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Übermütig habe ich einen Blick in zugestaubte Zettelkasten zugelassen. Es entstand ein Buch mit Kurzgeschichten, tragischen und lustigen, quer durch Europa. In vielen Situationen können sich einige Leser wiederfinden. Das Leben hat für jeden Überraschungen bereit, die, qualvoll erlebt, rückblickend einen zum befreienden Lachen bringen, nun froh, der Situation gut entkommen zu sein. Nichtigkeiten, die in der Erinnerung kreisen, lange belastend, nun im anderen Licht, durch die Zeit ein wenig sonnenbeschienen, gemildert gesehen und empfunden werden.
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Seitenzahl: 131
Veröffentlichungsjahr: 2018
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In Erinnerung an meinen Bruder Hans.
Ich danke meinen Freunden Hella Rudzuck und Wolfgang Kluthe für die technische Gestaltung und die kritische, künstlerische Beratung beim Entstehen des Buches.
Wolik
Familie Kemezies
Der 3. Mann zum Skatspielen fällt aus
Gefillte Fisch
Vergessen
Moll – Moll – Moll
Doofe Gänse
Der Zweite
Ich hab‘ noch einen Koffer in Berlin
Berliner Familie
Fernweh
Paris ist eine Reise wert
Ohne Hotelführer
Gegenüber ist es besser
Ferien an der Adria
Venedig sehen ...
Riesen-Unwetter über Nairobi
Ich wollte nur meine Sendung im Fernsehen sehen
Wer kennt die Beach Boys nicht?
Empfohlenes katalanisches Restaurant
So schnell wird man Fußgänger
Zeugin eines beginnenden Dramas
Eine laute Nachtmusik
Ich sehe wohl doppelt
BLANCO
Gemeuchel im Hühnerstall
Er saß auf der Stoßstange des Autos seiner Großmutter und lachte, dabei war es ein Abschiedsbild. Während er in seinem blauen Mantel dasaß, hörte ich aus dem Haus meiner Eltern das laute Weinen seiner Großmutter; sie wollte nicht verstehen, daß Wolik nach Moskau mußte. Seine Koffer waren schon im Auto verstaut und die Zeit drängte, um noch rechtzeitig zum Flughafen zu kommen, von wo aus Wolik zu seiner Mutter nach Moskau fliegen sollte. Die Großmutter mußte ihn herausgeben. Die Mutter, die in Moskau lebte, hatte diesen Besuch über das Russische Konsulat erzwungen.
Eigentlich begann alles am Ende der dreißiger Jahre. Unsere Familie lebte damals in Litauen, in Kaunas, der damaligen Hauptstadt. Wir hatten dort ein Haus, mein Vater war Lehrer am Deutschen Gymnasium, und meine Mutter arbeitete im Deutschen Konsulat. Eines Tages rief eine Dame an, die meine Eltern um ein privates Gespräch bat. Sie hieß Frau Professor Dantschakowa. Einige Tage später kam sie zur vereinbarten Zeit. Eine imposante Person; ihre Erscheinung, ihr Auftreten, ihre Figur und ihre Kleidung strahlten großes Selbstbewußtsein aus. Ihr Mantel und ihr Kleid waren wie Umhänge, die ihre üppige Gestalt verhüllten. Ihr graues Haar trug sie zu einem dicken Knoten verschlungen im Genick, und ihre Stimme war rauh und männlich. Meine Eltern konnten sich nicht vorstellen, was diese Dame zu ihnen führte. Bei den Gesprächen im Salon kam sie nach einigen Höflichkeitsfloskeln gleich zur Vorgeschichte ihres Problems.
Sie käme aus Rußland, hatte die Gelegenheit in Frankreich und in den USA zu studieren, später heiratete sie in Moskau einen Arzt und bekam ihre Tochter Irina. Zur Weiterbildung erteilte man ihr eine Ausreisegenehmigung mit der Auflage, daß ihr Mann und ihre Tochter Rußland nicht verlassen dürften. Ihre Tochter wuchs in der Obhut der Schwester ihres Mannes und einer Magd im elterlichen Haus auf. Sie selbst blieb einige Jahre im Ausland und wurde Forscherin der Hormonmedizin. Später hatte ihre Tochter Kontakte zu der Studentenbewegung und bekam 17-jährig ein Kind, der Junge heißt Wladimir. Die politische Situation verschärfte sich, ihr Mann bekam wegen einiger politischer Äußerungen ernsthafte Schwierigkeiten, er wurde einige Male verhaftet. Die Tochter schloß sich dem jungen Studenten, dem Vater ihres Kindes, an. Der Vater verlor seine Tochter aus den Augen.
