3,99 €
Aufstand der Wildtiere ist ein Buch für Kinder ab 8 Jahren und für Menschen, die Tiere lieben. Hausschwein Maxi kennt die Welt nur ohne Himmel, mit Betonboden in einer riesigen Halle zusammengequetscht mit zahllosen Schweinen. Eines Tages geht es hinaus aus dieser einförmigen Welt. Ein Transportauto wartet und los geht's - in eine andere Welt. Die Fahrt wird jäh unterbrochen! Ein Unfall beschert Maxi das Abenteuer ihres Lebens - einen Wald mit sprechenden Tieren, aber auch eine große Gefahr, die Menschen und Tiere gleichermaßen bedroht. Kann diese Gefahr noch abgewendet werden?
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 159
Veröffentlichungsjahr: 2016
www.tredition.de
Mein Dank gilt Julian, Frank,
Moni, Jenny, Matthias und Klaus.
Claudia Hämmerling
Aufstand der
Wildtiere
Ein Tierschutzabenteuer mit Maxi und Wutz
www.tredition.de
© 2016 Claudia Hämmerling Umschlag, Illustration: Heinz-Jürgen Werbeck
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7323-7665-0
e-Book:
978-3-7323-7666-7
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Wutz, ein zufriedenes Wildschwein
Wutz döste vor sich hin. Er räkelte sich genüsslich auf seinem Ruheplatz, während die Herbstsonne seinen dichten Borstenpelz wärmte. Wutz fühlte sich saustark. Er war jetzt fast erwachsen und hatte sich ein komfortables Speckpölsterchen angefressen. Bald würde er ein großer, starker Keiler sein, vielleicht sogar ebenso klug und stark wie der weise Säbelzahn.
In seinem Versteck fühlte er sich völlig sicher. Das Gestrüpp hatte er mit Bedacht gewählt. Der kleine Waldweg, auf dem manchmal Menschen liefen, war weit genug entfernt, so dass er die Umgebung perfekt unter Kontrolle hatte. Hunde oder Jäger, die gelegentlich durch den Wald streiften, konnten ihn nicht entdecken, wenn er reglos am Boden lag.
Vor Wutz breitete sich ein weites Feld aus. Das war bis vor wenigen Wochen ein wahres Schlaraffenland gewesen. Hier wuchs das beste Futter, das sich ein junges Wildschwein erträumen konnte. Jetzt war das Feld bis auf ein paar übrig gebliebene Pflanzen kahl.
Wenn Wutz auf seinem Lagerplatz döste, konnte er neben den Geräuschen des Waldes das monotone Brummen von Automotoren hören. Die Autos fuhren in der Ferne auf einer breiten Straße am Feld vorbei. Wutz hielt aus gutem Grund Abstand von dieser Straße. Er hatte lernen müssen, dass mit Autos nicht zu spaßen war. Zwei seiner Geschwister waren von diesen brummenden Monstern totgefahren worden, als die Rotte nachts die Straße überquert hatte. Und obwohl die Altschweine den Frischlingen immer wieder eingeschärft hatten, auf der Straße nicht zu trödeln und vor allem nie in die Scheinwerfer der Autos zu schauen, war es passiert. Zwei Frischlinge hatten sich von den hellen Lichtern blenden lassen und waren überfahren worden.
Wutz fand es blöd, nachts unterwegs sein zu müssen, statt tagsüber nach Futter zu suchen. Aber am Tage musste man damit rechnen, von Jägern entdeckt zu werden. Die schossen jedes Wildschwein ab, das sich aus der Deckung wagte. Ganz schlimm war es bei Treibjagden. Die fanden zwar selten statt, waren aber kreuzgefährlich. Da liefen viele Treiber in langen Reihen lärmend durch den Wald oder durch das Maisfeld und scheuchten das Wild auf. Auf der anderen Seite des Feldes standen die Jäger bereit und schossen alle Tiere ab, die vor den Treibern geflüchtet waren. Im letzten Jahr hatten sich acht Familienmitglieder von den Treibern erschrecken lassen und waren weggelaufen. Das hatte sie das Leben gekostet.
