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Leans Verschwinden gibt seiner Schwester Lara seit Jahren Rätsel auf, doch jetzt ist sie fest entschlossen ihn zu suchen. Leans Spuren folgend führt sie der Weg zunächst über eine Universität in eine undurchdringlich erscheinende Firma. Dabei gerät sie an eine Gruppierung, die sich als gefährlicher erweist, als es Lara im ersten Moment erwartet. Die Suche geht weiter...
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Seitenzahl: 187
Veröffentlichungsjahr: 2018
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La Susannina
Auflösungen
oder Laras Spurensuche
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Auflösungen
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
XII
XIII
Impressum neobooks
oder Laras Spurensuche
Es war schon Abend, als der Bus über den Gebirgspass fuhr. Lara liebte das Reisen. Einfach unterwegs zu sein, aus dem Fenster des Busses zu schauen, die Landschaft an sich vorbeiziehen zu sehen, unendliche Freiheit genießen. Sie fühlte sich mit der ganzen Welt verbunden und könnte überall zu Hause sein.
Schräg vor ihr tauchte das Tal mit den Lichtern der Stadt auf, in der sie von nun an leben würde.
Es war die erste Stelle nach dem Abschluss ihres Studiums. Nicht gerade eine leitende Funktion, schon eher eine etwas anspruchsvollere Sachbearbeitertätigkeit, aber für den Anfang durchaus nicht schlecht. Die Rahmenbedingungen waren zudem verlockend: Lara konnte die kleine, preiswerte Wohnung eines früheren Mitarbeiters übernehmen, der zur Familie seiner Frau in eine andere Stadt gezogen sein soll, um im dortigen Familienbetrieb mitzuarbeiten. Die Wohnung war voll möbliert, so dass Lara nun, lediglich mit dem Wohnungsschlüssel, ihrer Handtasche und etwas Gepäck für die ersten Tage ausgestattet, ohne größere Umstände dort einziehen konnte. Ihre restlichen Sachen würde sie sich nachschicken lassen.
Lara schaute auf die gelben Straßenlaternen und die erleuchteten Fenster der Stadt, die noch ein Stück weit unter ihr lag. Entspannt lehnte sie sich in ihrem Sitz zurück, stieß einen lautlosen Seufzer aus und sah weiter hinaus.
Mit der Zeit riss der Lichterteppich auf. Der Bus näherte sich der Stadt. Während Lara noch immer auf die Straße blickte, fuhr ihr blitzartig ein Gedanke durch den Kopf, vor dem sie sich insgeheim gefürchtet hatte. Dies war die Stadt, aus der vor Jahren das letzte Lebenszeichen ihres Bruders gekommen war. Leans Verschwinden hatte die ganze Familie damals vor ein Rätsel gestellt. Er war von zu Hause ausgezogen, als Lara selbst noch ein Teenager war. Zunächst schien alles ganz normal zu sein: Lean studierte, kam alle paar Wochen zu Besuch und plauderte über sein Leben in jener anderen Stadt. Langsam, fast unmerklich wurden seine Besuche seltener. Dann rief er auch kaum noch an. Lara merkte, dass ihre Eltern sich Sorgen machten, aber sie sprachen nie darüber. Sie selbst vermisste ihn, redete sich jedoch lange Zeit ein, dass er schon wieder auftauchen würde. Dies ging bis zu dem Tag gut, an dem sie mitbekam, dass die Eltern wegen Lean zur Polizei gegangen waren…
„Bald haben wir es geschafft!“
Die Stimme ihres Sitznachbarn riss sie aus ihren Gedanken: „Ja, endlich“, gab Lara freundlich zurück. „Die Fahrt hat ganz schön lange gedauert.“
„Sie sind aber nicht von hier, oder?“, wollte der Mann wissen. Er war schlank, mittleren Alters, hatte kurze braune Haare, braune Augen und ein verhaltenes Lächeln, das ihn sympathisch, aber nicht aufdringlich wirken ließ.
„Nein“, antwortete Lara, „ich komme in die Stadt um dort zu arbeiten.“ „Meine erste Stelle“, fügte sie nicht ohne Stolz hinzu.
