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In "Die Bekenntnisse" schildert Aurelius Augustinus seine geistige und moralische Reise von der Jugend bis zur Erleuchtung im Christentum. Das Werk ist nicht nur eine autobiografische Reflexion, sondern auch ein tiefgründiges theologisches und philosophisches Studium, das in einer poetischen, emotionalen Sprache verfasst ist. Augustinus erforscht zentrale Themen wie die Sünde, die Gnade und die Suche nach dem wahren Selbst, während er den Leser durch seine inneren Konflikte und Zweifel führt. Diese seine Schrift gilt als ein Meilenstein der westlichen Literatur und bietet einen einzigartigen Blick auf das Leben im späten Römischen Reich, angereichert mit rhetorischen Eleganzen und philosophischen Einsichten. Aurelius Augustinus, geboren 354 in Tagaste, war ein einflussreicher Kirchenvater und Philosoph. Sein Weg vom Genussleben zur Bekehrung zum Christentum spiegelt sich in "Die Bekenntnisse" wider. Augustinus' komplexe Beziehung zur Religion, gepaart mit seinem Streben nach Wahrheit und Sinn, prägte nicht nur seine eigene theologische Entwicklung, sondern auch das Denken der nachfolgenden Jahrhunderte in der westlichen Welt. Er brachte mit seinen Ideen zur göttlichen Gnade und der menschlichen Willensfreiheit grundlegende Fragen der Philosophie und Theologie in den Fokus. "Die Bekenntnisse" ist nicht nur für Liebhaber der Philosophie und Theologie von Interesse, sondern für jeden, der sich mit Fragen des Glaubens, der Identität und des moralischen Lebens auseinandersetzt. Augustinus schafft es, komplexe geistliche Themen in eine persönliche und zugängliche Form zu bringen, die zum Nachdenken anregt und inspiriert. Dieses Buch ist ein unverzichtbarer Bestandteil jeder umfassenden Auseinandersetzung mit der Entwicklung des abendländischen Denkens. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Ein Mensch blickt radikal nach innen, um die Wahrheit über sein Leben und Gott zu finden. In den Bekenntnissen entfaltet Aurelius Augustinus eine Bewegung des Geistes, die nicht vom äußeren Geschehen, sondern von der Tiefe des Bewusstseins getragen wird. Was er zeigt, ist ein Ringen mit Erinnerung, Verlangen, Gewissen und Vernunft – ein existenzielles Experiment, das sich ebenso anfühlt wie ein Gebet. Die Confessiones erzählen nicht einfach eine Abfolge von Ereignissen, sondern das Werden einer Person im Licht einer Wahrheit, die sie zu erkennen sucht. So entsteht eine Prosa, die zugleich persönlich, philosophisch und liturgisch klingt.
Aurelius Augustinus (354–430), Bischof von Hippo Regius im römischen Nordafrika, verfasste die Confessiones in lateinischer Sprache um 397–400 n. Chr., also in der Spätantike. Das Werk umfasst dreizehn Bücher und verbindet autobiografische Rückschau mit theologischer Reflexion. Es entstand in einer Zeit intellektueller Dichte und religiöser Debatten und ist in seiner Form als fortlaufende Anrede an Gott gestaltet. Aus der Perspektive eines reifen Denkers blickt Augustinus auf Jugend, Bildung und berufliche Laufbahn zurück und fragt, wie sich in den Wendungen seines Lebens Sinn, Verantwortung und Gnade erkennen lassen.
Als Klassiker gilt dieses Werk, weil es eine neue Dimension literarischer Selbstreflexion eröffnet: die systematische, schonungslose Erforschung des Inneren. Augustinus setzt Maßstäbe für die Autobiografie, indem er private Erfahrung, philosophische Analyse und geistliche Deutung kunstvoll verknüpft. Seine Stimme prägt bis heute die Sprache des Bekenntnisses, der Reue und des Lobes. Zugleich reformuliert er Grundfragen der europäischen Geistesgeschichte: Was ist Freiheit? Worin besteht Identität? Wie lernt ein Mensch, das Gute wirklich zu wollen? Diese Verbindung aus persönlicher Wahrhaftigkeit und intellektueller Strenge erklärt die anhaltende Wirkungskraft der Bekenntnisse.
Inhaltlich führt der Weg durch Kindheit und Jugend, durch Ausbildung und berufliche Erfolge, durch Freundschaften, Bindungen und innere Konflikte. Augustinus schildert Lernprozesse, Fehlurteile, Irrwege der Begierde und Versuche, Wahrheit im Denken, im Ruhm oder in Gemeinschaften zu finden. Die Erzählung bleibt dabei stets mehr als Biografie: Sie ist ein geistiger Weg, der die Frage nach einem tragfähigen Sinn neu sortiert. Ohne die großen Stationen vorwegzunehmen, lässt sich sagen, dass die Suche ihn durch Zweifel und Enttäuschungen führt – hin zu einer Lebensform, die Denken und Vertrauen versöhnt.
Die Gattung der Confessiones ist doppelt gebrochen: Bekenntnis bedeutet hier zugleich Anerkennung der eigenen Grenzen und Preis der Größe dessen, dem das Wort gilt. Diese doppelte Bewegung – Selbstenthüllung und Lob – schafft eine dramatische Spannung. Augustinus erzählt, aber er betet auch; er erinnert, aber er deutet. Das hebt das Werk aus rein autobiografischen Mustern heraus. In den späteren Büchern verschiebt sich der Fokus zunehmend weg von der Chronik hin zu meditativen Erkundungen, die die bisherige Erzählung ins Nachdenken über Welt, Schöpfung und das eigene Innerste überführen.
Zentrale Themen durchziehen die Bücher wie Leitmotive: Erinnerung als Ort der Identität, Wille und Gewohnheit als Kräfte der Lenkung oder Verstrickung, Freiheit und Verantwortung, Schuld und Vergebung. Augustinus fragt, wie Begehren sich bilden und verwandeln, wie Sprache Wirklichkeit berührt, und wie Wissen und Liebe sich zueinander verhalten. Diese Themen sind nicht abstrakt gesetzt, sondern erwachsen aus Erlebnissen, Entscheidungen und Krisen. So entsteht ein Text, der das Einzelne ernst nimmt, ohne das Allgemeine aus dem Blick zu verlieren – eine Philosophie des gelebten Lebens.
Stilistisch stützen sich die Bekenntnisse auf eine hochartikulierte lateinische Prosa, die rhetorische Schule und spirituelle Dichte verbindet. Der fortwährende Wechsel von Erzählung, Anrede, Frage und Meditation erzeugt einen Sog der Innerlichkeit. Biblische Anklänge und Motive strukturieren die Argumentation, ohne die individuelle Stimme zu übertönen. Die zweite Person als Adressat verleiht dem Text eine Unmittelbarkeit: Der Leser wird Zeuge eines Gespräches, das er nicht führt und das ihn doch verpflichtet. Gerade diese performative Dimension – Denken als Gebet – macht die Lektüre einzigartig.
