Aus dem Leben eines Blindgängers - Eskandar Abadi - E-Book

Aus dem Leben eines Blindgängers E-Book

Eskandar Abadi

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Beschreibung

Wie hört sich die Revolution an, wie riecht eine Demonstration und wie schmeckt die Diktatur? Nader, ein geburtsblinder Iraner, wird 1980 an der iranisch-türkischen Grenze von den Revolutionsgarden daran gehindert, das Land zu verlassen. Er verschwindet spurlos. Sein Begleiter Musa schafft es bis nach Deutschland und mit ihm eine Aktentasche voller Notizen und Tonbandaufnahmen, in denen Nader aus seinem Leben erzählt: Von der Gewalt in den Erziehungsheimen, seiner Liebe zur Violine, die er vor seinem religiösen Vater verheimlichen muss, und von den Wirren der Iranischen Revolution, an der Nader auf Seiten der Kommunisten teilnimmt.

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Seitenzahl: 403

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Erste Auflage 2022

KATAPULT-Verlag Greifswald

© Katapult-Verlag GmbH 2022

www.katapult-verlag.de

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

An diesem Buch haben mitgewirkt:

Philipp Bauer, Kristin Gora, Felix Lange, Andreas Lohner, Sebastian Wolter

ISBN 978-3-948923-36-5

eISBN 978-3-948923-64-8

Eskandar Abadi

Aus dem Leben eines Blindgängers

roman

Meiner Tochter Mahan, die mich lieben gelehrt, und meinem Wahlverwandten Reinhard, der mir Schauen beschert.

inhaltsverzeichnis

Die Aktentasche

Der Mittag des vierzehnten Aban und seine Folgen

Die Welt erblicken

Heimlichkeiten

Verlust

Verletzungen

Regelschule

Musik

Vertraulichkeiten

Sichtbarkeiten

Renitenz

Revolution

Emigration

Glossar

Figurenverzeichnis

die aktentasche

Nächste Woche soll ich das Manuskript abgeben, das mich die letzten drei Jahre meines Lebens gekostet hat. Bestimmt habe ich mehr Zeit und Energie in dieses verfluchte Werk gesteckt als Nader. Außerdem hat Lilith mich vor drei Wochen verlassen, obwohl ihr mein Blindsein gar nichts ausgemacht hatte.

Nein, es waren nur die paar Zigaretten, kleine Fläschchen Schnaps und das gelegentliche Kiffen gewesen, das ich einfach als kleinen Ansporn gebraucht hatte, um nicht wegen dieses Textes in den Abgrund der Verzweiflung zu stürzen. Meine Wohnung ist sicher nicht die schönste und größte und die auf dem Teppichboden liegende Matratze nicht die breiteste, wahrscheinlich auch nicht die sauberste, aber bislang hatte sich Lilith nie an diesen Äußerlichkeiten hier im zwölften Stock meiner Betonburg in Frankfurt-Niederrad gestört. Nein, letztendlich waren es diese vermaledeiten Bruchstücke eines Lebenslaufs, die uns entzweit haben. Auch sie wollte sicherlich nur körperliche Intimität von mir, die mollige Lilith. Denn – und das habe ich daran gemerkt, in welch sachlichem Ton meine Freunde immer mit ihr sprachen – eine Schönheit ist sie bestimmt nicht.

„Du lebst ja sowieso nur im Alkoholdunst und der Rauchwolke deiner iranischen Vergangenheit“, waren ihre letzten Worte gewesen. Damit ließ sie mich und Nader alleine. Nader wiederum begleitet mich seit nunmehr achtundzwanzig Jahren in Form einer aufklappbaren, billigen Kunstledertasche, in der sich etliche Konvolute in Blindenschrift und viele Audiokassetten befanden. Die Tasche musste ich öffnen, als Frau Fadensticker vom Sozialamt mich vor drei Jahren zu einem Psychologen schickte, der meine Arbeitsfähigkeit begutachten sollte. Das Unfähigkeitsgeschenk erhielt ich schon nach der ersten Sitzung. Zudem riet mir der Seelenzergliederer, mein Leben aufzuschreiben, um meiner Depressionen Herr zu werden. Nächtelang saß ich vor meinem Computer und hörte mir das beruhigende Rauschen seiner Lüftung an, ohne je auch nur einen Finger über der Tastatur – wie ein Geier über seinem Opfer – kreisen zu lassen. Zwischen Bierflaschen, Winston-Stangen, türkischem Raki und gespannt wartender Sprachausgabe meines Computers ließ ich mein bisheriges Leben vor meinem inneren Auge Revue passieren; das trieb mich nur noch tiefer in die Depression, denn was gab es schon zu finden außer eben Raki, Bier und der Sprachausgabe des Computers?

Dann, kurz bevor ich mich aus dem Fenster in eine sogar mir unbekannte Finsternis stürzte, fiel mir Nader wieder ein: Ich hatte doch noch immer diese Tasche mit seinen Erinnerungen. Zusammen mit der Tasche hatte Nader mir viertausendfünfhundert Toman gegeben, die ich bereits bei meiner Ankunft in Istanbul in tausenddreihundert Deutsche Mark umgetauscht hatte. Längst ist dieser Betrag in Überlebensmittel für mich aufgegangen und ich rechne nicht damit, Nader jemals wiederzusehen. Aber ich bin kein „Geldfresser“, wie die Perser jemanden nennen, der anderen das Geld aus der Tasche zieht. Eigentlich ist Nader an meinem verpfuschten Leben schuld! Zwar bin ich innerhalb kurzer Zeit offiziell als politisch Verfolgter anerkannt worden, zwar habe ich rasch die deutsche Sprache besser gelernt als viele Sehende, habe Sonderpädagogik studiert und bei Professor Lampert eine Magisterarbeit mit dem Thema Die Darstellung von Blinden in der europäischen Literatur der Frühen Neuzeit angefangen, dennoch starrte mich diese verfluchte Tasche so durchdringend und beharrlich an, dass ich dies auch als Blinder sehen konnte. Im Traum lag sie zuweilen auf meiner Brust und drückte mir den Atem ab. Im Seminar verwandelte sich Professor Lamperts sanfte Stimme oft in den schnarrenden Ton des iranischen Grenzbeamten, der Nader zurückgepfiffen und abgeführt hatte. Im Schluckspecht, der Kneipe nahe der S-Bahn in Niederrad, starrten die Leute mich an. Wer würde mir glauben, dass ich als Blinder den Vorwurf in den Augen der Menschen wahrnahm, die mich wegen des bisschen Geldes mit ihren Blicken durchstachen?

Ja, ich habe mein Studium nicht beendet und stattdessen jahrelang in der Mensa gesessen, um mit Gleichgesinnten in dem wie ein Fabrikbau widerhallenden Raum über einen Ausweg aus der iranischen Misere nachzusinnen. Ja, ja ich habe unzählige historische und philosophische Bücher gelesen, beziehungsweise sie mir lieber von Studentinnen vorlesen lassen, statt etwas Sinnvolles und Praktisches zu tun. Ja, ja und wieder ja, im Gegensatz zu mir ist aus meinen Freunden was geworden: einer ist Masseur, ein anderer programmiert Sprachausgaben für Blinde.

Wie unser großer persischer Nationaldichter Saadi in seinem poetischen Meisterwerk Rosengarten sagt: „Ein Weiser ohne Werk ist wie eine Biene ohne Honig.“ Aber Saadi hat gut reden. Bienen haben keinen Nader, der ihnen eine schwere Tasche hinterlassen hat. Ich kenne den Weg zum Arbeitsamt besser als die Entfernung zwischen Feuerzeugflamme und Zigarettenspitze, und ich bemerke die unangenehme Präsenz von Frau Fadensticker selbst in einem Menschenauflauf: ihr süßliches Parfüm und den dumpfen Laut ihrer Stöckelschuhe.

