Augenblicke eines Sommers - Peter van der Meer - E-Book

Augenblicke eines Sommers E-Book

Peter van der Meer

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Beschreibung

Der junge Lars de Lima reist auf der Suche nach neuen Erlebniswelten für sein Buch nach Norwegen und stößt auf eine Gemeinschaft von drei Frauen, in die er sich leidenschaftlich verliebt. Gemeinsam mit weiteren Freundinnen erlebt er Liebesabenteuer zwischen Rocknal, Kopenhagen und Trappeto, Sizilien. Kann ein solcher Lebensentwurf funktionieren und welche Rolle spielt sein bester Freund, ein charmanter Sizilianer hierbei? Ein vielbeachteter Roman mit hocherotischem Inhalt in ungewohnter Offenheit nimmt den Leser sensibel mit auf unvergessliche Momente, während derer ihm die Hauptfiguren unweigerlich ans Herzen wachsen.

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Seitenzahl: 830

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Was bleibt vom Leben?

Letztendlich doch nur die Erinnerung der Menschen, die einen lieben.

Inhaltsverzeichnis

Lars – Weites Herz

Nora – Entschlossenheit

Alva – Lebenslust

Calla – Anmut

Envie – Sensibilität

Giulia – Temperament

Jule – Kreativität

Lars — Weites Herz

Einige Minuten sah er noch hinaus, dann fielen ihm die Augen zu. Er fand sich wieder in dem weitläufigen Zimmer am „Canal Grande“. Venedig zelebrierte diese unnachahmliche Mischung aus Tristesse und Lebensfreude. Es war Mittag. Die Sonne versuchte die Nebelschwaden, welche hartnäckig die Lagune besetzten, zu durchdringen. Lars hatte in einer beschaulichen Bar um die Ecke gefrühstückt und verbrachte die Zeit damit, den vorbeigleitenden Schiffen zuzusehen. Mächtige Körper pflügten durch das Wasser, kleine grazile Geschöpfe tänzelten filigran daneben. Allen gemeinsam war ein gestecktes Ziel, welchem sie hartnäckig zustrebten. Und so versuchten sie ihr Bestes, um nicht verdrängt zu werden oder in eine Strömung zu geraten, die sie von ihrem einmal eingeschlagenen Kurs abhalten konnte. Gedämpft erreichte ihr Schnaufen und Wühlen, ihr Plätschern und Gurgeln seine Ohren. Er stand lange da und beobachtete das Treiben. Dabei verspürte er keine Lust mitzufahren. Für sich mit einem Boot die Kanäle zu seinen Füßen erkunden, das wäre sicherlich etwas Reizvolles. Selbst den Rhythmus bestimmen, sich treiben lassen, Unverhofftes entdecken, sich aussetzen — welch wundersame Art des Erlebens! Er war der Banalitäten des Lebens überdrüssig geworden und wollte sich nicht vorstellen mit anderen Menschen auf engem Raum unterwegs zu sein. Alles musste kommentiert werden, Nebensächliches wichtig genommen. Denn, wenn das Schiff sich in eine Nebelbank hineinschob wollte der Atem der Zeitlosigkeit gespürt werden. Worte würden, wie meist, alles zerstören, denn es wäre angebracht zu schweigen. „Doch, wie wenig Sensibilität gönnt sich unsere Zeit“, dachte er.

Lars wandte sich ab und durchquerte den Raum mit großen Schritten. Eine Schiebetür gewährte Zugang zu einem hellen, mächtigen Nebenraum, in dessen Mitte eine Harfe thronte. Das opulente Instrument wurde an die Schulter gezogen, er spürte den imposanten Klangraum, der darauf wartete gefüllt zu werden. Seine Fingerkuppen spannten die Saiten und sobald sie vibrierten setzte der Körper Töne frei, die ihresgleichen suchten, um sich zu verbünden. Klangteppiche mit bunten Mustern und entfesselten Tupfen schwebten davon. In sie hineingewebt waren Empfindungen, wie sie in all ihrer Fülle die Moment – Aufnahme seiner Stimmungslage widerspiegelten. Langsam und bedächtig füllten sie das Kuppelgewölbe, strömten durch die angelehnten Fenster und weiter über Dachfirste, bis sie sich an die Nebelkanten krallten und davontragen ließen. Und dann plauderten sie Geheimnisse aus und erzählten etwa davon, dass Mann und Frau einander entsprechen und doch schwer verstehen. Weitere Vertrautheiten wurden entfesselt und nur die Möwen, welche schwebend im Wind verharrten, konnten sie entschlüsseln.

Eine davon handelte von zwei Schwestern, die für einander da waren und ihr Leben teilten. Als sich die ältere unsterblich verliebt, empfindet die jüngere mit ihr und so ergreift die Liebe beide Herzen. Der Mann, der dies ermöglichte, hieß Harmonie. Die Schwestern nannte man Leidenschaft und Sehnsucht. Und da Sehnsucht ein Leben lang nur teilhaben durfte an der endlosen Liebe ihrer Schwester, starb sie eines Tages mit jener eigentümlichen Mischung aus Freude und Trauer, die man in den Gesichtszügen vieler Frauen liest. Leidenschaft aber ist unsterblich und zusammen mit Harmonie ruhelos bemüht den Gegenspieler aller Emotionen, die Vernunft aus den Herzen der Menschen zu vertreiben. Der Geist Sehnsuchts fand seinen Frieden an den Ufern Venedigs. Leidenschaft ließ sich mit ihrem Mann in Kap Ghir nieder. Fortan sollten sie die Wogen des Meeres mit ihrer Schwester verbinden.

Lars hielt inne und wartete kurz ab. Dann schob er die Harfe von sich. „Jeder Tag braucht eine Geschichte, die zu ihm passt, so wie jeder Mensch Kleidung tragen sollte, die nur ihn umhüllen kann“, dachte er und erwachte. Was für ein mächtiger Traum hatte sich seiner bemächtigt!

Als er die Augen öffnete und den frischen Tag zu erspüren begann, war er überrascht von der weiten Ebene, die ihn umgab. Zwar hatte er in der Abenddämmerung seinen Schlafplatz, wie meist, sorgfältig gewählt und darauf geachtet, ausreichend Abstand zu seinem Umfeld zu halten. Dennoch vermochte die umgebende Landschaft ihn kindlich zu erstaunen und es war jeden Morgen spannend zu entdecken, wohin es ihn verschlagen hatte. Die grüne Fläche war auf der rechten Seite begrenzt von einem Birkenhain und durchsetzt von großen Steinbrocken, welche teilweise von Flechten bedeckt waren. Ihre matten Erdfarben kontrastierten gut mit dem Weiß der Birken. Die Sonne steuerte feine Streifen von Rosa zu dieser Szenerie bei und sorgte für harte Abbruchkanten an den Felsen. „Die Birke ist die Anmutigste und Femininste aller Bäume“, dachte Lars. „Wenn jemand Musik für Birken komponieren könnte, dann wäre das Wim Mertens. Epik in Töne übersetzt. Schnelle, filigrane Tonfolgen, die dem Charakter dieser Wesen entsprechen.“ Die Birken wiegten sich im Wind und kamen einander mal näher, mal trieb es sie auseinander. Ein kehlig, rauschendes Geräusch schwebte in der Luft. Auf einer leichten Anhöhe in der Ferne entdeckte er nun ein flaches Gebäude. Es behauptete sich in der Stimmung, wohlwissend, dass es eigentlich nicht hierher gehörte. Lars schenkte sich eine Tasse Kaffee vom Vortag aus einer silbern funkelnden Thermoskanne ein. Nach einigen kräftigen Schlucken schälte er sich aus dem Schlafsack, verschloss die Wagentür und machte sich auf den Weg hinüber. Es war kühl und roch erdig frisch. Die dunkelblau gestrichene Front mit dem Grasdach zog ihn an. Intuitiv hatte er etwas Bestimmendes hier vermutet und war neugierig, was es sein mochte. Als nach mehrmaligem Klopfen keiner kam, drückte er die zweiteilige Tür sachte auf und trat ein. Ein Atelier erstreckte sich vor ihm, welches aus nur einem Raum bestand. Abgesehen von der Tür mit angrenzender Wand reichten die Fenster bis zum Parkett und bildeten zu drei Seiten eine Glasfront. Auf diese Weise führten sie die Landschaft bis in jede Ecke des Zimmers fort. In der Entfernung erkannte er den Birkenwald und daneben seinen treuen Defender, auf einem Kiesstreifen geparkt. Darüber der Frühlingshimmel. „Blau, Weiß und Grün“, murmelte er. „Das sind die Farben, mit denen sich unser Gemüt öffnen lässt. Wenn man nichts sucht, kann man alles finden!“ An der Wand war eine lange Arbeitsfläche aus Buchenholz angeordnet. Auf ihr zwei Nähmaschinen. In einem Regal darüber warteten Stoffe auf ihre Verarbeitung. Das zentrale Element des Ateliers bildete ein mittig platzierter Zuschneidetisch, der bestimmt neun Quadratmeter einnahm. Lars legte einen Lichtschalter um und sah, dass die Spots auf die Fläche gerichtet waren. Ein riesiger Quilt lag ausgebreitet vor ihm. Er traute seinen Augen nicht, ob der ungeheuren Anzahl an kunstvoll angeordneten und zusammengenähten Drei- und Vierecken, die in gedeckten, freundlichen Farben erstrahlten. Jeder Quilt offenbart Momentaufnahmen der Biografie seiner Näherin, sagt man. Meist wird eine weibliche Geschichte erzählt, die viel über die Person schildert, welche in vollkommen stimmigen Stunden dieses Werk geschaffen hat. Über ihre Seele, ihre Empfindungen und subjektive Art zu abstrahieren. „Jede Kunst ist subjektiv, jegliche Kunst abstrahiert und auch alle Worte tun das“, fühlte er nun beunruhigt. „Auf diese Weise wehrt sich die Wirklichkeit gegen alle Versuche sie zu fesseln, festzulegen oder allgemeingültig wiederzugeben. Manche Quilt Künstlerinnen übertragen Erlebtes aus dem Herzen heraus auf Stoff, andere benutzen ihren Verstand dabei. Dann verwässert die Aussage!“

