Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Nach dem Tod des Vaters verfällt die nach Deutschland immigrierte Familie Selcan in tiefe Depressionen. Die Mutter hat weder das Geld noch die Kraft für ihre Kinder zu sorgen während sich die Krankheit ihres 15-Jährigen autistischen Sohns Fabio zunehmend verschlechtert. Einzig Esme, die Tochter versucht ihre Familie und sich in dem neuen Land zu integrieren. Als sie das Jugendamt einschaltet, welches entscheidet dass Fabio trotz seiner Krankheit eine Schule besuchen muss, bemerkt dieser dort seinen besonderen Bezug zu der deutschen Sprache. Während sich Esme und ihre traumatisierte Mutter stets um die Zukunft Fabios streiten entwickelt er eine eigene Technik wieder stärker an der Realität teilzunehmen: Er sprayt Graffitis, schreibt Gedichte und erzählt Geschichten. Denn in den Momenten, in denen er selbst schreibt verlässt er seine eigene Welt und nimmt die Umwelt ausnahmsweise wahr. So entwickelt sich ein innerlicher Kampf zwischen seiner Krankheit und dem Wunsch mit seinem Talent für Sprache ein Leben wie die anderen leben zu können...
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 307
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Florian Lange
Aufgetau(ch)t
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
-1-
-2-
-3-
-4-
-5-
-6-
-7-
-8-
-9-
-10-
-11-
-12-
-13-
-14-
-15-
-16-
-17-
-18-
-19-
-20-
-21-
-22-
-23-
-24-
-25-
-26-
-27-
-28-
-29-
-30-
-31-
-32-
-33-
-34-
-35-
-36-
-37-
-38-
-39-
-40-
-41-
-42-
-43-
-44-
-45-
-46-
-47-
-48-
-49-
-50-
-51-
-52-
-53-
-54-
Impressum neobooks
Als das Telefon klingelte, war es kurz vor vier Uhr in der Nacht. Das Läuten durchschnitt das Halbdunkel und ließdie Frau aus dem Kissen schnellen. Am Abend hatte sie sich den Apparat direkt neben das Bett gelegt, um einen möglichen Anruf unter keinen Umständen zu verpassen. Nun war es so weit. Und obwohl sie zuvor kaum hatte schlafen können, begann erst jetzt, bei vollem Bewusstsein der Albtraum.
Binnen weniger Minuten war sie aufgestanden und hatte alle nötigen Dinge zusammengesucht. Hellwach und voller Sorge. Nichts wollte sie vergessen. Einen letzten Blick wagte sie in das vom Mond erleuchtete Zimmer, welches im matten Schein nur das Ehebett zu erkennen gab. Eine der beiden Bettdecken war piekfein gefaltet und lag an ihrem Platz als wartete sie darauf, benutzt zu werden. Die Seite daneben war von benutzten Taschentüchern bedeckt, während die Decke auf dem Boden lag. Das Zimmer spiegelte den Gemütszustand der Frau wider: trist, einsam und unordentlich. Als fehlte etwas. Als die Frau den Flur entlangstürmte, konnte sie kurz in die Zimmer ihrer Kinder schauen. Beide schienen ebenfalls wenig geschlafen zu haben und wirkten bereit aufzubrechen. Noch schnell ein Griff in den Kühlschrank–und los.
Niemand redete, weil alle wussten, was die anderen dachten.
Niemand wollte reden, weil keiner die richtigen Worte gefunden hätte.
Niemand würde von nun an für die nächste Zeit mit den anderen reden, weil alle mit sich selbst beschäftigt sein würden.
Die Taxifahrt zum Krankenhaus verflog in Windeseile. Der Fahrer stellate keine weiteren Fragen als drei aufgelöst wirkende Personen in seinen Wagen sprangen und ihm wild gestikulierend verdeutlichten, dass sie doch bitte zum St.-Marien-Krankenhaus gebracht warden wollten. So schnell es geht!
Das Krankenhaus war der einzige Ort, der nicht schlief. Fenster waren erleuchtet, und die Blaulichter des Rettungsdienstes versprühten eine ungemütliche Anspannung, derer niemand Herr werden konnte.
Auf der Intensivstation herrschte reges Treiben. Der Verletzte aus dem Krankenwagen wurde von vierÄrzten durch die Flure geschoben, die Schwestern verloren keine Sekunden, bereiteten die Notoperation vor und liefen so zielgerichtet wie irgend möglich durch die schmalen Flure. Als der Tross des Verletzten am Zimmer 047 vorbeizog, konnte man nur drei Gestalten hinter dem Milchglas erkennen, die fest umschlungen am Fußende des Bettes standen. Hätte einer derÄrzte die Tür aufgemacht, hätte er eben jene Familie gesehen, die man ungefähr eine Stunde zuvor alarmiert hatte, um ihr den letzten Hoffnungsschimmer zu nehmen, der geblieben war. Der Vater und Ehemann war gestorben, das Zimmer leer geräumt. Nichts sollte die Trauernden daran hindern, gemeinsam um den Verstorbenen zu weinen. Alle Beatmungsgeräte und Pulsmesser hatten den Raum für eine einzige Kerze verlassen müssen, die nun an der Stirnseite des Bettes ihr warmes Licht verströmte. Obwohl die Wände hell und freundlich wirkten, hing der trübe Schein der Trauer im Zimmer. Am Milchglasfenster, welches zum Flur zeigte, war nun der Schatten eines Mannes zu erkennen, der das Zimmer in wenigen Sekunden betreten würde und die Umstände des Todes erklären wie auch der Familie psychologische Hilfe sein sollte.