Aber all die kleinen Tätigkeiten und Ablenkungen des Alltags hatten keinen Nutzen. Nie hat mich diese elende Tasche ganz losgelassen; sie ist wie eine Wespe, die aufdringlich um meinen Kopf surrt. Auch wenn ich durchaus über Monate hinweg meine Ruhe hatte, auf kurze Reisen nach Gelsenkirchen oder Pirmasens gehen konnte, auch wenn ich vorübergehende Liebschaften genoss, kehrte dieses grausame Erinnerungsstück immer wieder zu mir zurück. Warum habe ich mich eigentlich nie getraut, dieses Unglücksobjekt zu öffnen?

Zum ersten Mal bemerkte ich die Tasche im Jahre 1980 am Teheraner Busbahnhof. Ich hatte Nader dort getroffen, um zusammen mit ihm Richtung Deutschland aufzubrechen. Der Busbahnhof, noch vom Schahregime geplant, konnte wegen der Islamischen Revolution nicht rechtzeitig fertiggestellt werden. Er war erst wenige Wochen bevor wir aufbrachen per Dekret von Ajatollah Chalchali in Betrieb genommen worden. Dieser Geistliche war der Henker des brandneuen Regimes. Wir kannten den Witz über Chalchali, dass er jeden Mann mit drei Testikeln hinrichten lassen würde, wobei er die Eierzählung natürlich erst nach der Vollstreckung vornahm. Was den Busbahnhof betraf, so hatte es früher verschiedene Stellplätze für die Reisebusfirmen gegeben, die diese aus Gewohnheit nicht räumen wollten, bis vom Ajatollah scharfe Konsequenzen angedroht wurden. Augenblicklich waren alle Stellplätze in den verschiedensten Teheraner Bezirken wie vom Erdboden verschluckt. So kam es, dass Nader und ich uns im neuen Terminal nur mit großer Mühe gefunden hatten, bevor wir den Bus der Firma „Mihantour“ bestiegen.

Im vollbesetzten Bus hörte ich anfangs, untypisch für Iran, keinerlei Unterhaltung. In Deutschland ist im öffentlichen Personenverkehr ja alles sauber und ordentlich, im Iran aber waren Reisebusse eher ein vorübergehendes Zuhause, in dem man ungeniert die Schuhe auszog, Melonen aufschnitt, Sonnenblumenkerne aus den Schalen pulte und diese auf den Boden warf – von lebhaften Gesprächen gar nicht zu reden. Hier aber schwieg man merkwürdigerweise. Ob alle, wie ich, dabei waren, ihren Abreisekummer zu verarbeiten?, dachte ich, da rief plötzlich jemand von vorne: „Alle Gläubigen, einen Segensruf auf den Propheten!“

So laut wie möglich rief ich den Segensruf des Salawat, zwei andere taten es mir gleich. Nader boxte mich schmerzhaft in die Seite. „Bist du plötzlich ein Fundamentalist geworden, du Sohn eines Esels?“

„Ich meine alle!“, gellte es von vorne.

Zwei weitere Fahrgäste schlossen sich uns dreien an. Ich bekam einen heftigen Tritt und versicherte Nader, nur aus pragmatischen Gründen ins Salawat eingestimmt zu haben.

„Wollt ihr wirklich keine Segensrufe aussprechen?“

Noch eine Person stieß zu unserer Minderheit, die Allah um seinen Segen für die Seele des Propheten bat. Statt sich zu ärgern, forderte der Anstifter zum Segensruf schließlich den Fahrer auf, Musik aus der Zeit vor der Revolution abzuspielen, und rief dabei: „Wir sind ja offenbar unter uns. Dann wollen wir mal bis Istanbul Musik hören und tanzen.“

Gelächter schallte durch das ganze Fahrzeug und das übliche Busgeschnatter setzte ein.

Die zwölf Stunden bis zur iranisch-türkischen Grenze in Basargan kamen mir wie eine Ewigkeit vor. Wieder einmal hatte ich Anlass, die alte Distanz zum frechen Nader zu fühlen, insgeheim aber ärgerte ich mich über meine eigene Angst. Nader kannte ich, seit wir vier oder fünf Jahre alt waren, seine extrovertierten Auftritte aber, seine Dickköpfigkeit und einiges, was wir schon im Kindesalter zusammen erlebt hatten, ließen mich immer wieder eine unüberbrückbare Distanz spüren. Ein richtiger Freund konnte er nicht sein, auch wenn er mein Heimgenosse gewesen war. Ich kann mich vage entsinnen, wie seine Eltern den heulenden Nader mit seiner Schwester bei uns im Heim ablieferten; später, in der Grundschule und im Gymnasium, erst recht bei Radio Isfahan, musste er aber immer die erste Geige spielen. Er vermittelte den Eindruck, große und ehrgeizige Ziele zu haben, doch schien mir oft, dass dahinter nur Großmäuligkeit steckte. Ich selbst fand und finde bis heute die kleinen Lebensbonbons angenehmer, die man durch Gefügigkeit erhält, zum Beispiel wenn ich inbrünstig ein Gebet mitsprechen muss und, anstatt an ein Bonbon, dabei eher an Safranreis mit Flugente und Granatapfelsirup denke.

Meine Angst um Nader und mich nahm erheblich zu, als zehn Kilometer vor der Grenze die Pasdaran, wie die Revolutionsgardisten hießen, eine Kontrolle durchführten. Diese Kerle rochen nach Schweiß und Metall. Sie trugen Gewehre und fragten barsch nach unseren Pässen. Einer machte bei unserer Reihe halt und fragte Nader nach seinem Reiseziel.

Mir stockte das Blut in den Adern. Was, wenn ich am Ende allein und ohne den Schutz meines selbstsicheren Freundes die Grenze überschreiten müsste?

Er musste wohl genauso gedacht haben, denn kaum hatten die Revolutionsgardisten den Bus verlassen, schob er seine Tasche unter meinen Sitz und sagte: „Du nimmst das Ding, da sind meine wichtigsten persönlichen Sachen drin. Hier ist außerdem ein kleiner Umschlag mit meinem Geld, das ich im Ausland brauche. Wenn sie mich heute wirklich nicht durchlassen sollten, dann kannst du das alles schon mal nach Deutschland mitnehmen und mir geben, wenn wir uns dort sehen.“

Ich lehnte sofort ab, schon allein aus Angst, dass man mich fragen würde, was ich da bei mir hätte. Ich wusste, dass Nader mit der kommunistischen Kampforganisation der Volksfedadschin sympathisierte, und hatte selbst eine Heidenangst vor diesen Menschen, die uns alle eigenen Sachen wegnehmen und sie an andere verteilen wollten. Ich hatte Nader nie nach Einzelheiten seines politischen Engagements gefragt, weil mir alleine schon das Wissen darüber gefährlich erschien. Jedenfalls fürchtete ich, sie würden mich wegen der Tasche festnehmen und foltern. Zitternd wollte ich sie zurückschieben, als der resolute Nader mich auslachte und flüsterte: „Ich habe nicht nur ein politisches Leben, sondern auch ein persönliches. Das hier sind nur Erinnerungen an meine Kindheit. Wenn du’s nicht glaubst, lies es, es ist schließlich in Blindenschrift.“

Ich traute mich nicht mehr, zu widersprechen. Nader verstand mein Schweigen als Einverständnis und schob die Tasche unmissverständlich ganz auf meine Seite.

