Augen zu und durch - Nancy Olthoff - E-Book

Augen zu und durch E-Book

Nancy Olthoff

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Beschreibung

Mal lustig, mal traurig – immer berührend: Der tragikomische Roman »Augen zu und durch« erzählt mit viel Herz vom liebenswerten Außenseiter Herman und der Achterbahn namens Leben. Herman van Dusselen ist 32 und »ein bisschen anders« – das sagen zumindest die Menschen um ihn herum. Denn am liebsten hält Herman sich abseits und bleibt in der Sicherheit seines Zuhauses. So lange er sich gründlich dem Putzen widmen und mit seinen Murmeln und Kugelbahnen spielen kann, ist alles gut. An die Vergangenheit auch nur zu denken, vermeidet Herman, so gut er kann. Als der liebenswürdige Außenseiter jedoch eine Freikarte für den nahegelegenen Vergnügungspark geschenkt bekommt, trifft er eine folgenschwere Entscheidung: Herman wagt sich hinaus ins Leben. Und dort erwarten ihn nicht nur unerhörte Herausforderungen, sondern auch die extravagante Zuckerwatte-Verkäuferin Jeanette …  Mit ihrem bittersüßen Debüt-Roman ist der niederländischen Autorin Nancy Olthoff eine anrührende Geschichte um Trauer, Hoffnung und das Glück der kleinen Momente gelungen. Ein zauberhafter Roman um einen Neuanfang für die Leser*innen von Mathijs Deens "Unter den Menschen"

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Seitenzahl: 287

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Nancy Olthoff

Augen zu und durch

Roman

Aus dem Niederländischen von Steffen Haselbach

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Das Leben ist eine Achterbahn: Herman van Dusselen ist Anfang dreißig und »ein bisschen anders« – das sagen zumindest die Menschen um ihn herum. Solange er sich in der sicheren Blase seines Hauses aufhält, ist alles gut. Hier putzt er gründlich, spielt mit seinen Murmeln und Kugelbahnen und vermeidet es tunlichst, an die Vergangenheit zu denken. Doch als er eine Freikarte für den nahe gelegenen Vergnügungspark erhält, trifft er die folgenschwere Entscheidung, seine Komfortzone zu verlassen. Dort erwarten ihn unvorhergesehene Herausforderungen, Jeanette, die Zuckerwatte-Verkäuferin, und schließlich so etwas wie ein Neuanfang …

Inhaltsübersicht

Widmung

Motto

Karussell

MURMELN

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

51. Kapitel

52. Kapitel

53. Kapitel

54. Kapitel

55. Kapitel

56. Kapitel

57. Kapitel

58. Kapitel

59. Kapitel

60. Kapitel

61. Kapitel

62. Kapitel

63. Kapitel

64. Kapitel

65. Kapitel

66. Kapitel

67. Kapitel

68. Kapitel

69. Kapitel

70. Kapitel

71. Kapitel

72. Kapitel

73. Kapitel

74. Kapitel

75. Kapitel

76. Kapitel

77. Kapitel

78. Kapitel

79. Kapitel

80. Kapitel

81. Kapitel

82. Kapitel

83. Kapitel

84. Kapitel

85. Kapitel

86. Kapitel

87. Kapitel

88. Kapitel

Zur Erinnerung an meinen Vater

 

Peter Olthoff

1944–1984

»Sich verlieben ist nicht das Dümmste, was der Mensch tut –

die Gravitation kann aber nicht dafür verantwortlich gemacht werden.«

 

Albert Einstein

Karussell

 

Im Karussell des Lebens

dreht jeder seine eigene Runde

Es dreht sich auch ohne dich

Dein Pferd wird niemals leer sein

Also komm, drehe dich mit dem Karussell

 

Und dieses Karussell des menschlichen Lebens

dreht sich so lange, bis dir schwindelig wird

Aber du hältst dich dennoch daran fest

Auch wenn es dir nicht mehr gefällt

Denn alles neben dem Karussell ist viel zu unbekannt

 

(Komponist: Frank Affolter

Text: Wim Hogenkamp

Gesungen von Heddy Lester beim Eurovision Song Contest am 7. Mai 1977)

MURMELN

 

 

 

 

 

 

 

 

1.

Herman van Dusselen umklammert seine Brotdose mit festem Griff. Das Plastik fühlt sich warm und klebrig an. Das Superman-Bild ist über die Jahre ziemlich verblichen. Nur wenn man ganz genau hinschaut, sieht man ihn noch fliegen – auf seinem Weg zur Weltrettung. Die Brote hat Herman schon aufgegessen. Vier Scheiben Weißbrot mit Butter und dazu Spekulatius. Genau wie früher, als seine Mutter für die Schulpausen vorsorgte. Oft packte sie einige Extras ein – eine Mandarine, ein paar Karotten und an guten Tagen ein Stück Toffee. Herman schmeckt noch heute die klebrige Milchschokolade, fühlt noch immer, wie der Karamell seine Zähne gefangen hält. Wann hörst du auf, ein Kind zu sein? Wenn du deine Brote alleine schmierst?

Herman zwingt sich, die Dose neben sich abzustellen. Keinen Halt an Gegenständen suchen. Das Letzte, was er will, ist, dass die Menschen denken, etwas würde nicht mit ihm stimmen. Was sehen sie, wenn sie ihn ansehen? Einen einsamen Mann auf einer Bank, einen wartenden Vater, einfach irgendjemanden? Wie es sich wohl anfühlt, »einfach irgendjemand« zu sein?

