Aufwachstory - Anatol Flug - E-Book

Aufwachstory E-Book

Anatol Flug

0,0

Beschreibung

Ein junger Mann erwacht und findet sich in einer beunruhigenden Situation. Er hört monotones Meeresrauschen, ist von undurchdringlicher Dunkelheit umgeben und fühlt seine Bewegungen eng eingeschränkt. Da die wenigen Erinnerungen an die vergangene Nacht seine Situation nicht erhellen können, geht er an den letzten klaren Anhaltspunkt zurück und versucht, seinen Erinnerungen zu folgen bis er eine Erklärung findet: Es beginnt mit seiner Reise zur Insel El Hierro, seinen Wanderungen durch die Marslandschaften aus Lavagestein, einem melancholischen Abend im Dunkel eines Stromausfalls, und schließlich den seltsamen Ereignissen, durch die er Su kennen lernt. Als sich die beiden ineinander verlieben, ist es nicht nur privates Glück, sondern auch ein möglicher Sinn im Leben: In den Ruinen einer um einen künstlichen See angelegten Wohnhausanlage trifft sich eine bunte internationale Schar junger Leute, um Pläne für die Zukunft zu schmieden. Aber das Meeting wird bald durch eine Polizeirazzia abrupt beendet und eine Kette von Ereignissen nimmt ihren Lauf, die den jungen Mann über verschiedene Stationen wie die lettische Hafenstadt Liepaja und ein geheimnisvolles Moskauer Hotel an einen weit entfernten Ort bringt, an dem sich niemand vermuten würde, wenn er erwacht.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 256

Veröffentlichungsjahr: 2014

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Anatol Flug

Aufwachstory

 

 

 

Dieses eBook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

EINS

[1]

[2]

[3]

[4]

[5]

[6]

[7]

[8]

[9]

[10]

[11]

[12]

[13]

[14]

[15]

[16]

ZWEI

[17]

[18]

[19]

[20]

[21]

[22]

[23]

[24]

[25]

[26]

[27]

[28]

Impressum

EINS

[1]

Als mein Bewusstsein beginnt, langsam wieder Konturen zu gewinnen und sich aus den Tiefen des Schlafes zu schälen, ist das Meeresrauschen schon längst da. Ich halte die Augen geschlossen und lasse mich eine Zeit lang vom Geräusch der Brandung wiegen. Die einzelnen Wellen sind deutlich voneinander abgesetzt zu hören, das zunehmende Rauschen, das seinen Höhepunkt erreicht und dann im Sand verläuft; der Sog, der die nächste Welle vorbereitet, ist nicht zu hören, erst wieder das langsam anschwellende Rauschen.

Es kommt äußerst selten vor, dass ich aufwache ohne auch nur irgendeinen Anhaltspunkt. Aber jetzt habe ich keine Vorstellung, nicht nur davon, ob Mittwoch oder Sonntag ist, mir ist nicht einmal bewusst, ob dieser Unterschied in meiner derzeitigen Lebensphase von praktischer Bedeutung ist oder nicht.

Ich öffne die Augen. Stockfinstere Nacht, nichts zu erkennen. Ich schließe die Augen wieder und denke nach. Ich kann mich nicht erinnern, jemals für längere Zeit an der Küste gelebt zu haben. Ich bin also wohl auf Reisen. Das Meeresrauschen ist sehr nahe, ich bin wahrscheinlich direkt am Strand. Was habe ich gestern Abend zuletzt gemacht? Ich erinnere mich an die Nacht. Ich wurde durch ein Geräusch geweckt. Ich lag auf meiner Schlafmatte im Sand und das Geräusch war eigentlich sehr leise, kaum zu hören. Ich war etwas unbeweglich in der Bauchlage und drehte mich vorsichtig und etwas unbeholfen nach links. Ein Schatten war zu erkennen, der sich über das Gepäck eines Nachbarn zu unserer Linken beugte.

Ich hörte ein leises Zischen über mir. Es kam von den Felsen, die vielleicht einen halben Meter von meinem Kopf entfernt begannen und dann steil anstiegen. Immer noch in Bauchlage, drückte ich den Kopf so weit wie möglich in meinen Nacken, um sehen zu können, was sich auf dem Felsen unmittelbar über meinem Kopf befindet. In der Dunkelheit sehr undeutlich konnte ich einen Mann erkennen, der über meinem Kopf auf dem Felsen saß und einen großen Felsbrocken in seinen auf die Knie gestützten Händen hielt. Er zischte: „Shut up – sleep“. Ich legte meinen Kopf zurück auf die Matte. Die Situation war eindeutig – die Nachbarn wurden bestohlen und er stand Schmiere. Was konnte ich tun? Am Bauch liegend, mit dem Gesicht nach unten, und einem schweren Felsbrocken in der Luft über meinem Kopf, gab es nicht viele Handlungsmöglichkeiten. Ich schloss die Augen wieder, um weiter nachzudenken.

