Aurora Finalis - Markus Zimmermeier - E-Book

Aurora Finalis E-Book

Markus Zimmermeier

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Beschreibung

Als Elena erfährt, dass sie zusammen mit ihrer Familie eine Urlaubsreise nach Spitzbergen gewonnen hat, ahnt sie nichts davon, dass sie bloß eine Schachfigur in einem weltumfassenden, mörderischen Spiel ist – einem Spiel, in dem die Grenzen zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Gut und Böse, zwischen Schrecken und Schutz mehr und mehr verschwimmen.

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Seitenzahl: 159

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Die Erde gehört nicht den Menschen, der Mensch gehört der Erde. (Chief Noah Seattle, 1786 – 1866)

Der Mensch ist zwar unheilig genug, aber die Menschlichkeit der Person muss ihm heilig sein. (Immanuel Kant, 1724 – 1804, deutscher Philosoph)

Ich glaube an den Menschen, und dabei bleibe ich, sowie ich an die Natur glaube und dabei bleibe, wenn ich sehe, wie in der Wüste eine kleine Blume erblüht. (© Phil Bosmans, 1922 - 2012, belgischer Ordenspriester, Telefonseelsorger und Schriftsteller, ›der moderne Franziskus‹)

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1 – Das Erwachen

Kapitel 2 – Schöne neue Welt

Kapitel 3 – Zusammen allein

Kapitel 4 – Down under

Kapitel 5 – Eiskalt erwischt

Kapitel 6 – Wahrheit oder Pflicht

Kapitel 7 – Zusammenbruch

Kapitel 8 – „Der andere hat angefangen“

Kapitel 9 – Seelenverwandte

Kapitel 10 – Über den Wolken

Kapitel 11 – Der Aufstand

Kapitel 12 – Das Quiz

Kapitel 13 – Willkommen auf Spitzbergen

Kapitel 14 – Die Stunde des großen Bruders

Kapitel 15 – Das Ende

Epilog

Prolog

Im Sommer einer nicht allzu fernen Zukunft

„Emre Abd Ali ist tot. Sein Herz hat versagt.“

„Wie bitte? Sein Herz hat einfach so aufgehört zu schlagen? Unmöglich!“

„Das sagt zumindest der Polizeibericht. Hier! Lies es selbst!“

Stefan Franzen klatschte seinem Mandanten und Freund Uli Niemann die Tageszeitung, das Hamburger Abendblatt, auf dessen Schreibtisch.

„Auf die Polizei verlasse ich mich schon lange nicht mehr.“

„Ich weiß“, dachte Stefan bei sich. „Du verlässt dich lieber auf deine Schar von Bodyguards.“

Zögernd zog Uli das Blatt zu sich, um einen Blick darauf zu werfen. Er brauchte nicht lange, bis er die Schlagzeile las: 'Ehemaliger Profifußballer stirbt an Herzversagen.'

„Was für ein Quatsch! Als ich ihn letzten Monat getroffen habe, war er fit wie ein Turnschuh.“

Verächtlich warf Uli die Zeitung von seinem Tisch, stand auf und ging ans Fenster. Von dort schaute er nachdenklich auf das vor ihm liegende Hamburg herab. Uli hatte mit seinen gerade einmal 37 Jahren ein Imperium geschaffen, das es ihm gestattete, in der prächtigsten Penthouse-Wohnung im edelsten Stadtteil von Hamburg zu thronen. Er sah eine Stadt, die von den Strahlen der Sonne hell erleuchtet wurde.

Doch Uli hielt an ihm fest, auch wenn es bedeutete, dass er das Messer wie ein rohes Ei behandeln musste.

