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Erzählt wirde die Geschichte der neununddreißig jährigen Aurelia. Von den schicksalhaften Ereignissen und Wendungen in ihrem Leben. Zuerst ist sie gefangen in ihrer familiärer Situation und opfert die eigene Existenz für die Pflege ihrer kranken Mutter. Nach deren Tod sieht sie sich fast gezwungen, wieder ins Leben zu finden, was ihr in kleinen Schritten und mit Hilfe ihres Bruders und dessen Freunden gelingt, bis sie sich letzendlich auch für die Liebe zu ihrem attraktiven Nachbarn Veit öffnen kann.
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Seitenzahl: 292
Veröffentlichungsjahr: 2022
Sibylle Geldner
Aurelias Metamorphose
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Ein neuer Anfang
25 Jahre zuvor
19 Jahre zuvor
Ein kleines Haus am See
16 Jahre zuvor
Arturo Fortuna
Ausflug mit Freddy 16 Jahre zuvor
Lidstriche und ein Geständnis
12 Jahre zuvor. Freddy zieht aus
Freunde fürs Leben
Elf Jahre zuvor. Klassentreffen
Das nächste Kapitel
Loslassen will gelernt sein
Für immer und ewig... ist eine schaurig lange Zeit
Zehn Jahre zuvor
Die Hochzeit und andere Vorfälle
Der Kuss
Veränderungen sind kein Beinbruch
Sechs Jahre zuvor
Wenn der letzte Vorhang fällt
Zwei Jahre, drei Monate und 17 Tage zuvor
Neue Perspektiven
Vernunft ist kein Gefühl
Weihnachten 1985
Wissen verpflichtet
Phönix aus der Asche
Das Ende vom Anfang
Kurz vor den Sommerferien 1990
Das Projekt
Kein Schicksal kommt je allein
Impressum neobooks
Seufzend klappt Lia ihr Laptop zu.
Wann nur habe ich sie verloren? Und warum kann ich sie nicht mehr finden, diese blumigen, romantischen, phantasievollen, schönen Worte?
Es fällt ihr leicht, über die fachmännische Benutzung einer Bohrmaschine zu schreiben oder sachlich deren Einzelteile und ihre Nützlichkeit aufzuzählen oder über die Vorteile der Schlagbohrvorrichtung und der Akkulaufzeit zu berichten, aber über Gefühle, eine liebevolle Beziehung oder etwa ein abenteuerliches Leben zu schreiben, dazu fehlen ihr einfach die Worte.
Vermutlich hat ihr Bruder Freddy recht, wenn er behauptet, dass man nur über die Dinge schreiben kann, die man tatsächlich lebt.
Damals, als sie noch ein kleines Mädchen war, malte sie sich oft ihr Leben als Erwachsene aus. Natürlich beinhaltete dies einen Märchenprinzen, wallende Kleider und eine sorglose Zukunft. Später, als sie lesen und schreiben gelernt hatte, wurden Bücher ihre große Leidenschaft und sie träumte von einer großen Karriere als Belletristik- Schriftstellerin…..bis das wirkliche Leben sie einholte und ihre Träume durch die Realität ersetzt wurden, kurz nach ihrem 14. Geburtstag.
Mit tränenverschleiertem Blick sieht Lia auf die gepackten Koffer, die im Korridor stehen. Wie durch eine Nebelwand hört sie die Stimme ihres Vaters:
„Natürlich komme ich euch besuchen, wann immer es mir möglich ist……“
Wie jeden Morgen sitzt die Familie am runden Küchentisch zum Frühstück. Doch dieser Morgen unterscheidet sich drastisch von allen anderen.
Ihre Mutter starrt wortlos auf die gegenüberliegende Wand, während der Vater spricht, und Freddy, der fünf Jahre jünger ist als sie selbst, sitzt stumm mit gesenktem Kopf auf seinem Stuhl.
Nie und nimmer hat Lia damit gerechnet, dass auch sie eines Tages zu diesen Scheidungskindern gehören würde und ihr ist nicht einmal klar, warum der Vater so plötzlich ausziehen will. Soweit sie das beurteilen kann, ist die Ehe ihrer Eltern immer glücklich gewesen.
„Warum?“. Lia wischt sich die Tränen aus den Augen und sieht Arturo Fortuna trotzig an: „Warum willst du jetzt abhauen? Hast du eine Geliebte?“
Lia entgeht nicht, dass die Eltern einen schnellen Blick tauschen, bevor ihre Mutter statt des Vaters antwortet: „Nein, es gibt keine andere Frau. Dein ach so geliebter Vater zieht sich nur aus der Verantwortung!“. Und an ihn gerichtet sagt sie: „In guten, wie in schlechten Tagen, Arturo. Das hast du mir geschworen, als wir geheiratet haben!“ Die Bitterkeit in ihrer Stimme war unüberhörbar.
Lia versteht nur Bahnhof: „Um was geht es hier? Könnte mal einer von euch meine Frage beantworten?“ Wütend sieht sie zuerst ihre Mutter und dann ihren Vater an:
„Warum?“, wiederholt sie ihre Frage.
„Sag es ihr“, fordert Maria ihren Mann auf, „oder bist du dazu auch zu feige?“
Arturo räuspert sich, ballt die Hände zu Fäusten und haut damit auf den Tisch, dass die Kaffeetassen aus den Untertellern springen – und schweigt.
„Das dachte ich mir“. Verachtung liegt in Marias Stimme: „Ein Feigling mit Macho-Gehabe. Verschwinde jetzt einfach! Mach, dass du weg kommst!“ Mit jedem Wort, das sie spricht, wird ihre Stimme lauter, bis sie sich fast überschlägt.