Das Geschrei wird so laut, dass er nach oben schauen muss, auch wenn ihm davon schwindlig wird. Die Wagen des Zyklop sind fast alle besetzt. Menschen ohne Todesangst. Eltern mit ihren Kindern, Teenager, ein sich küssendes Paar. Ganz vorne sitzt ein kleiner Junge mit rötlichem Haar. Der Platz neben ihm ist frei. Die Achterbahn kriecht immer höher, Zahnräder rattern, Kinder schreien. Das Mädchen, das eben noch küsste, wiehert nun so laut, als würde sie gleich in den Galopp wechseln. Alles und jeder macht Lärm, außer dem kleinen Jungen. Dieser starrt einfach nur geradeaus. Der Zyklop nähert sich dem höchsten Punkt, verharrt dort einige Momente und saust dann mit einem Höllentempo nach unten. Für den Bruchteil einer Sekunde sieht Herman den Jungen vorbeirauschen. Er schaut überrascht, als würde er erst jetzt merken, dass er in einer Achterbahn sitzt. Momentaufnahmen von Menschen, Farben, Geräuschen – sie alle verschwinden in einem Looping kopfüber in eine Haarnadelkurve nach rechts. Herman verrenkt seinen Hals, um alles gut verfolgen zu können. Er bemüht sich, das flaue Gefühl in seinem Magen zu ignorieren. Er sitzt ja selbst nicht in so einem Wagen, und niemand wird ihn dazu zwingen – also schön ruhig bleiben.

Durch den Korkenzieher und über drei heftige Hügel hinweg kommt die Bahn wieder zurück. Auf zum nächsten Looping, direkt auf Höhe seiner Bank. Wieder ganz nach oben, wieder erwartungsvolles Gekreische, wieder das verwegene Gesicht ganz vorne im ersten Wagen. Die Luft scheint sich zu verschieben, ein Moment der Stille, und dann ziehen sie vorbei. Einige Sekunden baumeln sie kopfüber, trotzen der Schwerkraft. Manche klammern sich an die Bügel um ihre Schultern, andere halten sich an ihrem Nachbarn fest. Ein paar Waghalsige trauen sich, ihre Augen offen zu lassen. Der kleine Junge ist nun ganz nah, lediglich ein Strauch und ein Sicherheitszaun trennt sie. Plötzlich wirft das Kind die Arme über den Kopf und lacht aus vollem Herzen. Genau an der schlimmsten Stelle, am Scheitelpunkt des Loopings.

Die Achterbahn ist schon längst auf dem Weg zur nächsten Beladung mit Abenteuerlustigen, als das Bild des Jungen noch immer auf Hermans Netzhaut nachwirkt. Das Kind schien Licht zu verströmen.

2.

Die Einladung in den Vergnügungspark hatte ihn überrascht. Er erhielt nicht oft Post, und schon gar nicht so schöne. Sie fühlte sich dank des schweren Umschlags aus handgeschöpftem Papier außergewöhnlich an. Sein Name stand in eleganten Buchstaben ganz oben: Herman van Dusselen.

Als er weiterlas, wurde klar, dass das ganze Dorf eine solche Einladung erhalten hatte samt plastifizierter Zugangskarte. Es hätte Klagen wegen zunehmender Lärmbelästigung gegeben. Das könne natürlich in niemandes Interesse liegen, so der Marketingleiter in besagtem Schreiben. Als Wiedergutmachung bekämen alle Einwohner von Bredeveld einen Monat lang freien Eintritt ins Wonderland.

Herman erinnert sich noch gut daran, wie es sich vor langer Zeit abgespielt hatte. Der Bau des Vergnügungsparks wurde von den Anwohnern fast verhindert. Die Bredevelder hatten Angst vor Müll, vor Lärm, vor Staus auf der Dorfstraße. Ein gläubiger Stadtrat nannte den Park »hedonistischen Quatsch«. Hermans Mutter hatte den Begriff »hedonistisch« im Wörterbuch nachschlagen müssen. Mutter sagte, dass die Wichtigtuer kein normales Niederländisch sprechen könnten, weil sie zu viele Kartoffeln gegessen hätten. Der Bürgermeister drückte sich verständlich aus und bewies glücklicherweise Mumm. Er sah vor allem die Möglichkeiten, die der Park eröffnete, und erteilte Wonderland die Genehmigung.

Es stellte sich heraus, dass die Probleme letztlich halb so wild waren. Je nachdem, wie der Wind stand, hörte man Geschrei, doch eines von der fröhlichen Art. Herman störte sich nicht daran. Allerdings hatte er ständig das Gefühl, etwas zu verpassen. Nach der festlichen Eröffnung für Würdenträger und Prominente hatte er wochenlang darum gefleht, auch dorthin zu dürfen.

Seine Eltern hatten es für sicherer erachtet, erst eine Weile abzuwarten, ob die Apparaturen auch wirklich funktionierten. Du würdest nicht in einem Fahrgeschäft sitzen wollen, das gerade seinen Geist aufgibt. Dann würdest du nämlich festhängen, deinem Schicksal überlassen, womöglich sogar kopfüber. Das Geld würde dir aus den Hosentaschen fallen, und der Kopf würde dir wehtun. Du müsstest mit einer Sicherheitsleine von der Feuerwehr gerettet werden, obwohl diese Leute »doch wohl etwas Besseres zu tun hätten«. Seine Mutter verstand es, ihre Sichtweise zu verdeutlichen. Mit einem »Das ist nichts für uns« beendete sie ihre Beweisführung, ihr Mantra. Sie hatte mehrere – man hätte einen ganzen Laden mit Schildern voller Sinnsprüche damit füllen können.