„Aber wenn es kein natürlicher Tod war“, fing Herr Franzen an. „Was war es dann?“

„Ich fürchte, es waren er und seine Bande. Ein Giftmord würde zu ihnen passen. Mit Chemikalien kennen sie sich jedenfalls bestens aus. Auch wenn sie dies nicht so gerne zugeben. Diese Heuchler!“

„Was willst du also tun, Uli?“

Mit dem Blick immer noch zum Fenster gewandt, antwortete Uli: „Mein Vater hat immer gesagt 'Be prepared! Allzeit bereit'.“

Dann drehte er sich um zu Stefan, der geduldig darauf wartete, dass der Bemerkung seines Freundes noch eine Erklärung folgte. Uli nahm einen tiefen Atemzug und verkündete dann: „Lange habe ich mich darauf vorbereitet. Nun ist die Zeit gekommen, die Zeit für Terra Galla.“

Kapitel 1: Das Erwachen

Wenige Tage später

„Juchu! Wir haben eine Urlaubsreise gewonnen!“

„Ach, das ist doch bestimmt bloß eine dieser nervigen Fakemeldungen: 'Sie sind der tausendste Besucher unserer Website. Deshalb schenken wir Ihnen eine Reise ins Paradies.' Damit wird man im Internet doch zugemüllt.“

„Nein. Du liegst falsch. Dies ist ein echter Gewinn!“

„Woher willst du das wissen?“

„Weil ich hier echte Flugtickets habe! Und echte Hotelreservierungen! Ich habe das alles gerade telefonisch gecheckt. Sowohl die Fluggesellschaft als auch das Hotel konnten diese Reise bestätigen.“

„Wow! Cool! Und wohin geht die Reise?“

„Nach Spitzbergen.“

„Spitzbergen? Diese kleine Inselgruppe am nördlichen Ende der Welt?“

„Genau.“

„Und wann soll es losgehen?“

„Am 13. September.“

„Super. Das passt ja genau in die Herbstferien! Dann wird es bestimmt ein toller Familienurlaub!“

Wochen später, am 14. September

Elena erwachte. Langsam öffnete sie ihre schweren Augenlider, die Platz machten für den Anblick einer pinken Zimmerdecke. Schnell schloss sie ihre Augen wieder. Das war eindeutig zu grell. Vor dem nächsten Versuch, ihre Augen an ihre Umgebung zu gewöhnen, drehte sie ihren Kopf vorsichtig zur Seite. Doch schon wieder wurde sie von dieser grellen Mädchenfarbe geblendet. Die Zimmerdecke, die fensterlosen Wände...

War denn hier alles pink? Nein. Ihre Augen fanden endlich etwas Abwechslung und Erleichterung. Es war der graue Metalltisch in der Mitte des Raumes.

Auf ihm sah sie ein großes, hölzernes, rotweißes Puppenhaus stehen. Dahinter entdeckte sie ein graues Regal mit Puppen und Büchern. Daneben befanden sich zwei Schränke, von denen einer etwas geöffnet war.

Sie erkannte ihre Reise- und ihre Handtasche und Kleider, deren Farbspektrum von hellrosa bis violett reichte. Kurz, das Zimmer war ein Mädchentraum. Es bot alles, was sich Mädchen bis zu einem gewissen Alter wünschten. Trotzdem fühlte sich Elena mehr als unwohl. Dabei war sie durchaus ein typisches Mädchen. Sie mochte es, sich schön zu machen. Sie mochte Bücher. Auch mit Puppen hatte sie gespielt – aber das war vor einer gefühlten Ewigkeit. Jetzt war sie 16 Jahre alt und damit auf der Schwelle zu einer erwachsenen Frau. Eine Frau, die merkte, dass etwas ganz Entscheidendes nicht stimmte: Dieses Zimmer war nicht dasselbe, in dem sie sich gestern schlafen gelegt hatte. Es war nicht das ihr bekannte Hotelzimmer auf Spitzbergen. Nein, hier war sie noch nie gewesen.

Und sie wusste nicht, wieso sie jetzt hier war. Was war geschehen? Wie kam sie hierher? Und wo war der Rest ihrer Familie?

Plötzlich.

Ein Klopfen.

Reflexartig stieg sie aus dem Bett. Dabei berührten ihre Füße den marineblauen PVC-Boden, dessen Kälte und Glätte sie nicht wahrnahm. Dafür war sie noch immer zu benommen.

Ein weiteres Klopfen. Es klang ganz harmlos, beinahe unschuldig. Doch sie blieb regungslos auf dem Bett sitzen. Sie war zu sehr damit beschäftigt, ihre Gedanken zu ordnen. Zwischen dem gestrigen Tag und dem jetzigen Erwachen konnte sie keine Verbindung herstellen. Es machte einfach keinen Sinn.

