Aus dem Leben eines Frauenarztes - Ronald Warm - E-Book

Aus dem Leben eines Frauenarztes E-Book

Ronald Warm

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Beschreibung

Der Autor hat nach seinem 90.Geburtstag begonnen, seine Lebenserfahrungen als Frauenarzt niederzuschreiben. Die Zeitreise beginnt mit seiner Geburt 1931 und endet nach dem Tode seiner langjährigen Ehefrau im Jahr 2022. Zunächst wird kurz auf seine Entwicklung und die seiner Eltern, Geschwister und Verwandten eingegangen. In den einzelnen Lebensabschnitten wird die jeweilige politische Situation und die derzeitige medizinische Entwicklung analysiert. Insofern ist die Biografie auch ein Zeitdokument. Das Familienleben des Autors wird genauso beleuchtet wie seine Hobbys. Ein Hauptpunkt gilt seinen medizinischen und wissenschaftlichen Leistungen und seinen fachlichen Haupt- und Nebenfunktionen. Alle Vorkommnisse sind zeitbezogen und haben sich, wie dargestellt, ereignet.

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Seitenzahl: 306

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

Prolog

Ich

Meine Heimatstadt

Meine Eltern

Bruder Wolfgang

Verwandte väterlicherseits

Verwandte mütterlicherseits

Meine verstorbene Frau und Familie

Meine Kindheit (1931-1938)

Meine Schulzeit (1938 bis 1949)

Meine Studentenzeit (1949 bis 1954)

Militärarztzeit (1954 bis 1958)

Facharztausbildung / Städtische Frauenklinik Leipzig (1958)

Facharztausbildung Universitätsfrauenklinik Leipzig (1958 bis 1961)

Oberarzttätigkeit Universitätsfrauenklinik Leipzig (1963 bis 1971)

Chefarzt Klinikum Brandenburg (1971 bis 1993)

Entlassung als Chefarzt in Brandenburg/ Gerichtsverhandlungen (1992 bis 1994)

Eigne Frauenarztpraxis (1994 bis 1999)

Forum im Internet (2001 bis 2020)

Rentnerdasein (ab 2020)

EINS

Prolog

Nach den, Corona bedingt, kleinen Feierlichkeiten zu meinem 90.Geburtstag am 24. April 2021, meinten alte Freunde und auch die Familie, ich hätte in meinem Leben so viel erlebt, das verdiene von mir aufgeschrieben zu werden.

Ich habe mich zuerst geziert, schließlich zugesagt und mit 90 den Bleistift gespitzt. Es geht um das Zeitfenster 1931 bis 2022, über das ich berichten solle.

Geboren wurde ich 1931 noch in der Weimarer Republik (bis 1933), mein Leben setzt sich fort im sogenannten Dritten Reich (von 1933 bis 1945), über die sowjetische Besatzungszone (von 1945 bis 1949), der Deutschen Demokratischen Republik (von 1949 bis 1991) bis zum wiedervereinigten Deutschland (seit 1991).

Als Eingangslektüre stelle ich mich kurz vor und beschreibe meine Familie, die meinen Lebensweg mehr oder weniger mitbestimmt hat. Dabei versuche ich chronologisch vorzugehen. Wie beschrieben, hat sich alles abgespielt. Manchmal sitzt der Schalk im Nacken.

Ich

Ich, Ronald Erich Warm, wurde am 24.April 1931 (Geburtsregister 46/31 Standesamt Eisenberg/Thüringen), Sternbild Stier („..ist ein freundlicher, ehrlicher Mensch….“) nach 3jähriger kinderlosen Ehe meiner Eltern, als 1.ehelicher Sohn morgens um 5 Uhr in der Wohnung Ihrer Eltern, der Familie Heinecke in Eisenberg (Thüringen), in der Markgrafenstraße geboren, am 10.Mai 1931 in der dortigen Stadtkirche St. Peter getauft, am 14.April 1946 ebenda auch konfirmiert und anlässlich der Goldenen Konfirmation 1996 das Glaubensbekenntnis erneuert.

Abb.1: Ronald Warm 1933

Mein einziger Bruder, 2. ehelicher Sohn, Wolfgang erblickte am 22. März 1937 ebenda das Licht der Welt. Weitere Kinder folgten nicht.

In Eisenberg besuchte ich von 1938 bis 1941 die Volksschule und erhielt 1941, weil gute schulischen Leistungen nicht zu übersehen waren, eine Freistelle am dortigen Realgymnasium „Christianeum“. Die Schulbildung schloss ich am 17. Juni 1949 mit dem Abitur und der Note „gut“ ab.

Im gleichen Jahr erhielt ich -mit 18 Jahren- die Zulassung, zum Studium der Humanmedizin an der Friedrich-Schiller–Universität in Jena, zu dem ich zum 01. Oktober 1949 immatrikuliert wurde.

Meine Hobbies: Münzen, Briefmarken Deutschland, Modelleisenbahnen

Meine Heimatstadt

Meine Heimatstadt, damals eine 11000-Seelen-Kleinstadt, Eisenberg ist eine Kreis- und Industriestadt, liegt in Ostthüringern auf halben Wege zwischen Jena und Gera. Sie beging 1996 ihre 800-Jahr-Feier.

Die vielseitige Industrie reichte von 4 Porzellanfabriken, eine Etuifabrik mehrere Holzverarbeitungsbetriebe, über zwei Klavierfabriken, Bau- und Metallverarbeitungsbetriebe, mehrere Schlachthöfe, fleischverarbeitende Betriebe, bis zu Urlauberhotels, die den Bewohnern der Stadt und denen der Umgebung Lohn und Brot gaben und geben.

Als Sehenswürdigkeiten der Stadt gelten die Schlosskirche (Abb.2) seit 1690 (schönste barocke Kirche in Thüringen), das Rathaus im Renaissancestil seit 1576, (1999 Bundespreis für das schönste Rathaus Deutschlands), (Ab.3) ein Bürgerhaus von 1599 mit der Superintendentur und die schon erwähnte Stadtkirche St. Peter von 1494 (Abb. 4).

Abb.2: Schlosskirche in Eisenberg (seit 1690)

Abb.3: Eisenberger Rathaus (seit 1576)

Abb.4: Stadtkirche S.Peter zu Eisenberg (seit 1494)

Als Kapelle wurde diese Kirche 1219 erstmalig urkundlich erwähnt, mehrfach umgebaut, der spätgotische Chor von 1494 ist heute noch erhalten.

Die Kirche hat, wie die ganze Stadt allen Kriegswirren standgehalten.

Sie war als Lazarettstadt, mit Rot-Kreuzen auf vielen Dächern, markiert und vielleicht deshalb vom Bombenhagel verschont geblieben.