Aktiv mischte sich der Quilt nun in seine Gedanken und trat in Kontakt mit dem Eindringling. Gärten erstrahlten darauf, ein klarer Horizont, Fenster mit Ein- und Ausblicken, Krähen in vermeintlicher Eintracht unter einer Buche, flüsternde Birken, ein Honigstock und schließlich der Leuchtturm, unter dem das Wort Kapkap eingestickt war. Die Umrandung der Komposition war in winzig kleinen Quadraten und Rauten in den Farben Blütenlila, Westküstentürkis und australischem Ocker gestaltet. Seine Augen wanderten zur zentral angeordneten Szene, die mit grobem Leinen appliziert war. Drei Frauen standen sich gegenüber. Sie hatten die Arme unter der Brust verschränkt und schauten sich in die Augen. Ihre Lippen waren fest aufeinander gepresst. Das Trio schien durch ein unsichtbares, doch fühlbares Band aneinander gebunden. Offensichtlich entging keiner Frau auch nur die kleinste, feinste Regung der anderen. Von der Körperhaltung her konnten sie Geschwister und Mutter sein. Die jüngere Blonde fasste zärtlich den Unterarm der älteren schwarzhaarigen Schwester. Die Mutter dahinter war wie eine gute Freundin skizziert. Ihr Zusammentreffen strahlte Ruhe, Ernst und eine schlicht uneinnehmbare Aura aus. Zwischen ihnen schwelten unausgesprochene Worte, unvollendete Gefühle und eine gemeinsame Erfahrung, die allmächtig war.

Lars richtete sich erschrocken auf. Er hatte das Gefühl beobachtet zu werden. Doch als er sich umdrehte war niemand zu sehen. Die Tür des Ateliers rastete trocken ein. Gedankenverloren stolperte er den Weg zurück zum Wagen.

Der Himmel war zugezogen. Aus dunklen Wolken fielen wenige Regentropfen, welche pieksend wie Nadelstiche auf sein Gesicht prasselten. Hatte er eine unsichtbare Grenze überschritten und war auf Terrain vorgedrungen, welches nicht für ihn vorgesehen war? Er lehnte sich zerfahren zurück und blickte suchend durch die Windschutzscheibe über das puristische Land. In feinen Vorhängen regnete es mittlerweile, der Wind nahm im Minutentakt zu. „Der Morgen im April fand mich lächelnd“, dachte er. „Das weiche Licht verschwenderisch ausgeschüttet über diese emotionale Landschaft, das Wahre hinter den Dingen hervorhebend.“ Langsam sein lohnt sich und die nordische Ruhe ist wie eine Symphonie ohne Töne. Weit entrückt und jederzeit bereit die Gedanken auf einer Bö mitzunehmen, um sie an einem anderen Ort abzusetzen. „Der Mittag im April fand mich erschrocken“, fühlte er. „Wie angenehm!“ Wie lange schon mochte er das Straßengewirr und die ängstlich aneinander gedrängten Häuser verlassen haben, die Menschen als Zuhause bezeichneten? Heimisch gefühlt hatte er sich dort nie und nur seine Gedanken und Gefühle boten ihm ein Nest, um sich von seinem Umfeld abzugrenzen. Der Regen schneite unaufdringlich auf die Scheibe. Die Landschaft verfloss zu einem Aquarell. „Ich möchte der Vergangenheit nicht mehr Raum geben, als ihr zusteht“, beschloss er. „Sie blockiert hartnäckig die Zukunft.“ Gewonnene Erkenntnisse sind in einem neuen Kontext unnütz, da sie von überholten Wertesystemen stammen. Der Scheibenwischer brachte die ungeschminkte Wirklichkeit zurück. Lars betätigte den Anlasser. Nun wollte er weiterfahren und sich einlassen auf das Spiel, welches das Leben mit uns treibt. Oder wir mit dem Leben? Was sagen die Menschen, mit denen man sich trifft, über uns aus? Oder treffen diese Menschen unweigerlich auf uns? Wer sind diese drei Frauen auf dem Quilt und warum möchte ich sie kennenlernen? Fragen tut gut. Vor allem das sollten wir uns bewahren — doch war das noch so oder war da ein Verlangen entstanden?

Er folgte der kleinen Straße, die nicht mehr war als ein befestigter, breiterer Weg. Ein Bachbett schmiegte sich an seine Windungen und das Plätschern mischte sich mit den Regentropfen, die unaufgeregt auf die Scheibe fielen. Nach kurzer Zeit erschienen die Konturen eines Dorfes. Die Wolken waren weitergezogen. Zartes Himmelblau setzte sich sachte durch. Auf einer Welle in der Weitläufigkeit, die einem Walbuckel ähnelte, hielt er an und genoss den freien Blick, auf der Motorhaube sitzend. Der schmale Fluss schlängelte sich durch das Tal, welches von schroffen Felskörpern begrenzt wurde, die wie Schiffsrümpfe aus der Erde ragten und der moosgrünen Atmosphäre Spannung verliehen. Dahinter war als feiner Streifen das Meer zu erahnen. Die Häuser waren allesamt in „Stugröd“ gestrichen und für die Gegend unüblich herrschaftlich groß, mit Nebengebäuden, riesigen Veranden und großzügig angelegten Gärten. Die klobigen Gebäude wirkten wie dahingestreut, doch ein Schema musste dahinter stecken. Eine ausgelebte Sturheit, die nicht diskutiert werden wollte und nicht in dieser Gegend praktiziert wurde. Eventuell im Rathaus der nächst größeren Stadt. „Titulieren wir Charakterstärke oft als Sturheit?“, sinnierte er. „Oder ist die Sturheit der insistierende, negative Zug an ihr?“ „Ich weiß es nicht“, gestand er sich ein. In den Räumen zwischen den Anwesen duckten sich verirrte Kiefer, krumm und gebeugt in alle Richtungen stehend, wenig überragt von einem Turm, der zu einer kleinen Kirche gehörte. Mit einem Schmunzeln nahm Lars wahr, dass keine Zäune die Bewohner dieser kleinen Siedlung trennten. „Eine Welt ohne Zäune und Jalousien, wie wunderbar das wäre“, empfand er. „Dies könnte ein erster, wichtiger Schritt zum gegenseitigen Verständnis sein. Kinder wüchsen auf, ohne Grenzen und Zäune im Kopf, ohne Scheuklappen — das Verbindende betonend und nicht das Trennende. Wenn sie später Entscheidungsträger werden, würden sie keine Grenzen zwischen Ländern akzeptieren und auch keine Regeln, die behindern.“

„So einfach ist das“, resümierte er und es tat gut, obwohl er wusste, dass es nicht so unkompliziert sein würde. Etwas abseits des Dorfes legte eine Frau im weißen Kleid Wäsche über eine Leine. Der Hof bestand aus einem trutzigen Haupthaus und zwei Nebengebäuden, die wie Miniaturen davon wirkten. Er war an den Flanken einer Hügelkette errichtet worden, die im Dorf endete. Ihm kam Svenja in den Sinn mit ihrem Faible für Weiß. Weiße Kleidung, weißes Auto und natürlich waren Geschirr und Tischwäsche ebenfalls in Weiß gehalten. Weiß stehe für Reinheit, hatte sie gelegentlich betont und darüber vergessen, dass Weiß doch nur eine Farbe ist, die mit Leben gefüllt werden muss. Er hatte sich von Svenja getrennt und genoss es Entscheidungen zu treffen, die er nicht mehr mit ihr abstimmen musste.

„Gibt es Frauen mit weitem Herzen, die sich nicht in den Kleinlichkeiten des Alltags verlieren?“, fragte er sich nun, um sich selbst die Antwort zu geben. „Bestimmt“, sagte er übertrieben laut und fügte leiser hinzu: „Nur ich habe noch keine mit einer ebensolchen Wesensgüte getroffen!“

Lars folgte dem Weg, der nun geteert war und passierte ein schlichtes Schild, auf dem der Dorfname mit „Stenflod“ ausgewiesen war. Die kleine Straße führte gewunden zu den Häusern hinunter, ein Abzweig leicht bergan zum Hof, auf dem die Wäsche, mittlerweile an Seile geknüpft, flatterte. Einer Eingebung folgend bog er ab und hielt auf den Platz zu, an dem die Frau eben noch gestanden hatte.

In einen größeren Stein am Wegrand war der Name „Sørensen“ in fließender Schrift eingemeißelt. Die Buchstaben rot betont. Er meinte, es sei eine gute Idee zu fragen, ob sie ein Zimmer für die Nacht wüssten, da eine Dusche gut täte. Seine Wäsche musste ebenfalls versorgt werden. Er hielt neben dem rechten Gebäude und stellte den Motor ab. Jeder musste sein Kommen bemerkt haben. Doch auch nachdem er eine Zeitlang wartete, kam niemand auf den Hof. Die Präsenz der Bewohner war zu spüren, auch wenn sie sich nicht zeigten. Abwartend nahm er auf einer Bank Platz, die scheinbar unbeachtet an die Wand des in hellem Weinrot gestrichenen Gebäudes gelehnt war. Die Sonne stand schon tief und schickte lange Schatten durchs Tal. Er erkannte, dass das Anwesen ideal ausgerichtet dastand. Die letzten Strahlen erreichten das Hauptgebäude und ließen es in weichem, züngelnden Orange aufleuchten. Lars öffnete die Hecktür, zog eine Flasche „Noilly Prat“ heraus und schenkte sich ein Glas ein. Dann ging er zu seinem Platz auf der Bank zurück. Ein leeres Glas stellte er einladend neben sich ab. Den Vermouth platzierte er darunter. Es wurde langsam kalt, aber Lars hatte längst Fühlung aufgenommen mit der besonderen Stimmung dieses Ortes, der Ungewissheit, in der alles und nichts geschehen konnte. Nur so befand er sich im Einklang mit seinen Gefühlen. Eine wohlige Wärme breitete sich in ihm aus.

