Aufruhr im Isartal - H S Laube - E-Book

Aufruhr im Isartal E-Book

H S Laube

0,0

Beschreibung

Es ist das Jahr 1158. An der Salzstraße bei den Munichen reckt sich stolz eine neue Brücke über die Isar. Mit ihr will Herzog Heinrich von Braunschweig seinem Lehen Baiern wirtschaftlichen Aufschwung verschaffen - und die eigene Kasse füllen. Dies zum großen Verdruss von Bischof Otto von Freising, dessen Brücke kurz darauf in Flammen aufgeht. Er ahnt sofort, wer hinter diesem Anschlag steckt, und sinnt auf Vergeltung. Den folgenden Machtkampf schürt auch Burgherr Klef von Chlefsheim kräftig an, der eigene Interessen an der neuen Brücke verfolgt. Doch als dann eine Frau tot in der Isar gefunden wird, gerät seine Welt völlig aus den Fugen. Ein spannender Roman um die Stadtgründung Münchens, den Autor H. S. Laube mit viel Liebe zum Detail in ein buntes Gemälde mittelalterlichen Lebens verwandelt. Augenzwinkernd gewährt er dabei kundig Einblick in Freud und Leid des Ritterlebens.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 342

Veröffentlichungsjahr: 2012

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



H. S. LAUBE, geboren am Fuße des Riesengebirges in Niederschlesien, wuchs in Oberfranken (Bayern) auf und besuchte das Gymnasium Casimirianum in Coburg. Er schlug die Offizierslaufbahn in der deutschen Luftwaffe ein und studierte am Armed Forces Staff College in USA, der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg, sowie am NATO Defense College in Rom. Er ist begeisterter Jagdflieger, der in vier Kontinenten im Einsatz war und bis zum Fliegergeneral aufstieg. Heute lebt und arbeitet er im Raum München. Von ihm erschienen bereits die historischen Romane »Der Falke« (1997), »Die Erben des Staufers« (1999) und »Wandas Vermächtnis« (2005).

H. S. Laube

Aufruhr im Isartal

Geschichten aus der Stauferzeit

Weitere Informationen über den Verlag und sein Programm unterwww.buchmedia.de

Juli 2012 © 2012 Buch&media GmbH, München Umschlaggestaltung: Kay Fretwurst, Freienbrink Printed in Europe · ISBN 978-3-86520-449-3

Alle Hindernisse und Schwierigkeiten sind Stufen, auf denen wir in die Höhe steigen.

Friedrich W. Nietzsche

Erfolg ist eine Sache des Willens. Man muss für seine Ziele auch kämpfen wollen.

Karl-Josef Neukirchen

Das Leben hat keinen Sinn außer dem, den wir ihm geben.

Thornton Wilder

Für Antje

Inhalt

Die Herren vom Isartal

Prolog

Aufruhr im Isartal

Nachwort

Historischer Abriss

Die Herren vom Isartal

Wer hatte im 12. Jahrhundert im Isartal etwas zu sagen? Im Jahr des Herrn 1158 nach Christi Geburt sind es vor allem vier Herren: ein Pfalzgraf, ein Herzog, ein Bischof und der Kaiser. Der Kaiser ist der wichtigste, und er ist eigentlich auch der mächtigste der vier. Eigentlich.

1158 ist Friedrich I. aus dem Hause Hohenstaufen seit drei Jahren Kaiser. »Barbarossa« wird er genannt, wegen seiner auffallenden feuerroten Haar- und Barttracht.

Aber der Kaiser ist fern und das Heilige Römische Reich ist groß. Sein ebenfalls mächtiger Partner ist der Welfenherzog Heinrich von Braunschweig, genannt »der Löwe«. Ihn hat der Kaiser kürzlich mit dem Herzogtum Baiern belehnt. Der Löwe fördert die Gründung von Siedlungen und Städten. Sie sollen zu Angelpunkten seiner politischen und wirtschaftlichen Macht werden. In seinem neuen Herzogtum Baiern sind Orte wie Wasserburg, München und Landsberg mit seinem Namen verbunden. Eine bedeutende Handelsstraße verbindet sie: die Salzstraße. Sie sind zugleich feste Plätze, die den Übergang über Inn, Isar und Lech sichern helfen und ihm beachtliche Einnahmen verheißen.

Noch unmittelbarer dran am Isartal aber sind die Pfalzgrafen aus dem Hause Wittelsbach. Nicht weit entfernt steht ihre Stammburg und hier besitzen sie Ländereien und Einfluss. Die Klöster im Umfeld der Isar – es sind vor allem Benediktinerklöster – erfreuen sich ihres Wohlwollens und ihres Schutzes. Pfalzgraf Otto von Wittelsbach ist ein Kampfgefährte Herzog Heinrichs, zugleich aber ist er auch ein treuer Lehensmann des Kaisers.

Und dann hat da noch der Bischof von Freising erheblichen Einfluss im Isartal. Für Otto von Freising stellen die Kontrolle der Flößerei auf der Isar hinunter zur Donau und der Warenverkehr über die Isarbrücken ebenfalls große wirtschaftliche Macht dar. Bischof Otto von Freising, eine bedeutende Persönlichkeit im Reich, hat sich nicht nur als Kirchenfürst einen Namen gemacht, sondern auch als Heerführer und als ein vielgerühmter Geschichtsschreiber.

Diese genannten vier richten ihr Augenmerk auf die Siedlung, die bei einem Benediktinerkloster nahe einer Flussinsel in der Isar entstanden ist: »bei den Munichen«, oder auch »Munichen« genannt, das spätere München.

Hier treffen wir auch auf den Ritter Klef von Chlefsheim, den Herrn der Burg bei den Munichen.

Aber auch interessante, faszinierende und reizende Frauen begegnen uns auf seiner Burg und im oberen Isartal. Doch von denen wollen wir uns überraschen lassen.

Die alte Salzstraße

Prolog

Feuer! Feuer!« Schrill gellte der schreckliche Schrei durch die stille Nacht. Wen immer er erreichte, der erstarrte mit geweiteten Augen vor panischer Angst. Feuer war das schlimmste allen Unheils in jeder Siedlung. Wann immer der alarmierende Ruf erscholl, kam ungeheures Leid über ein Anwesen, über eine Ansiedlung, ein Dorf oder auch eine Stadt. Denn alle Häuser, alle Einrichtungen, ja fast alles war aus Holz gebaut, die Dächer meistens aus Stroh. Alles konnte brennen. Deshalb verbreitete der Ruf »Feuer!« Furcht und Schrecken unter den Bewohnern. Und wenn das Feuer erst einmal entfacht war, dann Gnade Gott den Bewohnern, dann brannte wirklich alles wie Zunder. Ein Feuersturm brach los und fraß sich rasend schnell durch die Gassen. Unaufhaltsam verschlang das Feuer alles.