Wir haben in dieser Kirche nicht nur geheiratet, wie auch meine Eltern, sondern wir, meine Frau und ich, konnten dort 2016 anlässlich unserer „Eisernen Hochzeit“ (65 Ehejahre) auch sehr feierlich unser Ehegelöbnis erneuern.

Als das von vielen Touristen und Urlaubern aufgesuchte sogenannte „Mühltal“ am Rande der Stadt, gilt als Naherholungszentrun schlechthin. Dort hatten sich schon im 19. Jahrhundert im Abstand von etwa 500 m

mehrere Sägemühlen (Roberts-, Pfarr-, Wald-, Frosch-. Amtsschreiber-Mühle) angesiedelt, die ihre Existenz dem Waldreichtum der Region zu verdanken hatten, längst stillgelegt sind, aber schon seit langer Zeit entlang des ebenerdigen Mühltalweges (etwa 10 Kilometer) und Mühlbaches, der sich am Weg entlang schlängelt, jetzt als Gaststätten, mit denselben Namen wie früher, zum Verweilen und Genuss von Thüringer Spezialitäten einladen.

Meine Eltern

Mein Vater, der Hilfsarbeiter Ernst, Harry, Erich Warm, geboren am 04.November 1906 und meine Mutter, gelernte Etuimacherin, Paula, Frieda. Hildegard Heinecke geboren am 03.Juni 1909 haben am 21.Mai 1928 den Bund fürs Leben geschlossen. Sie wurden in der Stadtkirche St. Peter zu Eisenberg getraut. (Abb.5)

Abb.5: Meine Eltern (1952)

Mit mir als Säugling zogen sie noch 1931 in die Stadtmitte, in eine kleine 2 Zimmer Wohnung in einer schmalen, kopfsteingepflasterten Gasse, der Johannisgasse, die in die Hauptverkehrs- und Einkaufsstraße mündet (Abb.6).

Abb.6: Haus, indem meine Eltern von 1931- 1977 wohnten (4 Fenster oben links)

Auf jeder Straßenseite standen 6 alte Häuser (und stehen sie noch), in fast jedem Haus aber war ein Geschäft eingerichtet: Bäckerei, Fleischerei, Malergeschäft, Schusterei, ein Fahrradladen, Gemüse-, Zigaretten-, Kolonialwarenladen. Einen Rossschlächter hatten wir auch.

Der kleine dicke Zigarettenhändler, „Schorsch“ Kunze, an den ich mich noch genau erinnere, wurde im Krieg wegen Verbreitung feindlicher Nachrichten von Kunden denunziert, von der Gestapo, der geheimen Staatspolizei der Nazis, abgeholt, in das Konzentrationslager Buchenwald eingesperrt, wo er zu Tode kam. Deshalb hieß die Johannisgasse nach dem Krieg „Georg

Kunze Straße“. Erst nach der Wende wurde sie wieder zur Johannisgasse. Unser Haus trug die Nummer 4. Im Sockel des Hauses war als Baujahr 1804 eingemeißelt. Das konnte für den Sockel stimmen. Der „Hauswirt“ so nannte man den Hausbesitzer, betrieb einen Fahrradhandel mit Laden und Werkstatt. Nur ein einziger „Laden“ hat sich bis in die heutige Zeit gehalten, der Bäcker. Dessen verwöhnter Sohn, ein Schulkamerad, war immer im Dezember bei allen Klassenkameraden sehr beliebt.

Er hatte eine nur in der Adventszeit aufgebaute Modelleisenbahn-Anlage, so 2x3 Meter, der Spur 0, die alle der Schulkameraden sehen wollten, ich gehörte auch dazu (Abb.7).

Abb.7: Modelleisenbahn eines Klassenkameraden (1942)

Von dieser Bahn rührte meine Vorliebe für Modelleisenbahnen her, die mich mein ganzes Leben begleitet und so manche Mark gekostet hat und jetzt nur noch rumsteht. Weder meine Kinder noch meine Enkel haben dafür Interesse gezeigt, jetzt warten über 50 Lokomotiven der Spuren HO und TT und über 100 Waggons auf neue Besitzer.

Die Mietwohnungen, (vier 2- Zimmerwohnungen) von denen meine Eltern eine bezog, lagen alle im 1. Stock, Wasser gab es für alle an einem gemeinsamen Wasserhahn im Flur, ein Plumpsklo am Ende eines überdachten langen Ganges, auch für alle Mieter, aber einen Keller 20 Stufen tief. Dort versammelten sich während des 2. Weltkrieges bei Fliegeralarm alle Bewohner des Hauses und auch die aus der Umgebung und beteten, dass keine Bomben fallen sollten. Es fielen auch keine.

Die monatliche Miete betrug 20,- Deutsche Reichsmark, die jeweils am 1.jeden Monats vom Hausbesitzer persönlich kassiert und penibel in ein Oktavheft eingetragen wurde.

8 Kinder unterschiedlichen Alters tobten den ganzen Tag durchs Haus und auf der Gasse, der Johannisgasse. Dreirad und Roller waren unsere Verkehrsmittel. Gespielt wurde mit Kreisel und Reif (Abb.8).

Abb. 8: Kinderschar in der „Gasse“ (1938, ich vorn rechts)

Unter den genannten Bedingungen haben meine Eltern bis zum Ende Ihrer Tage in Einklang und Frieden mit Ihren wechselnden Mitbewohnern gewohnt, ich bis 1949, mein Bruder länger. Bauliche Besserungen gab es nach dem 2. Weltkrieg.

Mein Vater starb nach einem grippalen Infekt und nachfolgender Lungenentzündung ganz plötzlich am 29.Dezember 1974 im Krankenhaus Eisenberg. Meine Mutter starb dort auch, am 30.August 1977 an den Spätfolgen eines Mammakarzinoms.

Bruder Wolfgang

Mein einziger Bruder, Wolfgang wurde am 22. März 1937 in Eisenberg geboren, Mein Vater war 6 Monate vorher zwangssterilisiert worden, als meine Mutter schon mit Wolfgang schwanger war.

Bei der Nachuntersuchung 6 Wochen nach der Geburt von Wolfgang wurde bei unserer Mutter ein Krebs am Muttermund vermutet. Diese Diagnose wurde durch spezielle Abstrich-Untersuchungen bestätigt und deswegen eine gynäkologische Radikaloperation vorgeschlagen und auch durchgeführt (1937).

Nachbehandlung und Kuraufenthalte (1937-1939) schlossen sich an.