„Na, dann darf ich gratulieren! Haben Sie schon eine Wohnung oder wohnen Sie vorerst im Hotel?“
„Ich konnte die Wohnung eines früheren Kollegen übernehmen. Leben Sie schon lange in der Stadt?“
„Seit meiner Geburt.“
„Oh, dann kennen Sie sich bestimmt gut aus. Haben Sie ein paar Tipps für mich? Was sollte man in der Stadt unbedingt gesehen haben?“
„Ja, viel gibt es da nicht. Hoffentlich sind Sie nicht zu enttäuscht. Die Altstadt ist sehenswert und das Konzerthaus. Einige Gebäude der Altstadt stammen sogar noch aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Das Konzerthaus dagegen ist ein gigantischer moderner Bau am Rande der Neustadt. Es wurde gegen Ende des 20. Jahrhunderts fertiggestellt. Fahren Sie einfach mal hin und lassen sich überraschen.“
„Das mache ich bestimmt.“
„Dann ist da noch das Museum für moderne Kunst. Interessieren Sie sich für Kunst?“
„Ja, durchaus. Auch wenn ich keine Expertin bin. Es gibt einige Maler, die ich bewundere, zum Beispiel Picasso. Die 'Weinende Frau' hat mich besonders … Ist mit Ihnen alles in Ordnung?“
Erschrocken blickte Lara ihren Gesprächspartner an. Sie passierten gerade das Ortseingangsschild, als der Mann plötzlich leichenblass wurde. Er riss die Augen auf und schien einen Augenblick lang nach Luft zu ringen. Hinter vorgehaltener Hand raunte er Lara zu: „Seien Sie vorsichtig!“ Lara sah in die panischen Augen des Mannes. Angst ergriff sie, doch sie zwang sich ruhig zu bleiben. „Wie meinen Sie das?“, fragte sie. In diesem Moment passierte alles auf einmal: Quietschende Reifen, ein langes Hupen und ein Ruck, der Lara fast aus ihrem Sitz geschleudert hätte.
Taschen, Tüten und Handkoffer flogen aus der Gepäckablage. Einige Gegenstände schossen quer durch den Bus, andere rollten über den Boden. Schreie. Fluchen. Dann wurde es still, weil alle Passagiere die Köpfe reckten, um zu sehen, was draußen vorgefallen war. Lara erkannte eine Gruppe stur vor sich hin starrender, in graue Mäntel gehüllter Personen, die allem Anschein nach unvermutet aus dem Dunkel der Nacht getreten und direkt vor dem Bus auf die Straße getrottet waren. Der Busfahrer sprang aus dem Fahrzeug, um der betont langsam weiterlaufenden Gruppe wütend hinterherzubrüllen. Plötzlich drehten sich die ganze Gruppe auf einmal um. Keiner bewegte sich mehr. Lara und die übrigen Passagiere umgab eine absolute Stille. Gleichzeitig lag eine Spannung in der Luft, die sich ins Unerträgliche zu steigern drohte. Alle Mitglieder der Gruppe auf der Straße hoben das Kinn und starrten den Busfahrer mehrere Sekunden lang unbeweglich an. Ihre Gesichter schienen versteinert zu sein, lediglich ihre Augen blitzten hasserfüllt. Dann wandten sie sich ebenso ruckartig wie geschlossen wieder ab. Sie trotteten weiter.
Nun brach im Bus ein Tumult los. Lara drehte sich zu den übrigen Passagieren um. Als hätte es das merkwürdige Ereignis vor dem Bus nie gegeben, waren viele von ihren Sitzen aufgesprungen und versuchten hektisch, ihre Sachen wieder einzusammeln.