Anfangs schien an der Grenze alles zügig vor sich zu gehen, obwohl dort, nach dem dröhnenden Motorenlärm zu urteilen, sehr viele Busse und Laster abgefertigt wurden. Nach etwa einer Stunde war unser Bus dran. Wir wurden samt unserem Gepäck aus dem Bus geholt und mussten durch Schlamm und die eisige Novemberkälte im Gänsemarsch zu einer riesigen, unbeheizten Halle laufen. Gewärmt wurde dieser Raum offenbar nur durch die Reisenden. Das Ganze war anscheinend mittels einer niedrigen Schranke in ein iranisches und in ein türkisches Gebiet aufgeteilt. Hier befanden sich sowohl die Wartezone als auch Zoll- und Passkontrolle. Ich hörte, wie ein frisch verheiratetes Paar, das links von uns gesessen hatte, den Revolutionsgardisten anflehten, ihnen ihre Goldstücke durchgehen zu lassen. Sie hatten diese, wie das Rascheln verriet, verstecken wollen und in billiges Packpapier gewickelt. Es seien Geschenke für die Verwandtschaft. Ein alter Mann, dessen Stimme seinen dicken Bauch verriet und der im Bus immer wieder Musik haben wollte, bat den Grenzposten weinend, ihn seinen Seidenteppich ausführen zu lassen. Der Teppich sei das einzig Wertvolle, was er besitze, und er nehme ihn immer mit auf Reisen, weil er darauf sein Gebet verrichte. Der Gardist behandelte alle Bittenden wie seine Kinder oder Schäfchen: Gleich, ob er ihren Bitten nachkam oder sie ablehnte, redete er von oben herab und verdächtigte alle Reisenden, in irgendeiner Weise mit dem ehemaligen Regime zu sympathisieren. „In dieser Phase der Revolution“, herrschte er die Leute an, „reist man nicht ins unislamische Ausland, erst recht nicht in die Türkei, die heuchelt, ein islamisches Land zu sein.“

All dies steigerte meine Ängste ins Unermessliche. Mir war schwindlig, mein Herz schlug bis zu meinen Ohren.

Als wir drankamen, forderte ein Gardist uns auf, alles, wirklich alles, aus den Gepäckstücken herauszunehmen, da vor uns derselbe Mann, der beim Losfahren die Fahrgäste dazu aufgerufen hatte, an den Propheten gerichtete Segensrufe anzustimmen, nicht richtig kontrolliert worden war. Er hatte eine Whiskyflasche durchgeschmuggelt. Nun stand er auf der türkischen Seite des Saals, zeigte dem Grenzgardisten wohl einen Vogel und rief nach jedem Schluck aus der Flasche: „Es lebe die Freiheit!“ Das tat er so lange, bis er von türkischen Grenzposten weggeführt wurde. Bei der Kontrolle öffnete ich zuerst vorsichtig Naders Tasche und nahm ein dickes Heft heraus. Der Kontrolleur fragte: „Ist das Blindenschrift?“

Heiser brachte ich gerade so ein „Ja“ heraus, als der Mann zu mir sagte: „Ist in Ordnung, dein Kram interessiert uns nicht“, und mich barsch wegschickte. Ich raffte meine Sachen zusammen und passierte die Schranke.

„Wie heißt du?“, hörte ich den Sicherheitsmann Nader fragen.

„Kennen wir uns?“, fragte Nader ihn.

„Wie bitte?“, fragte der Mann zurück.

„Weil Sie mich duzen“, blaffte Nader ihn an.

„Spiel nicht den Anständigen, sondern beantworte meine Frage!“

Ein eisiger Schreck lief durch meinen Bauch. Warum ist er so unvernünftig, so unvorsichtig? Hat er denn keine Angst, erkannt zu werden? Gerade jetzt, so kurz vor der Ausreise, spielt er hier dämlich den Mutigen! Trotz meiner Angst war ich sehr zornig, ich spitzte meine Ohren, um mitzubekommen, was nun folgte, und das Letzte, was ich von Nader hörte, seine Tasche fest in meiner rechten Hand haltend, war: „Sind Sie jetzt fertig mit mir?“

Treuherzig habe ich diese verfluchte Tasche bei jedem Umzug mitgenommen, ohne je ihr Inneres zu inspizieren. Ich hatte zu ihr also ein ganz äußerliches Verhältnis, wie zu meinen Liebschaften, aber es währte um ein Vielfaches länger. Gefühlt habe ich Tausende Mark und Euro für Briefmarken und Telefonate ausgegeben, um Nader nachzuspüren, damit ich ihm dieses Ding zurückgeben kann. Seine Familie hat mir manchmal nichtssagende Antworten geschickt, meist aber gar nicht reagiert. Andere Augengenossen wunderten sich, weshalb ich sie nach seinem Verbleib fragte, hatte ich ihn doch als Letzter gesehen. Ja, genau, gesehen, denn wir Blinden meiden die optischen Ausdrücke nicht, wie die Sehenden oft fälschlich annehmen.

Zwar hatte Nader mir gesagt, dass dieses speckige Behältnis seine persönlichen Erinnerungen enthalte, ich war mir eigentlich aber sicher, politische Propaganda zu finden, die mir nichts als Unannehmlichkeiten bereiten würde. Mein Erstaunen kannte daher keine Grenzen, als ich in meiner Verzweiflung vor nunmehr drei Jahren genauer nachsah, was da als Gewicht an meiner Seele hing. Ich fischte die Tasche aus der Ecke hinter dem kleinen Haufen Klamotten, die ich hatte, und fummelte am Metallverschluss, bis er mit einem Knacken aufsprang und ich einen Riesenschreck bekam. Die Hefte in Blindenschrift waren schlecht gebunden und teilweise auseinandergefallen. Einzeln fielen die Seiten auf den Boden, als ich sie herausholte. Am Grund der Tasche stieß ich auf eine Reihe altmodischer Audiokassetten. Froh, einer der wenigen zu sein, die noch ein passendes Abspielgerät besaßen, hörte ich mir eine zufällig ausgesuchte Kassette an: Naders Stimme schien mir noch viel eindrucksvoller als früher, war sie doch ein tiefer Bass und ausgesprochen voluminös, während seine Gestalt dünn und schmächtig gewesen war. Er schien durch die reine Gegenwart dieser massiven Stimme noch gewichtiger zu wirken und sofort kamen mir die Radioauftritte mit ihm in der Tadsch-Gasse in den Sinn … mit dem zerlumpten alten Mann, der uns bei schlechten Aufnahmen in der Pause Tee brachte … der an einer stinkenden Teheraner Kebab-Bude gefasste Entschluss, nach Deutschland aufzubrechen. Nach ein paar Minuten bemerkte ich, dass ich gar nicht darauf achtete, was Nader da aufs Band gesprochen hatte, also lauschte ich nun: Ja, es schien tatsächlich ein Teil aus seinem Leben zu sein.

Die nächsten Monate rackerte ich mich damit ab, diese Hörund Papierfetzen eines Lebens so weit wie möglich zu sortieren – mithilfe von Alkohol, Tabak, der Sprachausgabe des Computers und meinem Kassettenrekorder. Mich verließ das Gefühl nicht, in Naders Schuld zu stehen. Ich bemerkte, dass die Textfragmente bis direkt an die Tage vor unserer Abfahrt heranreichten, und fragte mich, wie die Geschichte ausgegangen wäre, wenn er sich an der Grenze anders verhalten hätte. Wer weiß, ob er überhaupt noch lebt; meine Karriere hin zur Arbeitslosigkeit wäre auf jeden Fall ganz anders verlaufen. Und da waren ja auch noch die viertausendfünfhundert Toman gewesen … Ich saugte also sämtliche Einzelheiten aus Naders Erinnerungen auf, in all ihrem zeitlichen Wirrwarr, weil ich wusste, dass sich für ihn sogar der Geruch von verfaulten Melonenschalen in der Abschar-Straße von meinen Wahrnehmungen deutlich unterschied, obwohl uns Blinden immer wieder von den Sehenden brutal zu verstehen gegeben wird, wir seien doch alle gleich. Wenn ich vor einem Fahrscheinautomaten mit Touchscreen stehe, dann beschleicht mich manchmal das Gefühl, dieser Vorwurf sei sogar berechtigt. Aber sie irren sich, diese Voyeure. Wo Nader auf einer seiner Kassetten brummt, der Begriff „Rot“ sei für ihn ein Anzeichen von Hitze, kann ich dem überhaupt nicht folgen. Angelika, meine damalige Freundin, bestärkte mich anfangs in meinen Lesebemühungen, doch nach einiger Zeit hatte sie genug von meinen ewigen Fragen, ob sie mir beim Zusammensetzen eines ihr völlig unbekannten Lebens helfen könne.