Wortlos steht ihr Vater auf, geht in den Flur und greift nach seinen Koffern. Fast lautlos fällt die Wohnungstür ins Schloss.
Lia lehnt sich in ihrem bequemen Bürostuhl zurück und betrachtet ihr Arbeitszimmer. An allen Wänden stehen von ihr selbst geschreinerte Regale, die vom Boden bis zur Decke reichen und sie sind bis auf den letzten Platz mit Büchern gefüllt. Sie liebt die Atmosphäre, die die großen Literaten von gestern und heute verströmen, sie liebt den Geruch, den die abertausend Seiten im Raum hinterlassen und sie ist abermals überwältigt bei dem Gedanken, wie viele Möglichkeiten nur 26 Buchstaben ergeben, Worte zu bilden, wenn man sie nur verschieden aneinanderreiht.
Das Klingeln an der Tür lässt sie aus ihren Gedanken hochschrecken. Lia bekommt nur selten Besuch, was wohl daran liegt, dass sie die meiste Zeit in ihrem Arbeitszimmer verbringt und somit wenig soziale Kontakte hat. Freddy kommt von Zeit zu Zeit bei ihr vorbei, aber an einem gewöhnlichen Mittwoch, noch dazu mitten am Tage, erwartet sie seine Stippvisite eigentlich nicht.
Auf ihrem Weg zur Wohnungstür, sieht sich noch kurz in den großen Spiegel, den sie erst Tage zuvor an einer Wand im Flur angebracht hatte, ohne sich wirklich zu sehen. Das einzige, das ihr in diesem kurzen Moment auffällt, sind ihre dunkelbraunen Augen, die in dem fensterlosen Raum fast schwarz wirken. Sie greift nach der Klinke, zögert kurz und ruft dann durch die geschlossene, spionlose Tür:
„Wer ist da?“
Draußen vernimmt sie ein tiefes Räuspern und dann:
„Mein Name ist Veit Hofstetter, ich wollte mich nur als ihr neuer Wohnungsnachbar vorstellen.“
Erst vor kurzem war ihre langjährige Nachbarin ins Altersheim umgezogen und Lia war erstaunt darüber, wie schnell die leerstehende Wohnung in diesem doch sehr renovierungsbedürftigen Altbau wieder vermietet wurde.
„Sehr erfreut, Herr Hofstetter. Ich hoffe, Sie sind nicht allzu laut“, ruft Lia durch die geschlossene Tür.
Sie hat keine Ambitionen, diesem fremden Mann gegenüberzutreten. Zum einen ist es ihr einerlei, wie dieser Mann aussieht, denn sie würden sich sicher selten bis nie über den Weg laufen, zum anderen wird sie sich schlagartig ihres äußeren Erscheinungsbildes bewusst: ihre zu wilden, dunklen Locken sind auf dem Kopf zu einem straffen Dutt gebändigt, eine an den Knien verbeulte Jogginghose, ein ungebügeltes, weißes T-Shirt und darüber eine Strickjacke, deren schwere Wolle die Jacke in eine Übergröße verwandelt.
Auf gar keinen Fall wird sie die Tür öffnen. Sie lauscht allerdings, ob der Fremde noch da ist. Und tatsächlich vernimmt sie ein Scharren, so, als ob er seine Füße auf der Matte abstreifen würde.
Denkt er tatsächlich immer noch, dass ich ihn hereinbitte?
„Sie werden die Tür nicht öffnen, richtig?“, hört Lia ihn sagen.
„Richtig.“
„Ok, ich kann Ihre Vorsicht verstehen. Man liest ja von allerlei Betrügern, die sich den Eintritt in fremde Wohnungen erschwindeln. Aber Sie können sich sicher sein, dass ich nicht so ein Betrüger bin. Was die Lautstärke in meiner Wohnung angeht, so kann ich Ihnen versichern, dass ich ein ruhiger Zeitgenosse bin. Außer meinem Klavierspiel werden Sie nichts von mir hören. Ich hoffe, das stört Sie nicht.“
Er spielt also Klavier. Na bravo. Wie soll ich mich bei diesem Lärm auf meinen Roman konzentrieren können?
„Wäre es zu viel verlangt, wenn Sie Ihre Wände und Türen mit einem Schallschutz isolieren würden?“, fragt Lia zögerlich, „ich schreibe nämlich und brauche dafür absolute Ruhe“, fügt sie erklärend hinzu.
Sie hört, wie er kurz auflacht und dann sagt:
„Wissen Sie, ich wohne hier nur übergangsweise, also wäre es den Aufwand nicht wert.“
„Wie lange dauert Ihr Übergang?“, will Lia wissen.
„Allerhöchstens drei Monate“, antwortet Herr Hofstetter.
Oh Gott!
„Das ist ganz schön lang!“
Wieder hört sie ihn lachen.
„Ich sehe zu, dass es schneller geht. Schönen Tag noch, Frau A. Fortuna.“
Dann hört sie Schritte, die sich entfernen und eine Tür, die ins Schloss fällt.
Ihren Namen, A. Fortuna, hat er vermutlich vom Klingelschild abgelesen. Das A. steht für Aurelia, was so viel wie „die Goldene“ bedeutet. Früher, als ihre Welt noch in Ordnung war, mochte sie diesen Namen. Heute findet sie ihn zu groß, zu bauschig, - ach, einfach viel zu viel. Lia passt da besser zu ihrem jetzigen Ich, das schnörkellos, effizient und interpretationslos ist.
Wieder bleibt sie vor dem großen Spiegel stehen, aber dieses Mal betrachtet Lia sich kritisch: Ihre Körpergröße von nur 159cm hat sie definitiv ihren italienischen Vorfahren beider Elternteile zu verdanken, wie auch ihren südländischen, dunkleren Teint. Die Augen sind mandelförmig, wie die ihres Vaters, was die einzige Gemeinsamkeit der beiden ist. Haare, Lippen und auch ihre Figur sind eher dem Erbgut der mütterlichen Seite geschuldet.