Der abendliche Besucher war abgetaucht in den eigenen Kosmos, den wir alle in uns tragen, den zu entdecken sich dennoch nur wenige wagen. Er bemerkte die Augenpaare nicht, die sich ihm zuwandten und beobachteten, lauschte dem aufgeregten Klagelied eines Vogels, der in den Büschen gegenüber Stellung bezogen hatte, folgte mit einer schnellen Kopfbewegung dem Tiefflug der Schwalben, die halsbrecherisch um den Dachfirst schwirrten. Schließlich ging im Haupthaus Licht an.

Ein Zimmer, in Blautönen gestrichen, beanspruchte die Dunkelheit für sich. Mehrere Schatten huschten vorbei. Er meinte blondes und schwarzes Haar, das durch den Raum wehte, ausmachen zu können.

Sein Bett wartete im Fond des Land Rovers und sobald der Reißverschluss des Schlafsacks zugezogen war fielen ihm auch schon die Augen zu. Es war windstill und sternenklar. Sein Traum entführte ihn in die Salzwüste. Die Leere fühlte sich gut an. Neues entsteht nur in der Abwesenheit von alten, verkrusteten Gewohnheiten. Seine Schuhe knirschten beim Laufen auf den Salzkristallen und während er dem Horizont entgegenschritt, drehte er sich mehrfach, um zu entdecken, dass dieser nach allen Seiten unverstellt und wie mit einem Skalpell gezogen zu sehen war. Nur seine Fußabdrücke zeigten, woher er gekommen war. Doch tatsächlich, so empfand er, spielte es doch keine Rolle von welchem Horizont zu welchem Horizont man liefe. Es gibt doch nur den einen.

„Dann spielt der Weg auch keine Rolle oder das Ankommen“, dachte er. „Eine Position im Leben ist genauso gut wie eine andere! Letztlich reduziert sich alles auf die innere Welt, die zu entdecken es des äußeren Horizonts bedurfte.“ Eine sternenklare Nacht spannte sich über das Tal. In der kühlen Luft funkelten die Sterne unmissverständlich, als erahnten sie, dass sich etwas Großes anbahne, dessen Menschen fähig sind, sobald sie Konventionen hinter sich lassen.

Die Sonne erhob sich zärtlich über den grünen, samtweichen Hügeln. Der Sørensen Hof lag im Halbschatten. Neben dem gelegentlichen, verstörten Miauen einer Katze erwachten die Vögel in den Eiben und begrüßten den Tag mit aufgeregtem Gezwitscher. Lars richtete sich im Schlafsack auf und rieb sich die Augen. Etwas hatte ihn geweckt. Ein erneutes Klopfen an der Seitenscheibe brachte Gewissheit. Er spähte hinaus und blickte direkt in ein aquatintblaues Augenpaar. „Moment!“, rief er und schlüpfte aus dem wohlig warmem Schlafsack in den kühlen Raum. Dann strich er seine Haare aus dem Gesicht, zog geschickt eine Leinenhose an und öffnete die Seitentür. Er hielt die Luft an. Vor ihm stand eine junge Frau, die ihn mit großen, neugierigen Augen anschaute. Ihr Mund war leicht geöffnet, darüber reckte sich eine kleine Stupsnase gen Himmel. Ihre blonden, langen Haare fielen leicht gelockt über die Schultern. Sie war von solch makelloser Schönheit, dass Lars ein zupfender Schmerz durchfuhr. Ein weißes Hemd und Jeans betonten ihre schlanke Gestalt, die Füße steckten in Flipflops. In den Händen hielt sie ein Tablett mit einer kleinen Kanne Kaffee und einem weißen Humpen, daneben waren einige Kuchenstückchen auf einen Teller geschichtet. „Hej!“, sagten sie beide wie aus einem Mund. Lars schob ein schnelles „Danke dir!“ hinterher. „Gerne“, sagte sie lächelnd. „Ich heiße übrigens Alva. Mit Milch — ohne Zucker, nicht wahr?“

„Stimmt!“, erwiderte er und war erstaunt, dass ihn nicht wunderte, woher sie das wusste. Sie stellte das Tablett auf den kleinen Tisch, der neben der Bank platziert war. Lars holte eine zweite Tasse aus einem Schränkchen, doch als er den Kopf wieder nach draußen drehte, sah er wie sie leichtfüßig zum Haupthaus zurückschlenderte und darin verschwand. „Was war das denn?“, dachte er. Ein kurzer Moment hatte gereicht . Er fühlte sich aufgewühlt und fasziniert von diesem Wesen, das er nicht so recht begreifen konnte. Er griff nach der leichten, getöpferten Tasse und las den Schriftzug neben dem Henkel, eingeritzt in den lasierten Ton und schwarz unterlegt. „Kapkap“ stand da in geschwungenen Lettern. Die Szene vom Vortag im Quiltatelier kam ihm in den Sinn. Die ersten Schlucke Kaffee empfand er stets als ein Versprechen, es würde ein guter Tag werden. Dieses Versprechen hatten die Tage meist gehalten. Heute war es schon eingelöst worden. Er kostete von dem Marmorkuchen und stellte sich vor, wie ihre Hände die Stücke geschnitten und behutsam auf den Teller gelegt hatten. Bei diesem Gedanken wurde ihm warm und das lag nicht nur am Kaffee. Die Begegnung war so flüchtig gewesen, dass er nicht dazu gekommen war zu fragen, ob jemand in der Nähe ein Zimmer anbiete. Er beendete sein Frühstück und trat in den Hof. Das Tablett stellte er auf einen Tisch neben dem Wohnhaus und ging zurück in Richtung Defender. Dabei registrierte er eine Planke an der Tür zum Nebengebäude. „Zimmer frei“ war, in Brandmalerei ausgeführt, darauf geschrieben worden, untermalt von mehreren Muschelmotiven. „Stand das Stück Holz gestern schon hier?“, fragte er sich und war sich eigentlich sicher, dass es jemand über Nacht an dieser Stelle abgestellt haben musste. Die Tür, welche mittig angeordnet war, stand offen und so betrat er das Gebäude. Ein kleiner Raum zur Linken stellte das Schlafzimmer dar. Eine Futonmatratze unter dem Fenster, daneben ein Schränkchen mit Lampe. In die Wand eingelassen, ein Kleiderschrank. An keinem Möbelstück war ein Griff angebracht. Eine schmale Treppe führte nach oben. Sie erstrahlte in honigfarben gewachstem Holz. Zur Rechten erstreckte sich ein weitläufiger Raum, der als Wohnküche ausgeführt war. Alle Böden waren mit Terrakotta Fliesen belegt, die Wände weiß rauverputzt. Unter einem Fenster zur Hofseite stand ein Schreibtisch, hölzern, weiß lasiert. Der Zettel mit bereitstehender Kerze war ihm gleich beim Betreten aufgefallen. „Mach es dir bequem“, stand in geschwungenen Lettern da. „Die Dusche ist im Obergeschoß.“ Er schmunzelte, verdrehte die Augen und eine halbe Stunde später hatte er das Zimmer bezogen. Flott bestückte der neue Bewohner den Kühlschrank mit wenigen Lebensmitteln. Am nächsten Tag wollte er Einkaufen gehen, doch zunächst stand tatsächlich ein Badbesuch an. In der oberen Etage waren ein kleiner, leerer Abstellraum und ein riesiges, gut durchdachtes, Bad untergebracht. Eine offene Dusche unter dem Giebel, eine schicke, freistehende Badewanne, weite Dachfenster und ein muschelförmiges Waschbecken vermittelten ein luftiges Gefühl. Flauschige Handtücher in Türkisfarben hingen bereit.