„Ich bin mit dir zusammen, nicht mit Nader, schreib doch deine eigene Biografie“, ärgerte sie sich. Sie wusste ja nichts von dem Geld, das er mir überlassen hatte. Alle Schokoladengeschenke halfen nichts, irgendwann, als ich gerade über Naders Geburt nachsann, schlug sie die Tür hinter sich zu und beantwortete meine Anrufe nicht mehr. Allein gelassen beschloss ich, einmal selbst derjenige zu sein, der sich von jemand anderem trennte. Das ging nur, wenn ich Nader so vollständig wieder zum Leben erweckte, dass er eine von mir getrennte, komplett stillgestellte Textexistenz führen konnte.

Mein erstes Problem hierbei war die Lückenhaftigkeit seiner Hinterlassenschaften. Das Sammelsurium aus Episoden in eine zusammenhängende Erzählung zu verwandeln, würde auf keinen Fall ohne Hinzufügungen möglich sein. Naders Stil schien mir an vielen Stellen holprig, jedoch wollte ich seine Stimme nicht verbiegen; ich habe mich sklavisch an die vorhandenen Formulierungen gehalten. Auch seine Beobachtungen und Behauptungen schienen mir manchmal ans Absurde zu grenzen – und kamen mir dabei doch allzu vertraut vor. Ich habe mich so intensiv in diese Geschichten hineingearbeitet, dass ich manchmal vermeinte, mich an das Leben Naders statt an mein eigenes zu erinnern, wenn ich über meine unselige Vergangenheit nachdachte. Ich begann Erzähllücken einfach mit meinen eigenen Fantasien zu füllen, wofür ich Naders Ton nachzuahmen versuchte … Und dann war da noch jene Kassette mit der unverständlichen Ansammlung von Naders eigenen Nacherzählungen dessen, was seine Eltern und Verwandten ihm wohl über seine Geburt und frühen Jahre erzählt hatten. Niemals würde sich das in einen sinnvollen Text übertragen lassen; ich habe mir daher weit mehr Freiheit in der Ausführung erlauben müssen als anderswo.

Tatsächlich verspüre ich eine gewisse Genugtuung, diesem iranischen Leben einen deutschen Ausdruck verliehen zu haben, ja, Nader selbst nach Deutschland gebracht zu haben, damit er dort sein eigenes Leben führen kann. Unter Mühen habe ich Naders Sprachduktus aus dem Persischen ins Deutsche übertragen. Natürlich ist er dabei nicht ganz der Alte geblieben – aber wer ändert sich im Laufe seines Lebens nicht? Leb wohl, Nader, in deiner neuen Umgebung!

der mittag des vierzehnten aban und seine folgen

1959 war das Jahr, in welchem sich die Erde eine Tausendstelsekunde langsamer um die eigene Achse drehte, das Jahr, in dem der Dalai Lama nach Indien floh und die UN die Erklärung der Kinderrechte verabschiedete, das Jahr, in dem der erste Papierkopierer gebaut wurde, Algerien und Madagaskar auf dem Weg zur Unabhängigkeit waren und Amerikaner und Sowjets sich einander näherten. Nach iranisch-islamischer Zeitrechnung schrieb man das Jahr 1338, ein besonderes Schaltjahr, welches alle dreißig Jahre vorkommt und bewirkt, dass die entsprechenden christlichen Datumsangaben sich um einen Tag verschieben. Der vierzehnte Aban 1338, ein Freitag, fiel also auf den sechsten November. An diesem Herbsttag war das Wetter in Mahschahr (oder Maschour, wie die Stadt damals hieß) ziemlich frisch. Die Teheraner Klatschblätter hatten geschrieben, dass dieses Jahr die Bettler, die in die Südprovinzen gezogen waren, sehr enttäuschen würde und zahlreiche Obdachlose wegen der Kälte ums Leben kämen. Tatsächlich schneite es in Laridschan schon und im östlichen Kerman herrschten minus acht Grad.

Die wichtigste Nachricht in den Medien betraf Farah Diba, die zukünftige Königin Irans: Es hieß, sie habe endlich ihr passendes Hochzeitskleid gefunden. In noch größeren Lettern konnte man die Ankündigung lesen, dass der amerikanische Präsident Eisenhower im nächsten Monat in den Iran reisen werde. Zur gleichen Zeit berichteten Journalisten von öffentlichen Auspeitschungen und Hinrichtungen, die von Tausenden Schaulustigen besucht wurden. Das Volk hatte allenthalben seine Feierlichkeiten.

In einem für die damalige Zeit modernen Reihenhaus, das die iranische Ölgesellschaft AIOC ihren Arbeitern zur Miete gebaut hatte, wohnten drei Familien zusammen: Touran, eine resolute, laute Frau mit vier Kindern, ihr Bruder Mohammadali samt Frau und drei Kindern, sowie ihr zweiter, jüngerer Bruder Nourali mit Frau und einem Kind.

Die Hebamme des Bezirks Kwatera betrat den Hof dieses Hauses, steuerte um einen Berg verfaulender Melonenschalen neben dem Eingang herum und trat ins Innere. Sie war gekommen, um Nouralis schwangere Frau zu entbinden. Alle meinten zu wissen, dass es ein Junge werden würde, weil Fereschtehs Bauch sich kaum seitlich, sondern vor allem nach vorne herausgestülpt hatte. Die Großeltern waren eigens aus ihrem Heimatdorf Hendidschan angereist. Im Gegensatz zu anderen Frauen schrie Fereschteh nicht, sie stöhnte nur. Sie schämte sich für ihr erstes Kind Nasrin, das nicht nur ein Mädchen, sondern auch noch blind war. Die Hebamme bemühte sich um die Gebärende abwechselnd mit heißem und kaltem Wasser und sprach beruhigend auf sie ein, doch dann, ganz plötzlich, herrschte sie Fereschteh an, sie solle gefälligst drücken und schreien, damit das Baby schneller herauskomme. Als Zeichen, dass es kurz vor zwölf, also vor dem Mittagsgebetsruf sei, spielte das Radio das Ticken einer Wanduhr, dann erklang das „Haje Allassalat“, der Ruf zum Gebet. Doch niemand rührte sich vom Fleck, und plötzlich übertönte das Gewinsel eines Babys das Radio.

„Wer ist hier das Kind und wer die Mutter?“, beschimpfte die Hebamme halb vorwurfsvoll, halb fröhlich die schluchzende Fereschteh. „Warum weinst du denn? Es ist doch raus! Es ist ein Junge. Hörst du? Ein Junge!“

Doch Fereschteh wollte sich nicht beruhigen. Sie schluchzte und schüttelte sich und niemand wusste, ob vor Freude oder Kummer, vor Schmerzen oder Anspannung.