„Mach was aus dir“, pflegt Freddy bei fast all seinen Besuchen zu sagen, „denn du bist so eine schöne Frau!“
Und genau diese schöne Frau versucht Lia gerade vergeblich im Spiegel zu finden.
Vielleicht bin ich wirklich zu nachlässig mit mir selbst? Aber für wen oder für was soll ich mich den herausputzen?
Von Berufswegen beschreibt sie Werkzeuge aller Art für einen namhaften Hersteller im Home-Office. Für die Arbeit muss sie das Haus also nie verlassen und von ihrem Chef und den Kollegen kennt sie nur die Stimme am Telefon. Wenn sie einmal wöchentlich ihren Einkauf im Supermarkt erledigt, tauscht sie die bequeme Jogginghose gegen eine Jeans und in der kalten Jahreszeit das T-Shirt gegen einen Wollmantel. Dasselbe gilt für ihren wöchentlichen Besuch im Antiquariat. Man kann ihren Kleiderstil getrost als praktisch und weniger modisch bezeichnen, was Lia eindeutig bevorzugt, denn auf keinen Fall will sie auffallen. Weder positiv noch negativ. Im Grunde will sie noch nicht einmal gesehen werden.
Manchmal wechselt sie ein paar Worte mit Frau Yin vom Antiquariat, aber nie geht es um etwas Persönliches, sondern ist lediglich ein Austausch irgendwelcher Bücher und deren Inhalt.
Lia dreht sich vom Spiegel weg und geht in die Küche, um sich einen Kaffee zuzubereiten.
Wann nur habe ich aufgehört zu existieren?
Sie lacht kurz auf, wenn auch nur innerlich, bei diesem Gedanken, denn sie kennt die Antwort nur zu gut. Es war kurz vor Silvester…
Nur ganz leicht legt Lia ihre Hand auf die ihrer Mutter, denn sie weiß, dass jede noch so kleine Berührung ihr Schmerzen bereitet:
„Der Arzt kommt sicherlich gleich, Mama“, versucht Lia sie zu beruhigen.
Schon geschlagene zwei Stunden sitzen sie jetzt in der Notaufnahme des hiesigen Krankenhauses, deren Warteraum nach wie vor überfüllt ist.
Maria Fortuna nickte leicht mit dem Kopf und lächelt kläglich:
„Es geht schon.“
Lia weiß, dass das gelogen ist, denn der rheumatische Schub, den ihre Mutter gestern bekam, ließ alle ihre Gelenke anschwellen. Besonders die Hände sind dieses Mal betroffen und lassen sie aussehen, als hätte man einen Gummihandschuh aufgeblasen.
Sie ignoriert ihr Handy, das angefangen hat, in ihrer Jackentasche zu vibrieren, denn vermutlich ist es Peter, ihr Freund seit mehr als drei Jahren, der vor ihrer Wohnungstüre steht, um sie abzuholen. Sie hat im Moment einfach nicht den Nerv, sich mit ihm auseinanderzusetzen, denn er wird eher wenig begeistert sein, wenn sie das geplante Essen beim Griechen nun schon zum dritten Mal verschieben muss. Und immer aus demselben Grund: die Krankheit ihrer Mutter.
Endlich werden sie aufgerufen. Nur langsam kann sich Maria von ihrem Stuhl erheben, deshalb fragt Lia die Krankenschwester:
„Hätten Sie nicht einen Rollstuhl für meine Mutter?“
Die Schwester nickt: „Einen Moment, bitte“, entschwindet in eine Seitentür und kommt nur wenig später mit einem Rollstuhl zurück.
Die Ärztin nimmt sich Zeit, liest sorgfältig das Krankenblatt, das Lia ihr gereicht hatte und sagt, ohne davon aufzublicken:
„Es geht schneller, als vermutet, aber mit dieser seltenen Variante von Rheuma haben wir keine großen Erfahrungen.“
Sie richtet sich nun direkt an Maria:
„Es tut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen, aber ich befürchte, dass Sie schon bald nicht mehr eigenständig laufen können.“
Für Lia bricht in diesem Moment eine Welt zusammen, als sie das Ausmaß dieser Aussage begreift.
Erneut vibriert ihr Telefon. Sie nimmt ab:
„Hallo Peter“, sagt sie mit belegter Stimme, „ich bin mit Mama wieder im Krankenhaus.“
„Ich trenne mich von dir. Es ist aus!“, hört sie ihn ins Telefon rufen. Dann legt sie auf.
Maria blickt ihrer Tochter in die Augen:
„Alle Männer verschwinden, wenn es hart wird“.
Schon am nächsten Tag schreibt sich Lia aus der Universität aus. Journalistik und Germanistik waren die Kurse, die sie belegt hatte, aber von nun an würde sie nur noch für ihre Mutter da sein und sie pflegen.
Um Mitternacht des 31. Dezember 2001 bezog Lia das Bett ihrer Mutter frisch, in das sie kurz zuvor uriniert hatte.
Erneut klingelt es an der Tür, aber sie erkennt das Klingelzeichen ihres Bruders. Schwungvoll öffnet Lia die Tür:
„Du kommst gerade recht. Es gibt Kaffee.“
Federico, den alle nur Freddy nennen, drückt ihr im Vorbeigehen einen Kuss auf die Wange:
„Klasse. Ein schneller Kaffee geht immer. Ich habe nicht viel Zeit.“
„Du hast nie viel Zeit, wenn du mich besuchst“. Ein leiser Vorwurf liegt in Lias Stimme, den Freddy geflissentlich überhört.