Fassungslos starrte sie auf das jetzt folgende Geschehen. Eine Frau hatte sich im mittleren Teil des Busses gerade von ihrem Sitz erhoben um nach vorne zu gehen, als eine andere sich vor ihr aufbaute und ihre offensichtlich verrutschte Jacke samt Schal aus der Hutablage zerrte. Den Umstand, dass die Jacke auf dem Kopf der ersten Frau landete, der Schal hingegen nun vor dem Gesicht der zweiten Frau hing, nutzte ein sich unerwartet athletisch gebärdender Mann in Hemd und Anzughose, um unter wechselndem Einsatz des linken sowie rechten Ellenbogens, beginnend bei den beiden Frauen, sämtliche Passagiere in die Sitzreihen zurückzustoßen, während er selbst zielstrebig auf eine schwarze Tasche zuwalzte, die im vorderen Teil des Busses auf dem Boden lag. Gerade hatte er durch einen perfekt gesetzten Kinnhaken dafür gesorgt, dass ein hagerer jüngerer Mann mit Nickelbrille auf dem Oberkörper einer sofort nach Luft japsenden älteren Frau k.o. ging, als sich endlich ein ebenbürtiger Gegner fand. Massig, breitschultrig und mit kurzgeschorenen blonden Haaren fackelte dieser Traum einer jeden Rugby-Mannschaft nicht lang. Mit einem Hechtsprung stürzte er sich bäuchlings auf die eben von dem Ellenbogenmann anvisierte schwarze Tasche. Ein dumpfes Knirschen und ein sich plötzlich ausbreitender stechender Schnapsgeruch verrieten, dass der Inhalt der Tasche diese Behandlung ganz und gar nicht vertrug. Während eine kompakte Frau mit Trachtenbluse eine weitere schwarze Tasche in die Höhe hob, den am Boden liegenden Rugbyspezialisten mit „Schorschi“ anredete und mit unüberhörbar vorwurfsvollem Unterton wissen wollte, was dieser denn da überhaupt mache, war der Ellenbogenmann rot angelaufen. Schorschi konnte sowohl den Gang als auch die Tasche wegen seiner vorangegangenen vollkommenen Verausgabung nur langsam freigeben. Hinter dem Ellenbogenmann drängten sich mehrere Passagiere. Plötzlich kippte eine schmächtige Frau durch die winzige Lücke, die der Ellenbogenmann unvorsichtigerweise zwischen sich und der Sitzreihe zu seiner Linken gelassen hatte. Ihr Kopf landete auf Schorschis Hand, mit der sich dieser gerade vom Boden abstützen wollte. Die Bewegung der umkippenden Frau missverstehend schoben die hinteren Passagiere die vorderen weiter, so dass der Ellenbogenmann einen Schlag in die Magengrube erhielt, während zwei weitere Personen auf der bereits am Boden liegenden Frau landeten. Diese war für einen Moment weder zu sehen noch zu hören, dann griffen zwei Passagiere aus den nächstgelegenen Sitzreihen entschlossen ein, zerrten eine Person nach der anderen von der Frau herunter und halfen dieser wieder auf die Beine. Nun entspannte sich Schorschis schmerzverzerrtes Gesicht. In einem Kraftakt wurde auch ihm aufgeholfen.
„Meine Herrschaften, bitte bewahren Sie doch Ruhe!“, donnerte die Stimme des Busfahrers durch das Fahrzeug. Man begann, sich umsichtiger zu bewegen, bat sich um Entschuldigung sowie um das gegenseitige Durchlassen oder Durchreichen der Jacken, Tüten, Taschen und Flaschen. Endlich saßen alle Passagiere wieder auf ihren Plätzen. Der Busfahrer fragte, ob jemand verletzt sei. Da sich keiner meldete, wurde die Fahrt fortgesetzt.
Die Gruppe auf der Straße war unterdessen im Dunkel der Nacht verschwunden. Alle schwiegen während der Weiterfahrt zum Busbahnhof. Laras Sitznachbar war in sich zusammengesunken. Er schien zu schlafen. Die Luft um den Bus herum wurde diesiger. Der Busbahnhof war öde und grau. Noch immer schweigsam verließ ein Passagier nach dem anderen den Bus, nahm sein Gepäck entgegen und ging seiner Wege. Für einen Moment hatte Lara den Eindruck, ganz allein auf dem Busbahnhof zurückzubleiben, während gleichzeitig jeder mit seinem eigenen Fleckchen Grau auf dem großen Platz verschmolz. Dann sammelte sie sich, suchte ihre Buslinie und konnte bald darauf in Richtung Innenstadt zu ihrer neuen Wohnung weiterfahren.