Nach der Dusche genoss Lars einen kräftigen Cappuccino und den Blick durch das Panoramafenster, welches vom Boden bis zur Decke reichte und fast die gesamte hintere Wand des Wohnbereiches einnahm. Angrenzend war die gemütliche Terrasse angelegt. Über das Land zogen massive Wolkenbänke und dort, wo dieser Flickenteppich Löcher aufwies, schickte die Sonne kräftige, klar begrenzte Strahlen hindurch. Dabei erstrahlte einmal eine Baumgruppe, welche ihre knorrigen, blattlosen Äste wie Arme hilfesuchend in die kühle Luft streckte, dann war es die Windung des Flusses, welche zur Geltung kam und tiefblau mit weißen Felssprenkeln aufwartete. Ein Teich vor dem kleinen Schuppen döste in der Mittagsruhe, während der Wind einschlief. Nun blieben die sonnigen Stellen auf ihrem zugewiesenen Platz stehen, sich bewusst, dass dies nur ein vorübergehender Zustand war. Lars schloss die Augen und fühlte sich angekommen. Irritiert zwinkerte er. Warum war das so? Er war noch keine vierundzwanzig Stunden auf dem Gelände, ein solcher Gedanke voreilig. Oder war dieses Anwesen nur Projektionsfläche für seine Sehnsüchte? Hatte Alva ihm den Verstand vernebelt? „Und wenn schon“, murmelte er. Dann sollte das geschehen und machte die Qualität ihrer ersten Begegnung aus. „Es gibt eine Sprache jenseits der Worte, sie ist viel intensiver und aufrichtiger“, sinnierte er. „Sprache ist doch meist ungenau und entspricht nicht den echten Empfindungen und Befindlichkeiten, die wir vermitteln wollen. Selbst das, wie wir mit Tatsachen umgehen ist nur eine äußerst subjektive Annäherung an die Wirklichkeit!“

In seine Gedanken hinein klopfte es. Lars rief ein freudiges „Herein!“ Mit festen Schritten folgte eine groß gewachsene, zierlich - nordische Frau seiner Aufforderung. Sie blieb knapp vor ihm stehen und ihre Hand streckte sich ihm entgegen. Lars war mittlerweile aufgestanden. Er drückte sie fest, dabei sahen sie sich tief in die Augen. „Willkommen am Ende der Welt!“, sagte sie lächelnd und gestattete ihnen einen Augenblick der Wahrnehmung. „Du hast dich schon eingefunden, sehe ich“, stellte sie fest und fügte hinzu: „Mein Name ist Calla. Ich lebe mit meinen beiden Töchtern an diesem besonderen Ort.“ „Das Ende der Welt habe ich mir nicht so berauschend vorgestellt!“, sagte Lars. „Eher ernüchternd. Jedoch besser so, ich bin ungebunden und weitgehend frei von Erwartungen unterwegs.“

Calla zog ihre Schultern zurück und ihre erhabene, strenge Erscheinung bekam etwas Weiches. Ihr langes, schwarzes Haar hatte sie zu einem Zopf zusammengebunden, die dunklen Augen hatten etwas Forderndes. Ihr schmaler Mund passte zu diesem Eindruck. Die gerade, feine Nase teilte das symmetrische Gesicht. Ein eng anliegendes, schwarz gehaltenes Spitzenkleid mit Rüschen und Stehkragen betonte ihre jugendliche Figur, die Füße steckten in dunklen Ballerinas. Lars hatte sie unauffällig betrachten wollen. Natürlich war ihm das nicht gelungen, denn Frauen entgeht keine Aufmerksamkeit. Calla stand leicht zurückgelehnt da und ließ ihm Zeit, denn Äußerlichkeiten sind der Schlüssel zum Wesen eines Individuums, auch wenn Worte etwas anderes behaupten. Sie hatte sich längst einen Eindruck von ihm verschafft. Starke Frauen legen viele kleine Details an einem Mann wie Puzzleteilchen zu einem Gesamtbild zusammen und beurteilen instinktiv, ob ihnen dieses gefällt.

„Ich hätte dich für Alvas ältere Schwester gehalten“, erklärte er und das Gesagte stand fast greifbar zwischen ihnen im Raum. Lars machte keine falschen Komplimente, die manipulativ gemeint waren, Calla schätzte offenbar diese Aufrichtigkeit. „Nun denn!“, sagte sie, drehte sich um und verließ weit ausschreitend den Raum. Ihr Parfüm blieb. Lars atmete es tief ein und bot ihm einen Platz in seinem Inneren an.

„Sind alle drei Frauen auf diesem Anwesen so attraktiv und aufregend?“, grübelte er. Lars hatte mittlerweile Stellung vor einem Spiegel bezogen, der in die Wand eingelassen war. Schmal und hoch zeigte er sein Abbild. Wie hatten ihn Mutter und Tochter wohl wahrgenommen? Er versuchte, sich mit ihren Augen zu sehen. Ein großer, schlanker Mann mit wachen Waldnadelmoosaugen und kurzen, festen Haaren. Eine breite Nase und sinnlicher Mund standen den klaren, feinen, nordischen Wesen gegenüber. Zumindest die dunkelblaue Bundfaltenhose zum Finkenwerder Fischerhemd ließen ihn elegant mit traditionellem „Touch“ erscheinen. Er trat näher und betrachtete intensiver sein Gesicht. Jeden Tag hatte es einen bestimmten Ausdruck. Manche Tage empfand er sich als, landläufig betrachtet gutaussehend, interessant. Dann wieder unausgeglichen und grob. Doch insgesamt gefiel er sich und, so schloss er vom allgemeinen Schönheitsideal auf seine Person, kam das Charisma eines Menschen zum Gesamteindruck hinzu und der Geist. Denn nichts überzeugt Frauen mehr an einem Mann als eine gewisse Entschlusskraft, gepaart mit Intelligenz. Im Gegensatz dazu schienen auf dem Gut Sørensen, so fühlte er, zwischenmenschliche Beziehungen auf ihre eigene Art ineinander zu greifen. Man konnte die Zahnräder einer Taschenuhr vergleichend nicht in eine Turmuhr einbauen.

Lars verbrachte den restlichen Tag damit, an seinem Buch weiterzuschreiben. Gegen Abend kochte er ein Risotto mit Pilzen und Lachsstreifen. Dazu schenkte er sich einen Rosé in ein bauchiges, schweres Glas ein. Die Nacht war schon lange gekommen, da wurden in der ersten Etage gegenüber Kerzen angezündet. Durch die Sprossenfenster erkannte er geschäftiges Treiben. Scheinbar saß man nun zusammen und aß noch eine Kleinigkeit. Er stülpte sich noch eben eine Jacke über, knipste das Licht in der Diele an und ging auf die Tür zu. Auf dem Balken darüber entdeckte er, von der Deckenleuchte angestrahlt, die Inschrift: „Merle“. „Das muss die zweite Tochter sein!“, dachte er. Sobald er in den Hof hinaustrat huschte eine Gestalt mit schwarzen Locken in einem weinroten Kleid hinüber zum Haupthaus. Dazu trug sie weiße Turnschuhe, die mit bunten Farbkleksen übersät waren. „Hallo Merle!“, rief er ihr jovial zu. Da blieb sie abrupt stehen, drehte sich zu ihm um und lachte hell auf. „Ich bin nicht Merle“, erklärte sie verschmitzt. „Das ist meine Freundin. Sie lebt in Hamburg.“ „Mein Name ist Lars“, sagte er. „Wie heißt du denn?“ Sie sah ihn mit großen, dunklen Augen an. Ihr zartes Gesicht nahm einen unergründlichen Zug an. Dann hob sie ihre Schultern, schüttelte energisch den Kopf und erwiderte ruhig und klar: „Wir erzählen Persönliches von uns aus, wenn wir den Zeitpunkt für gekommen halten!“ Einige Lidschläge später war sie verschwunden. Ihr Parfüm wehte hinter ihr her, als sie das dominierende Haus ansteuerte.

Lars blieb verblüfft stehen und lief dann los. Er wollte eine kleine nächtliche Runde machen, um die Stimmung im Tal zu fühlen. Also schlug er, nachdem er den Hof umrundet hatte, einen Weg Richtung Berge ein. Der schmale Pfad brachte ihn zu einer Bank, am Fuß einer steil aufragenden Felserhebung, zu der Stufen empor führten. Sie waren als Holzplanken ausgeführt, das Geländer zu beiden Seiten bildeten armstarke Stämme, die mit Pfosten auf Höhe gehalten wurden. Lars fühlte dieses gewisse Entdeckerfieber wieder in sich, denn jeder Schritt würde ihn näher Richtung Gipfel führen. Der Ausblick wäre die Anstrengung bestimmt wert. Eine endlos erscheinende Anzahl von Stufen später erreichte er das Plateau, das knapp vor dem höchsten Punkt des Berges errichtet war. Er ging an die Brüstung und seine Augen versuchten die Szenerie, die sich vor ihm erstreckte, nicht nur zu sehen. Er wollte sie verinnerlichen. Die Häuser waren nur schemenhaft erahnbar, die Fenster hingegen scharf umrandet, da die Lichter darin warmgelb bis kaltweiß leuchteten. In manchen Zimmern brannten Kaminöfen, dann flackerte es heftig und mit höheren Rotanteilen. Die Ruhe und Exponiertheit war an diesem Ort allgegenwärtig und doch, so vermutete er, waren verschiedene Nachtwesen im Untergehölz dabei, der Nacht ihren Sinn abzunötigen. Mal brach ein Ästchen, dann rieselten Steinchen die Stufen hinunter, Nachtvögel gurrten und einige verwirrte Nachtfalter summten um seinen Kopf. Seine Gedanken schweiften zur zweiten Tochter. Merles Freundin, wie sie sich genannt hatte, achtsam darauf bedacht, nichts allzu viel von sich offenzulegen. „Recht hat sie“, dachte er. „Fragen sind oft indiskret. Jeder Mensch sollte entscheiden, wen er an welchem Punkt an seiner Welt teilhaben lässt.“ Ihre Aura hielt ihn gefangen. Dieses energische Vertreten des eigenen Standpunktes, die entschlossen taumelnde, dabei geschmeidige Drehung ihres Körpers. Sie war nicht trotzig verstimmt gewesen, sie wollte nur klar machen, dass sie keine Lust auf ein Frage - Antwort Spiel hatte. Lars hatte ihren Geruch noch in der Nase, samtig weich mit einem sinnlichen Blütenbouquet aus Mairose und Jasmin. Er schloss die Augen und meinte, sie intensiver wahrnehmen zu können. „Wie ist dein Name?“, sagte er halblaut in Richtung des Sørensen Hofes. „Nora!“, antwortete klar und deutlich ihre Stimme hinter ihm. Er erschrak und fuhr herum. Sie stand keinen Meter von ihm entfernt und ihre einnehmende Weiblichkeit ließen ihn atemlos erstarren. Wenige Sekunden später hatte er sich gefangen. „Nora, die Strahlende aus dem Norden!“, sagte er leise und blickte in ihre Augen, die sich in seine versenkt hatten. Sie kam langsam näher und suchte seine Lippen. Ein langer Kuss folgte. Seine Hände hielten dabei ihre zarten Oberarme, während sie sich an seine Hüfte klammerte. Dann lehnte sie sich zurück und sagte: „Ich freue mich, dass du uns gefunden hast!“ Damit lehnte sie ihren Kopf an seine Brust. „Meine Sehnsucht hat mich an dein Ufer getrieben“, erklärte er leise. „An unser Ufer!“, berichtigte sie zärtlich, aber mit Nachdruck. Und bevor er den Moment festhalten konnte, war sie schon, diesmal mit sicheren, festen Schritten auf dem Weg bergab. Einen Gedanken lang wollte er ihr folgen, doch dann entschied er, noch etwas den Nachthimmel zu genießen. Drei besonders helle Sterne stachen aus den unzählbar vielen hervor. Lars empfand ein tiefes, verlangendes Gefühl für die Frauen, die hinter der unsichtbaren Ligusterhecke wohnten. Hatte sie es so empfunden, als sie „Unser Ufer!“ gesagt hatte? War er so leicht zu durchschauen? Gab es weitere Regeln ihrer Gemeinschaft, die er kennenlernen wollte? Ein unsichtbares Band, wie auf dem Quilt im Atelier am Vortag? Er wusste es nicht, doch das Unbekannte hat genau da seinen Reiz — unberechenbar, spannend und verführerisch zu sein. Damit gesegnet, sind Menschen mit Tiefe ein Leben lang undurchschaubar und reizvoll. Langsam und trittsicher ging er nach unten. Obwohl er den Frauen damit näher kam, hatte er das Gefühl, sich von Nora auf dem Plateau zu entfernen, sie in der Kühle zurückzulassen.