Es deutet nichts darauf hin, dass ich verletzt wurde. Wahrscheinlich bin ich in der ausweglosen Situation tatsächlich einfach eingeschlafen. Verdrängung. Ich erinnere mich, dass die Nachbarn später aufwachten. Sie entdeckten den Diebstahl und waren wütend und aufgedreht. Einer packte eine Peitsche aus, die wohl als Waffe zur Verteidigung gedacht war, und fuchtelte damit in der Luft herum. Nach dieser Abreaktion besprachen sie kurz die Lage und brachen dann auf.

Ich öffne meine Augen nochmals. Eigenartig, dass es völlig dunkel ist und gar nichts zu erkennen. Ich weiß nicht mal, ob meine Freunde noch da sind. Sollte ich zur Sicherheit gleich um Hilfe rufen? Nein. Ich schließe meine Augen wieder. Graeme ist auch mitgegangen an den Strand, Lisa, Henrik. Aber Su, meine Liebste, war auf jeden Fall in Sicherheit, sie war im Hotel geblieben. Ich würde es nicht verkraften, sie zu verlieren oder auch nur ohne Anhaltspunkt von ihr getrennt zu werden.

Kennen gelernt haben wir uns im Herbst. Die Sommerferien waren gerade zu Ende gegangen und mein drittes Jahr an der Uni hatte begonnen. Ich hatte den ganzen Sommer gearbeitet, um Geld zu verdienen, in derselben Fabrik wie schon in den beiden Jahren zuvor. Ich hatte alle wieder getroffen, die schon vor zwei Jahren und wieder vor einem Jahr – wie ich selbst auch – erklärt hatten, dass sie das nie wieder machen würden bzw. im Fall der fix dort Arbeitenden, dass sie sich einen anderen Job suchen würden so schnell wie möglich. Es war aber sehr einfach, diese Arbeit wieder zu bekommen. Man brauchte nur einen Monat vor Beginn der Ferien anzurufen. Es wurden seitens der Personalabteilung dann zwar keinerlei Versprechungen gemacht, aber spätestens ein oder zwei Wochen nach Ferienbeginn konnte man den Job wieder antreten. Und es war anscheinend sehr einfach, den Job zu behalten, denn man traf jeden Sommer dieselben Arbeiter wieder. – Aber nicht mehr mit mir. Ein ganzes Studienjahr lag vor mir, um einen neuen Job zu suchen.

Ich hatte mich bis zu einem gewissen Grad schon damit abgefunden, ein einsamer Mensch zu bleiben. Gut, ich war nicht der Einzige an der Uni, der keine Beziehung hatte, aber ich hatte es nicht mal geschafft, unter den Kommiliton*innen Freund*innen zu finden, mit denen einen mehr verband, als nur zwischen den Vorlesungen ins Kaffeehaus oder abends mal ins Kino oder Theater zu gehen. Mangels Anschluss für eine Reise drängte es sich auf, den ganzen Sommer zu arbeiten, um wenigstens für das nächste Studienjahr wieder ein Minimum an Geld zu haben.

Aber als das Studienjahr im Oktober begonnen hatte, merkte ich, dass ich es diesmal wohl nicht schaffen würde, nach dem Abstumpfungsprozess von drei Monaten Fließbandarbeit wieder übergangslos an die Uni zu wechseln. Dass ich müde war und nicht gerüstet für einen langen dunklen Winter. Und dieser Winter versprach auch, noch dunkler zu werden als all die anderen zuvor. Zu Beginn des Jahres, nach Bekanntwerden der Entdeckung im Meteoritenschwarm „Kronos“ waren Aufruhr und Enthusiasmus durch die ganze Welt gegangen. Es war plötzlich vorstellbar, dass sich wirklich alles ändern, die Welt nochmal eine ganz andere werden könnte. Umso unglaublicher und entmutigender war es, dass schon ein halbes Jahr später alles wieder verflogen war.

Um zu all dem noch etwas Distanz zu gewinnen, beschloss ich also, doch noch, und mangels Anschluss eben allein zu verreisen. Während die Student*innen in Jus oder Medizin gleich am ersten Tag des Semesters wieder mit dem Auswendiglernen beginnen mussten, gab es in den anders orientierten Geisteswissenschaften noch so eine praktisch geheime freie Woche – man meldete sich Anfang Oktober für die Vorlesungen an, und die meisten begannen doch erst frühestens um den 10. Oktober, und diese Woche dazwischen wollte ich nützen, um noch ein wenig Sonne zu tanken und das Meer zu genießen.