Gottes Gnade? Ja, aber selbst der Herrgott konnte dann nicht mehr helfen.

»Feuer! Feuer!« Der Wachmann schrie sich die Seele aus dem Leib. Der Marktplatz des kleinen Fleckens Föhring lag in das tiefe Dunkel der Nacht gehüllt. Auf den dicht an dicht gedrängten Fuhrwerken und Karren, denen der Markt als Rastplatz für die Nacht diente, schliefen die Fuhrleute und auch die Kriegsleute, die die Kaufmänner begleiteten und sie beschützen sollten. Doch jetzt stürmten Männer vor die Türen ihrer Hütten, die Fuhrleute rieben sich gähnend die Augen, und auch ein paar Kriegsleute, die der Bischof hier untergebracht hatte, rannten mit den Bewaffneten, die von den Fuhren stiegen, ins Freie. Ihnen folgten bangend Weiber und Kinder. Wo brannte es nur?

Den Leuten auf dem Marktplatz fiel ein Stein vom Herzen, als sie sich umsahen: Es waren nicht ihre Hütten, die brannten. Kein Feuer war zu sehen, kein Rauch, kein Brandgeruch zu vernehmen. Es war auch keines der vielen Fuhrwerke. Die Panik legte sich etwas.

Dennoch brauchte keiner Fragen zu stellen, denn alle sahen sie den Schein. Zum Fluss hin war der Nachthimmel hell erleuchtet. Brannte das Brückenhaus vielleicht? Dort war die Brücke, die Brücke über den Fluss, die ihnen allen Arbeit gab, ihr tägliches Brot, und über die morgen die schwer beladenen Fuhren ihren Weg fortsetzen wollten. Die Zollbrücke war der Übergang der Salzstraße über die Isar. Nun eilten die Männer begleitet von Kriegsleuten, die schnell noch nach ihren Waffen griffen, in Richtung des Flusses.

Nur eine kurze Strecke des Weges war es, wenige Schritte bis zu den Bäumen und hinunter zum Fluss. Eine Biege noch, gleich musste die Brücke in Sicht kommen – und das Zollhaus.

Dann blieben sie wie angewurzelt stehen. Ein grausig schauriges Schauspiel bot sich ihren entsetzten Augen. Bizarres Geflacker, Qualm, der im Dunkel der Nacht verschwand, züngelnde Flammen, feuriges Rot, das die Brücke verdeckte. Wie gelähmt von dem lauten Krachen des brennenden Holzes, dem Rauchschleier, dem Geruch und dem Widerschein des Feuers verharrten sie. Ein schreckliches Bild. Das Zollhaus? Die Brücke? Ein funkensprühendes, zischendes, knisterndes, flammendes Inferno! Ein heißer Hauch wehte herüber. Das Dach der Hütte, die das Zollhaus einmal gewesen war, gerade brach es mit einem lauten Krachen in sich zusammen. Gierig züngelten Flammen an den hölzernen Wänden hoch. Feuergarben spritzten zum Himmel. Das konnte nicht sein, das durfte nicht sein.

Und die Brücke? Sie war keine Brücke mehr. Sie war ein einziger Brandherd. Flammen fraßen sich in die Holzstreben. Überall rauchte es, qualmte es, brannte es. Als sich die mutigsten Männer zögernd näherten, sahen sie Balken herabhängen und aus dem Wasser ragen. Wo einst die hölzerne Fahrbahn gewesen war, gähnte jetzt ein schwarzes, schwelendes Loch. Brandgeruch verpestete die Luft.

Sprachlos standen die Männer da. Plötzlich merkten sie auf. Hörte man da nicht Hufe schlagen? Sie lauschten. Nein, jetzt nicht mehr. Nun war es auch nicht mehr still genug. Ein Durcheinander ratlosen Geredes erhob sich, ein wütendes Geschrei dann, das die Macht des Feuers übertönen sollte. »Wasser!«, schrie einer. »Wir brauchen Wasser. Wir müssen löschen!«

»Was willst du denn hier noch löschen?«, tönte es zurück. »Siehst du nicht? Es ist zu spät!«

Es war tatsächlich zu spät, um noch etwas zu retten. Alle kamen sie zu spät. Die Brücke über die Isar war ein Opfer der Flammen.

Suchend schwärmten die Männer aus. Wo war die Brückenwache? Der Bischof hatte doch auch an die Brücke Ritter geschickt, die den Übergang bewachen sollten. Waren die in der Hütte verbrannt?

»Wo ist der Zöllner? Ist der nicht in seiner Hütte?«, schrie jemand.

»Nein, der Zöllner geht erst bei Tagesanbruch seiner Arbeit nach«, erhielt er zur Antwort. »Der kommt erst bei Morgengrauen, wenn die Überfahrt wieder freigegeben wird.«

Viele Augenpaare versuchten, die Nacht zu durchdringen. Fragende Rufe hallten durch die Finsternis. Aber keine Menschenseele war zu sehen, keine Antwort auf das Rufen war zu hören. Nur das leise Gurgeln der Isar, die unbeeindruckt dahinfloss. Die Feuer kokelten weiter. Knisternd und zischend flackerten sie im Dunkel der Nacht. Es stank, die Luft schmeckte nach Rauch.

Was war geschehen? Aufgeregt diskutierten die Männer das Geschehen. Alle redeten durcheinander. Wie konnte das geschehen? Es konnte nur Brandstiftung gewesen sein. Sonnenklar schien das, da war man sich schnell einig. Aber warum? Und weshalb? Und vor allem – wer hatte das Feuer gelegt?

Alle redeten, alle rätselten, alle waren sie erregt, aber niemand wusste eine Antwort. Unmöglich konnten Brücke und Zollhaus gleichzeitig einfach so brennen. Rasend schnell musste das Feuer alles verschlungen haben. Wohldurchdacht war das, geplant sogar. Ein schnelles Attentat auf die Brücke des Bischofs? War vielleicht der Bischof das eigentliche Ziel? Nein, nicht der ehrwürdige Kirchenfürst, nicht Bischof Otto von Freising. Der war doch so angesehen, so geachtet im ganzen Reich.

Wer also war fähig, eine solche Schandtat zu begehen? Wer?

Und immer wieder tauchte die Frage auf: Warum? Warum die Brücke hier in Föhring, die für alle so wichtig war, die für alle Familien das tägliche Brot sicherstellte.

1.