Philosophisch einflussreich sind vor allem die Analysen von Gedächtnis und Zeit. Augustinus erforscht, wie Erinnerung Erfahrung ordnet, wie das Selbst sich in Bildern und Spuren findet, und wie Sprache das Vergangene vergegenwärtigt. Ebenso eindringlich reflektiert er das Rätsel der Zeit: Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft erscheinen als Spannungen des Bewusstseins. Diese Überlegungen haben weit über die Theologie hinaus gewirkt, etwa in Philosophie und Literaturtheorie. Die Confessiones liefern damit nicht nur Bekenntnisse eines Einzelnen, sondern eine Theorie des inneren Erlebens, die Wissenschaften und Künste bis heute herausfordert.
Historisch stehen die Bekenntnisse an der Schwelle tiefgreifender Umbrüche. Spätantike Gesellschaft, Bildungstraditionen und religiöse Bewegungen bilden den Resonanzraum für Augustins Fragen. Er setzt sich mit philosophischen Schulen auseinander, prüft religiöse Angebote und tastet nach einem Denken, das Leben trägt. Diese Konstellation der Vielfalt – rhetorische Karriere, städtische Kultur, intellektuelle Wettbewerbe – macht das Werk auch als Zeitdokument bedeutsam. Zugleich zeigt sich, wie sehr die Suche nach Wahrheit persönliche Entscheidungen verlangt, die über kulturelle Moden hinausreichen.
Der literarische Einfluss ist weitreichend. Die Confessiones prägen die Tradition der Bekenntnisliteratur und der introspektiven Autobiografie. Sie inspirieren spirituelle Praxis, beeinflussen theologische Debatten und regen Autorinnen und Autoren an, das Innere als Schauplatz dramatischer Erkenntnis zu entdecken. Von mittelalterlichen Mystikern bis zu modernen Selbstzeugnissen reicht die Spur dieser Stimme, die persönliche Erfahrung nicht als Privatheit, sondern als Erkenntnisweg versteht. Dass ein Leben erzählbar wird, indem es gedeutet wird – dieser Gedanke hat Schreibweisen, Lektüren und Formen der Selbstprüfung nachhaltig verändert.
Für heutige Leserinnen und Leser bleibt das Buch aktuell, weil es Fragen verhandelt, die in säkularen wie religiösen Kontexten gleich dringlich sind: Woran erkenne ich Wahrheit? Wie halte ich innere Zerrissenheit aus? Was bedeutet Verantwortung für Worte und Taten? Die Bekenntnisse zeigen, wie Denken und Empfinden einander korrigieren können, und bieten eine Sprache, mit der man Schuld, Verlangen, Angst und Hoffnung ansprechen darf. Wer nicht konfessionell gebunden ist, findet eine Schule der Aufmerksamkeit; wer Glauben teilt, erkennt eine geistliche Übung der Prüfung und des Lobes.
Augustins Werk ist zeitlos durch die seltene Verbindung von intellektueller Redlichkeit, psychologischer Schärfe und sprachlicher Schönheit. Es lädt ein, die eigene Biografie als Aufgabe der Wahrheit zu verstehen, die sich im Erinnern, Deuten und Handeln bewähren muss. Darum gilt Die Bekenntnisse – Confessiones als Klassiker: nicht als museales Dokument, sondern als lebendiger Gesprächspartner. Wer dieses Buch aufschlägt, betritt einen Raum, in dem Fragen mehr tragen als Antworten, und in dem die Suche selbst zur Form des Lebens wird. In dieser Offenheit liegt seine bleibende Relevanz.
Die Bekenntnisse (Confessiones) des Aurelius Augustinus, gegen Ende des 4. Jahrhunderts verfasst, verbinden autobiografische Erzählung, philosophische Selbstprüfung und theologische Meditation. In Form eines an Gott gerichteten Gebets folgt das Werk den Stationen eines Lebens, das nach Wahrheit, Sinn und Heilung sucht. Augustinus berichtet nicht nur von äußeren Ereignissen, sondern legt vor allem die Bewegungen des Inneren frei: Begehren, Schuld, Erkenntnis und Dank. Zugleich reflektiert er Grundbegriffe wie Erinnerung, Zeit und Schöpfung. Die Darstellung folgt einem Spannungsbogen von Irrwegen und Erkenntnisschritten hin zu einer erneuerten Lebensausrichtung und eröffnet damit einen exemplarischen Zugang zur inneren Erfahrung.
Die frühe Kindheit in Thagaste und die Jugendjahre stehen unter dem Zeichen von Begabung und Unruhe. Augustinus schildert seine Bildung in Grammatik und Rhetorik, gefördert von ehrgeizigen Erwartungen. Er erinnert sich an Erfahrungen, die seine Moral formten: Gruppendruck, Eitelkeit und das süße Reizpotenzial des Verbotenen. Ein scheinbar nutzloser Diebstahl wird ihm zum Sinnbild ungeordneter Begierde und des Gefallens am Fehltritt um seiner selbst willen. Zugleich zeichnet er das Spannungsfeld seiner Herkunft: eine christliche Mutter, die ihn im Glauben ermahnt, und ein heidnischer Vater, der weltlichen Erfolg schätzt. So entstehen die Grundkonflikte seiner inneren Suche.
In Karthago vertieft sich Augustinus in das Studium der Rhetorik, strebt nach Anerkennung und findet sich zugleich von Sinnlichkeit und Bühnenglanz angezogen. Die Lektüre eines philosophischen Werkes – Ciceros Hortensius – weckt in ihm den ernsten Wunsch nach Weisheit und gibt seiner Suche eine geistige Richtung. Als er die christlichen Schriften prüft, stößt ihn zunächst ihr Stil ab, und er hält sie für intellektuell unzureichend verstanden. Diese Diskrepanz treibt ihn in alternative Lehrsysteme. Er schließt sich einer religiös-philosophischen Bewegung an, die umfassende Erklärungen des Bösen verspricht, und hofft dort wissenschaftliche Gewissheit und moralische Orientierung zu finden.
Die Jahre im Manichäismus prägen ihn stark. Er erwartet schlüssige Antworten auf die Herkunft des Bösen und die Natur der Welt, stößt jedoch auf Vereinfachungen und enttäuschte Autoritätserwartungen. Begegnungen mit angesehenen Vertretern der Bewegung lösen seine Zweifel nicht. Schrittweise wächst die Einsicht, dass ihr dualistisches Weltbild seinen intellektuellen Ansprüchen nicht genügt. Skeptische Positionen gewinnen an Attraktivität, doch auch sie erweisen sich als Sackgasse, weil sie Gewissheit vertagen und das praktische Leben nicht ordnen. So reift in ihm das Bedürfnis nach einem Denken, das Erkenntnis mit sittlicher Transformation verbindet und das Verhältnis von Freiheit und Verantwortung klärt.
Auf der Suche nach Karriere und Klarheit verlässt Augustinus Afrika, lehrt in Rom und wird schließlich nach Mailand berufen. Dort begegnet er dem Bischof Ambrosius, dessen gelehrte Auslegung die Bibel in einem neuen Licht erscheinen lässt. Allegorisches Verständnis nimmt wörtliche Anstößigkeiten und öffnet philosophische Tiefendimensionen. Parallel entdeckt Augustinus platonisch geprägte Schriften, die ihm den Aufstieg des Denkens zum Unveränderlichen nahebringen. Intellektuell rückt das Ziel in greifbare Nähe, doch die Einsicht bleibt ohne volle Lebenswirksamkeit. Zwischen Erkenntnis und Gewohnheit klafft eine Lücke: Er sieht, was gut ist, erfährt aber seine Unfähigkeit, es konsequent zu wollen und zu tun.