In der Nacht blieb er traumlos, die weichen Daunen hüllten ihn wie ein Federkleid ein. Er stand ausgeruht früh auf, um das allmorgendliche Schauspiel zu genießen, wenn das Licht über die Dunkelheit siegt. „Dieser Tag verlangt nach der Musik von Johánn Johánnsson“, fühlte er. „Nach dieser Odyssee der Emotionen vom Vortag.“ Schon verbreiteten sich die feinen Pianoklänge „Flight from the City“ des isländischen Musikers in seinem Kopf und er sah die Bilder des entsprechenden Videos von Clare Langan dazu. Mutter und Tochter treiben miteinander in einem Ozean, ihre Beziehung ist geprägt von Liebe und Vertrauen. Nachdem die Tochter sich kurz von der Mutter entfernt hat, kehrt sie in die gewohnte Sicherheit zurück. „Ein Lebensentwurf ohne Kinder ist sinnlos“, dachte Lars.

„Wenn man selbst keine bekommt, kann man für die Kinder seiner Mitmenschen Verantwortung übernehmen.“ Das Kaffeepulver ging zur Neige, für eine Tasse reichte es noch. In einer Tüte fand sich ein letztes Croissant. Er machte es sich auf dem lilafarbenen Sofa bequem, holte sein iPad hervor und tippte zögerlich einige Zeilen. Es gab Tage, da kam er gut voran mit seinen Betrachtungen, dann wieder stockte alles und er verlor sich in Nebenschauplätzen. Sein Agent wartete seit Monaten auf ein neues „Werk“, wie er es immer nannte. Lars hatte sich bewusst nicht festlegen lassen. Unter Erwartungsdruck konnte er nicht schreiben. „Emotionale Landschaften“ wollten erfühlt werden, unter Stress waren nur vernünftige Betrachtungen möglich. Nach dem kleinen Frühstück beschloss er Einkaufen zu fahren. Vielleicht brauchten seine Mitbewohner auch etwas? Er lief hinüber und fand die Flügeltüren weit geöffnet. In der Diele stand eine getöpferte, ausnehmend schöne, türkisblaue Vase mit weiß lackierten, dünnen Ästchen darin, die fast bis zur Decke reichten. Auf dem Balken über der Tür stand in gleicher Schriftart wie bei ihm: „Solveig“. Dann war das also der Hausname, erkannte er und dachte an die gestrige Begegnung mit Nora. Der Boden war mit kleinen rotweißen Fliesen diagonal verlegt. Er klopfte vorsichtig und betrat dann die gute Stube. „Moin!“, rief er den beiden Frauen zu, die offensichtlich ihr Frühstück genossen und fügte erklärend „Die Tür war offen“ hinzu. „Moin!“, gab Alva zurück. „Die Türen sind immer offen“. Sie gluckste. Calla neben ihr fragte, ob er mit ihnen frühstücken wolle.

Das hatte er zwar schon, aber in ihrer Gesellschaft nicht. „Gerne“, sagte er und nahm am Tisch Platz. Ein Gedeck stand bereits da. „Haben sie mit mir gerechnet?“, schoss es ihm durch den Kopf. „Es sieht danach aus.“ Lars pflückte sich ein Croissant und genoss den milden, feinen Kaffee. „Danke für die Einladung“, sagte er. „Ich würde gerne ein paar Tage bleiben.“

„Warum nicht?“, entgegnete Calla nett und tauschte einen verschwörerischen Blick mit ihrer Tochter. Ihre Gesichtszüge ähnelten sich. Fast bewegungslos saßen sie da, die Hände in den Schoß gelegt, den Blick erwartungsvoll auf ihn gerichtet. „Oder ein paar Jahre!“, fügte er hinzu, da er zu seiner eigenen Überraschung so empfand. Ein Augenblick der Stille wurde jäh durchbrochen vom hellen Lachen beider. Nachdem sie sich ausgeschüttet hatten, meinte Alva: „Warum nicht?“. Das Gelächter begann erneut. „Ich müsste im nächsten Ort einkaufen gehen“, sagte Lars. „Kann ich etwas mitbringen?“ „Wir lassen uns vieles aus dem Kolonialwarenladen in Rocknal liefern, aber nett von dir“, erklärte Alva. „Nora fährt bestimmt mit. Sie ist im Studio gegenüber.“ Mit weit ausgestrecktem Arm wies sie in Richtung des zweiten Nebengebäudes. „Da steht übrigens „Svea“ hinter dem Eingang geschrieben“, ergänzte sie kichernd. Da wusste Lars, dass sie voll im Bild war. „Ihr steckt alle unter einer Decke, nicht wahr?“, warf er schmunzelnd ein. Wissende Blicke aus hübschen Augen von der gegenüberliegenden Tischseite verrieten, dass er Recht hatte. Lars sah sich um. Der Raum war hell durch eine Vielzahl von Sprossenfenstern ausgeleuchtet. Die integrierte Küche bestach durch einen Gasherd und eine hellblaue Front, die unter den Fenstern angeordnet war. Dekoartikel oder sonst üblicher Kleinkram blieb ausgeschlossen, auf diese Weise wirkten die wenigen Elemente des Raumes umso intensiver.

Auf einer der tiefen Fensterbänke entdeckte er eine lange, silberne Schale , in der eine Calla lag. Das Stielende tauchte ins Wasser, die Blüte hatte sich zur vollen Größe aufgerichtet und streckte sich über den Rand. „Neugierde als Überlebensprinzip“, dachte er, trank seinen Cappuccino aus und stellte das Gedeck zur Spüle.

„Dann sehe ich mal nach ihr“, verkündete er, bedankte sich, deutete eine kleine Verbeugung an und überquerte den Innenhof. Auch hier stand die Tür offen. Lars bewunderte die türkisblauen Pastelltöne, in denen der Eingangsbereich gestrichen war. Wie angekündigt stand „Svea“ in eine massive Pfette im tragenden Abschluss eines Deckenbalkens eingraviert. Knapp daneben war ein schwarzes Keramikkreuz aufgehängt. Eine vergleichbare Raumaufteilung wie in seinem Domizil empfing ihn. Die linke Tür war in Rauchglas gehalten. Man erkannte ein Tonstudio dahinter. Auf der rechten Seite war lediglich ein Durchgang. Inmitten von Ton, zwei Brennöfen und Tischen mit Farbgläsern stand zentral angeordnet eine Drehscheibe. Davor saß Nora, ihre nassen Hände mit langen Fingern an einem sich drehenden Gefäß. Hochkonzentriert — weltvergessen. In den großzügig angeordneten Regalen standen fertiggestellte oder noch ungebrannte, unlasierte Objekte. Über einem Stapel von Zeitschriften auf einem Sideboard war ein flacher, ausladender Bildschirm aufgehängt. Musikvideos wurden abgespielt, gerade performte Jay Alijev seine Interpretation von „Diva“. Auch ohne offensichtliches Umherschauen bekommen sensible Frauen ihr Umfeld exakt mit, zumindest die für sie relevanten Informationen. Dessen war sich Lars bewusst. „Diva ist der Gegenpol zu meinem Wesen“, meinte sie, während der Klumpen Ton langsam in die Höhe wuchs. „Man sollte seine Entsprechung kennen, nur so kann man sich selbst intensiver erfahren“, erwiderte Lars und trat näher an sie heran. „Um den Antagonismus auszuleben meinst du?“, fragte sie und schenkte ihm einen ersten Blick, von einem Lächeln untermalt. „Nicht unbedingt“, entgegnete er. „Vielleicht kann man somit seinen persönlichen Raum besser akzeptieren. Das sind alles Gedankengebäude. Wir entscheiden, in welchem wir leben möchten.“ Sie nickte und ließ die Scheibe ausdrehen. „Ich komme mit“, sagte Nora, ohne dass er eine Frage gestellt hatte. „Ich warte drüben auf dich!“, versprach er. Die Musik hatte zu „Forbidden Love“ gewechselt.