Wie erleichtert war Lara, als sie endlich den Schlüssel im Schloss der Wohnungstür herumdrehte! Die Wohnung war einfach, aber durchaus ansprechend möbliert. Einen Blick für die Details hatte Lara allerdings nicht mehr, dazu war sie viel zu erschöpft. Sie machte sich nur noch kurz frisch, dann sank sie ins Bett. Mitten in der Nacht schreckte sie auf, weil sie sicher war, ein lautes Schaben an ihrer Wohnungstür gehört zu haben. Sie sah durch den Türspion, konnte aber nichts erkennen. Sie hatte wohl doch nur geträumt.
Am nächsten Morgen riss der Wecker Lara aus dem Schlaf. Halb benommen machte sie sich eine Tasse löslichen Kaffee, den sie gestern vor ihrer Abreise noch geistesgegenwärtig in ihre Tasche gepackt hatte.
Sie konnte das Bild der Gruppe grau gekleideter Menschen auf der nächtlichen Straße einfach nicht loswerden. Der Gedanke an die starren Blicke dieser Personen und deren nahezu synchrone Bewegungen jagte ihr einen kalten Schauder über den Rücken. Die Erinnerung an ihren merkwürdigen Sitznachbarn sorgte auch nicht gerade dafür, dass Lara sich besser fühlte. Plötzlich wurde ihr klar, dass die letzte Nacht noch etwas bei ihr bewirkt hatte: Sie dachte immer wieder an Lean, ihren Bruder. Nein, sie fand sich nicht länger damit ab, dass er verschwunden war! Lara erinnerte sich an sein Lächeln, mit dem er immer eine Extra-Portion Vanilleeis in ihr Dessertschälchen füllte, als sie noch klein war. Niemals könnte sie ihn aufgeben! Niemals würde sie aufhören, nach ihm zu suchen!
Doch erst einmal musste sie ins Büro, immerhin war dies ihr erster Arbeitstag. Sie verließ die Wohnung. Das Treppenhaus war absolut still, es gab nicht einmal einen Lufthauch. Dicke Teppiche auf den Treppenstufen, die ihr in der Nacht zuvor gar nicht aufgefallen waren, sorgten dafür, dass jedes Geräusch augenblicklich verschluckt wurde. Hätte Lara nicht wenigstens noch das Geräusch ihres eigenen Atems gehört, so hätte sie sich fragen können, ob sie selbst überhaupt noch da war.
Die Straße vor ihrem Haus war menschenleer. Kurzzeitig hatte Lara sogar den Eindruck, graue Nebelschwaden vor den Augen zu haben, aber das war bestimmt nur ihr Kreislauf. Die letzte Nacht war nicht gerade erholsam gewesen.
Sie bog um die Ecke und stellte erleichtert fest, dass an der Bushaltestelle zwei weitere Personen standen. Als Lara sich der Bushaltestelle näherte, starrten beide Personen sie so intensiv an, dass sie an sich heruntersah um festzustellen, ob irgendetwas nicht in Ordnung war. Zum Glück kam der Bus recht schnell. Während Lara im Bus saß, nahm sie sich vor, sich heute durch nichts mehr verunsichern zu lassen. Sie würde ihren ersten Arbeitstag haben und er würde gut werden!
Wenig später stand sie vor dem anthrazitfarbenen, quaderförmigen Bürogebäude. Die Sonne schien und der strahlend blaue Himmel traf effektvoll mit der dunklen Oberkante des Bürogebäudes zusammen. Auf einigen Fensterbrettern konnte Lara Grünpflanzen erkennen. Im Gebäude wurde sie erst freundlich von der Rezeptionistin, dann vom Abteilungsleiter begrüßt, durch die Abteilung geführt und ihren neuen Kolleginnen und Kollegen vorgestellt. Lara fühlte sich sofort wohl. Nach einer kurzen Einweisung übernahm sie ihre ersten Aufgaben. Da sie sich noch oft orientieren und vieles erfragen musste, war dieser erste Arbeitstag anstrengend, verging jedoch gleichzeitig wie im Flug. Ehe sie es sich versah, war sie eine der Letzten im Büro.