„Du hast eine starke Gebärmutter, Fereschteh“, sagte die Hebamme ruhig. „Wenn Nourali Manns genug ist, kannst du ihm zehn Jungen gebären, den hier noch gar nicht mitgezählt, das sage ich dir.“ Sie wischte sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn und fuhr fort: „Aber er ist nicht Manns genug. Statt mir meinen Lohn in die Hand zu drücken, steht er wie versteinert an der Tür und denkt, er könne gleich feststellen, ob das Kind gesund sei.“ Verächtlich stieß sie den Atem aus. „Weißt du noch, als ich vor drei Jahren Nasrin auf die Welt brachte, da hätte er mich mit seinen Blicken fast gefickt. Und was hat Gott getan? Das arme Mädchen erblindete. Dann kam dein erster Sohn auf die Welt – tot, und Nourali warf mich grob aus dem Haus. Und jetzt?“

Nourali kam ins Zimmer und drückte der Hebamme mit roher Gewalt zwei Toman in die Hand. Während das Kind an Fereschtehs Brust nuckelte, versuchten alle, einen Blick auf seine Augen zu erhaschen. Die Hebamme sang beinahe: „Morgen schaue ich nach dir. Wenn die Männer beim Arbeiten sind, sind wir unter uns.“

Die Großeltern kamen in den Hof und betrachteten das Kind. Nouralis Mutter Mahtab jammerte: „Oh Gott, der Junge ist blind! Ich weiß es. Seine Augen sind tot!“

Fereschtehs Mutter Fatemeh schrie: „Was redest du für einen Quatsch? Ein Baby kann doch bei der Geburt sowieso nichts sehen.“

Sie fauchten sich an und wollten an das Kind, um die Augen zu begutachten – jede, um ihre eigene Meinung bestätigt zu sehen. Nouralis Vater beruhigte die beiden, nahm das Baby in die Hand und taufte es auf den Namen Nader. „Vielleicht wird aus ihm ein ebenso edler Mensch wie der große König Nader Schah“, hoffte er.

„Ob Nader der Große bei seiner Geburt wohl auch so laut war?“, witzelte eine hinzugekommene Nachbarin.

„Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“, sagte Fereschtehs Mutter tadelnd zu Nourali, der die Schaulustigen zum Gehen ermahnte.

Nader schien aus nicht viel mehr als seinem Mund zu bestehen, mit dem er entweder an Fereschtehs Brüsten nuckelte oder versuchsweise Säuglingsgeschrei von sich gab und damit die neugierigen Nachbarn ergötzte, die sich einfach nicht zerstreuen wollten. Im großen Wohnzimmer war genug zu essen und zu naschen für dreißig Leute aufgestellt, richtige Freude wollte aber bei keinem der Gäste aufkommen. Das Kind wurde herumgereicht; da war kaum jemand, der nicht mit den Fingern die Augen des Neugeborenen vorsichtig zu öffnen versuchte und rätselte, ob das Kind etwas wahrnähme. Endlich nahm Nourali das Baby auf den Arm und stellte fest: „Ja, er sieht wie Nasrin aus. Das muss aber nichts heißen. Hoffen wir auf Gott und werfen wir lieber keinen bösen Blick auf das Kind.“

Er warf das Kind beinahe in Fereschtehs Arme und den Gästen gleichzeitig einen Abschiedsblick zu. Alle wussten, dass nun die Zeit gekommen war, Mittagsschlaf zu halten. Touran und Mohammadalis Frau sammelten ihre Kinder ein und zogen sich in ihre Zimmer zurück. Nourali ging zu seinem Bruder und zu seinen Eltern und ließ Fereschteh mit dem Baby allein, da er wusste, dass er sonst nicht würde schlafen können. So kam es, vielleicht zum ersten Mal, dass Fereschteh ein ganzes Zimmer für sich allein hatte.

In dem anderen kleinen Hinterzimmer hockte Nasrin zusammengekauert auf dem Boden. Sie war die Einzige, die nichts zu essen bekommen hatte, da die Mutter kraftlos auf dem Wochenbett lag, die Einzige, die, statt Mittagsschlaf zu halten, leise schluchzte, weil sie die Vorwürfe gegen den neuen Bruder sehr wohl verstand.

„Kind, was treibst du dort?“, rief Fereschteh, so laut sie konnte.

„Ich schlafe“, log Nasrin.

„Erzähl mir nichts. Komm her und probier, wie dein neuer Mitspieler sich anfühlt.“

„Warum hast du denn geweint?“, fragte Fereschteh ihre Tochter und richtete sich im Bett auf.

„Mama, ist Blindheit eine Strafe Gottes?“, fragte die Kleine mit tränenerstickter Stimme.

„Alles liegt in Gottes Hand, Kindchen“, redete Fereschteh sich heraus.

„Aber ich habe nichts Schlechtes getan, ich habe wirklich versucht, zu schlafen“, entschuldigte sich Nasrin, wusste jedoch nicht, bei wem.

„Mein Liebstes! Kinder sündigen nie, und jedes Kind ist gut. Auch du, auch du bist sehr lieb“, stotterte Fereschteh, die ihre Tränen zurückhalten musste.

„Wenn Nader ebenfalls blind ist, dann können wir viel besser zusammen spielen“, freute sich Nasrin und vergaß ihren Kummer.

„Kein Wort darüber!“, schrie Fereschteh entsetzt und betrachtete die Babyaugen, die nichts preisgaben. „Geh und versuch zu schlafen, solange das Baby ruhig ist“, befahl sie, aber sie bereute es sogleich, so mit der unschuldigen Tochter gesprochen zu haben, und rief sie zurück. „Kindchen, was hast du denn überhaupt zu Mittag gegessen?“

„Ich habe keinen Hunger, Mama, aber gleich kommt Bibi“, antwortete Nasrin und da platzte Fereschtehs Mutter auch schon herein. Als wäre sie die ganze Zeit im Nebenzimmer gewesen, rief sie: „Meine Nasrin hat nichts gegessen? Das ist eine große Sünde. Wie konnte ich sie übersehen? Siehst du, Fereschteh, wir sind blind, nicht sie. Komm Kindchen, ich mache eine Schüssel Reis, nur für dich.“

Sie trug die Worte wie ein Gebet vor und tischte Nasrin in kürzester Zeit den Reis auf. „Auch du musst was essen“, sagte sie zu Fereschteh, „sonst bist du bis Montag nicht auf den Beinen und ich kann nicht zu meinen Schafen zurück. Nun iss schon! Ich habe genug damit zu tun, deinen Vater zu bemuttern. Das reicht mir völlig. Er ist mir ein größeres Sorgenkind als dein Nader hier“, klagte Fatemeh und räumte dabei gleichzeitig das Wohnzimmer auf, holte Essen aus der Küche und stellte Obst auf das am Boden ausgebreitete Esstuch.

„Bibi“, schmatzte Nasrin, „ist Blindheit schlimm?“

„Kommt drauf an, auf welchem Auge“, sagte die Alte. „Wenn du auf deinem inneren Auge blind bist, ist es schlimmer.“

„Wo ist das innere Auge?“, wunderte sich Nasrin und betastete mit schmutzigen Händen ihren Körper.

„Im Herzen, mein Kind. Wenn du nicht an Gott glaubst oder wenn du, wie die Männer, deine Frau schlägst und fremde Frauen anglotzt, bist du auf dem inneren Auge blind“, predigte Fatemeh.

„Was bedeutet anglotzen?“, fragte Nasrin.

„Wenn du deine Augen benutzt wie ein Messer, das sticht“, meinte Bibi.

„Ein Messer kommt aus den Augen raus? Kann ich das auch?“, fragte Nasrin und kam sich sehr klug vor.

„Weißt du, mein Kind, die Männer sehen die Frauen mit normalen Augen an, aber mit ihren inneren Augen sind sie blind. Aber du redest zu viel, Kindchen. Iss auf. Gleich stürmt das Volk herein und will bedient werden“, sagte die Großmutter und beendete so das Gespräch. Sie war die höchste Autorität im Haus.

