Aura - Phia Quantius - E-Book

Aura E-Book

Phia Quantius

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Beschreibung

Von vermeintlicher Liebe zur toxischen Beziehung Die Studentin Esme ist immer knapp bei Kasse. Sie arbeitet hart, um sich ihr Studium zu finanzieren und sich und ihre Hündin Szoka über Wasser zu halten. Als sie Jasper kennenlernt, ist er eigentlich überhaupt nicht ihr Typ. Doch er ist ebenso charmant wie hartnäckig und Esme lässt sich schließlich auf eine Beziehung mit ihm ein. Nach und nach zeigen sich Risse in Jaspers perfekter Fassade, doch Esme verliert sich mehr und mehr in ihrer Partnerschaft. Bis sie eines Tages im Krankenhaus aufwacht ... In ihrem Debütroman erzählt die Influencerin und Bestsellerautorin Phia Quantius von Manipulation in der Beziehung, Narzissmus und Kontrollverlust in einer Beziehung sowie von den weitreichenden Folgen von Migräne. - Realität vs. Wahrnehmung: Wie aus dem fürsorglichen Verehrer Jasper ein kontrollierender Partner wird - Der New Adults-Roman von der Autorin von "Bombenkopf. Wie Migräne mich ausmacht" - Von Narzissten, Love Bombing und dem Leben mit Migräne: Esme verliert sich in einem Netz aus Abhängigkeit, Kontrolle und den psychischen Folgen ihrer Dauerkopfschmerzen - Phia Quantius verwebt in dem Gedankenexperiment eigene Erfahrungen mit chronischer Migräne mit den Elementen der Romantic Suspense zu einem New Adults-Roman - Ein spannender Debüt-Roman über toxische Beziehungen und mentale Gesundheit Von scheinbarer Romantik zum psychologischen Drahtseilakt Love Bombing, kontrollierendes Verhalten und immer wieder Zweifel: Esmes Beziehung zu Jasper gerät nach und nach zum Alptraum. Hinzu kommt, dass sie unter starker Migräne leidet, die ihren Alltag und ihre Wahrnehmung nachhaltig beeinträchtigt. Mit ihrem Romandebüt hat Phia Quantius hat einen packenden Beziehungsthriller geschaffen, der auch das Thema Migräne in den Fokus rückt: Wird Esme es schaffen, wieder zu sich selbst zu finden?

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Seitenzahl: 472

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Phia Quantius

Aura

Phia Quantius

mit Lisa Bitzer

Aura

Roman

1. Auflage 2025

© 2025 WeCreate Books – ein Verlag der WeCreate Germany GmbH

Großer Burstah 44

20457 Hamburg

ISBN: 978-3-911034-20-3

Texte: Phia Quantius und Lisa Bitzer

Lektorat: Marc Alaoui

Umschlaggestaltung: FAVORITBUERO GbR

Korrektorat und Satz: Eberl & Koesel Studio

Druck und Bindung: CPI Gruppe Deutschland

WeCreate Books – ein Verlag der WeCreate Germany GmbH

wecreate-books.com

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

Alle Ähnlichkeiten mit realen Personen sind rein zufällig, alle geschilderten Situationen frei erfunden.

INHALT

Prolog

1

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9

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Zwischenszene

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Zwischenszene

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Nachwort

Eine medizinische Einordnung von Prof. Dr. med. Dagny Holle-Lee

Danksagung

Hilfsangebote in toxischen Beziehungen

Prolog

Sie träumt davon, wie sie fällt.

Nicht schnell, ganz langsam, beinahe wie in Zeitlupe. Als ob die Luft dicker wäre als normalerweise und sie tragen würde.

Sie fällt mit dem Rücken voran. Die Haare flattern um ihren Kopf, fliegen ihr ins Gesicht. Ihre Arme und Beine sind feder- leicht und folgen ihrem Körper in die Tiefe. Sie spürt den Luft- hauch an den Fingerspitzen.

Sie fällt, ohne zu wissen, was unter ihr ist.

Sie fällt, aber sie hat keine Angst.

Als sie die Augen öffnet, erkennt sie, dass sie sich durch einen dunklen Schacht bewegt. Wenn sie die Finger ausstreckt, kann sie die Wände anfassen. Wände, die sich weich wie Pudding anfüh- len und unter ihrer Berührung nachgeben.

Was ist das alles hier? Und wo ist sie?

Vielleicht schläft sie noch. Sie fällt im Traum, fällt, ohne zu fal- len. Eigentlich fliegt sie, nur eben nach unten. Sie dreht sich auf den Bauch, im Fallen, im Fliegen. Vor sich sieht sie ein Licht. Es ist hell, kommt auf sie zu und wird immer größer, bis die Wände des Schachtes von der Helligkeit verschluckt werden. Das Licht wird so grell, dass es in ihre Augen brennt.

Plötzlich: Dunkelheit. Stille.

Dann hört sie das Piepen.

Es ist mit einem Mal da, monoton und schrill, direkt neben ihrem Ohr. Es könnte ihr Wecker sein. Das nervige Bimmeln des Handys, wenn sie am Morgen fünfmal auf die Schlummertaste drückt. Das Geräusch kommt ihr so vertraut vor, wie es ihr ver- hasst ist.

Düp-düp. Düp-düp.

Wo ist sie bloß? Sie weiß es nicht. Sie weiß ja nicht mal, ob sie steht, liegt, sitzt oder immer noch fällt.

Es riecht merkwürdig. Sauber. Und die Luft, die sie einatmet, ist kalt und feucht. Sie bemerkt, dass ihre Zunge nach Metall schmeckt.

Ihr Schädel dröhnt. Sie versucht, die Augen zu öffnen, doch es klappt nicht. Wie kann das sein? Schließlich blendet sie ein grel- les Licht. Oder sind sie schon offen? Sie weiß es nicht. Als sie ver- sucht, sich an der Nase zu kratzen, fällt ihr auf, dass sie ihren Arm nicht bewegen kann. Sie bekommt die Augen nicht auf, ihre Arme kann sie nicht heben, nicht einmal mit den Zehen wackeln kann sie.

Panik. Sie atmet schneller. Will schreien, aber ihr Schrei bleibt lautlos, als wäre sie unter Wasser. Sie versucht es erneut, doch es funktioniert nicht. Sie spürt etwas in ihrem Mund. Mit der Zunge fährt sie daran entlang, es hat Rillen. Ihre Schneidezähne haken sich in eine Rille ein, ihre Zunge sucht nach Platz, fällt nach hin- ten.

Hilfe. Ich kann nicht atmen. Ich ersticke.

Sie will sich bemerkbar machen, aber wie? Sie kann nicht schreien, sich nicht bewegen, nichts kann sie kontrollieren.

Plötzlich ist das grelle Licht gedämpft. Ein Schatten fällt auf sie, und sie spürt, dass etwas näher kommt, immer näher, und sich über sie beugt.

O Gott. Was passiert mit mir?

Es pikst in ihrem Arm. Eine Flüssigkeit strömt in sie hinein, dickflüssig und kalt. Sie will sich wehren, doch sie kann sich immer noch nicht bewegen. Ist sie gefesselt?

Nein, bitte nicht. Nein. Wieso hilft mir denn niemand?

Dann ist sie wieder in der Dunkelheit.

1

Die Düse des Milchaufschäumers zischte so laut, dass Esme erschrocken zusammenzuckte.

Ben, der an der riesigen italienischen Kaffeemaschine stand und zu ihr herüberblickte, lachte. »Du bist schreckhaft wie ein Kaninchen.«

»Bin ich nicht«, widersprach sie etwas verärgerter, als sie tat- sächlich war, und nahm das Tablett, auf dem er die Bestellung von Tisch 7 platziert hatte. »Aber das Teil faucht wie eine wüten- de Katze!« Sie blickte zu dem leeren Hundekörbchen hinter dem Tresen, wo sich Szoka oft zusammenrollte, wenn Esme sie mit zur Arbeit brachte. Sehr zum Gefallen von ihren Kollegen, die sich nur allzu gern von der hübschen Hündin ablenken ließen und großzügig Streicheleinheiten verteilten.

Ben grinste sie an. Doch Esme steuerte bereits, das Tablett ele- gant balancierend, auf Tisch 7 zu, direkt am Fenster mit Blick auf den Kanal.

Im Dockside Brew war an diesem Nachmittag nicht viel los. Das war nicht weiter verwunderlich, denn bei einem solchen Hamburger Schietwetter, typisch für März, mit geschlossener hellgrauer Wolkendecke und heftigen Schauern, waren die meis- ten Menschen bemüht, zu Hause zu bleiben. Dabei war es hier ausgesprochen gemütlich. Das Dockside Brew gehörte zu Har- bour Roast, einer traditionsreichen Kaffeerösterei, die in der Speicherstadt beheimatet war. Jeden Tag zog der schokoladige, satte Duft der gerösteten Kaffeebohnen durch die Luft, den Esme liebte, obwohl sie selbst keinen Kaffee trank.