Herman hatte sich gefragt, ob er zu diesem »uns« gehörte und ob der Satz überhaupt stimmte. Es erschien ihm eigentlich so, als wäre dies gerade etwas für ihn. Er schloss damals eine Vereinbarung mit sich selbst, nach der er alles genauso machen würde, wie seine Eltern es wollten, um schließlich zur Belohnung ins Wonderland zu dürfen. Das Ganze kostete viel Energie, denn es gab ziemlich viele Regeln zu Hause.

Drei Murmelspielzeiten musste er warten. Monate, während deren er alleine mit Katzenaugen, Riesenbuckern und Gesprenkelten spielte. Papa hatte eine rote Tupperware-Schale zum Einlochen in den Boden versenkt, sodass das Spielfeld gerade echt genug erschien. Die anderen Kinder müsse er sich dazudenken, sagten seine Eltern.

Wenn er sich sehr streckte, konnte Herman vom Garten aus den höchsten Punkt der Achterbahn sehen. Ein knallgelbes, schwankendes Monster, auf dem ab und zu ein schwarzer Wagen entlangflog. Einmal hatte er mitgezählt: zwölfmal pro Stunde.

In seiner Schule hatte Kees erzählt, dass die Achterbahn »Zyklopp« hieß. Darin hatte Herman ein Zeichen gesehen; vielleicht hatte seine Mutter ja doch recht. Verkloppt zu werden war kein Vergnügen, schon gar nicht kopfüber. Erst als ihm der Lehrer die Abbildung eines einäugigen Riesen, eines Zyklopen, im Lexikon zeigte, begriff er, dass der Name etwas mit griechischen Göttern zu tun hatte. Die genaue Geschichte hatte er freilich wieder vergessen, das passierte ihm häufiger in schulischen Angelegenheiten. Der einäugige Riese aber verfolgte ihn noch lange Zeit, vor allem nachts.

3.

Er stellt die leere Brotdose zum Abwasch neben die Spüle, für heute Abend. Einer seiner kleinen Akte des Widerstands. Sein Vater fand, dass man nichts verschieben dürfe, was man nicht auch sofort erledigen könne. Sicher ein militärischer Zug, denn auch Onkel Frans machte solch zackige Sprüche. Der war zwar nicht beim Heer, aber bei der Luftwaffe.

Das Glas mit dem restlichen Orangensaft sieht ihn vorwurfsvoll an, ganz zu schweigen von dem Teller, aus dem er seine Haferflocken gegessen hat. Leben. Wie andere das machen, ist ihm ein Rätsel. Nicht abzuwägen zwischen schmutzigem Geschirr und sofortigem Abwaschen und nicht darüber nachzudenken, auf welche Kriterien es dabei ankommt.

Immer weiter assoziieren, darin ist er sehr gut: von angetrockneten Haferflocken bis zum Tod. Über Teller, Abwasch, Regeln, Vater, Kontrolle, Mama bis zu Tod. Ob es nun ums Abspülen geht oder um einen Marienkäfer auf seiner Schulter – schlussendlich hat alles mit dem Tod zu tun. Die Nachbarn erzählen manchmal von ihren Besuchen in Möbelparadiesen. »Eine Wonne, Leute, eine Wonne«, sagt Anja dann und schaut dabei glückselig in die Ferne. Es ist also möglich, etwas zu wollen, es zu tun und es ohne jeglichen Hintergedanken oder großes Gewese zu genießen. Ob Anja wohl gelegentlich an den Tod denkt, wenn sie durch so ein Einrichtungshaus geht? Eichenholztisch, persischer Teppich, Brezel zum Tee, Oma, Krebs, Tod?

Am liebsten würde er nun doch das Geschirr spülen, aber das wäre nicht richtig. Gerade dann gehen Dinge schief. Zu viel nachdenken ist das eine, das Schicksal herausfordern ist eine ganz andere Geschichte. Um aus so einem Gedankenzirkel wieder herauszukommen, hat er eine bestimmte Vorgehensweise: ab nach oben, in sein spezielles Zimmer.

4.

Schon auf der Treppe werden seine Gedanken ruhiger. Zugleich fühlt er die kleinen Impulse in seinem Bauch, den Kitzel des Wiederdürfens. So lange er dies nun schon macht, diese kleinen körperlichen Sensationen stellen sich immer wieder ein. Der abgewetzte beigefarbene Teppich auf den Stufen riecht wie früher, als seine Eltern noch lebten. Nicht daran denken. Bevor du dich versiehst, steckst du wieder in einem Teufelskreis von Assoziationen, vom Ende zum Anfang, und schließlich werden alle sterben. Ab nach oben! Der erste Raum, in dem seine Eltern schliefen, ist nun sein Schlafzimmer. Als er nach dem Tod seines Vaters daran dachte, das Haus zu verkaufen, nannte die Maklerin es »das herrschaftliche Schlafgemach«. Es dauerte Wochen, bis das blumige Parfum seiner Mutter nicht mehr in der Luft hing. Glücklicherweise kam er schnell zur Besinnung: Er würde dort alleine wohnen bleiben. Die Türen hält er immer geschlossen, andernfalls schauen ihn die ganzen Dinge so komisch an. Auch wenn er weiß, dass alles ordentlich aufgeräumt ist, findet sich immer noch etwas, das getan werden könnte. Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen. Sein Vater flüstert es ihm noch immer täglich ins Ohr. Also lieber das Sichtfeld begrenzen.