Das Klopfen wurde lauter, fordernder.

„Lass mich doch erst mal zu mir kommen!“, murmelte sie leicht verärgert.

Dann hörte sie eine vertraute Stimme. Es war die ihres Bruders Andreas.

In Elena keimte Hoffnung auf. Vielleicht konnte er Licht ins Dunkel bringen. Zumindest ihre Miene erhellte sich jetzt schon, als sie entschlossen zur Tür schritt.

„Hi, Andi“, begrüßte sie ihren Bruder Andreas, der sie mit seinen 1,85 m um etwa einen Kopf überragte.

Noch bevor er ihr Zimmer betreten konnte, schob sie nach: „Kannst du mir vielleicht erklären, wo wir hier eigentlich sind?“

„Das Gleiche wollte ich dich gerade fragen“, antwortete ihr Bruder enttäuscht. Aber schon im nächsten Moment war von seiner Ernüchterung nichts mehr zu spüren. „Daran kann man wohl sehen, dass wir Zwillinge sind. Wir wollen immer das Gleiche.“

„Allerdings wollte ich es eine halbe Stunde früher als du, Andi.“

Elena liebte es, ihren Bruder daran zu erinnern, dass sie kurz vor ihm geboren wurde.

„Ich bin halt ein geborener Gentleman, der die Ladies immer vorlässt“, erwiderte Andi, der es seiner Schwester nicht übel nahm, dass sie ihn immer wieder mit dieser alten Geschichte aufzog.

„Was meinst, Andi? Sollen wir mal nachschauen, ob wir unsere Eltern finden?“

„Okay“, antwortete der Junge und trat einen Schritt zur Seite: „Nach dir, Schwesterherz.“

Elena ging an ihrem Bruder vorbei und schaute in ein halb geöffnetes Zimmer, dessen dominante Farbe Blau war. Daher vermutete sie, dass es das ihres Bruders war. Mittlerweile konnte sie sogar über die traditionelle Farbgebung ihrer Zimmer schmunzeln. Gender-Mainstreaming war offensichtlich nicht bis in dieses Gebäude vorgedrungen.

Dann inspizierte sie den Flur. Auf der linken Seite endete der Flur schon nach wenigen Metern. In die andere Richtung erstreckte sich der Flur allerdings über etwa 15 Meter. Von dort, wo sie stand, konnte sie zwei weitere Türen entdecken, die sich einander gegenüber befanden. Die beiden Jugendlichen hofften, dass hinter einer dieser Türen ihre Eltern untergebracht waren.

Sie wussten, dass es nur einen Weg gab, dieses herauszufinden. Also wählten sie eine der beiden Türen aus und klopften daran. Angespannt lauschten sie nach irgendwelchen Geräuschen oder Stimmen. Aber auch nach dem zweiten und dritten Klopfen blieb es still. Elena drückte die Klinke nach unten, um zu testen, ob die Tür vielleicht offen war. Negativ. Es schien niemand, drin zu sein. Daher beendete Andreas sein hoffnungsvolles Schweigen und fragte seine Schwester: „Was ist eigentlich das Letzte, an das du dich erinnern kannst?“

„Ich weiß nur noch, dass wir im Svalbard-Museum in Longyearbyen auf Spitzbergen waren. Ein uniformierter Mann führte uns dann zu einem Raum, wo wir einen Augenblick warten sollten. Wir betraten diesen Raum und das war's. Seit dem Zeitpunkt habe ich einen Filmriss.“

„Ja, mir geht es genauso“, sagte Andreas nachdenklich und senkte seinen Kopf, dessen Haar die gleiche braune Farbe wie das seiner Schwester hatte.

„Komm, lass uns die andere Tür ausprobieren, Andi! Vielleicht sind dort unsere Eltern und warten nur darauf, uns all dies zu erklären.“

Elena versuchte, ihren Bruder aufzumuntern. Um ihre Zuversicht zu unterstreichen, hämmerte sie nicht nur entschlossen gegen die Tür, sondern forderte ihre Eltern außerdem lauthals auf, ihnen Zutritt zu gewähren: „Hey, Herr und Frau Sindermann! Wollt ihr wohl eure Kinder zu euch hereinlassen? Oder seid ihr gerade mit irgendwelchen nicht jugendfreien Aktivitäten beschäftigt?“

Erwartungsvolle Stille. In den Gesichtern der Zwillinge formten sich stumme Fragezeichen.