Mir noch sehr gut erinnerlich: Bei einer Kur in Benneckenstein, an der Harzquerbahn gelegen, lernte meine Mutter, die auch eine ganz schnelle Strickkünstlerin war, eine Frau aus Sonneberg im Thüringischen kennen, die eine Christbaumkugeln-Herstellung als Handwerk betrieb und ihre Kugeln bis nach USA exportierte.

Für diese Frau strickte meine Mutter während ihrer Kur. Aus Dankbarkeit und Lohn schickte uns diese Frau immer im November ein Riesenpaket mit den neuesten Christbaumkugeln. Das wiederholte sich jedes Jahr bis zur letzten Kriegsweihnacht (1944).

Ich hatte immer die Aufgabe am Tag vor Weihnachten den vorbereiteten Weihnachtsbaum mit diesen Kugeln zu schmücken, Fiel eine Kugel runter und zerbrach, gab es Ohrfeigen, die Thüringer nannten die „Backpfeifen“. So hatten wir viele Jahre immer weit und breit den am schönsten geschmückten Weihnachtsbaum. Es gab viele Leute, die sich das Prachtstück ansehen wollten. Da war zur Weihnachtszeit immer viel Betrieb in der Bude.

Durch die Rekonvaleszenz-Maßnahmen für meine Mutter musste aber auch der Säugling Wolfgang anderweitig versorgt werden. Die frisch verheiratete Tante Wally (Mutters jüngste Schwester) und ihr Ehemann erklärten sich dazu bereit. Er wurde von dem kinderlosen jungen Ehepaar liebevoll wie ein eignes Kind behandelt, bekleidet und erzogen und als solches auch ausgegeben. Wolfgang war als Kleinkind, wie noch alte Fotos nachweisen, ein ausgesprochener „Schönling“, was die „Pseudo“-Eltern natürlich sehr glücklich machte.

Mit Beginn des 2. Weltkrieges am 1.September 1939 wurde die Versorgung des nun schon Kleinkindes Wolfgang problematisch, Tante Wally wurde dienstverpflichtet, Ihr Mann wurde Soldat, meiner Mutter ging es nun endlich besser und so kam Wolfgang wieder nach Hause. Hier wuchs er ganz normal auf, war in seinem Wesen eher bescheiden, zurückhaltend, besuchte die 8-Klassen-Schule, zeigte als Schüler gute schulische Leistungen, schon technisches Interesse, war ständiger „Mitarbeiter“ in der Fahrrad-Werkstatt unseres Hauswirtes. Er wollte sich auch beruflich in dieser Richtung weiterbilden.

So wurde nach der 8-Klassen-Schule eine Lehre als Feinmechaniker bei der Firma Karl–Zeiss in Jena beantragt und auch genehmigt. Dorthin musste er jeden Tag mit der Reichsbahn fahren. Um die Fahrerei zu umgehen, wohnte er dann zeitweise bei mir in Jena, was mir nicht so sehr gefiel, aber mein Vater honorierte meinen guten Willen mit 5 DDR-Mark pro Woche, eine Tante legte immer noch 2 Mark drauf.

Nach seiner gut bestandenen Gesellenprüfung konnte er ein Fachschul-Ingenieur-Studium in Leipzig aufnehmen und erfolgreich abschließen (Abb.9).

Abb.9: Bruder Wolfgang mit Frau 1966

Zu der Zeit war er häufig unser Gast in Leipzig, wo wir zu der Zeit wohnten. Danach bewarb er sich um die vakante Stelle eines Betriebsingenieurs in den Persil-Werken in Genthin und erhielt die Zusage. In dieser Funktion war er bis 1992 berufstätig.

Während der DDR war er einige Jahre als Fachingenieur-Berater in Syrien und China tätig.

Er war verheiratet und hatte 2 Kinder, Christiane und Andreas. Zu der Familie Wolfgang bestand ein enges Verhältnis, es wurde viel gemeinsam unternommen.

Wolfgang starb (79) am 04.April 2016 an den Folgen einer Apoplexie, Herzinfarkt und Lungentumor. Wir, meine Frau, als sie noch lebte und ich hatten eine enge freundschaftliche Verbindung zu der Schwägerin und den Familien ihrer Kinder, die ich heute noch pflege.

Verwandte väterlicherseits

Ich kannte noch beide Großmütter, die Mutter meines Vaters, Alma Warm geborene Dunzel und die Mutter meiner Mutter, Emma, Auguste, Heinecke geborene Waage, Beide Großmütter hatten Eins gemeinsam: Jede brachte ein uneheliches Kind mit in die Ehe, Emma den Richard und Alma den Kurt. Eine voreheliche Schwangerschaft galt in der damaligen Zeit als höchst unmoralisch. Wir konnten sowas als Kinder nicht einordnen und war uns auch egal,

Ich kannte auch noch die beiden unehelichen Söhne, persönlich ganz gut, den Onkel Richard, der auswärts wohnte und den Onkel Kurt. Die unterschieden sich von den anderen Kindern der Familie nicht, nur hatten sie andere Familiennamen.

Letzteren kannten wir nur als „Dunzel-Kurt“, der als Briefmarkenexperte galt, mir das Briefmarken sammeln empfohlen und gelernt hat. Später, nach dem Studium, habe ich mich mit den deutschen Briefmarken mehr beschäftigt, die ja Geld kosteten und nicht ohne weiteres zu erwerben waren. Mit Sammelbescheinigung (so etwas gab es tatsächlich) konnte man bis 3 Sätze Briefmarken erwerben, solange es die DDR gab. Ich habe heute noch die DDR- Marken komplett, mehrfach und ungebraucht und Marken der damaligen Bundesrepublik Deutschland durch Tausch mit einem später noch zu erwähnenden Freund aus Hannover komplett gebraucht von 1955 bis zur Wiedervereinigung. Sie sind heute nur für wenige Prozent des Nominalwertes zu erwerben.

Außerdem hat mir der Onkel Kurt die Grundzüge („Eröffnungen“) des Schachspiels beigebracht. Das habe ich gern und oft gespielt, besonders als ich ein eignes Schachspiel geschenkt bekommen hatte. Ein Aljechin bin ich nicht geworden.

Die Großväter waren schon frühzeitig verstorben. Von den Großeltern liegen Geburts- und Sterbedaten leider nicht vor.

Während des 3. Reiches (1933-1945), dem „Nationalsozialismus“ hatte jeder, der eine staatliche Funktion übernehmen wollte, einen Ahnenpass beizubringen, Das war eine staatlich beglaubigte gesetzliche Ausweisurkunde. Der kleine Ahnenpass war für „kleinere“ Beamte unerlässlich, hatte Auskunft über die Vorfahren ab 1871 (Beginn Deutsches Kaiserreich) zu geben. Die Parteigenossen wurden hinter der vorgehaltenen Hand „Nazis“ genannt. Das war strafbar.