Aus seinem Kinderzimmer ist das Gästezimmer geworden – oder eigentlich trifft es »Gerümpelkammer« besser. Das letzte Mal, als dort jemand übernachtete, war auch das einzige Mal. Aber daran würde er nun nicht denken.

Direkt gegenüber befindet sich das Badezimmer mit einem Schrank für Staubsauger, Schuhputzutensilien und Taschenlampe. Und am Ende des Flurs ist es schließlich. Was einst das Nähzimmer seiner Mutter war, mit der teuren Singer-Nähmaschine, ist nun sein Lieblingsraum. Der alte Koffer der Singer dient heute nur noch zur Aufbewahrung, die Nähmaschine selbst ist schon lange Geschichte, genau wie seine Mutter. Da geht es schon wieder los: Singer, Mama, tot.

Er könnte sich ebenso gut einfach hinlegen und warten, bis alles vorbei ist. Aber das wäre nicht besonders originell, nach allem, was sein Vater getan hat: ihn mit Onkel Frans sitzen zu lassen, dem Papierkram, Mutters Sachen, den Uniformen – die er auf Wunsch seines Vaters ans Heer zurückschicken musste inklusive Galauniform und Kappe. Operative Ausrüstung, zivile Ausrüstung, zeremonielle Ausrüstung. Der Geruch seines Vaters steckte noch in den Sachen; eine Mischung aus Eau de Cologne und La-Paz-Zigarren. Das lassen die bestimmt reinigen, falls sie es überhaupt aufbewahren. Wer läuft denn bitte schön in einer fremden Uniform herum?

In ausführlichen Anweisungen hatte sein Vater festgehalten, was und wie alles nach seinem Tod zu geschehen habe. Herman hatte sich daran zu halten, Regeln sind Regeln, auch wenn man gerade Waise geworden ist.

Die Niederlande gründen sich auf Gesetzen, Ordnungsrahmen und Menschen, die sich danach richten. Die Ungehorsamen – zu denen würde Herman gerne gehören. Er versucht es, aber kommt nicht so recht damit voran.

Immer dein Bestes geben, Junge!, hört er seinen Vater sagen.

5.

Hallo, Freunde!« Herman hat schon als Kind damit angefangen. Jetzt, da er erwachsen ist, begreift er, dass es anderen nicht ganz normal erscheint, Spielzeug so zu begrüßen, aber aufhören kann er damit trotzdem nicht. Es würde von wenig Respekt zeugen, und zudem kann man nie wissen, ob Dinge nicht doch Gefühle haben. Eine Pflanze fühlt es, wenn man sie stutzt, Wassermoleküle schwingen gleichmäßiger bei Discomusik als bei Death Metal – also warum sollten Murmeln totes Material sein? Glas, Sand, Natur, Leben. Oder ist Natur eigentlich auch tot? Wohin er auch sieht, stehen Kugelbahnen. Auf dem Schreibtisch steht eine aus Papier, zu verletzlich, um damit zu spielen. Das Regal darüber ist voll mit hölzernen Bahnen, echten Klassikern. Im anderen Regal ein Modell von Lego, aber die läuft nicht geschmeidig, obwohl sie ganz schön teuer war. Es gibt Bahnen aus Plastik, aus Gips und aus Metall. Die schönste steht mitten im Zimmer auf dem Spielfeld: die Profi Dynamik L9 Marble Run mit Extrakomponenten.

Es hat einige Tage gedauert, sie zusammenzubauen: die solide Bahn, die Verbindungsstücke und die Basisplatte, mit der alles verschraubt wird. Die dazugehörige Bauanleitung ist zwar verständlich, aber wenn man seine eigene Bahn zusammenstellen will, muss man kreativ sein und über die Vorgaben des Herstellers hinausgehen. Wenn du erst mal mit Kugelbahnen angefangen hast, geht es dir nur noch um größer, schneller, komplizierter. Herman nimmt eine Perlmurmel aus dem Singer-Koffer, sie fühlt sich kühl an, als er sie über seine Handfläche kullern lässt. Je nach Tageszeit sehen die Farben anders aus; in diesem Augenblick ist es ein Blaugrau. Er drückt sie in der Hand, um sie zu erwärmen – dann wird sie besser rollen.

Ganz oben an der Bahn befindet sich die Startrampe. Diese lässt sich durch eine Sprungfeder verstärken, eine Art Minitrampolin – wie früher im Sportunterricht, als es darum ging, über den Bock zu springen. Herman ist kein Freund davon. Wenn man seine Bahn sorgfältig konstruiert und genug Ahnung von G-Kräften, Geschwindigkeit und Spins hat, braucht man eine solche Feder nicht. Das wäre wie Schummeln. Das gehört sich nicht und fällt letztlich auf einen selbst zurück, und zwar immer anders als erwartet. So wie damals mit Mama. Nicht daran denken.

Er legt die Murmel rasch auf die Startrampe. Sie rollt nach unten, scheint zu schwingen, beschleunigt ihren Lauf. Das Geräusch ist unvergleichlich, er erkennt es mit geschlossenen Augen. Alte Flipperautomaten haben etwas Ähnliches an sich, aber sie klingen dumpfer. Diese Murmeln rollen so sanft, berühren die Bahn nur mit ein paar Millimetern, in einigen Augenblicken nicht mal das, dann haben sie »airtime« und schweben in der Luft. Völlig frei. Am liebsten hält er dieses Bild vor seinem inneren Auge fest.