„Da!“, rief Andreas plötzlich. „Ich glaube, ich habe etwas gehört.“

„Stimmt! Es klingt, als hätte ich das Ehepaar Sindermann geweckt.“

Kurz darauf zeigte sich eine Hälfte der erwachten Elternteile: ein großgewachsener schlanker Mann mit kurzen graumelierten Haaren. In seinen Gesichtszügen paarte sich Freude mit Verwirrung.

„Hallo Kinder! Schön euch zu sehen. Aber sagt mal, wo sind wir hier eigentlich?“

Was seine Zerstreutheit anging, war Dr. Phil. Udo Sindermann des Öfteren eher einem Professor gleich.

Das war auch dem Doktor der Philosophie bewusst, weshalb er darauf hoffte, dass seine aufgeweckten Kinder ihn mal wieder aus seiner Konfusion befreien konnten.

„Ich fürchte, wir sind genauso schlau wie du, Paps“, antwortete Elena, die ihren Vater trotz seiner gelegentlichen Kopflosigkeit bewunderte, denn sie schätzte sein Streben nach Weisheit und Gerechtigkeit. In dem Moment erschien eine schwarzhaarige Frau mittleren Alters an Udos Seite, dessen blasse Haut mit ihrem dunklen Teint einen starken Kontrast bildete.

Ihr Name war Ulima und sie war gebürtige Syrerin.

„Hallo Mama!“, begrüßten Andi und Elena sie fast zur gleichen Zeit. Als 18jähriger Teenager war sie aus Syrien nach Deutschland geflohen, wo sie eine Stelle als Krankenschwester fand. In der Uniklinik von Köln traf sie auf den Philosophiestudenten Udo, nachdem er sich den Knöchel gebrochen hatte. Spätestens als er erfuhr, dass ihr Name 'die Weise' bedeutete, war er, der Weisheitsliebende, Feuer und Flamme für sie. Zu seinem Glück wurden seine Gefühle schnell von ihr erwidert, sodass sie schon ein Jahr später heirateten.

Weitere zwei Jahre später kamen ihre Kinder Andreas und Elena Sophie zur Welt.

„Hallo Kinder! Habe ich es richtig verstanden? Keiner weiß, wie wir hierher gekommen sind? Dann lasst uns besser darauf konzentrieren, wie wir wieder heraus kommen. Folgt mir! Mit dem Flüchten habe ich einige Erfahrung.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, trat Ulima aus dem Zimmer an ihren Kindern vorbei in den Flur, schaute sich dort kurz um und befahl: „Hier lang!“

Dabei zeigte sie mit dem erhobenen rechten Zeigefinger auf eine etwa 10 Meter entfernte Glastür, die den gemeinsamen Gang abschloss. Ihre Familie folgte ihr schweigsam gehorchend. Nachdem man unter Ulimas Führung die gläserne Pforte passiert hatte, blickten die Sindermanns auf nach oben führende Stufen, die als 'Ost-Treppe' gekennzeichnet waren und hinter denen sich ein 'Nordost-Trakt' ankündigte.

„Was für eine komische Einteilung!“, fand Ulima.

„Ich finde das Gebäude irgendwie sehr seltsam.“

Andreas' analytischer Verstand aber fühlte sich von den ungewöhnlichen Kennzeichnungen herausgefordert: „Aha. Ich folgere daraus, dass sich unsere Zimmer im Südost-Trakt befinden“, erklärte er nicht ohne Stolz.

„Stimmt, Andreas“, pflichtete ihm sein Vater bei.

