Augenblicke mit Hildegard von Bingen - Ute Klose - E-Book

Augenblicke mit Hildegard von Bingen E-Book

Ute Klose

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Beschreibung

Christin, die 30-jährige obdachlose Heldin ist am Ende ihrer Kraft. Doch das Schicksal hat etwas Bedeutendes für sie vorgesehen. Nach einigen wirren Zufällen wird sie auf eine abenteuerliche Zeitreise geschickt, welche ihr Leben verändert. In einem mittelalterlichen Kloster, unter der Führung der heute berühmten Äbtissin Hildegard von Bingen wird sie in die klösterliche Gemeinschaft aufgenommen und als Schwesternschülerin in Kräuterheilkunde unterwiesen. Beim Zusammenleben mit den Nonnen erkennt sie, wie viele menschliche Werte in unserer zivilisierten Welt weitestgehend verloren gingen...

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Seitenzahl: 456

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Buchbeschreibung:

Christin, die 30-jährige obdachlose Heldin ist am Ende ihrer Kraft. Doch das Schicksal hat etwas Bedeutendes für sie vorgesehen. Nach einigen wirren Zufällen wird sie auf eine abenteuerliche Zeitreise geschickt, welche ihr Leben verändert. In einem mittelalterlichen Kloster, unter der Führung der heute berühmten Äbtissin Hildegard von Bingen wird sie in die klösterliche Gemeinschaft aufgenommen und als Schwesternschülerin in Kräuterheilkunde unterwiesen. Beim Zusammenleben mit den Nonnen erkennt sie, wie viele menschliche Werte in unserer zivilisierten Welt weitestgehend verloren gingen. Doch die Zeit im Kloster ist begrenzt, eines Tages muss Christin zurück in die reale Gegenwart und ihr Leben neu ordnen. Wird sie das erworbene Wissen und die Lehren aus ihrer Zeitreise hier anwenden können?

Über den Autor:

Die Autorin ist hauptberuflich als Buchhalterin tätig und liebt den Umgang mit Zahlen. Doch auch Buchstaben und die Verwendung der deutschen Sprache bereiten ihr Freude. So wurde sie aufgrund Ihrer Großmutter, die Deutschlehrerin war, frühzeitig an die Stilsicherheit und Ausdruckstärke herangeführt. Als ihr die Zahlenwelt allein nicht mehr genügte und etliche Lebenserfahrungen sie fast zu erdrücken drohten, griff sie endlich zur „Feder"!!!

Allen Menschen, die mich ehrlich begleiten, gütig an mich denken und weder Neid noch Missgunst empfinden, einen unerschütterlichen Glauben an das GUTE besitzen, manchmal Geduld haben müssen und doch mit mir zusammen in die gleiche Richtung blicken, den Sinn erkennen und die Tiefe der Gedanken verstehen, widme ich dieses Buch.

Besonderer und herzlicher Dank gilt meinem Mann Axel.

Außerdem umfasst diese Widmung meinen treuesten und bedeutsamsten tierischen Begleiter, Kater Charley, seine Vorgänger und Nachfolger!

Ute K.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Kapitel XI

Kapitel XII

Kapitel XIII

Kapitel XIV

Kapitel XV

Kapitel XVI

Kapitel XVII

Kapitel XVIII

Kapitel XIX

Kapitel XX

Kapitel XXI

Kapitel I

Der Abend senkte sich langsam über die gesamte Landschaft. Schatten, die immer länger wurden, verhießen unwillkürlich, dass die Nacht, eine dieser langen Nächte, bald hereinbrechen würde. Kalt war es schon den ganzen Tag gewesen, an manchen Stellen sogar richtig schneidend. Streichhölzer nahmen rapide ab und manchmal wünschte sie sich einfach, zu sterben.

Sie irrte nun schon so viele Tage und Nächte durch die vereiste Gegend, die Gassen dieser Stadt waren dunkel und kalt und doch boten sie etwas Schutz vor dem eisigen Wind. Da sie weder Geld noch irgendetwas Wertvolles besaß, war es nicht nur schwierig, sondern unmöglich, eine wohnliche Unterkunft zu finden.

Christin sah nicht schlecht aus. Auch ihre Figur machte durchaus etwas her. Wenn man allerdings tagelang herumirrt und sich bei dieser Kälte – nachts fast immer unter -15 Grad Celsius – nicht richtig waschen kann, sieht das schönste Geschöpf nur noch bemitleidenswert aus. Die Notunterkünfte boten auch nur wenig Schutz und waren für Frauen meist noch mit anzüglichen Bemerkungen und manchmal mit Übergriffen verbunden, dann blieb sie doch lieber in der freien Natur und suchte diese Stellen nur auf, wenn es gar nicht anders ging.

Dabei hätte es nie soweit kommen müssen. Viel zu viel Vertrauen und immer wieder Verzeihen sowie das ständige Zurückstellen ihrer eigenen Träume und Wünsche hatten sie nun in diese Lage gebracht. „Ich bin doch nicht blöd, ich schaffe es hier wieder heraus", sagte sie sich manches Mal. An anderen Tagen wiederum neigte sie dazu, einfach sterben zu wollen. Doch immer wenn sie nachts einschlief, um vielleicht durch Erfrieren ins „Jenseits" wechseln zu können, bäumte sich ihr Körper auf, brachte dieser soviel Kraft hervor und ließ es einfach nicht geschehen. Manchmal war sie deshalb sehr traurig und fiel in eine tiefe Depression. Es interessierte sich sowieso niemand für sie.

Der Lebenswille ist stark, viel zu stark. Kein Wunder, mit gerade einmal 30 Jahren und einer Gesundheit, um die sie viele ihrer Mitmenschen beneiden würden.

„Hätte ich doch niemals diesem Menschen vertraut, ihn derart geliebt und immer wieder verziehen und mich selbst für Dinge entschuldigt, die keiner Entschuldigung bedurften. Ich habe mich so klein gemacht. Am Ende stand mir noch der Stolz im Weg. Mir wäre so viel erspart geblieben. Halb ausgehungert und fast total erfroren, laufe ich nun durch die Gegend. Manch einer drückt mir einfach Geld in die Hand, ich muss es annehmen, obwohl ich dabei fast sterbe."

Ihre Haare klebten vor Fettigkeit am Kopf, doch waschen war aufgrund der eisigen Temperaturen Selbstmord und ihre Füße sind schon seit Tagen in diesen Stiefeln nicht mehr warm geworden, doch etwas anderes wärmt sie von innen. Es ist Weihnachtszeit. Klar, sie müsste noch viel trauriger und deprimierter sein in ihrer jetzigen Situation. Das ist sie aber nicht, vielmehr hat sie Angst vor der Zeit, die nach Weihnachten auf sie wartet. Jetzt ist es so, dass überall auf Weihnachtsmärkten mal Essensreste umher liegen und durch Wurst- und Fleischbratbuden viel Wärme abgestrahlt wird. Außerdem sind die Menschen in jener Zeit eher in Geberstimmung, aber was ist, wenn die Buden und diese Lichteratmosphäre danach verschwinden?

„Bloß nicht darüber nachdenken, nicht jetzt!!!", ruft sie sich zur Ordnung. Weiter geht es, ein bisschen laufen, springen, um den Körper zu erwärmen. Dabei wäre sie nun beinahe gestürzt. „Was ist denn das?", staunt sie leicht erschrocken und bückt sich, um den „Stolperstein" aufzuheben. Das war aber kein Stein, auch kein festes Plastik, sondern weiches Leder. Es war zu dunkel an dieser Stelle, um sofort klar sehen zu können, worum es sich bei der „Fundsache" handelte. Sie musste nur erst einmal weitergehen und in einer menschenleeren Nebenstraße unter einer Laterne nachschauen.

Eine Geldbörse. Ihr Herz hüpft vor Freude! Das bedeutet ein kleines Auskommen, vielleicht ein paar Nächte in einem Hotel, etwas zu essen sollte auf jeden Fall herauskommen. Wie viel ist es? Zitternd schließt sie die Geldbörse wieder und sieht sich um, doch nur der Wind faucht um die Ecke dieser schon verschlafenen Gasse. Kein Mensch hat sich hier in den letzten Minuten blicken lassen. Sie fröstelt, mehr vor freudigem Entsetzen, als vor Kälte. „Das geht nicht, das ist eindeutig zuviel." Grob durchgeblättert die vielen Scheine und im Kopf überschlagen, muss sie feststellen, dass sie ungefähr 20.000 Euro in den Händen hält.