Bibi Fatemeh fuhr nicht zu ihren Schafen ins Dorf zurück, obwohl ihre Tochter schon am Tag nach der Geburt wieder auf den Beinen war. An besagtem Montag hatte sich nämlich auch ihre Vermutung bestärkt, dass das Neugeborene blind sei. Als sie mit ihrer Tochter darüber sprach, verkrampfte sich deren Gesicht. Fereschteh blickte ins Leere, brachte keinen Ton hervor und blieb wie versteinert sitzen. Dann rannte sie plötzlich mit dem Baby auf dem Arm, aber ohne Kopftuch, auf die Straße und begann, wie es bei Hochzeiten üblich war, zu trillern und zu tanzen. Die jungen Männer waren alle bei der Arbeit und keine der Frauen brachte den Mut auf, sie zu schnappen und nach Hause zu schleppen. Sie sang Hochzeitslieder, lachte, weinte, übertönte das Geschrei ihres Kindes und stillte es in aller Öffentlichkeit. Schaulustige gab es von Minute zu Minute mehr. Einige trillerten mit, andere sprachen davon, Nourali holen zu müssen, Kinder warfen Steine in Fereschtehs Richtung, doch keiner verließ die Straße, denn offenbar wollte sich niemand das Spektakel entgehen lassen.

„Es wird spät, Nader, wir müssen schnell beten“, schrie Fereschteh, legte einen Stein vor sich und richtete sich, das Baby an der Brust, zum Gebet auf. Sie verrichtete ihr Gebet und kniete nieder, um Segenswünsche an den Propheten und die Tugendhaften auszusprechen, doch anstatt fromm zu beten, rief sie: „Oh großer Gott, ich habe mit dir zu reden, ich habe Fragen an dich, die du bestimmt nicht beantwortest, denn du sprichst ja nur mit Menschen, die du liebst. Aber was habe ich dir oder irgendjemandem angetan, dass ich hintereinander zwei blinde Kinder gebären muss? Seit Freitag habe ich kein Auge zugetan. Habe ich mir je mehr als ein Stück Brot und eine Schüssel Suppe genommen? Habe ich mich je ausgeruht? Habe ich mich auch nur eine Minute in eine Ecke zurückziehen können? Wenn jemand das Kismet am eigenen Leibe erfahren hat, war ich es doch! Ja, ich hätte gerne Salem gehabt, aber ich habe mich nicht mal an seinem netten männlichen Gesicht sattgesehen. Und da hatten mich meine Eltern noch nicht einmal mit Nourali verlobt! Man darf als sechzehnjähriges Mädchen doch einen Mann interessiert ansehen? War dir das etwa Anlass genug, mir zwei blinde Kinder aufzuzwingen? Was haben die armen Kinder damit zu tun, dass sie deswegen lebenslang leiden müssen? Von wegen Gerechtigkeit! Du sollst ein Freund deiner Knechte, deiner Geschöpfe sein? Du lässt sie im Dunkeln dahinvegetieren. Ich werde sowieso in die Hölle kommen. Muss ich ihr schon auf dieser Welt entgegeneilen? Dem reichen Mann gibst du alles auf der Welt und das Paradies im Jenseits, und uns Frauen bleiben hier Mühsal und dort die Hölle. Der arme Thamasian hat doch recht, obwohl er ein Christ ist: Wer hat, dem wird gegeben. Wer nichts hat, dem wird genommen.“

Sie seufzte tief, als wäre ihr ein Stein vom Herzen gefallen, dann fing sie an, lautlos zu weinen. Als Zeichen der Niederwerfung vor Gott legte sie das eingewickelte Kind neben sich und ihren Kopf auf einen Fels und schlief auf der Stelle ein.

„Tot“, sagte ein barfüßiger Junge auf Arabisch und Persisch und gab ihr einen Tritt.

„Sie ist tot, holt den Nourali!“, schrie die dicke Nachbarin, von der man nicht wusste, warum sie immer dicker wurde, obwohl sie immer meckerte, dass sie nichts zu essen bekomme, da schob Fereschtehs Mutter die Menge beiseite und warf ein Tuch über den Kopf ihrer Tochter, nahm das Kind auf den Arm, streichelte es sanft und sandte einen Gruß an den Propheten. „Sie lebt“, sagte sie im Gebetston. „Sie lebt, Gott sei Dank. Steht nicht hier herum, holt Nourali!“, befahl sie.

Alles wurde still.

Fatemeh massierte die Stirn ihrer Tochter und redete ihr gut zu: „Hörst du mich? Bist du in Ordnung?“

Kurz darauf kam Nourali in Begleitung seines Bruders Mohammadali in einem verbeulten Pick-up angefahren. Sie trugen Fereschteh gerade ins Haus hinein, als ein Krankenwagen eintraf. Ein junger Arzt schob sich durch die Menge und fragte nach der Toten. Er untersuchte Fereschteh und sagte mit Verwunderung: „Die hat aber einen tiefen Schlaf. Ihr fehlt nichts, sie muss nur mit ein paar Hieben wach geschlagen werden, aber das überlasse ich ihrer Sippschaft.“

„Nourali“, spottete Mohammadali, „du hast doch eine flinke Hand. Nun kannst du sie endlich einmal mit Grund schlagen, sogar aus medizinischen Gründen.“

Nourali senkte den Kopf. Mohammadali gab Fereschteh ein paar Ohrfeigen. Sie rührte sich nicht. Fatemeh beruhigte das Kind und fauchte Mohammadali an: „Hör auf, du Teufel! Lass sie ein paar Stunden schlafen, sie wacht schon von selbst wieder auf.“

Zu Hause legte man Fereschteh in ihr Wochenbett. Nasrin bekam von Mohammadali einen Klaps und die Anweisung, die Mutter nicht zu stören und sich in das Hinterzimmer zurückzuziehen.

Nourali nahm sich einen längeren Urlaub, um mit Fereschteh und Nader alle Ärzte der näheren Umgebung abzuklappern. Ein Allgemeinarzt mit buschigen Augenbrauen und strengem Mundgeruch meinte, das sei nun mal das Schicksal der Sündigen. Ein Augenarzt ließ Nourali einen Monatslohn bezahlen, bevor die Familie ins Wartezimmer durfte. Er sah sich den Jungen für drei Minuten an und sagte dann, er könne da leider nichts tun. Drei weitere Ärzte und ein Kurpfuscher enttäuschten die Eltern ebenso. Ein verlässlich scheinender Mann sagte, sie sollten in sechs Monaten oder, noch besser, in zwei Jahren wiederkommen, man könne das Sehvermögen eines Neugeborenen nicht sinnvoll untersuchen.

Die Einzige, die sich über diese Situation freute, war Nasrin. Sie lernte die Namen aller Ärzte, und diese schenkten ihr, manche voller Bewunderung, Bonbons und Spielzeug. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals so viele Auto- und Busfahrten in solch kurzer Zeit unternommen und so viele Menschen besucht zu haben. Sogar an den Untersuchungen hatte sie Spaß, tapfer ließ sie sich Augentropfen geben.

Zu Hause stritten sich die Großmütter lautstark. Nouralis Mutter verfluchte Fereschteh als Strafe Gottes und wiederholte ständig: „Das liegt in eurer Familie!“ Fatemeh erinnerte sie jedes Mal daran, dass ihr Großvater der Bruder von Fereschtehs Urgroßmutter gewesen sei und sie deshalb alle aus einem Blut seien. Doch Nouralis Mutter stachelte mit ihren Verwünschungen die übrigen Verwandten an: Sie forderten, diese schlechten Zeichen Gottes loszuwerden, und beteten, man möge sie samt Familie schnellstmöglich davon befreien. Schließlich nahmen Fereschtehs Eltern ihre Tochter und die Kinder mit aufs Dorf.