Die Perlmurmel rollt zum überdachten Abschnitt. Für ein paar Augenblicke sieht Herman nichts, sodass er sich auf das Geräusch des Rollens konzentrieren kann und die Augen bereit sind für das kommende Spektakel: den Aufzug. Die Murmel wird hinaufgezogen, verliert ihr Tempo und wird in eine durchsichtige Röhre entlassen. Man kann das mit mehreren Murmeln zugleich machen, aber das Risiko eines Staus ist ihm zu groß. Außerdem, warum sollte er? Wenn man wirklich Respekt für Murmeln empfindet, lässt man sie eine nach der anderen rollen.

Jetzt kommt’s: Die Kugel wird schneller, jagt durch den Korkenzieher und nähert sich dem Looping. Sie gleitet hindurch, scheint fast aus der Kurve zu fliegen und landet schließlich auf einem ruhigeren, geraden Abschnitt. Der Augenblick, in dem die Murmel sich am Scheitelpunkt befindet, ist immer wieder ein ganz besonderer. Für Bruchteile einer Sekunde schwebt sie, fällt aber nicht.

Herman denkt an den Jungen im Zyklop, an sein rötliches Haar, seinen Blick beim Start und am Ende der Fahrt, das Lachen. Wie es sich wohl anfühlen mag, loszulassen?

6.

Herman war acht Jahre alt, und bis zu den Sommerferien war es nicht mehr lang. Er hatte sein Zeugnis erhalten und wurde in die dritte Klasse versetzt. Seine Noten waren nicht besonders gut, doch was für andere ein mittelmäßiges Zeugnis gewesen wäre, stellte für ihn eine enorme Leistung dar. Das wusste er, das wusste sein Lehrer, und das wussten auch seine Eltern. Es war nicht so, dass er nicht lernen konnte, aber je mehr er sich anstrengte, desto schlechter fiel das Ergebnis aus. Prüfungstests verursachten bei ihm Schwitzanfälle, und sein Kopf schien plötzlich voller Watte. Am liebsten schaute er aus dem Fenster oder dachte darüber nach, wie lange es wohl dauern würde, bis er wieder zu Hause spielen und bei seiner Mutter sein konnte.

An jenem Samstagnachmittag betrat er nach stundenlangem Murmelspiel das Wohnzimmer, in dem sein Vater saß – die Rücklehne nach hinten geklappt, die Beine in den braunen Cordhosen hochgelegt, eine Zigarre im Mund. Rauchen im Haus war für seine Mutter völlig daneben, aber an Wochenenden duldete sie es. Dann schenkte sie sich selbst ein Gläschen Portwein ein und setzte sich mit einer Ausgabe der Margriet neben ihn – die Rauchschwaden hin und wieder mit der Zeitschrift wegwedelnd. Wenn es ihr zu viel wurde, erging sie sich in übertriebenem Hüsteln. Jetzt saß sie ganz still.

»Also, Herman, setz dich«, sagte sein Vater.

Er gehorchte sofort und schnappte sich den kleinen Superman-Hocker, den er zum Nikolaus geschenkt bekommen hatte.

»Mein Junge, du weißt, was ich immer sage: In dieser Familie streben wir nach Vollkommenheit. Dass es einem nicht immer gelingt, perfekt zu sein, ist zutiefst menschlich, aber wer nur eine Sieben anstrebt, wird niemals eine Zehn bekommen.«

Herman wurde unbehaglich zumute, sein Zeugnis war doch besser als erwartet? Er hatte doch gut aufgepasst in der Klasse, sein Bett einwandfrei gemacht, sein Zimmer aufgeräumt und beim Abwasch geholfen? Nicht geflucht, Zahnseide benutzt? Er nickte unbestimmt vor sich hin, jetzt war es wichtig, seinem Vater weiter in die Augen zu blicken und Respekt zu zeigen – auch wenn man keine Ahnung hatte, worum es ging.

»Deine Mutter und ich haben ausführlich darüber gesprochen, Pro und Kontra abgewogen. Weißt du, mein Junge, wir sind nicht die Schlechtesten. Der Rest der Familie nennt uns streng, na ja, außer Onkel Frans und Tante Trudy natürlich – ganz unser Menschenschlag –, aber wir wissen es besser. Von nichts kommt nichts. Wenn man hart arbeitet, Disziplin an den Tag legt und durchhält, erreicht man etwas, ganz so wie ich bei der Armee.«

Herman wusste genau, was nun folgen würde. Diese Platte hatte einen Sprung.

»Angefangen als Soldat dritter Klasse, aufgestiegen zum Oberstleutnant!« Bei jedem Wort trommelte er auf die Armlehne, als ob der Sessel ihn höchstpersönlich auf seinem Karriereweg begleitet hätte. Hermans Mutter sah seinen Vater voller Bewunderung an, sie hatte nur die Volksschule abgeschlossen. Er selbst fand das überhaupt nicht schlimm, denn niemand konnte so ordentlich bügeln, und sie machte den leckersten Grießpudding der ganzen Welt – vor allem, wenn es nicht Johannisbeer-, sondern Erdbeersoße dazu gab.

Vater schwieg für einen Augenblick und wippte mit den Beinen. »Was du später einmal werden wirst, Herman, ich weiß es nicht. Ich mache mir zuweilen Sorgen. Mit Murmelspielen lässt sich kein Geld verdienen, soweit ich weiß, aber schön, du bist ja noch jung.«

Herman spürte ein Ziehen im Körper, sein Mund war trocken, seine Finger kribbelten. Das angespannte Zuhören hatte ihn hungrig gemacht, er hätte jetzt zu gerne einen Spekulatius gegessen, traute sich aber nicht, sich zu bewegen. Seine Mutter nestelte an ihrem Rock herum. »Jaap, nun mach schon«, sagte sie.