Im Freien erwartete ihn ein kühler Wind, Krähen jagten über das Haus und schrien ihr Weltklagelied heraus, ohne Rücksicht darauf, ob es jemanden interessierte. Harmonie allerorten an diesem Fleckchen Erde, selbst bei den Krähen? Es fühlte sich glaubhaft an, doch: War es auch glaubhaft? Wenn Harmonie zum Lebensstil werden sollte musste es Regeln geben, die dies ermöglichten. Zwei hatte er kennengelernt — offene Räume und Abstecken von persönlichen Bereichen. Welche Strukturen und Ideale gab es noch, auf welche konnte er sich einlassen? Wollte er das überhaupt? „Fragen, die wir an unser Umfeld stellen, sind Antworten, die wir uns geben“, dachte er, setzte sich auf die Stufen vor seiner Unterkunft, zog ein kleines Büchlein aus seiner Jackentasche und begann zu lesen. „Charles Simmons - Salzwasser“ hatte er mehrfach verschlungen, doch sobald er meinte, Michaels Gefühle nachvollziehen zu können, scheiterte er. „Wir sind uns zu ähnlich“, dachte er. „Wie will man Distanz und Urteil gewinnen können, wenn so viele Parallelen in den Lebenslinien existieren?“

Anspruchsvolle Bücher versprechen dem Leser einen Schlüssel zu den großen Fragen seines Lebens und halten es, falls Gedanken des Autors und Bewusstsein des Lesers harmonieren.

Knirschende Schritte näherten sich über den Kies. Nora hatte sich eben umgezogen. Sie trug einen lilafarbenen Wollpullover mit hohem Kragen, dazu eine schwarze Jeans. Über die Schultern spannten sich die Riemen eines kleinen schwarzen Lederrucksackes. „Komm, ich zeig dir den Weg!“, sagte sie lächelnd und schwenkte Richtung Defender. „Einverstanden“, erwiderte er. Schon verließen sie den Hof. Sie dirigierte ihn durch das Dorf hinunter ans Meer. „Diese Strecke ist kurviger und etwas weiter, aber abwechslungsreicher. Die Straße folgt der Küstenlinie“, erklärte sie. „Wir wohnen seit vier Jahren hier. Es ist einfach nur wundervoll!“ Die Sonnenstrahlen tanzten auf dem blauen Saum des Meeres und schickten millionenfach kleine Blitze zu ihnen herüber. Die Straße umrundete eine Bucht, bis in der Ferne eine Kleinstadt, die sich auf einer Steilküste erstreckte, ins Blickfeld geriet. Erhaben und scheinbar uneinnehmbar wagten sich nur einzelne Häuser verwegen an den Klippenrand. „Ich bin seit vier Jahren unterwegs, nirgends blieb ich länger als einige Wochen“, erzählte Lars bewusst beiläufig. Er sah sie an und merkte, dass ihr eine Anmerkung auf der Zunge lag. Doch stattdessen beugte Nora sich vor und deutete auf ein Felsenband, welches sich weit hinaus ins Meer erstreckte.

„Der Arm des Teufels!“, stieß sie leise hervor und wandte ihr Gesicht zu seinem. „Heißt das so?“, fragte er erstaunt. „Ich nenne diesen Ort so!“, stellte sie fest. Ihr Hauch streifte seine Wange und er atmete den Duft von Pfirsich und Vanille ein. Sein Verstand spielte ihm längst kleine Streiche. Intuitiv gab er ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Sie wich zurück und Lars raunte ihr lachend zu: „Ich kann das auch!“

„Ach wirklich?“, seufzte sie versonnen, ließ ihren Blick über die Bucht streifen und schloss kurz die Augen. „Ich muss in der Buchhandlung vorbeischauen, der lokale Supermarkt ist schräg gegenüber“, erläuterte sie. Lars hielt vor einem Schaufenster mit kunstvoll arrangierten Büchern sowie wenigen Schreibartikeln. Über dem Eingang pendelte ein Blechschild mit Aufschrift „Hansson“. Das Städtchen war pittoresk und lieblich. Den Namen verdankte es einer auffälligen Felsnadel, welche sich vor der Steilküste, meist wild vom Meer umtost, erhob und von Durchreisenden, aber auch Künstlern vor Ort gerne fotografiert und gemalt wurde. Lars fielen zunächst die liebevoll gestalteten Fassaden der Häuser auf, die frisch in Blau- und Rottönen lackiert waren. Sie umrankten Stockrosen und niedrige Hecken, flankiert von gekonnt angelegten Gärten. Vor den Geschäften waren solide Fahrradständer und massive Bänke aufgestellt. An der hüfthohen Mauer, die zum Supermarkt führte und wohl Kinder davor bewahren sollte in den Fluss Alved zu stürzen konnte man Zitate bedeutender nordischer Schriftsteller lesen. „Å leve lykkelig til sin dage ende kan man bare gjøre fra dag til dag“, stand in feinen schwarzen Lettern geschrieben zu lesen. „Nur wer von Augenblick zu Augenblick lebt kann ein ganzes Leben lang glücklich sein“, war als Übersetzung für Besucher darunter ausgeführt. „Wie fast immer bei diesen Lebensweisheiten“, dachte Lars, „bedarf es eines wachen Geistes, größere Zusammenhänge zu erkennen und in Worte zu fassen, aber enorm viel Kraft und Weitsicht diese in den Lebensalltag mit allen Konsequenzen zu integrieren.“ „Das Leben ist doch letztendlich auch nur ein Augenblick zwischen zwei Ewigkeiten“, resümierte er.

Das hatte er irgendwo gelesen. Wie viel von dem, was wir denken und fühlen haben wir aufgeschnappt oder es wurde an uns herangetragen? Wie viel haben wir aus unserem Wesen entwickelt? In der Folge spielte das keine Rolle, da wir ohnehin selektiv wahrnehmen. Ein bewusster Mensch wird daher wenig beeinflussbar sein. Er lächelte, denn es tat gut, das zu wissen.

Der Supermarkt bot vor allem lokale Erzeugnisse. Lars besorgte neben den üblichen Sattmachern mehrere Flaschen Wein, Kerzen und einen Bund mit weißen Calla und Eukalyptusblättern aus dem gut sortierten Floristikladen nebenan. Bei den üblicherweise offenen Türen am Sørensen Gut wusste man ja nie, wer hereinschneien würde. In diesem Fall wollte Lars etwas anbieten können. Am Ende seiner Einkaufstour musste er zwei Mal zum Auto gehen, um alle Kartons verstauen zu können. Ein Blick in die Buchhandlung genügte, um Nora ausfindig zu machen. Ihr schwarzes, lockiges Haare hatte einen fast unmerklichen Blaustich und wippte rhythmisch um ihren Kopf. Er trat zu ihr. Aufgeregt hielt sie ein Buch von Ketil Bjørnstad mit dem Titel: „Die Unsterblichen“ in Händen. „Mein Lieblingsautor und Pianist“, flüsterte sie ihm zu. „Dieses Buch ist bereits 2011 erschienen, nun ist der Zeitpunkt gekommen, es zu lesen.“ Lars schätzte den norwegischen Autor ebenfalls sehr und hatte die Trilogie um den Pianisten Aksel Vinding geliebt. „Wie kann man Gefühle und Stimmungen nur so genial transponieren?“, fragte er sich ernsthaft. Nora legte es bei der Kasse ab und wollte noch nach einem Buch für ihre Mutter suchen. Nach einer knappen Viertelstunde kam sie leicht enttäuscht zurück und meinte, nichts Passendes gefunden zu haben. „Mein Buch liegt auch nicht mehr da“, stöhnte sie und verdrehte die Augen. „Ich schenke es dir“, meinte Lars und überreichte es ihr in dunkelblaues Papier verpackt mit goldener Schleife darauf. Nora sah ihn an, in ihren Augen sammelten sich Tränen. „Danke!“, stieß sie bewegt hervor. „Ich weiß gar nicht wie mir geschieht!“ Im Land Rover Platz genommen hatte sie sich wieder gefangen. Schmunzelnd betrachtete seine Begleitung die Kartons im Fond. „Scheinbar hast du vor, länger als einen Tag zu bleiben“, lachte sie und boxte ihn in die Seite. „Oder ich bin sehr hungrig und bis heute Abend ist das alles aufgegessen“, erwiderte er lachend.

Sie fuhren zurück. Für Nora überraschend bog Lars auf einen Parkplatz am Meer ab und platzierte den Wagen in Richtung Strand. Zu dieser Jahreszeit war er vollkommen leer. Die hereinrollenden Wellen gehörten einem ganz allein. „Ich habe übrigens etwas Lesenswertes für Calla gefunden“, berichtete er ihr und holte ein Buch hervor. Thomas Bernhard: „Ja“. Sie betrachtete es und meinte, sie habe schon von dem exzentrischen österreichischen Schriftsteller gehört, doch noch keines seiner Bücher gelesen. Gleiches treffe auf ihre Mutter zu. Lars stellte zwei Kaffee auf das Armaturenbrett. Auf der Mittelkonsole gesellten sich einige Stückchen Apfelkuchen dazu. „Du bist echt verrückt!“, schmunzelte sie und strahlte. „Angenehm verrückt?“, fragte er. Nora nickte, holte sich ihren Kaffee und lehnte sich zurück. „Einfach köstlich!“, seufzte das hübsche Wesen neben ihm und biss erneut in ihr Kuchenstück. „Ich weiß gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal so glücklich gewesen bin.“ Er wollte fragen, was denn passiert sei, welches Ereignis sie unglücklich gemacht habe. Jedoch erinnerte er sich daran, dass man das in ihrem Kreis nicht tat und so bemerkte er: „In meiner Philosophie ist der Sinn des Lebens, andere Menschen glücklich zu machen.“ „Nicht ganz uneigennützig“, dachte er. „Das macht mich im Gegenzug glücklich!“ Nora genoss die Stimmung am Meer. Beide schwiegen und ließen die salzige, kühle Brise durch die geöffneten Fenster herein, lauschten dem Gurgeln, Rauschen und Schlagen der Wellen, beobachteten die Möwen, wie sie sich im starken Wind spielerisch bewegten. Die Zeitlosigkeit der Situation war ihnen bewusst. Lars hatte seine Rückenlehne nach hinten gestellt, die Augen geschlossen und lauschte auf das leise Ein- und Ausatmen von Nora. „Wir atmen die gleiche Luft!“, dachte er und das erregte ihn. Fast zeitgleich bekam er ihr tiefes Einatmen mit.