Der Duft war neben ihrer Chefin Margot einer der Gründe, warum Esme so gern im Dockside Brew arbeitete. Obwohl sie mehr verdient hätte, wenn sie auf irgendwelchen Messen als Hos- tess rumgestanden oder sich einen Job in einem der schicken Restaurants in Eppendorf besorgt hätte, schien es ihr undenkbar, Margot und das Dockside Brew aufzugeben. Das Team war für Esme wie die Familie, die sie als Einzel- und Scheidungskind nicht hatte, außerdem liebte sie die wunderschönen Räume des Cafés, die Rösthalle im Industrial Style sowie den geschmackvoll eingerichteten Gastraum. Die Wände dort waren in einem dunk- len Grün gestrichen, der honigfarbene Holzfußboden knarrte bei jedem Schritt. Das ganze Interieur ließ Esme an einen bri- tischen Herrenclub denken, dekoriert mit unzähligen Details, die an die Geschichte des Gebäudes und die einstige Bedeutung der Speicherstadt erinnerten: alte Teekisten und Balkenwaagen, um- funktionierte Lagerhauslaternen, antike Kaffeemühlen und einige Vintage-Werbeschilder.

Esme selbst wohnte in Eimsbüttel, wo sie sich gerade so eine winzige Zweizimmerwohnung leisten konnte, an die sie nur durch unverschämtes Glück und Vitamin B gekommen war. Von dort in die Speicherstadt zu gelangen, war jedes Mal ein Unter- fangen. Mit den Öffis brauchte sie für die Strecke fast genauso lange wie mit dem Rad, aber der Nahverkehr war durch die vielen Baustellen an den Gleisen nicht immer zuverlässig. Also fuhr Esme Rad, sooft es ging – auch wenn es regnete. Das war nicht nur für Esme unangenehm, sondern auch für Szoka, die es hasste, von ihrem Frauchen im Fahrradanhänger durch die nasse City kutschiert zu werden.

Es war jedoch eine große Erleichterung, dass Esme den Hund ab und an mit ins Dockside Brew nehmen durfte, vor allem an den Tagen, an denen sie von morgens bis in den Nachmittag in der Uni war und anschließend vor ihrer Schicht nur eine halbe Stunde Zeit hatte, um Szoka abzuholen und mit ihr Gassi zu gehen.

Manchmal war sie neidisch auf ihre Kommilitoninnen, die sich um Geld keine Gedanken machen mussten. Deren Eltern ihnen einfach eine Eigentumswohnung gekauft hatten und denen es völlig egal war, dass das Deutschlandticket immer teurer wurde, weil Papa den BMW für sie leaste. Esme bekam von ihren Eltern nichts. Nicht nur, weil sie nicht reich waren, sondern auch, weil Esme nie um Unterstützung bat. Sie war es gewohnt, sich um sich selbst zu kümmern. Das war schon immer so gewesen. Ihr Vater war früher beruflich viel auf Reisen gewesen und ihre Mutter war nicht unbedingt der fürsorgliche Typ. Deswegen bekam Esme das meiste allein geregelt – manchmal mit einer Prise Glück, wie bei ihrer Wohnung. Ein klitzekleines Appartement in einem Fünfzigerjahre-Klotz, eingequetscht zwischen den für das Viertel typischen Bauten aus der Gründerzeit. Und wenn sie kein Glück hatte, dann klemmte sie sich eben dahinter, wie beim BAföG. Darauf war sie stolz.

In einem Jahr hätte sie ihren Biologie-Bachelor in der Tasche. Dann wäre sie 27 und zwei Semester länger eingeschrieben ge- wesen als die meisten anderen, aber die mussten auch keinen Nebenjob annehmen, um über die Runden zu kommen. Esme würde sich den Master aus zeitlichen und finanziellen Gründen schenken und direkt auf die Jobsuche begeben. Sie wollte endlich nicht mehr jeden Cent zweimal umdrehen müssen. Und viel- leicht sogar mal wieder in den Urlaub fahren.

Seit ihrer großen Weltreise direkt nach dem Abitur hatte sie dafür kein Geld gehabt. Damals war sie fast ein Jahr lang unter- wegs gewesen, Work & Travel, hatte auf Obstplantagen und bei Wildtierprojekten mitgearbeitet, sogar Englisch hatte sie für ein paar Wochen unterrichtet. Sowas würde sie gern noch einmal machen, wenn sie etwas Kohle auf die hohe Kante gelegt hatte, diesmal aber mit ihrer Hündin Szoka. Diese Reise nach dem Abi hatte ihr so viel gegeben. Nicht nur Erinnerungen fürs Leben, sondern auch Gelassenheit. Esme ließ sich nicht mehr so leicht aus der Ruhe bringen, brach zum Beispiel vor Klausuren nicht in Panik aus. Sie hatte gelernt, dass es Wichtigeres im Leben gab als gute Noten – bestanden war bestanden.

Die Arbeit im Dockside Brew war anstrengend, vor allem nach drei Seminaren, dennoch fiel sie Esme leicht. Denn der Umgang mit den Gästen lag ihr im Blut. Sie liebte den Small Talk und die kleinen Scherze zwischendurch, vor allem mit den Cafébesu- chern, die häufiger kamen und denen sie auch ein wenig von sich erzählt hatte. Das waren diejenigen, die zum Teil wussten, dass ihr Vater seit der Trennung von ihrer Mutter in Costa Rica lebte und sich dort ein neues Leben aufgebaut hatte, inklusive fünfzehn Jahre jüngerer Frau und drei Halbgeschwistern, denen Esme erst zweimal begegnet war. Obwohl sie kein enges Verhältnis zu ihrem Vater hatte, musste sie jedes Mal an ihn und seine neue Familie denken, wenn jemand Kaffeebohnen aus Costa Rica bestellte.

Sie räumte gerade die Spülmaschine aus, als Margot zu ihr kam, das offene Buch mit den Dienstplänen in der Hand. Egal, wie oft die Chefin das Ding verlegte, Margot schwor, dass es besser war als »diese viel zu komplizierten digitalen Dienstplan- programme«.

»Esme?«, fragte Margot, befeuchtete den Finger und blätterte zwei Seiten weiter. »Ich weiß, erst in ein paar Tagen geht die Uni wieder los, und du weißt noch nicht, wann du Seminare hast. Aber ich kann nicht länger warten mit den Schichtplänen, das fällt mir ansonsten auf die Füße. Notfalls kannst du ja mit den anderen tauschen, wenn sich ein Seminar dazwischenschiebt.«

Esme seufzte. Margot war, ganz anders als Esme, die sich in ihrem Leben eigentlich mehr Spontanität und weniger Kalender- einträge wünschte, ein Planungsjunkie. Damit war sie auch das Gegenteil von Esmes Mutter Hella, die seit der Scheidung von ihrem Mann als Hippie in einer Kommune im Alten Land lebte und sich vor allem für sich selbst und ihre gereinigten Chakren interessierte.

»Drei Nachmittage und den ganzen Samstag, wie immer?«

Esme nickte.

»Montag, Dienstag und Freitag?«, schlug Margot vor, und Esme blies die Backen auf. Gerade am Anfang der Woche fanden normalerweise besonders viele Seminare statt, denn die Profes- soren freuten sich ebenfalls über lange Wochenenden, genau wie die Studierenden. Die erste Wochenhälfte würde damit knallhart werden, die zweite dagegen umso ruhiger. Es war also alles nur eine Frage der Perspektive, und Esme stimmte zu.

Margot hob den Kopf und ließ den Blick auf ihre ganz eigene Chefinnenart durch das Dockside Brew wandern – sie checkte die Lage. Ob jemand etwas brauchte, ob die Teller schon leer und die Tassen noch voll waren. Esme tat es ihr nach und bemerkte, dass Tisch 9 zahlen wollte und Tisch 11 neu besetzt war.

»Ich kümmere mich drum«, sagte sie, unterbrach das Ausräu- men der Spülmaschine, nahm das Tablett, das iPad und das Kar- tenlesegerät und eilte zu Tisch 9. Als die beiden Frauen bezahlt hatten und sich verabschiedeten, wandte sich Esme dem neuen Gast zu.

Er war Anfang dreißig, vielleicht auch jünger, Typ Anzugträ- ger, obwohl er heute »nur« eine Stoffhose, einen dünnen Woll- pullover und ein gestreiftes Hemd darunter trug. Da er aber bereits zum dritten Mal innerhalb weniger Tage hier war, wusste Esme, dass er sich vornehmlich in schmal geschnittene dunkel- blaue Anzüge und polierte Lederschuhe kleidete. Letztere glänz- ten auch heute wie seine nach hinten gegelten Haare. Seine Frisur saß immer, egal, wie sehr es regnete. Wie er das wohl anstellte?