Er blickte durch die Scheibe in das Zimmer in dem Bewusstsein, dass die Personen darin ihn durchaus schon wahrgenommen hatten. Das war seine Philosophie: indirektes Beistehen. Die Familie sollte sich allein, aber immer mit der Chance auf Unterstützung, vom Toten verabschieden. Es stand jemand hinter ihr. Siebzehn Jahre schonübte er seinen Beruf aus. Jedoch erwischte es ihn jedes Mal wieder kalt, wenn er Kindern erklären musste, dass sie von nun an ohne ihren Papa würden aufwachsen müssen. Hier war die Situation besonders heikel. So wie man den 15-jährigen Sohn bei seinen seltenen Besuchen beim Vater kennengelernt hatte, sollte er psychisch völlig unberechenbar sein. Ob Autist oder„nur“schizophren.
DieÄrzte waren sich nicht sicher.
Der Schatten hinter dem Glas verschwand, als der hochgewachsene Psychologe die Türöffnete und ins Zimmer trat. Er schüttelte allen die Hände und sprach sein tiefstes Beileid aus, und zu seiner großen Erleichterung verhielt sich der Junge so, als wohnte er der Situation momentan mit vollem Bewusstsein bei. Er saßschweigend auf seinem Stuhl und versuchte, die Lage zu realisieren. Seine um ein Jahrältere Schwester weinte ohne Unterlass. Immer wieder schlug sie mit der breiten Hand gegen die Wand und stießeinen kurzen Schrei aus, der von ihrem Kloßim Hals sogleich erstickt wurde.
Die Aufmerksamkeit des Psychologen galt allen Personen im Raum. Es war seine Aufgabe, in den Menschen zu lesen und so die richtigen Worte zu finden. Er kannte die Situation und wusste genau, welche Qual die nächsten Jahre auf die Familie und vor allem die Mutter wartete. Kaum Geld, kein Mann, keine Einnahmen und ein Sohn, dessen unheilbare Krankheit noch niemandem wirklich bewusst geworden war. Immer deutlicher musste der Betreuer der Familie erkennen, dass in dieser Lage kein Wort helfen würde, die Situation zu begreifen. Und so schwieg der Mann und schloss sich auf diese Weise der Familie an, die für die nächsten Wochen eben dieses Schweigen untereinander fortführen würde. Die einzige Person, der es gelang zu sprechen, war die Mutter. Nicht zu ihren Kindern, das konnte sie noch nicht verkraften. Sondern zu dem Psychologen. Immer und immer wieder fragte sie, ob denn wirklich alles getan worden war. Ob ihr Mann noch ein letztes Wort gefunden hatte. Ob man ihn denn nicht noch bis zu ihrer Ankunft hätte am Leben halten können. Doch die Antwort auf jede dieser Fragen hätte die Frau ein weiteres Mal getroffen. Es gab kein Zurück. Es gab nur noch den Blick nach vorn. Und der zeigte einen Weg im Dunkeln. Einen Weg voller Steine und Felsen, die es zu erklimmen galt, im Wechsel mit Klippen, die die Familie verschlucken wollten. Die Wolkenüber dem Weg würden schwarz bleiben und kein Licht hindurchlassen.
Und so würden sie umherirren, ohne sich auf ihre Augen verlassen zu können.
Ohne Zuversicht und Frohsinn.
Mit der Trauer und dem ewigen Gedanken an den Verlust und dessen Schmerz.Als die Familie sich von dem Psychologen verabschiedete und das Krankenhaus verließ, wehte ein leichter Wind, und die Sonne ging auf. Als sei sie bereit, die Personen zu begleiten.
"Ich will nicht mehr. Versteh’n sie? Meine Kraft ist am Ende. Ich weißnicht, wohin, ich weißnicht, was ich tun soll. Ich weißnicht, wie ich mit der Situation fertig werden soll. Das ist nicht zu realisieren. Mein Mann ist tot. Ich fühl’mich, als hätte man einen riesigen Stein auf mich geworfen. Und der hat meinen Kopf zertrümmert. Es ist jetzt drei Wochen her, aber ich habe noch kein Wort mit den Kindern gewechselt. Ich weiß, was Sie denken. Die hat se nicht mehr alle. Wie hat die die drei Wochen rumbekommen? Die Kinder brauchen Hilfe.
Ja, verdammt!