Noch einmal fuhr Frau Dantschakowa nach Moskau, und bei dem Stand der Dinge nahm sie ihren Enkel und eine Magd zu dessen Betreuung mit. Es war eine abenteuerliche Reise, die ohne Ausreisepapiere erfolgte; gute Freunde hatten dank ihrer Beziehungen geholfen. Mein Vater sprach perfekt Russisch und hörte ihr aufmerksam zu. Frau Dantschakowa wandte sich während ihrer Erzählung ab und zu an meine Mutter, sprach einige Sätze in kehligem Deutsch: “Sie verstehen, Madam, meine Lage?“ oder: “Wie hätten Sie gehandelt in meiner Situation?“ Durch verschiedene Gastprofessuren vagabundierte sie mit der Magd Olga und dem Kind von England über Frankreich nach Amerika. Dort adoptierte sie nach vielen Schwierigkeiten den kleinen Wladimir, er wurde Wolik genannt, und sie wurde amerikanische Staatsbürgerin, und somit auch Wolik.
Olga sorgte für den ganzen Ablauf des Tages, aber sie sprach nur Russisch mit dem Jungen. Vom vierten Lebensjahr an hatte Wolik einen Hauslehrer, er wurde in allen Fächern unterrichtet und lernte unter anderem auch Deutsch. Trotzdem war er ein einsames Kind. “Sie verstehen sicher, Madam“, zog sie wieder meine Mutter in das Gespräch mit ein. “Sie führen wahrlich ein abenteuerliches, interessantes Leben, Madam, aber ich wüßte nicht. . . .“ „Ich komme gleich drauf, mein Herr. Ich habe jetzt seit einiger Zeit eine Professur an der Universität in Kaunas und will nun länger hierbleiben. Ich habe in der Vorstadt ein altes Holzhaus gekauft, ich brauche Platz für meine Hühner, mit denen ich hier meine Experimente mache. Olga ist mit allen Pflichten hier überfordert und ich habe nicht so viel Zeit für Wolik, wie er sie bei seinen vielen Interessen brauchen würde. Die ganze Vorgeschichte war notwendig, damit sie meine Bitte verstehen. Ich möchte, daß Wolik hier das Deutsche Gymnasium besucht und ein geregeltes Leben führen kann. Er braucht Kameraden, er war zuviel nur mit Erwachsenen zusammen. Natürlich müßten Sie sich vom Stand seines Wissens überzeugen und sehen, welche Klasse für ihn in Frage käme.“ Abwehrend hob mein Vater seine Hände und erklärte, daß dieses zu entscheiden die Sache des Direktors der Schule wäre. Er selbst wäre nur einer der Lehrkräfte und solche Prüfungen und Entscheidungen fielen nicht in seine Kompetenz. Die Dame bat aber meinen Vater trotzdem, sich erst von Wolik ein Bild zu machen, damit sie wüßte, was in etwa bei einem Gespräch mit dem Direktor auf sie zukäme.
Unser Hausmädchen brachte den Samowar herein und es wurde der Tschai, der Tee, serviert. Sie tranken schweigend eine Weile und genossen das heiße Getränk. Mit einem höflichen Lob des wunderbaren Aromas : “Ich schätze den Ceylon sehr,“ begann wieder das Gespräch. „Sie haben ein schönes Haus, und es liegt so günstig nah an der Schule....“ Das waren diplomatische Aufmerksamkeiten, mit denen sie sich dann verabschiedete.
Es wurde nichts vereinbart, alles blieb offen, bis einige Tage später ein Bote ein Kärtchen bei uns abgab: Professor Dantschakowa bittet am nächsten Dienstag mit ihrem Enkel zu einem Gespräch empfangen zu werden.