Im großen Ahnenpass, für höherer Beamte vorlagepflichtig, waren die Vorfahren zurück bis 1789 (Französische Revolution) aufzuführen. Tauchten in den Pässen keine jüdischen Namen auf, galt man als Arier. Dieser Pass diente als Nachweis der arischen Abstammung seines Besitzers (Vorfahren bis zur 5. Generation).

Da unsere Vorfahren aufgrund ihres niedrigen gesellschaftlichen Status für Führungspositionen nicht infrage kamen, mussten sie auch keine Ahnenpässe beantragen. Die Herkunft war egal.

Es hatten nicht alle ein Familienstammbuch und so waren persönliche Urkunden umso dürftiger, je weiter man die zurückverfolgen wollte. Da deren Kinder etwa ab 1900 geboren wurden, kann man annehmen, dass die Geburtsalter der Großeltern vor 1880 gelegen haben müssen.

Aus der Ehe des Elektrikers (so der Eintrag im Familienstammbuch) Karl August Warm und dessen Ehefrau Minna Alma geborene Dunzel, gingen 5 Kinder hervor: Karl (1905), mein Vater Erich (1906), Walter (1908), Hilde (1912) und Else (1916). Der unehelich geborene Kurt kam 1901 zur Welt. Alle geboren und auch damals wohnhaft in Keuchberg (Kreis Bad Dürrenberg /Sachsen-Anhalt).

Alle Kinder hatten eine 8-Klassen-Schule besucht, Sitzenbleiber sind nicht bekannt. Keines der Kinder jedoch hat eine Berufsausbildung abgeschlossen, meist nicht mal begonnen. Sie wurden angelernt und in verschiedenen Berufszweigen Hilfsarbeiter. Sie hatten zwar alle denselben Himmel aber nicht denselben Horizont.

In der Familie wurde eine erbliche Augenkrankheit (Retinitis pigmentosa) festgestellt. Es handelt sich dabei um eine meist autosomal-rezessiv (bestimmte Erbfolge) vererbbare, bis heute meist noch unheilbare Netzhautdegeneration. Dabei kommt es frühzeitig zu Nachtblindheit, später zusätzlich zu Farbblindheit, schließlich wird der Gesichtskreis durch zirkulären Abbau der Netzhaut zunehmend eingeschränkt, führt endlich zum sogenannten „Flintenrohrblick“ was einer fast Blindheit gleichzusetzen ist. Wir, unsere Kinder, Enkel und Urenkel haben diese Krankheit nicht. In den meisten Fällen hat diese Krankheit oft schon frühzeitig eine Invalidisierung der Erkrankten zur Folge. Sie konnten auch wegen dieses Leidens nur mit Hilfsarbeiten beschäftigt werden.

Die Krankheit fiel in der Nazizeit als „erbliche Blindheit“ unter das Erbgesundheits-Gesetz (Gesetz „zur Verhütung erblichen Nachwuchses“

von 1933, und dessen Ergänzung 1936,) unter das aber auch Schizophrenie, angeborener Schwachsinn, Veitstanz, körperliche Missbildungen oder Krampfleiden, aufgeführt wurden, was automatisch eine anfangs Freiwillige, später (ab 1936) eine Zwangssterilisierung „zur Verhütung erblichen Nachwuchses“ zur Folge hatte.

Betroffen waren mein Vater und sein Bruder Karl, die an der Erkrankung litten und deshalb 1937 zwangssterilisiert wurden. Der jüngste Bruder Walter hatte die Erkrankung nicht, zählte aber trotzdem zur Familie deren Männer sich sterilisieren lassen mussten.

Auf Grund dieses Gesetzes wurde in Nazi-Deutschland etwa 500 000 Menschen zwangssterilisiert, etwa 200 000 im Rahmen ihres Euthanasie-Programmes dadurch oder planmäßig ermordet.

Verwandte mütterlicherseits

Verhältnisse mütterlicherseits sind etwas unübersichtlich, Es sind 5 Kinder bekannt - 4 Familiennamen. Der 1896 geborene Richard hieß Gross, der Zweitgeborene Kurt (1905) hieß Meißner. Die Mädchen

Hildegard, (meine Mutter, 1909), Gertrud 1912 und Wally 1918 sind als Heinecke geboren. Als Vater ist der Porzellanfabrik-Arbeiter Traugott Louis Heinecke eingetragen. Oma Emma war eine geborene Waage, könnte mehrmals verheiratet gewesen sein. Viel später (1940) hat sie noch den Postbeamten Muschert in Merseburg geheiratet. Wo ich öfter meine Sommerferien verbracht habe. Sie starb 1953 In Eisenberg.

Meine verstorbene Frau und Familie

Als ich begann meine Biografie zu schreiben (2021), lebte meine Frau noch. Sie hat in den vielen gemeinsamen Jahren unserer Freundschaft und den 70 Jahren unserer Ehe, meine Geschichte maßgeblich mitgeprägt. Sie hat mich auch gedrängt zu schreiben. Deshalb soll hier an Sie besonders gedacht werden.

Von den Großeltern und Eltern meiner Frau, alles gebürtige Ostpreußen, liegen standesamtliche Unterlagen vor. Im Taufregister Wilhelmsberg (Landkreis Darkehmen /Angerapp) von 1845 wird die Taufe von Julius Strasdat (geb. am 09. Mai 1845, Opa meiner Frau), von seinen Eltern, Michael Strasdat und Ehefrau Emma geb. Mertins angezeigt.

Im Taufregister 1847 von Wilhelmsberg wurde die Taufe von Wilhelmine, Karoline Kurschat (geb. am 22.September.1847, Oma meiner Frau), von Ihren Eltern, Christoph Kurschat und dessen Ehefrau Christine geb. Kowalsky angezeigt.

Der Vater meiner Frau, Eduard Strasdat wurde am 17.November 1878 in Brindslacken (Landkreis Königsberg) geboren. Er hatte 7 Geschwister: die Brüder August, Hermann und Franz sowie die Schwestern Luise, Lina, Emma und Auguste. Die wir alle noch kennengelernt haben.

Nach seiner Soldatenzeit (zuletzt Korporal bei den Insterburger Ulanen), konnte er auf Grund dieses Dienstgrades, seinem Wunsche entsprechend, bei der Reichsbahn eine Beamtenlaufbahn beginnen.

Er wurde nach seiner Ausbildung zunächst als Bahnhofsvorsteher in Skandau (heute russisch) im Kreis Gerdauen eingesetzt, wo er pro Tag 2-3 Züge abzufertigen hatte. Da, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagten, etwa in der Mitte Ostpreußens, wurde auch meine Frau am 31. Dezember 1929 geborenEr war fleißig, so ließ eine Beförderung nicht lange auf sich warten und wurde von dort in der gleichen Funktion nach dem größeren Ukta (Masuren) versetzt, (das wir im Jahr 2000 angeschaut haben).