Die Kinder brauchen Hilfe! Und zwar dringend. Ich muss jetzt da sein, mit ihnen reden. Aber wissen Sie, was ich fühle, wenn ich sie sehe? Wissen Sie, was ich denke, wenn ich mit ihnen nur einmal sprechen würde? Es ist so egoistisch, und ich schäme mich für mich selbst, aber ich kann mit den Kindern im Moment nicht reden: weil ich ihren Vater sehe. Seine Augen, seine Ohren, sein Mund. Alles, was ich liebte, ist tot. Nur erinnert er mich an seinen Vater. Fabio hat so viel von ihm. Er sitzt seit drei Wochen in seinem Zimmer und schaut an die Wand. Nur manchmal steht er auf und malt in sein Buch. Irgendwelche Zeichnungen, und das Erste, was mir einfällt, ist, ihm zu sagen, dass er jetzt fünfzehn ist und verdammt noch mal nicht malen soll. Aber er ist halt so. Der Junge ist aber nicht verrückt. Er ist ganz normal. Immer wieder schreit er wild durch das Haus, aber das ist doch normal, wenn man seinen Vater verloren hat, oder? In der Nacht werde ich wach und höre, wie er mit sich selbst spricht. Der arme Junge. Aber wissen Sie, was dieÄrzte vergessen, wenn sie ihn für verrückt erklären? Sie vergessen, was der Junge durchmachen musste. Hören Sie: Ich habe meinen Mann vor sechs Jahren in der Türkei kennengelernt. Wir haben schnell geheiratet und zwei wundervolle Kinder bekommen. Ich liebe sie. Ich wollte damals zurück nach Deutschland, aber Hakan war dagegen. Er arbeitete in Ankara, und so blieben wir dort, und die Kinder lernten Türkisch. In der Schule war Esme eine gute Schülerin. Sie lernte gut, hat sich angestrengt. Nur Deutsch durfte sie nie lernen, weil Hakan dagegen war. Fabio fiel es schwerer. Er ist halt nicht so gesegnet. Wenige Freunde und dann die Mitschüler. Sie riefen ihn immer‘Spastiker’oder‘Geisteskranker’. Aber er ist nicht geisteskrank. Nein, ist er nicht. Und dann, vor drei Monaten: Da sind wir doch nach Deutschland gezogen. Hakan hatte wegen seiner Krankheit seinen Job verloren, und in Deutschland gab es eine sehr gute Therapie. Doch als er im Krankenhaus war, hatten wir kein Geld. Keine Arbeit. Ich kannte hier alte Freunde, die uns halfen, eine kleine Wohnung zu kaufen. Aber was ist jetzt? Nichts. Ich kann nicht mit Geld umgehen, und zu allemÜberfluss habe ich keines.
Warum ich Ihnen das alles in der ersten Sitzung erzähle?
Ich habe Angst.
Angst zu Scheitern.
Ohne Mann. Ohne Geld. Ohne alles. ICH BIN ALLEIN! Ich pack’das nicht mehr. Ich will nicht mehr."
Die Frau verließdas Büro, ohne ein weiteres Wort zu sagen. An der Rezeption erhielt sie den Termin für die nächste Sitzung.
Fabio lag wach in seinem Bett. Die Augen hatte er weit aufgerissen. Schon seit drei Stunden bewegte er sich keinen Zentimeter, und er hatte auch nicht vor, es zu tun. Die Gedanken kreisten um ihn. Immer wieder wollte er sie einfangen und einmal zu Ende denken. Fabio mochte seine Gedanken. Das Denken gab ihm ein Gefühl von Struktur und Ruhe. Ruhe war wichtig. Wichtig. Ruhe. Nur so konnte er sich in der Position halten, in der er war. Diese Position hatte er in den letzten Wochen lieben gelernt. Hin und wieder kam seine Mutter in das Zimmer und blickte ihn kurz an. Doch meistens verschwand sie wortlos mit Tränen in den Augen. Fabio wollte sie in den Arm nehmen, weil er merkte, dass sie traurig war. Trauer mochte der Junge nicht. Seine Mutter war früher so lebenslustig und glücklich gewesen. Bis zu dem Tag, als sein Vater nach Hause kam und ihnen mitteilte, dass sie nach Deutschland fliegen würden. Dort würde es seinem Vater besser gehen, und wenn es seinem Vater besser ginge, würde auch Fabio zufrieden sein. Er mochte das Leben in der Türkei nicht. Die Menschen mochten ihn nicht, und daher mochte er sie nicht. Irgendwelche Zurufe durchfuhren ihn damals. Meist lachten die anderenüber ihn, und weil Fabio nicht zuhörte, sondern seinen Gedanken nachhing, reagierte er nicht auf die anderen. Aber er wusste, dass er nicht war wie sie. Bis dahin war es seiner Familie gut gegangen. Deshalb sagte Fabio nichts. Er sprach nicht gern. Denken war immer schon seine Leidenschaft gewesen. Auch als dieÄrzte kamen und ihn fragten, was er auf den Bildern sah, mochte er nicht sprechen. Viele Personen kümmerten sich um ihn, als er einmal in der Schule einen Klassenkameraden niedergeschlagen hatte. Mit blutiger Nase war der Junge zu einem Lehrer gelaufen und hatte auf Fabio gezeigt. Dieser war nur für eine Sekunde in der Welt der anderen gewesen. Und in jener Welt hatte ihm der kleine Junge wehgetan. Danach kamen abermalsÄrzte und untersuchten ihn. Kleine Punkte mit Kabeln, die zu einem Computer führten, wurden an seinem Kopf angelegt, bevor er schnell hin- und herflatternde Punkte verfolgen sollte. Fabio ließallesüber sich ergehen.