Und dann kamen sie. Die Großmutter schob den sich zurückhaltenden Jungen in den Salon, ich hörte recht bald eine eifrige Unterhaltung. Ich hatte Wolik im Flur nur flüchtig gesehen, ich mochte ihn vom ersten Augenblick an.
Meine Eltern hatten beim Abendbrotessen meinem Bruder und mir vom letzten Besuch erzählt, auch von den Plänen, die die Großmutter mit ihrem Enkel vorhatte. Später schilderten sie uns den Ablauf des Nachmittags, und mein Vater war von Wolik sehr angetan. Er war ein wohlerzogener Junge, der alle an ihn gestellten Fragen höflich und mit Witz unbefangen beantwortet hatte. Mein Vater sagte hinterher, daß Wolik genau wußte, welchen Eindruck er bei meinen Eltern hinterließ. Er war damals zwölf Jahre alt, zwei Jahre älter als ich.
Das nach Tagen stattgefundene Gespräch der Großmutter mit Direktor Strauch war positiv verlaufen. Allerdings hatte der Direktor mit dem Lehrerkollegium diesen Fall diskutiert, denn es kamen auf die Lehrer mit dem „Problemkind“ zusätzliche Aufgaben zu. Wolik kannte zwar das Lernen, aber nicht den Schulbetrieb. Der Stand seines Wissens lag in manchen Fächern weit über dem Stand seiner Klasse mit Gleichaltrigen. Die deutsche Sprache wies natürlich Lücken auf; die litauische Sprache, die an der Schule obligatorisch war, beherrschte er überhaupt nicht und wäre natürlich auf zusätzlichen Nachhilfeunterricht angewiesen. Es galt also große Lücken zu füllen, um nicht den Klassenbetrieb aufzuhalten. Auch hatte der Direktor die Unterbringung in einer deutschen Familie empfohlen, schon allein der nachmittäglichen Hausaufgaben wegen. So kam es zu weiteren Gesprächen mit meinen Eltern, und auf Bitten von Frau Dantschakowa ließen sie sich überreden und willigten ein, Wolik bei uns aufzunehmen. Die Großmutter hatte diese Möglichkeit bereits bei ihrem ersten Besuch im Auge gehabt, wie sie später auch zugab.
So zog Wladimir Alexander bei uns nach einigen Tagen ein, sehr zu meiner Freude, bekam ich doch einen Spielkameraden; mein Bruder war älter und hatte andere Interessen. In unserer Wohnung wurde einiges verändert. Mein Bruder bekam nun das größere Zimmer, das er sich mit Wolik teilte. Die Hausaufgaben machten wir gemeinsam in meinem Zimmer, und der Nachhilfeunterricht fand im Eßzimmer statt. Da meine Eltern berufstätig waren, war Anna, genannt Anusija, schon seit vielen Jahren der gute Geist des Hauses. Sie verstand sich sofort mit Wolik und so hatten wir bald das Gefühl, daß Wolik schon lange bei uns lebte. Seine Großmutter rief ab und zu bei uns an und erkundigte sich nach seinen Fortschritten. Sie machte keinen Hehl daraus, wie froh sie war, ihn bei uns gut aufgehoben zu wissen. In der Schule blieb er recht isoliert, sodaß er in jeder Pause vor meinem Klassenzimmer stand und auf mich wartete. Er besuchte eine höhere Klasse und konnte sich für die Rangeleien der Jungen in der Pause nicht begeistern. Er war das Leben in einer Gruppe nicht gewöhnt, und in der Klasse beim Unterricht langweilte er sich bei vielen Fächern, weil seine Kenntnisse umfangreicher, durch den empfangenen Privatunterricht in den Jahren davor, waren. Wenn er sich meldete, war er enttäuscht, wenn er nicht antworten durfte. Wenn er aber Gelegenheit bekam zu antworten, wurde in der Klasse gelacht; er sprach mit stark russischem Akzent.