„Damit kann ich ein neues Leben beginnen. Das ist ein Weihnachten. Ich brauch keine Angst mehr zu haben. Fürs Erste komme ich zurecht. Wenigstens soweit, um eine Wohnung zu mieten und mich gescheit zu kleiden. Dann kann ich wieder auf Arbeitssuche gehen, ohne weggestoßen oder gar ausgelacht zu werden, um bald den Traum leben zu können, den Traum der Selbständigkeit im Gesundheitswesen, des richtigen Gesundheitswesens. Ganzheitlich, auf der Basis der Natur!"

Sie muss sich hinsetzen. Ist es doch eine Gottesfügung? Ich war immer nett zu den Menschen, habe niemals jemanden betrogen und zeigte auch stets Anteilnahme, wenn anderen Leuten schlimme Dinge zugestoßen sind.

Meist musste Christin dabei selbst viel einstecken und wurde verhöhnt, ausgelacht oder einfach mit Ignoranz abgestraft. Sie gab trotzdem nie auf, ihre Ideale waren wichtiger, als ein Leben in Gleichmut und im Gefallen der anderen Mitmenschen. Sie war anders und das sollte auch so bleiben.

Gibt es so viel Gerechtigkeit auf der Welt? An Gott selbst habe ich ja nie geglaubt, sinnierte sie noch einen Moment weiter.

Erst einmal überschlagen sich die Ereignisse in ihrem Kopf, ihr wird schwindlig, doch sie beherrscht sich und kurz darauf meistert sie diese Situation. Der Herzschlag und ihr rasender Puls nehmen wieder Normalgeschwindigkeit auf. Ihr Verstand wird jetzt klar und so entscheidet sie völlig rational:

„Jetzt muss ich dieses Fundstück erst einmal gut einstecken und dann überlegen, was zu tun ist. Ich werde die Nacht in einer Pension verbringen und mir nach einem Bad weiter Gedanken machen. Hier draußen kann ich keinen klaren Kopf mehr bekommen." Die Kälte greift bissig nach ihr und die Haare, ja der ganze Körper schreit nach einer Waschung.

„Ich nehme gleich einen Schein in die Hand, damit ich diese Brieftasche nicht zeigen muss, und werde so nach einem Zimmer fragen."

Plötzlich überkommen sie Zweifel. Sie war immer ehrlich gewesen und hat sich gut dabei gefühlt. Natürlich ist es möglich, dass es keinen armen Menschen trifft, der diese Geldbörse verloren hat, aber was, wenn doch? Vielleicht hat jemand sein Geld, welches er für die Rente hinterlegt hat, mit einem Mal abgeholt, um ins Ausland auszuwandern. Mit 20.000 würde er zwar auch nicht ewig durchhalten können, aber es wäre ein Anfang, eine Existenzgrundlage. „Genauso wie es mir jetzt helfen könnte, brechen auf der anderen Seite der Stadt eventuell Welten ein."

„Das kann ich nicht, ich werde diese Geldbörse wieder zurückgeben. Es muss irgendwie anders weitergehen. Normalerweise stehen mir ja 10 Prozent Finderlohn zu. Ich denk, soweit kann ich guten Gewissens gehen, dass ich mir 2.000 Euro herausnehme. Morgen, nach einer Nacht im Hotel und einem Bad sowie einer neuen Hose und Jacke werde ich zur Polizei gehen. Doch wenn ich so auftauche, wie ich jetzt ausschaue, nimmt man mir womöglich die Geldbörse ab, beschimpft mich als reuige Diebin und jagt mich ohne Finderlohn davon."

Vorsichtig, aber nicht zu ängstlich und schüchtern, betritt sie eine Pension an der Straßenecke. Der Eingangsbereich ist nicht sehr modern und vielleicht hätte sie in früheren Jahren die Nase gerümpft und dies als nicht standesgemäß betrachtet, aber jetzt schien es ihr perfekt. Sie wollte auch nicht auffallen, sondern einfach erst einmal unterkommen. Ein paar vereinzelte Weihnachtsgestecke liegen nebeneinander, eigenartig aufgestapelt im Foyer, liebevoll sieht anders aus. Es ist ihr im Moment egal. Sie nimmt all ihren Mut zusammen, geht keck an die Rezeption und winkt mit dem 100 Euro-Schein.

„Jetzt muss ich aber endlich aus diesen Klamotten heraus und duschen, geben sie mir bitte ein Zimmer." Der Wirt schaut sie sich erst an und scheint zu überlegen. Sein Gesicht ist von derben Falten zerfurcht und scheint unbeweglich erstarrt zu sein, nur seine Augen verraten innere Regung und lebendige Gedanken.

„Was überlegt der denn so lang!", denkt Christin. Ewigkeiten scheinen zu verstreichen. Bevor die ganze Situation kippt, geht sie zum Frontalangriff über.

„Ach wissen sie, Fasching, die gesamte 5. Jahreszeit ab 11.11 ist ja ganz schön. Auch als Bettlerin zu gehen, hat durchaus seinen Reiz. Meine Freunde haben so einen Maskerade organisiert. Aber muss diese Zeit eigentlich immer in die kälteste Periode des Jahres fallen? Man friert sich wirklich nahezu alles ab und irgendwann hat man auch keinen Spaß mehr, da helfen auch das schönste Kostüm und die Schminke nicht weiter!"

Endlich klärt sich der Blick des Wirtes auf. Die wie eingemeißelt erscheinenden Falten verziehen sich nun doch in Richtung eines Lächelns. Erheitert sagt er: „Na, dann mal hereinspaziert junge Lady und alles frisch gemacht. Ich habe nur gestutzt, weil sie so gar kein Gepäck dabeihaben."

„Oh, das ist auch so eine Geschichte. Mein Gepäck kommt erst nächste Woche mit der Bahn. Ich benötige dringend noch Kleidung."

„Das ist kein Problem, wir schicken ihnen jemand vom Modehaus. Da können sie sich die passende Garderobe auswählen. Und hier ist ihr Zimmerschlüssel. Viel Spaß dann noch und behalten sie erst einmal ihr Geld, ihr Zimmer können sie am Ende der Woche bezahlen."

Ein kurzer Blick über die Schulter nach hinten verrät ihr, dass der Mann ihr diese Schau abgenommen hat, denn er verschanzt sich in ganz natürlicher Ruhe hinter einer Zeitung und beginnt, diese zu lesen. Sie denkt noch so bei sich: Eine nette Geste wäre gewesen, wenn man mir wenigstens ungefähr die Richtung zum Zimmer erklärt hätte, aber sie wollte nicht zusätzlich Ärger heraufbeschwören. Nach so vielen Tagen und Nächten auf der Straße würde sie wohl in diesem Hotel problemlos Zimmer Nr. 13 finden.

Sie geht die Stufen hinauf und bevor der oberste Treppenabschnitt erreicht ist, wird sie aus ihren Gedanken gerissen. Ein Hotelboy hat sie bemerkt und kann ihren suchenden Blick deuten.

„Darf ich Ihnen ihr Zimmer zeigen? ", fragt er leise, doch Christin fährt trotzdem zusammen und sieht ihn entgeistert an. Außer einem trockenen und sehr erschrockenem „Ja, bitte", bekommt sie deshalb auch nichts heraus.

Sie gehen noch eine Treppe höher und erst ziemlich in der Mitte des Ganges nimmt er ihr den Schlüssel aus der Hand und schließt auf. Mit etwas Schwung dreht diese Tür nun und gibt den Blick auf das Innere des Zimmers frei.

Kapitel II

Endlich in einem Zimmer. Es war nicht sehr groß, versprühte aber eine anheimelnde Atmosphäre. Die gesamte Einrichtung vermittelte Wärme und Geborgenheit, wie es Christin seit Monaten nicht mehr erleben durfte. Einen beheizten Raum für sich allein empfand sie in diesem Moment als höchste Wonne. Keine anzüglichen Bemerkungen oder dumme Fragen anderer, keine Blicke, die Christin auszogen, kein lästiges Gequatsche.

Der Tisch im Zimmer war klein und die beiden Stühle mit dem schäbigen Bezugsstoff, die ihre beste Zeit schon längst hinter sich hatten, sahen recht unbequem aus. Dafür erfassten Christins Augen ein überdimensionales Bett und damit verbunden entstand eine riesige Freude, darin heute Nacht ganz entspannt schlafen zu können.

„Die Räume sind wieder hoffnungslos überheizt", schimpfte der Hotelboy, als er sie ins Zimmer führte und das Trinkgeld dankend entgegennahm. Sie war froh, in der Geldbörse noch einige Münzen gefunden zu haben. Ihre letzten Einnahmen, die ihr ein paar Leute hingeworfen hatten, beliefen sich nur auf 30 Cent und wären als Trinkgeld zu mager gewesen.

