauptet, sie sei eine von Gott geliebte. Eine Kirche, die ihre Sprache nicht an den Schülerinnen und Schülern bewährt, verkriecht sich ins Schneckenhaus. So brauchen beide einander. Wenn es gut geht, wenn es gar eine Liebesbeziehung wird, können beide aneinander und miteinander wachsen - Kirche und Schule. Und ganz nebenbei zu Erneuerung und Humanisierung der Gesellschaft beitragen.

Theologie ist immer eine schwere Kost. Es klingelt zur großen Pause. Auf dem Schulhof wird es laut. Aufatmen. Sich bewegen. Es gibt so viel zu erzählen! Die Butterbrote werden ausgepackt. Irgendwie ahnt man, dass Bert Brecht nicht völlig falsch liegt mit seiner Vermutung, dass erst das Fressen komme - und dann die Moral.

3. Stunde: Mathematik

Wieder das energische Klingeln. Die Pause ist immer zu kurz. Die dritte Stunde: Mathematik. Die Welt der Zahlen und Strukturen, der Mengen und Gleichungen, der Formeln und Platzhalter.

Gut, dass der Schulleiter Jürgen Deveaux und seine Mitarbeitenden souverän mit den Zahlen umgehen können. Der Finanzausschuss der rheinischen Kirche ist dafür ein gutes Training. Er weiß so gut wie kein anderer, dass trotz des heutigen Festtags auch über Zahlen gesprochen werden muss und über die damit verbundenen Sorgen.

Die Evangelische Kirche im Rheinland ist Trägerin von 10 Schulen. Wir sind stolz darauf. Die Schulen bereichern die Kirche, sie geben dem öffentlichen Schulsystem wichtige Impulse. In Zeiten prallvoll gefüllter Kassen war das kein Problem. Die Rahmenbedingungen haben sich gewandelt. Wenn Kirchengemeinden Kindergärten schließen, Pfarrer entlassen werden, Kirchen entwidmet werden, Jugendhäuser nicht mehr betrieben werden, stehen alle Arbeitsbereiche auf dem Prüfstand. Auch die Schulen. Die Synode 2006 hat deshalb eine deutliche Reduzierung der finanziellen Zuschüsse beschlossen. Mehr als vier Millionen Euro sind einzusparen. Das ist eine hohe Hürde.

Manchmal ist ja von Politikern zu hören, im Bereich der Schulen unterstütze der Staat die Kirche. Richtig ist das Gegenteil: Auf Grund der allgemeinen Schulpflicht subventioniert die Kirche durch ihren Eigenbeitrag den Staat. Im Fall des Paul-Schneider-Gymnasiums mehr als 1.300 € pro Jahr pro Schüler. Egal, ob jemand der Kirche angehört oder nicht. Deshalb brauchen wir eine gemeinsame Anstrengung des Landes, des Landkreises, der Eltern und des Landeskirchenamtes. Nur gemeinsam können wir es schaffen! Wir brauchen deshalb eine verbesserte Finanzierung durch das Land und einen Zuschuss des Kreises, der an anderen Schulstandorten selbstverständlich ist! Wir brauchen Eltern, engagierte Förderer und Ehemalige, die unsere Schulstiftung stark machen! Wir nehmen uns selbst in die Pflicht, Arbeitsprozesse zu verbessern und Kosten zu senken. Gute Schule ist immer ein Gemeinschaftswerk, das nur mit der Leidenschaft aller Beteiligten gelingt. Das Paul-Schneider-Gymnasium hat diese Leidenschaft verdient.

4. Stunde: Sport

Nach Geschichte und Theologie, nach der Welt der Zahlen: Aufatmen. Die obligatorische Sportstunde rhythmisiert das Lernen, nimmt den Zusammenhang von Körper und Geist ernst. Sport - ein Schwerpunkt des PSG. Sport als tägliche Möglichkeit, um einen Gegenpol zur Bewegungsarmut von Kindern und Jugendlichern zu setzen, Sport zum Aggressionsabbau, zur Entwicklung des Selbstwertgefühls sowie der Teamfähigkeit. Sport als Quelle der Freude.