Weil immer am Tage oder in der Dämmerung gejagt wurde, hatten Wutz und seine Rotte die Nahrungssuche in die Dunkelheit verlegt.
Wutz sträubte sich das Fell, wenn er an die Treibjagd im Frühjahr dachte. Er hatte sie überlebt, weil er Glück oder vielleicht einen sechsten Sinn gehabt hatte. Als die Treiber durch den Wald lärmten, war er vor Angst erstarrt und hatte sich nicht vom Fleck gerührt. So war ihm nichts geschehen, denn die Jäger und die Hunde waren seinen fliehenden Artgenossen gefolgt. Wutz war ein schlaues Wildschwein. Er verharrte von nun an immer völlig reglos im Unterholz, wenn Gefahr drohte. Jede überstandene Gefahr hatte ihn klüger und stärker gemacht.
Plötzlich zerriss ein lauter Knall die Ruhe. Das Geräusch war dumpfer und grollender als alle Gewehrschüsse, die Wutz jemals gehört hatte. Da dem Knall aber auch nach längerer Zeit nichts folgte, außer einer großen Stille auf der breiten Straße, blinzelte Wutz nur und döste weiter in seinem Versteck.
Maxi, das rosa Hausschwein
Maxi war eine pfiffige junge Sau und vermutlich das einzige Schwein, das sich mit dem trostlosen Leben in der Schweinemastfabrik niemals abgefunden hatte. Sie testete regelmäßig die engen Grenzen ihres Stalls aus.
Maxi stellte sich auf zwei Beine, drehte sich im Kreis, hüpfte und tanzte. Dabei rempelte sie die anderen Schweine an und ging ihnen ziemlich auf die Nerven. Aber weil sie sich mehr bewegte als die anderen, hatte sie auch mehr Kraft. Sie verzweifelte nicht an der Enge, dem Dreck und dem stechenden Geruch, der den Schweinen das Atmen schwer machte. Sie hatte fast immer gute Laune.
Einmal war ein Plastikeimer in den Stall gefallen, direkt vor Maxis Füße. Bevor ihre Geschwister den Eimer erreichen und zerbeißen konnten, hatte sie ihn auf den Kopf gestülpt, um mit den anderen Verstecken zu spielen. Ihre Geschwister grunzten nur müde. So war es immer. Maxi begehrte auf. Sie akzeptierte das trostlose Leben nicht, das nur aus Fressen und Langeweile bestand. Sie wollte spielen und Spaß haben. Maxi wusste, dass alle Schweine im Alter von fünf Monaten die Schweinefabrik verlassen durften. Jetzt hatten sie und ihre Geschwister dieses Alter erreicht und bald würde sich ihr Leben zum Besseren wenden. Daran glaubte Maxi ganz fest.
Als sich das große Tor öffnete und die Schweine aus dem Stall getrieben wurden, wagte Maxi kaum zu atmen. Die stechende Stallluft war einer klaren, kühlen Herbstluft gewichen. Diese Luft war wunderbar leicht und bei den ersten tiefen Atemzügen überkam sie das Gefühl von Schwerelosigkeit. Maxi war überzeugt: Jetzt würde sie spannende Abenteuer erleben und das Leben genießen können.
Ein Mann trieb alle Schweine in einen großen Tiertransporter. Im Laderaum waren so viele Schweine, dass Maxi sich nicht mehr drehen konnte. Trotzdem kamen immer mehr Tiere hinein.
Endlich setzte sich das Fahrzeug in Bewegung. Nach einiger Zeit stoppte es. Maxis Herz klopfte wie wild. War es jetzt so weit? Dann die Enttäuschung, nach einer Pause fuhr der Transporter wieder los. Dann stoppte er wieder. So ging das einen ganzen Tag und eine Nacht und einen weiteren Tag. Mit jeder Stunde schwand etwas von Maxis Hoffnung auf ein besseres Leben. Das Schwein neben ihr lag schon seit Stunden auf der Seite und bewegte sich nicht mehr. Maxi war völlig erschöpft. Sie hatte fürchterlichen Durst. Aber aus der Tränke kam schon seit Stunden kein Wasser mehr. Maxi musste sich eingestehen, dass die Fahrt auf dem Tiertransporter noch schlimmer war, als das Leben in der Schweinemastfabrik. Das erste Mal in ihrem Leben war sie wirklich verzweifelt. Sie hatte Angst und dicke Tränen kullerten aus ihren Augen.