Dort, in einem Gehöft, dessen Bauten aus luftgetrockneten Lehmziegeln einen erdigen Duft verbreiteten, waren die Nachbarn weit genug entfernt, dass Fereschteh nicht dauernden Beleidigungen, Angriffen und Mitleidsbekundungen ob ihrer Sündenhaftigkeit ausgesetzt war. Die Luft war sauberer, aber das Haus voller Ungeziefer.

Nourali besuchte sie nur am Wochenende und meckerte jedes Mal, wie schlecht es ihm ergehe. „Alle haben einerseits Mitleid mit mir, andererseits höre ich aber, wie hinter meinem Rücken über mich gesprochen wird. Selbst die Arbeitskollegen, die bisher nicht einmal wussten, dass ich eine blinde Tochter habe, wissen nun alles über mich, meine Familie und meine Vergangenheit. Mein Vorarbeiter, von dem gemunkelt wurde, er sei Spion der Werkssicherheit, meinte gespielt freundlich, Gott habe mich dafür bestraft, politisch aktiv geworden zu sein. Er spielte sicher auf meine Teilnahme am Streik gegen die Engländer zur Verstaatlichung der Ölindustrie unter Premierminister Mossadegh an.“ Er müsse etwas gegen diese verzwickte Situation tun, sagte Nourali.

Eines Nachts brach es aus ihm heraus: „Ich liebe meine Kinder genauso wie du, trotzdem müssen wir irgendwie eine Lösung für diese Situation finden. Ich bringe die Kinder an den Brunnen außerhalb des Dorfes, und du kommst und ertappst mich dabei.“

Fereschteh sprang wie eine wilde Katze auf und rannte – genau wie in Mahschahr, nur mitten in der Nacht – mit Nader auf dem Arm und Nasrin fest an der linken Hand auf die Felder hinaus. Wieder begann sie, zu trillern und zu singen. Nourali überwand nach einer Weile seinen Schock und lief ihr hinterher. Jetzt kamen auch die Dorfbewohner, ausgerüstet mit Kerzen und kleinen Fackeln, und kreisten sie ein. Nourali schlug auf Fereschteh ein, doch sie ließ die Kinder nicht los, sie schrie und zappelte so heftig, als hätte sie plötzlich die Kraft von drei Menschen. Niemandem gelang es, sie ruhigzustellen. Nasrin weinte lautlos und Nader bekam vor lauter Schreien zum ersten Mal im Leben eine heisere Stimme, da wurde es plötzlich still: Durch einen sich öffnenden schmalen Korridor in der Menschenmenge kam Fatemeh nach vorne. Sie schob Nourali und die anderen Männer und Frauen beiseite und redete auf ihre Tochter ein, gleichzeitig schien sie aber alle anzusprechen: „Solange ich lebe, wird niemand deinen Kindern etwas antun. Blind hin, Gottesstrafe her. Das sind auch Gottesgeschöpfe, und wenn jemand mein Haus betritt, um nur einen bösen Blick auf diese Kinder zu werfen, schmeiße ich ihn in den Brunnen, in den dieses Scheusal meine Enkel zu werfen gedachte, und sei es mein eigener Mann, der nur davon lebt, dass er ein Nachkomme des Propheten ist.“

Dann küsste sie die Tochter und ihre beiden Enkel auf den Kopf und sie beruhigten sich sofort – als hätten alle drei Schnuller in ihre Münder bekommen. Fereschteh samt Nader und Nasrin folgten ihr nach Hause. Die Menge zerstreute sich ohne weiteres Gerede. Nourali schlief in dieser Nacht nicht bei seiner Frau. Er ging ins Nachbardorf, zu seinem jüngeren Bruder, der ihm bei seinem Plan zu Hilfe hatte kommen sollen. Dieser Mann war für seine Wortkargheit bekannt und kommentierte die Tränen seines Bruders mit keinem Wort. Er konnte nicht wissen, weshalb Nourali weinte: Aus Freude über die Rettung der Kinder, wegen des Verlusts seiner Manneswürde im Dorf, oder weil er weiterhin als schuldiges und bestraftes Gottesgeschöpf gelten würde? Hätte man ihn gefragt, hätte Nourali es wahrscheinlich selbst nicht gewusst.

Er lag auf seinem Strohsack und konnte es kaum erwarten, sein Morgengebet zu verrichten, um mit Gott zu reden, oder besser: Gott zur Rede zu stellen. Er konnte sich nicht erinnern, je so fieberhaft das Morgengebet herbeigesehnt zu haben. Unzählige Male schaute er auf seine Uhr, ging grundlos zur Toilette, trank Wasser und wälzte sich auf dem Strohsack hin und her, bis es endlich so weit war. Er verrichtete die zwei Gebetszyklen in einer Geschwindigkeit, wie man sie sonst nur von Jugendlichen kennt, die nur beten, weil ihre Eltern sie dazu zwingen. Nach anderthalb Minuten, die ihm wie eine Ewigkeit schienen, kam er zum Schluss, kniete sich nieder, sandte seine Grüße an den Propheten und an die tugendhaften Knechte Gottes und sprach laut und feierlich: „Du bist doch allwissend und gerecht. Zähle mir hier, vor mir und dir, meine Sünden und Widrigkeiten auf. Ein ganzes Leben habe ich nur geschuftet und keinen Mucks gemacht. Die Schläge meiner Eltern habe ich brav und ohne Widerstand empfangen und selbst meine Frau habe ich immer nur mäßig geschlagen. Ich habe weder gestohlen noch betrogen … Wenn ich mal lügen musste, dann nur aus der Not heraus. Wenn ich mal eine Frau begierig anblicken musste oder ihr gar nachlief, dann war es doch nur mein Männerinstinkt, der mich dazu trieb. Warum muss ich dann so von dir bestraft werden? Machen das nicht andere Männer auch? Angenommen, ich wäre das schlechteste deiner Schafe, müssen dann meine Kinder dafür bestraft werden? Du barmherziger, gerechter Gott, willst du uns nach dem alten Sprichwort leben lassen, ‚In Balch hat jemand etwas verbrochen, in Schuschtar wurde einem anderen der Schädel zerbrochen‘? Ich darf nicht wagen, dir ein Ultimatum zu stellen, aber mir selbst habe ich eins gestellt: Ich habe mich vor Angst, ein drittes blindes Kind zu empfangen, von meiner Frau entfernt. Und ich weiß: Von dir darf ich keine Barmherzigkeit, noch nicht einmal Gerechtigkeit erwarten. Was auch passiert, meine Manneslust werde ich nicht weiter unterdrücken, ob du mir dabei hilfst oder mir wieder Katastrophen schickst. Und ich mache aus meinen Kindern richtige, vollwertige Menschen. Aber wenn du mir schon nicht helfen willst, so lege mir bitte zumindest keine Steine in den Weg. Ich will nützliche Kinder erziehen.“

Er sandte wiederum Grüße an den Propheten, an die Tugendhaften und an Adressaten, von denen er nicht wusste, wer sie waren.

An Nader schienen nur seine Hände, seine Füße und seine Zunge zu wachsen. Bald lernte er laufen, er wackelte auf dem Hof herum, griff nach allen Sachen und Menschen und quälte allen voran seine Mutter ständig mit der Frage: „Was ist das?“

Die geduldigste Erklärerin für den kleinen Nader aber war Fatemeh: Sie nahm den inzwischen dreijährigen Jungen mit in den Hühner- und Rinderstall, zeigte ihm alles, womit eine Schäferin zu tun hatte, und machte sich nichts daraus, wenn er sich immer wieder seinen Kopf an Hindernissen stieß.