Eine wunderbare Nebensache? Nicht nur. Der Sportunterricht steht im Konzert mit anderen sogenannten „weichen“ Fächern wie Musik, Kunst oder auch dem Religionsunterricht, die Ausdruck der Geschöpflichkeit sind. Spaß und Leistung schließen einander nicht aus. Man schaue nur auf die Jungen und Mädchen, die laufen und laufen und die wunderbare Sportanlage umrunden, um zu erfahren, wo ihre Grenzen liegen. Oft genug wachsen sie über sich hinaus. So ermöglichen sie sich das kleine Glück des individuellen Erfolgs, der Faszination des Spiels, das aller Leistung voraus geht. Nebenbei auch die Erprobung von Regeln und den Umgang mit Fairness. Dass Sieg und Niederlagen zu den Konstanten unseres Lebens gehören, wird vom homo ludens ohne Bitterkeit verinnerlicht.

5. Stunde: Diakonie

In der 5. Stunde steht Diakonie auf dem Stundenplan. Ich weiß, es ist eigentlich kein Fach auf der Stundentafel. Dennoch zählen die diakonischen Praktika zum Profil der Meisenheimer Schule, die soziales Lernen fördern will. Kein Wunder, denn die Kreuznacher Diakonie ist nah und ein Partner gewissermaßen aus der eigenen Familie.

Was soll das? Welches Ziel ist damit verbunden? An der Kirchlichen Hochschule Bethel war es lange Brauch, dass die Theologiestudenten zu Beginn ihrer Studienzeit eine blaue Schürze geschenkt bekamen. Damit wurde um ehrenamtliches Engagement in den Betheler Behinderteneinrichtungen geworben. Gleichzeitig wurden die Studenten vor weltfremder Frömmelei bewahrt, ebenso vor einem intellektuellen Elfenbeinturm, der die Wirklichkeit, in der wir leben, verpasst.

Es geht um die nützliche Erfahrung, gebraucht zu werden, die Kräfte zu erproben und dabei sogar Fehler machen zu dürfen. Es geht um praktische Bewährung, um gesellschaftliche Verantwortung und soziale Sensibilität. Das Schlimmste, was jungen Leuten heute passieren kann, ist nicht, dass sie den einen oder anderen Lernstoff nicht in ihren Kopf bekommen, das Schlimmste ist das unbestimmte Gefühl, überflüssig und unnütz zu sein. Wer den Teufelskreis von Frustration und Gleichgültigkeit durchbrechen will, muss den Klassenraum verlassen und sich an konkreten Aufgaben bewähren. Die Entwicklung einer „Kultur des Helfens“ ist für eine evangelische Schule immer ein wichtiger Akzent der Bildungsverantwortung.

6. Stunde: Pädagogik

Der Gong ertönt. Sechste Stunde: Pädagogik. Ein Schultag geht zu Ende. Woran erinnert man sich eigentlich, wenn man sich an seine Schule erinnert? Erinnert man sich an das Lernen? An bestimmte Inhalte? Oder vielmehr an das Gesicht der Lehrer, an die Angst vor Prüfungen, an den Geruch der Umkleideräume der Turnhalle. Also an all das, was eigentlich nicht so wichtig zu sein scheint. Wie wir geformt wurden, bleibt der Erinnerung weitgehend verborgen, dass wir geformt wurden, ist offensichtlich.

Weil Bildung und Menschsein zusammengehören, ist nach den konkreten Lebenslagen der Kinder und Jugendlichen zu fragen. Denn Lernen ist ein aktiver, letztlich selbstorganisierter Prozess, der allerdings durch die Schule und die Unterrichtenden angeregt werden muss. Deshalb spielt die Stärkung der Eigenverantwortlichkeit eine große Rolle. Es gilt immer noch der alte Lehrerwitz: der Unterrichtende steht immer im Zentrum - und darum allen im Wege.