Die innere Krise spitzt sich zu. Augustinus analysiert, wie Wille, Begierde und Gewohnheit einander verstärken oder lähmen. Er erkennt, dass Freiheit mehr ist als Auswahlmöglichkeiten: Sie verlangt Heilung der Liebe und eine neue Ordnung der Motive. Äußere Verpflichtungen, Karriereambitionen und persönliche Bindungen kollidieren mit dem wachsenden Wunsch nach Einerlei des Guten. Sein Ringen um Enthaltsamkeit illustriert, wie tief Verstrickung reicht. Er zieht sich zeitweise aus dem Berufsleben zurück, um zur Sammlung zu gelangen. Gerade im Rückzug erfährt er, dass die Entscheidung nicht durch reine Anstrengung erzwungen wird, sondern Umkehr und Hilfe von außerhalb erfordert.
Die Biografie erreicht einen Wendepunkt: Aus der Spannung von Einsicht und Unvermögen erwächst eine entschlossene Hinwendung zum christlichen Glauben. Augustinus lässt sich in Mailand taufen und formt mit Freunden und Familie einen Kreis der geistlichen Übung und des Studierens. Auf dem Weg zurück in die Heimat verliert er seine Mutter Monica, deren Vertrauen und Beharrlichkeit er dankbar würdigt; die Schilderung ihres Abschieds verbindet persönliche Trauer mit Hoffnung. Die vergangenen Stationen erscheinen nun als vorbereitende Lektionen. Doch die Bekenntnisse enden nicht mit einem äußeren Abschluss, sondern führen in eine erneute Gegenwartsprüfung und Vertiefung hinein.
Im zehnten Buch wendet Augustinus die Aufmerksamkeit von der chronologischen Erzählung auf das gegenwärtige Selbst. Er erforscht die Weite und Abgründe des Gedächtnisses, prüft Beweggründe, Wahrnehmungen und anhaltende Versuchungen. Bekennen bedeutet für ihn nicht nur Sünden aufzählen, sondern Gottes Wirken zu preisen und die Wahrheit über sich auszusprechen. So entwickelt er eine Kunst der Selbsterkenntnis, die nicht bei Selbstbeobachtung stehenbleibt, sondern auf Heilung zielt. He unterscheidet ordnende und verwirrende Lieben und ringt darum, Begabungen und Genüsse in die rechte Hierarchie zu stellen. Die Reflexion macht deutlich, dass die Umkehr zugleich Ereignis und lebenslange Praxis ist.
Die letzten Bücher entfalten eine Auslegung der Schöpfungserzählung und führen philosophische Überlegungen zur Zeit und zur Ewigkeit aus. Augustinus erwägt, wie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im Bewusstsein gestreckt sind und was es heißt, dass Welt und Zeit begonnen haben. Die Schöpfung erscheint als freier Akt, der Ordnung und Sinn ermöglicht. Mehrdeutige Lesarten der Schrift werden als fruchtbar anerkannt, sofern sie dem Maß der Liebe entsprechen. So mündet das Werk in die Einsicht, dass die Suche nach Wahrheit eine Bewegung der ganzen Person ist. Die Bekenntnisse prägen dauerhaft das Nachdenken über Innerlichkeit, Gnade und Verantwortung.
Die Confessiones des Aurelius Augustinus entstehen im Kontext der Spätantike, in einer römischen Welt im Wandel. Zeitlich liegen sie um 397–400 n. Chr., räumlich zwischen Nordafrika und Italien. Dominante Institutionen sind das römische Kaisertum, die städtischen Eliten und zunehmend die christliche Kirche mit ihren Bischöfen, Synoden und rechtlichen Privilegien. Heidnische Kulte bestehen fort, werden aber durch kaiserliche Edikte eingeschränkt. Das Imperium bleibt administrativ leistungsfähig, doch die kulturelle Hegemonie verschiebt sich: Christliche Ideen prägen Recht, Moral und Bildung. Dieses Umfeld bildet die Folie für Augustins autobiographisches Gebet, das persönliche Bekenntnis und theologische Reflexion in die öffentliche Sphäre trägt.
Augustinus wird 354 in Thagaste (Numidien) geboren und in der römischen Bildungstradition geformt. Stationen sind Madaura, Karthago, zeitweilig Rom und später Mailand. Nach seiner Rückkehr nach Afrika wird er Priester (391) und Bischof von Hippo Regius (um 395/396). Die Confessiones verfasst er als bereits etablierter Kirchenmann, rückblickend auf Kindheit, Studien, berufliche Ambitionen, philosophische Irrwege und seine Taufe. Das Werk reflektiert so nicht nur individuelle Wandlung, sondern auch die ausgreifende Rolle der Kirche, die im Leben einer gebildeten Eliteperson zur zentralen Instanz wird. Autobiographie und Theologie verschränken sich, um persönliche Erfahrung historisch einzuordnen.
Die politischen und religiösen Umbrüche des 4. Jahrhunderts strukturieren den Hintergrund. Nach Konstantins Begünstigung des Christentums (ab 313) und dem Konzil von Nicäa (325) erklärt das Edikt von Thessaloniki (380) den nicänischen Glauben zur Reichsreligion. Unter Theodosius I. werden heidnische Opfer verboten; christliche Normen durchdringen Verwaltung und Recht. Augustins Confessiones spiegeln diese Konsolidierung: Sie sind ein Text der Selbstvergewisserung in einer Epoche, die Christentum und römisches Gemeinwesen enger verknüpft. Gleichzeitig dokumentieren sie innere Pluralität und Debatten der Christenheit, die trotz staatlicher Privilegien keineswegs homogen ist.
Nordafrika, besonders die Provinzen Africa Proconsularis und Numidien, ist ein wohlhabender, urban geprägter Raum. Karthago fungiert als Bildungs- und Handelszentrum, während Getreideexporte nach Italien wirtschaftliche Bedeutung sichern. Städte werden von Kurialen verwaltet, lokale Patronage und rhetorische Bildung strukturieren Prestige. Augustins Laufbahn als Rhetor ist in dieser Welt verankert: Bildung ist sozialer Aufstiegsweg, aber auch Konkurrenzfeld. Die Confessiones kommentieren diesen Rahmen indirekt, indem sie den Wert der eloquentia relativieren und eine Verschiebung der Autorität verbinden: weg von weltlicher Anerkennung, hin zu religiöser Integrität und kirchlichem Dienst.