Klef stützte sich mit beiden Ellenbogen auf den grob behauenen Stein. Zwischen zwei der wuchtigen Zinnen beugte er sich etwas über die Brüstung des Turms. So hatte er einen wunderbaren Blick von der Wehrplatte des Bergfrieds auf das Kloster der Benediktiner zur Rechten und auf die kleine Siedlung bei den Munichen. Aber das interessierte ihn kaum. Eher schon die neue Straße auf dem gegenüberliegenden steil ansteigenden Ufer, dem »gachen« Steig. Dahinter erstreckte sich, so weit sein Auge reichte, die bewaldete Landschaft bis zum Horizont, an dem die Straße schließlich verschwand. Näher an seinem Ausguck, unten, unweit der Burg, floss träge, wie es von hier aus schien, die Isar. Aber auch das Wasser zog nicht wirklich seine Aufmerksamkeit auf sich. Es war die Brücke, die dort über den Fluss führte.

Klefs Oberkörper lehnte auf der Zinne, und er spürte das Amulett, das er auf der Brust trug. Klef drückte es fester an sich und lächelte zufrieden. »Meine Brücke!«, sagte er leise. Stolz und Genugtuung lagen in den beiden Worten.

An der Stelle, an der sich der Fluss in zwei Arme teilte und eine kleine Insel bildete, stand die neue Brücke. Das Ergebnis anstrengenden Schaffens der letzten Monate. Es war seine Brücke. Natürlich war es nicht wirklich »seine« Brücke, gestand er sich. Frohen Mutes jedoch. Es war die Brücke des Herzogs. Aber er, Klef von Chlefsheim, er hatte über ihre Errichtung gewacht, er hatte sie geschützt. Er hatte dafür gesorgt, dass sie ganz nach den Wünschen des Herzogs entstanden war.

Die langen Vorbereitungen haben sich bezahlt gemacht, dachte er. Immer noch kann ich nur staunen, welche Weitsicht der »Löwe« bewiesen hat. Und die Wahl des Ortes für die Brücke und der Männer, denen der Herzog das Projekt anvertraut hatte, hätte besser nicht ausfallen können. Genugtuung lag in diesen Gedanken.

Erfahrene Vermesser hat der Herzog uns im letzten Jahr geschickt, als wir noch nicht einmal ahnten, was das alles werden sollte. In der kleinen Siedlung haben sie Straßen abgesteckt und Parzellen für neue Häuser, die alle unentgeltlich an die Bewohner abgegeben werden sollen. Und vor allem auch freie Flächen für den Markt, nein, von vornherein gleich für ein zweites Handelsareal neben dem eigentlichen Marktplatz, mit dem Rindermarkt. Niemand von uns wusste, was dort entstehen würde, überlegte Klef.

Natürlich, nicht alle diese Pläne waren auf des Herzogs eigenem Mist gewachsen. Aber schmälerte das seinen Verdienst? War es nicht im Gegenteil ein Beispiel seiner Weitsicht, dass er offensichtlich Bischof Wibald von Corvey mit der Ausarbeitung eines Stadtplans für seine Stadt bei den Munichen beauftragt hatte? Ein Dankschreiben des Herzogs an den Bischof gab es offenbar auch, hatte ihm der Pfalzgraf Otto von Wittelsbach in einer langen, feuchtfröhlichen Nacht erzählt.

»Wir erweisen Eurer Liebenswürdigkeit verdienten Dank, dass Ihr nach dem Hoftag in Bamberg so eifrig und bereitwillig dem nachdrücklichen Ruf unserer Majestät ohne Zögern oder Aufschub gefolgt seid, um alle unsere noch zu erteilenden Anweisungen bereitwillig auszuführen.«

Klef erinnerte sich an diese Zeilen. Wenn man die Kunst des Lesens und des Schreibens nicht so beherrschte wie die Mönche, dann funktionierte das Gedächtnis umso besser. Davon war Klef überzeugt.

Klef war stolz auf die Brücke, eine Meisterwerk an Stabilität und Tragfähigkeit. Und – es war eben doch seine Brücke. Und Rupert, dieses Genie von einem Zimmermann, den er angeworben hatte, der war ihm verantwortlich dafür gewesen, mit seinen Leuten die Pläne des Herzogs in die Tat umzusetzen.

Wie lange war das alles her? Nun war auch der Ausbau der Straßen vollendet, die dem Anschluss an die alte Salzstraße sowohl im Osten wie auch im Westen einen natürlichen Verlauf zu seiner Brücke vorgaben.

So, als ob das schon immer so gewesen wäre, musste es den Fuhrknechten jetzt vorkommen, freute sich Klef. Das wäre geschafft. Er rieb sich die Hände. Ein Lächeln überzog sein Gesicht, als er an die Botschaft dachte, die er dem Herzog geschickt hatte: »Herr Herzog, die Brücke bei den Munichen steht!«

Aber nun musste der nächste Schritt folgen, da bestand für Klef kein Zweifel. Denn, wie er so voller Genugtuung auf seine Brücke hinunterschaute, war ihm auch ein wesentlicher Mangel offensichtlich: Die Straße, die jenseits des Ufers aus dem Wald herankroch, war leer. Noch überquerte kein einziges Fuhrwerk die Brücke, und der Zöllner saß faul und gelangweilt vor seiner Holzhütte. Auch die zwei Wachposten lehnten träge an einem Pfosten und drehten Däumchen. Sie schienen sich gemütlich an der Sonne zu wärmen.

Keine Fuhrwerke, keine Einnahmen. Klef schüttelte unwillig den Kopf. Die Händler machten in ihrem alten Trott einfach weiter. Sie nahmen den Weg über Föhring, weil sie den kannten, der Übergang über die Isar war ihnen vertraut. Sie wussten noch nicht, welche Möglichkeiten sie jetzt hatten. Das würde sich schnell ändern müssen.

2.

Begonnen hatte es mit der Erhebung Heinrichs von Braunschweig aus dem Geschlecht der Welfen zum Herzog von Baiern. Es war eine erhebende Zeremonie gewesen im festlich geschmückten Saal der Kaiserpfalz. Der Kaiser thronte im großen, aufwendig mit Gold und Edelsteinen geschmückten Ornat und den Reichsinsignien: der Kaiserkrone, dem Reichsapfel, dem Reichsschwert und dem Reichszepter, den Zeichen, die ihn als legitimen Herrscher auswiesen. Umgeben waren er und der Herzog von den Großen des Reiches, die ebenfalls ihre aufwendigen Herrschaftsinsignien angelegt hatten. Dann kniete Heinrich vor dem Kaiser.