Er nimmt sich eine Tasse aus dem Schrank, wirft vier Stück Würfelzucker hinein, schüttet den heißen Kaffee darauf und nimmt den ersten Schluck, ohne umzurühren:
„Ich habe gerade mit deinem Agenten telefoniert. Er sagt, dass dein Buch vermutlich noch vor Ende des Jahres ein Bestseller wird und du ihn dringend mal anrufen sollst.“
Lia starrt ihren Bruder fassungslos an:
„Das darf doch wohl nicht wahr sein!“
„Doch. Ist das nicht großartig? Dann bist du all deine Geldsorgen los!“ Ein breites Lächeln zeigt seine makellos weißen Zähne.
„Nein Freddy, das ist ein Desaster! Ich will nicht bekannt werden mit so einem Buch!“
„Dann hättest du es nicht schreiben dürfen. Und was ist schlimm daran, mit einem Ratgeber für Heimhandwerker berühmt zu werden?“ Freddy kann seiner Schwester nicht ganz folgen.
„Weil die Leute dann denken, dass ich nur solche Bücher schreiben kann, oder womöglich auf einen zweiten Band hoffen, oder ihn, noch schlimmer, sogar fordern.“
„Lia, bisher hast du kein anderes Buch zustande gebracht und falls dir das doch einmal gelingen sollte, dann kannst du doch unter einem Pseudonym schreiben.“
„Vielen Dank auch für deine moralische Unterstützung“.
Lia zieht sich die Strickjacke eng um den Körper. Damit hat sie auf keinen Fall gerechnet, dass ausgerechnet dieser Ratgeber ein Bestseller werden würde.
„Freddy, ich muss die weiblichen Anteile in mir wieder finden! Hilfst du mir dabei?“
Er nahm einen großen Schluck Kaffee und sieht seine Schwester dabei über den Tassenrand an. Lia hielt dem Blick stand, um ihm die Wichtigkeit ihrer Worte zu bestätigen. Nach einer gefühlten Ewigkeit setzt er die Tasse ab:
„Schwesterherz, ich kann die bei den Äußerlichkeiten bestimmt jede Menge Ratschläge geben, aber deine innere Frau musst du selbst wieder zum Leben erwecken.“
Lia verlässt die Küche und Freddy hört, wie sie die Schublade vom Garderobenschrank aufzieht und anfängt, darin zu wühlen. Keine zwei Minuten später steht sie wieder im Türrahmen:
„Ich habe einen Lippenstift!“. Sie hält ihn wie eine Trophäe nach oben.
Freddy schüttelt nur den Kopf: „Auch Lippenstifte haben ein Verfallsdatum, Aurelia! Wirf ihn weg!“ Er überlegt kurz und sagt dann:
„Aber vielleicht hast du recht. Vielleicht hilft dir ein leichtes Tages-Make-up tatsächlich, dich anders zu fühlen. Komm doch mal bei mir auf der Arbeit vorbei und lasse dir Tipps von meinen Kolleginnen geben.“
Freddy war Schauspieler am örtlichen, großen Theater und die Damen seines Fachs waren bestimmt Profis in Sachen Schminke und Haare.
„Ich überlege es mir.“ Lia ist sich nicht ganz sicher, ob sie den Mut dafür aufbringen wird.
Freddy steht auf und nimmt sie in die Arme:
„Das wird bestimmt eine großartige Verwandlung.“
In diesem Moment ist ein leises Klavierspiel aus der Nachbarwohnung zu vernehmen und Freddy fängt an, seine Schwester im Takt der Musik zu wiegen.
Tränen brennen in Lias Augen und ein dicker Kloß formt sich in ihrem Hals, den sie geübt hinunterschluckt. Sie windet sich aus der Umarmung und sagt genervt:
„Diesem Geklimper muss ich nun drei Monate zuhören!“
„Das ist kein Geklimper, sondern Beethovens Mondscheinsonate. Setz dich und lausche den Klängen.“
Freddy zieht sie auf den Küchenstuhl, setzt sich ihr gegenüber und sagt:
„Schließe deine Augen, dann kannst du es besser hören.“
Was ist das denn für eine Logik? Seit wann wird das Gehör besser, wenn die Augen zu sind?
Dennoch folgt sie seiner Aufforderung… und ist erstaunt, dass es tatsächlich funktioniert.
„Es ist traurig“, sagt sie mit leiser, tränenerstickter Stimme, steht auf, klopft laut an die Wand der Nachbarwohnung und ruft:
„Spielen Sie etwas Lebendigeres, oder wollen Sie, dass wir uns zum Sterben hinlegen?“
„Lia!“ Freddy ist entsetzt, „so kenne ich dich ja gar nicht!“
Aber im selben Moment hört man Bachs türkischen Marsch aus der Nachbarwohnung erklingen.
„Geht doch“, nickt Lia und ruft laut: „Daaanke.“
Ein wenig ist sie selbst über sich überrascht, aber wenn dieser Herr Hofstetter sie in den kommenden zwölf Wochen schon mit seiner Musik belästigen wird, dann doch bitte, um sie aufzuheitern und nicht in eine tiefe Depression zu stürzen.
Die Geschwindigkeit des Liedes gibt ihr scheinbar den Mut, endlich auszusprechen, was sie seit dem Tod der Mutter vor zwei Jahren, tun möchte:
„Freddy, ich werde umziehen!“
„Was?“. Das Entsetzen in Freddy Stimme ist unüberhörbar: „Wohin?“
„Ich weiß es noch nicht. Aufs Land vielleicht. Ich weiß nur, dass ich hier nicht mehr wohnen möchte.“
Zeit ihres Lebens hat sie hier in dieser inzwischen schäbigen Wohnung gelebt. Es gab glückliche Zeiten an diesem Ort, die aber weit entfernt waren und hinter einer dicken, nebligen Wand zu liegen scheinen. Viel präsenter waren da die letzten zwei Jahrzehnte, die von Krankheit, Verzicht, Aufopferung und dem beißenden Geruch von Sterilisationsmittel geprägt waren.