Die spätantike Bildungswelt bildet die Werkstatt von Augustins Sprache und Denken. Grammatik- und Rhetorikschulen vermitteln Klassiker wie Vergil und Cicero; Wettstreite, Schaubühnen der Redekunst und strenge Disziplin prägen den Alltag. Schreibtafeln, Wachstifte und ein wachsender Codex-Gebrauch strukturieren Lernpraxis. Augustinus kritisiert in den Confessiones die kultische Verehrung literarischer Ruhmesmodelle, ohne deren formale Kraft zu verwerfen. Episoden wie ein jugendlicher Diebstahl dienen als Spiegel pädagogischer Kultur: Sie zeigen, wie Wettbewerb und Ehre moralische Grenzverschiebungen befördern konnten. Zugleich nutzt er rhetorische Kunst, um die Umkehr seines Herzens darzustellen.
Eine zentrale Station seiner intellektuellen Biographie ist die Bindung an den Manichäismus, eine aus dem Sasanidenreich stammende dualistische Bewegung. In Nordafrika besitzt sie missionarische Reichweite und bietet straffe Gemeinschaftsstrukturen sowie eine kosmologische Erklärung des Bösen. Als „Hörer“ bleibt Augustinus fast ein Jahrzehnt verbunden, bevor Enttäuschung über intellektuelle Schwächen und moralische Ansprüche einsetzt. Die Confessiones beschreiben die Anziehungskraft dieser Alternative zur katholischen Kirche und entwerfen zugleich ihre Widerlegung. Diese Auseinandersetzung spiegelt die pluralen religiösen Märkte spätantiker Städte, in denen konkurrierende Heilsangebote um gebildete Laien werben.
Philosophisch wird Augustins Hinwendung durch die Begegnung mit neuplatonischem Denken geprägt. Über lateinische Übersetzungen der „libri Platonicorum“, vermittelt durch Traditionen, die auf Plotin und Porphyrios zurückgehen, gewinnt er ein Konzept des immateriellen, höchsten Guten. Diese Lektüren öffnen ihm den Blick für Transzendenz, reichen jedoch nicht zur christlichen Erlösungsvorstellung. In den Confessiones anerkennt er ihren heuristischen Wert, kritisiert aber ihre Unfähigkeit, Demut, Inkarnation und Gnade zu denken. So verknüpft er philosophische Ressourcen der Spätantike mit biblischer Theologie und zeichnet eine intellektuelle Pilgerschaft zwischen Schule, Exegese und Gebet.
Ambrosius von Mailand wird zur Schlüsselfigur. Als Bischof am Hofe, Prediger und Kirchenpolitiker prägt er Theologie, Liturgie und Bibelauslegung im nicänischen Sinn. Augustinus hört seine Predigten, erlebt allegorische Exegese und die Stärke kirchlicher Autorität in städtischer Politik. Ein vielbeachtetes Detail ist Ambrosius’ stille Lektüre, die Augustinus erwähnt und die veränderte Lesepraxis illustriert. Die Taufe Augustins an der Osternacht 387 in Mailand markiert personal wie sozial einen Übergang: vom rhetorischen Karrieremodell zur kirchlichen Lebensform. Die Confessiones verarbeiten diese Erfahrungen als Wende vom Ruhm zur Gnade.
Parallel wachsen asketische Bewegungen. Enthaltsamkeit, gemeinschaftliches Leben und freiwillige Armut bieten radikale Alternativen zu städtischen Statusmustern. Augustins Rückzug nach Cassiciacum nahe Mailand (386/387) mit Freunden und Mutter greift diese Ideale auf: Philosophiegespräche, Gebet und Schriftlektüre strukturieren den Tag. Zugleich stehen familiale Erwartungen – etwa Heirat zur Sicherung sozialer Bündnisse – gegen asketische Verpflichtung. In den Confessiones werden sexuelle Begierde, Bindungen und Trennungen nicht voyeuristisch, sondern als Spiegel gesellschaftlicher Normen reflektiert. Das Werk macht sichtbar, wie christliche Ethik neue Lebensentwürfe gegenüber traditionellen Patronage- und Familienlogiken etabliert.
Die Schriftkultur liefert die Infrastruktur der Bekehrung. Christliche Gemeinden nutzen zunehmend den Codex; lateinische Bibelübersetzungen (Vetus Latina) zirkulieren, während die von Hieronymus revidierten Texte sich erst nach und nach verbreiten. Predigt, Psalmengesang und katechetische Unterweisung verbinden Oralität und Lektüre. Augustinus’ Gebrauchsweise der Psalmen in den Confessiones zeigt liturgische Prägung und meditative Aneignung. Auseinandersetzungen mit Textautorität – welchen Bibeltext liest man, wie legt man aus – spiegeln eine Epoche intensiver textueller Konsolidierung. So entsteht ein religiöses Lesen, das sich von klassisch-rhetorischer Literaturpflege absetzt, ohne sie intellektuell zu verleugnen.
Die nordafrikanische Kirche ist durch den Donatismus gespalten, einen seit dem frühen 4. Jahrhundert bestehenden Konflikt um die Reinheit des Klerus und die Gültigkeit der Sakramente. Soziale Spannungen und ländliche Gewalt (etwa durch Circumcellionen) verschärfen den Streit. Augustinus wird später zu einem führenden Gegner des Donatismus. Obwohl die Confessiones den Konflikt nicht systematisch behandeln, wirken sie indirekt in dieses Umfeld: Das persönliche Bekenntnis zur Gnade und die Betonung kirchlicher Einheit dienen als moralische Autorität gegen rigoristische Abgrenzung. Der Text trägt damit zur kulturellen Neuverhandlung kirchlicher Identität in Afrika bei.
Mit der wachsenden Bedeutung des Bischofsamtes verschieben sich städtische Machtverhältnisse. Bischöfe schlichten Streit, organisieren Armenhilfe, verwalten Stiftungen und repräsentieren Gemeinden gegenüber Behörden. Augustinus’ Amt in Hippo umfasst Predigtserien, Katechese, Seelsorge und die Gründung einer geistlichen Gemeinschaft. In diesem institutionellen Rahmen erhalten die Confessiones eine pastorale Funktion: Sie zeigen, wie Selbstprüfung, Demut und Dank das Gemeindeleben prägen sollen. Das individuelle Ich dient als exemplarischer Fall, an dem die Gemeinde die Bewegung von Sünde zu Gnade, von sozialer Konkurrenz zu brüderlicher Ordnung nachvollzieht.
Die Confessiones der Bücher XI–XIII verhandeln Schöpfung, Zeit und Auslegung von Genesis. Damit treten sie in philosophische und kosmologische Debatten der Spätantike ein. Augustinus weist astrologische Determination zurück und betont Schöpfung aus dem Nichts sowie die Kontinuität göttlichen Handelns in der Geschichte. Die Reflexion über Zeit als Dehnung der Seele wendet Bildungsphilosophie auf biblische Texte an. Diese Theologie reagiert auf konkurrierende Weltdeutungen und schafft zugleich ein geistliches Leseprogramm: wie man Natur, Geschichte und Schrift zusammensieht, ohne in Fatalismus, Mythos oder rein spekulative Metaphysik zu verfallen.
