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Ganz klein sind sie, die Viren, die schlagartig das Leben der menschlichen Gesellschaft verändert haben. Die Computer sind nicht davon betroffen. Sie organisieren das Leben der Menschen neu. Sicherheit hat oberste Priorität, denn Menschen sind wichtig, sagt das System. Menschen müssen geschützt werden. Eine Zukunftsgeschichte, erzählt aus der Perspektive der Mitglieder einer durch und durch gewöhnlichen Familie in einer ganz und gar außergewöhnlichen Zeit. Eine beklemmende Zukunft, die heute näher nicht sein könnte. Irrationale Furcht und reale Gefahren bestimmen ein Leben zwischen wissenschaftlich-technischem Machbarkeitsglauben, erfahrener Ohnmacht und der Suche nach Auswegen aus einem hermetischen System, das eigentlich einmal geschaffen wurde, um allen Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen.
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Seitenzahl: 47
Veröffentlichungsjahr: 2021
Erstes Buch
Tippfehler
Home-Office
Präsenz
Gelähmt
Verhör
Wirres Zeug
Blau
Hühnerei
Netzwerk
Gen
Interface
Kapseln
Traum
Leck
Multiple choice
Kälte
Zweites Buch
Werbung
Konferenz
Anne
Schutz
Einkauf
Lottchen
Freigänger
Doppelt
Reaktivierung
Tausch
Freundin
Nachwort
Anne Brinkhaus
„Es heißt ‚Augentropfen‘“, sagte Martin, „nicht ‚Augentropgen‘. Du bist bei der Eingabe auf das ‚G‘ gekommen, statt auf das ‚F‘.“
„Ich habe doch gesagt, dass Tastaturen blöd sind“, gab Anne zurück, „das ganze System ist blöd.“
Sie stand auf und ging aus dem Raum.
„Dumme Kuh“, dachte Martin. Es war doch eine schlechte Idee gewesen, die große Schwester zu fragen. Und so viel älter, dass sie wirklich noch Erfahrung mit diesen alten Computern hatte, war sie ja auch nicht.
Dr. Susanne Brinkhaus
Susanne kam in Holgers Arbeitszimmer. Sie war aufgeregt.
„Holger“, sagte sie und an dem Ton, mit dem sie das sagte, merkte Holger, dass es jetzt äußerst unklug gewesen wäre nicht von seiner Arbeit aufzublicken. Er legte die Pinzette in das sterile Ablagefach und schob die Stirnlupe nach oben.
„Ja?“, sagte er vorsichtig.
„Die Kinder haben wieder mit deinem alten Technikkram gespielt. Warum schließt du die Sachen nicht weg, wenn du sie nicht mehr brauchst? Und überhaupt, wozu brauchst du sie eigentlich noch?“
Dr. Holger Brinkhaus
Holger räusperte sich, so wie er das immer tat, wenn er nicht genau wusste ob er Susanne noch weiter reden lassen sollte, einfach damit ‚es raus war‘, wie sein Psychologe immer sagte, oder ob es schon Zeit war, den Wortschwall zu unterbrechen, damit der nicht so stark werden würde, dass er ihn dann nicht mehr unterbrechen konnte. Dass ihre Mutter sie ja immer gewarnt habe, mit so einem von diesen Labortypen anzubandeln, die dann auch noch zu Hause an dem herumbasteln würden, was sie im Labor nicht fertig bekommen hatten, das wollte er sich jetzt nicht anhören. Er holte leise Luft.
„Schatz“, sagte er, auch wenn ihm gleich einfiel, dass sie es in solchen Situationen gar nicht mochte wenn er „Schatz“ sagte, so wie er es nicht leiden konnte, wenn sie ihn im Beisein von Fremden „Hase“ nannte.
