Wassenberg - Pskow - Klaus Eberl - E-Book

Wassenberg - Pskow E-Book

Klaus Eberl

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Beschreibung

1991, fünfzig Jahre nach dem Krieg kam Pfarrer Klaus Eberl mit einer Delegation der Evangelischen Kirche im Rheinland in die russische Stadt Pskow. Die Versöhnungsreise wurde ein Besuch mit Folgen. Es entstand das Heilpädagogische Zentrum, das wesentliche Impulse für die Arbeit mit behinderten Menschen in ganz Russland gegeben hat. Mag sein, dass es eine verrückte Idee war, 2004 mit dem Fahrrad von Wassenberg nach Pskow zu fahren, ca. 2.700 km Richtung Osten, aber es war auch eine wunderbare Erfahrung. Im Vordergrund stand das Heilpädagogische Zentrum in Pskow; die Aktion sollte Rückenwind für Menschen mit Behinderungen in Russland bringen - und Spenden für das HPZ einwerben. Die Reisegruppe war bunt gemischt: Presbyter, Pfarrer, Mitarbeiter aus Deutschland sowie russische Kollegen. Auf einem Teilabschnitt begleiteten Jugendliche aus der Gemeinde die Russlandfahrer. Die Reise begann am 17. Juli 2004 mit einem Aussendungsgottesdienst in Wassenberg. Von West nach Ost führte der Weg durch Polen, Litauen, Lettland und Estland , um schließlich am 10. August in Pskow anzukommen.

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Seitenzahl: 62

Veröffentlichungsjahr: 2017

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INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort

Das Wunder von Pskow Die Geschichte des Heilpädagogischen Zentrums

Von Wassenberg nach Pskow Ein Reisetagebuch

Menschenbild und Integration Ein Vortrag

Barbara Kramer: Ein Brief als Nachwort

VORWORT

Wann begann unsere Reise? Im Sommer 2004 oder schon viel früher? Vielleicht 1941, als mein Vater, noch ein Jugendlicher, in den Krieg Richtung Osten ziehen musste. Oder 1974, als ich im Zivildienst erstmals mit schwerstbehinderten Kindern arbeitete und die Herausforderungen christlichen Glaubens solche Faszination ausübten, dass ich Theologie studierte. Oder 1991? Fünfzig Jahre nach dem Krieg kam ich mit einer Delegation der Evangelischen Kirche im Rheinland um Präses Peter Beier in die russische Stadt Pskow. Die Versöhnungsreise wurde ein Besuch mit unvorhersehbaren Folgen. Es entstand das Heilpädagogische Zentrum, das die soziale Komponente in der Stadt gestärkt und wesentliche Impulse für die Arbeit mit behinderten Menschen in ganz Russland gegeben hat.

Mag sein, dass es eine verrückte Idee war, 2004 mit dem Fahrrad von Wassenberg nach Pskow zu fahren, ca. 2.700 km Richtung Osten, aber es war auch eine wunderbare Erfahrung: die neuen Grenzen Europas auszuloten, Menschen zu begegnen, sich empfindlich für ihre Fragen und Hoffnungen zu machen.

Im Vordergrund der Aktion stand das Heilpädagogische Zentrum in Pskow; Rückenwind für Menschen mit Behinderungen in Russland. Darüber hinaus sollte der Frage nachgegangen werden: Was macht das „neue Europa“ aus? Wie sieht es hinter der Ostgrenze der EU aus? Steht der Wind den Menschen entgegen oder bringt er alle gemeinsam voran?

Die Gruppe war bunt gemischt: Die Presbyter Erwin Ruchatz und Rüdiger Sprick, Gabi Sprick, Werner Brümmer aus dem Landeskirchenamt, Andrej Zarjow, der russische Direktor des Heilpädagogischen Zentrums, Konstantin Popow, Orthodoxer Kantor in Pskow, Horst Leonhardt, der sich um den Gepäcktransport kümmerte, und ich selbst, Klaus Eberl, Pfarrer in Wassenberg und Jülicher Superintendent. Von Goslar bis Berlin begleiteten Jugendliche aus der Gemeinde unter Leitung von Pfarrer Thomas Bergfeld und der Sozialpädagogin Barbara Kramer die Russlandfahrer.