Moralische Kulturkämpfe zeichnen die Epoche: Theater, Spiele und Spektakel stehen unter Kritik christlicher Autoren. Gesetzgebung schränkt blutige Spiele zunehmend ein; im frühen 5. Jahrhundert verschwinden sie in vielen Regionen. Augustinus problematisiert in den Confessiones die Attraktion der Bühne, die Macht der Emotionen und den Stolz des Applauses. Dies reflektiert eine neue Ethik des Blicks (curiositas) und der Begierde, die nicht nur individuelle Laster, sondern gesellschaftliche Dispositive anspricht. Die urbane Freizeitkultur wird so theologisch gelesen: als Ort, an dem die Seele geformt wird – zum Guten oder zum Verderben.
Reisen und Netzwerke verbinden die Stationen von Thagaste, Karthago, Rom und Mailand. Seewege, Herbergen und saisonale Winde bestimmen Mobilität; Lehrer und Studenten folgen Patronage und Aussichten auf Gehalt. Die kaiserliche Post steht Beamten zu, private Korrespondenz und Buchhandel tragen Ideen. Augustinus’ Wechsel nach Italien spiegelt Bildungs- und Karrierewege des 4. Jahrhunderts. Die Confessiones zeigen, wie geistige Impulse – philosophische Texte, Predigten, Hymnen – entlang dieser Routen zirkulieren. Auch Rückkehr und Tod der Mutter in Ostia fügen sich in diese Verkehrslandschaft ein, die die Verbreitung christlicher Kultur beschleunigt.
Als Textgattung stehen die Confessiones zwischen Gebet, Predigt, philosophischem Traktat und exemplarischer Lebensbeschreibung. Früh verbreitet, dienen sie der innerkirchlichen Erbauung und der apologetischen Selbstverortung in einer gebildeten Öffentlichkeit. Augustinus performt Demut, ohne seine rhetorische Schulung zu verleugnen, und bietet ein Modell geistlicher Lesepraxis. Die an Gott adressierte Rede richtet sich faktisch an Gemeinden, Katechumenen und Intellektuelle. Damit nimmt das Werk an einem Genreprojekt der Spätantike teil: christliche Identität nicht nur zu behaupten, sondern als transformierte Gelehrsamkeit erfahrbar zu machen.
Obwohl spätere Kontroversen – etwa mit den Pelagianern – erst nach der Abfassung eskalieren, sind Kernthemen vorgezeichnet: die Unfähigkeit des Menschen zur Selbstrettung und die Notwendigkeit der Gnade. In einer Kultur, die Leistung, Ehre und Bildung hochschätzt, kommentieren die Confessiones diese Ideale kritisch. Sie relativieren genealogische, ökonomische und rhetorische Ressourcen und betonen Abhängigkeit von Gott. Damit werden gesellschaftliche Kräfte – Karriere, Familie, Patronage – nicht negiert, sondern neu geordnet. Das Buch ist so zugleich Dokument seiner Zeit und prophetischer Einspruch gegen ihre Verabsolutierungen, eingebettet in die Institution Kirche.
Augustinus von Hippo (Aurelius Augustinus, 354–430) war einer der prägenden Denker der Spätantike und einer der einflussreichsten Kirchenväter des lateinischen Westens. Als Bischof von Hippo Regius in Nordafrika verband er pastorale Verantwortung mit philosophischer Strenge und literarischer Gestaltungskraft. Sein Werk durchdringt Theologie, Philosophie und Spiritualität, von der Lehre über Gnade und Freiheit bis zur Reflexion über Zeit, Erinnerung und Sprache. In Auseinandersetzung mit strömenden Debatten seiner Epoche – vom Manichäismus bis zu innerkirchlichen Konflikten – entwickelte er Begriffe und Formen, die die westliche Tradition dauerhaft geprägt haben. Seine Schriften werden bis heute breit gelesen, kommentiert und diskutiert.
Aufgewachsen in Nordafrika erhielt Augustinus eine Ausbildung in Grammatik und Rhetorik, zunächst in Thagaste, dann in Karthago, dem kulturellen Zentrum der Region. Früh beeindruckte ihn Ciceros verlorener Dialog Hortensius, der sein philosophisches Interesse neu entfachte. Er wandte sich über Jahre dem Manichäismus zu, suchte jedoch zugleich nach intellektueller Strenge und wurde zeitweise skeptizistisch. In Mailand lernte er die biblische Auslegung des Bischofs Ambrosius kennen, deren Rhetorik und allegorische Methode ihn nachhaltig prägten. Ebenso richtungsweisend wurden lateinische Übersetzungen neuplatonischer Schriften, die ihm Denkwege eröffneten, christliche Lehre philosophisch zu durchdringen, ohne die Autorität der Schrift aus dem Blick zu verlieren.
Seine berufliche Laufbahn begann Augustinus als Lehrer der Rhetorik: zunächst in Thagaste und Karthago, später in Rom und schließlich in Mailand. Dort erhielt er eine prestigeträchtige Stellung als kaiserlicher Rhetor, was ihn in die Nähe der führenden intellektuellen und politischen Kreise brachte. Trotz äußerer Erfolge vertiefte sich sein innerer Konflikt zwischen rhetorischer Karriere, philosophischer Wahrheitssuche und religiöser Orientierung. Lektüre, Gespräche und Predigten in Mailand verschoben zunehmend seinen Maßstab. Die Erfahrung, dass Sprache nicht nur überzeugt, sondern zum Wahrheitsdienst verpflichtet, bereitete den Boden für seine Abkehr von bisherigen Bindungen und öffnete den Weg zu einer grundlegenden Lebensentscheidung.
Im Jahr 386 kam es, ausgelöst durch eine Folge innerer Erschütterungen und Lektüren, zur Entscheidung, sich dem christlichen Glauben zuzuwenden. Augustinus legte sein Lehramt nieder und zog sich mit Freunden und Schülern nach Cassiciacum zurück, wo er in dialogischen Schriften philosophisch-theologische Fragen verhandelte, darunter Contra Academicos, De beata vita, De ordine und die Soliloquia. 387 ließ er sich in Mailand von Ambrosius taufen. Kurz darauf kehrte er nach Nordafrika zurück, lebte zeitweise in einer klösterlich geprägten Gemeinschaft und suchte ein Leben, das Studium, Gebet und gemeinsames Arbeiten in den Dienst einer erneuerten Wahrheitspraxis stellte.
In Hippo wurde Augustinus 391 zum Priester geweiht und wenige Jahre später zum Bischof berufen. Als Prediger und Seelsorger verband er biblische Auslegung mit philosophischer Analyse und polemischer Klarheit. In Auseinandersetzung mit dem Donatismus verteidigte er Einheit und Wirksamkeit der Sakramente; gegenüber pelagianischen Positionen betonte er die Notwendigkeit der Gnade. Zahlreiche Traktate und Briefe bezeugen diese Kämpfe, darunter De baptismo contra Donatistas sowie Schriften wie De spiritu et littera, De natura et gratia und De correptione et gratia. Sein umfangreicher Briefwechsel und die erhaltenen Sermones dokumentieren pastorale Praxis, kirchliche Politik und methodische Reflexion.