„Weißt du“, hörte er sie nun sagen. „Ich hatte und habe eine beste Freundin. Ihr Name ist Svea. Svea und ich verbrachten viel Zeit miteinander, da Zeit mit ihr zu verbringen immer aufregend, inspirierend und besonders war. Sie war lebensbejahend und leichtsinnig. Letzteres kostete sie das Leben. Eine steile Felsplatte mit dem Mountainbike hinunterfahren war für sie mehr Kick als ein langweiliger Trail durch ein vergessenes Tal. Bei hohen Wellen Surfen gehen spannender als sich in der ruhigen See treiben lassen. Svea war von fast übernatürlicher Schönheit, ihr Körper sprühte vor Energie und Lebenslust. Ich war total in sie verliebt und sie in mich. Den Sommer verbrachten wir die Nächte nahe aneinander geschmiegt bei offenen Fenstern und flüsterten uns liebe Worte ins Ohr. Sie küsste innig und voller Leidenschaft. Ihre Gesellschaft ließ keinen klaren Gedanken zu. Im Sommer vor zwei Jahren kam sie von einer Reise nach Ibiza zurück. Wir verabredeten uns noch für den selben Abend. Als sie um Mitternacht noch nicht bei mir angekommen war, spürte ich, dass etwas Schreckliches passiert sein musste. Ich telefonierte mit gemeinsamen Freunden, am folgenden Tag wurde eine Suchaktion durch die örtliche Polizei eingeleitet. Svea blieb zwei Wochen unauffindbar. Dann entdeckten sie Kinder, welche am Strand spielten. Ihr Körper trieb in einem Felsenband am Meer. Du erinnerst dich an die Felsen an der Küste, welche ich seitdem den „Arm des Teufels“ nenne. Die Nachricht verbreitete sich in Windeseile. Ich stürmte an den Strand. Bergungskräfte hatten sie auf dem Sand aufgebahrt. Sie war nackt. Man hatte ihr das Gesicht gewaschen, weil man wusste, dass ich kommen würde. Wir hatten uns nur ein Jahr gekannt, noch niemand zuvor hatte einen solch festen Raum in meinem Herzen eingenommen. Ich kniete vor ihr nieder und konnte nicht aufhören zu weinen. Mit ihr war ein Teil von mir gestorben. Die nächsten Monate verbrachte ich in einer Ohnmacht, die vorzustellen mir bislang nicht möglich war.

Svea, so hatte man das Unglück rekonstruiert, war an der Steilküste von Rocknal zu einer Felsnase über dem Meer geklettert, hatte sich entkleidet und war nackt gesprungen. Ein knapp unter der Meeresoberfläche liegender Felsbrocken hatte ihren Körper zerschmettert. Die Polizei brachte mir tags darauf ihre Kleidung, da sie keine näheren Verwandten in der Gegend hatte. In ihrer Jeanstasche steckte ein Medaillon, welches ein Bild von ihr und die Gravur „Nora, in ewiger Liebe verbunden“ enthielt. Das Schmuckstück hatte sie in Ibiza anfertigen lassen.“

Nora stockte und schluchzte leise. Lars streckte seine Hand nach ihr aus. Sie ergriff sie und drückte sie so fest, dass er erschrak. Dann lockerte sie den Griff und ließ ihre Hand in der seinen ruhen. Es hatte angefangen zu regnen. Lars schloss die Fenster. Er konnte jetzt nicht fahren. Aufgemischt sah er den Regentropfen zu, wie sie an der Scheibe zerplatzten. Die Geschichte hatte ihn tief berührt. Nora spürte, dass in ihm etwas aufgewühlt worden war, was sich erst setzen musste. Sie trank den Restkaffee aus, wischte sich Tränen aus den Augen und sagte aufgesetzt ruhig: „Das Leben geht weiter!“

„Schon“, sagte er. „Eine Wunde bleibt dennoch zurück, die nur langsam verheilt.“ Er schaute sie an. Nora gab ihm einen Kuss auf den Mund. „Lass uns fahren“, schlug sie vor und schon waren sie auf dem Weg nach Stenflod.

Es war wie nach Hause kommen für ihn, seltsam vertraut. Nora half ihm die Einkäufe ins Haus zu tragen. „Danke für den Nachmittag und dein Vertrauen!“, sagte er. Sie stemmte ihre Hände in die Hüften. „Danke für dich! Ich schicke meine Mum dein Geschenk abholen.“ Sie entfernte sich schnell und leichtfüßig wie eine Katze, die auf samtenen Pfoten umherschleicht, aber auch mit einem gezielten Pfotenschlag und ausgefahrenen Krallen die Maus fängt und zu sich heranzieht. „Sind wir Männer Mäuse?“, sinnierte er und atmete tief aus. „Wenn schon, solange sich das so großartig anfühlt. Und solange wir nicht gekillt werden.“ Er räumte den Kühlschrank ein, legte die Kerzen zurecht und aß nebenbei ein paar belegte Brote. Der restliche Tag verging mit Wäschewaschen und Aufhängen. Gegen Abend bereitete er sich eine kleine Mahlzeit zu. Ein Kartoffelgratin und Sahneheringsfilets, dazu Eistee. Die Nacht hatte das letzte Licht vertrieben und senkte sich bleischwer über das Anwesen. Überall im Tal gingen nun die Lichter in den Häusern an. Die Menschen richteten sich auf den ruhigeren Teil des Wachseins ein. Es klopfte. Lars dachte amüsiert „Drei Mal darf ich raten“, doch bevor er seine Intuition auf die Probe stellen konnte betrat Calla den Raum. Er stellte erneut fest, dass ihr Charisma alles Fühlende sofort in den Bann zog. Sie hatte einen kurzen, blumigen Rock an, der ihre langen, schlanken Beine betonte, eine offene Bluse war vor dem Bauchnabel zusammengeknotet. Ihre Haare fielen auf die schmalen Schultern. Callas Augen fixierten ihn. „Guten Abend!“, sagte sie klar. Nachdem sie sich gesetzt hatte machte Lars ihr eine Portion zurecht und stellte zwei Gläser Rotwein dazu. „Ich habe ein Geschenk für dich!“, meinte er und zog das kleine Büchlein hervor. Sie war erstaunt. Mit spitzen Fingern nahm sie es entgegen. „Oha!“, stieß sie hervor. „Bernhard wollte ich schon lange lesen. Eine Freundin von mir war ihm lange verfallen und hat mich gewarnt.“ „Distanz zum Geschehen ist bei ihm nicht wirklich möglich“, gab Lars ihr recht. „Das Bejahende des Titels ist nur eine Brücke zum Negieren.“ Calla hatte inzwischen ihr Glas leergetrunken. Er schenkte nach. „Habe ich eine Chance, wenn sie mich heute will?“, kam es ihm in den Sinn, als sie nun in seine Augen blickte. Da war etwas Entschlossenes in ihrem Wesen, im Gegensatz dazu strahlte Callas Körper Verletzlichkeit aus. „Eher nicht!“, empfand er. „Schon meine Augen haben ihr zu viel verraten. Sie kann ja in meine Seele blicken!“

„Das Essen ist lecker“, stellte sein Gast fest, leckte sich die Lippen feucht und ließ ihn dabei nicht unbeobachtet. Ihre Hände hatte sie auf die Tischkante gelegt, dabei drehte sie den Ring ihres rechten kleinen Fingers mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand. „Ich fotografiere gerne!“, erklärte sie und es schien, als ob sie damit ausreichend ihr Wesen beschreiben wolle. „Ich liebe es, die Wirklichkeit so abzubilden, wie ich sie sehe. Mit der Kamera unterwegs zu sein ist eine aufregende Jagd nach Motiven, die Entsprechungen meines Innenlebens sind.“ Lars lachte und zog seine „Hasselblad“ aus einem Rucksack, der an das Sofa angelehnt war. „Da haben wir eine Gemeinsamkeit“, verkündete er. „Ich kann mir ein Leben ohne meine Kamera nicht vorstellen.“ „Nur eine Gemeinsamkeit?“, fragte sie mit einem Augenaufschlag, der Lars den Atem raubte. Das alte russische Sprichwort fiel ihm ein, nach dem Frauen mit dem Ohr und Männer mit dem Auge lieben. Dass es, nach wie vor Gültigkeit besitzt, stand für Lars außer Frage. „Eine von vielen wahrscheinlich“, sagte er, weil er das so hoffte und empfand. Calla stellte ihr Weinglas ab und flüsterte ihm zu: „Ich glaube, ich habe zu viel getrunken“. Dann taumelte sie einige Schritte auf ihn zu und bevor er wusste, wie ihm geschah, saß sie auf seinem Schoß und gab ihm einen leidenschaftlichen Kuss. Dabei suchte ihre Zunge die seine und spielte mit ihr. Lars erwiderte ihre Gefühle. Sanft legte er seine Hand auf ihre kleine, wohlgeformte Brust. Calla stöhnte auf und löste sich wie in Zeitlupe von ihm.