Die Reise begann am 17. Juli 2004 mit einem Aussendungsgottesdienst in Wassenberg. Von West nach Ost führte der Weg durch das Ruhrgebiet, den Harz nach Berlin. Im Berliner Dom fand ein Themengottesdienst am 25.Juli statt. Bei Frankfurt/O. wurde die polnische Grenze erreicht und das Land Richtung Masuren durchquert. Die baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland wurden in nördlicher Richtung erfahren, um schließlich am 25.7. im russischen Pskow anzukommen.

Klaus Eberl, Reformationstag 2004

Der Erlös dieses Buches ist für die Arbeit des „Heilpädagogischen Zentrums“ in Pskow/Russland bestimmt.

Anfragen zum Projekt:

Ev. Kirchengemeinde Wassenberg, An der Kreuzkirche 2, D-41849 Wassenberg, Tel. 02432-2142 oder

per Email: [email protected]

Informationen im Internet:

www.ekir.de/pskow

Spendenkonto:

Ev. Verwaltungsamt Jülich

IBAN: DE75 3506 0190 1010 1870 16

BIC: GENODED1DKD

Kennwort: Pskow

DAS HEILPÄDAGOGISCHE ZENTRUM PSKOW EINE INSEL DER HOFFNUNG1

Julia tanzt vor dem Heilpädagogischen Zentrum in Pskow nach rhythmischer Musik. Mit seiner Logopädin trainiert Sascha die Aussprache alltäglicher Worte. Katja lernt, beim Mittagessen ohne Hilfe einen Löffel zu benutzen. Lena badet im Therapiebecken der Krankengymnastik. In der Werkstatt erprobt Alexej einfachste Handgriffe. Alltagsszenen aus dem ersten heilpädagogischen Zentrum für schwer geistig und körperlich behinderte Menschen in Russland.

Das Projekt begann mit einer Versöhnungsreise. 1991 besuchte eine Gruppe evangelischer Christen aus dem Rheinland die Stadt Pskow, um des Überfalls der deutschen Wehrmacht auf die damalige Sowjetunion im Juni 1941 zu gedenken. Präses Peter Beier leitete die Delegation, die neue Brücken zwischen Russen und Deutschen bauen sollte. Im Rahmen der Gedenkfeiern traf ich bei dem russischorthodoxen Priester Pawel Adelheim eine Elterngruppe mit behinderten Kindern, die in einer hoffnungslosen Situation lebten. Über Jahrzehnte hinweg galten Menschen mit Behinderungen als Störfall im sozialistischen System, wurden weggeschlossen oder als nicht förderfähig eingestuft. Therapie und Betreuung, Familienentlastung und schulische Konzepte waren für schwerstbehinderte Kinder unbekannt.

Mit den Eltern entstand die Idee, eine Schule zu schaffen und dadurch einen Beitrag zur Integration zu leisten. Das Wort Versöhnung gewann dadurch konkrete Züge.

Als 1993 das Heilpädagogische Zentrum eröffnet wurde, konnte es auf ein tragfähiges Netzwerk verlässlicher Partner zurückgreifen. Die Stadtverwaltung Pskow stellte ein Grundstück an der Welikaja zur Verfügung, das Land Nordrhein-Westfalen bezuschusste den Bau des Schulgebäudes, die Rurtalschule für Geistigbehinderte in Heinsberg-Oberbruch sorgte für die pädagogischen Impulse sowie die Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer. Ihr ist der hohe fachliche Standard der Einrichtung zu verdanken. Die evangelische Kirchengemeinde Wassenberg wurde Trägerin der Einrichtung und band viele engagierte Ehrenamtliche in das Projekt ein. Schließlich wurde ein großartiges Mitarbeiterteam eingestellt, das sich auf das Abenteuer einließ, pädagogisches Neuland zu betreten.