Seine bekanntesten Werke entfalteten Maßstäbe für westliches Denken. Die Confessiones verbinden autobiografisches Gebet mit tiefen Reflexionen über Erinnerung, Zeit und Gotteserkenntnis. De civitate Dei, als Antwort auf Krisen der Epoche, entwickelt die Unterscheidung zweier „Städte“ und ordnet Geschichte, Staat und Kult in eine theologische Perspektive. De Trinitate erkundet die trinitarische Lehre mit psychologischen Analogien. De doctrina christiana bietet Grundlagen der Schriftauslegung und der Zeichenlehre; das Enchiridion ad Laurentium fasst zentrale Glaubensinhalte zusammen. In Briefen und Traktaten formulierte Augustinus Überlegungen zu gerechtem Krieg, Willen, Sünde und Gnade, die weitreichend rezipiert wurden.
Augustinus starb 430 in Hippo während der Belagerung durch die Vandalen. Sein Vermächtnis reicht von der Regel des heiligen Augustinus, die gemeinschaftliches Leben ordnet, über die mittelalterliche Theologie bis zu Reformatoren, die seine Gnadenlehre neu akzentuierten. Seine Gedanken prägten Diskussionen über Predestination, Gewissen, Sprache und Innerlichkeit. In der modernen Forschung bleiben seine Texte zentrale Bezugspunkte für Hermeneutik, Zeitphilosophie und politische Theologie. Editionen, Kommentare und interdisziplinäre Debatten zeigen eine ungebrochene Rezeption, die Zustimmung und Kritik einschließt. Augustinus’ Werk wird weiterhin gelesen, um religiöse Erfahrung, Vernunft und Gemeinschaft produktiv in Beziehung zu setzen.
Erstes Buch
Zweites Buch
Drittes Buch
Viertes Buch
Fünftes Buch
Sechstes Buch
Siebentes Buch
Achtes Buch
Neuntes Buch
Zehntes Buch
Elftes Buch
Zwölftes Buch
Dreizehntes Buch
Groß bist du, o Herr, und deines Lobes ist kein Ende[1q]; groß ist die Fülle deiner Kraft, und deine Weisheit ist unermeßlich. Und loben will dich der Mensch, ein so geringer Teil deiner Schöpfung; der Mensch, der sich unter der Last der Sterblichkeit beugt, dem Zeugnis seiner Sünde, einem Zeugnis, daß du den Hoffärtigen widerstehest; und doch will dich loben der Mensch, ein so geringer Teil deiner Schöpfung. Du schaffest, daß er mit Freuden dich preise, denn zu deinem Eigentum erschufst du uns, und ruhelos ist unser Herz, bis es ruhet in dir. Kläre mich auf, o Herr, und laß mich erkennen, ob wir dich zuerst anrufen oder dich preisen; ob wir dich eher erfassen als anrufen sollen? Doch wer ruft dich an, solange du ihm unbekannt bist? Könnte dich, der dich nicht erkennt, statt des einen ein anderes Wesen anrufen? Oder wirst du zuvor angerufen, auf daß du erkannt werdest? Wie sollen sie aber anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie aber glauben an den, der ihnen nicht geprediget worden? Loben werden den Herrn, die ihn suchen. So ihn aber suchen, werden ihn finden, und die ihn finden, werden ihn loben. Ich will dich suchen, o Herr, im Gebet, und ich werde dich anrufen im Glauben: denn du bist uns verkündigen worden. Mein Glaube, den du mir gegeben, o Herr, ruft dich an, mein Glaube, den du mir einhauchtest durch die Menschwerdung deines Sohnes durch die Vermittlung deines Predigers.
Wie aber soll ich anrufen ihn, meinen Gott und Herrn? Denn zu mir hinein rufe ich ihn ja, wenn ich ihn anrufe. Wie heißt die Stätte, dahin mein Gott komme zu mir, wohin der Gott komme zu mir, der Himmel und Erde gemacht hat? So ist also, Herr mein Gott, etwas in mir, das dich zu fassen vermag? Fassen dich denn Himmel und Erde, die du gemacht hast und in deren Bereich du mich geschaffen? Oder faßt dich deshalb alles, weil ohne dich nicht wäre, was ist? Da nun auch ich bin, was bitte ich dich denn, in mich zu kommen, der ich nicht wäre, wenn du nicht wärst in mir? Denn noch bin ich nicht im Reiche des Todes, und doch bist du dort. Denn bettete ich mich auch in die Hölle, siehe, so bist du auch da. Ein Nichts wäre ich, mein Gott, wäre überhaupt nicht vorhanden, wenn du nicht wärest in mir. Oder ich wäre vielmehr nicht, wenn ich nicht wäre in dir, von dem alles, durch den alles, in dem alles ist. Ja, so ist es, so ist es, o Herr. Wenn ich dich anrufe, wohin rufe ich dich, da ich ja bin in dir? Von wannen sollst du kommen zu mir? Wohin sollte ich wohl gehen über Erde und Himmel hinaus, daß von da käme zu mir mein Gott, der da gesprochen: Bin ich es nicht, der Himmel und Erde füllet?
Fassen dich also Himmel und Erde, weil du sie erfüllst? Oder erfüllst du sie doch nur teilweise, da sie dich nicht völlig fassen? Und wohin ergießest du den Überfluß, wenn Himmel und Erde von dir erfüllt sind? Oder bedarfst du keines Gefäßes, das dich als Ganzes enthält, der du alles fassest? Denn alle Gefäße, die du erfüllst, erfüllst du, indem du sie zusammenhältst. Denn nicht die Gefäße, die dich beschließen, geben dir feste Selbständigkeit; denn wenn sie auch zerbrochen würden, wirst du doch nicht ausgeschüttet. Und wenn du (im heiligen Geiste) über uns ausgegossen wirst, so liegst du nicht darnieder, sondern richtest uns auf; du wirst nicht zerstreut, sondern sammelst uns. Aber der du alles erfüllst, erfüllst du alles in deiner Gesamtheit? Oder, weil nicht jegliches dich in deiner Gesamtheit zu fassen vermag, umfaßt es nur einen Teil deines Wesens und umfaßt alles zugleich denselben Teil deines Seins? Oder umfassen die einzelnen Kreaturen einzelne Teile, die größeren größere und die kleineren kleinere? Ist demnach ein Teil von dir größer oder kleiner als der anderes Oder bist du überall eine Ganzheit und faßt dich nichts in deiner Gesamtheit?
Mein Gott, was bist du also? Was frag' ich erst? Was anders denn als der Herr mein Gott? Denn wer ist Herr neben dem wahrhaftigen Herrn und wer Gott außer dir, unserem Gott? Höchster, Bester, Mächtigster Allmächtigster, Barmherzigster und doch Gerechtester, Verborgenster und doch Allgegenwärtiger, Schönster und Stärkster, feststehend und doch nicht zu fassen, unwandelbar und doch alles wandelnd, nie neu, nie alt, der du alles erneuerst, die Stolzen aber gibst du anheim der Vergänglichkeit, ohne daß sie es fassen; immer wirkend, immer ruhig, sammelnd und doch nie bedürfend, tragend, erfüllend und schützend, schaffend, ernährend und vollendend, suchend, da doch nichts dir ermangelt. Du liebst, doch ohne Leidenschaft, du eiferst, doch mit ruhiger Milde, deine Rede ist schmerzlos, du zürnst und bist doch ruhig, wandelbar sind deine Werke, unwandelbar dein Ratschluß, du nimmst auf, was du findest, und hast es doch niemals verloren, nie arm, freust du dich des Gewinns, nie habsüchtig, forderst du Zinsen. Es wird dir geliehen, auf daß du zum Schuldner werdest und doch, wer hat etwas, das nicht wäre dein Eigentum? Schulden zahlst du, die du nie schuldig bist; du erlässest uns unsere Schuld und verlierst trotzdem nichts. Was aber habe ich mit all dem vorgebracht, mein Gott, mein Leben, meine heilige Wonne? Oder wie redet einer, wenn er redet von dir? Wehe denen, die von dir schweigen, denn auch die Stummen werden dich bekennen.