Was das Wetter betraf, war in diesem Jahr das spanische Festland nicht mehr sicher genug, und so entschied ich mich für Teneriffa. Na ja, Entscheidungen dieser Art waren bei mir immer so eine Sache. Natürlich hatte sich nur ein Teil von mir mit der Einsamkeit abgefunden. Aber letzten Endes wollte ich mich nicht verstecken, nicht den kilometerlangen einsamen Strand, sondern in eine lebendige und gut besuchte Destination, an der man doch auch jemanden kennenlernen konnte. Wenn es dann aber zur konkreten Entscheidung über einen Ort kam und die Atmosphäre einer Hotelanlage, in der Animator*innen den gelangweilten oder von ihren Kleinkindern genervten Gästen die Zeit bis zur nächsten Mahlzeit vertrieben, ihre Schatten vorauswarf, entstanden im letzten Augenblick doch wieder einschneidende Verschiebungen. Im konkreten Fall sahen sie so aus, dass ich nur zwei Tage in Teneriffa selbst verbrachte – in einer Pension im Zentrum der Hauptstadt – und für die restlichen fünf Tage auf El Hierro weiter reiste, die im äußersten Südwesten gelegene und unbekannteste der kanarischen Inseln.

[2]

In Agniste, dem Ort am südlichsten Zipfel, hatte ich ein Zimmer bei ehemaligen deutschen Aussteiger*innen. Sie lebten mittlerweile in einem mittelgroßen Wohnhaus, und was aussah wie eine hölzerne Badehütte, in der sie wohl in den 80er Jahren ihre Ferien verbracht hatten, vermieteten sie jetzt an Tourist*innen. Der Atlantik war wunderbar malerisch, hatte aber auch etwas Bedrohliches. Am äußersten Zipfel der äußersten Insel war das Gefühl, wie auf einem Schiff dem Ozean direkt ausgeliefert zu sein.

Der kleine Sandstrand befand sich auch in respektvoller Entfernung von den Wellengängen des Atlantiks – durch die lange Kaimauer des Hafens vom Ozean weitgehend getrennt und zusätzlich noch hinter der Ankerstelle für die kleinen Fischerboote gelegen.

Mittags war es in der Sonne noch richtig heiß. Ich hatte mich für ein paar Minuten in den Sand gelegt, um mich richtig aufzuheizen, bevor ich ins Wasser ging. Zwei kleine Mädchen liefen an mir vorbei. Sie waren vielleicht zehn oder zwölf Jahre alt und mussten hier drei kleinere Kinder betreuen. Sie schienen Übung darin zu haben, hielten die drei Kleinen nur von wirklich gefährlichen Unternehmungen ab und ließen ihnen ansonsten ihre Freiheiten. Die Eltern waren nicht zu sehen. In den Felsen etwas weiter oben waren aber einige Plätze mit Liegestühlen eingerichtet und es war gut möglich, dass die Erwachsenen ihre Kinder von dort aus im Auge hatten.

Ich hielt es in der heißen Sonne nicht mehr aus. Ein wenig benommen stand ich auf und ging in Richtung Meer. Das Wasser war angenehm kühl, der Boden nicht steil abfallend, aber mit ein paar kräftigen Schritten landete ich bald in etwas tieferem Wasser und sobald es mir über die Badehose auf den Bauch schwappte, ließ ich mich nach vorne gleiten und begann zu schwimmen. Der schönste Moment: den überhitzten Kopf ins kühle Wasser, mit geschlossenen Augen ein paar Tempi zu tauchen. Die Benommenheit war gänzlich verflogen. Ich kraulte so schnell ich konnte, nach ein paar Minuten war ich völlig erschöpft. Ich drehte mich auf den Rücken, streckte die Hände seitlich aus, Handflächen nach oben. Ich bog den Rücken ein wenig durch und legte den Kopf etwas zurück. Ganz langsame Bewegungen mit den Füßen genügten, um nicht unterzugehen. Das Wasser ging über die Ohren, zu hören nur das gedämpfte Grundrauschen des Ozeans.

*

Ich drifte. Am Anfang hatte es mich nicht weiter beunruhigt, dass ich aufgewacht war ohne irgendwelche Anhaltspunkte in Zeit und Raum, oder in meinem Leben. Und dann war ja auch sehr bald diese Erinnerung aufgetaucht, an den nächtlichen Diebstahl, die Bedrohung, den Nachbarn mit der Peitsche. Aber das hatte sich nicht weiter verdichtet und das anfängliche Gefühl, Boden unter den Füßen zu gewinnen, war sehr schnell gewissen Zweifeln gewichen. Und einiges war eigenartig an meiner Situation: gar nichts sehen zu können im Dunkel, nicht mal die eigene Hand vor Augen. Und dieses ständige Gefühl, eben nicht am nächtlichen Strand zu liegen, auf einem festen Sandboden, sondern zu schweben oder zu fliegen.

Und ich nichts Besseres zu tun, als mich in dieser Geschichte zu verfangen. Su war der Anhaltspunkt gewesen, der Grund, warum ich hierher zurückging in meiner Erinnerung. Alles andere – fast schon an dem Punkt zu sein, mich erinnern zu können, was ich in den letzten Tagen gemacht habe und wo ich bin – ist wieder verflogen, wie in Nichts aufgelöst.