Sein symmetrisches Gesicht mit der geraden Nase und dem eher schmalen Mund erhellte sich, als Esme in Richtung seines Tisches lief. »Ich hatte gehofft, dich heute zu sehen.«

2

Zugegeben: Sie fühlte sich geschmeichelt. Noch war sie unsicher, ob er einfach nur nett war oder ob das eben ein Anmachspruch war. Davon hatte sie jedenfalls schon schlechtere gehört. Aber eben auch bessere. Und selbst wenn, der Mann war nicht ihr Typ. Im Gegenteil. Typen, die sie schwach machten, trugen Hoodies und tief sitzende Jeans, hatten meistens ein Skateboard unter dem Arm und ein Käppi oder eine Mütze auf … und in den allermeis- ten Fällen waren sie so bindungsfähig wie ein Heliumatom. Also quasi gar nicht.

Beim letzten Mal hatte sie mit Ben gewettet, wie der Kerl wohl hieß. Ben hatte Leander vorgeschlagen, Esme Sebastian. Beim Bezahlvorgang hatte sie heimlich einen Blick auf seine Kredit- karte geworfen, und weder sie noch ihr Kollege hatten recht gehabt. Nur gemerkt hatte sie sich den Namen nicht. Caspar? Irgendsoetwas war es gewesen, das sie an Blankenese und Inter- natsschüler hatte denken lassen. Also genau das, was der Typ aus jeder Pore ausdünstete.

Sie ging nicht auf seinen Spruch ein, sondern lächelte ihn weg und zückte das iPad, um die Bestellung aufzunehmen. »Einen Flat White mit Kuhmilch, die Bohnen aus Tansania. Dazu ein Hafercookie und ein Glas Leitungswasser. Stimmt's?«

Er zog anerkennend die Augenbrauen hoch. »Nicht schlecht. Heute kommt aber noch etwas dazu.«

Esme legte den Kopf leicht schief und sah ihn abwartend an.

Er senkte den Blick, betrachtete seine Fingernägel, und wenn Esme sich nicht täuschte, erröteten seine Wangen leicht. »Eigent- lich hatte ich mir vorgenommen, dich nach deiner Telefonnum- mer zu fragen«, gab er leise zu und sah dann auf. »Vielleicht mit einem ganz außergewöhnlichen Spruch oder guten Argumenten. Aber jetzt, wo ich mich selbst reden höre, verlässt mich plötzlich der Mut. Vielleicht sollte ich die Klappe halten und einfach bei meiner Bestellung bleiben.«

Esme blinzelte. Sie war überrascht. Natürlich war ihr nicht ent- gangen, dass der Anzugträger sie seit seinem ersten Mal im Dockside Brew immer wieder musterte. Aber dass er beim Ver- such, ihre Nummer zu bekommen, verlegen wurde, das hätte sie nun wirklich nicht für möglich gehalten.

»Ich bring dir deinen Kaffee und den Cookie«, gab sie mit einem Augenzwinkern zurück, denn eines konnte sie sicher sagen: Sie war nicht interessiert, daher würde sie ihre Nummer auch nicht rausrücken. Und zwar nicht nur, weil sie mit Männern wie ihm nicht ausging, sondern weil sie generell keine Zeit für Typen in ihrem Leben hatte.

Er starrte Esme einen Moment lang an, und auf seiner Miene spiegelte sich etwas, das sie als Neugier identifizierte. Er schien von ihr fasziniert zu sein, obwohl sie ihn abblitzen ließ.

»Wenn ich nichts anderes bekommen kann, dann nehme ich gerne den Flat White. Mit normaler Milch.«

»Alles klar, Flat White mit Kuhmilch.« Sie blickte vom iPad auf und sah ihn herausfordernd an.

»Ach ja, und falls du noch einen Krümel meiner Selbstachtung findest, leg ihn doch bitte mit auf den Teller.«

Esme lachte laut auf. Okay, dieser Spruch war witzig gewesen. Und Humor war gefährlich für sie, denn nichts machte in Esmes Augen einen Menschen schöner, als wenn er lachen konnte, vor allem über sich selbst. Außerdem, so souverän war noch kein Mann, dem sie begegnet war, mit einem Korb umgegangen. Trau- rig, aber wahr.

Esme wandte sich kopfschüttelnd aber lächelnd um und ging zurück zum Tresen, wo sich Ben bereits an den Flat White machte.

Margot schob ihr den Teller mit dem einsamen Haferkeks dar- auf zu, ohne den Typ an Tisch 11 aus den Augen zu lassen. »Hör mal, Schätzchen«, sagte sie langsam, »ich will mich wirklich nicht in deine Angelegenheiten einmischen. Aber der Kerl …« Sie zögerte. »Ich kenne solche Männer.«

Esme legte den Kopf schief und lächelte. »Mach dir nicht so viele Gedanken.«

Die Chefin schnalzte mit der Zunge. »Es mag in deinen Ohren unglaubwürdig klingen, aber ich war mal jung, und die Männer standen Schlange bei mir. Ein Kind von Traurigkeit war ich nie, deswegen bin ich mir auch sicher, dass du dich von diesem Kali- ber fernhalten solltest.«

Esme nahm den Teller mit dem Keks, füllte das Glas mit Lei- tungswasser und stellte den Flat White auf das Tablett. »Was für ein Kaliber meinst du?«

Margot zuckte mit den Schultern. Immer noch musterte sie den Mann an Tisch 11, ihr Gesichtsausdruck wirkte dabei ernst. »Ich weiß es nicht. Irgendwas an ihm gefällt mir nicht. Er hat so etwas an sich …« Sie schwieg kurz. »Der Kerl lässt alle Alarm- glocken bei mir schrillen.«

»Keine Sorge, Margot, ich werde ihm nicht meine Telefonnum- mer geben und mich erst recht nicht mit ihm verabreden. Okay?«

Die Chefin nickte langsam. »Besser ist das.«

Esme hob das Tablett an und wandte sich lächelnd ab. »Und jetzt zurück an die Arbeit. Ich bin mir sicher, du hast Besseres zu tun, als mich vor Männern zu warnen, bei denen deine Alarm- glocken läuten.«

3

»Darf ich dich was fragen?«

Esme, die den Flat White neben dem Teller und dem Wasser- glas abstellte, klemmte sich das Tablett unter den Arm und stemmte die freie Hand in die Hüfte. »Klar. Aber ich muss dich vorwarnen, meine Telefonnummer darf ich dir nicht geben. Musste ich meiner Chefin versprechen.«

Der Mann, dessen Name Esme immer noch nicht einfallen wollte, blickte zum Tresen, wo Margot stand, ein Geschirrtuch in der Hand, und grimmig zu ihnen herüber blickte. »Oh. Was habe ich angestellt?«

»Noch nichts«, erklärte Esme grinsend.

Nun wurde er tatsächlich rot. Das stand ihm gut, es machte ihn … menschlicher. Weicher. Er tat so, als ob er sich den Hemd- kragen lockern müsste. »Puh.«

Esme nickte ihm zu. »Also, was wolltest du wissen?«

Er lächelte unsicher. »Wo ist dein Hund?«

Man konnte über diesen Typen sagen was man wollte – er war aufmerksam. Und ein bisschen creepy. Hatte er sie beobachtet?

»Szoka ist zu Hause«, erklärte Esme und wollte sich schon abwenden, aber der Mann stellte noch eine Frage.

»Szoka. Woher kommt der Name?«

»Aus Ungarn.«

»Er ist schön, aber nicht so schön wie Esme.«

Sie stutzte. Okay. Das war nun definitiv unheimlich. »Woher weißt du, wie ich heiße?«

Der Typ kratzte sich verlegen am Ohr. »Ich bin Geheimagent und beschatte dich seit einer Weile. Ich soll dafür sorgen, dass du dich unsterblich in mich verliebst und mir all deine Geheimnisse verrätst.« Er zuckte mit den Schultern, als wollte er sagen: sorry.

»Lass mich raten«, erwiderte Esme und beugte sich ein Stück nach vorn. »Dein Name ist Bond, James Bond. Und du magst dei- nen Eiskaffee am liebsten geschüttelt, nicht gerührt.«

»König, Jasper König«, erwiderte er, während sich sein Blick an ihrem festsaugte. »Und am liebsten mag ich meinen Eiskaffee in Begleitung.«

Esme hob eine Augenbraue. Jasper, genau. Das war ein so spie- ßiger Name, dass sie sich wunderte, wie sie ihn vergessen haben konnte.

Jasper seufzte bedauernd und hob entschuldigend die Hände. »Die Wahrheit ist, deine Chefin hat dich vorhin beim Namen genannt. War keine große Kunst, das mitzubekommen.«

»Ich bin beeindruckt.«

Jasper, dem der sarkastische Unterton nicht entgangen war, seufzte tief und trank einen Schluck von seinem Flat White.

Eigentlich hätte Esme sich abwenden und wieder der Arbeit widmen sollen. Doch irgendetwas, das sie nicht benennen konn- te, ließ sie innehalten. Sie zögerte einen Moment, lauschte in ihr Inneres. Da war eine Stimme, die sagte: Lass es, Esme. Margot hat recht, der Typ ist nichts für dich. Da war aber auch ein anderes Gefühl. Diese fürchterliche Neugier, die Esme nur allzu gut kann- te. Schließlich entschied sie sich, klemmte das Tablett unter die Achsel und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Dann erzähl mal. Was weißt du noch über mich?«, forderte sie Jasper mit einem Nicken des Kopfes auf.