Schauen wir auf die Kinder und Jugendlichen. Die Familien haben sich verändert. Kinder wachsen heute in der Regel in kleinen Haushalten auf. Traditionen und Rituale spielen eine geringe Rolle. Vielmehr haben sich Medien wie das Fernsehen oder der Computer in den Vordergrund geschoben und bieten Erfahrungen aus zweiter Hand. Eine zunehmende Kommerzialisierung der Freizeit ist zu beobachten. „Ohne Knete keine Fete!“ Die Sehnsucht nach Bindung, Gewissheit und Grenzen ist deshalb groß. Eventkultur hilft da nicht weiter. Der Bedarf an Leitbildern ist ungestillt.

Wenn man der Shell-Studie glauben darf, bereiten Jugendliche ihre eigene Lebensperspektive durchaus solide vor. Sie sind bereit, Verantwortung zu übernehmen - für sich und andere. Sie wissen, dass die Zukunft nicht frei von Problemen ist. Insbesondere die Frage, ob sie einmal einen Job bekommen, steht im Vordergrund. Und sie wissen, dass ihnen das Leben nicht gelingen wird ohne emotionalen Rückhalt.

Junge Leute wissen, dass sie für ihre Zukunft Schlüsselqualifikationen brauchen und die Fähigkeit, Zusammenhänge herzustellen (vgl. Oskar Negt). Dazu gehören:

Solide Selbst- und Fremdwahrnehmung,

Gesellschaftliche Wirkungen begreifen und Entscheidungsvermögen entwickeln,

der pflegliche Umgang mit Menschen und Dingen,

Erinnerungs- und Utopiefähigkeit,

die Sensibilität für Recht und Unrecht.

Junge Leute am PSG bringen es fertig, mehrere Dinge zur gleichen Zeit zu tun, streben nach Kompetenz statt bloßer Anhäufung von Wissen; sie sind kommunikativ, teamfähig, flexibel, prozessorientiert. Sie sind gut vorbereitet - auch durch eine Schule, die diese Kompetenzen fördert (die nicht unbedingt in einen Stundenplan passen). Deshalb finden die entscheidenden Lernerfahrungen oft am Rande der Stundentafel statt. In Projekten, in Praktika, auf dem Ausflug, bei ernsthaften Gesprächen mit Lehrern in der Pause.

Dazu leistet unsere Schule einen wesentlichen Beitrag. Sie will im Verbund mit dem Internat Bildungsgerechtigkeit fördern, denn in keinem anderen Land in Europa ist der Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungserfolg so eng wie in Deutschland. Sie setzt auf gezielte individuelle Förderung, denn sie ist geprägt von einem evangelischen Bildungsverständnis, dem es immer um den ganzen Menschen geht. Das ist ein anderer Akzent als „Learning to the test“.

Wenn heute oft von der Krise der Schulen und der Bildung die Rede ist, dann klingen die Rezepte recht hilflos: Man brauche bessere Lehrer, einheitliche Standards und wirksamere Kontrollen. Hartmut von Hentig argumentiert dagegen mutiger und bescheidener zugleich: es gehe nur um zweierlei: die Sachen klären und die Menschen stärken.

Der Theologe hält sich an biblische Bilder. Zwei Gleichnisse mögen hier in aller Kürze der Erläuterung dienen. Das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter, gewissermaßen die Klärungsgeschichte der Solidarität, und das Gleichnis vom verlorenen Sohn, das uns zusagt: auch der, der nicht weiter kann, der gescheitert ist, darf neu anfangen, wird für voll genommen, besitzt Zukunft. So können wir in unserer Gesellschaft die zu oft vergessene Dimension offen halten: Jedem steht mehr Anerkennung, mehr Zukunft zu, als er nach den Maßstäben der Welt verdient.

Wenn eine Schule in evangelischer Trägerschaft dies mit ihrer Schulkultur zum Ausdruck bringt, leistet sie einen wichtigen Beitrag zur Pluralität des öffentlichen Bildungswesens. Natürlich will sie auch eine Schule von hoher Qualität sein, will sich in besonderem Maße um Bildungsgerechtigkeit bemühen, will sich vernetzen mit Kirchengemeinden, Diakonie, Vereinen und dem ganzen Sozialraum. Aber mit alledem will sie den ganzen Menschen in den Blick nehmen und jedem Schüler und jeder Schülerin Gelegenheit geben, die eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Am Ende ist Bildung nämlich immer ein Emanzipationsprozess, ein Ausdruck geschenkter Freiheit.