Plötzlich krachte es ohrenbetäubend und Maxi wirbelte durch die Luft. Sie spürte einen Schlag gegen ihren Rüssel, das linke Vorderbein, gegen den Kopf und kurz darauf wieder gegen den Rüssel, als sie gegen die harten Wände des Fahrzeugs geschleudert wurde. Dann verlor sie das Bewusstsein. Als sie kurz darauf wieder zur Besinnung kam, bemerkte sie, dass sie nicht mehr auf dem Fahrzeugboden lag. Sie hing schräg über den anderen Schweinen, die eben noch neben ihr gestanden hatten. Was vorher oben war, befand sich jetzt auf der Seite und in dieser klaffte ein großes Loch. Durch dieses Loch drang helles Licht in den Laderaum.
Maxi zögerte nicht. Sie kletterte über die reglosen Schweine zu dem großen Loch in der Außenwand des Fahrzeugs. Dabei stellte sie fest, dass der LKW auf der Seite lag. Was sie draußen erblickte, ließ sie ihre Schmerzen vergessen. Alles, was sie bislang gesehen hatte, war eng, grau und schmuddelig gewesen. Jetzt sah sie eine weite Landschaft und ein großes rundes Ding am Himmel tauchte alles in strahlendes, goldenes Licht. Das war schöner, als Maxi es sich je erträumt hatte.
Für Maxi stand fest, dass sie nicht in diesem Tiertransporter bleiben und ihn nie wieder betreten würde. Sie musste weg von hier. Etwas weiter entfernt schien es Versteckmöglichkeiten zu geben. Maxi sprang entschlossen aus dem Transportraum. Als sie aufschlug, blieb ihr vor Schmerz die Luft weg. Ihr Vorderlauf war bei der unsanften Landung ein zweites Mal weggeknickt. Dennoch humpelte sie in ihrem schnellsten Schweinsgalopp zu den dunkelgrünen Bäumen am Rande des Feldes. Der Weg war sehr viel länger, als sie angenommen hatte. Maxi ging immer wieder die Puste aus. Jedes Mal, wenn sie nicht mehr konnte, machte sie eine Pause und drückte sich platt auf den Boden. Niemand bemerkte ihre Flucht.
Maxi rannte das erste Mal in ihrem Leben. Sie lief, obwohl sie das ja gar nicht wissen konnte, wirklich um ihr Leben. Ihre Lungen brannten, und sie humpelte auf drei Beinen, als sie endlich die Bäume erreichte. Als sie zurückblickte, sah der Lkw aus wie eine klitzekleine Schachtel. Das letzte, was Maxi wahrnahm, war ein wunderschöner, dunkelrot leuchtender Ball wo Himmel und Erde zusammenstießen. Die Landschaft glühte in einem zauberhaften Licht. Das ist so wunderschön dachte Maxi. Dann verließen sie ihre letzten Kräfte. Sie plumpste zur Seite und fiel in einen tiefen traumlosen Schlaf.
Wer ist denn das?