»Hm, mal überlegen.« Er legte die Stirn in Falten. »Du stu- dierst, nehme ich an. Vielleicht etwas Soziales? Und du hast ein Herz für Tiere.«

»Ach ja?«

Er nickte ernst. »Deine Hündin ist auf einem Auge blind und hat einen Schnitt im Ohr. Ich meine, mal gelesen zu haben, dass in Osteuropa so die kastrierten Hunde gekennzeichnet werden. Also hast du sie vermutlich von einem Tierschutzverein. Das sagt mir zum einen, dass du dich engagierst, und zeigt mir zum ande- ren, dass dir innere Werte wichtiger sind als Äußerlichkeiten.«

»Ist das so«, murmelte Esme und war beeindruckter, als sie zugeben wollte.

»Außerdem«, fuhr Jasper fort, »reist du gern.« Er deutete auf ihr Handgelenk, um das mehrere Bänder geschlungen waren: ein peruanisches aus buntem Stoff. Ein südafrikanisches Band vom Stamm der Zulu, das aus roten, blauen, gelben und grünen Glas- perlen bestand, die in einem wunderschönen Dreiecksmuster geknüpft waren. Ein hawaiianisches Kukui-Nuss-Armband und, Esmes liebstes Stück, ein goldenes Kettchen mit Fatimas Auge daran, das den bösen Blick abwehren sollte. Ihre beste Freundin Seda hatte es ihr aus ihrem Heimatland, der Türkei, mitgebracht.

Esme betrachtete die Bänder um ihr Handgelenk, die sie an die schönste Zeit ihres Lebens erinnerten. Zwölf Monate, in denen sie auf Isomatten und Ausklappsofas geschlafen und auf Obst- farmen und Weingütern mit angepackt hatte. Sie hatte umständ- liche und langwierige Reiserouten in Kauf genommen und dabei unglaubliche Abenteuer erlebt, von denen sie bis heute zehrte. Auch heute noch überkam sie das Reisefieber ab und an, und Esme verspürte immer wieder den irrationalen Wunsch, alles hinzuwerfen, um in die Welt zu ziehen.

Aber sie war 26. Und irgendwann musste man nun mal realis- tisch und erwachsen werden. Außerdem war Esme im Studium schon so weit gekommen, bis zum Abschluss dauerte es wirklich nicht mehr lange. Wenn sie erst mal Geld verdiente, also richtiges Geld, nicht nur so viel, dass es zum Überleben reichte, wäre viel- leicht ein eigenes Auto oder sogar ein kleiner Camper drin. Mit dem würde sie einmal quer durch Europa fahren – auch nach Portofino in Italien. Denn obwohl sie schon alle möglichen Fle- cken dieses Planeten gesehen und wirklich weit entfernte Orte besucht hatte, war Portofino bislang ein Traum geblieben.

Esme blickte sich im Laden um. In einer halben Stunde würden sie schließen, es waren kaum noch Leute da. Auch Margot stand nicht mehr hinter dem Tresen und schaute skeptisch in ihre Rich- tung. Vermutlich war sie hinten in der Rösterei, um die Bestände zu prüfen.

»Du bist gut«, sagte sie mit Anerkennung und einer Prise Iro- nie in der Stimme. »So langsam glaube ich dir die Geheimagen- tennummer.«

»Das nehme ich mal als Kompliment. Wenn ich doch sonst so einen schweren Stand hier habe.« Sein Blick wanderte zum Tre- sen, aber Margot war nicht wieder aufgetaucht. »Bringst du am Mittwoch Szoka mit?«

Sie zog die Augenbrauen zusammen. »Warum denn am Mitt- woch?«

»Da komme ich wieder. Und ich würde sehr gern deinen Hund wiedersehen.«

Esme lachte. »Du willst Szoka daten? Weil du meine Nummer nicht bekommen kannst?«

»Glaubst du denn, ich hätte eine Chance bei ihr? Wenn ich ihr einen Hundekuchen mitbringe bestimmt, oder?«

Sie lachte noch lauter. »Nur mit Kerze drauf.«

Er streckte ihr die Hand hin. »Deal.«

Esmes legte den Kopf schief, betrachtete die ausgestreckte Hand. »Mal im Ernst, was willst du wirklich?«

Jasper blickte Esme lange an, sein Gesicht wurde ernst. »Dich kennenlernen.«

Esme zog wieder eine Augenbraue hoch. »Warum? Weil ich ja so anders als die anderen Frauen bin?«, sagte sie ironisch, atmete tief ein und legte dabei dramatisch ihre Hand auf ihre Brust.

Jasper versuchte, sich ein Lächeln zu verkneifen. »Du musst mich wirklich für einen oberflächlichen Idioten halten«, erwider- te er ruhig. »Na gut.« Jasper schlug sich auf die Oberschenkel und stand auf. Er war groß, fast eins neunzig. Sie musste den Kopf in den Nacken legen, um zu ihm aufzublicken.

»Ergreifst du die Flucht?«, fragte sie spöttisch.

»Gleich. Vorher gehe ich wohin und versuche dann nochmal mein Glück bei dir.« Er drehte sich weg und lief in Richtung der Toiletten. Kurz blieb er stehen, wandte sich noch einmal zu Esme um und streckte den Finger nach ihr aus. »Genau so bleiben.«

4

Esme sah ihm hinterher. Dann riss sie sich los und fing an, die Nebentische abzuräumen.

Als sie das Tablett auf den Tresen stellte, wartete Margot dahin- ter. Sie sah Esme eindringlich an, sagte aber nichts. Doch ihr Blick sprach Bände.

Esme seufzte. »Hör auf, dir den Kopf zu zerbrechen. Ich bin nicht an ihm interessiert.«

»Hmhm«, machte Margot, und die zwei Silben reichten aus, um zu verraten, dass sie ihr nicht glaubte.

»Komm, du kannst Feierabend machen«, schlug Esme vor. Der Laden war mittlerweile leer, und in ein paar Minuten würden sie sowieso schließen. Erfahrungsgemäß kamen jetzt nur noch Leute, die eine Packung Kaffee kaufen wollten.

»Ich soll dich mit diesem Kerl allein lassen?«

»Margot!«, rief Esme lachend und blickte sich zu den Toiletten um. »Der ist doch der totale Spießer. Der kann keiner Fliege was zuleide tun. Außerdem ist Ben noch da, oder?«

Margot nickte. »Bist du wirklich sicher?« Sie warf einen Blick auf die Uhr. »Ich soll meine Enkelin zum Schwimmen bringen, und wenn der Verkehr so ist wie letzte Woche, kommen wir wie- der zu spät.«

Esme machte eine wedelnde Handbewegung. »Ksch, ksch, weg mit dir!«

Margot nickte, ging zur Garderobe, um ihre Jacke und die Tasche zu holen, und zog sich an. »Danke, Schätzchen. Wir sehen uns am Mittwoch.« Dann schüttelte sie kurz den Kopf. »Ich sollte dir eigentlich verbieten, an deinem Geburtstag zu arbeiten.«

Esme zuckte mit den Schultern. »Ich mach mir nicht viel aus Geburtstagen, das weißt du. Und wenn du mir ein Geschenk machen willst, dann erhöhe doch meinen Stundensatz.«

Margot hob sich neckisch die Hand ans Ohr. »Ich hab dich nicht verstanden. Der Akku von meinem Hörgerät ist alle.« Dann verabschiedete sie sich und verließ das Dockside Brew.

Als Esme sich wieder umdrehte, stützte Jasper sich auf den Tre- sen auf und blickte sie herausfordernd an.

»Und jetzt?«

»Jetzt räume ich den Laden auf, und du gehst nach Hause in deine schicke Penthouse-Wohnung.«

»Gegenvorschlag: Wir räumen zusammen auf, und du beglei- test mich zum Abendessen.« Dann stutzte er. »Warum glaubst du, dass ich in einer Penthouse-Wohnung lebe?«

»Tust du nicht?«

Er schwieg und zuckte ertappt mit der Schulter, sie legte den Kopf schief.

»Ich gehe nicht mit dir essen. Und meine Nummer bekommst du auch nicht«, sagte sie.