„Ich muss irgendwo anders neu anfangen“, unterbricht sie die Stille und ist sich bewusst, dass ihr Bruder im Moment denselben Trennungsschmerz erleidet wie damals, als der Vater die Familie verließ.
Gerade, als Lia mit dem neuen, umfassenden Auftrag ihres Arbeitgebers fertig geworden ist, erscheint das Symbol einer neuen Email in der oberen, rechten Ecke ihres Computers. Ohne zu zögern klickt sie darauf. Es ist eine Nachricht von ihrem Agenten, den sie immer noch nicht angerufen hat.
Er schreibt von unzähliger Fanpost, die sie im Anhang finden wird und dass er dringenden Klärungsbedarf hat, wie sie weiter vorgehen möchte. Und in roten Großbuchstaben erbittet er ein persönliches Gespräch.
Noch nie hatte sie ihren Agenten in Persona getroffen. Sie telefonierten in den Anfängen öfters, oder schrieben sich Emails und überhaupt wickelte das meiste Freddy für sie ab, deshalb ist ihr schleierhaft, warum er sie jetzt persönlich sprechen will. Entschlossen, dies nicht zu tun, greift sie zum Telefon. Nach nur zweimaligem Klingeln meldet er sich:
„Frau Fortuna, endlich melden Sie sich. Wann passt es Ihnen denn, mich in meiner Agentur zu treffen?“, fragt er, ohne ein Wort des Grußes.
„Ihnen auch einen schönen guten Morgen, Herr Lübke, und um Ihre Frage zu beantworten: es passt mir gar nie. Wir können alles am Telefon besprechen.“
Enttäuschung klingt in seiner Stimme: „Schade, ich dachte, dass es jetzt an der Zeit ist, dass wir uns einmal persönlich begegnen, da Ihr Buch gestern über 100.000 mal verkauft wurde und somit in die Bestsellerliste gerutscht ist.“
Stille.
Erwartet er jetzt, dass ich in Freudentränen ausbreche?
Stattdessen sagt sie entschlossen:
„Es wird keinen zweiten Band geben!“
„Aber Frau Fortuna, Sie können davon ausgehen, dass ein zweiter Band genauso erfolgreich werden wird. Vor allem die weiblichen Leser wollen noch mehr davon. Haben Sie mal in der Fanpost geblättert, die ich Ihnen geschickt habe?“
„Nein“.
„Nein, was?“
„Nein, ich habe die Fanpost nicht gelesen und nein, ich werde keine Fortsetzung schreiben. Und das ist mein Ernst und mein letztes Wort dazu.“
Deutlich hört Lia, wie Herr Lübke Luft durch seinen Mund ausstößt, bevor er sie weiterhin zu überreden versucht:
„Ja, wollen Sie denn auf dem Höhepunkt Ihrer Karriere mit dem Schreiben aufhören?“
„Auf gar keinen Fall, aber ich möchte in Zukunft keine Ratgeber mehr schreiben.“ Lia ist sehr mit ihrer Standhaftigkeit zufrieden, mit der sie dieses Gespräch führt.
„Sondern?“, fragt Herr Lübke erstaunt.
„Belletristik“, war Lias kurze Antwort.
„Wirklich?“. Ein wenig Verachtung liegt in diesem Wort, findet Lia. Und nach kurzem Zögern sagt er:
„Aber nicht solche Liebesromane, oder?“. Eindeutig noch mehr Verachtung.
„Warum nicht? Die Menschen sollten alles können: Waschmaschinen reparieren und die Fähigkeit zu lieben, finden Sie nicht, Herr Lübke?“
Als die unbedachten Worte aus ihrem Mund kommen, weiß Lia, dass jede Menge Wahrheit in ihnen liegt. Irgendwo hatte sie einmal gelesen, dass die linke Gehirnhälfte für Logik und Rationalität ausgelegt ist und in diesem Fall die Waschmaschine symbolisiert und die rechte dafür intuitiv, phantasievoll und kreativ ist, was eindeutig für die Liebe steht. Leider wird ihr in diesem Moment auch bewusst, dass ihre Gehirnhälften keinesfalls im Einklang miteinander sind.
„Wenn Sie meinen, Frau Fortuna. Dann wird unsere geschäftliche Zusammenarbeit wohl hier enden, denn mit Schundromanen habe ich nichts am Hut.“
Hat er mich jetzt gerade beleidigt? Und nicht nur mich, sondern alles Weibliche?
„Sehr gut“, sagt Lia mit fester Stimme, „schicken Sie mir die Vertragsauflösung bitte per Mail. Schönen Tag noch, Herr Lübke“.
Zufrieden mit sich legt sie das Telefon bei Seite und fährt sich mit dem Zeigefinger über die Lippen. Neulich hatte sie sich im Supermarkt einen Pflegestift gekauft und ist nun erstaunt, was für eine powervolle Wirkung ein zartschimmerndes Rosa doch hat.
Der Blick auf die Uhr verrät ihr, dass sie sich sputen muss, denn in weniger als drei Stunden würde sie ein Haus am See, das zum Verkauf stand, besichtigen. Es liegt etwa 100km entfernt von der Stadt und hat nur einen direkten Nachbarn, aber die dazugehörige Kleinstadt ist nur 500 Meter entfernt. Lia ist sich sicher, dass sie dort die nötige Ruhe und Muße finden wird, um einen schönen Roman zu schreiben, und der räumliche Abstand zu ihrem bisherigen Leben wird sich vermutlich auch positiv auf ihre literarische Kreativität auswirken.