„Bekommst du immer alles, was du möchtest?“, lachte er sie benommen an. „Ich will nicht alles, ich möchte dich!“, lachte sie herzlich zurück. Schon gab sie ihm einen weiteren Kuss. Lars‘ Herz klopfte bis zum Hals. Jäh wurde er von wilder Begierde ergriffen. Doch bevor er sie ausleben konnte, hatte sich Calla sanft seinen Armen entwunden, nahm ihr Buch und warf ihm ein „Ciao!“ zu. Lars deutete einen Kuss an. Schon war sie verschwunden. „Ist das die Art der Kontaktaufnahme auf diesem Hof?“, überlegte er. „Wo bin ich hier gelandet?“

Wie konnte man sich nach so kurzer Zeit so nahe kommen? „Das Ungesagte verbirgt das Wichtige. Die unsichtbaren Botschaften zwischen dem Gesagten vermitteln mehr über eine Person als das Offensichtliche“, empfand er. „Und dann gibt es noch die Bestimmung.“ Lars glaubte, dass es eine Lebenslinie für Menschen gab, die vorgezeichnet war. Bewegte man sich auf ihr, befand man sich im Einklang mit sich selbst und dem Umfeld. Kam man vom Weg ab oder hatte ihn noch nicht gefunden, wurde es kompliziert. Lars hörte auf seine innere Stimme und folgte seinem Herzen. So gab es zwar überraschende Momente in seinen Tagen, doch alles harmonierte.

Er wollte sich nur kurz am Sofa ausstrecken, aber nach wenigen Atemzügen begann er zu gähnen. Ihm fielen die Augen zu. Als er erwachte, um ins Bett zu wechseln, merkte er, dass ihn jemand zugedeckt hatte und ein weiteres Kissen unter seinem Kopf steckte. „Ich bin gestorben und im Paradies aufgewacht“, kam es ihm in den Sinn. Also drehte er sich nur zur Seite und schlief weiter.

Der nächste Morgen fand ihn ausgeruht und ausgelassen. Lars zog sich eine weiße, weite Hose an, die an den Knöcheln mit zwei Kordeln zusammengeknotet war, dazu Segeltuchschuhe und sein geliebtes blau-weißes Armor Lux Shirt. Der Tag versprach warm zu werden. Sein iPad spielte „Heart Beats Slow“ von Angus & Julia Stone, zum Kaffee genoss er heute Pfannkuchen mit Ahornsirup. Alles perfekt! Er wollte zum Strand von Stenflod und kramte noch etwas in seiner Tasche. Ein Getränk, Sonnenbrille, sein Leuchtturm-Notizbuch. Es konnte losgehen! Als er den Hof überquerte kamen Pianoklänge aus der offenen Tür des Studios. Er warf sich die Tasche über die Schulter und lief durchs Dorf. Vor einem quadratischen Haus mit Reetdach saß ein Mann auf einer Bank und grüßte ihn freundlich. Der Friedhof mit seinen aufragenden Felsen, die als Grabsteine dienten, lag im ersten Licht. Der Pfarrer durchschritt den Gottesacker, blieb vor einem Grab stehen und blickte auf, als Lars vorbeikam. „Guten Morgen“, rief er ihm zu. „Neu in der Gegend?“ „Ich bin erst ein paar Tage da“, antwortete Lars. „Ich wohne auf dem Sørensen Hof.“ „Ach ja!“, gab der Pfarrer zurück. Man konnte ihm nicht ansehen, wie er das bewertete. Er kam auf ihn zu und streckte ihm die Hand entgegen. „Mein Name ist Lennart Larsson, herzlich willkommen in Stenflod!“ „Lars de Lima“, stellte Lars sich vor. „Woher kommst du?“, fragte Lennart weiter und sah ihn musternd an. Lars hatte die Frage verstanden, wich aber aus. „Ich komme von daheim“, rutschte ihm heraus. Damit ließ er den Pfarrer stehen. Im Weitergehen fragte er sich, ob er schon den Sørensen Stil der Gesprächsführung übernommen hatte. Jetzt ging es an den Strand. Er ließ die letzten Höfe, eine Autowerkstatt, den kleinen „Tante Emma“ Laden hinter sich. Der feine Sand lag unberührt da, leicht gewellt mit einladenden Einschnitten, das Licht touchierte grazil kreisende Gräser und verlor sich am Horizont. „Auch wenn man tausend Mal an den Strand geht, das tausendundeinste Mal ist genauso erotisierend wie die erste Berührung“, wertete er. Eine Reinheit wollte entdeckt werden, wie sie nur die Natur zu bieten hatte. Er steuerte eine angedeutete Mulde nahe der Brandung an. Die magische Linie, wie er sie immer nannte, trennte Land- und Meeresbewohner. Auf welcher Seite man geboren wird, entschied jemand anderes. Natürlicherweise verband sie auch beide Welten. Er breitete eine Decke aus. Bedächtig nahm Lars Platz. Heute zeigte das Meer seine gütige Seite. Lars dachte an die berühmte Hemingway Passage, in welcher der kubanische Fischer Santiago an die See immer als an „la mar“ denkt.

„So nennt man sie auf spanisch, wenn man sie liebt“, führte der Autor weiter aus. Mit seinen fünfunddreißig Jahren war Lars weit von dem entfernt, was man einen alten Mann nennt und doch spürte er, dass das Alter voranschritt. Der Atem der Endlichkeit hatte ihn bereits erreicht, auch wenn er momentan nur die frische Salzluft der See inhalierte. Aus großer Höhe stürzten sich Vögel ins Meer, um sich begehrte Leckerbissen zu holen. Es war faszinierend, wie sie ihre Schwingen anlegten, einen langen Hals machten und spritzend aufschlugen. Lars sah nun Svea vor sich wie sie ihren Körper anspannte, die Arme flügelähnlich ausbreitete, sich abdrückte vom Fels und hinausflog. An ihren nackten Füßen klebten noch einige Krümel Erde, ihre Augen waren auf die blauschwarze Oberfläche von „la mar“ gerichtet und in ihrem Kopf kumulierten bunteste Bilder. Die durchgeknallte Party auf Ibiza, eine unglaubliche Surfsession im Sonnenuntergang, ein Junge mit gecurlten blonden Haaren und vollen Lippen. Dann nahm sie die Hände nach vorne und bildete eine Lanzenspitze mit ihnen, drückte die Füße durch. Ein letzter Gedanke schoss ihr durch den Kopf. Nora, ihre liebste Freundin, der sie das Medaillon mitbringen würde. Bruchteile von Sekunden später trieb sie in blutrot gefärbtem Wasser. Er schluckte und merkte, dass Tränen über seine Wangen liefen. Dabei hatte er Svea nicht gekannt. Kann einen jemand so ergreifen, den man nicht kennt? Lars dachte an all die Schauspieler, Musiker und Schriftsteller, die ihn tief rührten. Er legte sich hin und schloss die Augen.

„Für sich sein hat etwas“, dachte er. „Nur wer für sich sein kann, kann auch für seine Mitmenschen da sein.“ Unvermittelt schob sich ein Kopf auf seinen Bauch, lange Haare kitzelten ihn. Das Wesen kicherte und gab sich nicht zu erkennen. Lars ließ die Augen geschlossen, hob seine Hände und befühlte ihr Gesicht. Der Mund war voll und weich, hohe Wangenknochen, weiche Augenbrauen. Als er eine Stupsnase ertastete wusste er es. „Alva!“, betonte er klar, leise betont, langgezogen und gespielt ermahnend. „Höchstpersönlich“, kam es frech zurück. „Wage es nicht aufzustehen und mir mein Kopfkissen zu klauen!“, gluckste sie. „Ich bin ja tierlieb!“, warf er ein. Sanftes Schnurren belohnte ihn.

Ihre Wärme breitete sich wohltuend aus. War das wunderschön! Er legte seine Arme auf ihre Schultern, blinzelte vorsichtig in die Sonne. Kurz darauf war er schon eingeschlafen. „Hey aufwachen!“, ertönte es nun. Alva hämmerte mit ihren kleinen Fäusten auf ihn ein. „Bin ich so einschläfernd?“, kreischte sie aufgedreht. „Ich habe Kaffee mitgebracht, Schlafmütze!“ Lars richtete sich auf. Tatsächlich hatte sie zwei Porzellantassen mit Kaffee eingegossen, daneben türmten sich „Goldkringel“ Kekse. Sie saß mit übereinander geschlagenen Beinen neben ihm und sah umwerfend aus. Ihr zierlicher Körper steckte in einer kurzen Jeans Latzhose. Ein Träger war ihr über die rechte Schulter gerutscht, es sah nicht nach Zufall aus. Ihre blonden Haarspitzen tanzten im schwachen Wind. „Du bist wunderschön!“, sagte er halblaut. Alva strahlte ihn mit ihren weißen Zähnen an. „Diesmal bin ich schneller!“, dachte er und schon hatte er ihren Mund geküsst. „War das schon alles?“, fragte sie kokett. „Nach dem Kaffee gibt es mehr!“, raunte er ihr zu. Sie machte einen Schmollmund, angelte sich einen Keks und biss genussvoll hinein. „Ich muss erst am frühen Nachmittag daheim sein“, erklärte sie. „Wir haben viel Zeit.“ „Und wenn ich nun allein sein wollte“, meinte er. „Schon verstanden!“, rief sie theatralisch und sprang auf. Geschickt hatte er sie am Fußgelenk gepackt und warf sie in den Sand. „Mit dir allein sein meinte ich“, stieß er lachend hervor. Schon lag sie erneut in seinen Armen. Sie tranken ihren Kaffee in kleinen Schlucken, die Sonne brannte auf ihrer Haut, der kühle Wind war erfrischend. „Wir wollen eine finale