Es begann schon zu dämmern, als sie wieder auf die Straße trat. Schnell lief sie die Hauptverkehrsstraße in die Richtung zurück, aus der sie am Morgen mit dem Bus gekommen war. Irgendwo auf der Strecke hatte sie doch einen Supermarkt gesehen! Endlich fand sie ihn. Nachdem Lara ihre Einkäufe erledigt hatte, fuhr sie nach Hause. Das Treppenhaus machte den Eindruck, als sei es seit dem Morgen von keiner weiteren Person benutzt worden. Die gleiche Luft, das gleiche gedämpfte Licht, die gleiche Lautlosigkeit. Auf ihrem Weg nach oben bemerkte Lara, dass ihr Fuß bei jedem Schritt in den dicken, weichen Teppich einsank, so dass sie kaum vorwärts kam. Während das Treppenhaus unbenutzt schien, beschlich sie jedes Mal, wenn sie an einer Wohnungstür vorbeikam, ein ungutes Gefühl. Sie hatte den Eindruck, durch die Türspione beobachtet zu werden. Sie lauschte angestrengt, bis sie glaubte, hinter einer der Türen sogar ein schabendes Geräusch gehört zu haben. Ihre Versuche, schneller in ihre Wohnung zu kommen, strengten Lara aufgrund des dicken Teppichs so sehr an, dass sie außer Atem war, als sie endlich ihre Tür aufschloss. Bevor sie die Tür wieder hinter sich zuzog, fiel ihr Blick auf den gegenüberliegenden Türspion. Sie hörte das Schaben diesmal ganz deutlich und war sich sicher, hinter dem Guckloch ein Auge wahrzunehmen. In der Wohnung machte Lara alle Lichter an, zog die Vorhänge zu und setzte sich in einen Sessel im Wohnzimmer.
Erschöpft und verunsichert schloss sie für einen Moment die Augen.
Aber was war denn schon passiert? Sie hatte einen gar nicht einmal so üblen Arbeitstag hinter sich gebracht. Im Treppenhaus hat sie sich gerade etwas unwohl gefühlt, aber war das denn berechtigt? Wie wahrscheinlich war es denn, durch alle Türspione beobachtet worden zu sein? Und hatte sie das Schaben tatsächlich gehört? Dann blieben noch die merkwürdigen Erlebnisse im Fernbus: Ein offensichtlich verwirrter Sitznachbar und eine Gruppe möglicherweise militanter Fußgänger, die am späten Abend in einem Randbezirk der Stadt unweit des Busbahnhofs ihre Rechte durchsetzen wollten...
Mit einem entschlossenen Ruck stand Lara auf. Anstatt diffusen Ängsten nachzuhängen, sollte sie sich lieber auf die Suche nach ihrem verschollenen Bruder machen. Sie holte ihren Laptop und gab Leans Namen in die Suchmaschine ein. Nun wunderte es sie selbst, dass sie nicht schon viel früher auf diese Idee gekommen war. Es war, als würde ihr Bruder für Lara erst jetzt wirklich wieder existieren, auch wenn sie nicht wusste, wo er war und ob er überhaupt noch lebte.
Die ersten Ergebnisse brachten sie nicht sehr viel weiter. Es waren uralte Einträge auf Plattformen, über die man mit früheren Schulfreunden Kontakt halten konnte. All diese Kontakte waren offensichtlich schon vor längerer Zeit abgebrochen. Sie suchte weiter und stieß schließlich auf zwei Einträge, die insofern vielversprechend waren, als dass sie Hinweise darauf gaben, was Lean in seiner ersten Zeit in der Stadt gemacht hatte. Der erste wies Lean als Mitglied einer Projektgruppe an der Uni aus, der zweite als Mitarbeiter der Rechnungsprüfungsabteilung einer großen ortsansässigen Firma. Beide Einträge lagen nur gut ein halbes Jahr auseinander, zuletzt hat Lean wohl in der Firma gearbeitet. Allerdings konnte er sein Studium nach Laras Berechnungen zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen haben. Hatte Lean das Studium abgebrochen? Die Projektgruppe gehörte zum Fachbereich Politikwissenschaft, dort würde Lara zuerst nachfragen.