„Aber man kann auch daraus schließen, dass diese Etage sowie dieses Gebäude höchstwahrscheinlich quadratisch ist.“

„Und meine Schlussfolgerung lautet, dass wir nun die Stufen hinaufgehen werden“, ergänzte Ulima, die in mathematischen Theorien nur geringfügigen Nutzen sah, „da wir uns offensichtlich im Keller dieses Gebäudes befinden.“

„Das erklärt auch, warum wir keine Fenster in unseren Zimmern haben“, fügte Elena leise hinzu. Mit etwas lauterer Stimme erklärte sie dann: „Okay, Mum. Dann lass uns mal schauen, was uns dort oben erwartet!“

Die Anwesenheit ihrer Familie gab Elena genug Mut, um ihre anfängliche Ängstlichkeit in Abenteuerlust zu verwandeln. Letztere spürte auch Ulima, die wieder voranschritt. Energisch betrat sie die Stufen, deren Zickzack-Profil ihnen besondere Rutschfestigkeit verlieh. Farblich unterschieden sie sich kaum von den marineblauen Böden und Wänden. Allein das abgerundete eiserne Geländer setzte sich durch seine glänzende Silberfarbe von seiner Umgebung ab. Als sie ein paar Stufen hinaufgestiegen war, schaute Ulima nach oben. Sie konnte erkennen, dass das Gebäude aus insgesamt drei Etagen bestand. Was sie auch jetzt nicht entdecken konnte, waren Fenster. Das grelle, künstlich erzeugte Licht an der Decke und an den Treppenhauswänden aber sorgte für soviel Helligkeit, dass die Strahlkraft der Sonne überflüssig schien.

„Nord oder Süd?“, fragte Ulima in die Runde, nachdem ihre Truppe die zweite Etage erreicht hatte. Auch wenn sie sich als eine Frau der Tat betrachtete, war ihr Bedürfnis nach einer Führungsrolle nicht übermäßig groß.

„Nord!“, sagte Andreas prompt.

„Wieso Nord?“, wollte Elena von ihrem Bruder wissen.

„Im Norden gibt es Eisbären. Die find ich einfach cool.“

„Und du glaubst, auf diese Weise kommen wir den Eisbären näher?“, fragte ihn Elena skeptisch.

„Nein, natürlich nicht“, antwortete Andreas. „Sehen will ich sie auch höchstens im Zoo. Von Angesicht zu Angesicht möchte ich lieber keinem Eisbären begegnen. Auf solch eine Konfrontation kann ich gut verzichten.“

„Das können wir wohl alle“, meldete sich ihr Vater zu Wort und stieß dann die Metalltür auf, die zum Nordtrakt führte. Im nächsten Moment bot sich ihm der Anblick eines lichtdurchfluteten Raumes, der viermal so groß war wie das Zimmer, das er sich in der vorangegangenen Nacht mit seiner Frau geteilt hatte.

In dem Raum befanden sich acht gleichförmige, graue Tische, die in zwei Viererreihen angeordnet waren.

An den nach außen gerichteten Tischkanten standen jeweils zwei Stühle, sodass sich, falls die Stühle allesamt besetzt worden wären, jeweils acht Menschen gegenübersaßen. Dieses Mal verschwendete der Familienvater allerdings kaum einen Gedanken an Mathematik oder Symmetrie. Dieses Zimmer, das als Versammlungsraum zu dienen schien, wies eine Besonderheit auf, die ihn weitaus mehr in seinen Bann zog und seinen Forscherinstinkt weckte: die Wände an der Ost- und der Nordseite des Saales hatten nicht die übliche blaue Farbe, sondern schienen aus Glas zu sein.

Doch führte die Verwendung dieses Materials nicht zur Erleuchtung des Raumes. Im Gegenteil. Seinem forschendem Blick stellte sich eine undurchdringbare Dunkelheit entgegen. Machte etwa eine allzu finstere Nacht seine Hoffnung auf mögliche Erkenntnisse bezüglich seines unbekannten Aufenthaltsortes zunichte?

Während er sich dem Glas näherte, bat er seine Tochter, das Licht für einen kurzen Moment auszumachen.

Diese gehorchte unverzüglich. Schlagartig wurde es dunkel. Deutlich mehr Zeit brauchte Dr. Sindermann, um sich an die Finsternis zu gewöhnen. Angestrengt versuchte er etwas jenseits der Glasscheibe zu erkennen. Die Sekunden verrannen. Nichts war zu sehen.