An den Nachmittagen, die wir frei hatten, stromerten wir durch die Stadt. Oft besuchten wir auch Olga, die jetzt sehr unter dem Alleinsein litt. Besonderer Anziehungspunkt waren für uns jedoch die vielen Hühner, d.h. ihre gelegten Eier. In der Küche durften wir dann Eigelb mit Zucker verrühren und dann das schaumig geschlagene Eiweiß darunterrühren. Wir nannten es „Goggel-Moggel“ und aßen es beide sehr gern. Im Winter gingen wir auf eine der vielen Schlittschuhbahnen, der bei uns im Winter herrschende starke Frost ermöglichte es. Unter freiem Himmel, unter bunten Lichterketten und lauter Musik vergnügten sich Groß und Klein oft bis in den späten Abend. Beim Abendbrot war die ganze Familie zusammen, und jeder konnte seine Erlebnisse des Tages allen erzählen. Und meine Eltern freuten sich, daß wir so gut miteinander zurechtkamen.
An manchen Sonntagen besuchten wir seine Großmutter, die selten nach Hause kam, ging sie doch ganz in ihrer Arbeit an der Universität auf. Eigentlich kam sie nur zum Schlafen spät in der Nacht nach Hause. Sie genoß dann das seltene Familienleben. Nach dem üblichen Tee, neben dem summenden Samowar, spielten Wolik und ich an einem kleinen Tisch am Fenster Schach - er hatte es als kleiner Junge schon beigebracht bekommen, nun war ich seine Schülerin, hatte aber selten Gelegenheit ihn zu schlagen. Mit reichlich Taschengeld versehen zogen wir dann wieder ab.
Viele Abenteuer erlebten wir - nicht immer zur Freude meiner Eltern. Zusammen waren wir mutiger und unternahmen recht riskante Dinge. So manchen Nachmittag hatten wir daraufhin Stubenarrest, mit dem verschiedene Pflichten verbunden waren. Gar kein Interesse hatte Wolik an den Nachhilfestunden, um die litauische Sprache zu erlernen. Sie war an unserer Schule Pflichtfach. Seine Pläne waren, später in Amerika oder Deutschland Maschinenbau zu studieren, Litauisch könnte er dabei sowieso nicht gebrauchen. So vergingen Monate. Wir hatten alle das Gefühl, er wäre schon immer bei uns gewesen. Leider gingen in dieser Zeit meine Leistungen in der Schule merklich zurück, und meine Eltern machten sich Sorgen.
Eines abends kam Frau D. ganz aufgelöst und verweint ohne Voranmeldung zu uns. Sie schrie immer wieder außer sich, nie würde sie Wolik wieder hergeben, sie hätte ihn ja adoptiert, er gehöre für immer zu ihr. Nachdem sie sich einigermaßen beruhigt hatte, konnte sie langsam erzählen, was vorgefallen war. Sie hatte ein amtliches Schreiben vom Russischen Konsulat in Kaunas bekommen. Darin wird berichtet, ihre Tochter Irina hätte in Moskau beim zuständigen Gericht beantragt, ihren Sohn Wladimir für einen vierwöchigen Besuchsurlaub nach Rußland einreisen zu lassen. Erstaunt war Frau D., woher ihre Tochter ihre jetzige Adresse kannte. Mit ihrem Mann stand sie über eine Adresse in der Schweiz in gelegentlicher Verbindung. So harmlos diese „Einladung“ auch klang, es erschien logisch, daß eine Mutter ihren Sohn nach so langer Zeit einmal sehen wollte, auch wenn sie nach seiner Geburt wenig Interesse an ihm gezeigt hatte.
Die halbe Nacht wurde nun bei uns beratschlagt, was zu tun sei. Frau D. beschloß, am nächsten Tag das Russische Konsulat aufzusuchen, um Näheres zu erfahren, hatte doch Wolik einen amerikanischen Paß; da gibt es notwendige Visa und viel Bürokratie in solchen Fällen. Sie erfuhr, daß das Konsulat über die damalige Adoption in Amerika informiert war und daß eine solche, ohne Zustimmung der Mutter, gar nicht rechtens sei. Dies sei international so geregelt und sie solle sich überlegen, ob sie weiter ihre Zustimmung für Woliks Reise verweigere. Es gäbe ja verschiedene Möglichkeiten, auf die Lage der Dinge Einfluß zu nehmen, schließlich lebte ihr Mann ja in Moskau und er hätte schon einige Male mit den Sicherheitsbehörden zu tun gehabt.