Jasper stöhnte laut, legte den Kopf in den Nacken und sagte zur Decke: »Warum ist diese Frau bloß so stur?«

»Vielleicht ist sie nicht stur, sondern einfach nicht an dir in- teressiert«, schlug Esme grinsend vor, die langsam Gefallen daran fand, ihn aufzuziehen. »Auf den Gedanken kommst du nicht?«

Er griff sich ans Herz und verzog das Gesicht. »O Gott, der Schmerz ist so groß.« Dann nahm er Haltung an, drückte die Schultern durch und sagte: »Also gut. Ich gebe auf. Zumindest für heute. Aber am Mittwoch komme ich wieder, und dann werde ich dich von mir überzeugen.« Er zog eine Grimasse. »Wenn du überhaupt da bist.«

Esme entschied sich, ihm zumindest ein kleines Stück ent- gegenzukommen. »Am Mittwoch bin ich da.«

Jasper machte eine Faust. »Yes! Gehst du dann am Mittwoch nach Feierabend mit mir essen?«

Sie schüttelte lachend den Kopf. »Nein.«

»Warum nicht?«

»Weil ich am Mittwoch Geburtstag habe.«

Jasper riss die Augen auf. Erst jetzt fiel ihr auf, wie grün sie waren. Seine Wimpern waren lang und geschwungen. Wieso hat- te sie nicht bemerkt, wie schön diese Augen waren?

»Wirklich?«, fragte er.

Sie nickte. »Erstaunlich, dass du das als der Super-Agent, der du anscheinend bist, nicht schon wusstest.«

Er hob die Hände. »Mein Fehler.« Dann beugte er sich zu ihr vor. »Darf ich dich an deinem Geburtstag ausführen?«

»Auf keinen Fall.«

Jasper blies die Backen auf. »Du bist wirklich ein harter Bro- cken, weißt du das eigentlich?«

»Ich feiere meinen Geburtstag nicht. Also generell nicht.«

Nun wirkte Jasper ernsthaft entsetzt. »Das. Kannst. Du. Nicht. Ernst. Meinen.«

Sie machte eine unbestimmte Geste. »Doch. Mache ich seit Jahren so. Und du siehst, ich lebe noch.«

Er schloss die Augen, schnaufte, schüttelte ungläubig den Kopf. »Ich habe wirklich keine Chance. Oder?«

Sie zögerte. Nicht, weil sie ihn zappeln lassen wollte. Sondern weil sie sich bis vor ein paar Minuten noch so sicher gewesen war, dass sie diesen Lackaffen nicht außerhalb des Dockside Brew tref- fen wollte. Aus guten Gründen. Jasper fand sie vermutlich span- nend und aufregend, weil sie so anders war als er. Aber sie kamen aus völlig unterschiedlichen Welten. Nichts verband sie. Und Margots Warnung hatte sie auch noch im Ohr.

Allerdings war Esme eine Person, die sofort an einer Sache interessiert war, wenn alle sagten, dass sie es lieber bleiben lassen sollte. Als sie sich damals für einen Hund aus dem Ausland inte- ressiert und Szoka auf der Seite des Tierschutzvereins gesehen hatte, da hatte ihr jeder davon abgeraten, einen Hund aus der Ukraine zu adoptieren. Traumatisiert, ängstlich, wahrscheinlich nicht sozialisiert und erst recht nicht für die Stadt gemacht. Und überhaupt, Esme hatte doch kaum Zeit und wenig Geld – wie wollte sie sich um ein Tier kümmern? Sie hatte sich durchgesetzt und es keine Minute bereut. Und all diejenigen, die sie damals gewarnt hatten, waren heute in Szoka vernarrt. Szoka war Esmes Seelenhund. Und sie hatte gewusst, was gut für sie war. Vielleicht wusste sie es dieses Mal auch. Was hatte sie schon zu verlieren? Zumindest war es mit diesem Jasper unterhaltsam, es ließ sie sogar ihren aktuellen Uni-Stress vergessen. Das tat gut.

»Also gut«, sagte sie in beiläufigem Ton, während sie auf dem iPad herumwischte. »Ich treffe mich am Mittwoch mit dir.«

Jasper blickte sie ausdruckslos an. Es war ihm anzusehen, dass er ihr nicht glauben wollte. »Verarschst du mich?«

Sie schüttelte den Kopf. »Eigentlich nicht. Oder willst du jetzt nicht mehr?«

»Doch, doch, ich will!«, rief Jasper begeistert. »Und wie ich will! Das wird das beste Geburtstagsdate deines Lebens. Ich schwöre es.«

»Ich hatte noch nie ein Date an meinem Geburtstag«, gab sie trocken zu bedenken.

»Na dann stehen die Chancen gut, dass ich mein Versprechen halten kann«, sagte Jasper mit einem Augenzwinkern, während er rückwärts zurück zu seinem Tisch tänzelte und seine Jacke vom Stuhl nahm. Dann kam er wieder zur Kasse, legte einen Zwanzigeuroschein auf den Tresen und ging weiter durch den Laden bis zum Ausgang. Er öffnete die Tür, blieb noch einmal stehen und drehte sich zu Esme um. »Wann und wo? Hole ich dich hier ab?«

Esme stand an den Tresen gelehnt, und fragte sich, ob sie einen Fehler machte. Wollte sie den Kerl wirklich näher kennenlernen, oder reizte sie ein Treffen mit ihm nur deshalb, weil es so offen- sichtlich eine dumme Idee war?

»Wir treffen uns um sieben. Am Michel.«

»Okay. Bis Mittwoch dann.«

Jasper lächelte sie noch einmal breit an und verließ das Dock- side Brew, nur um die Tür direkt wieder aufzureißen. »Bekomme ich jetzt deine Nummer?«

»Nein!«, rief Esme laut und warf ein Geschirrhandtuch nach ihm.

Jasper zog den Kopf ein, murmelte »Ja, ja, schon gut«, zwinker- te ihr zu und verschwand.

5

Nach einer halben Stunde in den überfüllten Öffis, verfluchte sie sich ein weiteres Mal für die Idee, sich mit diesem Typen verabre- det zu haben. Außerdem war sie zwanzig Minuten zu spät, und dieser Jasper vermutlich eh nicht mehr da. Wahrscheinlich war sie umsonst durch die halbe Stadt gehetzt.

Warum hatten sie letzten Freitag im Dockside Brew keine Nummern getauscht? Weil es ein Spaß gewesen war, ihm ihre Nummer konsequent zu verweigern. Erstmal sehen, was er woll- te, hatte sie sich gedacht, und warum er sich überhaupt für sie interessierte. Schöner Mist. Wenn sie seine Nummer gehabt hät- te, hätte sie ihm abgesagt. Keinen Bock auf ein Date, außerdem keine Zeit … Ihn einfach zu versetzen, war jedoch auch keine Option gewesen. Garantiert würde er wieder im Dockside Brew auftauchen, und dann? Ne, das wäre letztlich noch unangeneh- mer, als ohnehin schon. Einfach durchziehen, sagte Esme zu sich selbst. Wer weiß, vielleicht ist es ja auch ganz in Ordnung. Außer- dem ist es ja nur für ein paar Stunden.

Sie überquerte die Ludwig-Erhardt-Straße, wich einem Taxi aus, das sich nicht darum scherte, ob die Fußgängerampel grün war, und bog im Eiltempo in den kleinen gepflasterten Weg zur Kirche ein. Der Turm der St. Michaeliskirche ragte vor ihr in die Höhe.

Esme blieb stehen, rang nach Luft und blickte sich um. Auf dem Vorplatz der Kirche parkte ein schneeweißer Tesla im Halte- verbot. Das Modell war ihr vertraut, es war so ein bulliges, dick- es Ding. Davor stand ein Mann, die Hände in die Taschen sei- nes kamelhaarfarbenen Mantels gesteckt, und betrachtete seine Schuhspitzen.

Bitte nicht!, dachte Esme. Das ist hoffentlich nicht Jasper. Ich will ihn nicht treffen, wenn er so eine Angeberkarre fährt. Aus- gerechnet ein Tesla! Hatte der Typ keinen moralischen Kompass? Oder war es ihm schlichtweg egal, wen er mit seinem Konsum unterstützte?

Der Mann im braunen Mantel sah auf und hob die Hand, und Esme wäre am liebsten einfach umgedreht. Sie kleisterte sich stattdessen ein Lächeln ins Gesicht und lief auf Jasper zu, der ihr entgegenkam.

»Ich dachte, du hättest mich vergessen«, sagte er zur Begrü- ßung, breitete die Arme aus und zog sie überraschend an sich. Da sie beinahe dreißig Zentimeter kleiner war als er, musste er sich nach unten beugen. »Herzlichen Glückwunsch zum Geburts- tag!«, murmelte er in ihr Haar. »Ich wünsche dir Glück und Gesundheit, Freude und Erfolg. Und ein tolles Date. Ich hab gehört, du bist heute Abend verabredet.«

Esme, verblüfft von der vertrauten Geste, atmete seinen Duft ein und bemerkte gleichzeitig, dass ihr ein angenehmer Schauer über den Rücken lief. Jasper roch gut, Tesla hin oder her. Nach sauberer Wäsche, etwas Holzigem und einer Note, die sie nicht kannte.