Wutz war alarmiert. Die untergehende Sonne war sonst immer das Aufbruchssignal zur gemeinsamen Futtersuche mit den anderen Jung-Wildschweinen. Heute blieb Wutz fest an den Boden gepresst liegen und beobachtete das ungewöhnliche, blasse Lebewesen, das sich auf ihn zu bewegte. Es war deutlich größer als er selbst. Es hatte kein bisschen Fell und auch keinen Mantel, keine Jacke oder Hosen an, wie die Menschen, und es lief auf drei Beinen. Wutz spürte, dass ihm eine Gänsehaut über den Nacken kroch. Diese Kreatur war nackt wie ein Frosch. Er musste an den Winter denken, der sich bereits mit Bodenfrösten angekündigt hatte und schüttelte den Kopf. Die Frösche hatten sich längst eingegraben und zur Winterruhe begeben. Wie mochte sich dieses Geschöpf auf Wohlfühltemperatur bringen? Vielleicht bewegt es sich ja immerzu, dachte Wutz. Dagegen sprach allerdings der schwerfällige Laufstil auf drei Beinen. Wutz’ Gedankenspiele wurden durch ein Geräusch jäh unterbrochen. Das seltsame Tier war umgefallen und rührte sich nicht mehr. Wutz verharrte fast zwei Stunden in seinem Versteck. Dann pirschte er sich leise an das Tier heran. Es schlief fest und atmete ruhig. Was zum Teufel war das?
Wutz untersuchte es genauer. Obwohl es plumper und größer war als er, ähnelte es einem Wildschwein. Im Mondlicht konnte Wutz seinen Rüssel mit der typischen Steckdosen-Nase erkennen. Es hatte nur wenige helle Borsten auf der nackten Haut. Das Tier stank ekelhaft. Es wirkte massig, aber ihm schienen die Muskeln und Sehnen zu fehlen. Das würde erklären, dass das Tier keine Kraft hatte und wie ein morscher Baum zu Boden gefallen war. Sein linker Vorderlauf war dick und stand komisch zur Seite weg. Das sah nach einer Verletzung aus und würde das Humpeln erklären. Aber wie konnte dieses auffällige Tier nur auf die blöde Idee kommen, sich am Waldrand hinzulegen, völlig unge-schützt und ohne Tarnung?
Da er dieses Rätsel selbst nicht lösen konnte, trollte er sich zu seiner Mutter und bat sie um ihren Rat. Die alte Bache stellte fest: „Dieses Tier gehört nicht in unseren Wald. So etwas ist mir noch nie begegnet. Bring mich zu ihm, damit ich es mir ansehen kann. Dann sage ich dir, was ich davon halte.“
Gesagt, getan. Wutz und die Bache machten sich auf den Weg zu der laut schnarchenden Maxi. Wutz’ Mutter kam zum selben Schluss wie Wutz: „So ein Tier habe ich noch nie gesehen. Es muss ziemlich dumm sein. Kluge Tiere schlafen nicht ungeschützt auf dem Waldboden. Wahrscheinlich ist es krank. Sieh dir doch nur die ungesunde rosa Hautfarbe an. Es hat ja am ganzen Körper eine Glatze. Und es stinkt schlimmer als alles, was mir je vor den Rüssel gekommen ist. Wir sollten aufpassen, dass wir uns nicht anstecken. Am sichersten ist es, wenn wir Abstand halten und das Tier seinem Schicksal überlassen.“
Darauf trollte sich Wutz’ Mutter zu der kleinen Lichtung, die von Eichen und Buchen umsäumt war. Die frischen Eicheln und Bucheckern dort waren eine willkommene Abwechslung zum Mais, von dem sich die Wildschweine den ganzen Sommer über ernährt hatten. Wutz war seiner Mutter gefolgt. Aber er hatte heute keinen rechten Appetit. Nach kurzer Zeit trottete er zurück zu dem sonderbaren Tier. Aus sicherer Entfernung betrachtete er das Wesen und überlegte. Es lag viel zu dicht bei seinem Lieblingsversteck. Würde es dort sterben oder noch schlimmer, die Hunde oder Jäger auf sich aufmerksam machen, wäre Wutz’ Versteck nicht mehr sicher. Er musste unbedingt etwas tun. Seine Mutter war eine kluge Bache. Eigentlich hätte er ihrem Rat folgen müssen. Aber er konnte das rosa Tier nicht einfach so liegen lassen. Außerdem war Wutz neugierig. Er wollte wissen, was es mit dem seltsamen Wesen auf sich hatte. So entschied er, dass dies ein Notfall sei, der nur vom klugen, alten Säbelzahn gelöst werden konnte.