Ursprünglich dachte Lia, dass Freddy sie dorthin fahren würde, aber seit er weiß, dass sie die Heimatstadt verlassen wird, macht er sich noch rarer in ihrem Leben. Selbst auf ihre Anrufe hat er bisher nicht reagiert, deshalb musste sie sich für die Fahrt aufs Land ein Auto mieten. Lia ist mehr als nervös deswegen, denn sie ist seit fast 15 Jahren nicht mehr hinter dem Steuerrad gesessen.
Unter der Dusche summt sie das Lied, das zuvor vom Klavier aus der Nachbarwohnung zu ihr gedrungen war, ohne den Titel zu kennen, aber die Melodie hat etwas Leichtes, ähnlich wie ihre Vorfreude auf das Haus und die bereits wärmende Aprilsonne, die am Himmel steht.
Lia rubbelt ihre Haare trocken und fährt mit dem Handtuch über den beschlagenen Spiegel. Für einen Moment überlegt sie, ihre Locken nicht mit dem Haargummi zusammenzubinden, entscheidet sich dann aber doch dagegen. Sie schlüpft in ihre Lieblingsjeans und das rote T-Shirt, das sie gestern mutigerweise gekauft hat und bindet sich einen leichten Anorak um die Hüfte, nur für den Fall, dass es auf dem Land am See etwas kühler sein würde.
Nur noch zwei Stunden bis zum Termin. Mit der S-Bahn braucht sie ungefähr eine halbe Stunde bis zur Autovermietung und von dort aus sind es noch 78 Minuten bis zum See, laut Navigationsberechnung. Sie wirft ihren Rucksack über die Schulter und beschließt, die drei Stockwerke zu Fuß runterzulaufen, da der Aufzug, wie das Haus selbst, in die Jahre gekommen ist und hin und wieder auch stecken bleibt.
Gerade, als Lia den ersten Treppenabsatz erreicht, vernimmt sie hinter sich eine männliche Stimme, die ihren Namen ruft:
„Frau Fortuna?“.
Sie bleibt stehen und dreht sich um. Oben auf der Treppe steht ein Mann mit hellblauen Augen, die von auffallend langen, schwarzen Wimpern eingerahmt werden. Seine Haare sind dunkel und wellig, er selbst von großer Statur… und sie kennt ihn nicht.
„Ja?“
„Schön, Sie endlich persönlich kennenzulernen“, sagt der Mann mit tiefer Stimme.
Wenn das mein Ex-Agent ist, der mir im Treppenhaus auflauert, um mich zu einem zweiten Band für Heimwerker überreden will, dann haue ich ihm gegen sein Schienbein!
Natürlich würde sie so etwas nie tun, aber alleine der Gedanke befriedigt sie.
„Und Sie sind?“, fragt Lia ihr Gegenüber, denn inzwischen hat der Mann den ersten Treppenabsatz ebenfalls erreicht.
„Veit Hofstetter, ihr Wohnungsnachbar“. Er streckt ihr seine gepflegte Hand entgegen, deren Finger außergewöhnlich lang sind.
„Sehr erfreut“. Lia drückt seine Hand nur kurz und sagt dann: „Ich muss dann mal los. Tschüss.“
Zwei Stufen auf einmal nehmend eilt sie die restlichen zweieinhalb Stockwerke hinunter, ohne sich noch einmal nach ihrem Nachbarn umzudrehen.
Er sieht gut aus. Ungefähr mein Alter. Ob er berühmt ist?
Sie erreicht in allerletzter Sekunde ihre S-Bahn, bevor sich die Türen automatisch schließen und setzt sich auf einen der leeren Plätze. Während der Fahrt betrachtet sie aus dem Fenster die vorbeiziehenden Häuser. Schmutzig wirkt die Stadt auf sie, zu eng ihre kleinen Seitenstraßen, und es kleben viel zu viele stickige Erinnerungen an ihr. In diesem Moment ist sie sich zu hundert Prozent sicher, dass ein Umzug genau richtig ist und auch der letzte Zweifel ist in ihr gestorben. Freddy würde klar kommen, denn schließlich hat er seine Theater-Familie, mit der er sowieso mehr Zeit als mit ihr verbringt und sicherlich würde er ein langes Wochenende bei ihr am See genießen können.
Als sie die S-Bahn verlässt und das kurze Stück zur Autovermietung läuft, klopft ihr Herz bis zum Hals.
Aurelia, du schaffst das. Autofahren ist ein Kinderspiel und zudem hast du einen Automatikwagen bestellt. Nur Gas geben und bremsen, zuweilen in den Rückspiegel sehen, blinken und abbiegen.
Sie wischt sich den Schweiß von der Stirn und betritt das Vermietungsbüro:
„Hallo, was kann ich für Sie tun?“, wird sie von einer freundlichen, jungen Frau hinter dem Empfangstresen begrüßt.
„Mein Name ist Lia Fortuna, ich habe einen Wagen bestellt.“ Ihre Stimme klingt merkwürdig belegt und Lia hofft, dass die Frau das nicht bemerkt. Aber wie sollte sie auch? Die Dame hat Lia ja noch nie reden hören, deshalb antwortet sie fröhlich:
„Ja, wir haben den kleinen Mini für sie reserviert. Ich hoffe, sie mögen schnelle Autos?“
Lias Knie werden weich:
„….aber man kann damit auch langsam fahren, oder?“
„Natürlich, aber wenn Sie mal überholen müssen, dann galoppieren die Pferdchen unter der Motorhaube.“
Mit einem vielsagenden Lächeln reicht sie Lia die Autoschlüssel und zeigt mit dem Kopf nach links:
„Es ist der schwarze mit den weißen Streifen da hinten. Viel Spaß damit.“
Lia wischt sich die feuchten Hände schnell an der Hose ab, ehe sie der jungen Frau die Schlüssel aus der Hand nimmt:
„Könnten Sie mir den Wagen kurz erklären?“
Das Lächeln wich aus dem Gesicht der Angestellten und eine Sorgenfalte wurde quer über ihrer Stirn sichtbar:
„Aber Sie wissen schon, wie man ein Auto fährt?“, fragt sie vorsichtig.