Aber dann flogen sie nach Deutschland.
Und da, ja, da ging es genauso weiter. Nur dieÄrzte hatten seltsame Namen. Aber das Prozedere blieb gleich.
Punkte-Computer-Fragen. Punkte-Computer-Fragen. Punkte-Computer-Fragen.
Und er kannte noch nicht einmal die Sprache der anderen. Sein Vater war nie zu Hause und seine Mutter nur abends. Seine Schwester bereitete ihn jeden Tag erneut für die Schule vor, aber häufig blieb er im Bett liegen und ließsich nicht ermutigen. Das Leben in Deutschland war nicht schön für Fabio.Überhaupt nicht schön. Aber es sollte noch schlimmer werden. An dem Tag, als es passierte, beschloss Fabio, alles zu vergessen, was in Deutschland passiert war, und in der Türkei noch einmal neu zu starten. Darum verstand er jetzt nicht, weshalb seine Mutter in der Tür stand und weinte. Das Einzige, was ihm durch den Kopf ging, war:Warum tröstet Papa sie nicht?
Esme kam von der Schule nach Hause. Sie machte sich etwas zu essen und fing mit den Hausaufgaben an. Jedes Mal, wenn sie an Fabios Zimmer vorbeilief, schaute sie kurz herein und grüßte ihren Bruder, ohne eine Antwort zu erwarten. Es war der zwanzigste Tag nach dem Tod ihres Vaters. Obwohl all die organisatorischen Dinge bereits erledigt waren, vermochte keine Routine einzukehren. Die Mutter weinte fast Tag und Nacht und sprach nur mit ihrem Psychiater. Kein Wort hatte sie mit Esme gesprochen, und natürlich hatte Esme keine Erklärung für dieses Verhalten. Jede Sekunde ihres Seins beschäftigte sie sich mit ihrer Mutter, ihrem Bruder und ihrer aller Zukunft. Und egal, was Esme sichüberlegte, immer wieder stand am Ende die Erkenntnis der totalen Ausweglosigkeit.Wieso wir? Was haben wir falsch gemacht?
Zu gerne würde sie helfen. Die fremde Sprache lernen und arbeiten, damit sie zumindest die Wohnung behalten konnten. Die Hilfen vom Staat waren nur gering. Jedes Mal, wenn Esme in die zugeschickten Formulare blickte, stieg in ihr ob der permanenten Bürokratie Groll auf. So musste man die Sterbeurkunde einreichen, einen Halbwaisenantrag stellen und die Konten ihres Vaterüberschreiben. Bis jetzt ging Esme auf eine türkische Schule. Dort wurde selbstverständlich Deutsch gelehrt, aber die Formulare der Beamten verstehen konnte sie noch lange nicht. Sie bedauerte ihren kleinen Bruder. Er lag Tag für Tag im Bett und rührte sich nicht. Obgleich ihre Mutter ihr jeden Morgen mitteilte, sie solle Fabio doch bitte mit in die Schule nehmen, war ihr bereits seit Langem klar, dass die Mutter ihre Augen vor der Wirklichkeit verschloss. Die plötzlichen Ausraster, das Schreien in der Nacht, kaum ein Wort aus seinem Mund. Fabio war verrückt, keine Frage.
Und deshalb hielt sie es für das Beste, ihn morgens liegen zu lassen, wenn er nicht aufstehen wollte. Ihre Mutter bekam davon nichts mit. Sollte sie auch nicht, sonst hätte Esme sich Probleme eingehandelt, die sie in ihrer Situation für unnötig hielt. So verliefen die Wochen ohne Worte oder mit Worten ohne Werte.
Bis zu jenem Mittwoch.
Damals stand sie in ihrer Tür. Soeben war sie von einer weiteren Psychiatersitzung zurückgekommen, hatte die Schlüssel hingelegt und war in Esmes Zimmer geeilt. Dort stand Lira einige Momente im Türrahmen, mit sich ringend, endlich wieder ein Wort mit ihrer Tochter zu sprechen, und machte schließlich den Mund auf.
"Ich liebe dich, Esme. Ich liebe dich von ganzem Herzen. Ich liebe auch Fabio. Ihr seid das Letzte, was mir geblieben ist. Und ich will euch nicht auch noch verlieren." Sie seufzte, und Esme deutete auf den Hocker, den sie als Schreibtischstuhl verwendete. Lira verstand und setzte sich. Ohne eine Sitzposition gefunden zu haben, fuhr sie fort.
"Wir müssen etwasändern. Ich habe einen Brief erhalten. Lies ihn!"
Ihre Tochter nahm das Blatt entgegen und versuchte, die Buchstaben zu entziffern. Nicht viel konnte sie erkennen, aber langsam wurde ihr bewusst, was der Brief beinhaltete.
"Schulpflicht ... Fabio Selcan ... nicht anwesend ... Unterricht ..."