Herman bemerkte erst jetzt, dass sie an ihren Lippen sog, das tat sie nur, wenn sie nervös war. Das alles ging ganz und gar in die verkehrte Richtung. Was hatte er sich nur zuschulden kommen lassen?

»Ja, kommen wir zu dem gemeinsam gefassten Beschluss. Deine Mutter und ich haben nach reiflicher Überlegung entschieden, dass du dieses Mal keine Murmeln zum Übergangzeugnis von uns bekommst, sondern etwas anderes. Du hast dich redlich bemüht und dein Bestes gegeben, Junge.«

Aha. Das hatte er nicht kommen sehen. Worum würde es wohl gehen? Eine Murmelbahn aus Beton, mit einem echten Loch? Eine fleischfressende Pflanze? Einen Labradorwelpen? Vater nahm einen Zug von seiner La Paz, kniff die Augen wegen des Rauchs kurz zusammen und sagte feierlich: »Junge, morgen gehen wir zusammen ins Wonderland!«

7.

Die Zimmer sind gesaugt, die Bettwäsche gelüftet, die Pflanzen gegossen – die Orchidee von Frans und Trudy bewusst ausgenommen, aber das Ding blüht trotzdem vor sich hin. Nichts läuft so, wie du es dir wünschst. Was sterben sollte, bleibt am Leben und andersherum. In einigen Wochen ist es Frühling, und er wird die Gardinen waschen, die Schränke von den Wänden abrücken und in Ecken staubsaugen müssen, in die er lieber nicht schauen würde. Dort erwartet einen niemals etwas Gutes, eher eine tote Assel oder ein Haarbüschel als die verloren geglaubte Fasanmurmel.

So ein Montag kann sich ganz schön hinziehen, es gibt kaum Ablenkung. Der Briefträger kommt sowieso selten, aber ganz gewiss nicht montags. Sein spezielles Lieblingszimmer hebt er sich lieber für ungerade Tage und das Wochenende auf. Die Nachbarn sind bei der Arbeit oder in der Schule, sodass sich auch in der Straße kaum etwas abspielt. Noch kann man nicht draußen murmeln; es ist schwer zu sagen, wann die Saison genau beginnt, denn dafür gibt es keinen bestimmten Monat oder Stichtag – man weiß es einfach, sobald es so weit ist. Du spürst es in deinem Bauch, und die Luft riecht anders: würzig, wie sonnenwarme Erde. Meistens liegt dieser Zeitpunkt im Frühjahr oder Herbst, manchmal im Sommer, nach Hermans Erinnerung aber niemals im Winter.

Er fragt sich, wie es wohl wäre, an jedem Wochentag morgens Haus und Murmeln zurückzulassen und erst am späten Nachmittag wieder zurückzukehren. Eine Horrorvorstellung. Dank seiner Erbschaft muss er noch nicht arbeiten. Sein Vater hat es so eingerichtet, dass Herman jeden Monat einen Betrag aus dem Treuhandfonds ausgezahlt bekommt. Es ist eigentlich gerade zu wenig, um gar nichts zu machen. Das ist auch die Absicht, denn Müßiggang gilt in der Familie van Dusselen als des Teufels Ruhekissen – nicht im biblischen Sinn, gläubig waren seine Eltern nicht, aber als Sünde wurde es doch gesehen, einfach weil es sich nicht gehört. Trotz allem gelingt es Herman ganz gut, über die Runden zu kommen, vorausgesetzt, er behält die Werbeprospekte von Aldi im Auge. Zwar muss er dann ins übernächste Dorf radeln, aber Zeit ist für ihn kein Geld, er hat mehr als genug Zeit, und wenn er sparsam ist, hält er es noch eine Weile aus.

 

Er nimmt den Wasserkessel und greift nach den Teebeuteln, um sich einen Earl Grey zu machen. Mit einem Knall fällt die Brotdose aus dem Küchenschrank mitten auf die Anrichte. Superman schaut ihn eindringlich an, den roten Arm kraftvoll ausgestreckt. Es scheint fast so, als wolle er etwas sagen. All die Gegenstände mit einer eigenen Meinung machen Herman gelegentlich unruhig, vor allem der Vorratsschrank kann sehr mürrisch wirken, wenn die Dosen und Töpfe nicht nach Art und Größe sortiert aufgereiht sind, so wie es Mutter früher immer getan hat. Die Rote Bete zu den Bohnen, die Pfirsiche in eigenem Saft zu den gezuckerten Kirschen. Ganz hinten die Knackwürste, der Speck und das Corned Beef. Auf dem obersten Regalboden lagen die Schokowaffeln, die Salmiak-Bonbons und die Lakritze. Es hat Jahre gedauert, bis er da oben herankam, aber selbst dann traute er sich nicht, zuzugreifen.

Der Inhalt des Schrankes hat sich inzwischen geändert. Das Naschzeug wurde durch Gesünderes ersetzt. Seit dem Unfall hat er keine Lust mehr auf Süßigkeiten, Spekulatius ausgenommen. Der gehört für ihn zum Brotbelag und ist daher komplett anders in seinem Kopf abgespeichert. Andere Leckereien verdient er auch gar nicht, schließlich ist er schuld am Tod seiner Mutter.