»Ich, Friedrich der Erste von Hohenstaufen, von Gottes Gnaden Kaiser des Römischen Reiches, belehne Dich, Heinrich von Braunschweig, Herzog von Sachsen, mit dem Herzogtum Baiern. Du sollst als ein Streiter Gott, dem Kaiser und dem Reich dienen in unverbrüchlicher Treue, das Land ritterlich …«

Heinrich, den sie wegen seines Wagemuts und seiner Tapferkeit »den Löwen« nannten, hörte nur halb auf das, was der Kaiser da sprach. Mit seiner ernsten, fast andächtigen Miene erweckte er den Eindruck, dass er ergeben den Worten des Kaisers lauschte. Der neuen Würde und vor allem der neuen Macht war er sich nur zu bewusst. Genugtuung erfüllte ihn über das Erreichte. Aber seine Gedanken weilten woanders. Sie waren bereits in seinem neuen Herzogtum, in Baiern. Und sie waren bei den Plänen, die er mit diesem Land hatte.

»Ich schwöre es, so wahr mir Gott helfe.« Fast automatisch kamen die Worte über seine Lippen, als der Kaiser geendet hatte und ihn mit seiner mit rotem Leder bekleideten Hand auf dem Kopf berührte. Herzog Heinrich küsste die Hand des Kaisers, dann erhob er sich, und der Kaiser umarmte ihn.

Barbarossas bärtiges Gesicht strahlte. Er war ebenfalls zufrieden. Mit der Belehnung Heinrichs war ihm ein geschickter Schachzug gelungen. Er hatte die lang anhaltenden Streitereien im Süden Deutschlands zu einem guten Ende gebracht.

Als die vielen Feiern anlässlich der Belehnung Heinrichs vorüber waren, machte sich der neue Herzog von Baiern unverzüglich ans Werk. Er sandte einen Boten an die Weser nach Corvey. Das sächsische Reichskloster gehörte zu den bedeutendsten Klöstern auf deutschem Boden. Ihm stand seit zehn Jahren der Benediktiner Wibald vor. Er war nicht nur ein Fachmann in Fragen des Kirchenbaus, sondern er war dem Herzog als ein erfahrener Planer bei der Anlage von Handelsmärkten bekannt und in Fragen des Wasserbaus sowie des Schutzes und der Versorgung größerer Ansiedlungen. Der Herzog forderte Abt Wibald auf, nach Braunschweig zu kommen.

Noch am Tag seiner Ankunft legte er dem Abt seine Absichten für Baiern dar. »Ich werde den Handel fördern und in meinem Land zu einer neuen Blüte führen. Dafür müssen wir in Baiern die Verkehrswege verbessern, vor allem die Lebensader des Handels, die Salzstraße, die von Salzburg durch mein Herzogtum führt. Dort befinden sich auch die Ländereien der Wittelsbacher. Pfalzgraf Otto von Wittelsbach muss ich mir warmhalten. Aber er ist ein loyaler und verlässlicher Fürst, das weiß ich. Ich werde ihn zu meinem Vertreter in Baiern bestimmen.«

Er machte eine Pause in seinen Ausführungen. »Vor allem müssen befestigte Übergänge über die wilden Ströme geschaffen werden, die aus den Bergen Baierns kommen. Inn, Isar und Lech an erster Stelle. An den Übergängen werde ich die vorhandenen Siedlungen ausbauen oder neue gründen und sie befestigen. Der Übergang über die Isar liegt mir besonders am Herzen. Dafür bietet sich eine Insel bei der Ansiedlung bei den Munichen an. Hier, sieh her.«

Heinrich führte den Abt an einen Tisch mit einer außergewöhnlich großen Tischplatte, auf der eine handgemalte Karte ausgebreitet lag. Hier erläuterte der Herzog mit großen Handbewegungen seine Vorhaben.

Abt Wibald hörte aufmerksam zu und nickte. »Über die Isar, sagt Ihr, und bei den Munichen. Die Mönche dort sind ebenfalls Benediktiner.«

»Richtig. Wir haben dort sogar eine Burg stehen. Und das ist nun mein Auftrag an dich, Wibald. Diese kleine Ansiedlung hier neben dem Kloster muss ausgebaut werden. Wenn die Handelskarawanen dort über die Isar ziehen, muss für alles gesorgt sein: Markt, Rastplätze, Lagerhallen, Tavernen, Häuser, die ganze lange Liste von Dingen, die man an einem Handelsplatz an so einem wichtigen Übergang braucht. Und vor allem auch Straßen.«

Abt Wibald hatte schon bewiesen, dass er davon etwas verstand, zum Beispiel in Höxter, im nördlichen Herzogtum des »Löwen«. Deshalb nickte er wieder. Aber er hatte dennoch einen Einwand. »Ihr erstaunt mich jedoch, Hoheit. Dort, bei den Munichen, führt meines Wissens nur eine Furt über die Isar und keine Brücke. Die Benediktiner dort berichten auch nicht von einem nennenswerten Handels- oder Warenverkehr. Der Hauptstrang der Salzstraße verläuft in einem weiten Bogen im Norden über den Fluss.«

Herzog Heinrich der Löwe und die Brücke bei den Munichen.

Mit einer energischen Handbewegung wischte der Herzog das Argument beiseite. »Das lasst meine Sorge sein, Wibald. Ich werde eine Brücke bauen. Und dann sehen wir weiter.«

Überrascht blickte der Abt den Herzog an, schwieg aber. Dann beriet er sich noch stundenlang mit ihm bis in alle Einzelheiten darüber, was zu tun sei, um die Ansiedlung bei den Munichen nach den Anforderungen Heinrichs auszubauen.

Schon am nächsten Tag verabschiedete sich der Abt wieder. »Ich werde mich unverzüglich an die Arbeit machen, Hoheit. Und sobald Ihr mich wissen lasst, dass die Arbeiten in Baiern beginnen können, werde ich mich persönlich darum kümmern. Dann haben meine Pläne so weit Gestalt angenommen, dass ich meine Landvermesser in Marsch setzen kann und dazu noch einige kundige Bauleute und erfahrene Handwerker.«

»Ich verlasse mich auf dich, Wibald. Du weißt, worauf es ankommt.«

3.

Klef zog es wieder einmal auf die Wehrplatte des Bergfrieds. Er ließ seinen Blick über die bewaldete Landschaft schweifen. Auch heute stoppte das Auge auf seiner Brücke. Seine Brücke, die er von hier aus wunderbar in ihrer ganzen Länge erfassen konnte. Kühn überspannte sie die Isar unweit der Burg. Jetzt hielten an beiden Auffahrten einige Fuhrwerke, die darauf warteten, dass der Zöllner das Wegegeld in Empfang nahm und seinen Leuten ein Zeichen gab, sie passieren zu lassen. Wie sich die Zeiten doch änderten! Pfalzgraf Otto von Wittelsbach leistete gute Arbeit.