Nach einer kurzen Nacht, in der Lara erst einschlafen konnte, nachdem sie ihre Wohnungstür sicherheitshalber mit einem Stuhl blockiert hatte, schaffte sie es am nächsten Tag trotz ihrer Übermüdung mit der Arbeit so gut voranzukommen, dass sie das Büro bereits um kurz nach drei verlassen konnte. Die Uni war schnell erreicht. Lara hatte sich die Veranstaltung eines Professors für Politikwissenschaft herausgesucht, der ihren Recherchen zufolge schon länger an dieser Uni lehrte. Sie wartete vor dem Vorlesungssaal, bis die ersten Studenten herauskamen, dann ging sie hinein. Um den Professor herum stand eine ganze Traube von Studentinnen und Studenten, von denen offensichtlich jeder eine Frage hatte. Diese Frage wurde dann langsam, sorgfältig und mit vielen Bedenkpausen formuliert. Nochmaliges Nachhaken, wenn die erste Antwort dem Anspruch des Fragestellers auf umfassende und vollständige Information nicht voll und ganz entsprach, dauerte selbstverständlich noch länger, denn nun musste man während der Formulierung der Frage auch noch darüber nachdenken, was genau man noch genauer wissen wollte. Der Professor beantwortete jede der Fragen mit einer bewundernswerten Gelassenheit. Lediglich ein leicht angedeutetes nachsichtiges Lächeln um den rechten Mundwinkel herum, das mal mehr, mal weniger deutlich ausgeprägt war, verriet, was er zuweilen wirklich dachte.
Etwas verloren stand Lara am Rand dieser Studententraube. Nach und nach wurden es weniger Personen. Lara achtete sehr genau darauf, dass sie auch wirklich ganz hinten anstand, weil sie für ihr besonderes Anliegen nicht noch mehr Zuhörer haben wollte. Irgendwie war es ihr jetzt schon unangenehm, den Professor mit einer für ihn vielleicht lästigen Frage aufhalten zu müssen. Schließlich war sie an der Reihe, entschuldigte sich höflich, sagte ihren Namen und nahm dann all ihren Mut zusammen: „Ich bin auf der Suche nach meinem Bruder Lean. Er ist seit längerer Zeit verschwunden. Er hat hier Politikwissenschaft studiert, bestimmt auch bei ihnen. Können Sie mir helfen? Möglicherweise gibt es hier noch eine Adresse von ihm oder es gibt Menschen, die Kontakt mit ihm haben.“ „Der Name sagt mir etwas, aber ich kann mich leider nicht mehr so richtig erinnern. Wann genau hat er denn hier studiert?“ „Ganz sicher noch vor acht Jahren. Damals war er auch an einer Projektgruppe beteiligt, die sich mit dem Thema 'Praktische Auswirkungen der aktuellen Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik im Hinblick auf strukturelle Veränderungen im Industriebetrieb' beschäftigt hat.“ „Das könnte uns weiterhelfen“, sagte der Professor. „Diese Projektgruppe wurde damals von einer sehr guten, mittlerweile emeritierten Kollegin geleitet, deren Unterlagen wir hier selbstverständlich noch in Ehren halten und verwahren“, grinste der Professor. „Am besten kommen Sie einmal mit ins Büro. Ich suche die Unterlagen zu der damaligen Projektgruppe heraus. Vielleicht kann ich mich ja an Ihren Bruder erinnern, wenn ich die Unterlagen sehe.“ „Vielen Dank, das ist sehr nett“, sagte Lara erleichtert und folgte dem Professor durch die Gänge der Universität bis in ein kleines Büro.