»Entschuldigung«, nuschelte sie und machte sich von ihm los. »Ich bin nicht früher losgekommen.«

Jasper lächelte sie an. »Kein Problem. Solange du nicht immer zu spät kommst, wenn ich dich ausführen will.«

Esme grinste verkniffen, sagte aber nichts. Zwanzig Minuten waren für sie im Grunde keine Verspätung, sondern ihre sehr eigene Vorstellung von Pünktlichkeit. Besser konnte sie es nicht. Das war wie ein physikalisches Gesetz, wie die Erdanziehung, sie war machtlos dagegen. Es gab Freunde wie Seda, die ihr grund- sätzlich die falsche Uhrzeit sagten, damit sie sich nicht die Beine in den Bauch standen. Oder sie weigerten sich, Esme an anderen Orten als zu Hause zu treffen – weil in den eigenen vier Wänden auf sie warten bedeutete, dass man es gemütlich hatte und wenigs- tens noch die Spülmaschine ausräumen konnte. Aber das würde Esme diesem Jasper garantiert nicht auf die Nase binden. War doch auch egal, wie pünktlich sie normalerweise war. Das Date würde nur ein lockeres und vor allem einmaliges Treffen sein.

»Toll siehst du aus«, sagte er und musterte sie von oben bis unten.

Es war absurd, Esme hatte sich nichts Besonderes angezogen. Ihre Schuhe waren sogar noch mit Dreck aus dem Stadtpark vom Gassi gehen verschmutzt.

»Wollen wir?« Jasper wandte sich zur Seite und führte Esme zu seinem Auto, die Hand legte er auf ihren Rücken. Er öffnete die Wagentür und bot ihr eine Hand beim Einsteigen, die sie jedoch bewusst ignorierte.

Der Beifahrersitz war vorgewärmt. Natürlich.

Jasper ging um das Auto herum und nahm hinterm Steuer Platz. Dann lehnte er sich in den Fußraum hinter ihrem Sitz, streckte sich und zog etwas hervor. Eine Rose. Langstielig und in knisterndes Plastik verpackt. Es war so daneben, dass Esme für einen Moment die Worte fehlten. Das war einfach kein bisschen ihr Stil.

»Das wäre nicht nötig gewesen«, sagte sie lahm und meinte es genau so. Diese Rose war drüber. Von dieser Form von Romantik hielt sie gar nichts.

Jasper sah Esme forschend an. »Zu viel?«

Sie legte den Kopf schief, verkniff den Mund und schloss die Augen zustimmend.

»Fuck. Ich hätte nicht ChatGPT nach Date-Tipps fragen sollen.« Jasper ließ das Fenster runter und schmiss die Rose nach draußen.

Esme wollte protestieren. Die Blume war schließlich in Plastik eingepackt. Gerade, als sie den Mund aufmachte, riss Jasper jedoch die Tür auf, lehnte sich aus dem Wagen, um die Rose auf- zuheben, und blickte sich auf dem Kirchplatz um. Eine Omi wackelte einige Meter entfernt von ihm mit einem Rollator vor- bei. Jasper stieg aus, sprintete der alten Frau entgegen und drück- te ihr die Blume in die Hand. Die Oma riss die Augen auf, legte die Hand auf ihren Brustkorb, als wollte sie sagen: »Für mich?«, und blickte Jasper erstaunt hinterher, der bereits zum Wagen zurückeilte. Esme kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. So kitschig die Rose war, so süß und souverän war die Art, wie Jasper mit der Situation umging.

Er ließ sich in den Sitz fallen, atmete tief durch und schnallte sich an. Esme bemerkte, dass seine Haare ein wenig zerzaust waren. So gefiel er ihr besser – nicht so geleckt. Sie schmunzelte.

»War was?«, wollte Jasper wissen und warf ihr einen Seitenblick zu. »Oder kann ich dich jetzt endlich zum Essen ausführen?«

Esme spielte mit und schüttelte den Kopf. »Was soll denn gewe- sen sein?«

Er nickte zufrieden, startete den Wagen und fuhr los. Sie hatte keine Ahnung, wo es hingehen sollte, und irgendwie fand sie Gefallen daran. Dass nicht sie um den Typen warb. Sondern dass der Mann sich richtig ins Zeug legte, um ihr zu gefallen.

An der nächsten Ampel drehte Jasper sich zu ihr. »Was sind deine Lieblingsblumen? Ich frage für einen Freund.«

Esme musste lachen. »Tulpen.«

»Hey, Siri«, sagte Jasper zu seinem iPhone, das zwischen ihnen in der Ladeschale lag, »mach eine Memo für mich: Esme mag Tulpen.«

»Alles klar«, sagte die blecherne Stimme aus den Lautspre- chern. »Kann ich sonst noch etwas für dich tun, Jasper?«

Jasper nickte unmerklich. »Navigiere mich zum Khalf al-Maraya in Altona.«

Auf dem Display erschien eine Adresse, Jasper tippte sie an und fuhr in dem Moment los, in dem die Ampel auf Grün schaltete.

»Orientalisch?«, kommentierte Esme den arabisch klingenden Namen des Restaurants, das Jasper offenbar für sie ausgesucht hatte.

Er nickte. »Gehört einem Bekannten von mir.«

Sie lehnte sich im Sitz zurück, halb amüsiert, halb ratlos, was sie hier eigentlich machte. Esme hatte keine Bekannten, denen Restaurants gehörten, sah man von Margot mal ab, die ja aber ihre Chefin war. Sie fragte sich, ob sie überhaupt irgendwelche Gemeinsamkeiten finden würden. Selbst wenn das hier eine ein- malige Sache bleiben würde, gegen eine gute Unterhalten war ja nichts einzuwenden.

»Jasper blickte sie an. Ja, ja, ich bin ein kleiner Angeber, ich weiß. Bin ich aber gern. Solange du eine Schwäche für Angeber hast.«

6

Die Fahrt ins Restaurant dauerte keine zehn Minuten, und als sie ankamen, musste Esme zugeben, dass Jasper sie wirklich über- raschte. Am Eingang zogen sie ihre Schuhe aus. Sie nahmen auf Kissen auf dem Boden Platz, nicht auf Stühlen, und Besteck gab es auch keines, es wurde mit Fingern gegessen. Außerdem fand sie keinen Alkohol auf der Karte – ein Umstand, den Esme begrüßte. Seit ihrer Kindheit litt sie unter Migräne, und Alkohol war so etwas wie ein Brandbeschleuniger der teilweise heftig ver- laufenden Anfälle. Daher trank sie ausgesprochen selten, wofür sie sich aber regelmäßig vor anderen erklären musste, was sie extrem nervte.

Das Faszinierendste aber war, dass Jasper mit dem Chef des Ladens wirklich bekannt zu sein schien. Die beiden Männer hat- ten sich bei der Begrüßung herzlich umarmt und kurz miteinan- der geplaudert. Dann bestellte Jasper für Esme und sich, ohne sie zu fragen, was sie wollte. Eigentlich fand sie das unmöglich, denn das war Chauvinismus pur. Auf sowas hatte sie gar keinen Bock. Aber da Jasper anscheinend des Öfteren hier war, so vertraut wie er mit dem Besitzer des Restaurants wirkte, überging sie ihr Gefühl. Stattdessen beobachtete sie ihn aufmerksam. Irgendet- was hatte dieser Mann an sich. Als sich Jasper ihr wieder zuwand- te, riss sich Esme schnell wieder aus ihren Gedanken.

»Bist du eigentlich ein richtiger Hamburger?«, stellte sie die erstbeste Frage, die ihr einfiel.

»Ist man das nicht erst, wenn die Familie seit fünfzehn Genera- tionen hier wohnt?« Er grinste. »Ich bin in Bremen geboren, lebe aber seit meinem dritten Lebensjahr hier. Und du?«

»Hamburg. Schon immer.«

»Ah, eine echte Hamburger Deern.« Jasper öffnete die Knöpfe an den Hemdsärmeln und rollte sie hoch.

Esme ertappte sich dabei, wie sie seine muskulösen Unterarme musterte. Geier nicht so!, schimpfte sie sich selbst und riss sich vom Anblick los.

Jaspers Bekannter kam mit einem alkoholfreien Aperitif zurück, irgendwas mit Granatapfel und Rosenwasser, und stellte die ersten Schälchen vor Jasper und Esme auf den Tisch. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen, als er den Inhalt der Schälchen benannte: Baba Ghanoush, Tabbouleh, Hummus, Muhammara und Labneh, aber auch einige Mezze, die sie noch nicht kannte. Und fast alles vegan, wie sie positiv überrascht bemerkte. Dabei hatte Jasper sie gar nicht gefragt, ob sie Fleisch aß. Er war einfach davon ausgegangen. Das gefiel ihr, ob sie nun wollte oder nicht.

Jasper reichte ihr den Korb mit dem warmen Fladenbrot und begann, ihr Fragen zur Weltreise zu stellen, auf der sie die meis- ten der Armbänder bekommen hatte, genau wie er es neulich richtig erraten hatte. Jasper war aufmerksam und wirkte interes- siert, bohrte nach, wenn Esme an der Oberfläche blieb, und als das nächste Tablett mit warmen Hauptspeisen kam, hatte sie nur von sich gesprochen. Als sie das bemerkte, war sie unangenehm berührt.