Seine Hoffnung auf eine bedeutende Entdeckung lag im Sterben. Aber was war das? Hatte sich gerade etwas in der Dunkelheit bewegt? Oder war sein Wunsch nach etwas Sichtbarem so groß, dass ihm seine Augen einen Streich gespielt hatten?

Plötzlich ging das Licht wieder an.

„Elena! Du solltest doch …“, weiter kam der Philosophiedozent nicht. Am Lichtschalter stand nicht etwa seine Tochter, sondern ein ihm unbekannter Mann mit stark gebräunter Haut und schwarzer Haarfarbe.

„Falls Sie sich wundern, was sich hinter der Glasscheibe verbirgt“, antwortete der Neuankömmling in korrektem Deutsch, aber mit indischem Akzent. „Es ist Wasser.“

„Wasser?“, wiederholte der Deutsche verblüfft, während er beobachtete, wie sich zwei dunkelhäutige Frauen neben den Inder stellten. „Dann muss es sich aber um ein ziemlich großes Aquarium handeln.“

Der Inder schmunzelte. „Ich denke, den Atlantik oder den Arktischen Ozean als Aquarium zu bezeichnen, dürfte die Untertreibung des Jahrhunderts sein.“

Kapitel 2: Schöne neue Welt

Die Nachricht vom Standort seines neuen Domizils traf Dr. Sindermann so heftig und unerwartet, dass er sich fast auf einem der vielen Stühle im Raum niedergelassen hätte. Doch seine Abneigung, vor den Augen seiner Familie Schwäche zu zeigen, hielt ihn davon ab. Stattdessen riss er sich zusammen und fragte den Überbringer der Hiobsbotschaft mit leicht aggressivem Unterton: „Woher wissen Sie das? Haben Sie uns etwa hierher bringen lassen?“

„Nein. Meine Frau Ashanti, meine Tochter Mira und ich sitzen, wie man so schön in Ihrer Sprache sagt, im selben Boot wie Sie. Oder besser gesagt, im selben U-Boot“, antwortete der Inder immer noch schmunzelnd.

„Ich weiß es, weil ich die Schleuse gesehen habe, durch die man uns hineingebracht haben muss. Mein Name ist übrigens Dr. Kalidas Sharma.“

„Aber könnte es nicht auch irgendein größerer See sein?“, gab Udo zu bedenken.

„Spitzbergen ist nicht gerade für seine Seenlandschaften bekannt. Dafür hat es eine riesige Küste und Fjorde. Folglich dürften wir uns irgendwo nahe der Küste befinden.“

„Ja, das klingt plausibel für mich“, gestand Udo, der ein schlechtes Gewissen bekam, weil er den Inder für einen Entführer gehalten hatte. Also ging er auf Dr.

Sharma zu und reichte ihm seine rechte Hand. „Verzeihen Sie bitte, dass ich so unhöflich war. Mein Name ist Dr. Udo Sindermann und dies sind meine Frau Ulima und meine Kinder Elena und Andreas.“

Dr. Sharma nahm die Hand des Philosophen mit einem freundlichen Lächeln entgegen. „Machen Sie sich keine Vorwürfe, lieber Dr. Sindermann. Wahrscheinlich hätte ich an Ihrer Stelle genauso reagiert.“

Auch nach dem Händeschütteln wandte Dr. Sindermann seine Augen nicht vom Inder ab, sondern fragte ihn gedankenverloren: „Sagen Sie, Dr. Sharma, kann es sein, dass wir uns schon einmal begegnet sind? Ihr Name kommt mir so bekannt vor.“

„Ich glaube nicht, dass wir uns bereits begegnet sind.

Der Name Sharma ist sehr verbreitet. Oder sind Sie mal in Freiburg krank geworden? Dort habe ich nämlich seit 16 Jahren meine Arztpraxis.“

„Nein. In der Nähe von Freiburg habe ich bloß einmal als Kind meinen Urlaub verbracht. Das war eine schöne Zeit ...“

„Wären Sie so freundlich, uns diese Schleuse zu zeigen, Dr. Sharma?“, unterbrach Andreas seinen Vater, um ihm keine Chance zu geben, die anwesenden Personen mit dessen Kindheitserinnerungen zu langweilen.