„Aber, ich bitte Sie, das macht doch nichts, ich bin sowieso durchgefroren und freue mich über die Wärme hier", schaltete sich Christin nun ein, die unbedingt verhindern wollte, dass die Heizung abgedreht und die Fenster aufgerissen wurden.

„Na, wenn das so ist, dann viel Spaß beim Aufwärmen und das hoteleigene Restaurant serviert ab 18.30 Uhr nach der Abendkarte. Das sollten Sie sich nicht entgehen lassen. Unser Küchenchef hat sich in diesem Advent mit den Speisen wirklich selbst übertroffen!", fügt er nun mit Stolz im Blick hinzu.

„Ja, ich würde gern etwas zu mir nehmen, allerdings kann ich doch mit diesen Kleidungsstücken nicht in die Öffentlichkeit und andere Garderobe wird mir sicher erst Morgen geliefert."

„Ach, Sie Ärmste, ich vergaß. Ihr Malheur! Der Empfangschef hat mich ins Bild gesetzt und ihnen hinter-hergeschickt, um das Zimmer zu zeigen. Darf ich in Ihrem Namen vielleicht dem Zimmerkellner Bescheid geben? Da speisen Sie hier," nun deutete er auf den Tisch mit den beiden Stühlen," bestimmt genauso hervorragend!"

„Das ist eine sehr gute Idee, wenn Sie so nett wären? Ich bin sowieso ein wenig kaputt heute, da mache ich es mir genauso mit meiner Abendspeise gemütlich," dabei zeigte sie ebenfalls in Richtung Stühle und erntete ein wissendes Nicken des Hotelboys.

„Sehr gern, ich lass Ihnen sofort die Speise- und Getränkekarte bringen," damit verließ er den Raum und zog die Tür leise hinter sich zu.

Endlich allein! Und noch dazu in einem so wundervollen Zimmer, dachte Sie und betrat das Bad.

Wahrscheinlich hätte ihr jede noch so kleine Badenische zugesagt und sie gemeint – nach Wochen auf der Straße – sie wäre im Paradies, aber dieser Raum hatte wirklich seinen Charme!

Das Bad war ungewöhnlich groß, wenn man bedachte, dass der eigentliche Wohn- und Schlafraum gerade einmal für dieses große Bett, den kleinen Tisch mit zwei Stühlen und einem alten rustikalen Bauernschrank Platz bot. In diesem Badezimmer konnte Christin wunderbar stehen, sich drehen und wenden und es war warm. Die Heizung machte im wahrsten Sinne des Wortes Dampf und so ließ sich Christin einfach in den Bann eines Wannenbades ziehen. Eine kleine Flasche mit Probebadeschaum, wie in Hotels üblich, goss sie in die Wanne und drehte das warme Wasser auf. Schon bald erfüllte angenehmer Duft diesen Raum und sie konnte gar nicht schnell genug den lästigen Bettelkittel ausziehen. Sie hatte noch keinen Fuß über den Badewannenrand getan, als es laut dröhnend an der Tür klopfte.

Es war bestimmt nicht laut dröhnend, aber ihr kam es in diesem Moment so vor. Aus ihren Träumereien gerissen, hatte sie plötzlich das Gefühl, als wären alle Nervenenden in ihrem Kopf zusammen geschlagen und hätten einen Kurzschluss verursacht, der wie ein stechender Schmerz blitzartig durch ihr Gehirn schoss und bevor er nachließ noch nachhallte, wie ein Schall, der nur sehr langsam verebbt.

Für einen kurzen Moment war sie wohl auch bewusstlos, doch das weitere Klopfen an der Tür holte sie in die Realität zurück. Sie musste sich anstrengen, den Weg vom Bad zur Tür einigermaßen normal zu bewältigen. Übelkeit brachte sie fast zum würgen. Sie hatte jetzt nichts mehr an und sah sich im Zimmer um. In ihren fürchterlichen Kittel wollte sie nicht mehr, aber ein Bademantel hing hier nicht. Rasch zog sie ein großes Handtuch heran und umwickelte sich, wie mit einem Saunatuch.

Obwohl es nicht ihre Art des Anstandes und der Höflichkeit war, öffnete sie die Tür wohl dieses Mal sichtlich genervt. Der Zimmerkellner am anderen Ende hat durchaus einen Blick für „erschrockene oder entnervte Personen" und begann erst einmal, sich ausführlich zu entschuldigen. Das brauchte sie nun am Allerwenigsten.

Sie bat ihn – so höflich wie es ihr nun wieder möglich war – um die Speisekarte, nahm seine Entschuldigung an und wollte ihn schon verabschieden, als er noch meinte: „Die Speisen dauern ca. eine halbe Stunde. Bei uns wird alles frisch zubereitet," fügte er stolz hinzu. „Ab 21.30 Uhr nehmen wir keine Bestellungen mehr entgegen und um 22.00 Uhr schließt die Küche. Am Morgen beginnt das Frühstücksbuffet um 08.00 Uhr und bei Ihrem Zimmerkellner können Sie ab 07.30 Uhr bestellen!"

„Prima, und vielen Dank, ich werde dann bald bestellen!" Somit war der erst einmal abgewimmelt, dachte sie und versuchte, ihre innere Unruhe, die Übelkeit und das Rasen ihres Herzens sowie das sich verflüchtigende Vibrieren in ihrem Kopf wieder in den Griff zu bekommen.

Ich werde ins Bad gehen und mich nochmals so verzaubern lassen. Es dürfte ja nun keiner mehr an die Tür klopfen. Erst wenn ich bestellt habe, muss ich nach einer halben Stunde mit Klopfzeichen rechnen.

Diesen Gedankengang fand sie nun wirklich richtig lustig. „Klopfzeichen!" Wie früher, als sie manchmal mit ihren Freunden auf gefangene Mäuse aufpassen wollten. Die durften natürlich nicht mit ins Haus. Also wurden sie in Kisten oder eher stabileren Kartons mit einer Lage Sand unter Flieder- oder Holunderbüschen versteckt. Jeder war einmal dran, Futter zu bringen. Es wurden Küchenabfälle und hartes Brot gesammelt, weggeworfene Lockenwickler als Spielzeug genauso, wie eben andere Kleinigkeiten, mit denen man den Neuankömmlingen eine Freude machen und fürs Überleben sorgen konnte. Man muss wirklich sagen, dass es diese Mäuse manchmal besser hatten, als einige der heutigen Haustiere, um die sich die Kinder kaum kümmern, weil ein Computerspiel oder die unten rufende Freundin plötzlich wichtiger sind. Na ja, auf jeden Fall gab es eine andere Gruppe Kinder, die neidisch waren auf diese kleine Mäusefarm. Am Abend oder sogar in der Nacht wurde versucht, unsere Mäuse freizulassen oder anderweitig Schaden anzurichten. Also mussten ein eigenes Telefon und eine Alarmanlage gebaut werden, mit Joghurtbechern und Angelschnur. Natürlich verstand man kein Wort, aber eine Art Morse- oder Klopfzeichen, das hat funktioniert und der Stolz der Erfinder war groß.

Die Erwachsenen sind nie dahinter gekommen und das war unser größter Triumph. Allerdings hat uns oftmals in der Nacht der Schlaf übermannt und so waren wir dann am nächsten Tag doch erstaunt, was aus unserer „Zucht" in der Dunkelheit geworden war. Oftmals sind die Tiere auch ohne fremde Hilfe entkommen. Es sind ja schließlich Nager und ein Karton ist längst keine ausbruchssichere Stätte für eine freiheitsgewohnte Nagerfamilie. Nun musste sie wirklich lachen, diese Erinnerungen! Hätten die Eltern das gewusst ... Krankheiten hätten wir bekommen können, haben wir aber nicht, unser Immunsystem stand, warum auch nicht, es wurde ja ständig trainiert!!!"

Ein weiteres Mal an diesem Abend betrat sie das Badezimmer und sah das Wasser verheißungsvoll in der Badewanne schimmern. Diesmal gelang auch der Einstieg ohne Störungen und als sie das Wasser spürte, welches ihren Körper warm umschmeichelte und den Schaum knistern hörte – ganz leise und sanft, fast wie ein Flüstern – hatte sie ein Hochgefühl und spürte, wie nach und nach, die gesamte Last der letzten Wochen von ihr abfiel. Ziemlich lang ließ sie sich treiben und achtete nicht auf die Zeit. Dann seifte sie sich ab, wusch die Haare und das alles verbunden mit einem Dufterlebnis aus Rosen und Lavendel. Nun stieg sie hochzufrieden und mit einem sauberen, glücklichen Gefühl aus der Wanne. Fast verzaubert kam sie sich jetzt vor und das Einzige, was ihr missfiel, war die Tatsache, dass sie zumindest bis zum morgigen Tag wieder ihren alten Kittel anziehen musste. Aber das war halt nicht zu ändern.