Säbelzahn, der weise Keiler
Säbelzahn hatte seinen Namen seinem rechten Hauer beziehungsweise einem Jäger zu verdanken. Der Jäger hatte schlecht geschossen und den Keiler verfehlt. Die Kugel war durch den Hauer abgelenkt worden und hatte lediglich Säbelzahns Vorderlauf gestreift. Dabei war ein Teil seines Hauers abgesplittert. Vermutlich hatte das dem jungen Keiler das Leben gerettet. Die Fleischwunde im Vorderlauf war zwar schmerzhaft, aber nicht lebensgefährlich gewesen. Der junge Keiler brachte sich in Sicherheit und die Verletzung heilte völlig aus. Allerdings ragte seit dem aus Säbelzahns Unterkiefer der noch immer beeindruckende Teil seines Hauers hervor – kurz und messerscharf, wie ein Säbel.
Alle Schweine sind schlau, ganz besonders die Wildschweine. Aber Säbelzahn war außergewöhnlich klug. Er wollte alles wissen und so beschloss er eines Tages, die Sprachen der anderen Tiere zu lernen. Mit der Vogelsprache fing er an.
Dabei half ihm der Zufall. Säbelzahn kam dazu, als ein Bussard eine Taube attackierte. Er zögerte nicht und ging dazwischen, so dass der Bussard von seinem Opfer ablassen und davonfliegen musste. Die Taube war gerettet und flatterte benommen auf dem Waldboden herum. Säbelzahn grunzte sie in seiner Wildschweinsprache an: „Hallo Taube, da hast du ja noch mal Glück gehabt.“
Die Taube sah nur den grunzenden Riesen-Keiler und verstand kein Wort. Sie war starr vor Schreck, da sie annahm, dass Säbelzahn sie fressen wollte. Säbelzahn begriff das sofort und klärte das Missverständnis auf. Geistesgegenwärtig holte er vom Feldrand einen Maiskolben und legte ihn vor die Taube. Die Taube verstand dieses Friedensangebot, und nach und nach fanden Taube und Säbelzahn eine Möglichkeit, sich zu verständigen. Am Anfang bestand das überwiegend aus einer Mischung von Körpersprache, Grunzen, Gurren und Schmatzen. Während der Keiler die Taube mit Nahrung versorgte und gesundpflegte, lehrte sie ihn die Vogelsprache. So lange die Taube nicht fliegen konnte, hütete Säbelzahn sie wie seinen Augapfel. Er ließ sie nie allein. Wenn er unterwegs war, nahm er sie huckepack auf den Rücken. Die halbwüchsigen Wildschweine lästerten über das seltsame Gespann: „Guckt mal, der Säbelzahn hat ’nen Vogel.“ Säbelzahn bekam das zwar mit, aber es störte ihn nicht. Für Auseinandersetzungen mit diesen ungehobelten Wildschweinen verschwendete er keine Zeit. Er verfolgte sein Ziel und übte unbeirrt die Vogelsprache.
Als die Taube später wieder fliegen konnte, verstand Säbelzahn ihre Sprache schon recht gut. Mit dem Sprechen tat er sich anfangs noch etwas schwer. Aber er übte eisern weiter. Und so beherrschte er einige Monate später die Vogelsprache so gut, dass die Taube ihn verstehen konnte, obwohl er einen ziemlich starken Schweine-Akzent drauf hatte. Er begrüßte die Taube von nun an immer freundlich mit einem: „Grrrr-allo Taube, ruff, grrrr-eht’s dir grrrr-ut?“
Säbelzahn perfektionierte die Vogelsprache und lernte nach und nach auch die Sprachen der anderen Tiere. Mittlerweile war er uralt und weise geworden. Er war ein Riese unter den Wildschweinen, so schwer wie vier erwachsene Männer und so groß wie ein Sofa. Säbelzahn hatte oft die Gelegenheit gehabt, die Menschen zu belauschen und verstand auch ihre Sprache. Die Menschensprache sprechen zu lernen erschien ihm nutzlos, denn es gab keinen Grund, sich mit Menschen einzulassen. Sie waren gefährlich oder zumindest unberechenbar.