Wer wird mir verleihen, zu ruhen in dir? Wer mir beistehen, daß du kommst in mein Herz und es ganz erfüllst, daß ich vergesse all mein Elend und dich nur, mein einziges Gut, umfasse? Was bist du mir? Habe Erbarmen mit mir, daß ich mich unterfange, von dir zu reden. Was bin ich dir, daß du Liebe von mir forderst und dein Zorn mir droht und unermeßliches Elend, wenn ich es nicht täte? Ist es denn ein geringes Elend, wenn ich dich nicht liebe? Wehe mir! Sage mir, o mein Herr und mein Gott, um deiner erbarmenden Liebe willen, was du mir bist. Sprich zu meiner Seele: Ich bin deine Hilfe. So sprich, auf daß ich dich hören kann. Siehe meines Herzens Ohr lauschend vor dir; erschließe es, o Herr, und sprich zu meiner Seele: Ich bin deine Hilfe. Betend will ich folgen dieser Stimme und dich ergreifen. Verbirg dein Angesicht nicht vor mir, ich will sterben, damit ich (ewig) lebe und dich schaue von Angesicht zu Angesicht. Eng ist das Haus meiner Seele, erweitere es, daß es werde deine Wohnung. Hinfällig ist es, darum erneuere es. Flecken sind darin enthalten, welche dein Auge beleidigen, gern bekenne ich es, aber wer wird es reinigen? Oder wem anders als dir kann ich zurufen: Mache mich rein von verborgenen Fehlern und bewahre deinen Knecht vor fremder Missetat. Ich glaube, darum rede ich, Herr, du weißt es ja. Habe ich dir nicht, mein Gott, mein Vergehen bekannt, und hast du mir nicht vergeben meines Herzens Ruchlosigkeit? Nicht rechten will ich mit dir, der du bist die lautere Wahrheit, und ich will mich nicht selbst täuschen, daß nicht meine Sünde sich selbst belüge. Nicht rechten will ich mit dir, denn so du willst Sünde zurechnen, o Herr, Herr, wer will bestehen?
Aber laß mich dennoch reden zu dir, dem barmherzigen Gott, mich, der ich Staub und Asche bin. Laß mich dennoch reden, denn siehe, deine Barmherzigkeit ist es, zu der ich rede, nicht ein Mensch, der meiner spottet. Auch du spottest vielleicht meiner, aber du wirst dich mir zuwenden und dich meiner erbarmen. Was ist es denn aber, das ich reden will, mein Herr und mein Gott, als daß ich nicht weiß, von wannen ich hierhergekommen? Soll ich sagen in dieses sterbliche Leben oder in dieses lebendige Sterben? Es empfingen mich die Tröstungen deiner Barmherzigkeit, wie ich es erfahren habe von meinem irdischen Vater, aus welchem du mich, und von meiner irdischen Mutter, in welche du mich in der Zeit gebildet hast, denn ich kann mich ja dessen nicht selbst erinnern. Dann empfingen mich die Tröstungen der Muttermilch. Doch nicht meine Mutter oder meine Ammen füllten sich aus eigener Kraft die Brüste, sondern du spendetest mir durch ihre Vermittlung die Nahrung meiner frühesten Kindheit, gemäß deiner Einrichtung und deines Reichtums dem tiefen Sein der Dinge angeschaffen. Du verliehst mir auch die Eigenschaft, nicht mehr zu verlangen, als was du mir gabst, und denen, die mich nährten, den Willen, mir zu geben, was du ihnen gabst. Denn gemäß dem von dir angeordneten Liebestriebe gaben sie mir gern von dem Überflusse, den du ihnen verliehen. Denn das Gute, das sie mir erwiesen, tat ihnen selbst wohl; aber nicht aus ihnen stammte es, sondern nur durch sie kam es mir zu. Denn von dir allein kommt ja, mein Gott, alles Gute, und alles Heil strömt mir zu von meinem Gott. Später freilich erkannte ich dies erst als du mich mahnend riefst zu dir, durch alles das, was du innerlich und äußerlich mitteilst, denn damals verstand ich nur die Muttermilch zu saugen und in behaglichem Genusse der Ruhe zu pflegen und bei leiblichem Schmerze zu weinen; weiter aber nichts. Dann begann ich zu lächeln, zuerst im Schlafe, dann aber auch im Wachen. So ist es mir wenigstens erzählt worden, und ich habe es geglaubt, weil wir dasselbe auch bei anderen Kindern wahrnehmen, denn meine Erinnerung reicht nicht daran. Doch siehe, allmählich empfand ich, wo ich war, und wollte meine Wünsche denen kundtun, die sie erfüllen sollten; doch nicht vermochte ich es, weil jene in meinem Innern wohnten, diese aber außer mir, und mit keinem ihrer Sinne vermochten sie es, in die Tiefe meiner Seele zu dringen. Daher strampelte und schrie ich in einer meinen Wünschen, deren nur wenige waren und nur solche, die meiner Fähigkeit entsprachen, nicht ganz gleichenden Weise. Denn ganz entsprechend waren sie nicht. Und ward mir nicht gewillfahrt, weil man entweder meine Wünsche nicht verstehen konnte oder ihre Erfüllung spärlich war, so ward ich zornig auf die Großen, die mir nicht untertan, und die Freien, die mir nicht zu Diensten waren, und suchte mich an ihnen durch Geschrei zu rächen. Daß solches der Kinder Art ist, habe ich kennengelernt an denen, deren Bekanntschaft ich machte, und daß ich nicht ebenso war, haben sie mich in ihrer Unwissenheit besser als meine Ernährer, die es doch wußten, gelehrt. Aber siehe, meine Kindheit ist längst geschieden, und ich lebe noch. Du aber, o Herr, der du lebst von Ewigkeit zu Ewigkeit und in dem nichts stirbt, denn vor dem Anfang der Zeiten und vor allem, was Vorzeit genannt werden kann, bist du, Gott und Herr, bist du deiner gesamten Schöpfung, und auf festem Grunde ruhen in dir der Urgrund aller an sich unbeständigen Dinge und alles Wandelbaren unwandelbarer Ursprung; in dir leben die ewigen Ideen alles Vernunftlosen und Zeitlichen; so sage mir, o Gott, mir, der dich anfleht in heißem Gebet, sage es in göttlichem Erbarmen, ob meine Kindheit einem schon vergangenen Leben gefolgt sei oder ob jenes dasselbe ist, welches ich im Mutterleibe zubrachte? Denn auch darüber ist mir einiges erzählt worden; auch habe ich mit eigenen Augen schwangere Frauen gesehen. Doch was war ich noch vor jener Zeit, meine Wonne, mein Gott; war ich überhaupt irgendwo oder irgendwer? Denn ich habe niemanden, der mir es sagen könnte, weder Vater noch Mutter vermochten es, weder anderer Erfahrung