Als sie aus dem Badezimmer trat und Ihre Schuhe anziehen wollte, sah sie am Fenster einen Schatten vorbeihuschen. „Nanu, wer oder was kann das denn sein?" Kurze Zeit war sie unschlüssig, ob sie nachschauen oder lieber das Fenster geschlossen halten sollte.

„Wieso eigentlich, ich habe jetzt so viele Nächte draußen in freier Wildbahn verbracht und auch überlebt, da werde ich es jetzt wohl fertig bringen, einen Blick aus dem Fenster zu werfen!", schoss es ihr blitzartig durch den Kopf. Sie öffnete es und lehnte sich etwas hinaus. Sehen konnte sie für den ersten Moment nichts, denn draußen war es schon dunkel geworden und auf dieser Seite des Hotels erhellte keine Straßenlaterne die Umgebung. Es handelte sich dabei um den Hinterhof mit den Parkanlagen. Das Haus hatte durch eine große Abschüssigkeit vom Baustil erreicht, dass Christin zwar innerhalb des Hotels eine Treppe hochgestiegen, aber nach hinten heraus gerade einmal im Hochparterre gelandet war. Noch ehe sie begriff, dass es auch ein Eichhörnchen gewesen sein könnte, sprang eine dreifarbige Katze zu ihr auf den Fenstersims und begann sofort, ohne eine Spur von Angst oder Misstrauen, zu schnurren, und wollte gestreichelt werden.

Das ist ja wie im Märchen, wo ich Katzen doch so sehr mag. Sie drehte die Hand langsam und kam so immer näher an den Katzenkörper heran, spürte deren Herzschlag und entspannte sich innerlich immer mehr.

Ein schönes Gefühl und hoffentlich nicht so schnell vorüber, dachte sie in diesem Moment.

Sie konnte sehr gut mit Tieren umgehen. Bisweilen waren es ihr die liebsten Geschöpfe auf der Welt. Katzen aber waren die Krönung, der Gipfel der Tiere für sie. Diese Anmut, dieses Wesen und nicht zuletzt – diese Unbeugsamkeit und der Eigenwille der Tiere - machten immer wieder Eindruck auf sie. Außerdem waren ihr Körper und ihr Aussehen sehr reizvoll und versprühten einen ganz eigenen Charme. Auf jeden Fall fand sie immer schnell einen Draht zu Tieren und versuchte sich, in sie hineinzuversetzen. So gelang es ihr, die Bedürfnisse zu erkennen und somit ohne Druck oder Zwang mit den Tieren umzugehen. Für manch Außenstehenden kaum vorstellbar, gerade auch, weil in Fachkreisen die Ansicht herrscht, dass man Katzen unmöglich erziehen kann. Das brauchte und wollte sie auch nicht, denn das würde schließlich das Wesen dieser Gattung empfindlich stören. Sie verstand es, den Katzen Bequemlichkeit und Wärme sowie tiefe Zuneigung entgegenzubringen, ihre Neugier zu wecken und sie so ganz sanft führen zu können, ohne dass diese ihre Natur aufgeben mussten. Sie selbst mochte das Schnurren, Kuscheln, mit der Hand durch flauschiges Katzenfell zu fahren. So konnte man dieses Zusammenspiel, in dem beide Seiten ihre Vorteile hatten, sogar als Symbiose bezeichnen.

Sie ließ das Fenster offen und setzte sich aufs Bett. Es fiel ihr schwer, dieses herrliche Wesen nicht mehr zu streicheln, aber wenn sie wollte, dass sie bei ihr blieb, musste sie der Katze die Möglichkeit geben, selbst zu entscheiden! Sie etwas zu locken, war ja erlaubt.

„Na, kommst du zu mir, du Süße?", rief sie leise und mit viel Gefühl in der Stimme. „Ich werde uns beiden jetzt etwas zum Abendessen bestellen. Für dich nehmen wir eine kleine Portion Thunfisch als Vorspeise. Die dürfte nicht eine halbe Stunde in der Zubereitung dauern und ich werde dann ein Hühnchenfrikassee nehmen, ich möchte nach den vielen Tagen, in denen ich manchmal hungern musste, nicht gleich mit einem riesigen Braten beginnen." Sie rief den Zimmerkellner an und gab ihre Bestellung durch.

„Sehr wohl", sagte dieser und erklärte: „Der Thunfisch als Vorspeise wird in ungefähr 10 Minuten fertig sein und für das Hühnchenfrikassee wird eine halbe Stunde Zubereitung benötigt. Dafür ist es ganz frisch! Soll es vielleicht auch ein Dessert noch geben?"

„Der muss auch immer auf die frische Zubereitung hinweisen, dass kann er wohl nicht bleiben lassen", dachte sie schmunzelnd bei sich.

„Ja, aber ich habe eine Laktoseüberempfindlichkeit und keine Ahnung, ob sie mir den Vanillepudding mit Himbeeren vielleicht laktosefrei zubereiten können", sagte sie augenzwinkernd in Richtung Katze, die immer noch unentschlossen über den Fenstersims lief. Katzen vertragen den Milchzucker nicht, der in der Milch und damit natürlich auch in Milchprodukten vorhanden ist. Deshalb gibt es ja extra Katzenmilch, die entweder laktose-, also milchzuckerfrei, oder zumindest sehr stark laktosereduziert ist. Manche Menschen haben aber durchaus auch Probleme mit dem Milchzucker, die bekommen nach Milchproduktgenuss dann meist heftigste Blähungen oder Bauchschmerzen. Allerdings konnte es eben einfach nur an der Kuhmilch selbst liegen und nicht am Milchzucker, dann half ein Umstieg auf Schaf- oder Ziegenmilch. Noch in diesen Gedanken verhaftet, nahm sie nur am Rande die Stimme des Küchenchefs wahr, der da meinte:

„Kein Problem, junge Frau", wir können laktosefrei zubereiten, wir führen ebenfalls Diätprodukte. Schließlich sollen sich Diabetiker und Allergiker bei uns genauso wohl fühlen und gern wiederkommen, wie alle anderen Gäste. War das alles als Bestellung?"

„Ja, vielen Dank und bringen Sie mir bitte alles in einer halben Stunde, ich kann auf die Vorspeise auch noch warten! Bis dann!" Sie legte auf, ohne die Antwort des Küchenpersonals abzuwarten, denn ihre neue Freundin hatte sich entschlossen die Fensterbank zu verlassen und war ins Zimmer gesprungen, um nun so ziemlich alle Gegenstände zu untersuchen und ihr Köpfchen daran zu reiben. Christin ging das Fenster schließen, ließ es dann aber doch einen Katzenspalt weit offen. Schließlich sollte das Tierchen nicht verängstigt werden und immer noch eine Fluchtmöglichkeit besitzen, wenn es denn überhaupt noch fliehen wollte.

Die Zeit der Beobachtung versorgte Ihren Körper mit Wärme und einer inneren Zufriedenheit. Beinahe wäre sie beim Klopfen des Zimmerkellners wieder zusammengefahren, doch diesmal war es zuerst der kleine vierbeinige Gast, der in seiner Untersuchung der Gegenstände innehielt und somit Christins Aufmerksamkeit Richtung Tür lenkte. Keinen Augenblick zu früh! So blieb ihr ein zweiter Schreck an diesem Abend erspart und sie meinte nur: „Vielen Dank, du süßes Frühwarnsystem!"

Nun lag es wohl am Kellner, überrascht zu sein. Mit so einem schnellen Öffnen der Tür hatte er jetzt nicht gerechnet. Er brachte die Speisen und Getränke herein und wollte sich verabschieden, als er die Katze erblickte. In diesem Moment schien sich der gesamte Mensch zu verwandeln. Seine Augen wurden groß, er druckste unverständliches Zeug, deutete auf die Katze und war schließlich sehr schnell verschwunden.

„Guten Appetit oder Gute Nacht" – dachte sie noch bei sich - „wäre wohl auch nett gewesen."

„Na, vielleicht hat er ja ein Problem mit Katzen, eine Phobie eventuell. Diese ist zwar nicht sehr weit verbreitet, Phobien treten eher in Richtung Schlangen, Spinnen und so etwas insektenähnlichem auf, aber gänzlich unmöglich ist es nicht."