(Abb.10.)

Abb. 10: Besuch in Ukta (meine Frau zeigt)

Abb. 11: Bahnhof in Ukta (Masuren 2000)

Der altdeutsche typische Backsteinbau von 1889 steht noch wie damals. (Abb.11)

Die Schienen haben die Russen als Kriegsbeute mitgenommen. Dort hatte mein späterer Schwiegervater zusätzlich zum Zugverkehr noch eine Schranke zu bewegen, die ihm zum Verhängnis wurde.

Er verletzte sich bei der Handhabung der Schranke schwer, deren Zusammenhänge ich leider nicht kenne. Jedenfalls musste aber eine Niere entfernt werden. Er war nur noch innendienstfähig und wurde deshalb als Güter-Betriebswart zum Güterbahnhof Insterburg versetzt. In dieser Funktion blieb er, bis er das Pensionsalter (er war ja Beamter) 1943 erreicht hatte.

Bereits im 1. Weltkrieg (1914) musste die Mutter meiner Frau, damals Mutter mit 3 Kindern (Vater blieb vor Ort) vor den Russen nach der Insel Rügen (Altefähr) flüchten. Sie konnten aber nach der Schlacht bei Tannenberg (in der Nähe von Allenstein) im August 1914(für die Vertreibung der Russen wurde dem Feldmarschall Hindenburg dort ein Denkmal gesetzt), wieder in ihre Heimat zurückkehren.

Die Mutter meiner späteren Frau, Berta, geborene Mattutat, wurde am 14. August 1884 in Schwalbental (Landkreis Insterburg) geboren. Nach dem Schulbesuch war sie als Haushalshilfe bei einer „Ritterguts- Herrschaft“ tätig. Die Mutter Berta hatte 5 Geschwister: die Brüder Otto und Franz, sowie die Schwestern Emma, Auguste und Martha. Ihr Bruder Otto, der einzige der in Sachsen wohnte und dort eine Gärtnerei betrieb, sollte später bei der Flucht vor den Russen noch eine größere Rolle spielen.

Eduard Strasdat und Berta geborene Mattutat heirateten 1906.

Aus dieser Ehe gingen 8 Kinder hervor, die inzwischen alle verstorben sind. Frieda, verheiratete Bundt (26.September 1907 – 20. Juli 1942), Hausfrau, Erich (14.September 1909 -26.Juni. 1968), Beamter, Gertrud, verheiratete. du Maire (27.Juli.1912 – 17.Januar.2005), Verkäuferin, Ella, verheiratete Angrabeit (27.Juni.1916 – 26.Dezember.1993), Sekretärin, Heinz, gefallen an der Ostfront (16.September.1920-22.Dezember.1943) Tischler, Gerhard (06. Februar.1923 – 08.Oktober.1999), bei der Bundesbahn Oberassistent, Werner (02.Februar.1925 – 25.März.2007) Reichsbahnrat (DDR behielt die Bezeichnung „Reichsbahn“) und schließlich die Nachzüglerin, das „Nesthäkchen“ Christel. Sie wurde nicht nur am 31.12.1929 in Skandau/ Ostpreußen geboren, sondern auch am 31.Dezember 1951 in Eisenberg standesamtlich meine Frau und starb am 08.Januar 2022 im gesegneten Alter von 92 Jahren.

Die Familie zog, bedingt durch Versetzung des Vaters, 1933(?) nach Insterburg und wohnte dort zuletzt, in der Immelmann-Straße 50, der war ein berühmter Jagdflieger des 1. Weltkrieges, wie Richthofen, Göring.

Dann ging es im Oktober 1944 nach Gornau (Sachsen) zum Bruder Otto der Mutter. Das war möglich, weil der Vater zwar in Pension gegangen war, aber immer noch Freifahrtscheine erhielt, mit denen er, ohne eine Sondergenehmigung, durch ganz Deutschland fahren konnte. So konnten Vater, Mutter und Tochter ohne direkte Flucht vor den Russen, wie die anderen Familienmitglieder, nach Sachsen reisen und dort zunächst bleiben. Der Otto war ein kluger Mann. Er hatte seiner Schwester, also der Mutter meiner Frau gesagt, dass alle Familienmitglieder sich merken müssten, dass bei Flucht oder nach Gefangenschaft Treffpunkt für alle immer Gornau sei und hinter der vorgehaltenen Hand, dass Hitler den Krieg sowieso verliert, In Insterburg besuchte sie nach der Volksschule ab 1940 die Frieda-Jung-Mittelschule bis zur besagten Flucht und wechselte dann in die

Oberschule in der von Gornau mit dem Fahrrad leicht erreichbaren Kreisstadt (Zschkopau/Sachsen). Dort nahm sie am Unterricht teil, bis der Krieg zu Ende war (08.Mai.1945).

Zu der Zeit war dieser Teil Sachsens militärisches „Niemandsland“. Erst Tage nach Kriegsende wurde dieser Teil Sachsens von sowjetischen Truppen besetzt.

Meine spätere Frau und Ihre Eltern und mit Ihnen eine große Zahl Flüchtlinge konnten wegen zu vieler Heimatloser nicht in Gornau bleiben, wo sie gern geblieben wären, sondern wurden zunächst im September 1945 nach Eisenberg in Thüringen „umgesiedelt“ wie es damals im sowjetisch-deutschen Sprachgebrauch hieß und von dort in die umliegenden Dörfer verteilt.

Im 5 km von Eisenberg entfernten hübschen 600-Seelen-Dorf Hainspitz am See und Wald („Luftkurort“) mit Rittergut, Schule, Kirche, Kneipe, einen Friedhof hatten sie auch, Kreismolkerei und Bahnhof, fand die kleine Familie und dem schon aus der Gefangenschaft entlassenen Bruder Erich Aufnahme und endlich wieder Ruhe. 4 erwachsene Personen, 1 Zimmer im 1.Stock eines Einfamilienhauses mit einem Nebenraum, der gerade Platz für ein Bett und einen Schrank hatte - des Bruders Reich. Toilette und Wasser im Hof.

Während ihr Bruder nach Heimkehr seiner Frau aus Eutin, wohin sie durch die Flucht vor den Russen verschlagen worden war, bald eine andere, aber nicht bessere Wohnung erhielt, (bis dahin kinderlos) wohnten meine Freundin mit Ihren Eltern zusammen in der genannten „Absteige“ bis nach unserer Heirat, bis 1952.