"Was hast du getan? Du hattest doch die Aufgabe, ihn mitzunehmen. Verstehst du denn nicht, dass er genauso in die Schule gehen muss wie du? Er muss Deutsch lernen, und du hast den Vorsprung in der Sprache, um ihm dabei helfen zu können. Was meinst du, warum ich den ganzen Tag versuche, an einen besseren Job zu kommen? Nicht, damit du Fabio hier allein lässt." Esme konnte ihrem Gesicht anmerken, wie vielÜberwindung ihre Mutter eine solche Unterhaltung kostete. Das erste Gespräch zwischen den beiden. So sah es also aus. Keiner der beiden hatte gewollt, dass es so kam, aber nun galt es, an sich zu halten und sachlich zu bleiben.
"Ich dachte, dass er noch etwas Zeit braucht. Mama, er kann noch nicht in die Schule."
"Warum? Warum er nicht und du schon?"
"Weil er das nicht schafft. Fabio spricht kaum und wenn doch, dann nur wirres Zeug. Er liegt tagelang in seinem Bett und starrt an die Wand. Erinnerst du dich an die Beerdigung? Er hat kein einziges Mal geweint. Er stand nur da und blickte ins Leere."
Lira stiegen die Tränen in die Augen. Nichts hatte sie sich so sehr gewünscht, wie endlich wieder Kraft aus den Augen ihrer Kinder schöpfen zu können, wenn schon nicht aus denen ihres verstorbenen Mannes, und mit ihnen zu sprechen.
Mama, findest du das normal?"
Stille. Liraüberlegte kurz. Sie schaute auf ihre gefalteten Hände und verschränkte die Arme.
"Nein. Das ist nicht normal. Aber mein Gott. Sein Vater ist gestorben. Er ist jetzt natürlich durch den Wind. Aber genau deshalb ist es unsere Aufgabe, ihm aufzuhelfen. Ihn in die Schule zu begleiten."
"Du verstehst es nicht, oder? Fabio ist nicht erst seit Papas Tod so. Denk an die Zeit in Ankara. Dort wurde er von den Kindern gehänselt und verprügelt. Er war nie wie wir. Er konnte kaum lernen. Mama, Fabio war schon immer so."
"Und was soll ich jetzt tun? Ihn im Bett liegen lassen? Hör zu Esme. Fabio braucht im Moment unsere Hilfe. Ich gebe zu, dass ich euch nicht geholfen habe, und ich versichere dir, dass ich mich dafür selbst verabscheue. Aber jetzt will ich mit euch neu anfangen. Fabio muss in die Schule, und du wirst mir helfen."
Esme wusste genau, was sie jetzt sagen musste, um ihrer Mutter deutlich zu machen, wie die Situation wirklich aussah. Sie nahm ihren Mut zusammen, legte ihre auf Liras Hand und schaute ihrer Mutter tief in die Augen.
"Mama, Fabio ist verrückt."
Unvermittelt stießLira einen ohrenbetäubenden Schrei aus und riss sich von ihrer Tochter los, die Tränen ließen ihr Gesicht aufquellen. Jeder im Haus und auf der Straße musste Lira hören können. Sie sank wieder zusammen, schnaubte an ihrem Taschentuch, und alles, was Esme vernahm, war das Wiederholen des deutschen Wortes "nein".
"Fabio gehört nicht in eine normale Schule, Mama. Er ist verrückt, und du weißt es. Warum sonst bist du zu mir gekommen und hast dich nicht mit Fabio darüber unterhalten? Warum hast du mich beauftragt, ihn für die Schule fertig zu machen, obwohl er schon fünfzehn ist? Weil du in deinem Inneren schon eingesehen hast, dass Fabio dazu nicht in der Lage ist. Du musst die Wahrheit akzeptieren."
So schwer es Esme auch fiel, sie musste ihre Mutter jetzt in Ruhe lassen. Sie stand auf, strich Lira kurz durch das Haar und ließsie allein im Zimmer zurück. Weinend, einer Illusion beraubt. Esme ging vor die Tür. Sie brauchte frische Luft. Als sie draußen war, kniete sie sich hin und fing ebenfalls an zu weinen.
Nein, ein langes Gespräch war es nicht. Lira saßauf dem Hocker und blickte im Zimmer ihrer Tochter umher. Vor ihr lag der Brief vom Jugendamt,übersäht mit Tränen, die nur langsam zu trocknen begannen. Obwohl das Zimmer klein war, verloren sich ihre Augen immer wieder in der Oberfläche der Holzwand. Das Bett stand an der einen, der Schreibtisch und ein kleiner Kleiderschrank an der anderen Seite. An den Wänden hingen Poster von typischen Teenageridolen. Als Lira dem fröhlich lächelnden Justin Bieber in die Augen sah, der absolut unnatürlich seinen Daumen in Richtung Kamera ausstreckte, erkannte sie erstmals die Lage. Ihre Tochter hatte recht. Fabio konnte noch nicht in die Schule.