„Dann wollen wir es uns mal schmecken lassen. Magst du Thunfisch?" Das sah ganz danach aus. Die Katze futterte, als hätte man ihr auch mehrere Tage die Nahrung vorenthalten. Christin schmeckte es vorzüglich, zumal sie nun in so netter Gesellschaft speisen durfte.

Als sie fast fertig waren, klopfte es nochmals. Die laktosefreie Nachspeise wurde gebracht und war innerhalb kürzester Zeit vernichtet. Gegenseitiges Beobachten vertrieb die nächsten 45 Minuten.

Etwa eine Stunde später, sie wollte sich schon schlafen legen, pochte es ein weiteres Mal an der Tür. Ein anderer Zimmerkellner war es nun, der nur das Geschirr abräumen wollte. Bereitwillig gab sie ihm alles mit und legte ein Trinkgeld dazu. Er zwinkerte dankbar und war gleich darauf aus dem Zimmer und auf dem Weg zur Küche.

„Jetzt reicht es aber. Schluss für heute!" Sie drehte den Zimmerschlüssel herum und legte sich aufs Bett. Es dauerte keine zwei Minuten, da bekam sie Gesellschaft. Ein lautes Schnurren und ein genüssliches Ausstrecken auf der anderen Bettseite, signalisierten ihr, dass sie für diese Nacht einen Schlafgast bekam.

„Auch gut, dann werde ich jetzt das Fenster schließen. Du wirst dich schon bei mir bemerkbar machen, wenn du in der Nacht weggehen willst." Genau das wollte aber diese graziöse, dreifarbige Schönheit nicht. Neben einem so sanftmütigen Wesen einzuschlafen und ebenso wieder aufzuwachen, war seit langem der größte und schönste Augenblick für sie. Das hübsche fellige Fräulein war ein Katerchen, wie sie später erkannte und wandelte im Laufe der Nacht durch verschiedene „Stellungswechsel" im gesamten Bett umher. Am Morgen lag er seitlich ausgestreckt fast auf ihrer Schulter, sie fand es so angenehm und kuschelig, wie seit langer Zeit nicht mehr.

Fast schmerzerfüllt wandte sie sich ab, ging ins Badezimmer und rief sich zur Ordnung. „Du musst erst einmal dein Leben in den Griff bekommen, du hast eine Chance dazu erhalten", sprach sie zu ihrem Spiegelbild. Nun putzte sie sich die Zähne und wusch sich das Gesicht. Schon bei den normalen Tätigkeiten im Badezimmer fiel ihr erneut eine Last von der Seele und sie entschied sich für ein Frühstück mit Kaffee und Semmeln sowie Marmelade, Honig und etwas Schinken; man konnte ja nie wissen. Leider würde sie heute nicht so liebliche Gesellschaft haben, aber das war halt nicht zu ändern.

Als das Frühstück gebracht wurde, hatte sie wieder ihre alten Sachen an und der Zimmerkellner teilte ihr bei der Gelegenheit mit, dass jemand vom Modehaus gegen 9.30 Uhr vorbeikäme, und zwar mit passender sportlicher und eleganter Kleidung. Der Zeitpunkt passte gut, so konnte sie sich ausgiebig mit ihrem Frühstück Zeit lassen, ein bisschen träumen und trotzdem würde noch genug Vormittag übrig sein, um den Brief wegzuschicken.

Da kratzte es plötzlich am Fenster, genau in dem Augenblick als der Zimmerkellner verschwunden und die Tür sich gerade hinter ihm geschlossen hatte. Ihr Lieblingsessenskamerad war wieder da. Voller Freude und glücklicher Gefühle öffnete sie und ließ ihn herein. Gut, dass Schinken auf dem Tellerrand liegt und etwas Wasser war immer zu haben. In solchen Augenblicken merkt man erst, wie wunderbar es ist, teilen zu können und dafür so freundliche, unaufdringliche Gesellschaft zu erhalten. Sie musterte ihn beim Fressen und das Frühstück schmeckte ihr nun gleich nochmal so gut.

Als die Mitarbeiterinnen vom Modehaus pünktlich um 9.30 Uhr erschienen, war ihr „Begleiter" schon wieder zur nächsten Routinerunde aufgebrochen. Diesmal war sie sicher, dass er zurückkommen würde. Sie staunte nicht schlecht, als sie feststellte, dass anhand ihrer Größe und der Beschreibung ihres Stils durch den Zimmerkellner, die Angestellten nicht nur die komplett passenden Größen dabei hatten, sondern auch alles super saß und ihr eine hervorragende Ausstrahlung verlieh. Da fiel es schwer, an ein Budget zu denken, um noch die weiteren Herausforderungen des Tages und der nächsten Zeit bestehen zu können, aber es musste sein.

Sie entschied sich fast ausschließlich für die sportliche Kleidung, nahm aber ein elegantes Kostüm dazu. Weitere Sachen würde sie sich in etwas günstigeren Geschäften kaufen, jetzt wies man sie sicher nicht mehr ab. Die beiden Frauen waren höflich, wenn auch zeitlich etwas gestresst und damit froh, dass Christin so entscheidungsfreudig war und nicht lange überzeugt werden musste. Die eine der beiden hatte ihren Blick im Zimmer ausgiebig schweifen lassen und Christin kam es für einen Moment so vor, als hätte sie für sich entscheiden wollen, ob sie hier auch mal eine Weile unterkommen könnte. Vielleicht war es aber auch nur eine komische Reaktion ihrerseits auf die der Einrichtung zugedachten Blicke.

Die beiden Damen verließen noch schneller ihr Hotelzimmer, als sie aufgetaucht waren und Christin wollte nicht länger darüber nachdenken. Sie behielt gleich das an, was sie als letztes anprobiert hatte und machte sich auf den Weg.

In der Stadt beim Einkaufen hatte sie schnell zusammen, was sie für den Start in ein neues Leben brauchte und das war gut so. Sie war nie gern ausgiebig und lang in einer Stadt bummeln gewesen und Kleidungsstücke einzukaufen, fand sie bisweilen als sehr nervig. Daran hatte sich nichts geändert. Es ging nun mal aber nicht anders, denn sie konnte nicht in Bettlerkluft ihr wiedergefundenes Leben starten. Eine „Grundausrüstung" war ihr nach dem Besuch der Modehausdamen natürlich gegeben, doch es fehlten einige zusätzliche Sachen und Unterwäsche hätte sie gern etwas reichlicher zum Wechseln. Dann nahm sie noch Zeitschriften mit Wohnungsanzeigen mit und entschied erst einmal, dass sie das gesamte Geld wohl noch behalten musste, wenn sie wieder zurechtkommen wollte. Sollte sie in den Zeitungen irgendwo etwas finden, dass jemand seine Brieftasche verloren hatte, der inständig um Rückgabe bettelt, würde sie nicht zögern, es schleunigst zurückzugeben. Fand sie hingegen nichts, dann war sie halt mal an der Reihe, Geld zu bekommen, immer hatte sie nur gegeben oder mental geholfen.

In einem Buchladen wollte sie noch einige Bücher über Naturheilverfahren kaufen, um sich ganz ihrer eigentlichen Herausforderung der Naturheilkunde hingeben zu können. Das war die nächste Anlaufstelle, doch zuerst musste sie wieder zum Hotel zurück und ihre bereits gekauften Dinge ablegen.

Für den Bücherkauf brauchte sie die Hände frei und Zeit. Das war dann auch ein Erlebnis, dieser riesige Bücherladen mit allem, was sie für ihr Fachgebiet benötigte. Sie wühlte sich mit Genuss durch die Buchreihen, blätterte einige Exemplare durch, las bei manchen Büchern nur ein paar Zeilen, vertiefte sich in einige Abschnitte völlig, schlug in anderen Exemplaren etwas nach, verfolgte einige Ausführungen intensiver als andere. So vergingen einige Stunden.

Reichlich ausgestattet kam sie am Abend wieder in ihr Hotelzimmer und schaute sehnsüchtig zum Fenster. Der Kater ließ nicht lange auf sich warten und bat um Einlass, den sie ihm sehr gern gewährte.

Bis zum bestellten Abendessen war noch Zeit. So schaute sie sich ihre gekauften Kleidungsstücke an und beschloss, vor dem Wegwerfen ihrer Bettelkleidung diese nochmals anzuziehen. Danach würde sie das schlimme Kapitel ihres Lebens endgültig abschließen.