Mein Vater hatte schon so etwas befürchtet, aber mehr als Frau D. trösten konnte er leider nicht. Sie telefonierte noch einige Male mit dem Botschafter, dessen Antworten wurden immer unfreundlicher, und so kam der Tag der Abreise, die Billetts für den den Flug lagen bereit. Da erschien vor unserem Haus ein schwarzes großes Auto. Ein dunkel gekleideter Mann stieg aus und sagte, er sei im Auftrag der Russischen Botschaft hier, um Wladimir Dantschakoff zum Flugplatz zu bringen, er bitte um Beeilung, das Flugzeug würde nicht warten. Ohne auf Frau D.s Fragen einzugehen, drängte er Wolik in das Auto. Ungehalten wurde er, als Frau D. ihren Kofferraum öffnete und auf Woliks Gepäck zeigte. Widerwillig verstaute der Mann die zwei Koffer in seinem Kofferraum, und Frau D. konnte sich noch schnell in das Auto zu Wolik setzen. Mit Vollgas verschwand der Wagen. Später erzählte uns Frau D., sie wäre während der Fahrt zum Flughafen vor Angst kaum zur Besinnung gekommen, hilflos sei sie sich vorgekommen. In der Flughafenhalle wurde sie an der Sperre aufgehalten, sie konnte sich nicht einmal von ihrem Enkel verabschieden.
Der Mann nickte dem Kontrolleur nur zu, und Wolik und er passierten die Sperre und gingen zu Fuß zu dem bereitstehenden Passagierflugzeug. Frau D. konnte noch sehen, wie der Mann Wolik der Stewardeß übergab. An der Sperre begannen die Leute, die ihre Bekannten zum Abflug nach Moskau begleitet hatten, zu winken, und das Flugzeug rollte langsam auf seine Rollbahn. Jetzt erst wurde Frau D. bewußt daß sie ja noch die Flugticketts in der Hand hatte und daß die Koffer von Wolik im Kofferraum des Autos der Russischen Botschaft geblieben waren. Ihr wurde schwindlig. Sie schien im Moment zu begreifen, daß diese Reise wohl anders geplant war, als von ihrer Tochter angegeben. Sie verlor das Bewußtsein. Als sie in einem Nebenraum des Flughafens wieder zu sich kam, war von dem Mann und seinem Auto nichts mehr zu sehen. Mit einem Taxi fuhr sie zurück zu uns und schilderte meinen Eltern was geschehen war.
Das alles war besorgniserregend, aber es blieb nichts anderes übrig als abzuwarten. Ich heulte den ganzen Tag. Abends im Bett war das Kopfkissen naß von meinen Tränen, und erst als Anusija, unser seit Jahren treusorgendes Hausmädchen in mein Zimmer kam und sagte, daß Fips, unser lieber Familienhund, zu mir ins Zimmer wollte, da hatte ich wieder einen Freund und umarmte seien dicken Kopf und erzählte ihm meinen Kummer, und er verstand mich. Meine Nachmittage verlebte ich nun allein, schloß mich auch wieder mehr an meine Klassenkameradinnen an und wurde mit Nachdruck angehalten, mich wieder auf meine Schulaufgaben zu konzentrieren.
Nachdem vier Wochen verstrichen waren, tauchte Frau D. wieder auf, die nun jede Nacht bei uns telefonierte und versuchte, ein Gespräch mit der Telefonnummer ihrer Tochter in Moskau über das Postamt vermittelt zu bekommen. Damals ging so etwas nur mit Hilfe vom “Fräulein vom Amt.“ Frau D. schien fest damit zu rechnen, daß ihre Tochter Wolik wieder zurückschickt, es war ja bei ihrem Antrag von einem 4-wöchigen Besuch bei der Mutter die Rede. Ich hörte dann immer wieder Frau D. ins Telefon schreien: “Versuchen Sie doch bitte noch einmal, das Gespräch mit Moskau zu vermit