Er war zu unreif, hatte Angst vor fremden Menschen und erfasste Situationen nicht so rasch wie andere in seinem Alter. Wie Esme. Den Tod seines Vaters hatte Fabio noch nicht richtig begriffen, geschweige denn verarbeitet. Die Zeiten, in denen er wirklich aufmerksam wirkte, wurden stetig kürzer und seltener. Fast nie erreichte sie Fabio. Wenn er mitaß, saßer am Tisch und starrte ins Leere. Manchmal zuckte er kurz auf und zappelte, bevor seine Augen einen Punkt fixierten und dann nicht mehr losließen. Dieser Zustand endete erst nach zwei, drei Minuten, in denen ihn niemand erreichen konnte. Aber ist das nicht normal? Kann das nach einem solchen Verlust nicht passieren? Sollte sie Fabio nicht mehr Zeit geben? War ihr Therapeut nicht auch für so einen Patienten da?
Aber verrückt? "Nein! Nicht mein Sohn! Das kann nicht sein!"
Als Lira sich vor Schreck den Mund zuhielt, weil sie bemerkt hatte, dass sie gerade aus der Gedankenwelt ins gesprochene Wort gewechselt hatte, wusste sie um ihre eigene Lüge. Innerlich drängte sich statt des Ausrufs "Das kann nicht sein!" eher ein "Das darf nicht sein!" auf. Doch noch hielt die selbsterbaute Mauer in ihr und beschützte sie davor, das anzusehen, wovon sie sich abwendete.
Da verspürte Lira den Drang, Fabio zu sehen und in den Arm zu nehmen.
Sie stand auf, um die Taschentücher in der Küche in den Müll zu werfen, und ließihren Blick von dem Justin-Bieber-Poster an der Wand kurzüber die anderen Prominenten schweifen. Sie sah, dass jeder den gleichen strahlenden Blick in die Kamera warf, und fühlte sich auf eine merkwürdige Art verhöhnt. Sie blieb stehen. Plötzlich durchbrach ihre innere Verzweiflung den Drang der Zurückhaltung und entlud sich in purer Aggression. Sie hasste diese Prominenten und deren Leben. Sie hasste es, ihren Kindern nicht mehr als solch ein kleines Zimmer bieten zu können. Sie hasste die ewigen Therapiestunden, die jedes Mal wieder nur ein wenig von dem Lebensgefühl wiederbrachten, das sie verloren hatte. Sie hasste Esmes Lüge, Fabio sei immer in der Schule gewesen. Sie hasste das Gefühl, zum ersten Mal seit Langem mit ihrer Tochter gesprochen und sofort gestritten zu haben.
Und vor allem hasste sie ihren Selbstbetrug.
Als sie damit fertig war, jedes Poster von Esmes Zimmerwand zu reißen, knüllte sie das Papier zusammen und ertränkte es mit den triefenden Taschentüchern in den Tiefen des Müllsacks. Dort sollten sie bleiben. Erschöpft drehte Lira sich um, wankte in den Flur, wandelte zu Fabios Zimmer, wo sie ihren Sohn wortlos in den Arm nahm und fest drückte.
"Ich liebe dich. Ich werde dich begleiten. Ich bin bei dir. Wir schaffen das."
Im monotonen Wiegen seiner Mutter tauchte Fabio wieder auf. Der Traum war vorbei und er allmählich wieder in die Welt des Unbegreifbaren zurückgekehrt. Die Worte von Lira waren schön. Wirklich schön. Obwohl Fabio genau hinhörte, verstand er nicht, was sich hinter ihren Worten verbarg. Der Sinn erschloss sich ihm noch nicht, aber allein die Situation, seiner Mutter ganz nah zu sein, war schön. Wirklich schön. Ihre gemeinsamen Bewegungen trennten den Jungen immer weiter von seinem Verstandesmeer. Langsam wurde die Welt um ihn wieder deutlicher und in allen Einzelteilen ersichtlich. Und jetzt verstand Fabio seine Mutter und konnte mit Fug und Recht endgültig resümieren: Schöne Situation. Wirklich schön.
Er neigte den Kopf kurz zur Seite, musterte seine Mutter, der, wie er bemerkte, jeglicher Glanz früherer Tage fehlte, und entschied zuüberlegen, was passiert war.