noch meine eigene Erinnerung (klärten mich darüber auf). Verlachst du etwa solche Frage und befiehlst, daß ich dich nach meinem besten Wissen lobe und dir mein Bekenntnis ablege? So will ich dir denn bekennen, du Herr des Himmels und der Erden, und will dich preisen im Danke für meinen Ursprung und meine Kindheit, deren ich mich nicht mehr erinnere. Du hast dem Menschen die Fähigkeit verliehen, von anderen auf sich zu schließen und in betreff der eigenen Person auch dem Zeugnis der Frauen fest zu vertrauen. Denn schon damals war und lebte ich, und schon an der Grenze meiner Kindheit suchte ich Zeichen, um anderen meine Empfindungen deutlich zu machen. Woher aber kommt ein solch beseeltes Wesen, wenn nicht von dir, o Herr? Gibt es irgend jemand, der die Kunst besäße, sich selbst zu erschaffen? Oder quillt anderswo irgendeine Quelle, aus welcher Sein und Leben in uns fließt, denn bei dir, Herr, der du uns geschaffen hast, bei dem es keinen Gegensatz zwischen ewigem und zeitlichem Leben gibt, denn beider Herr bist du selbst. Denn der Höchste bist du und unveränderlich; in dir vergeht nicht der heutige Tag, und dennoch vergeht er in dir, weil du alles (auch die Zeiten) umfaßtest. Denn nicht würden sie auf geordneten Bahnen dahinziehen, wenn du sie nicht zusammenhieltest. Denn da deine Jahre kein Ende nehmen, sind deine Jahre wie der heutige Tag, und wie viele unserer und unserer Väter Tage sind schon vorübergezogen durch dein ewiges Heute und erhielten von ihm das Gepräge und waren, wie sie waren, und werden noch vorüberziehen und ihr Gepräge empfangen und sein, wie sie waren. Du aber bleibst, wie du bist, und alles Morgende und was darüber hinausgellt und alles Gestrige und noch weiter Zurückgehende wirst du machen zum Heute und hast das schon in der Ewigkeit deiner Gegenwart gewirkt Was kümmert es mich, wenn es jemand nicht begreifen sollte? Möge auch er sich freuen, der spricht: »Was ist das?« Auch er freue sich, und möge er dich lieber finden, indem er dich nicht findet, als daß er dich nicht finde, indem er (hochmütig) dich gefunden zu haben wähnt.
Erhöre mich, o Gott! Wehe über uns sündige Menschen! So spricht der Mensch, und du erbarmst dich seiner, weil du ihn, aber nicht die Sünde in ihm geschaffen hast. Wer erinnert mich wieder an die Sünden meiner Kindheit? Denn vor dir ist niemand sündenrein, auch das Kind nicht, das nur einen Tag auf der Welt gelebt hat. Wer erinnert mich (an meine Sünden, die ich damals begangen)? Jedes beliebige Kindlein, an dem ich das sehe, was meinem Gedächtnis entflohen? Wie sündigte ich also damals? Etwa, weil ich schreiend nach der Mutterbrust verlangte? Denn täte ich jetzt dasselbe, wenn auch nicht nach der Mutterbrust, so doch nach einer meinem Alter entsprechenden Speise gierig verlangend, würde mich da nicht mit vollem Rechte spottender Tadel treffen? Damals tat ich also Tadelnswertes; aber da ich den Tadel nicht verstehen konnte, war es gegen Herkommen und Vernunft, mich zu tadeln. Zwar legen wir derartiges, wenn wir älter werden, ab und entfernen es. Denn nie sah ich einen Verständigen, der beim Sondern des Guten vom Schlechten auch das Gute mit preisgibt. Oder galt es seinerzeit auch für gut, mit Tränen das zu begehren, was mir, wäre es mir gewährt worden, zum Schaden gereicht hätte? Oder denen zu zürnen, die mir nicht untergeben waren, freien und älteren Leuten, oder den Eltern und vielen, die bei größerer Einsicht unserem Eigenwillen nicht willig Folge leisteten, ihnen mit Schlagen und Stoßen möglichst zu schaden, weil sie dem kindlichen Eigensinn ohne Schaden für uns nicht gehorchen konnten? So ist nur die Schwäche der kindlichen Glied maßen unschuldig, nicht die Kindesseele. Mit eigenen Augen beobachtete ich ein zorniges Kind; noch konnte es nicht sprechen und doch sah es bleich mit feindseligbitterem Blick auf seinen Milchbruder. Doch das weiß jeder. Mutter und Ammen sagen, daß sich das gäbe und durch irgendwelche Mittel verlöre. Ist es aber etwa auch Unschuld an der Quelle, die reichlich, ja überreichlich eine Fülle von Milch hervorströmen läßt, den der Hilfe so bedürftigen Bruder nicht zu dulden, der doch nur durch dies eine Nahrungsmittel sein Leben fristen kann? Doch man erträgt es in blinder Zärtlichkeit, nicht als ob es geringfügig oder von gar keiner Bedeutung wäre, sondern weil es sich mit den Jahren verlieren wird. Fände man dasselbe freilich bei einem älteren Menschen, so würde man es nicht mit dem Gleichmute ertragen wie in diesem Falle. Du, mein Gott und Herr, der du dem Kinde Leben und Leib gabst, den du, wie wir sehen, ausstattetest mit den Sinnen, den du aus Gliedern zusammenfügtest und mit Schönheit schmücktest und dem du alle Triebe eines lebenden Wesens zur Erhaltung seines unversehrten Daseins eingepflanzt hast, dein Wille gebeut mir, dich dafür zu preisen und dir zu danken und deinem Namen, du Höchster, zu lobsingen, weil du bist der allmächtige und gütige Gott, auch wenn du nur das geschaffen, was niemand anders schaffen kann denn du allein, dem alles Dasein sein Sein verdankt, du Schönster, der du alles schön geschaffen rund alles ordnest nach deinem Gesetz. Dieses Alter also, o Herr, von dessen Durchleben ich keine Ahnung habe, das ich nur nach anderer Glaubwürdigkeit und andern Kindern gefolgert habe, mag ich, obgleich diese Schlüsse vollen Glauben verdienen, kaum zu dem Leben rechnen, das ich in dieser Zeitlichkeit lebe. Denn der dunkle Schleier der Vergessenheit ruht darüber, gerade wie über jenem Leben, das ich verbracht in meiner Mutter Leibe. Doch wenn ich aus sündlichem Samen gezeuget und meine Mutter mich in Sünden empfangen hat, wo, mein Herr und Gott, o sage es mir, ich flehe dich an, wo oder wann war dein Knecht sündlos? Doch lassen wir jene Zeit, ist mir ja von ihr in meiner Erinnerung keine Spur zurückgeblieben.