Damit es ihr nicht zu komisch wurde und sie darüber lachen konnte, steckte sie in die eine halb zerfetzte Tasche die gefundene Riesensumme an Geld. In so einen bedauernswerten Zustand wollte sie nie wieder geraten. Als sie nun endlich dabei war, sich von diesem Spiegelbild zu verabschieden, sprang der dreifarbige Kater davor und fixierte mit seinen Augen Christins Gesicht im Spiegel. Sie blickte fasziniert zu ihm zurück, sodass sie ihn ebenfalls anstarrte und plötzlich kam der Spiegel, ihr eigenes Bild auf sie zu, sie wurde irgendwie hineingezogen. Völlig in Trance bemerkte sie überhaupt nicht, wie sie fiel und im grellen Sonnenlicht erwachte. Der Kater mit seinem starrenden Blick war verschwunden, das Hotelzimmer und mit ihm ihre gekauften Sachen ebenso.

Kapitel III

Geblendet vom Schein der Sonne und noch taumelig von dem Ereignis wollte sie sich aufrichten und nach dem Geld in ihrer Tasche sehen. Damit ließe sich einiges regeln und Unannehmlichkeiten vermeiden. Die Scheine waren verschwunden. Überrascht, ermattet und sehr zittrig auf den Beinen ließ sie sich erst einmal ins Gras zurücksinken.

Muss ich in meinem Leben eigentlich immer alles nur auf die harte Tour erledigen? Kann mir nicht auch einmal etwas zufallen und ich Glück haben?, dachte sie und betrachtete ihre Umgebung jetzt genauer.

Auf einer großen Wiese, hinter einem Brunnen, der sehr zerfallen und bröckelig aussah, war sie gelandet. Wie war sie nur hierher gekommen? Langsam kam die Erinnerung zurück. Dieser komische Spiegel im Hotelzimmer und der Blick des dreifarbigen Katers, der ihr Starren fixierte. Bettelarm war sie zuletzt gewesen, bis sie Geld fand, sich ein Hotel und später einen Berufsstart hätte leisten können. Jetzt wachte sie hier auf. Wieder war ihr nichts mehr geblieben. Ihr war zum Heulen zumute.

Vorsichtig schaute sie über den Rand des Brunnens und bemerkte in der Ferne eine Ansammlung von Menschen, die offensichtlich ein mittelalterliches Spektakel vorbereiteten. Dann musste sie halt dort fragen, wo sie sich nun befand. Eigenartig im Gefühl und noch etwas wacklig auf den Beinen begab sie sich zu der Menschengruppe. Endlich nahm man sie wahr und wandte sich ihr zu.

Ein älterer Herr mit einem grau gewordenen Bart sowie wachen Augen ergriff als erster das Wort: „Mein Kind, wie bist du hierher gekommen? Wir erwarten die ersten Besucher erst an Ostern."

Der ist ja mal voll in seiner Rolle gefangen, spielt wirklich gut den mittelalterlichen Greis, dachte Christin noch so bei sich, wurde aber plötzlich unsicher, ob sie damit herausplatzen und sich somit unbeliebt machen sollte.

Alle Umstehenden hatten seine Worte wahrgenommen, keiner fragte etwas zusätzlich, niemand machte sich über die Äußerung des kauzigen Alten lustig. Sämtliche Augenpaare waren nun fixierend auf Christin gerichtet. Das hatte sie doch in den letzten Tagen schon einmal erlebt. Langsam wurde ihr das alles zu viel. Ohne sich beherrschen zu können, schluchzte sie los und dicke Tränen brachen sich endlich Bann. Der ganze Körper wurde unter Heulkrämpfen weinend geschüttelt, sodass die Menschen näher traten, sanft ihre Schulter berührten und gut zuredeten.

Niemand hatte sie angreifen wollen, meinte ein junges Mädchen, von welchem sie die Umrisse nur schemenhaft durch ihren Tränenschleier wahrnahm.

„Bring sie zu Hildegard, gebt ihr Tee. Sie möchte zur Ruhe kommen und auch etwas essen. Morgen sieht alles anders aus. Bringt uns mal Botschaft, wie es ihr geht," sprach jetzt der ergraute Alte, doch das nahm Christin nur unterbewusst wahr.

Damit wurde sie von dem jungen Mädchen vorsichtig, aber bestimmt am Arm gefasst und Richtung Berg geführt. Aus diesem Blickwinkel erkannte sie erst, dass es hier noch Bauwerke gab, die ihr auf der Wiese liegend, durch das gleißende Sonnenlicht grell blinzelnd nicht aufgefallen waren. Groß, mächtig, fast alles überstrahlend erhob sich auf der Anhöhe eine Burg. Beim genaueren Betrachten handelte es sich um ein Kloster. Erst jetzt erkannte sie, dass das Mädchen neben ihr eine Ordenstracht trug, sowie sehr gefasst und gebildet erschien. Sie machte wenig Worte und diese wählte sie genau. Doch Christin war nicht in der Lage, alles zu verarbeiten. Gedanken schossen quer, die Tränen sorgten für Kopfschmerzen und jede ihrer Körperzellen schrie um Hilfe. Wie der alte Herr gesagt hatte, wäre sie dankbar für etwas Tee, ein paar Kekse und vor allem wollte sie fürs erste in Ruhe gelassen werden.

Im Kloster angekommen wurde sie zwar nicht direkt angeschaut, aber stille Neugier, wie auch einige verstohlene Blicke genügten ihr an diesem verrückten Tag schon. Sie war es nicht gewohnt, daneben zu stehen und zuzuhören, wie man über sie sprach. Was sie aus dem Lateinischen verstand, war lediglich die Tatsache, dass es sich um Latein handeln musste, sie konnte nur durch die Gesten verstehen, dass man ihr helfen wollte. Endlich brachte man Tee und ein paar Kekse, die man ihr zur Stärkung hinstellte, doch keine richtete direkt das Wort an sie.

Erst nach dem kleinen Imbiss nahm sie ihre Welt wieder genauer wahr. Es roch angenehm nach Kräutern und frisch gebackenem Brot. Sie wollte sich gerade etwas in dieser Umgebung umsehen, als es still wurde. Die Gespräche waren ohnehin kurz, leise gewesen und kaum als solche zu bezeichnen. Doch diese Stille war anders und in der Tür sah sie den Grund dafür stehen. Die Äbtissin des Klosters, diese Hildegard, zu der man sie bringen sollte, war erschienen.

Sie kam auf Christin zu, betrachtete sie, aber anders, versuchte wohl mit ihr geistig Kontakt aufzunehmen, bevor sie ihr Wort an sie richtete.

„Sie sind zu uns gekommen? Oder haben Sie sich verirrt?"

Christin überlegte krampfhaft, was sie antworten sollte, ohne gleich große Bestürzung hervorzurufen. Sie konnte sich ja selbst nicht erklären, was am heutigen Tag alles mit ihr geschehen war.

Die Schwester des Ordens sah ihre Beklemmung und fühlte wohl den inneren Kampf, der in ihr tobte. Lächelnd legte Hildegard die Hand auf ihre ineinander verkrampften Finger und strich darüber. Eine Geste des Wohlwollens, die Christin die Gedanken der Vergangenheit verdrängen ließ und ihre Fingerkrämpfe lösten. Im nächsten Moment trafen sich ihre Blicke. Christin wollte der Äbtissin gern alles erzählen, allerdings hielt sie es für keine gute Idee, ihr die Sache klarzumachen, dass sie aus einer anderen Zeit kam. Mittlerweile war ihr klar geworden, dass dies nicht nur ein Mittelalterspektakel, sondern sie tatsächlich in dieser Zeit ankam. Also begann sie nur damit, dass sie auf der Wiese an einem alten Brunnen aufwachte, sich aber nicht erinnern konnte, wie sie dahin gekommen war.

„Haben sie Schmerzen?" war die Frage der Äbtissin.

„Nein, nur etwas Hunger."

„Bedrückt sie eine seelische Last?", wollte die Äbtissin noch wissen.

„Nein," dabei schüttelte sie leicht den Kopf, der immer noch vor Schmerzen dröhnte.

„Wie schon gesagt, ein wenig Hunger habe ich und nun riecht es hier so gut nach frischem Brot ..." Christin wandte dabei den Blick in Richtung des Geruchs, um zu verdeutlichen, was sie meinte. Daraufhin fragte sie gleich: „Wo bin ich denn jetzt?"

„Ich bin die Äbtissin von diesem Kloster. Mein Name ist Hildegard und du befindest dich hier im Benediktinerkloster auf dem Rupertsberg. Wir sind eine reine Frauengemeinschaft und du kannst dich bei uns ausruhen."