Sein Vater war nicht mehr da. Wo er war? Fabio genügte die Tatsache, dass er weg war. Aber seine Mutter war da. Und sie weinte. Also war sie traurig. Und das sollte ihn auch traurig machen. Wo war denn Esme? Am liebsten wäre Fabio in ihr Zimmer gelaufen und hätte nachgesehen, aber er wollte seine Mutter nicht allein lassen. So musste er weiterüberlegen. Vielleicht weinte sie ja, weil Papa weg war. Zu dem Schluss kam Fabio jedoch immer. Und das schon seit ganz langem. Also musste da noch was anderes sein. Vielleicht machte er ja etwas falsch. Das täte ihm leid. Nur, aus irgendeinem Grund wusste Fabio nicht, was er in den letzten Tagen gemacht hatte. Aber das Gefühl war ihm bekannt. Wirklich schlimm fand er es nicht. Seine Gedanken würden ihn nie verlassen. Niemals, und das mochte er an ihnen. Nur seiner Mutter wollte er damit nicht wehtun. Fabio fühlte sich wie ein Fisch. Er konnte abtauchen. Im Meer waren seine Gedanken frei. Hier konnte er leben. Hier konnte er die Welt erkunden. Niemand störte ihn in der Stille des Ozeans, und dieser wartete darauf, entdeckt zu werden. Aber wenn er nach oben kam und auf die Wasseroberfläche sah, konnte er nur Verschwommenes ausmachen. Immer wieder fiel Regen, der auf sein Meer prasselte und Wellen verursachte, die ihnüberrollten. Aber hier unten war er frei. Nichts konnte ihn angreifen und erschüttern. Alles Verschwommene dort oben konnte fernbleiben. Manchmal erblickte er kaum erkennbar Lira und Esme. Sie beugten sich beide mit dem Kopfüber das Wasser und versuchten, ihn zu entdecken. Niemals war sein Vater dabei. Fabio mochte es zu sehen, aber nicht gesehen zu werden. Manchmal kam die Flut, und er konnte sich weiter in Richtung Land bewegen und den Strand erkunden, der sich ihm unter Wasser neu offenbarte. Dann wünschte er sich, seine Familie einmal mitzunehmen, nach dort unten. Doch ihm war bewusst, dass sie sich in seiner Welt nie zurechtfände. Und manchmal kam die Ebbe. Dann wurde er vom Land zurückgedrängt und musste weit nach unten tauchen, um von der Welt da draußen nicht erwischt zu werden. Unten im Dunkeln konnte er nicht gefangen werden. Nicht von deräußeren Welt, nicht von dem Lärm, nicht von der Tragödie. Nicht von den Menschen, die manchmal versuchten, zu ihm hinabzutauchen. Es kam nur selten vor, dass die Ebbe zu schnell kam, und dann lag er am Strand. In der Welt, deren Luft er niemals würde atmen können. Und deren Regen niemals die Reinheit seines Meereswassers erreichen würde. Dann fühlte er sich beengt. Aber er konnte kurz die Realität erkennen. Bald wünschte er sich zurück, und der Verstand half ihm, wieder in das Wasser zu springen. Solch ein Moment ereilte Fabio gerade. Er musste zurück in seine Welt. In sein Meer. Da er aber seiner Mutter dabei helfen wollte zu leben und den Mut nicht zu verlieren, musste er sich noch von ihr verabschieden. Bis die nächste Ebbe kommen und ihn an den Strand treiben würde. Sein Meer rief. Er musste zurück.
Und doch brachten seine zitternden Lippen noch leise Töne hervor.
Fabio sagte: "Sei bitte nicht böse, Mama. Es tut mir leid."
Esme stand vor dem grauen Gebäude. Es war vier Uhr nachmittags, und die Sonne verbarg ihren herbstlichen Schein mehr hinter dicken Wolken, als dass sie der Welt etwas Licht schenkte. Flugzeuge starteten aus dem nahe gelegenen Flughafen in den Himmel, welcher sie geräuschlos verschluckte. Obwohl man sie dann nicht mehr sehen konnte, durchfuhr die Menschen fortwährend ihr Grollen. Vielleicht waren auch deshalb nur wenige Passanten unterwegs, die sich alle gegenseitig keines Blickes würdigten. Verständlich, denn die Gegend war keine, in der man erkannt werden wollte. Die ganze Stadt wusste, dass das Viertel von einem Mantel der Trostlosigkeit umhüllt war. Er verlieht den Häusern jene Fassaden, die auf so unangenehme Weise verwechselbar waren. Esme schaute sich vergebens nach Farben um. Nichts. Noch nie hatte sie sich auf den Weg hierher gemacht, da sie, sollte sie ihrem eigenen Viertel einmal entfliehen können, sich bevorzugt in schöneren Gegenden aufhielt.
Vor dem Eingang des grauen Gebäudes stand ein Schild, auf dem man unter den Graffitis gedruckte Buchstaben erkennen konnte.
Jugendamt
Einiges hatte Esme in den letzten Wochen gelernt. Vor allem ihr Wortschatz in der Umgangssprache konnte sich inzwischen mit neuen Floskeln und Grammatikformeln brüsken. Viele Wörter lernte man in der Schule ihres Viertels ohne sonderliche Vorurteile, nicht jedoch dieses.
Jugendamt
Es war natürlich nicht das Wort an sich, welches wie die meisten anderen deutschen Wörter keine schöne Melodie ergaben, sprach man sie aus, sondern eher der Hintergrund, der bestimmte Vorstellungen weckte.
Esme besuchte eine Schule in einem sozial schwachen Viertel mit Kindern aus verschiedenen Ländern mit demselben Ziel. Integration. Selbstverständlich besuchten auch deutsche Kinder die Schule, aber eine besondere Vorbildfunktion konnte man von denen auch nicht erwarten. Die Lehrer taten ihr Bestes, um die talentierten Schüler irgendwie zu fördern, ohne dabei irgendeinen Schwächeren aufzugeben. Letztere allerdings waren mittellos, resignierten schnell und kamen meistens nicht mehr wieder. Sekundarschule nannte sich das Konstrukt jener Politiker, die verzweifelt versuchten, Hauptschüler aufzuwerten, indem man sie mit Realschülern zusammen lernen ließ. Völlig an der Realität gescheitert, fand Esme, die als Leistungsstärkste in der Schule galt. In der Zeit, in der die anderen bereits zum wiederholten Mal eineÜbung neu anfangen mussten, lernte sie Deutsch.