Er lädt die Fuhrknechte dazu ein, unseren neuen Weg zu nehmen, anstatt die alten, ausgefahrenen, dachte Klef und musste laut darüber lachen. Er lädt sie dazu ein! Wieder lachte er. Wird ihnen wohl nicht viel anderes übrig bleiben, wenn ihnen ihr Leben lieb ist. Klef blickte wieder hinunter. Aber er sah keine weiteren Wagen mehr von Osten her nahen. Tja! Klef zuckte die Schultern. Für die jahrhundertealte Salzstraße hatte es über die Isar bis jetzt halt nur die Brücke des Bischofs von Freising gegeben – und die stand in Föhring. Dem war seine Brücke lieb – und sie war im wahrsten Sinne des Wortes teuer. Sehr teuer sogar. Eine Goldgrube. Der Bischof würde nicht freiwillig auf Einnahmen verzichten.

Ich bin gespannt, wie lange sich der »Löwe« das noch gefallen lässt. Eigentlich war Herzog Heinrich von Braunschweig nicht gerade für seine Geduld bekannt. Klef lächelte.

Unsanft wurde Klef aus seinen Gedanken geschreckt. Die schrille Stimme Johannas drang zu ihm herauf.

»Mechthild, hast du Klef gesehen?«, schrie sie. Klef gab seinen geliebten Aussichtsposten auf, stieg gemächlich die schmale Holztreppe hinunter, stolperte, riss dabei eine Haltestange los, fing sich aber wieder und fluchte laut: »Möchte mal wissen, was der Ortolf den ganzen Tag macht. Hier bricht man sich ja den Hals.«

Er durchquerte den Korridor und traf Johanna vor der Tür des Wappensaals.

»Du bist ja so herausgeputzt, Johanna. Willst du ausgehen?«, fragte er.

»Ach, was. Ich bin nie herausgeputzt. Ich sehe immer so gut aus«, antwortete sie herausfordernd.

»Stimmt«, erwiderte Klef. Er vermied es, seiner Gemahlin unnötig zu widersprechen. Aber er war tatsächlich immer wieder angetan von ihrer faszinierenden Weiblichkeit. Sie war einfallsreich im Erfinden von Kleidungen, die die Aufmerksamkeit des anderen Geschlechts erregten. »Du hast einen guten Geschmack, Johanna. Du weißt, was dir steht. Mir gefällt dein eng anliegendes Kleid, das deine schlanke Gestalt so richtig zur Geltung bringt. Du gefällst mir, das weißt du doch. Schön auch, dieser kecke Hut mit der roten Feder.«

Johanna schien seine Komplimente gar nicht wahrzunehmen. »Du kommst vom Wehrturm? Hast du wieder dein Werk bewundert, Klef?«

Klef fand es nicht gut, dass sie ihn wieder wegen der Brücke hänselte. Aber er hatte nicht vor, sich ärgern zu lassen. »Richtig geraten, Johanna. Die Brücke ist ein Prachtbau. Ich bin stolz auf sie. Und dazu wird sie nicht nur in die Schatulle des Herzogs klingende Münze bringen, sondern auch in unser Säckel.«

»Ich sage dir, Klef, da hat sich der Herzog geschnitten. Leider. Die ganze Woche über habe ich ein Auge auf die Brücke gehabt, und ich habe nur wenige Fuhren gesehen, die darüber gefahren sind. Es kam mir immer so vor, als ob sich die paar Fuhrleute nur hierher verlaufen hätten. Und der narrische Herzog wird das Nachsehen haben.« Sie kicherte albern. »Ätsch! Kein Zoll, kein Geld. Das geschieht ihm recht – und wir verlieren mit ihm.«

»Du solltest nicht so abfällig über unseren Herzog reden, Johanna. Wie oft habe ich dich schon darum gebeten.« Er blickte sie missbilligend an. »Wenn das jemand hört! Was soll der denken, wie wir zu Herzog Heinrich stehen?«

»Ist mir doch egal, ob jemand das hört oder nicht. Meine Meinung sage ich offen heraus. Das lasse ich mir nicht verbieten – auch von dir nicht.« In Johannas Augen glitzerte Kampflust. »Wahr ist‘s doch! Nur die Geldgier von dem Welfen ist der Grund, warum er hier bei den Munichen diese Brücke hat bauen lassen. Und was bringt sie uns? Klingende Münze vielleicht? Doch nur Unruhe. Und die dringt dann von den Hütten, dem Rastplatz und dem Markt herauf bis zu unserer Burg. Wenn es wirklich einmal von Pferden und von Fuhrknechten hier wimmeln sollte, dann werden auch Horden von Dirnen, Bettlern und Gauklern bei uns herumstreunen, von den durchreisenden Händlern und anderem fahrenden Volk gar nicht zu sprechen.« Johanna redete sich mehr und mehr in Rage. »Und die Mönche werden auch nicht davon verschont bleiben. Dann wird auch ihre Ruhe dahin sein. Ich wundere mich sowieso immer, dass sie sich nicht dagegen wehren.« Wenn Johanna einmal so weit war in einem ihrer Temperamentsausbrüche, konnte sie niemand mehr bremsen, auch Klef nicht. Er wusste das, und deshalb ließ er sie einfach reden.

Im Gegensatz zu seinem Weib hatte Klef nichts gegen den Herzog. Der mächtige Fürst hatte sich hier sogar persönlich umgesehen. Noch bevor sie an den Bau der Brücke gedacht hatten, war er auf die Burg gekommen. Sogar einen Abt hatte er zusammen mit einigen Landvermessern aus dem Norden mitgebracht, Wibald vom sächsischen Reichskloster Corvey. Ein gescheiter Mönch, ein großer Meister der Mathematik. Der Herzog hatte sich mehr für den Fluss interessiert. Er hatte Klef aufgefordert, ihn zu begleiten, als er mit ein paar von seinen Leuten durch die sumpfigen Wiesen gewatet war. Über die Sandbänke war er mit ihm gestapft, hatte die Furt durchschritten und war sogar auf der anderen Seite der Isar den steilen Steig hinaufgestiegen. Dort oben hatte Herzog Heinrich festgelegt, wo die Brücke gebaut werden sollte. Klef hatte er mit der Aufsicht über die Arbeiter und der Bewachung der Brücke betraut.

Ja, Klef mochte den Herzog. Er war ein energischer, stattlicher Fürst. Temperamentvoll und nicht ohne Humor. Durch seine offene Rede und seine praktischen Ansichten hatte er Klef ganz für sich eingenommen.