Der Teekessel pfeift. Er stellt die Brotdose zurück. Superman, Sitzbank, Wonderland, Achterbahn, strahlendes Kind. Sein Blick fällt auf die Obstschale, in der er zwischen Birnen und Schlüsseln die knallgelbe Eintrittskarte entdeckt – Herman van Dusselen, Freier Eintritt, 1.–28. Februar.

Wird er es noch mal wagen?

8.

Der Park ist schön gelegen. Weil er beim letzten Mal direkt auf den Zyklop zugesteuert war und stundenlang dort gesessen hatte, beschließt er nun, sich den Rest des Geländes anzusehen. Am Eingang steht eine große Tischtennisplatte. An der Stelle, wo normalerweise die Schläger liegen und das Netz gespannt ist, finden sich lauter kleine Nachbildungen aus Plastik, die zeigen, wo sich was im Areal befindet. Das größte Modell stellt den Zyklop dar.

Es ist unglaublich gut gemacht, eine exakte Kopie des echten. Das würde sich fantastisch machen in seinem speziellen Spielzimmer. Ob man wohl Murmeln anstelle der Achterbahnwagen einsetzen könnte? Vorsichtig berührt er das Modell.

»Nur angucken, Anne-Fleur! Bleib hier, Emma!«, schreit eine Frau hinter ihm.

Zwei Kleinkinder rennen auf die Modelle zu und beginnen, alles Mögliche zu veranstalten, jedenfalls alles außer »nur angucken«. Sie packen den Nachbau des Kettenkarussells, ziehen und zerren so fest daran, wie sie können, und wechseln dann über zum Schiff und der Wildwasserbahn. Die Kleinere popelt sich irgendetwas aus der Nase und schmiert es auf das Lama im Miniaturzoo. Was die Kinder vor sich hin brabbeln, ist kaum zu verstehen, aber sie sprechen mehr mit sich selbst als miteinander.

Zwei Kleinkinder, zwei Monologe. Bei manch Erwachsenem lässt dieses Bedürfnis niemals nach. Wenn Anja mit Karel spricht, siehst du förmlich, wie er wegdriftet, während sein Schatz immer weiter darüber schwadroniert, was für einen wundervollen Tisch sie jetzt schon wieder entdeckt hat. Und wenn Karel von seinem Bürojob erzählt, verhält es sich genau andersherum. Toll, verheiratet zu sein.

Herman kann sich bei dem Lärm nicht auf die Modelle konzentrieren. Nicht dass er Kinder nervig finden würde, es ist mehr so, dass ihm der ganze Raum plötzlich so ausgefüllt erscheint, dass er selbst dort keinen Platz mehr findet. Wo vorher Luft war, bildet sich ein Vakuum, etwas in ihm erstarrt, und er hört seine eigenen Gedanken nicht mehr. Ihr Gespräch ähnelt dem Zirpen von Grillen und ihre Bewegungen einer Abrissbirne. Sie agieren so selbstsicher. Herman möchte nicht mit ansehen, wie sie mit ihren Rotzfingern die Achterbahn betatschen. Manchmal ist es besser, wegzulaufen, als zu leiden.

 

»Wo gehen wir hin, wo gehen wir hin, Wonderland ist so wunderwunderschön …« Der riesige Baum, an dem er vorbeischlendert, scheint singen zu können. Bei näherer Betrachtung stellt er sich allerdings als künstlich heraus.

»Äh, ich weiß es nicht!«, antwortet er. Augenblicklich schämt er sich, denn der Baum kann bestimmt nicht hören. Seine Murmeln schon, die begreifen ihn, antworten jedoch nicht. Der Baum besingt nun die Attraktionen und die braven Kinder, die zusammen spielen – Zeit weiterzugehen. Diese Art von Werbetexten handelt nie von seiner Jugend, in der niemand zum Murmeln vorbeikommen wollte, selbst als er dafür sein Taschengeld angeboten hatte. Es dauerte eine Weile, bis er herausfand, dass die Kinder in seiner Klasse das Vier- bis Fünffache von den Eltern bekamen. Als er seiner Mutter davon berichtete, sagte sie: »Sparsamkeit und Fleiß machen kleine Häuser groß.«

Dank seines umsichtigen Umgangs mit Geld kann er heute mit der kleinen monatlichen Zahlung auskommen. Im Grunde ist es das Geld seiner Eltern, und er ist darauf gedrillt, gut damit zu haushalten.

Dinge, die er früher schrecklich fand, stellten sich später als ganz okay heraus. Was er allerdings klaglos akzeptiert hatte, erwies sich als das reinste Elend.

Die Lamas, Flamingos und Hängebauchschweine scharren in ihrem Gehege ein bisschen herum. Ein Lama sieht ihn unter langen Wimpern und mit neugierigem Blick an, den Kopf schief gelegt. Herman würde gerne den plüschigen Hals berühren und das herrliche Fell kraulen, sich mit dem Lama unterhalten. Vor dem Zaun steht eine Bank. Wie spät ist es? Halb zwölf. Zu früh für einen Imbiss, also läuft er weiter.

Er hatte sich vorgenommen, irgendwo reinzugehen. Der kleine Junge hatte so glücklich ausgesehen im Zyklop. Auch wenn Herman natürlich bewusst ist, dass er sich so etwas wie die Achterbahn niemals trauen würde: Was wird aus einem, der seine eigenen guten Vorsätze nicht ernst nimmt?