Die Eltern verbrachten ihr Rentnerdasein später im gleichen Ort in einer kleinen gemütlichen Neubauwohnung. Dort starben ihr Vater mit 80 Jahren am 11.Dezember 1958 und Ihre Mutter fast 90jährig am 01. Oktober 1974 friedlich im Kreise der Familie, ohne jedoch ihre Heimat wiedergesehen zu haben. Schwiegervaters Pension wurde nach dem Krieg nicht mehr ausgezahlt, sondern durch eine Minimalrente, zusammen mit seiner Ehefrau, ersetzt. Das reichte nicht, um auch die Tochter mit zu ernähren und ihr den weiteren Schulbesuch zu ermöglichen. Deshalb musste sich meine Freundin nach Arbeit, egal welcher Art, umsehen. Das war nur in Eisenberg möglich. Arbeitsplätze waren ebenso rar wie Plätze zur Ausbildung.

Sie wurde mit anderen, auch geflüchteten, Freundinnen als Hilfsarbeiterin in eine Porzellanfabrik vermittelt. Es war eine völlig ungewohnte, schwere körperliche Arbeit bei geringem Lohn. In diesem Betrieb war sie dennoch bis 1952 tätig. Sie hat dort alle möglichen Qualifizierungsmöglichkeiten genutzt und so auch Schritt für Schritt ihren anfangs niedrigen Lohn verbessern können.

Meine Kindheit (1931-1938)

Ich war, wie schon erwähnt, bis zum Schulanfang Einzelkind und auch entsprechend erzogen. Einzelheiten über lustige oder andere Vorkommnisse während meiner frühen kindlichen Entwicklung sind mir nicht bekannt. wurden von meinen Eltern auch nicht, zum Beispiel bei Familienfeiern, zum Besten gegeben

Ich wuchs mit 4 etwa gleichaltrigen Kindern des Hauses ohne Besonderheiten auf. Meine Mutter ist diesbezüglich nicht sehr mitteilsam gewesen, sie war aber sehr streng, so gab es kein „in den Arm nehmen“, man hatte vor der Mutter Respekt, manchmal Angst, Mutterliebe in dem Sinne habe ich nicht verspürt.

Im späteren Vorschulalter gab es für jede unartige Kleinigkeit Schläge mit einem Kleiderbügel aus Holz, der lag immer bereit („den Arsch versohlen“). Manchmal schienen auch Ohrfeigen auszureichen („eins hinter die Löffel kriegen“). Durch zahlreiche Untersuchungen, besonders in den letzten Jahrzehnten sind körperliche und psychische Schäden bei in ihrer Kindheit geschlagenen Kindern eindeutig nachgewiesen und so heißt es im Volksmund: „Ein Mensch, der keine Nestwärme erfahren hat, friert sein Leben lang“, ein sehr wahres Wort.

In Deutschland sind jetzt alle Körperstrafen in der Kindererziehung seit dem Jahr 2000 auf Grund des Gesetzes zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung verboten: „Kinder haben das Recht auf gewaltfreie Erziehung“.

Bei mir sind solche Schäden auch nicht ausgeblieben. So war waren die zwischenmenschlichen Beziehungen zu meiner Mutter und mir das ganze Leben lang gestört, wenn das auch familiär nicht zum Ausdruck kam, wir konnten kein normales Mutter-Sohn–Verhältnis aufbauen.

So hat es auch nie vertrauliche Gespräche oder engere persönliche Kontakte gegeben. Über auftretende Probleme wurden ganz offen gesprochen, man weiß: wenn man Probleme konsequent ignoriert verschwinden sie nur, um Verstärkung zu holen!

Meine Schulzeit (1938 bis 1949)

Ostern 1938 wurde ich in die sogenannte Ostschule in Eisenberg eingeschult. Die gehobenen Stände schickten Ihre Kinder in die andere etwas besser ausgestatte Schillerschule, das war schon eine Art Statussymbol (Abb.12).

Abb. 12: Schillerschule Eisenberg

Da Stichtag jeweils der 31. Mai war, hätte ich schon 1937 eingeschult werden können. Bei einer späteren Rücksprache darüber, sagte mir meine Mutter, bei der vorschulischen Untersuchung sei der Verdacht auf eine Lungentuberkulose ärztlich geäußert und der Vorschlag gemacht worden, die nun folgenden weiteren Untersuchungen abzuwarten und deswegen Schulanfang um ein Jahr zu verschieben.

Durch die nachfolgenden Untersuchungen konnte die Diagnose Lungentuberkulose gottseidank nicht bestätigt werden, ich musste allerdings mehrere Jahre jährlich zur Lungenkontrolle.

Ich hatte schwimmbegeisterte Eltern, es gab ein Freibad, wenn das auch diese Bezeichnung von der Größe her nicht verdiente.

Wir nannten es respektlos „Pfütze“, ohne Schwimmbahnen, geteilt in Schwimmer und Nichtschwimmer und ein 1-Meter-Sprungbett. Die Freizeit wurde im Sommer im diesem vielbesuchten Bad verbracht. So war es kein Wunder, dass ich bei Schulbeginn schon schwimmen konnte. Mit einer etwas schmalen Zuckertüte trat ich nach dem Sommer, am 1. September 1938 den 1.Schulweg an (2x um die Ecke insgesamt etwa 100 Meter).

Erst lernten wir Laufen und Sprechen, das war wichtig und nun sollten wie stillsitzen und den Mund halten, das war anfangs schwierig.

Ich war kein fleißiger Schüler, durch den verspäteten Schuleintritt hatte ich keine Probleme mit dem Lehrstoff und am Ende der 1. Klasse in allen Fächern die Note „sehr gut“, war nicht rüpelhaft, wenn auch vorlaut (ohne Benotung) und die Quäkerspeise schmeckte, nur die lateinische „Schönschrift“ ließ zu wünschen übrig, Sütterlin ging besser, am einfachsten waren die lateinischen Druckbuchstaben mit Kreide auf der Schiefertafel, die wurden einfach abgewischt, Tintenkleckse (kennt die noch einer?), machten Kummer zu Hause und in der Schule.

In der 2. Klasse kein anderes Bild: Das schulische Pensum war leicht zu schaffen und die schulische Gesamtnote wieder „sehr gut“.

In der 3. Klasse fielen meine Leistungen und Auffassungsgabe unserer Klassenlehrerin, Fräulein Tittelbach, einer etwas umfangreicheren und größeren ältlichen Dame, in dem Format etwa wie auf der deutschen Briefmarke 1910, auf, die auf „Fräulein“ großen Wert legte. Trotzdem war sie, gemessen an dem, was sie für mich erreicht hat, eine ganz tolle Frau. Auf einer Lehrerkonferenz wurde ich wegen meiner Leistungen von diesem Fräulein Tittelbach für eine Freistelle am Realgymnasium vorgeschlagen. Dem wurde nach Prüfung der Unterlagen vom Lehrergremium zugestimmt.