Heimweg

Dann ist die Schule zu Ende. Der Heimweg wird angetreten. Die Busse werden wieder bevölkert, die Eltern warten mit ihren Autos. Manch ein Fahrrad kommt nach einem langen Schultag mühsam auf Touren. Nur der Weg zum Internat ist kurz.

Heimwege. Noch sind wir unterwegs nach Hause. Heimat ist ein Zukunftsbegriff. Ein Ort, wo noch niemand war. Ein Ort der Sehnsucht. Noch ist das Ziel nicht erreicht.

Der große jüdische Pädagoge und Arzt Janusz Korczak (1878-1942), sagte er zu Zöglingen, die das Warschauer Waisenhaus verließen: „Wir nehmen Abschied von euch für eure lange und weite Reise ... - das Leben. Wir geben euch keinen Gott, denn ihr müsst ihn selbst in der eigenen Seele suchen, im einsamen Bemühen. Wir geben euch kein Vaterland, denn ihr müsst es durch eigene Anstrengung eures Herzens und eurer Gedanken finden. Wir geben euch keine Menschenliebe, denn es gibt keine Liebe ohne Vergebung, und Vergeben ist mühselig, eine Strapaze, die jeder selbst auf sich nehmen muss. Wir geben euch eins: Sehnsucht nach einem besseren Leben, welches es nicht gibt, aber doch einmal geben wird, ein Leben der Wahrheit und der Gerechtigkeit. Vielleicht wird euch diese Sehnsucht zu Gott, zum Vaterland und zur Liebe führen.“

Das wünsche ich dem Paul-Schneider-Gymnasium am Festtag seines Jubiläums, dass es diese Sehnsucht in den Herzen der Schülerinnen und Schülern wach hält.

Elementarbildung in evangelischer Perspektive4

Kinder fragen - damit fängt alles an. Sie fragen Löcher in den Bauch, weil sie neugierig sind auf das Leben. Wer ihnen begegnet, tut gut daran, nicht vorschnell Antworten zu geben, sondern sich mit ihnen gemeinsam auf die Suche zu machen. Denn die Neugier hat ihnen schon erstaunliche Lernerfolge beschert. Noch bevor sie in den Kindergarten kommen, haben sie große Erfahrungen im Lernen. Sie haben - nicht ohne Anstrengungen - sitzen gelernt, stehen, laufen, sprechen. Sie wissen, dass Menschen sehr unterschiedlich sind und die Welt mit zahlreichen Ansprüchen an sie herantritt. Bei all den unterschiedlichen Erwartungen ist es nötig, die Welt in der sie leben zu verstehen, Zusammenhänge herzustellen, Begabungen und Fähigkeiten zu entwickeln. Deshalb setzt Bildung in kirchlichen Kindertageseinrichtungen beim Kind an und fördert selbstständiges Lernen.

Gott ist für Kinder eine geheimnisvolle Frage. Hinter der Suche nach Antworten, ob Gott uns sieht, ob er Gebete hört oder sich um Kranke kümmert, stehen umfassende Orientierungen: Wie soll man sich in der Welt zurechtfinden? Worauf kann man vertrauen? Woher kommt das Leid in der Welt? Welchen Sinn haben all die widersprüchlichen Erfahrungen der Angst und des Glücks?

„Wo Glaube wächst und Leben sich entfaltet“ - so lautet der Titel der EKD-Erklärung zum Auftrag evangelischer Kindertageseinrichtungen. In der Tat ist die Bildungsarbeit im Elementarbereich geprägt durch das Wechselspiel von Glauben und Leben, von religiösem Lernen und Welterfahrung. Es geht darum, Kindern zu ermöglichen, sich in der Welt zu zurecht zu finden und ihren eigenen Ort zu bestimmen. Es geht um Persönlichkeitsentwicklung. Dafür werden in den frühen Lebensjahren die Grundlagen gelegt.