Lächelnd fügte sie hinzu: „Ich werde Schwester Maria bitten, dir Nahrung zu geben und die Schlafstätte zu zeigen. Du musst dich heute ausruhen, morgen sprechen wir uns nochmal."

Damit ging sie so sanft und leise, wie sie gekommen war. Christin hörte nur noch ein Flüstern, bevor Schwester Maria wieder bei ihr eintraf. Langsam fing Christin an, ihre Umgebung deutlicher zu erkennen. Bis jetzt hatten sich alle ihre Sinne damit beschäftigt, elementare Dinge für das Überleben zu klären. Nun stand fest, dass sie in den nächsten Minuten Nahrung und einen Schlafplatz erhalten würde. Die verkrampften Sinne, speziell ihr Gehirn war ab jetzt bereit, die anderen Lebensumstände festzustellen. Langsam verebbten auch die Kopfschmerzen.

Die Mauern des Klosters bestanden aus massivem Sandstein, der an einigen Stellen begonnen hatte, sich dunkel zu färben. Es roch nicht muffig, sah auch nicht so alt und abgewohnt wie in manchen Museen aus. Das musste auch so sein. Sollte sie tatsächlich diesen „Zeitsprung" gemacht haben, war sie in der Zeit von Hildegard von Bingen gelandet und in genau der Zeit war der Bau noch ziemlich neu. Eigentlich müsste sie versuchen, sich detaillierter an Hildegards Lebensabschnitte zu erinnern. Es konnte von großer Bedeutung sein, zu wissen, in welchem Lebensabschnitt Hildegards sie angekommen war. Sie würde sich bei ihrer Schlafstelle Gedanken darüber machen.

Im Küchenbereich, zu dem man sie zuerst geleitete, wartete frisch gebackenes Brot mit Kräutern auf sie. Das Gericht, welches sie am Vorabend im Hotel so schmackhaft fand, verblasste sichtlich neben diesem Brot mit Kräutern. Dazu reichte man ihr einen Wein - Wermut - wie sie feststellte, der sie zunehmend müde machte, ihr aber nicht die Koordination raubte. Schwester Maria wich nicht von ihrer Seite und zeigte ihr die Schlafstätte. Komfort war etwas anderes, aber da musste sie durch. Als sie ihr in diesem riesigen Schlafsaal ihren Strohsack zeigte, auf dem sie schlafen sollte, lagen darauf bereits ein aus groben Leinen gefertigtes Nachtkleid sowie zusätzlich ein paar Decken.

„Die Nächte in unserem Gemäuer sind sehr kühl", fügte Schwester Maria, auf die Decken sehend, fast entschuldigend hinzu. „Der weitere Ausbau des Klosters ist derzeit im Gange, deshalb schlafen wir noch in einem gemeinsamen Schlafsaal und auf Strohsäcken, bald wird es wieder besser werden, Gott ist ja bei uns."

Das fand Christin nun wieder gut. Wenn man an etwas felsenfest glaubt, dann konnte man wirklich etwas erreichen. Mit einem unerschütterlichen Glauben ausgestattet, ist man besser in der Lage, Widrigkeiten zu verkraften und mit gestärktem Willen nach vorn zu schauen. Nur für heute hatte selbst sie die Kraft und Motivation verlassen. An diesem Tag lief so viel durcheinander. Eine Verarbeitung der Geschehnisse in der Nacht wurde dringend notwendig.

All das stürzte nun zusätzlich auf sie ein und bald würde das Gehirn die Notbremse ziehen. Vielleicht träumte sie auch nur tief und fest. Dann war es bestimmt das Beste, gleich weiterzuschlafen. Irgendwann am Ende der Nacht würde sie wieder im Hotel erwachen.

„Vielen Dank", war deshalb alles, was Christin noch hervorbrachte, dann schlüpfte sie in das recht unbequeme Nachthemd und kroch unter drei Decken.

Einmal 1.00 Uhr und dann noch einmal gegen 4.00 Uhr wurde sie kurz wach, da die Benediktinerinnen den Saal verließen. Um 6.00 Uhr war dann endgültiges Wecken angesagt und somit stand Christin um diese Zeit auch mit auf. Ausgeruht und etwas neugierig wollte sie nun die neue Welt kennenlernen, in die sie hineingeraten war und das Beste daraus machen. Durch das ungewohnte Leinenhemd hatte sie sich in der Nacht heftig zerkratzt, doch sie versuchte, die stark juckenden Hautpartien zu ignorieren. Zuerst einmal musste sie wieder ihr altes Bettelkleid anziehen, denn neue Sachen für den Tag hatte man ihr noch nicht gebracht.

Nach dem Morgengebet sollten sich einige Fragen klären. In der Nacht gab es bei dem Lebensstil der Benediktinerinnen nach dem Motto: „Bete und arbeite" weitere Gebetsstunden, zu denen sie erscheinen mussten. Dies war immer um 1.00 Uhr und 4.00 Uhr, also genau die Zeit, in der Christin aufgewacht war. Danach begaben sich die Schwestern nochmals zur Nachtruhe. Ein wenig befremdlich fand sie es schon, denn es war für sie nicht vorstellbar, wie man nach einem Gebet so schnell wieder einschlafen konnte, damit sich die Ruhephase lohnte.

Allerdings waren die Schwestern nicht müde oder machten einen unausgeruhten Eindruck. Offensichtlich konnte dies doch funktionieren. Nach dem Frühstück geleitete man sie erneut zu Hildegard, die sie schon erwartete. Leider hatte sie sich noch keine glaubhafte Geschichte ausgedacht, die sie jetzt anbieten konnte.

Christin erinnerte sich, dass Hildegard von Bingen, so der komplette Name von Schwester Hildegard, eine für ihre Zeit hervorragende Heilkundige war, die sich bestens mit Kräutern und Heilpflanzen auskannte. Sie hatte auch gelesen, dass Hildegard von Bingen Visionen empfangen und somit mental entsprechend eingestellt war. Sie war vom Kloster Disibodenberg, welches ein gemischtes Frauen- und Männerkloster war, nach vielen Irrungen und Wirrungen in ihr eigenes Kloster auf dem Rupertsberg mit ihren Nonnen gezogen. Das hieß aber nicht, dass dort schon alles zum Einzug der Nonnen fertig und vorbereitet war. Die Äbtissin hatte zusammen mit den Schwestern sehr viel selbst aufgebaut. Leider hatten manche der Schwestern dies abgelehnt und den Orden verlassen.

Am Anfang wohnte man sogar in Zelten und diese Zeit war nun schon vorbei, aber es gab noch viel zu tun und damit musste Christin in die Zeit kurz nach dem Einzug der Nonnen ins Kloster Rupertsberg gekommen sein.

Erst einmal abwarten und zuhören, was Hildegard von Bingen ihr zu sagen hatte, dachte sie. Dann werde ich entscheiden, wie viel und was genau ich von mir erzähle. Zwingen kann mich hier keiner zu einer Aussage.

Sie lief an der Seite von Schwester Maria durch das Kloster. Die Wände waren aus dickem Stein, in den Gängen gab es viele kleinere Fenster oben, der untere Bereich wirkte dunkel und kalt, doch die angezündeten Fackeln vermittelten ein Gefühl der Geborgenheit, eine gewisse Heimeligkeit. Zum anderen Teil fand es Christin befremdlich, denn durch das Flackern des Feuers huschten komische Schatten über die Mauer, weshalb sie nun leicht fröstelte.

Hildegard sah viel weiter, als es sich Christin gedacht hätte. Sie saß bereits in ihrem Büro. Ein paar Kerzen standen auf dem Tisch und von Fackeln wurde Licht auf eine Wand geworfen, die wiederum verschiedenste Gebilde erkennen ließen. Es roch nach Wachs und ein bisschen nach Sandstein. Sie deutete mit einem ganz leichten Kopfnicken zu einem Stuhl, geduldete sich aber solange, bis Christin sich umgesehen und endlich gesetzt hatte.

„Es gibt viele Menschen auf dieser Welt, die sich scheuen, von ihrer Vergangenheit zu erzählen", begann Hildegard.

„Die Lebensgeschichten unserer Bewohner und Gäste interessieren uns schon, das heißt aber nicht, dass jeder oder jede alles aus seinem oder ihrem Leben erzählen muss. Wir leben von großzügigen Zuwendungen und auch von eigener Arbeit auf dem Feld oder im Kloster. Unser Motto ist „Arbeite und Bete". Die Sprache ist Latein, aber mit Gottes Hilfe sind wir auch anderer Sprachen mächtig. Da du, Christin, nicht sagen kannst oder willst, woher du kommst, gehe ich davon aus, dass Spenden für das Kloster von deiner Seite nicht zu erwarten sind."