Bis etwa 1950 musste an den höheren Schulen, meist pro Schuljahr berechnet, Schulgeld bezahlt werden. Es betrug, damals pro Schuljahr 200,-bis 250,- Reichsmark.

Fräulein Tittelbach kam überraschend extra zu uns nach Hause um diese frohe Kunde „Freistelle“ zu überbringen. Ich erinnere mich an diesen Tag auch heute noch sehr genau, er liegt 80 Jahre zurück. Ich war der glücklichste Mensch unter der Sonne, ich hatte schon immer davon geträumt, meine Schulbildung mit dem Abitur abzuschließen und ein Studium aufzunehmen.

Soweit, so gut, nur hatten wir Rechnung ohne den Wirt gemacht. Der Wirt war meine Mutter, sie war absolut gegen die Fortsetzung der Schule über die 8. Klasse hinaus. Ich sollte danach einen Beruf erlernen um Geld ins Haus zu bringen, zudem könnten die Schulkleidung und die Bücher nicht bezahlt werden, trotz Erlass des Schulgeldes.

Damit hatte meine Mutter leider recht, wenn ich das auch nicht einsah. Bei uns zu Hause war Schmalhans Küchenmeister. Der Hilfsarbeiterlohn meines sehbehinderten Vaters samt Invalidengeld, dazu eine kranke Frau, die durch Strickereien dazu verdiente und ein Kleinkind. Die Lehrerin erkannte das und wollte sich bemühen. Dort war nach Rücksprache mit der örtlichen Stadtverwaltung beschlossen worden, dass alle schulischen Nebenkosten, vom Lineal bis zum Schulbuch die Stadt trägt. Alles musste bei der Firma Rossmann gekauft werden, die rechnete mit der Stadt ab. Unter diesen Bedingungen stimmte meine Mutter zu, und auch mein lieber, sanfter Vater nickte heftig, mit Tränen in den Augen.

Nun war Frieden geschlossen, ich hatte mein Ziel erreicht.

Draußen tobte der 2. Weltkrieg, noch klangen auch hier die Siegesfanfahren, im Gegensatz zu meiner Entwicklung, würde der angezettelte Krieg ein trauriges Ende nehmen. Das war zu der Zeit noch nicht abzusehen.

Nun war ich gefragt: „Nutze deine jungen Tage, lerne zeitig klüger sein...“ sagte schon Goethe in seinem kophtischen Lied.

Erstmalig 1941 wurde der Beginn des neuen Schuljahres, nach den Sommerferien, auf den 1. September verlegt, wie in den meisten Staaten in Europa. Ich betrat also am 1. September 1941 morgens vor 8 Uhr zusammen mit anderen Schülern erstmalig das heilige Christianeum (Abb.13) genannt nach dem (einzigen) Herzog von Sachsen Eisenberg (1653- 1707) das Realgymnasium der Stadt und mir wurde in die Sexta-Klasse ein Platz zugewiesen. Das war die 5. Schulklasse.

Abb.13: Herzog Christian v. Sachsen-Eisenberg (1653-1707)

Alle meine Mitschüler hatten schon 4 Schuljahre hinter sich gebracht, ich nur 3. Das musste sich natürlich während des 1.Schuljahres durch Leistungsschwäche gleich bemerkbar machen. Ich hatte also ein Lerndefizit auszugleichen. In der Volksschule war ich immer der Erste, jetzt in der Oberschule immer, zwar nicht der Letzte, aber nicht weit davon.

Das zu ändern gelang mir aber erst im Verlauf der Jahre. Der Versuch, das durch Frechheit und Aufmüpfigkeit dem Lehrkörper gegenüber auszugleichen, misslang gründlich und endete mit „Betragen mangelhaft“ im Zeugnis der 5. Klasse. Das hat mich doch sehr erschreckt und führt zu sofortiger Besserung. In der Oberprima gehörte ich zur „Oberschicht“, zu den 6 von 20 Schülern, die das Abitur mit der Note „gut“ bestanden. Keiner schaffte „sehr gut“ geschweige denn ein „summa cum laude“. Mehr als 2/3 der Klasse schaffte gerademal das „genügend“: (das war damals 3, mangelhaft war 4.)

Mit 10 Jahren wurde man „Pimpf“ (1941). Das war die deutsche Jugendorganisation der Nazis (NSDAP), seit 1936 für alle Schüler von 10 – 14 Jahren Pflicht (Abb.14).

Abb.14: Pimpf- Beginn des Unterrichts im Gymnasium (1941)

Mittwoch- und Sonnabendnachmittag war „Dienst“. Dazu wurde eine Uniform getragen: „Braunhemd“, schwarzes Halstuch mit Lederknoten (den ich noch heute habe), schwarze Manchesterhose mit Koppel und Koppelschloss mit Symbol, Reichsadler und „Blut und Ehre“ und natürlich das „Fahrtenmesser“, das sich aber nicht jeder leisten konnte. Der Aufbau war militärisch: „Jungschaft“ (rot-weiß), mit 10 Jungs „Jungzug“ (grün), mit 30 Jungs, Fähnlein (grün-weiß) mit bis 100 Jungs, „Stamm“ (weiß, Kreisorganisation) und „Bann“ (rot Land-, Gau-Organisation). Die entsprechenden „Führer“ hängten die Bezeichnung an die Einheit, die sie befehligten, dran und behängten sich mit einer Schnur der oben genannten Farben. Die Mädchen waren ähnlicher Weise organisiert (Bund Deutscher Mädchen, BDM).

Es wurde Vorträge gehalten über die großartige Bedeutung der NSDAP (auf „Nazi“ stand Strafe, galt als Schimpfwort) und ihrer Gliederungen. Sogenannte. „Geländespiele“ mit Feind und Freund geführt, viel marschiert und dabei viel gesungen, Fanfahren und Trommeln gab es auch, vormilitärisch genannt. Ich gehörte zu den Fanfahren-Bläsern und war „Führer“ einer „Jungschaft“. Die Jugend wurde auf das spätere Soldatendasein vorbereitet. Sei es wie es sei, uns hat das damals Spaß gemacht. So wollten sie aus der Jugend kleine Nazis machen, was auch meist gelang. Meine Eltern waren unpolitisch, sie „hielten sich raus“, wie es hieß, jedenfalls waren keine Nazi-Aspekte sicht- oder hörbar. Sie waren mehr der Arbeiterbewegung zugetan und ich auch so erzogen worden.