Und selbstverständlich hatte Klef nichts gegen die Brücke. Im Gegenteil. Seine Brücke war in der Tat ein Meisterwerk der Zimmermannskunst. Auf zwölf starken Pfosten überspannte sie die morastigen Wiesen, die unwegsamen Kiesbänke und Rinnsale und schließlich den Fluss. Vom trockenen Ufer auf dieser Seite reichte sie auf der anderen Seite bis an den »gachen Steig«. Der wurde so genannt, weil er so steil aus dem Isartal aufstieg.

Auch Rupert hatte wirklich gute Arbeit geleistet.

Rupert war seine Entdeckung gewesen. Der Zimmermann, den er aus dem Kloster drüben dafür geholt hatte. Ein kleines Genie war der. Er hatte die Pläne des Herzogs eins zu eins umgesetzt. Und mit den anderen Zimmerleuten, den Schmieden und den vielen Handlagern war er auch gut zurechtgekommen.

Wenn Klef jetzt daran zurückdachte, freute er sich immer noch, wie es ihm gelungen war, Rupert aus dem Kloster zu lösen ….

Klef war selbst zu Abt Heribort gegangen. Auf dem großen Eichentisch im Refektorium breitete er ein Pergament aus. Vier Gewichte hinderten es daran, sich wieder zusammenzurollen. Der Abt beugte sich immer noch einmal über das Pergament, wie um sich zu überzeugen, dass er alles verstanden hatte, was Klef ihm erläuterte. Dann rief er den Bruder Pankratius herbei, der Rupert, den Zimmermann, herbeiholen sollte.

Unsicher stand Rupert vor seinem Abt. Die Hände hatte er vor seiner ledernen Schürze wie zum Gebet gefaltet. Das sah aber nur so aus, denn Rupert hielt fest mit beiden Händen vor seiner Schürze seinen Hobel. Er war einfach nicht denkbar im Kloster ohne eines seiner Werkzeuge. Rupert war die weltliche Ordnung im Reich des Glaubens. Zimmermann, Schmied, Hausmann, Mann für alles eben.

Der Abt erläuterte die große Aufgabe, für die Rupert ausgesucht worden war: den Bau einer großen, dauerhaften Brücke über den Fluss. Mit einer ganzen Schar von Handwerkern sollte er es schaffen. Und keine Zeit sollte vergeudet werden, schon in Kürze sollte das Werk fertig gestellt sein.

»Es fällt mir nicht leicht«, sagte der Abt. »Nur schweren Herzens habe ich mich entschlossen, dich für diese Aufgabe freizugeben, Rupert. Der edle Herr Klef hat mir diese Bitte überbracht. Der Bau der Brücke ist ein Wunsch unseres Herzogs, Heinrich von Braunschweig, der jetzt auch Herzog von Baiern ist. Ich kann mich dem Wunsch nicht entziehen.«

Erwartungsvoll sah Klef den Zimmermann an. »Also? Passt dir etwas nicht?«

»Nein, nein«, beeilte sich Rupert zu sagen. »Wenn der Herr Abt auch einverstanden ist …«

Heribort nickte nur in die Richtung zum Herzogsboten hin. »Dann ist es abgemacht. Der Bruder Prior sucht noch einige Leute aus, die zu den anderen Handwerkern stoßen, und du wirst nach diesem Plan hier anfangen, die Balken und Planken für die neue Brücke zu behauen.«

»Abgemacht! Wie viele Leute werdet Ihr mir geben für den Brückenbau?« An diese Frage Ruperts erinnerte sich Klef noch genau. Der Mann gefiel ihm. Rupert hatte sich sofort die neue Aufgabe zu eigen gemacht.

Der Brückenzoll, der für den Herzog erhoben wurde, würde Geld bis in die Burg spülen. Klef hatte gesehen, dass einige Händler bereits Stände an der Straße aufschlugen. Nur sein Weib mochte Heinrich nicht.

»Heinrich der Löwe! Wenn ich das schon höre. Der Löwe!«, schnaubte Johanna immer wieder. »Der Geldsack stünde ihm besser zu Gesicht.« Johanna hegte einen tief sitzenden Groll gegen den Herzog, den niemand so recht verstehen konnte.

Es konnte doch wohl nicht diese recht belanglose Geschichte gewesen sein, die ihren Groll hervorgerufen hatte. Oder?

Als der Herzog das erste Mal auf der Burg weilte, war Johanna fasziniert gewesen von dem »Löwen«. Von jedem Herzog wäre sie wohl fasziniert gewesen, aber Herzog Heinrich war ein Bild von einem Mann. So mächtig, so kräftig, so gut aussehend war er, so männlich. Und so ausgefüllt war der Raum, wenn er ihn betrat. Doch weil Johanna eitel war, wollte sie auch hier gern im Mittelpunkt stehen. Sie verstand es, schon mit ihrer Kleidung die Aufmerksamkeit des männlichen Geschlechts zu erregen. Und damals hatte sie sich große Mühe gegeben. Ihren kostbarsten Schmuck hatte sie angelegt, zwei goldene Armreifen, an jeder Hand trug sie einen Ring mit einem großen Stein, Perlenhänger zierten ihre Ohren, und eine kunstvoll geschnittene Gemme an einem schmalen Lederband schmiegte sich um ihren schlanken Hals. Es war ein kostbares Erbstück ihrer Großmutter und zeigte den Lockenkopf einer hübschen jungen Frau. Ein eng anliegendes grünes Samtkleid mit Schleppe brachte ihre üppigen Formen nicht nur wegen des großzügigen Ausschnitts zur Geltung. Ihre wohlgeformten Schultern und die schlanken Arme erregten immer die Aufmerksamkeit der Männer. Ihr langes, glänzendes schwarzes Haar kämmte sie gern auf einer Seite halb ins Gesicht, dadurch wirkte der Blick aus ihren großen braunen Augen noch geheimnisvoller. Oja, Johanna wusste um ihre Wirkung auf die Männer.

Sie hatte versucht, den Herzog ins Gespräch zu ziehen. »Auch unser Geschlecht, die Derbolfinger, Herr Herzog, auch wir sind von edler Abstammung. Dort über dem Isartal, wo unsere Burg steht, war schon zur Römerzeit eine Befestigung. Man erzählt, dass dort sogar eine der großen römischen Heerstraßen die Isar überquerte. Unsere Burg im Grunenwalde stand schon, da war hier bei den Munichen nur Einöde.« Dabei lachte sie in einer Art, die Klef eigentlich hätte betroffen machen müssen. Aber er war nicht eingebildet und er war nicht eifersüchtig. »Und diese feuchten Wiesen hier, die sind noch unwegsamer gewesen als heute. Ja, aber bei uns oben, da hatten schon die Römer über dem Isarufer eine Befestigung. Wir können unseren Stammbaum bis zu ihnen zurückverfolgen.« Sie lachte kokett.