Kinder sollen Vertrauen ins Dasein gewinnen, Mut zu eigenen Entscheidungen haben, sich Schwierigkeiten stellen, ohne die Hoffnung zu verlieren, sich entwickeln und keine Angst vor Fehlern haben. Sie sollen das werden, was sie sind: Kinder Gottes im großen Garten des Lebens.

Kindertageseinrichtungen haben neben dem Erziehungs- und Betreuungsauftrag einen eigenständigen Bildungsauftrag. Sie bieten Kindern einen geschützten Raum, Möglichkeiten zu sozialen Kontakten und vielfältigem Lernen. Sie sollen mit Herausforderungen und Krisen umgehen, ein grundlegendes Wertesystem entwickeln. Dabei geht es nicht um Anpassung und Funktionstüchtigkeit in einem vorgegebenen Rahmen gesellschaftlicher Erwartungen an künftige Generationen. Kinder sind nicht unsere Zukunft, sie sind unsere Gegenwart. Bildung vollzieht sich in Kindertagesstätten in der Spannung von Freiheit und Verantwortung. Die Kräfte zur Aneignung der Welt und zur Entfaltung der Persönlichkeit werden angeregt und unterstützt. Bildung im evangelischen Verständnis will Kinder befähigen, ihr Leben und die Welt zu gestalten. Sie versteht sich als „Sprachschule für die Freiheit“ (E. Lange). Deshalb betont die Kirche ein ganzheitliches Bildungsverständnis, das jeden Menschen so in den Blick nimmt, dass er unter dem Zuspruch und Anspruch des Evangeliums zum Subjekt der eigenen Geschichte werden kann.

Dieses Zutrauen ist an keine äußeren Kriterien gebunden. Denn das deutsche Wort „Bildung“ hat seinen Ursprung in der alttestamentlichen Rede vom Menschen als Gottes Ebenbild (Gen 1,26f). Paulus verwendet die Bild-Metapher christologisch, wenn er davon spricht, dass sich die Freiheit eines Christenmenschen entfaltet, indem wir „in dasselbe Bild (Christi) verwandelt werden von Herrlichkeit zu Herrlichkeit.“ (2. Kor 3,18). Weil Vielfalt zur Geschöpflichkeit des Menschen gehört, setzen kirchliche Kindertageseinrichtungen auf heterogene Lerngruppen, in denen oft Kinder mit und ohne Behinderung sowie unterschiedlicher Kultur, Religion und sozialer Herkunft einander begegnen. Verschiedenheit wird als bereichernd erlebt, wenn sie zugleich Identität entwickelt und Verständigung fördert.

Deshalb steht im Zentrum der Elementarbildung jedes einzelne Kind in seiner Beziehung zu Gott, zu sich selbst, zum Nächsten, zur Welt. Bildung ist mehr als die Verarbeitung von Informationen in der Wissensgesellschaft. Es geht immer um die Menschwerdung des Menschen, um die Entwicklung eines Vertrauens ins Dasein in einer Landschaft der Entsolidarisierung und der Angst. Kinder fragen nach dem Sinn eines Lebens, das vom Chaos bedroht wird, also nach typisch religiösen Kategorien. Die Grundfragen nach dem Woher und Wohin, nach dem Zusammenhalt der Menschen in Solidarität und sozialer Gerechtigkeit, dem Leben zwischen den Generationen, dem Erhalt von Frieden und dem Umgang mit der Schöpfung werden von Christen in der spannungsvollen Auseinandersetzung mit der Verheißung des Glaubens beantwortet. Damit begeben sich Kindertagesstätten mit ihren Kindern auf einen Weg, der ein Leben lang dauert.

Es ist unsere Aufgabe, in der heutigen Bildungslandschaft darauf hinzuweisen, dass Wissen ein menschliches Maß braucht, wie es die EKD-Denkschrift (2003) sagt. Sie betont deshalb den „Zusammenhang von Lernen, Wissen, Können, Wertbewusstsein und Handeln im Horizont sinnstiftender Lebensdeutungen“.

Was bedeutet das für evangelische Kindertageseinrichtungen? Jedes Kind ist eine eigenständige Persönlichkeit. Es hat ein Recht darauf, angenommen zu werden, so, wie es ist. Bei aller Unterschiedlichkeit ist niemand ohne Gaben, einer ergänzt den anderen, jeder wird gebraucht, jeder ist wichtig und wertvoll. Danach soll jedes Kind betrachtet werden, nicht nach seinen Defiziten.