Gut, ich beruhige mich schon wieder. Das ist jedenfalls bemerkenswert, dass ich sehr entspannt bin, seit ich hier aufgewacht bin. Es gäbe genügend Anlässe, aus denen ich früher in Panik verfallen wäre – die undurchdringliche Dunkelheit; dass ich mich bis jetzt noch nicht aufgerafft habe, meine Hände zu bewegen; das Gefühl manchmal beim Atmen, dass nur wenige Zentimeter von meinem Mund entfernt etwas ist, an dem mein Atem abprallt und dann wieder auf meinem Gesicht zu spüren ist. Aber dann, immer wenn ich beginne, mir darüber Gedanken zu machen, tritt doch vorher ein Gefühl totaler körperlicher Entspannung ein, dem bessere Laune und mehr Optimismus folgen. Und es gibt ohnehin keinen anderen Weg, als dieser Geschichte weiter zu folgen, und irgendwann, hoffentlich sehr bald, führt sie mich zu Su.

*

Das Dorf, in dem ich hier gelandet war, stellte sich recht bald als sehr langweilig heraus. Es hatte wohl einen Ruf als Taucher*innenparadies und war entsprechend mit Sauerstoffflaschen schleppenden Leuten in schwarzen Gummianzügen bevölkert. Mehr Sport als Gesellschaftsleben, überall Fachdiskussionen, und so hatte ich es wohl wieder mal geschafft, nicht weit weg vom Highlife einer großen Urlaubsregion an einem Ort zu landen, der für einen Single keine wie immer gearteten Anschlussmöglichkeiten bot. Auch waren die Tage schon kürzer und die früh einbrechende Dunkelheit versetzte mich vollends in eine melancholische Stimmung.

Nur an einem Abend wurde die Tristesse durchbrochen. Schon am Nachmittag war im gesamten Dorf der Strom ausgefallen. Die Vermutung war, dass es im regionalen Umspannwerk ein Problem gab, man wusste nichts Genaues und das Gerücht begann die Runde zu machen, dass es auch durchaus 24 Stunden dauern könne, bis wieder Strom da sei. Mit nahendem Einbruch der Dunkelheit war eine zunehmende leichte Spannung zu spüren.

[3]

Es waren ungewöhnlich viele Leute auf der Straße. Einige wollten wohl nicht gleich den ganzen Abend zu Hause bzw. in ihren Zimmern oder Apartments bleiben mit der Aussicht, die ganze Zeit im Dunkeln oder bestenfalls im Kerzenschein zu sitzen. Die Öffentlichkeit hatte in dieser Situation aber auch etwas Anziehendes, man fühlte sich in der Menge irgendwie doch sicherer. Es gab ja nicht wirklich Gefahr, aber man konnte ein wenig sehen, wie die anderen mit der Situation umgingen, und vielleicht gab es ja auch neue Informationen.

Die kleinen Gasthäuser und Restaurants hatten sich schon auf die Situation eingestellt – alle Kerzen zusammengetragen, die sie kriegen konnten, die Getränke in kaltem Wasser so gut wie möglich gekühlt, eine einfache Fischsuppe oder ein kleines Fleischgericht am Propangasherd zubereitet.

Die aus den Gasthäusern scheinende Kerzenbeleuchtung war auch die einzige Lichtquelle in den Gassen. Die Atmosphäre hatte etwas Gespenstisches, weil einerseits alle Leute auf der Straße waren, als wäre heute der wichtigste Festtag des Jahres. Gleichzeitig war es sehr ruhig, weil alle sehr bedächtig gingen, um nicht im fast vollständigen Dunkel über eine kleine Unebenheit oder über einen der ansonsten den Straßenrand säumenden Gegenstände – von kleinen Tischchen, Sesseln für die Siesta im Schatten bis zu Maurerkübeln – zu stolpern.

Ich hatte mir in einer Bar eine Flasche Bier gekauft, für eine Weile die Leute beobachtet und ging nun etwas in Gedanken versunken und gleichzeitig langsam und vorsichtig in Richtung der kleinen Strandpromenade, die eigentlich nur ein Sträßchen war, an dem es ein Gasthaus und zwei kleine Cafés gab.