»Das römische Erbe könnt Ihr schon an meinen langen schwarzen Haaren erkennen, nicht wahr?« Johanna war stolz auf ihr herrliches Haar. Sie war die Einzige in der Familie der Derbolfinger mit diesem ungewöhnlich schönen schwarzen Haarschopf. Ihre beiden Schwestern waren blond wie die Mutter. Zirke, dem Vater, wuchs das Haar dunkelbraun.

»Mir san mir, und mir wissen, wer mir san!« So redete Johanna immer – nicht nur, wenn sie auf einen Herzog traf. Die Leute lächelten dann oft ein bisschen über ihren Geltungsdrang. Wenn sie allzu sehr mit ihrer Herkunft auftrumpfte, wurde es Klef manchmal peinlich. Aber er dachte dann: Schaden kann sie damit eigentlich nicht anrichten. Sie macht sich höchstens selbst unglaubwürdig. Ich habe ihr das schon so oft gesagt, aber sie kann es einfach nicht lassen, sie braucht das. Also lasse ich sie reden. Und fast immer konnte er sich damit rechtfertigen, dass er sich sagte: Ich mag sie nun mal, wie sie ist.

Herzog Heinrich lächelte bei Johannas Worten. Klef versuchte, eine Lanze für sein Weib zu brechen. »Johanna ist zutiefst in der Geschichte ihrer Familie verwurzelt, Hoheit. Und die Derbolfinger haben schon etwas Besonderes und Originelles. Und – wie Ihr sehr wohl selbst wisst, Hoheit – das Pflänzlein des Originellen gedeiht nur, wenn es auf dem Boden der Tradition wurzelt.«

Aber schien der Herzog überhaupt zuzuhören? Offensichtlich konnte Johanna auf ihn nicht den Eindruck machen, den sie sich erhoffte. Der »Löwe« war an seiner Brücke interessiert – und nicht an Johanna. Wenn ihn später jemand nach ihr gefragt hätte, dann hätte er wohl gefragt: »Von wem sprecht Ihr?«

Herzog Heinrich nahm Johanna kaum wirklich wahr. Die spürte das natürlich. Wenn Frauen nicht die Aufmerksamkeit finden, die sie sich wünschen, dann ärgert sie das. Und Johanna ärgerte sich maßlos – auch jetzt noch nahezu täglich. Sie fühlte sich beleidigt durch »diesen Hammel«.

»Du verteidigst ihn immer, Klef, egal, was er anstellt«, nahm sie ihre Anklage jetzt wieder auf. Als Klef darauf nichts erwiderte, redete sie einfach weiter. »So deppert kann der Blödian doch gar nicht sein, dass er glaubt, dass diese Brücke hier einen Sinn gibt«, zeterte sie. »Dieser narrische Herzog! Klef, wir sollten den Kaiser aufhetzen, damit er seiner Habgier das Handwerk legt.«

»Johanna! Was fällt dir ein. Bist du total übergeschnappt?« Nun musste Klef doch Stellung beziehen. »Bilde dir doch nicht ein, dass wir so etwas bewerkstelligen könnten. Barbarossa hat ihn gerade erst zum Herzog von Baiern gemacht. Und die beiden sind sogar miteinander verwandt. Sie sind Vettern.« Und nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Und ich will das auch auf keinen Fall. Er ist unser Landesherr. Ich sehe überhaupt keinen Grund, ihm nicht die Treue zu halten.« Und außerdem halte ich große Stücke auf ihn, wollte er noch hinzufügen, aber das behielt er für sich.

Denn mit Johanna war nicht zu reden. Ihr Zorn auf den Herzog war auch nur ein kleiner Ausbruch ihrer zum Bersten angestauten inneren Anspannung, die sie rastlos umtrieb. Zornig rauschte sie aus dem Saal – »Ich gehe!« – und schlug die Tür hinter sich zu.

»Mechthild!«, hörte Klef sie noch schreien.

4.

Mechthild werkelte in der Küche. Barbara stand in der offenen Tür zum Burghof mit Fridolin, einem Ritter der Burg. Fridolin gab nicht auf. Er versuchte immer wieder, sich Barbara geneigt zu machen. Er hatte ein Auge auf die hübsche Küchenmagd geworfen. Aber sie gab ihm keinerlei Zeichen, die ihm Hoffnung gemacht hätten. Nun war er doch etwas unschlüssig. Was konnte er noch Kluges tun, um sie sich gewogen zu machen? Sie lächelt mich geradezu spöttisch an, dachte Fridolin bekümmert. Dabei hatte er den bunten Überwurf mit dem Wappen des Löwen über sein Kettenhemd gezogen. Das sah martialisch aus, fand er, ungeheuer männlich. Aber auch das verfehlte offensichtlich seinen Eindruck auf Barbara. Widerstrebend wandte er sich zum Gehen, gestenreich winkend und mit einem Auge blinzelnd: »Also, bis dann, Barbara. Vielleicht sehen wir uns heute Abend.«

Als Fridolin nicht mehr zu sehen war, blickte Mechthild von ihrer Arbeit auf. »Mädchen, pass auf dich auf. Dieser Fridolin ist nichts für dich. Diese Ritter! Der ist wie alle anderen auch. Die sind ein unstetes Volk. Wenn‘s hoch kommt, dann sind sie gut im Singen und im Saitenspiel. Aber sonst …«, Mechthild schnaufte verächtlich, »sonst … – Würfel spielen, saufen, sich herumschlagen. Bei ihren Fehden andere Leute umbringen, auch wenn die keine Ritter sind. Das können sie und dafür werden sie bei Laune gehalten. Aber einen guten Ehemann geben sie nicht ab. Sie sind auch kaum zu Hause. Vor allem nicht, wenn du sie brauchst. Immer irgendwo unterwegs sind sie, mit etwas ganz Wichtigem, weil ihre Herren auch lieber woanders ihr Glück suchen als zu Hause. Und ihre Fehden gehen selten glimpflich ab. Am Ende hast du einen Krüppel vor dem Herdfeuer sitzen, den du pflegen musst und den du versorgst, anstatt dass er sich um dich kümmert.«