Im Horizont des Evangeliums von Jesus Christus leben evangelische Kindertageseinrichtungen, dass wir von Gott gewollt, geliebt und befreit sind. Und sie machen diese Botschaft erlebbar. Das heißt: Nicht aus den Fähigkeiten des Menschen resultiert seine Würde, sondern aus der Bejahung, die von Anfang an für jedes einzelne Leben gilt. Und zugleich ist zu betonen: Kein Mensch ist eine Insel. Menschsein heißt „In-Beziehung-Sein“. Wo Kinder beides lernen, wird das Ich gestärkt und das Wir entwickelt.

Spielerisch werden in Kindertagesstätten diese Dimensionen entwickelt. Das Spiel bedeutet eine sehr ernsthafte Tätigkeit für Kinder. Der Ernst des Lebens beginnt keineswegs erst in der Schule. Das Spiel der Kinder ist gleichzusetzen mit der Arbeit der Erwachsenen. Spiel bereitet den Kindern nicht nur Spaß und Freude. Im Spiel „begreift“ das Kind die Welt. Im Spiel sind Kinder von innen heraus motiviert, etwas selbständig zu tun, etwas auszuprobieren. Sie lernen, eigene Fähigkeiten einzuschätzen und auszuweiten sowie eigene Grenzen zu erkennen. Das Spiel mit anderen prägt das Sozialverhalten. Kinder lernen Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft, aber auch, eigene Interessen und Bedürfnisse zu erkennen und zu vertreten.

Kinder wollen die Welt, die sie umgibt, mit all ihren Rätseln verstehen und stellen dazu Fragen, die mit ihrem Glauben zusammenhängen: Fragen nach Tod und Leben, Fragen nach der Welt, nach dem Himmel, nach Gott. Hinter diesen Fragen steht die Sehnsucht des Kindes nach Verlässlichkeit, Wärme und einer Liebe, die es um seiner selbst willen annimmt. Religiöse Bildung versteht sich als Anleitung, die grundlegenden Fragen des Lebens zu entdecken und zu verstehen. Denn jedes Kind ist ein von Gott gewolltes und geliebtes, selbst handelndes Wesen. Und es sucht auf seiner Lebensreise nach Halt und Geborgenheit.

Religiöse Bildung soll deshalb den Kindern helfen, Vertrauen zu Gott und zum Mitmenschen aufzubauen. Nur aus solch einem Grundvertrauen heraus können Kinder ein eigenständiges Ich entwickeln, mit einer positiven Lebenseinstellung und der Fähigkeit, sich anderen, aber auch der Natur und Umwelt, liebend zuzuwenden.

Kinder, die in die Kindertagesstätte kommen, begegnen dort vielfach zum ersten Mal dem christlichen Glauben und dem Thema Religion. Sie lernen biblische Geschichten kennen und entwickeln die Kompetenzen, die zur eigenen Standortfindung nötig sind. Darüber hinaus führen sie den Dialog mit anderen Religionen. Deshalb bewegt sich die evangelische Kirche da, wo sie Kindertageseinrichtungen trägt, im Zentrum ihres Auftrags. Dass sie mit diesem Profil auch gegenüber anderen Trägern erkennbar bleiben muss, versteht sich von selbst. Evangelisch wird ein Kindergarten nicht durch ein Schild an der Tür. Profilentwicklung tut Not und wird vielfach praktiziert.

Diesen Herausforderungen begegnen wir mit der Entwicklung des „Integrierten Bildungssystems evangelischer Kindertageseinrichtungen (IBEK)“.