Ich hatte den Stromausfall bemerkt, als ich am späteren Nachmittag vom Strand zurück in mein Zimmer kam und mein Mobiltelefon – meine einzige Uhr – an das Ladegerät anschloss, bevor ich in die hinter dem Kasten etwas versteckte improvisierte Dusche stieg. Ich hatte aber nicht damit gerechnet, dass das zu so einem kleinen Ausnahmezustand führen könnte, und erinnerte mich erst langsam wieder daran, als ich mich beim Spaziergang durchs Dorf wunderte, dass die Straßenbeleuchtung nicht eingeschaltet wurde, und ich die ersten nur durch Kerzen beleuchteten Gasthäuser sah. Das Gerücht mit den 24 Stunden, das ich bald darauf aus der Unterhaltung eines englischen Tourist*innenpaares aufschnappte, beunruhigte mich dann ein wenig. Falls die Dunkelheit wirklich die Nacht über andauerte, wusste ich nicht recht, wie ich zurück in mein Zimmer kommen und dort zu Bett gehen könnte. Ich hatte mich nicht rechtzeitig darum gekümmert und es sah auch nicht so aus, als ob man im Dorf noch irgendwo eine Taschenlampe oder andere windsichere Lichtquelle bekommen konnte. Der Weg zurück führte in einem Bogen am kleinen Sandstrand vorbei und ich hatte in den zwei Tagen, die ich jetzt hier war, nach dem Strand immer eine Abkürzung über ein paar Felsen genommen und konnte mich nicht mehr genau erinnern, wo der ebene Weg verlief. Wenn ich das mit Hilfe des sehr matten Mondlichts schaffte, hatte ich auch im Zimmer dann kein Licht, und mein Verhältnis zu den Vermieter*innen war auf ein wenig Smalltalk bei der Anmeldung beschränkt geblieben und nicht wirklich die Voraussetzung, um sie in der Nacht zu wecken und nach einer Taschenlampe zu fragen. Sollte ich doch für die alte Holzhütte eine Kerze klauen?

Ich hatte also das Bedürfnis, den Moment, an dem ich beschließen würde müssen, dass ein Einschalten des Stroms nicht mehr zu erwarten war und ich mich im Dunkeln auf den Heimweg machen müsse, so weit wie möglich hinauszuschieben und hatte mir – man schätzt da auch die Zeit falsch ein, es war gerade erst zweiundzwanzig Uhr – noch ein Bier gekauft.

Die Atmosphäre war sehr angenehm. In der ungewöhnlichen Situation waren die Leute emotional näher aneinandergerückt, das vorsichtige leise Gehen in der Dunkelheit, die weichen Konturen der Schatten, das Ineinanderfließen der fast flüsternden Stimmen. Zum ersten Mal in den zwei Tagen fühlte ich mich nicht ausgeschlossen. Dazu die Meeresluft und das leise Rauschen des Ozeans, als ich an der Strandpromenade ankam. Ich ging ein paar Schritte auf die Kaimauer hinaus. Der kühle Wind war sehr angenehm, der Ozean wirkte nicht dunkler als die Straßen und Häuser. Ich ging in die Hocke, setzte mich leicht auf meine Fersen, die Hände auf den Oberschenkeln abgestützt, und sah auf den Ozean hinaus. Und plötzlich war die Einsamkeit wieder da, die Illusion zusammengebrochen, und die Melancholie kam um vieles verstärkt wieder zurück. Ich weiß nicht, wie lange ich dort so hockte. Ich hatte das Bier ausgetrunken und die leere Flasche am Kai abgestellt. Der Kopf, der Blick hatte sich zu Boden gesenkt. Irgendwann hatte ich wohl auch die Augen geschlossen, vielleicht sogar geweint. Als ich mich zum Dorf zurückdrehte, waren wieder Lichter zu sehen, die Straßenbeleuchtung, noch eine Bar, in der aufgeräumt wurde, die Gassen ansonsten menschenleer. Ich machte mich auf den Heimweg.

[4]

Bizarre Landschaften korrespondieren wohl mit solchen Gemütszuständen und eine gewisse Harmonie stellt sich ein. Ich hatte das schon einige Male erfahren und so hatte es mich gleich nach meiner Ankunft an den Rand des Dorfes gezogen, an dem diese archaische marsähnliche Vulkanlandschaft begann.

Auch wenn ich am Vortag lange nicht einschlafen konnte und heute Morgen erst spät erwachte, machte ich mich auf den Weg, um wie an den Tagen zuvor einige Stunden durch diese Marslandschaft zu wandern. Als erstes Stück gleich nach dem Dorfausgang bot sich an, einen Weg direkt an der Fels-, oder eigentlich Lavaküste einzuschlagen. Man ging hier auf einem Plateau aus Lavagestein, das vielleicht drei Meter über dem Meer lag. Die Brandung schlug gegen die Lavafelsen und das hohle Gestein hatte dem wohl auf Dauer nicht viel entgegenzusetzen. Je näher man der Kante zum Meer kam, desto mehr und größer wurden die Löcher im Boden. Das Plateau war an manchen Stellen gut 10 bis 20 Meter weit vom Wasser unterspült.

Ich hockte mich an den Rand eines solchen Lochs im Lavaboden, relativ nahe schon an der Kante zum Wasser. Man sah im Loch unten die Wellen an die Felsen schlagen, manchmal spritzte das Wasser bis herauf. Es wurden in großer Zahl handtellergroße Krebse an die Felsen gespült. Wenn die Krebse die Felsen berührten, reagierten sie mit blitzartigen Bewegungen in seitlicher Richtung. Manchmal wurden sie von größeren Wellen nochmals erfasst und fast bis aufs Plateau heraufgespült. Ich wich dann immer instinktiv einen Schritt zurück, und das ekelige Gefühl, das die Vorstellung, da unten in diesem hektischen Gewusel der Krebse im Wasser zu stehen, auslöste, wurde für einen Moment körperlich spürbar und ich konnte es nur durch ein befreiendes Schütteln des ganzen Oberkörpers wieder loswerden.