Geisterhaus, Wildwasserbahn oder Schiff? Zu beängstigend. In der Ferne sieht er ein paar farbenfrohe Stände. Er entscheidet sich für den rosafarbenen, von dem ihm schon ein süßer Geruch entgegenweht. Mit jedem Schritt wird das Aroma, das ihm vage bekannt vorkommt, intensiver.

Die Buchstaben werden deutlicher, gleich kann er den Schriftzug lesen. Sein Bauch kribbelt ein wenig. Komisch, es fühlt sich an, als würde er gleich murmeln. Nur noch ein paar Meter, dann erkennt er es endlich klar und deutlich: »Jeanettes Zuckerwatte«.

9.

Die Gegend rund um Ellmau war als eines der schönsten, saubersten und ruhigsten Wandergebiete Österreichs bekannt, jedenfalls abseits des jährlichen Dorffestes, das mit Lederhosen, Dirndln und Jahrmarkt aufwartete. Ebendas fand aber just zu der Zeit statt, als Herman mit seinen Eltern dort die Ferien verbrachte. Schon nach dem ersten Tag waren sie der hektischen Betriebsamkeit des »Wanderdorfs am Wilden Kaiser« entflohen, kein Kaiser in Sicht, nur sehr viele Tiroler Kinder. Auf den ersten Blick erschienen diese gesitteter als das durchschnittliche Bredevelder Schulkind, aus den Autoscootern drang jedoch genauso viel Geschrei wie zu Hause, vielleicht sogar noch etwas mehr.

Das Festgelände befand sich gegenüber dem Hotel auf dem Dorfplatz. Von seinem Fenster aus beobachtete Herman durch ein Fernglas das Geschehen. Alles, was er sah, war zum Greifen nahe. Die glänzend schokolierten Äpfel schienen ihn zu locken, und es gab Stände mit Bratwurst und Kartoffelsalat. Er sah Autoscooter, Schießstände und Karussells. Zu gerne wäre er dort gewesen, aber das war ihm nicht erlaubt. Seiner Mutter zufolge wurden Jahrmarktsattraktionen weniger genau kontrolliert als Vergnügungsparks, und im Ausland konnte man sich schon mal gar nicht sicher sein. Würde er ohne Gejammer mit Spazierengehen, dürfte er sich anschließend eine Zuckerwatte am Stand kaufen, vielleicht auch noch kurz zum Hau-den-Lukas oder zum Schießstand mit den Kuscheltieren, nur der Autoscooter kam überhaupt nicht infrage. »Man kann nicht alles haben«, sagte sie.

 

Mutter hatte sich wochenlang in der Bibliothek eingelesen, das österreichische Fremdenverkehrsamt angerufen, die Koffer sorgfältig gepackt. Es galt, jegliches Risiko auf ihrer ersten Auslandsreise zu vermeiden: Insektenspray, Heilsalbe für den Fall, dass sie trotzdem gestochen würden, Antihistamine, Sonnencreme, Schirmmützen, Tabletten gegen Verstopfung oder Durchfall, je nachdem. Vater hatte es gerade noch geschafft, das Moskitonetz aus dem Koffer zu fischen, schließlich gab es in Ellmau nun wirklich keine Malariamücken. Sein Einsatz führte allerdings zu reichlich Missstimmung auf der Hinfahrt. Mutter sog an ihren Lippen, als würde sie an einem heißen Köder knabbern, und hielt dabei die Straßenkarte krampfartig in Händen. Als Hermann und sein Vater zu ihr sahen, rang sie sich mühsam ein Lächeln ab.

Die Bergroute war schön, aber knackig – auch wenn man schon fast in die fünfte Klasse ging. Vater dozierte über Edelweiß und Brandnesseln und wie man überlebt, wenn einen feindliche Truppen in der Wildnis aussetzen. Es erschien Herman unwahrscheinlich, dass so etwas passieren würde – diese Dinge geschahen nur während der Studienwoche, kurz vor den Ferien. Das hatte er von Kees gehört. Er war nicht mitgefahren, denn diesmal waren sie nicht zum Radfahren nach Texel aufgebrochen, sondern zum Survivaltraining in die Ardennen. Man feierte das 50-jährige Jubiläum, also legte die Grundschule Eintracht mächtig los.

Vater hätte es erlaubt, denn es würde Herman stärker und widerstandsfähiger machen, hatte er gesagt. Mutter putzte zunächst das ganze Haus mit einer Verbissenheit, die selbst für ihre Verhältnisse ungewöhnlich war. Tagelang sprach sie nicht mit Vater und suchte dann alleine den Klassenlehrer und den Schuldirektor auf. Sie erklärte den beiden, dass ihr Sohn noch nicht so weit wäre, es könne alles Mögliche schiefgehen und »Herman sei nun mal nicht sportlich«. Außerdem hätte man geplant, den Sommerurlaub in Österreich zu verbringen, das Ganze wäre also nicht allzu bedauerlich. Vater gab schließlich nach, »um des lieben Friedens willen«.

Warum hörten die anderen auf sie? Warum dachte niemand an ihn? In der letzten Woche vor den großen Ferien kannten seine Klassenkameraden nur noch ein Thema: wie toll das Abseilen gewesen war, wie mutig sich die Mädchen an der Seilbahn angestellt hätten, wie göttlich ein gerösteter Marshmallow schmeckte. Okay, Ramesh hatte sich bei einer Rangelei das Handgelenk gebrochen, und Willemijn hatte sich am Lagerfeuer Brandwunden ersten Grades zugezogen, aber das erwähnte er zu Hause erst gar nicht.