Bildung im Horizont der Generalsynode Duisburg 16105

Alles hängt mit allem zusammen. Die alleinige Bindung an das Wort Gottes mit der Freiheit. Die Freiheit mit der presbyterial-synodalen Ordnung. Die Ordnung mit einem Ämterverständnis, das allen Getauften ein Urteil in theologischen Fragen zutraut. Der Glaubensdiskurs mit Bildung, mit der Befähigung zum eigenen Bekenntnis, zur persönlichen Antwort auf die berühmte 1. Frage des Heidelberger Katechismus: Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben? Ist die Antwort erprobt an der Heiligen Schrift und der Wirklichkeit, in der wir leben, geprüft im Dialog mit anderen Fragenden, so atmet sie die Freiheit, in die Gottes Wort stellt. Damit schließt sich der Kreis. Bildung hält dieses Gefüge lebendig.

In erstaunlicher Klarheit haben die Delegierten von 1610 beschlossen, ihrer Bildungsaufgabe mit aller Kraft nachzukommen. Ihnen war bewusst, ohne Bildung würde weder das ambitionierte Leitungskonzept noch das ausbalancierte Verhältnis von gemeindlicher Selbstständigkeit und synodaler Solidarität gelingen. Von der Auskunftsfähigkeit in Glaubensfragen ganz zu schweigen. Es wurde beschlossen, „dass es in alle Wege nötig (sei), dass eine jede Gemein, sofern es immer möglich, neben dem Prediger auch einen Schulmeister für die Jugend habe und anstelle.“

Seitdem gehen evangelische Freiheit und Bildung Hand in Hand. Seitdem erweist sich die Kirche als Lerngemeinschaft, in der Freiheit eingeübt wird. Die Grundidee ist, nicht auf einen vorgegebenen status quo hin zu sozialisieren, sondern Kirche und Welt zu gestalten. Nicht weniger hatte sich die Generalsynode vorgenommen. Nicht weniger ist unsere heutige Herausforderung.

Die christliche Freiheit bleibt mager, wenn sie nicht genährt wird. Durch Bildung erfahre ich von den Urkunden des Glaubens und verstehe die Welt, in der ich lebe. Ich probiere die großen Erzählungen von der Menschenfreundlichkeit Gottes an wie Kleider, prüfe, ob sie mir passen, ob sie mich wärmen, schützen und trösten. Ich erlaube mir auch, in kritische Distanz zu gehen. Neben dem reformatorischen Erbe hat der Protestantismus auch die Impulse der Aufklärung aufgenommen.

Bildung ist die treue Gefährtin der Verkündigung. Die Lehre von der Rechtfertigung des Menschen allein aus Gnade will Herz und Hirn zugleich erreichen. Ich bin nicht gezwungen, mein eigener Schöpfer zu sein. Ich bin gefunden, bevor meine Suche beginnt. Ich stehe unter keinem Zwang, meinem Leben Sinn zu geben durch Kraft, Schönheit, Erfolg, Reichtum, Religiosität. Mein Leben kann Stückwerk bleiben, weil das Vollkommene Gott vorbehalten ist.

Ich darf bekennen und das andere Bekenntnis achten. Protestantische Verschiedenheit ist oftmals anstrengend und unübersichtlich. Aber ohne gebildete Auseinandersetzung ist die Wahrheit gefährdet – und die Zukunft der Kirche ohnehin. Ohne Bildung keine Verantwortungsübernahme. Diakonisches Engagement mit Armen, Flüchtlingen, Benachteiligten ginge ins Leere. Dabei bewahrt Bildung die Kirche vor frommen Rückzügen ins Konventikel und vor Gottvergessenheit gleichermaßen.

Unsere Kirche ist im Umbruch – wie vor 400 Jahren. Wir wollen missionarisch Volkskirche sein. Und blicken gleichzeitig wie ein Kaninchen vor der Schlange auf die Zahlen, die Sorgen bereiten. Schauen wir ängstlich in die Zukunft oder hoffnungsvoll? Bringen wir Mut und Leidenschaft für Bildung mit nach Duisburg – wie vor 400 Jahren? Gewiss ist nicht die Zukunft der Kirche in ihrer jetzigen Gestalt. Gewiss ist nur die Zukunft des Evangeliums. Wir sind so frei, Kirche in dieser Gewissheit zu gestalten. In Gemeinden, Kirchenkreisen, der rheinischen Landeskirche und der EKD gleichzeitig. Das ist schwierig und mühsam. Aber Veränderungsprozesse von oben nach unten finden nicht die Akzeptanz, die für jedes Gelingen notwendig ist. Wir brauchen die Kreativität, die Begeisterung und die Kompetenz der vielen Engagierten in den Gemeinden. Bildung bringt sie zur Geltung.