Ich ging weiter, entfernte mich immer mehr vom Wasser und ging auf die ersten aus den Lavafelsen entstandenen Hügel zu. Während man entlang der Küste immer wieder Spaziergänger*innen traf, war es hier schon völlig menschenleer. Der Boden wurde schnell sehr unwirtlich. Waren es am Plateau am Meer vor allem große Felsen, so dominierte hier über weite Strecken das Geröll. Es gab zwar einige Pfade, und man konnte sich oft Wege durch die geröllübersäten Flächen suchen, musste dafür aber meist ein paar Meter Weg im Voraus planen. Ich war auf diese Wanderungen nicht vorbereitet gewesen und hatte keine festen Schuhe mitgenommen. Die Lederturnschuhe, die ich einmal angezogen hatte, lösten das Problem auch nicht wirklich: Sie waren in der Mittagshitze kaum noch zu ertragen und andererseits aber nicht fest genug, um bedenkenlos durch das Geröll gehen zu können. Ich hatte auch meine anfängliche Befürchtung, dass es hier Schlangen geben könnte, überwunden, da ich bei den ersten Wanderungen außer Vögel und Insekten keinerlei Tiere sah. Ich war also wieder in meinen Sportsandalen unterwegs, musste aber nun schon darauf achten, nicht abzurutschen und mich am Geröll zu verletzen, das teilweise spitz war oder scharfe Kanten hatte.

Das Lavagestein war hohl – wenn man mit voller Wucht auf einen der mittelgroßen Felsen sprang, brach die Decke ein und man konnte den Hohlraum sehen. Auf dem aus diesem Gestein gebildeten Boden war Splitt. Das ergab beim Gehen diesen Klang als würde man auf dem Mars spazieren. Etwas Schleifendes: Splitt auf extrem ausgetrocknetem hohlem Untergrund. Ansonsten Stille.

Ich kam hier nochmal in Sichtweite der Autostraße zum Dorf, die durch einen Teil der Vulkanlandschaft gebaut worden war und wirkte wie ein um Jahrtausende verspäteter Strom heißen zähflüssigen Materials, das sich seinen Weg durch die vorzeitliche Lavalandschaft gebahnt hatte. Nach dem nächsten Hügel war die Straße nicht mehr zu sehen.

Das vorsichtige Gehen durch das Geröll, dazwischen das Springen von einem größeren Stein zum nächsten, der Kampf gegen das Abrutschen im Geröll beim Überqueren der Hügel, all das hatte mich sehr angestrengt. Ich blieb stehen, nahm meinen Rucksack ab, sah auf mein Handy – schon nach 14 Uhr; welch ein Unsinn, in der schlimmsten Mittagshitze hier durch diese Schieferwüste zu gehen! Der Akku war fast leer, das Aufladen am Vortag ja am Stromausfall gescheitert.

Ich trank die halbe Wasserflasche leer und griff zum MP3-Player. Auch etwas Pause vom schleifenden Geräusch beim Gehen. „If I had a heart I could love you.“ Der alte Song von Fever Ray überhöhte die bizarre Landschaft und flirrende Hitze zu einer mythischen Kulisse. Das schuf gleichzeitig Distanz, vereinfachte die Wirklichkeit zum Eindruck einer Kamerafahrt. Ich ging weiter.

*

Dieses Gefühl, zu schweben oder zu fliegen, begleitet mich ohne Unterbrechung, schon seit ich aufgewacht bin. Je länger es andauert, umso besser wirkt es sich auf mein Befinden aus. Ich bin total entspannt. Ich versuche, mich auf meinen Rücken zu konzentrieren, zu fühlen, worauf ich liege. Es sind nur Andeutungen zu spüren von etwas, das ganz unendlich weiche Rollen sein könnten, auf denen ich liege. Vielleicht bilde ich mir das aber auch nur ein, weil ich mich erst an den Gedanken gewöhnen muss, dass ich wirklich einfach schweben könnte.

Auch die Temperatur ist perfekt. Ich liege ohne mich zu bewegen und es ist weder kalt noch heiß. Ich beginne mit meiner linken Hand, an meinem Körper nach Kleidung zu tasten. Die Handfläche landet seitlich auf meinem nackten Oberschenkel. Ich versuche es weiter oben und ertaste einen angenehm elastischen Stoff. Ich lasse die Hand weiter nach unten gleiten – offensichtlich habe ich ein Shirt an, aber vom Nabel abwärts dürfte ich nackt sein. Auf meinem Penis ertaste ich eine Art von Katheter. Er fühlt sich angenehm an – wohl mit einer Art Gleitcreme –, was verantwortlich ist für eine anhaltende leichte Erektion.