Nachdem er in einem dicken Aktenordner geblättert, diesen wieder ins Regal zurückgestellt, einen zweiten Ordner herausgezogen und wiederum darin geblättert hatte, beugte er sich über ein Blatt, das von weitem wie eine Art Tabelle oder Liste aussah. Der Professor schien etwas auf dem Papier zu suchen: „Lean, Lean, Lean, … Da ist er! Ja, jetzt, wo ich seinen Namen und die Namen der anderen Studierenden von damals lese, erinnere ich mich wieder an ihn. Er hatte eine Vorlesung und auch ein Seminar von mir besucht. Merkwürdig, dass mir das nicht vorhin schon wieder eingefallen ist. Selbstverständlich kann ich mich nicht an jeden Einzelnen erinnern, der einmal in einer meiner Vorlesungen war, aber in Leans Fall ist das anders. Ich hatte mich sogar mit meiner Kollegin über ihn unterhalten. Ja, das war ein tragischer Fall.“ „Was ist passiert?“, fragte Lara.
„Ihr Bruder war, wie viele in seinem Alter, ein vielseitig interessierter junger Mann, der großes Interesse an seinem Studium im Speziellen, aber auch an allen möglichen gesellschaftlich relevanten Themen im Allgemeinen zeigte. So weit war zunächst alles in Ordnung. Dann beteiligte er sich an der Projektgruppe meiner Kollegin. Im Rahmen der Projektarbeit sollte jeder ein Praktikum in einem Betrieb machen und dabei zum einen die Strukturen kennen lernen, zum anderen Interviews mit Mitarbeitern verschiedener Abteilungen und Funktionsebenen machen. Lean hatte das Glück, einen Praktikumsplatz bei Casopaco zu bekommen, einer der größten ortsansässigen Firmen.“ Der Professor machte eine Pause. Er blickte nachdenklich an Lara vorbei auf das schmale Bücherregal, das schräg hinter ihr an der Wand stand. Zaghaft fragte Lara in die Stille hinein: „Haben Sie oder Ihre Kollegin dann noch etwas von ihm gehört? Lean muss eine Zeit lang in der Firma gearbeitet haben, so viel konnte ich herausfinden. Hat er sein Studium abgeschlossen?“
„Nein“, antwortete der Professor noch immer halb in Gedanken versunken, „das hat er nicht. Nach drei Wochen des auf sechs Wochen angelegten Praktikums ließ er sich einen Termin bei meiner Kollegin geben. Er muss ziemlich aufgebracht gewesen sein und viel geredet haben. Dabei war er wohl so konfus, dass meine Kollegin nur mit Mühe herausbekommen konnte, was er eigentlich wollte. Sie hat mir noch am gleichen Tag von dem merkwürdigen Gespräch erzählt. Lean soll von unhaltbaren Zuständen in der Firma gesprochen haben, dass man dagegen etwas tun müsse und dass er dies von nun an als seine wichtigste Aufgabe ansehen werde. Er verließ die Projektgruppe. Damals hatte ich einmal in der Woche eine späte Vorlesung angeboten, die Lean neben seinem Praktikum zunächst noch besuchte. Ein paar Tage nach dem Gespräch mit meiner Kollegin kam er am Ende der Vorlesung zu mir, um sich für den Rest des Semesters zu entschuldigen. Das fand ich sehr vorbildlich. Es gibt durchaus Studierende, die ohne jede weitere Erklärung einfach nicht mehr auftauchen. Manchmal fällt das allerdings auch gar nicht auf. Wie dem auch sei, Lean schien sich etwas gefasst zu haben. Er erklärte mir ruhig, er wolle zwei Urlaubssemester nehmen, in dieser Zeit voll und ganz bei Casopaco arbeiten und die Zeit nutzen, um die 'unglaublichen Zustände', wie er sich ausdrückte, zu verändern.“ Der Professor konnte sich nun so gut erinnern, dass er die damalige Situation vor seinem geistigen Auge zu sehen schien: „Ich hatte nicht unerhebliche Bedenken und ihm dringend geraten, erst einmal mit seinem Studium fortzufahren. Aber er ließ sich nicht von seinem Entschluss abbringen.“