Die geschenkte Bildung

Bildung ist ein Geschenk. Das befreiende Wort kommt von außen auf den Menschen zu. Vor aller Qualifizierung, vor allen Nützlichkeitserwägungen und Kompetenzerwartungen sind wir Hörende und Empfangende – Gebildete eben. Das deutsche Wort „Bildung“ hat seinen Ursprung in der alttestamentlichen Rede vom Menschen als Gottes Ebenbild (Gen 1,26f). Paulus verwendet die Bild-Metapher, wenn er davon spricht, wie sich die Freiheit entfaltet, indem wir in das Bild Christi verwandelt werden (2.Kor 3,18). Spätestens seit der Mystik ist uns dieser passive Bildungsaspekt bewusst. Jeder Mensch ist gebildet. Ohne wenn und aber. Von Gott. Durch Gottes Menschenfreundlichkeit. Ob Kind oder Greis, Mann oder Frau, Akademiker oder Schulabbrecher, mit einer geistigen Behinderung oder hochbegabt – die Würde jedes Menschen ist gleich. Gott traut uns mehr zu als nach den Kriterien der Welt verantwortbar wäre. Er sieht in uns, was noch nicht da ist, was zur Entfaltung kommen soll. Er kennt uns, auch unsere Grenzen und unser Versagen.

Mit Recht spricht die EKD-Denkschrift6 deshalb von der humanen Qualität der Bildung. Von ihrem menschlichen Maß. Auf der nächsten EKD-Synode werden wir über Bildungsgerechtigkeit nachdenken. Wir stehen damit in guter Tradition. Aus der Freiheit des Glaubens heraus traten die Reformatoren für ein öffentliches Schulwesen ein. Bildung sollte nicht länger das Privileg weniger sein. Gesellschaftliche und kirchliche Teilhabe sollte für alle unabhängig von Herkunft und Stand möglich sein. Das engagierte Eintreten für mehr Gerechtigkeit hängt unmittelbar mit diesem umfassenden Bildungsverständnis zusammen. Der Anspruch hat sich nach 400 Jahren nicht verändert. Niemand darf verloren gehen! Denn durch Bildung üben wir ein Leben lang unsere geschenkten Möglichkeiten.

Die gefährdete Bildung

Uns steht aber auch vor Augen: Der Anspruch wird nicht eingelöst. Bildungs- und Befähigungsgerechtigkeit werden heute schmerzlich vermisst. Skandalös ist der Zusammenhang von Armut und fehlender Bildung. Bildungsferne wird nach wie vor vererbt. In Stadtteilen mit armen Familien muss in Tageseinrichtungen für Kinder, in Schulen und der Kinder- und Jugendhilfe oft zuerst der nackte Hunger gestillt werden. Dadurch verschlechtern sich die Chancen. Selbst da, wo die materielle Versorgung gewährleistet ist, greift seelische Armut um sich. Viel zu viele Jugendliche verlassen die Schule ohne Abschluss.

Das liegt zum erheblichen Teil an einem Bildungsverständnis, das den Nutzen und die unmittelbare Verwertbarkeit der Bildung in den Vordergrund stellt. Vor wenigen Tagen hat die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ ihren Bildungsmonitor 2010 vorgestellt. Er liefert eine ökonomische Sicht der Bildung und untersucht die Wirkung von Bildungsinvestitionen auf das Wirtschaftswachstum. Bildungsarmut wird nicht unter dem Gerechtigkeitsaspekt behandelt, sondern unter dem Gesichtspunkt möglicher Folgekosten oder eines künftigen Fachkräftemangels. Wichtig sind nur die naturwissenschaftlichen Fächer. Der Monitor stellt Bedeutung des „technischen Humankapitals für das Wachstum und die Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft“7 heraus. Religion, Musik, Kunst, soziale Kompetenz werden dagegen an den Rand gedrängt.