Mein Körper ist bestens versorgt. Ich weiß nicht genau, was meine Situation ist und wo ich mich befinde. Aber ich weiß, dass ich mir keine Sorgen zu machen brauche. Alles wird gut. Ich höre auf, nachzuforschen, ich drifte wieder weg und folge weiter meiner Vergangenheit. Ich möchte zu Su.

*

Nach dem nächsten Hügel konnte ich schon die Punta X sehen, einen etwas größeren Hügel direkt am Meer. Spätestens dort war ich immer ungekehrt und hatte den Rückweg angetreten. Diesmal ging ich noch weiter, getragen von der Musik.

Plötzlich schien es mir, als würde ich durch die Musik hindurch ein Rufen hören. Ich blieb stehen, drehte mich um und sah tatsächlich in einiger Entfernung eine Gestalt aus Richtung Meer näher kommen.

Gerade aus dieser Richtung hätte ich niemanden erwartet. Ich war in den letzten Tagen hier nicht nur wegen der Einsamkeit in der bizarren Landschaft gewandert, sondern auch mit ein wenig Hoffnung, doch noch einen Badeplatz direkt am offenen Meer zu finden. Und an der Stelle hier hatte ich immer die Hoffnung aufgegeben. Die Punta X fiel zum Meer hin relativ steil ab. Auf festem Untergrund hätte man zwar noch leicht gehen können, aber mit dem Geröll schien das sehr mühsam und auch mit der Gefahr verbunden, ins Rutschen zu kommen und dann den Hügel hinabzuschlittern.

Die Gestalt wirkte müde und schien auch schwer zu hinken. Als sie sah, dass ich mich umgedreht hatte, blieb sie stehen und wedelte wild mit den Armen. Ich ging also los in ihre Richtung und sie setzte sich auch wieder in Bewegung.

[5]

Es war offensichtlich eine eher kleine zierliche Frau. Sie schien barfuß und nur mit einem Bikini bekleidet zu sein. Als ich näher kam, sah ich, dass ihre Füße und Beine blutig waren, ebenso ihre Hände und die Unterarme, die sie etwas seitlich vom Körper weghielt.

Ich hatte erwartet, dass sie sich, sobald wir uns erreicht hatten, auf den Boden sinken lassen oder zu weinen beginne würde. Nichts dergleichen. Sie blieb stehen, hielt weiter ihre Arme ein wenig zur Seite, um schmerzhafte Berührungen mit dem Rumpf zu vermeiden, und begann in wildem Tempo zu reden. Ich konnte kein Wort verstehen. Erwartet hatte ich eine asiatische Sprache, oder vielleicht Englisch. Die Frau schien aber Französisch zu sprechen. Ich bedeutete ihr mit den Händen, dass sie kurz stoppen sollte und erklärte stotternd, dass ich nur äußerst schlecht Französisch spreche, und sie das Ganze bitte nochmal sehr langsam sagen sollte.

Ich verstand nur, dass sie von einem Freund oder einer Freundin sprach, einen chinesischen Namen, und „tout de suite“, also „sofort“. Ich wusste nicht recht, was „tout de suite“ geschehen sollte, aber wenn man ihren Zustand betrachtete, konnte es auf jeden Fall nicht falsch sein, einen Rettungsdienst zu rufen. Auf der Batterieanzeige meines Handys war gerade noch die Andeutung eines dünnen Strichs zu erkennen. Ich wählte 112, eine Frau hob ab und ich war mit der nächsten Sprachkatastrophe konfrontiert. Aber da wir gerade bei der Punta X standen, war die Erklärung sehr einfach und sogar mit meinen wenigen Brocken Spanisch zu bewältigen: Wir waren bei der Punta X, eine Person verletzt und brauchten dringend Hilfe. Die Telefonistin begann mit einer Rückfrage, da brach das Gespräch ab, der Akku war leer. Als die verletzte Frau hier sah, dass ich zu telefonieren aufhörte, sah sie mich entsetzt an, ihre Stimme war wütend und sie überhäufte mich wohl gerade mit französischen Vorhaltungen und Beschimpfungen. Sie hatte mein spanisches Gestottere verstanden und fand es offensichtlich in keinster Weise ausreichend, nur einen Krankentransport hierher anzufordern.