»Jetzt musst du mal was erzählen«, forderte sie ihn auf.

»Ach«, winkte er ab, »über mich gibt es nicht mal halb so viel Interessantes zu berichten wie über dich.«

Esme lehnte sich zurück, sah ihn an. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Einerseits war sie ein wenig beeindruckt, weil Jasper sie in vielem so richtig eingeschätzt hatte. Aber auch sein offenes Interesse an ihr, seine Lässigkeit und das verschmitzte Grinsen machten in sympathischer, als sie es für möglich gehalten hätte. Andererseits konnte sie sich nur immer wieder fragen: Was woll- te er von ihr? Nicht, dass sie sich für minderwertig halten würde, aber sie waren so verschieden. Er hatte BWL studiert, arbeitete in einer Unternehmensberatung und schien immer gewusst zu haben, was er wollte. Und nun wollte er offenbar sie. Das war im selben Maße ein Kompliment, wie es sie misstrauisch machte.

Jasper schien zu bemerken, dass Esme stiller wurde.

»Alles okay?«, wollte er von ihr wissen, als der Kellner den Pfefferminztee vor ihnen abgestellt und Jasper unauffällig die Schatulle überreicht hatte, in der die Rechnung lag. Es war be- merkenswert, mit welcher Selbstverständlichkeit Jasper seine Kreditkarte in das Kästchen legte, ohne auch nur einen Blick auf die Zahl zu werfen. Davon konnte Esme nur träumen. Sie hätte sich so ein Restaurant wie das Khalf al-Maraya niemals leisten können. Und obwohl sie keinen Wert auf Luxus legte: Sie mochte es, sich keine Gedanken ums Geld machen zu müssen.

Esme schaute ihn an. Suchte nach Worten, die erklärten, was in ihr vorging, und zuckte am Ende doch nur mit den Schultern. »Du bist …«, sie zögerte, dachte an Margots Warnung, »so anders als ich.«

Jasper, der seine Teetasse an den Mund gehoben hatte, um zu trinken, hielt inne. »Irgendwas sagt mir, dass das kein Kompli- ment ist.«

»Ich verstehe einfach nicht, warum du dich ausgerechnet für mich interessierst? Ich meine, mein Leben ist kompliziert. Ich komme immer zu spät und bin andauernd knapp bei Kasse. Also, sorry, wenn ich so offen frage. Aber was willst du eigentlich von mir?«

Jasper guckte sie lange an. Dann stellte er die Teetasse auf dem goldverzierten Unterteller ab, lehnte sich nach vorn und ergriff ihre Hand. Seine Finger waren warm, ihr Griff fest.

»Du bist anders als die anderen Frauen, die ich kennenlerne. Und das meine ich so. Ich weiß noch nicht, was es ist, das mich an dir so fasziniert. Aber ich möchte es herausfinden.«

7

»Und du willst sicher kein Bier? Oder etwas anderes?«, rief Jasper ihr über den Lärm hinweg zu, wobei er sich nah an ihr Ohr beu- gen musste und sie wieder seinen Duft einatmen konnte.

Esme schüttelte den Kopf. Obwohl sie zugeben musste, dass sie sich in diesem Augenblick nach einem Schluck Alkohol sehnte. Eigentlich war sie für jeden Quatsch zu haben. Aber dass Jasper sie nach dem Restaurant auf den Hamburger Dom geführt hatte, das hatte sie dann doch sprachlos gemacht. Ausgerechnet beim ersten Date! Esme war, sah man von einigen wenigen Besuchen in ihrer Kindheit einmal ab, noch nicht oft auf dem Dom gewe- sen. Eine Art Jahrmarkt und das größte Volksfest Norddeutsch- lands, das dreimal im Jahr auf dem Heiligengeistfeld in St. Pauli stattfand und mit Fahrgeschäften und Imbissbuden Millionen Besucher anlockte.

Vor allem Touristen und Junggesellenabschiede. Was einer der Gründe war, warum Esme auf den Dom gerne verzichtete. Und nun hatte Jasper sie hierher geschleppt. Warum?!

»Du wirkst nicht so richtig begeistert«, sagte er mit prüfendem Blick auf Esme. »Sollen wir woanders hin?«

Sie wusste zu schätzen, dass ihm auffiel, wie unwohl sie sich fühlte. Der Wunsch nach Ehrlichkeit und ihr Bedürfnis, die Stim- mung nicht kippen zu lassen, kämpften in ihr.

»Der Dom?« Ihre Augenbrauen verselbstständigten sich und wanderten in Richtung Haaransatz. »Wie sind wir denn bitte hier gelandet?« Sie machte eine Geste in Richtung einer Männergrup- pe, die sich grölend in den Armen lagen und einen Hit vom Bal- lermann zum Besten gaben.

Jasper musterte sie eindringlich, und Esme ließ ihrerseits den Blick über ihn wandern. Seine Frisur saß nicht mehr ganz so streng wie bei den Malen, die sie ihn im Dockside Brew getroffen hatte, der oberste Knopf seines Hemdes war geöffnet, sodass sie einen Blick auf die glatte Haut darunter erhaschen konnte.

Er ergriff Esmes Hand. »Vertraust du mir?«

Sie lachte trocken auf. »Äh – nein?«

Er machte ein bedauerndes Gesicht. »Gleich wirst du aber ein bisschen Vertrauen brauchen.«

»Was?«

Jasper drehte sich um und lief los, Esme zog er an der Hand einfach mit sich. Während sie sich durch die eng stehenden Men- schen schlängelten, überlegte sie, was er wohl vorhatte. »Boah, jetzt bitte kein Teddy schießen«, war ihr erster Gedanke. Auf so einen Kitsch stand sie ganz und gar nicht.

Kurz darauf blieb Jasper so plötzlich stehen, dass Esme beinahe in ihn reinlief. Dann legte er den Kopf in den Nacken und sah nach oben.

»Ich hoffe, du hast keine Höhenangst.«

Esme folgte seinem Blick und betrachtete das Markenzeichen des Hamburger Doms. »Das Riesenrad? Dein Ernst?«

Jasper zuckte verlegen mit der Schulter. »Ich will dir einen Grund geben, dich verängstigt an mich zu klammern.«

Esme stand da, sah Jasper an – und brach in Lachen aus. Er wirkte so hilflos, so süß, dass sie gar nicht anders konnte, als sich über seinen Einfall zu freuen.

»Dann wollen wir mal«, sagte sie, stupste ihn an und folgte ihm dann zum Ticketschalter. Sie kauften zwei Karten, stellten sich in der Schlange an und setzen sich wenige Momente später in ihre Gondel. Jasper kontrollierte den Verriegelungsmechanismus der Tür gleich zweimal.

»Ich habe kostbares Gut bei mir«, erklärte er, als Esme ihn fragend ansah. »Da gehe ich kein Risiko ein.«

Esme schmunzelte, dann setzte sich das Riesenrad in Bewe- gung. Zwei, drei Runden drehten sie und genossen dabei die herrliche Aussicht auf das nächtliche Hamburg, den Michel, die Elbphilharmonie, die Tanzenden Türme, die Kräne des Hafens in einiger Entfernung.

Plötzlich blieb das Rad stehen – genau in dem Moment, als ihre Gondel den oberen Scheitelpunkt erreicht hatte.

»Na so ein Zufall«, sagte Esme zu Jasper. »So, wie ich dich bis- lang kennengelernt habe, hast du doch den Riesenradbetreiber geschmiert, oder?«

»Ich?«, fragte Jasper unschuldig, wurde jedoch rot dabei. »Nie- mals.« Dann grinste er. »Aber wenn es funktioniert, hat sich das Investment gelohnt.«

Sie lachte, Jasper ließ sie dabei nicht aus den Augen. Dann lehnte er sich zu ihr und küsste sie. Esme war so verblüfft und überrascht, dass sie ihn im ersten Moment zurückwich.

Sein Gesicht, auf dem sich die Enttäuschung spiegelte, schweb- te vor ihrem in der Luft.

»Entschuldige«, sagte er leise. »Ich hätte nicht einfach anneh- men dürfen, dass du dir das genauso wünschst wie ich. Tut mir leid.«

Esme blinzelte. Sie sah ihm in seine grün leuchtenden Augen. Dann sagte sie sich selbst: »Ach, scheiß drauf«, hob die Hände, legte sie an Jaspers Wangen und zog ihn zu sich. Ihre Lippen tra- fen sich, er schmeckte gut. Nach Minze und ein bisschen Bier. Seine Lippen waren weich, seine Zunge zärtlich und fordernd, alles an diesem Kuss fühlte sich gut an. Er streichelte ihre Wange und vertiefte den Kuss noch einmal. Esme verlor jegliches Gefühl für Zeit und Raum. Sie wusste nicht, ob sie seit dreißig Sekun- den oder dreißig Minuten in einer Gondel im Hamburger Nacht- himmel schwebte. Irgendwann löste sich Jasper vorsichtig von ihr und murmelte mit geschlossenen Augen: »Ich hoffe, das ist kein Traum. Und wenn es doch einer ist, will ich nie wieder auf- wachen.«

8

Seda zog an der Zigarette, inhalierte den Rauch und blickte Esme fest an. »Ihr habt rumgemacht? In einem Riesenrad?« Sie stand am offenen Küchenfenster ließ den Rauch langsam durch die halb geschlossenen Lippen entweichen. »Das ist die kitschigste Scheiße, die ich je gehört habe.«

Esme musste lachen, lehnte sich nach vorn und stibitzte ihrer Freundin die Zigarette. Sie nahm einen Zug, unterdrückte ein Husten und gab Seda die Zigarette zurück.