Hildegard machte eine Pause, einen kurzen Moment oder vielleicht auch nur, um selbst Luft zu schöpfen, doch Christin meinte zu spüren, dass jetzt gleich der Rausschmiss folgen würde.

Was sollen die auch mit einer wie mir, die keinen Penny in der Tasche hat und nicht an Gott glaubt, dachte Christin bei sich.

Als sich Christin nach vorn beugte, um aufzustehen, sprach Hildegard weiter.

„Das ist alles nicht wichtig. Wer genügend Demut vor dem Leben zeigt und sich schwierigen Zeiten stellt, arbeitsam und gelehrig ist, darf gern bei uns bleiben."

Sie musste den Ausdruck in Christins Augen der Überraschung und Freude wahrgenommen haben, denn ein verstehendes Lächeln huschte über Hildegards Gesicht und gleichzeitig erklärte diese nun weiter:

„Du wirst erst einmal als Gast bei uns bleiben. Eine Ordenstracht erhältst du nicht, dafür aber ein anderes Gewand, in das du dich hüllen kannst. Ich glaube nicht, dass du das, was du jetzt trägst, noch lang behalten kannst."

Die Blicke trafen sich und zum ersten Mal erkannte Christin Demut, Zuversicht und Kraft für die Zukunft, die ihr seelischen Halt gaben. Es war erstaunlich. Sie hätte nie gedacht, dass Demut und starkes Selbstvertrauen zusammenpassen. Hier, in dieser Welt, war alles anders.

Hildegard war noch nicht fertig, nahm sich aber immer wieder Zeit zu kleinen Redepausen und Blickkontakt. In ihrem Ausdruck lag so viel Wärme und Güte und vor allem keine Hektik, wie in der Zeit, aus der Christin kommt.

„Wir singen gemeinsam und lesen die Bibel. Die Gebetsstunden sind dir bekannt?"

„Ja, das nächtliche Aufstehen wird am Anfang ungewohnt sein."

„Das lernst du sehr schnell. Lass dich zu Beginn immer von einer Schwester wecken, ich kann dir im Moment noch kein eigenes Gästezimmer geben. Du siehst und hörst ja unsere Bauhelfer und die Schwestern bei der Arbeit hier. Es dauert alles seine Zeit."

Während des Gesprächs hatte Christin oft auf den tropfenden Kerzenleuchter gesehen, der ein angenehmes Licht verbreitete, aber den Holztisch der Äbtissin immer mehr mit Wachs bedeckte. Diese schien sich daran nicht zu stören.

„Der Klosteralltag ist nicht schwierig zu verstehen, er erfordert nur etwas Eigendisziplin," führte die Äbtissin weiter aus. „Die Schwestern helfen dir dabei und auch ich stehe dir gern zur Seite. Wir alle sind Klosterfrauen im Namen Gottes und eine Gemeinschaft, wie eine Familie. Es ist wichtig, dies sehr bald zu verstehen, denn die Familie ist in ihrer Liebe fast unerschütterlich, aber hin und wieder gibt es auch dort Streitereien. Damit kein Neid aufkommen kann, tragen wir die gleichen Kleider, unsere Ordenstracht, und teilen alle Güter, die hier wachsen oder die wir geschenkt bekommen, untereinander auf."

„Wer gibt mir denn einen solchen Tagesplan und wo bekomme ich meine neue Bekleidung her?" stellte jetzt auch Christin die für sie wichtigste Frage, nachdem Schwester Hildegard geendet hatte und sie fast liebevoll ansah.

„Von mir bekommst du, was du brauchst. Wir gehen gleich zusammen zum Ankleiden. Dann zeige ich dir, wie man das gesamte Kloster am besten kennenlernt. Für den heutigen Tag wäre es mir wichtig, dass du dich selbst mit den Gepflogenheiten in unserer Gemeinschaft vertraut machst, lauf durch die Gänge, sprich mit einzelnen Schwestern und erst bei der Abendandacht gegen 18.00 Uhr solltest du im großen Speiseraum sein. Der Tagesrhythmus selbst ist eine Frage der Gewöhnung und mit den anderen Schwestern zusammen wird er dir bald in Fleisch und Blut übergehen. Morgen wirst du mir gleich nach dem ersten Essen berichten, welche Eindrücke du sammeln konntest und welche Fragen geblieben sind. Wir treffen uns um die gleiche Zeit wie heute und werden dann unser Gespräch fortsetzen. Komm jetzt mit mir mit."

Mit diesen Worten stand die Äbtissin auf und drückte die Kerzenstummel auf ihrem Tisch aus. Ein freundlicher, sehr warmherziger Blick in Christins Richtung bedeutete, sich ihr anzuschließen. Mehr unbewusst und schon ein wenig ehrfürchtig war Christin stehen geblieben und hatte Schwester Hildegard voran gehen lassen.

Es erschien ihr auch vernünftig, der Äbtissin, also Chefin dieses Klosters den Vortritt zu lassen, denn schließlich wusste sie sowieso nicht, in welche Richtung sie hätte gehen sollen.

„Das könnte überhaupt ein Problem werden," dachte Christin noch so bei sich, „denn sie musste sich pünktlich zum Abendmahl in dem erwähnten Speisesaal einfinden und ob ihr das gelänge, bei ihrem Orientierungssinn und einem fehlenden Klosterplan?"

Als hätte Hildegard die Gedanken von Christin erraten, trat sie an ein Bogenfenster, dass zum Hof zeigte und erklärte ihr folgendes: „Es ist nicht immer leicht, sich zurechtzufinden, wenn Gänge sich verzweigen, aber hier wirst du keine Probleme haben. Die Gänge und Verbindungen verlaufen zwar vielleicht etwas unübersichtlich, aber du musst einfach immer wieder auf einen Hauptgang finden. Dann siehst du diese großen Bogenfenster und bei denen kannst du dich im Garten orientieren. Sieh mit mir gemeinsam hinaus!"

Christin stand neben Hildegard, sah in den Innenhof des Klosters und war beeindruckt. Dafür hätte es in ihrer Zeit ein ganzes Bataillon von Garten- und Landschaftsbauern gebraucht, um dies so zu gestalten. Oder eher nicht, denn die hätten sich ja aus Gründen des Wettbewerbs bis in alle Ewigkeit gestritten, auch eine der unangenehmen Eigenschaften des „Sich-Profilieren-Wollens" in Christins Zeit. Dieser schöne Klostergarten war klar strukturiert und doch irgendwie sehr individuell.

Kapitel IV

Die Äbtissin fing an zu erklären: „In der Nähe der Rosskastanie befindet sich der Speisesaal. Der Schlafraum ist gleich neben unserem Kräutergarten, der Zugang zur Bibliothek und den dahinter liegenden Gebetsräumen ist zur linken bei den Weidebäumen mit den Bänken davor, die uns im Sommer zum Verweilen einladen. Die Küche liegt direkt neben dem Speisesaal, es erschien uns sinnvoll, um unnötige Wege zu vermeiden und die Kräuter bringen einige beauftragte Schwestern immer gleich nach dem Schlafen aus dem Kräutergarten mit."

Nach diesen Ausführungen erschien es Christin tatsächlich möglich, sich sicher und unbefangen im Kloster bewegen zu können. Sie musste nur immer wieder auf einen der großen Hauptgänge treffen und das konnte doch nicht so schwer sein.

Endlich waren sie an der Kleiderkammer angekommen, und Hildegard befahl nicht erst einer anderen Schwester für Christin die Kleidung herauszusuchen, sondern betrat selbst den Raum und ging durch die engen Gänge, dicht gefolgt von Christin. Sie gab ihr die ausgesuchten Kleidungsstücke mit Unterkleidern und dazu einige Stofftücher, die wohl Taschentücher darstellten.

„Die Kleidung soll immer in einem sauberen, ordentlichen Zustand gehalten werden. Dafür ist jede selbst verantwortlich. Da machen wir auch bei Gästen, die für länger hier wohnen werden, keinen Unterschied. Deshalb bekommst du auch dieses Körbchen dazu, damit du Wäsche selbst flicken kannst, du kannst das doch?"

Hierauf erwartete Hildegard keine Antwort, nur ihre Augen blickten fragend und Christin nickte einfach nur.

„Ich werde mich im Schlafsaal umziehen und meine Sachen auch dort verstauen. Schon gestern ist mir aufgefallen, dass am Fußende eines jeden Strohsackes eine Truhe steht, die kann ich sicherlich zur Aufbewahrung nutzen."