Mittlerweile ist das HPZ 10 Jahre alt. Es werden fast 50 schwerstbehinderte Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 18 Jahren betreut. Sie erfahren Freude, Gemeinschaft und Wertschätzung. In drei Schulklassen und einer Werkstufe lernen sie unermüdlich nach ihren jeweiligen Fähigkeiten und Bedürfnissen, lernen vor allem, sich selbst zu versorgen und sich im Alltag zu orientieren.

Das Zentrum ist ein fröhlicher Ort. Es wird gesungen, gespielt und gefeiert. Die Mitarbeitenden sind mit Leidenschaft und Können bei der Sache. Aus ganz Russland kommen Fachleute, um sich über die Arbeit zu informieren. Es wurde ein Curriculum erarbeitet, das die pädagogische und therapeutische Arbeit reflektiert. Damit ist auch der theoretische Rahmen geschaffen, mit dem man Abschied von der sog. Defektologie nimmt. Integration ist das Ziel. Die Kinder kaufen auf dem Markt ein, besuchen Schwimmbäder und Sommercamps, lernen mit dem Rollstuhl zu fahren oder üben einfach alltägliche Situationen: essen, sich anziehen, sich waschen. Parallel dazu entwickelt die Elternvertretung ein neues Selbstbewusstsein und macht im Zeitraffer eine Entwicklung durch, die in Deutschland Jahrzehnte gedauert hat.

Bis heute bringt die Wassenberger Kirchengemeinde zur Finanzierung des HPZ jährlich zwischen 150.000 und 200.000 € an Spenden und Kollekten auf. Das Geld wird benötigt für Gehälter, Mahlzeiten, Material, Busse, Instandhaltung des Gebäudes u.s.w. Das ist nur durch die Mithilfe vieler anderer Gemeinden, Privatpersonen und Sponsoren sowie der Evangelischen Kirche im Rheinland möglich.

Fast vierzig fabelhafte Mitarbeitende vom Direktor über Lehrerinnen und Therapeuten, Köchinnen und Reinigungskräfte bis zum Hausmeister und Busfahrer stehen auf der Wassenberger Gehaltsliste. Andrej Zarjow, selbst Vater einer schwerstbehinderten Tochter, leitet die Einrichtung. Vorher war er Englisch-Lehrer, hat sich aber seit Gründung des Zentrums ganz der Arbeit mit behinderten Menschen gewidmet. Fortbildungen in Europa und USA haben den ruhelosen Kopf der Einrichtung gemeinsam mit seiner Stellvertreterin Swetlana Andrejewa zu hochkompetenen Experten gemacht. Ziel ist eine Neuorientierung der Arbeit mit schwerstbehinderten Menschen in Russland, die christlichen Grundlagen verpflichtet ist: bedingungslose Wertschätzung, die nicht von „Defekten“ ausgeht, sondern von der jedem Menschen geschenkten Würde.

Niemand konnte ahnen, dass der Besuch rheinischer Christen am Gedenktag des Krieges zum Auftakt für eine Hoffnungsgeschichte wurde. In Pskow ist ein kleines Wunder geschehen, das Menschen in Wassenberg und Pskow verändert hat. Sie sind Partner geworden, die an einer gemeinsamen Zukunft bauen.

Die Fahrradtour im Sommer 2004 sollte dazu beitragen, diese Partnerschaft zu stärken und Menschen auf das „Wunder von Pskow“ aufmerksam zu machen.

1 Informations-Flyer 2003

REISETAGEBUCH2

1. Tag, 17.7.04: Wassenberg-Essen (95 km)

Wir sind gerührt, dass so viele Menschern unsern Start nach Russland begleiten. Junge und alte Gemeindeglieder, Lehrer der Rurtalschule, sogar der Bürgermeister, sind beim Start der Fahrradreise von Wassenberg nach Russland dabei, um uns Segenswünsche mit auf den Weg zu geben. Aber auch Briefe für die Mitarbeiter im Heilpädagogischen Zentrum werden eingepackt, kleine Souvenirs, in letzter Minute noch ein Kinderwagen für Christina Strekalowskaja in Pskow, die ein lang ersehntes Baby bekommen hat. Der Gepäckwagen ist nun so voll, dass kaum noch ein Handtuch hineinpasst.