»Ich weiß selbst nicht, was ich davon halten soll. Eigentlich steh ich nicht auf Typen wie ihn.«

»Nein, du stehst auf Kerle, die schreiend davonrennen, wenn du dich ihnen näherst.«

»Oder die mich ghosten, sobald ich ihnen zurückschreibe«, ergänzte Esme.

Es war ein Running Gag zwischen ihnen, dass Esme bei Män- nern einfach kein Glück hatte. Immer dann, wenn sie jemanden gut fand, war er gerade in einer »Findungsphase« oder »nicht bereit für eine Beziehung«, aber es lag natürlich nie an ihr. Es war wie ein Treppenwitz der Geschichte: Sobald Esme wollte, wollte der Typ nicht mehr. Kein Wunder, dass Seda Jaspers Interesse merkwürdig vorkam. Das ging Esme ja nicht anders.

»Ich freu mich für dich, dass du endlich mal wieder wild geknutscht hast. Aber weiter musst du es mit dem Typen nicht kommen lassen«, beschloss die Freundin, drückte den Rest der Zigarette in einem alten Marmeladenglas aus und schob sich an Esme vorbei zurück in ihre Küche.

»Hab ich nicht vor«, sagte sie und folgte Seda.

Sedas Küche war ein winziger Raum mit kleiner Kochnische, wackligem Tisch und zwei Klappstühlen und so eng, dass man nicht aneinander vorbeigehen konnte, ohne sich zu berühren. Seda ließ sich auf einen der Stühle fallen und schenkte Rotwein nach. Sie hob die Flasche in Esmes Richtung, aber die winkte ab. Ein halbes Glas war mehr als genug, ansonsten würde sie morgen wieder Migräne haben. Es war ohnehin ein Wunder, dass sie nach dem gestrigen Abend keinen Anfall bekommen hatte. Die Lichter und die laute Musik hätten schon ordentlicher Trigger für ihre Migräne sein können. Umso wichtiger war es ihr, sich heute zurückzuhalten. Es war ihr unangenehm, wenn sie die Schichten im Dockside Brew wegen dieser beschissenen Krankheit absagen musste oder Seminare verpasste, weil sie wieder mal kotzend über der Kloschüssel hing.

Seda prostete ihr zu und trank mit großen Schlucken. Sie hatte einfach immer Durst. Und Hunger. Esme schmunzelte und nahm sich das letzte Börek. Es war mit Spinat und veganem Schafskäse gefüllt – extra für sie. Sedas Mutter verstand das Konzept des Veganismus nicht wirklich, für ihre »Lieblings-Nicht-Tochter« machte sie aber immer eine Ausnahme.

»Ey, das wollte ich haben«, schimpfte Seda.

»Du hattest mehr als die Hälfte. Außerdem hatte ich gestern Geburtstag, schon vergessen?«

Seda verdrehte die Augen. »Auch wieder wahr. Ach ja. Hier, altes Haus. Alles Gute nachträglich.« Sie nahm einen länglichen Gegenstand aus dem Regal, der in Zeitungspapier eingewickelt war. Eine Schleife gab es nicht, denn Seda war genauso wenig Geburtstagsmensch wie Esme. Es war überhaupt ein Wunder, dass sie etwas für sie hatte.

Esme machte sich daran, das Zeitungspapier zu entfernen, und brachte ein wunderschönes Mäppchen zum Vorschein. Es war von einem schönen Kastanienbraun mit schwarzem Reißver- schluss und hellem Innenfutter. »Wow. Das ist ja toll.«

»Apfelleder.« Seda nickte. »Die Farbe passt zu dir. Wenn ich richtig liege, ist es genau so ein Braun wie deine Augen.«

Esme umarmte Seda über den Tisch hinweg. Sie fragte sich, welche Farbe sie für ihre Freundin ausgewählt hätte. Bestimmt eher Sonnengelb, Karmesinrot oder Royalblau.

Seda war in so ziemlich allem das absolute Gegenteil von Esme. Von oben bis unten tätowiert und an einigen sichtbaren und unsichtbaren Stellen gepierct, trug sie die Haare am liebsten auf- fällig – entweder im Undercut, bis auf einen Millimeter abrasiert oder wie momentan, als rausgewachsenen Pixie. Ihre Klamotten waren eine bunte, wilde Mischung aus Vintageteilen und Fund- stücken vom Flohmarkt, und soweit Esme es sich vorstellen konnte, war Seda der einzige Mensch auf der Welt, der in einem schwarzen Body, darüber einem fransigen, durchsichtigen Kleid mit Blumenmuster und Unmengen an Schmuck nicht verkleidet, sondern sexy aussah. Mit den dunklen Haaren und den hellblau- en Augen standen Seda beinahe alle Farben, und mit der Leich- tigkeit, in der sie zwischen den Haarstilen wechselte, schwebte Seda auch von einer Liebelei zur nächsten. Sie war bisexuell, viel- leicht auch eher Pan, sie wollte sich da nicht so genau festlegen. Seda verliebte sich mal in ihre Nachbarin, dann in einen komplett fremden Dude, den sie vor dem Bahnhof Altona gesehen hatte, nur um am darauffolgenden Tag ihr Tinder-Date bei sich ein- ziehen zu lassen, obwohl sie eigentlich eher etwas Lockeres ge- sucht hatte. Für Seda war das alles völlig normal, und Esme hatte sich mittlerweile daran gewöhnt, dass bei ihrer Freundin alles möglich war.

Die beiden kannten sich seit der ersten Klasse, als der Zufall die beiden nebeneinander gesetzt hatte. In der riesigen türkischen Familie der Freundin war Esme von Anfang an wie eine Tochter behandelt worden. Nicht nur einmal hatte Esme sich gedacht, dass es wohl eine ausgleichende Gerechtigkeit war, dass sie als Einzel- und Scheidungskind eine beste Freundin mit lauter, chao- tischer und liebevoller Großfamilie bekommen hatte.

»Die Sache mit der Rose fand ich irgendwie süß«, kam Esme zum gestrigen Abend und ihrem Datebericht zurück.

»Klar, wenn man auf schmierige Gesten steht, ist das der Haupt- gewinn«, sagte Seda und machte dann ein entschuldigendes Ge- sicht. »Sorry. Hab mal wieder erst geredet und dann gedacht.«

Esme winkte ab. »Schon okay. Ich kenn dich ja.«

»So, und jetzt mal Butter bei die Fische. Du bist nach diesem supertollen Rumgeknutsche wirklich allein nach Hause gefah- ren?« Seda beugte sich vor, nahm den Zeigefinger und zog ihr linkes Augenlid ein wenig nach unten. »Erzähl doch kein Scheiß.«

Esme lachte. »Nein, es stimmt. Wir haben uns nur geküsst.«

»Und warum? Du bist doch normalerweise keine Kostveräch- terin.«

Esme schlug ihr auf den Arm. »Ey, schließ nicht von dir auf andere!« Dann wurde sie ernster. »Keine Ahnung. Er wollte nicht, glaub ich.«

Seda trank noch einen Schluck vom Rotwein. »Oha. Hört sich wirklich nach einem Traumprinzen an.« Sie kicherte in ihr Glas.

Esme seufzte und strich sich übers Gesicht. »Ich befürchte, es ist schlimmer. Er meint es irgendwie ernst. Der sucht nicht nur ein Abenteuer, glaub ich.«

»Was Ernstes?« Seda verzog das Gesicht, als hätte sie in einen faulen Apfel gebissen. »Igitt.«

Esme lachte wieder. »Ja, wer will den sowas, stimmt's?«

Die Freundin blies die Backen auf. »Der findet dich spannend, weil du nicht so spießig bist wie er selbst. Würde mich auf jeden Fall nicht wundern.«

Genau das hatte Esme auch vermutet. »Ich sehe zu, dass ich ihn schnell wieder loswerde«, sagte sie, wobei sie sich fragte, wen sie damit beruhigen wollte.

Seda beugte sich vor. »Das ist, was ich hören wollte.«

Esme musste lächeln. Ihre Bilanz bei Männern war in letzter Zeit eher durchwachsen gewesen. Umso mehr war sie auf der Hut, was Jasper anging. Andererseits war es schön, dieses Tal zumindest für einen Abend mal verlassen zu haben.

»Hat er sich denn schon bei dir gemeldet?«, hakte Seda nach.