„Eigentlich schon, ist nur schon eine Weile her, seit ich zuletzt gefahren bin.“ Lia lächelt gequält.
Fünfzehn Minuten später fährt sie den Mini in Schrittgeschwindigkeit vom Hof, blinkt ordnungsgemäß nach rechts, vergewissert sich, dass die Fahrbahn frei ist und reiht sich in den Verkehr ein.
Atme Lia, vergiss nicht zu atmen.
Erst als sie das Ortschild passiert, kann sie aufatmen, denn von hier an wird der Verkehr weniger und sie muss nur Landstraße fahren, dennoch ist sie höchst konzentriert und wagt keinen einzigen Blick nach rechts oder links. Eine gute Stunde später parkt sie den Wagen direkt vor dem Haus, das laut Navigation ihre Destination ist. Lia zieht die Handbremse fest und sieht sich um. Eine traumhafte Kulisse bietet sich ihr: Direkt hinter ihrem zukünftigen Haus ist der kleine See, den man zu Fuß mit Sicherheit in weniger als zwei Stunden umrunden kann, wobei sich Lia nicht sicher ist, ob es durch den dichten Wald, der sich um gut die Hälfte des Sees zieht, auch Wanderwege gibt. Das würde sie die Maklerin gleich fragen und ob es erlaubt ist, mit einem Ruderboot auf dem See zu paddeln, denn direkt auf dem Grundstück gibt es einen kleinen Steg, an dem angelegt werden könnte.
Weiter rechts vom Haus entdeckt Lia einen Schuppen, der noch dringender renovierungsbedürftig ist als das Haus selbst, aber das bedeutet für Lia kein Problem. Gerade als sie sich den Schuppen genauer ansehen will, hört sie ein Auto und läuft ums Haus, um die Maklerin zu begrüßen.
Aus dem eleganten Wagen steigt eine noch elegantere Frau. Sie ist groß, trägt ihre schulterlangen, blonden Haare offen und wirkt mit der weiten Stoffhose und der Hemdbluse, als wäre sie gerade einem Modemagazin entsprungen.
Sieh sie dir genau an, Aurelia, denn sie verkörpert alles, was Weiblichkeit zu bieten hat!
„Hallo, Sie müssen Frau Bergen sein? Ich bin Lia Fortuna. Wir sind hier verabredet.“
Mit einem freundlichen Lächeln nimmt sie Lias Hand:
„Freut mich, Sie kennenzulernen. Haben Sie sich schon etwas umgesehen?“
„Ja, hinten den Garten und den See. Sagen Sie, darf man darauf rudern?“
„Aber natürlich. Haben Sie denn ein Boot?“, wollte die Maklerin wissen.
„Nein, noch nicht, aber ich würde mir gerne selbst eines bauen“.
Lia bemerkt, wie die Frau eine Augenbraue skeptisch nach oben zieht:
„Sie wollen sich selbst ein Boot bauen?“
„Ich bin handwerklich begabt“, erklärt Lia.
Frau Bergen lächelt wieder:
„Das trifft sich gut, denn an dem Haus gibt es einiges zu richten. Lassen Sie uns doch rein gehen.“
Lia nickt und weiß in diesem Augenblick, dass, egal in welchem Zustand das Haus sich ihr jetzt präsentiert, sie es kaufen wird.
Eine halbe Stunde später unterschreibt Lia zufrieden den Kaufvertrag auf dem Rücken der Maklerin. Sie wird lediglich ein wenig Holz zum Ausbessern der Dielen im Obergeschoss brauchen. Ansonsten gibt es nichts, was eine Bohr- und Schleifmaschine, ein paar Schrauben und Wandfarbe nicht hinkriegen würden. Den maroden Schuppen wird sie zuerst in Angriff nehmen müssen, um daraus eine Werkstatt zu machen, und wenn Haus und Boot dann fertig sind, will sie es zum Gästehaus umbauen. Lia hat in der kurzen Zeit bereits alles geplant.
„Sagen Sie, Frau Bergen, ist das Haus nebenan bewohnt?“, fragt sie, als sie der Maklerin den unterzeichneten Kaufvertrag überreicht. Das Nachbarhaus steht, nach unten versetzt, etwa 50 Meter entfernt. Einen Gartenzaun oder irgendetwas, das die Grundstücke markiert, gibt es nicht.
„Im Moment steht es leer. Es wurde auch erst kürzlich verkauft, aber der Besitzer möchte die anfallenden Arbeiten, im Gegensatz zu Ihnen, an eine Firma übergeben. Vermutlich wird er somit erst im Herbst hier einziehen“, erklärt Frau Bergen und fragt dann:
„Ich hoffe, Sie haben keine Angst so alleine hier draußen?“
Lia schüttelt den Kopf:
„Nein, ich habe keine Angst.“ Aber so sicher war sie sich dessen nicht, denn schließlich hat sie noch nie alleine außerhalb der Stadt gewohnt.
„Zu Ihrer Beruhigung gibt es weder Bären noch Pumas in den Wäldern“, witzelte die Maklerin und reichte Lia die Hand zum Abschied:
„Ich werde in den nächsten Tagen soweit alles fertig machen, damit Sie spätestens nächste Woche die Schlüssel bekommen.“
Lia bedankte sich und sagte:
„Ich werde noch ein wenig hier bleiben, wenn Ihnen das recht ist?“
„Aber natürlich. So lange Sie wollen.“ Frau Bergen winkte noch kurz, ehe sie mit ihrem Wagen davon fuhr.