Ich hielt ihr das Display des Handys hin und bedeutete mit unmissverständlicher Geste, dass der Akku leer war. Jetzt war es so weit, dass sie sich zu Boden sinken ließ. Sie setzte sich einfach ins Geröll und ließ ermüdet den Kopf hängen. Ich holte die Wasserflasche aus meinem Rucksack und gab sie ihr, zusammen mit dem Handtuch aus meinen Badesachen. Sie setzte kurz dazu an, sich das Handtuch über die Schultern zu legen, überlegte es sich dann anders, wusste aber wohl nicht recht, was sie damit tun sollte und hielt es gedankenverloren in der linken Hand. Ich setzte mich zu ihr auf den Boden. Sie hatte keineswegs wie eine Verdurstende gewirkt, war wohl auch noch nicht lange durch die Lavawüste gegangen, aber das Wasser erfrischte sie merkbar. Ich erhob mich kurz vom Platz neben ihr, setzte mich ihr gegenüber und begann dann langsam mit einer einfachen französischen Frage. Sie reagierte nicht, sah durch mich hindurch. Plötzlich änderte sich ihr Gesichtsausdruck, als wäre ihr etwas ganz Wichtiges eingefallen, und plötzlich wechselte sie die Sprache und begann Englisch zu sprechen.

Wieder ein Redeschwall, aber diesmal konnte ich ihm folgen. Die Frau und ihre Cousine waren einige hundert Meter vor der Küste mit einem Boot gekentert. Ihre Cousine habe sich nicht zugetraut, bis an Land zu schwimmen, und habe sich an einer Boje festgehalten. Man müsse sie unbedingt schnell holen, bevor sie ein Hai entdecke, oder ihr die Kraft ausginge, oder sie einfach vor Angst wahnsinnig werde, wenn die Dunkelheit hereinbreche und keine Rettung in Sicht sei.

Dass ich ihre Erzählung mit englischen Gegenfragen beantwortete, denen offensichtlich zu entnehmen war, dass ich sie verstanden hatte, ließ die Energien der Frau endgültig wieder zurückkehren. Wir berieten kurz, welche Möglichkeiten es gab, und danach ließ ich sie mit all meinen Sachen zurück und ging in Richtung Straße. Der Verkehr war hier zwar sehr schwach, aber es fuhr doch alle paar Minuten ein Auto durch und eines musste einfach anhalten und mir die Möglichkeit eines Telefonats geben oder mich mitnehmen.

Ich verirrte mich zum Glück nicht und in einer knappen halben Stunde hatte ich die Straße erreicht. Als Erstes kam ein Lastwagen um die Kurve. Der Fahrer fuhr langsam auf mich zu. Wohl als er sah, dass es keine Frau war, beschleunigte er und fuhr an mir vorbei. Eine ältere Frau in einem PKW hatte vermutlich Angst – sie machte eine kurze sich entschuldigende Geste bevor sie beschleunigte. Ein alter Bauer in einem schon etwas historisch wirkenden großen Mercedes hielt an. Er hatte auch kaum andere Möglichkeiten gehabt – nach dem Lastwagen und der älteren Frau hatte ich mir Vorwürfe gemacht, nicht entschlossen genug gewesen zu sein, und war dann vor die Kurve gegangen und hatte mich in die Mitte der Fahrbahn gestellt. Der alte Mann hatte kein Handy, aber er bot an, mich ins nächste Richtung Landesinnere gelegene Dorf mitzunehmen. Das würde zwanzig Minuten dauern, und da anders keine schnellere Lösung zu erwarten war, stieg ich ein.

Der alte Bauer war vielleicht schwerhörig. Bevor ich eingestiegen war, hatten wir uns trotz meiner so sehr begrenzten Spanischkenntnisse ganz gut verständigen können. Jetzt im Auto, mit halb geöffneten Fenstern, war es mir aber nicht gelungen, herauszufinden, ob er zu Hause Telefon hatte. Ich wollte mich dann lieber nicht darauf verlassen – es war nun ohnehin insgesamt schon fast eine Stunde vergangen, seit ich mich von der Verletzten verabschiedet hatte – und bat ihn anzuhalten und mich aussteigen zu lassen, als wir den kleinen Kirchenplatz erreichten, der vermutlich das Zentrum des Dorfes war. Er erwiderte meinen Dank, indem er kurz seinen Hut zog, und fuhr davon.

[6]

Der Kirchenplatz war völlig ausgestorben, aber ein Stück weiter die Straße hinauf entdeckte ich ein Gasthaus. Ich sah auf der Veranda Leute sitzen und ging darauf zu. Das Gasthaus war geschlossen, auf der Veranda gab es einen Getränke- und einen Kaffeeautomaten. Die drei Gäste – alle waren Radfahrer, die hier Pause machten – nutzten vor allem den schattigen Sitzplatz: Sie hatten ihre Getränkeflaschen ausgepackt und genossen den leichten Wind. Zwei der Männer saßen an einem gemeinsamen Tisch und unterhielten sich sehr angeregt. Der dritte saß an seinem eigenen Tisch und sah in die andere Richtung. Niemand schenkte mir Beachtung und ich machte mir in Sachen Handy auch wenig Hoffnung, war doch erst vor Kurzem nachgewiesen worden, dass die Strahlung gerade der neuesten besonders für den Sport geeigneten Handys extrem schädlich war. Ich ging an den Tischen vorbei und klopfte an die Küchentür.