Vor einigen Jahren war Säbelzahn mit Bubo, dem alten Uhu, in Kontakt getreten. Bubo konnte die Menschensprache nicht nur verstehen, er konnte sogar lesen. Von dem Uhu hatte er erfahren, dass es auch andere schlaue Waldtiere gab. Bubo erzählte ihm von Schnabelweis, einem pfiffigen Sperlingskauz, der alten Bache Borstine und von Kläff, dem Fuchs. Diese Tiere hatten Lebenserfahrung und waren ganz besonders klug. Außerdem hatten sie gute Ideen. Säbelzahn und Bubo hatten beschlossen, sich regelmäßig mit diesen Tieren zu treffen, um sich über wichtige Fragen auszutauschen. Sie nannten diese Treffen den „Rat der Wald-Weisen“.
Säbelzahn hatte sich wirklich umfangreiches Wissen angeeignet. Das war für ihn aber nicht nur von Vorteil. Es raubte ihm auch allzu oft die Ruhe. Ständig wurde er mit allen möglichen Wildschwein-Angelegenheiten und Problemen anderer Waldtiere behelligt. Säbelzahn half gern, wenn es nötig war. Aber er hatte keine Lust, sich um jeden Quatsch zu kümmern. Daher hatte er die strikte Anweisung gegeben, dass man ihn nur in außergewöhnlichen Notfällen stören durfte. Daran hielten sich die Wildschweine.
Wutz macht sich schlau
Säbelzahn machte ein griesgrämiges Gesicht, als sich Wutz näherte. „Grrrrr, jetzt nerven sogar schon die Jungschweine! Ich hoffe sehr für dich, dass du einen triftigen Grund hast, meine Ruhe zu stören!“
Wutz entschuldigte sich brav und berichtete von seiner seltsamen Begegnung. Nachdem Säbelzahn Wutz’ Geschichte angehört hatte, wurde sein Gesicht freundlicher. Er überlegte kurz und sagte: „Ich habe eine Idee, was das für ein Tier sein könnte. Ich muss es mir aber selber ansehen, um ganz sicher zu sein.“
So führte Wutz den weisen Säbelzahn zu dem Ort, an dem das rosa Tier umgefallen war. Inzwischen war es tiefe Nacht. Das Tier lag noch immer unverändert am selben Platz. Es war nicht zu überhören, denn es schnarchte laut, während sein Atem in der kalten Nacht graue Wölkchen erzeugte. Auch riechen konnte man es schon aus weiter Entfernung. Es stank immer noch fürchterlich, obwohl es nun seit Stunden in der frischen Waldluft lag.
Wutz fragte Säbelzahn: „Weißt du, was das für ein Tier ist und glaubst du, dass es eine Krankheit hat?“ Säbelzahn erklärte: „Das ist ein Schwein, ein Hausschwein. Es ist verletzt und es gehört - wie schon der Name verrät - nicht in unseren Wald. Diese Sorte Schwein hat kein Fell und wenige Muskeln.“ Und mit einem Schmunzeln fuhr er fort: „Aber ansteckend ist das nicht. Überleben kann dieses Schwein in freier Natur im Winter allerdings kaum. Es würde erfrieren. Aber das ist den Menschen nicht wichtig, denn sie halten diese Schweine in speziellen Schweine-Häusern. Sie züchten und mästen sie, um sie dann zu essen.“
Wutz riss ungläubig die Augen auf. Er war außer sich. Dieses hässliche, stinkende, rosa Ding sollte ein Schwein sein? „Das kann doch nicht sein!“, rief er aus. „Das geht gegen meine Wildschwein-Ehre. Ich weiß, dass Wildschweine von Menschen gejagt und gegessen werden. Aber so ein Stinktier können die Menschen doch unmöglich essen. Und vor allem, was soll ich jetzt Bitteschön tun, um dieses schnarchende Stink-Schwein von meinem Lieblingslagerplatz zu vertreiben? Und was soll das überhaupt bedeuten, dass die Menschen diese Schweine mästen?“
Säbelzahn verstand Wutz’ Empörung und Ratlosigkeit. Er seufzte: „Das mit der Schweinemast ist eine längere