„Schatz“, sagte er, „das Zeug ist völlig harmlos. Das kann im Prinzip nicht mehr als ein alter C64, auch wenn es mal im Labor gestanden hat.“
Er sagte noch ein paar andere Sätze. Ihre Angst vor dem, wie sie es nannte, „alten Technikkram“, war rational völlig unbegründet. Aber sie war schon aus dem Raum gegangen. Wahrscheinlich wieder mit dem frustrierten Seufzen, dass er sie doch nie verstehe, und sie es sei, die die Verantwortung für die Kinder trage, ja, ganz allein. Es waren ihre Kinder auch wenn er der Vater war.
„Home-Office ist blöd“, dachte Holger, und in seinem Kopf klang der Satz so, wie wenn der gerade mitten in der Pubertät steckende Martin ihn sagen würde, natürlich nicht über Arbeiten im Home-Office sondern über seine große, schon viel zu erwachsene Schwester.
Dr. Monua Tohomé
Es musste ein wirkliches Problem geben im Labor. Seit vier Jahren war er nicht mehr vor Ort gewesen. Alles war über Telepräsenz gelaufen. Hals über Kopf hatten sie das umgestellt, damals. Am Anfang lief gar nichts. Dann war es für fast alle zu Selbstverständlichkeit geworden.
Die Kollegen so in echt zu sehen, mit ihnen in einem Raum zu sein, war irritierend. Das war Holger nicht mehr gewohnt. Alle sahen irgendwie verändert aus. Miriam und Janek hatten zugenommen und Dr. Tohomé, der Leiter der Entwicklungsabteilung, hatte sich einen Oberlippenbart wachsen lassen. Auf den Bildern des Video-Konferenzsystems hatte man das so gar nicht gesehen. Holger versuchte ein Lächeln. Es gelang ihm nicht ganz.
Bei der Begrüßung des Chefs kam er kurz ins Stocken. Beinahe hätte er, so wie früher, „Guten Tag“ gesagt und nicht das jetzt übliche „Wir halten Abstand“ verbunden mit einer leicht angedeuteten Verbeugung. Man konnte auch einfach „Abstand“ sagen, richtig betont, so dass es eine freundliche Geste war, die sagt: „Ich halte Abstand, keine Sorge, ich halte mich an die Hygiene-Regeln.“
Fürchterlich waren diese Rituale, fast so seltsam wie ein Händeschütteln oder eine Umarmung. Das kenne er nur noch aus Filmen, hatte ein Kollege einmal gesagt, scherzhaft, bei einem Real-Meeting in der „Orion Zwei“, dem kleinen Lokal in der Seitenstraße, das noch in dem Radius lag, in dem er sich in der Stadt ohne Passierschein bewegen durfte.
Saugroboter BO-M25-k-MIII
„Sie liegt schon eine ganze Stunde so da“, sagte Susanne, ihre Stimme war immer noch so abwesend tonlos wie bei dem Anruf, mit dem sie ihn aus der Sitzung geholt hatte.
„Warum hat das bei dir so lange gedauert?“
Holger ignorierte den Vorwurf und schaute auf seine Tochter. Anne lag völlig bewegungslos auf dem gleichmäßig dunklen Grau des allergiegetesteten Kurzflor-Teppichs. Arme und Beine weit ausgestreckt. Äußerlich verletzt schien sie nicht zu sein. Der kleine Saugroboter aus der Spielzeugkiste, der an einen zu groß geratenen Maikäfer erinnerte, fuhr um den regungslosen Körper herum. Sein Hinterrad war defekt. Es verteilte den irgendwann einmal aufgesaugten Staub hinter sich als zwei Zentimeter breite Spur auf dem Boden. Sie erinnerte Holger an die Kreidelinie, die im Krimi immer um die Leiche gezogen wurde.
Holger schluckte. Er versuchte sich zu fassen.
„Hast du Dr. Novak angerufen?“, fragte er.
Susanne schüttelte den Kopf.
„Der ist nicht da. Wahrscheinlich auf den Malediven. Ärzte dürfen ja immer noch reisen.“
„Hast du die 116 117 angerufen?“
„Ja, aber der Typ da hatte weniger Ahnung von Medizin als ich. Der hat gegoogelt und meinte es gäbe in Dannenberg keinen neurologischen Notdienst, nicht mal einen hausärztlichen.“
„Dann doch die 112?“