Manchmal wurden auch „Feindsender“ gehört, meist BBC mit einem typischen Signal, das jeder kannte, darauf stand Zuchthaus.

Derr Krieg ging weiter, die Erfolgsmeldungen wurden spärlich, der Bombenterror und damit die Zerstörungen in den Städten und die Verluste der Bevölkerung größer. Eisenberg war bislang verschont geblieben, es wurde zur Lazarettstadt erklärt, mit großen Roten Kreuzen auf den Dächern. Große Hallen und alle Schule wurden zu Lazaretten umfunktioniert, der Unterricht fand in Gaststätten (ohne Bier!) statt.

Mein Vater wurde trotz seiner Sehschwäche zum Schutträumen nach Wuppertal dienstverpflichtet (1943), dort wohnte (zufällig?) Vaters Schwester Hilde, die ihn versorgte. Er hat dort viele Monate gearbeitet, kehrte aber danach wohlbehalten nach Hause zurück und wurde Hilfsarbeiter in einer der vielen Möbelfabriken in Eisenberg.

Meiner Mutter ging es nicht sehr gut. Nach ärztlicher Ansicht habe sie eine längere Ruhepause, möglichst auswärts, nötig. Ihre Gesundheit hatte durch die Karzinomoperation und nachfolgende Bestrahlungen Schäden genommen, sodass eine längere Rekonvaleszenz zur Genesung geboten sei. Es ist mir nicht bekannt auf welchen Weg meine Mutter im April 1943 eine Haushaltshilfen-Stelle in Rietz, einer 2000-Seelen Erholungs- Gemeinde nahe Innsbruck in Tirol angeboten bekam, die sie auch annahm.

Auf diese Rekonvaleszenz-Stelle konnte sie meinen Bruder mitnehmen. Allerdings musste er dort auch die Schule beginnen, denn er war inzwischen 6 Jahre alt geworden. Er wurde also in Tirol Schüler.

Ich besuchte in der Zeit zu Hause das Gymnasium. Das Regiment über den Haushalt hatte mein Vater nach Abreise meiner Mutter übernommen, bis er seinen Dienst in Wuppertal antreten musste.

Für mich war vorgesehen, dass ich nach Beginn der großen Ferien mit dem D-Zug nach Tirol fahren sollte, ich war gerademal 12 Jahre alt. Also, Rucksack auf den Buckel, Koffer in die Hand, Fahrkarte in der Tasche, Fahrplan im Kopf, Bahnhof vor der Nase, mit dem Bummelzug nach Gera. Bis dahin hatten mich mein Vater mit sehnormalem Onkel gebracht. Gebucht war der Nachtschnellzug mit Schlafwagen nach München. Es war aufregend, obwohl ich gut geschlafen habe. Ich muss gestehen, ich bin nie wieder in meinem Leben in einem Schlafwagen verreist bis heute nicht.

Es war ausgemacht, dass ich in München von den „Wirtsleuten“ meiner Mutter abgeholt wurde, so fand das Treffen auch statt, morgens um 7

Uhr, Kennzeichen waren Rucksack und Koffer. Die Leute haben den Kofferträger auch sofort erkannt. Obwohl völlig fremd, war die Begrüßung sehr herzlich, wenn auch nur kurz, verstanden habe ich sowieso nix, sie sprachen ein österreichisches bayrisch, denn es wartete schon der Zug nach Innsbruck über Garmisch-Partenkirchen. Zeit für eine „Brotzeit“ wurde noch genommen, sie hatten es mitgebracht: Schwarz geräucherter Schinken, ein rundes 500 g-Schwarzbrot und Chianti –Wein aus der Korbflasche, tranken alle, auch ich. Mir war der Wein zu sauer, später nicht mehr, denn es gab ihn jeden Tag. Eine Korbflasche italienischer Rotwein kostete eine deutsche Mark.

Jetzt ging es mit dem Zug bei Tageslicht in die Berge, die ich noch nicht gesehen hatte: Die deutschen Alpen, ein gewaltiger Eindruck für einen kleinen, Flachland-Schüler.

Bald war Innsbruck erreicht und weiter ging es mit der Kleinbahn im Inntal entlang über Telfs bis Rietz, wo ich bei den Eltern der Wirtsleute meiner Mutter untergebracht wurde.

Ich konnte dort in der Landwirtschaft mitarbeiten, öfter an Almgängen zur Tierfütterung (Kühe mit Glocken am Hals) und auch an Fahrten in die Umgebung teilnehmen, auch Innsbruck mit seinen Sehenswürdigkeiten besuchen. Geld war aber knapp, sehr knapp.

Als ich 70 Jahre später meiner Frau meine damalige Ferienstätte gezeigt habe, fanden wir in Innsbruck immer noch das „Goldene Dachl“ und die „Hungerburgbahn“ mit der Seilbahn nach Hafelekar (2000 Meter) die wir auch benutzt haben und von dort einen herrlichen Blick über Innsbruck genießen konnten., Zu meiner Ferienschülerzeit dort, war eine Fahrt da hinauf unerschwinglich. Jetzt konnte ich das mit meiner Frau nachholen.

Das Dörfchen Rietz war nicht wiederzuerkennen, nur der Ortsname stimmte noch. Es hatte sich zu einem modernen Erholungszentrum entwickelt, wo man sicher einen erholsamen Urlaub verbringen kann.

Viel zu schnell vergingen die Ferien und die Heimreise mit meiner erholten Mutter und dem frischgebackenen Schulanfänger angetreten. Die größte Errungenschaft, die meine Mutter von dort mitschleppte, war ein hölzernes Spinnrad, das sie schnell gelernt hatte zu bedienen und bei Ihrer sprichwörtlichen Fingerfertigkeit bald meisterhaft beherrschte. Man hatte es ihr aus Dankbarkeit geschenkt, meine Mutter hatte in der Zeit dort den ganzen Großbauernhaushalt „preußisch“ geschmissen.

Für den obligatorischen Schulaufsatz nach den Ferien: „Mein schönstes Ferienerlebnis“ den ich über Tirol schrieb, bekam ich eine Eins.

Sport wurde bei den Pimpfen sehr große geschrieben, man konnte bei entsprechenden körperlichen und schulischen Leistungen, auch als ein „Führer“, eine Pimpf-Einheit befehligen, dazu man wurde ernannt.

Für mich war aber der Schwimmsport vorrangig, auch da gab es für Schwimm-Leistungen Abzeichen aus Stoff, die auf die Badehose genäht wurden. Darauf waren wir stolz, je mehr Abzeichen aufgenäht waren, umso interessanter war der Träger so verzierten Badehose für die Mädchen. Sie waren auch Zeichen, das man schwimmen konnte.