Aus dem oberen Stock werde ich meine eigene Bibliothek machen und mein Schreibtisch wird am großen Fenster mit Blick auf den See stehen. Wenn das die Romantik in mir nicht ankurbelt, dann weiß ich auch nicht.
Sie setzt sich auf den Steg, lässt ihre Beine baumeln und blickt aufs Wasser. In der Ferne sieht sie, wie Fische aus dem Wasser springen und ihr Eintauchen lange Kreise auf dem See zieht.
Das ganze Leben ist in Bewegung, nur meines wurde für lange Zeit angehalten.
Lia beugt sich vor, um die Hand ins Wasser zu tauchen, als sie erneut das Geräusch eines Motors vernahm. Sie dreht den Kopf Richtung Straße, bekommt dadurch aber ein Übergewicht, und obwohl sie ihren Oberkörper gleich wieder aufrichtet, kann sie den Fall nicht verhindern.
Nun wusste sie es bestimmt: das Wasser war eiskalt.
Lia bekam kaum Luft und gerät dadurch in Panik:
„Hilfe! HILFEEEE!!!!“, ruft sie so laut sie kann, während sie versucht, sich an dem Gebüsch vom Uferrand Halt zu verschaffen. Endlich kann sie nach einem stärkeren Zweig greifen und zieht ihren eiskalten Körper dichter ans Ufer.
„Hilfe!“
Ihr ist klar, dass sie an dieser Stelle nicht alleine aus dem Wasser kommen wird, da die Böschung zu steil ist, trotzdem lässt sie den Zweig nicht los aus Angst, in den See zu treiben. Tränen der Verzweiflung treten ihr in die Augen.
Ich werde sterben! Jetzt! Ausgerechnet hier, wo ich anfangen wollte zu leben!
„Reichen Sie mir Ihre Hand“, hört sie eine Stimme oberhalb von sich. Zögerlich blickt sie in die Richtung und erkennt Herrn Hofstetter.
„Verfolgen Sie mich?“, fragt sie ihn mit einer Stimme, die vor Kälte zitterte.
Ohne eine Antwort, fordert er sie erneut auf:
„Geben Sie mir schon ihre Hand“.
Lia streckt ihren linken Arm nach oben, ohne mit der anderen Hand das Gebüsch loszulassen.
Hofstetter greift danach und zieht sachte ihren Körper nach oben.
„Sie müssen den Zweig jetzt loslassen, sonst bekomme ich Sie nicht aus dem Wasser“, belehrt er sie, aber Lia schüttelt heftig mit dem Kopf:
„Ich trau mich nicht“.
„Hören Sie, ich weiß, dass es viel verlangt ist, in ein paar Sekunden Vertrauen zu mir aufzubauen, aber ich bin Ihre einzige Rettung hier, also lassen Sie jetzt das verdammte Gebüsch los, bevor mir die Kraft ausgeht!“
Seine Stimme duldet keinen Widerspruch, deshalb lässt Lia zögerlich von dem Zweig ab, sodass ihr Nachbar sie aus dem Wasser ziehen konnte. Was er auch tut. Erschöpft sitzen sie wenig später beide auf dem Steg und versuchen, jeder für sich, wieder zu Atem zu kommen.
„Danke“, sagt Lia mit leiser Stimme. Außer ein paar Kratzern, den nassen Klamotten und einer eisigen Kälte in den Knochen geht es ihr gut.
„Ich hole eine Decke aus meinem Wagen, bevor Sie sich hier noch den Tod holen.“ Veit springt schwungvoll auf und läuft mit großen Schritten zu seinem Auto. Wenig später legt er ihr die Decke um die Schultern:
„Besser?“
Lia nickt.
„Was tun Sie hier draußen?“ fragt er sie nach einer Weile des Schweigens.
Lia zeigt mit dem Finger über ihre Schulter:
„Ich habe eben das Haus hier gekauft.“
„Dann bleiben wir wohl Nachbarn, denn mir gehört das Haus nebenan“, verkündet Veit nicht ganz unerfreut.
Lia weiß nicht so recht, ob sie sich darüber freuen soll, oder ob es ihr eher unangenehm ist, neben diesem attraktiven Mann zu wohnen, der zudem laut Musik macht. Sie wollte eigentlich hier die Ruhe genießen und soziale Kontakte erst dann pflegen, wenn sie über andere Dinge wie Literatur und Winkelschleifer reden konnte.
„Werden Sie die Wände hier Schallschutz isolieren?“
„Das ist nicht vorgesehen, nein. Klassische Musik und diese romantische Kulisse passen hervorragend zusammen, Sie werden sehen.“
„Aber nicht für mich“, entgegnet Lia trotzig, „denn ich brauche Ruhe zum schreiben. Deshalb will ich ja raus aus der Stadt!“ Nicht nur deswegen, aber das braucht den werten Herrn Hofstetter ja nicht zu interessieren.
„Wir werden uns schon arrangieren“, meint Veit gelassen, „können Sie selbst fahren, oder soll ich Sie mit zurück in die Stadt nehmen und Sie holen ihr Auto morgen?“
Lia nickt: „Es wäre nett, wenn Sie mich mitnehmen würden. Ich muss dann nur noch schnell der Autovermietung Bescheid sagen, dass ich den Mini erst morgen zurückbringen kann.“
„Ach, das ist gar nicht Ihr Auto? Hier draußen werden Sie aber ein eigenes brauchen.“
„Das ist mir bewusst. Können wir?“ Lia wickelt sich umständlich aus der Decke und steht auf.