Das Wort Jugendamt gehörte in Esmes Viertel zu denen, welche die Menschen reizte. Kinder mussten ihre leiblichen Eltern wegen der Sozialarbeiter verlassen, die es eigentlich nur gut meinten. Auch sonst gab es immer wieder Streitigkeiten zwischen den Familien und den Behörden. Esme selbst hatte aber bereits in der Türkei gelernt, eigenständig zu denken, und sichüber die Aufgabe des Jugendamtes informiert. Wahrscheinlich war sie die Einzige, der auffiel, welches Ziel das Jugendamt wirklich verfolgte. Dennoch war das Gefühl, vor dem bedrohlich wirkenden Gebäudekomplex zu stehen, der sich in der Höheüber sie zu beugen drohte, in Esmes gegenwärtiger Situation grausam.
Das Mädchen wusste, dass sie ihrer Mutter nach ihrem Gespräch mit diesem Schritt einen weiteren Stoßversetzen würde. Auch wenn das Risiko großwar, wenn sie ohne Liras Wissen und vor allem ohne ihr Einverständnis nun um Hilfe bat, weiter in der Gunst der Mutter zu sinken, musste sie den Knoten durchschlagen. Sie wollte doch nur, dass ihre Mutter Lebenshilfe bekam. Deshalb war sie hier. Sie wollte nur Hilfe.
Der Mann hinter dem Schreibtisch im Zimmer 102 würdigte Esme seit der Begrüßung keines Blickes. Vielmehr versank er wortlos in den Akten und Anträgen in seinem Schrank, ehe er Zeit fand, sich um seine Klientin zu kümmern. Die Fragen waren ebenso trocken wie uninteressiert.
Esme fragte sich zunehmend, ob dieser Mann tatsächlich ein Pädagoge war, dem sie ihr Problem anvertrauen konnte.
"Ausweis bitte."
"Weshalb sind Sie hier?"
"Warum sind Sie ohne ihre Mutter erschienen?"
Esme nahm sich Zeit, dem Mann alles genau zu berichten, auch wenn das Gespräch mehr einem Verhör glich.
So antwortete sie unermüdlich auf die Fragen des Beamten und versuchte dabei, ein möglichst gutes Licht auf ihre Mutter fallen zu lassen. Unter keinen Umständen sollte der Mann hinter dem Schreibtisch den Eindruck gewinnen, die Familie müsse getrennt werden.
Nach zwanzig Minuten Antworten auf Fragen beendete der Mann das Gespräch, indem er Esme zur Tür brachte und bemerkte: "Wir werden voneinander hören. Stellen Sie sich auf einen Besuch bei Ihnen zu Hause in den nächsten Tagen ein."
Dann zog er die Tür zu, und Esme ging reichlich unbefriedigt durch den Korridor, vorbei an den anderen Wartenden, zurück zum Haupteingang nach draußen. Sie fühlte sich schlecht. Zu keinem Zeitpunkt hatte sich auf dem Gesicht des Beamten auch nur im Entferntesten ein Hauch von Zuneigung erkennen lassen. Es war, als hätte ihn seine Arbeit im Lauf der Jahre abgestumpft und matt gemacht.
Als Esme aus dem Bürokomplex kam, bellten sich zwei Hunde an. Ihre Herrchen, unfähig, sie zu beruhigen, riefen in endloser Wiederholung die Namen ihrer Tiere, jedoch wurde die Situation in Esmes Gegenwart nicht mehr geklärt. Die Unermüdlichkeit der Hunde aber ließen Esmeüber ihre Situation nachdenken, und so beschloss sie, vor allem aus Angst, nicht den Weg nach Hause einzuschlagen. Sie blieb noch ein wenig in dem Viertel, das keinerlei einladenden Ecken und Farben bereithielt. Rastlos. Hauptsache nicht nach Hause.
"Es geht nicht mehr. Es tut mir leid, aber es geht nicht mehr. Ich bedanke mich bei Ihnen, aber es hat für mich keinen Zweck. Die Therapiestunden ließen mich für eine kurze Zeit glauben, dass ich mit der Situation allein fertig würde. Aber das tue ich nicht.
Meine eigene Tochter erklärt mir, wie ich zu leben habe. Wie mein Leben funktionieren kann und wie ich mich zu verhalten habe. Hallo? Ich bin erwachsen, natürlich bin ich nicht mehr so gut organisiert wie sonst, aber was soll ich denn machen? Ich brauche Zeit. Dachte ich. Aber jetzt merke ich, dass mir die Zeit davonläuft. Die Zeit ist wie ein Riese in meiner Welt. Und meine Welt ist zu komplex für mich. Als mein Mann noch lebte, hatten wir beide gemeinsam nur im Krankenzimmer Zeit. Seitdem er tot ist, gibt es nichts, was mich jemals an die Uhrzeit denken lässt. Ich rotiere und arbeite und weine und streite mich nebenbei mit meiner Tochter.
Sie werden es mir nicht glauben, aber ich habe nach dem Tod das getan, was Sie mir immer sagen. Ich solle mein Innerstes mal herauslassen. Ich solle einmal sagen, was ich fühle–fühlen, was ich denke, und tun, was ich mö