Auch Fereschteh versuchte, seine Fragen zu beantworten, und ließ ihn seine Nase überall hineinstecken. Nur während des Brotbackens hatte sie schreckliche Angst: Er ging immer so nahe ans Feuer heran, weil er selbst backen wollte. Der Tannur, ein oben offener Lehmzylinder, wurde von der Seite mit Reisig beheizt und war sehr heiß. Flammen schlugen oben bis an die Öffnung, wenn Fereschteh die Fladenbrote für kurze Zeit innen an die heißen Lehmwände klebte. Sie stellte Nader währenddessen vorsichtshalber in einen riesigen, in einigem Abstand aufgestellten Zuber aus Holz, aus dem er nicht alleine herauskam. Nader versuchte es dennoch immer wieder, er zog sich am Rand hoch und hatte Spaß an der Sache, als machte er Gymnastik.

Die Mutter buk ihm und Nasrin immer ein winziges, frisches, ganz heißes Stück Fladenbrot, das sie mit Genuss betasteten und mit dem sie ein wenig spielten, indem sie daran zogen und es einrollten. Dann erst aßen sie es – und verlangten wieder und wieder Nachschub.

Nourali besuchte sie immer seltener.

Im Winter schien etwas Wichtiges im Gange zu sein. Das Haus war immer voller Gäste, und Fatemehs Mann, der normalerweise sehr wortkarg war, diskutierte heftig mit Männern, die Nader noch nie gehört hatte. Die Erwachsenen schienen immer weniger Zeit für ihn zu haben. Selbst Fatemeh war ungeduldiger geworden und nahm ihn immer seltener mit sich zur Weide oder in die Ställe. Sie verfluchte „die Leute, die unsere Existenz zerstört und uns das kleine Grundstück weggenommen haben“.

„Oma, wer hat euch das Grundstück weggenommen?“, fragte Nader.

„Das verstehst du nicht, mein Junge“, seufzte sie. „Unser Grundstück lag zwischen zwei Dörfern und jetzt mussten wir es unter unseren Arbeitern aufteilen. Wir müssen fortan sparsamer leben. Dein Vater begleitet euch in die Stadt.“

Nader war zwar traurig, von seiner Oma fortzumüssen, gleichzeitig aber neugierig auf die Stadt. Nourali lud mit Onkel Mohammadali alles auf dessen Pick-up. Es wurde, wie immer bei Abschieden, geweint und gebetet, den Abfahrenden gab man gute Wünsche mit auf den Weg.

Das Leben in Mahschahr war für Fereschteh und ihre Kinder nahezu unerträglich. Fereschteh musste zusätzlich zum eigenen Haushalt für Mahtab, ihre Schwiegermutter, sorgen, die in der Nähe wohnte und sie ausbeutete. Die Großmutter war im letzten halben Jahr immer unbeweglicher geworden. Die blinden Enkel durften in ihrem Haus nur dann mit anderen spielen, wenn Mahtab von Onkel Mohammadali ins Krankenhaus gefahren wurde.

Nader wunderte sich darüber, wie unterschiedlich Omas sein konnten. Diese hier wollte überhaupt nicht mit ihm und Nasrin spielen, sie erzählte ihnen keine Geschichten und schenkte ihnen nichts. Während andere Verwandte zumindest Mitleid mit den Kindern hatten, manche sogar ihre Entwicklung mit Erstaunen verfolgten und mit Lob begleiteten, schimpfte Mahtab immer und wollte am liebsten nichts mit ihnen zu tun haben. Sie waren eine ständige Erinnerung an die sündig Eingeheiratete.

Wenn aber Nouralis Vater zugegen war, konnten die Kinder Feste feiern. Er spielte mit ihnen und ließ sie auf den Hof zu den anderen Kindern, wo sie dann alle herumtobten. Der Alte bemerkte mit Befriedigung, dass das Blindsein von den Kleinen im Spiel gar nicht richtig wahrgenommen wurde.

Eines Abends kam Nourali freudig erregt nach Hause und hielt eine Ausgabe der Zeitung Keyhan in die Höhe.

„Wir werden Professor Schams in Teheran besuchen“, rief er. „Er kann den Blinden die Blindheit nehmen, Fereschteh und ich können unseren Kindern jeweils eines unserer Augen geben. Der Professor hat schon Augen transplantiert, hier steht es schwarz auf weiß.“

Nouralis Mutter entgegnete ihm rezitierend: „Besser ein heiles Dorf als hundert Trümmerstädte. Wollt ihr erblinden, damit diese armen Würmer vielleicht sehen können?“

„Wir werden dann alle sehen“, sagte Nourali feierlich und verlangte nach Essen.

An einem Freitag brachte Mohammadali sie nach Ahwas, von wo aus die Familie mit dem Bus nach Isfahan und von dort weiter nach Teheran fahren sollte. Nader hatte sich trotz des warmen Frühlingswetters erkältet und schlief die ganze Zeit. Von der Reise blieb ihm nichts im Gedächtnis.

Nourali war, wie in seinen ledigen Jahren, wieder zu einem eifrigen Zeitungsleser geworden. Zusätzlich zur Tageszeitung Keyhan kaufte er das Wissenschaftsmagazin Daneschmand und erzählte Fereschteh fast jeden Tag von Augenheilkundigen und wissenschaftlichen Fortschritten.

Fereschteh, die nichts verstand, sagte nur: „Was Gott will, wird geschehen. Ich liebe meine Kinder, so wie sie sind.“

Darauf wandte Nourali sich knurrend ab.

Offenbar hatte Nouralis Brief an Professor Schams große Wirkung gehabt. Die Familie wurde bei ihrem Eintreffen in der Klinik herzlich empfangen. Man brachte die Kinder sofort auf die Station; sie bekamen ein Zimmer mit zwei großen Betten, von denen eines für Fereschteh und Nader vorgesehen war. Nourali nahm sich ein Zimmer in der Nähe der Augenklinik und besuchte sie täglich.

Schon am nächsten Tag wurden die Kinder von einem Assistenzarzt untersucht. Nourali schlug vor, dass die Eltern jeweils eines ihrer Augen den Kindern schenken könnten, aber der Arzt lächelte nur freundlich und hielt Nader dezent von den medizinischen Werkzeugen fern.

„Wer untersucht hier wen, mein Kind?“, fragte er spaßeshalber. „Du mich oder ich dich?“

„Ich kann auch untersuchen“, gluckste der Junge.

„Ich bin sicher, aus dir wird ein Doktor, aber jetzt bin ich erst einmal dran“, antwortete der Arzt. Erstaunlicherweise versuchte Nourali nicht, den Jungen von den Skalpellen wegzuziehen oder auf ihn einzureden.

Als Professor Schams die Kinder am folgenden Tag untersuchte, waren sie schon in der ganzen Klinik bekannt: Nader als der flinke Blinde, Nasrin als die Sängerin. Anders als der Assistenzarzt war Schams nicht sehr gesprächig. Er sprach wohl mehr mit Blicken als mit seiner Zunge. Mit den Kindern redete er fast gar nicht.

An die Eltern gewandt, sagte er: „Es ist nicht so einfach, wie Sie es sich vorstellen. Ein Auge besteht aus vielen Teilen, und bei diesen Kindern ist etwas defekt, das man nicht einfach so auswechseln kann. Das Auge ist nicht nur der Augapfel. Auch im Kopf gibt es Teile des Auges.“

„Aber“, sagte Nourali in unendlicher Enttäuschung, „Sie haben doch ein Auge transplantiert?!“

Leider, sagte Schams, als hätte er Nourali nicht gehört, seien diese Kinder noch unheilbar, aber nur Gott wisse, was die Wissenschaft in zehn Jahren für solche Leute tun könne. Er verabschiedete sich mit einem väterlichen Blick – und ging.

Als hätte Nader die Antwort des Professors am besten verstanden, kehrte seine Erkältung zurück und er kam erst wieder richtig zu sich, als die Familie bereits einen Tag zu Hause war. Fereschteh zog mit ihren Kindern wieder aufs Dorf und blieb trotz der armseligen Lebensverhältnisse für längere Zeit bei ihren Eltern.

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