Barbara kannte Mechthilds Ansichten. Sie hörte trotzdem immer wieder aufmerksam zu, denn sie mochte ihre Mutter. »Du bist so klug, Mutter. Immer weißt du, was hinter dem verborgen ist, was wir sehen, und wie die Menschen sind. Ich bin froh, dass mir dein Rat gewiss ist.« Sie überlegte einen Augenblick. »Ich passe schon auf mich auf, da brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Ich weiß sehr genau, was ich will, und auch, was ich nicht will. Also den Fridolin, den will ich schon mal nicht, da kannst du sicher sein. Und ich werde dich immer um deine Meinung fragen, bevor ich eine wichtige Entscheidung fälle, weil du immer weißt, was das Beste für mich ist.«

»Fridolin hin, Fridolin her«, nahm Mechthild ihre Predigt wieder auf, »das ist eigentlich gar nicht die Frage. Ich mache dich nur auf ein paar Sachen aufmerksam, die du vielleicht übersehen könntest. Du bist noch so jung und musst noch viel lernen. Bald wirst du Entscheidungen treffen müssen, die für dein Leben den Ausschlag geben. Wichtig ist da etwas, das ich bisher noch nicht so deutlich gesagt habe: In den entscheidenden Dingen des Lebens fragt man niemanden. Da muss die Antwort aus einem selbst kommen. Wenn es Probleme gibt, dann helfen einem diejenigen am allerwenigsten, die immer alles besser wissen. Du wirst es schon noch selbst merken. Also hör dann auf deinen guten Verstand. Und den hast du, Gott sei Dank«, fügte sie hinzu.

Typisch für sie, dachte Barbara. Nun versucht sie auch noch, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen. »Du machst dir wirklich zu viele Sorgen um mich, Mutter.«

»Mechthild!«

Unwillkürlich zog Barbara den Kopf ein, als sie Johannas herrische Stimme hörte. Deren lautes Schreien war bis in die Küche zu hören, auch wenn sie mit dem Burgherrn stritt. Der gefasste Ton, in dem Klef dann seinem Weib antwortete, drang nicht bis dorthin. Mechthild sah Barbara verständnisvoll an. »Barbara, so ist sie nun mal, unsere Herrin. Man könnte glauben, sie braucht das. Hast du schon mal ein Bild mit einem schwarzhaarigen Engel gesehen?«

»Aber Mutter!« Barbara war entsetzt. Wie konnte sie so etwas über die Herrin sagen? Sonst war sie immer so zurückhaltend mit Kritik. Aber Mechthild ließ sich nicht beirren. »Engel mit pechschwarzen Haaren gibt es nicht. Man muss sie gewähren lassen, unsere Herrin. Das sind wir doch jetzt schon gewöhnt von ihr, nicht wahr? Unser Herr ist da zum Glück doch aus ganz anderem Holz geschnitzt.«

Nun nickte das Mädchen eifrig. »Ja, ihn mag ich.«

Mechthild sah Barbara aufmerksam an. Unter ihrem Blick lief Barbara puterrot im Gesicht an. Verlegen sah sie zu Boden. »Ich mag ihn halt. Und er tut mir richtig leid«, kam es zögernd und leise über ihre Lippen. Aber Mechthild hatte mehr verstanden, als Barbara lieb war. Sie las dem Mädchen die Herzensnöte von der Nasenspitze ab. Sollten auch andere dies mitbekommen, brächte dies Barbara in erhebliche Schwierigkeiten, das war ihr klar. Dem Mädchen durfte kein Leid geschehen. Ihrer Barbara!

Sie muss vorsichtig sein, dachte Mechthild bei sich, diese Mädchenschwärmerei kann ihr nur Scherereien bringen. Wie viele junge Dinger haben sich damit schon ihr Leben ruiniert. So etwas muss meiner Barbara erspart bleiben. Und ohne aufzublicken, so als spräche sie mit selbst, hörte Barbara sie murmeln: »Meine Mutter war eine kluge Frau. Wenn ich einen ausgefallenen Wunsch hatte, den sie mir nicht erfüllen konnte, sagte sie immer ›Glück ist die Bescheidenheit, mit der der Wurm nicht weiter strebt zu kriechen, als seine Kraft ihn trägt‹.« Barbara sah die über den Tisch gebeugte weißhaarige Frau mit großen Augen an. Und während Mechthild die Rüben, die sie zerkleinert hatte, beiseiteschob, warf sie leicht hin: »Der junge Rupert hat ein Auge auf dich geworfen. Hast du das noch nicht bemerkt?«

Das Mädchen schüttelte den Kopf.

»Dann sieh dir den mal an. Der ist ein ausgezeichneter Zimmermann, der kann wirklich was. Und immer ist er fröhlich und zu einem Scherz aufgelegt.« Nach einer kurzen Pause fügte sie noch hinzu: »Und gut aussehen tut er auch.«

Bei diesen Worten wischte sie sich die Hände an ihrer Schürze ab.

»Ja, Herrin!«, rief sie und verließ eilends die Küche, obwohl ihr das bei ihrer Leibesfülle nicht ganz leichtfiel. Aber sie wusste um das Temperament der Herrin, und das wollte sie nicht unnötig herausfordern.

»Nimm den großen Henkelkorb, wir gehen ein paar Besorgungen machen«, rief Johanna ihr zu. Mechthild tat, wie ihr geheißen. Dann folgte sie Johanna über den Hof. Zwei Bäuerinnen hatten sich vor dem Tor am Rande des Weges niedergelassen und Waren ausgebreitet, die sie feilboten. Als Johanna im Torbogen erschien, sprangen sie auf, verbeugten sich tief und wiesen schüchtern auf ihre Erzeugnisse hin. Hühner gab es da in zwei Käfigen, Täubchen in einem anderen, Salatköpfe und Gemüse in Bündeln, und in einem Korb lagen Eier. Grußlos trat Johanna heran, nahm eines der Eier in die Hand und fragte: »Wie viel?«

Die Bäuerin schaute vorsichtig unter ihrem Kopftuch hervor und sagte leise: »Einen halben Pfennig das Dutzend, wenn es der Herrin beliebt.«

»Was?«, schrie Johanna. »Du bist unverschämt! Einen halben Pfennig für nur ein Dutzend! Für diese kleinen Eier! Diese Eier sind wohl von Zwerghühnern, was? Für einen halben Pfennig bekomme ich ein ganzes Huhn.«

Die Frau sank in sich zusammen. Mechthild wunderte sich. Denn wenn sich die Herrin schon mal selbst um den Haushalt kümmerte, dann legte sie es sonst darauf an, großzügig zu erscheinen. Da kam es ihr auf einen halben Pfennig mehr oder weniger nicht an. Die Bäuerin richtete sich wieder auf. Sie hatte wohl Mut gefasst. Leise stammelte sie, »Aber, edle Frau, so viel legen meine Hühner nicht in einer ganzen Woche. Und das Futter …«