Aus dem Leben kleiner Leute - Dagmar Herrmann - E-Book

Aus dem Leben kleiner Leute E-Book

Dagmar Herrmann

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Beschreibung

All tag - ein tag wie alle anderen tage eine erleichterung - ein durchatmen nur die sonne scheint, und das macht sie mit der all macht der sich selbst genügenden natur - ganz ohne dass ich einen finger dafür krumm mache den strapazierten kopf bemühen müsste, in dem sich verknotungen wie knoten, die man in taschentücher knotet, aber das macht doch auch keiner mehr aufgrund des tempos Dieser tag also will einfach nur ein ganz gewöhnlicher tag sein und sagt hallo! Die bäume nicken dazu und die mücken schwärmen vor der vom blütenstaub der linden mit einem dünnen gazeschleier bedeckten fensterscheibe - auch erste feinestes spinnengewebtes netzwerk hängt sich noch zittrig und unbeständig in den rahmen erstes zeichen heran nahen den altweibersommers, den weiber alt wie ich all zu gerne sich selbst überlassen möchten - - - - - schon gedacht - sich ein kleiner misston in das sotto voce die lazy hazy day of sommer stimmung hineindrängt Danke schön gedanke! Lass gut sein und beschwer mich nicht mit den sonstigen rolling stones, die mir ständig in den weg - von dir unruhe stifter - gelegt werden. Heute hat der tag das sagen mit der angenehmsten stimmlage ... hier an dem • an dem sich zeigt, wie schon wieder alles seinen gewohnten gang geht und das ist auch alle tage alltag und das ist es, worum es geht in diesem buch von © dagmar herrmann

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Seitenzahl: 176

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Aus dem Leben kleiner Leute

ebook

Texte und Bilder ©Dagmar Herrmann

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daherverlag 28237 Bremen 2019

Vorwort

Man stelle sich das Bild vor: An einem öffentlichen Platz mit dörflicher Prägung der ehrwürdigen Hansestadt Bremen sitzt tagtäglich auf einer bereits in die Jahre gekommenen Bank eine alte Frau. Die alte Frau – schlohweißes Haar, hellblaue wache Augen – sitzt wie ihr eigenes Denkmal und betrachtet das Geschehen um sich herum. Nicht wie ein Raubvogel angespannt, der auf Beute lauert, sondern in sich gelassen. Wie eben ein gereifter Mensch beobachtet, den kaum noch etwas wirklich zu überraschen vermag. Und dennoch scheint die alte Frau das Gesehene genauestens zu notieren, als ob sie, in die bescheidene Wohnung zurückgekehrt, ihre Notizen nebst den eigenen Gedanken dazu aus dem Kopf in ein Tagebuch übertragen wolle.

Die alte Frau sieht etwa einen Mantel ohne Knöpfe, der in einer Pfütze liegt, und überlegt sich sogleich, ob der Knopflose möglicherweise einem Zigarillos schmauchenden Taxifahrer gehören könnte, der, unentschlossen darüber, ob ihm geschlossene Knöpfe hinter dem Steuer behindern würden oder eher nicht, dieses Problem einfach auf den nächsten Sommer verschiebt, in dem er wohl weitere Zigarillos rauchen wird. Allerdings ohne Mantel.

Die alte Frau sieht Spatzen Gassenhauer von den Dächern pfeifen, und die Überlegung drängt sich ihr auf, ob diese schamlose Unterstellung den betroffenen Piepmätzchen tatsächlich nicht völlig piepe ist.

Oder die alte Dame schaut einer verbitterten Ehefrau zu, wie sie an einem nahen Gemüsestand grüne Erbsen einkauft. Die Alte gewinnt den Eindruck, daheim würde das Eheweib die Erbsen zählen – die guten ins Kröpfchen, die schlechten ins Töpfchen –, Speck, Zwiebeln und durchpassierten Fliegenpilz sorgsam hinzufügen, anschließend eine Erbsensuppe köcheln, dass ihrem lieben Ehemann im wahrsten Sinne des Wortes Hören und Sehen vergeht.

All das und noch viel mehr beobachtet die alte Frau und schreibt es in ihr Tagebuch. Und zum guten Schluss auch etwas über sich selbst. Man stelle sich nur jene Gedanken, die überwältigende Flut an Bildern vor ... Nein, braucht man nicht. Man kann, muss diese Bilderflut lesen.

Hans-Dieter Heun, ein Fan.

Inhaltsverzeichnis

Am Straßenrand

Am Stand drehte er Zuckerwatte

Wenn der Papagei im unteren Stockwerk krächzt und schreit

Die Zeit, die wir noch haben …

Er sagte immer Schnucki zu ihr

Lebensentwürfe

Eine Tee-Geschichte

Das Sterben ist einfach

Ein Hochzeitsfoto

An die Nachgeborenen

Aus dem Leben kleiner Leute … Erinnerungen

Henriette hatte einen Hang zum Philosophieren

Mutter … und … Vater

Eine Holzkiste

Samuel

zuschauer am rande

von der einsamkeit der vorübergehenden mitbewohner

Aus dem Leben kleiner Leute

Im Werden

M. hat gesagt

Schuld und Sühne?

Strychnin

Schau

Emil und eine ungewöhnliche Begegnung

Auf der Suche nach etwas, das verloren ging …

Herr Mazinke – Teil I

Herr Mazinke – Teil II

Es ist April, die Winde wehen

Im Kreisverkehr

Fußballheld

Ein Tag wie der andere ist der schönste,wenn alles so bleibt wie es ist

Fluchtinstinkt

Der Besuch

Blaubeerkuchen

Eine Weihnachtskarte

Mit dem Einkaufszettel

Aus dem Leben kleiner Leute …

Treusorgend bis ins Grab

philosophie am küchentisch

Der Weg war schmal

Reisefieber

Sie …

Liberty

Klavierstunden kostenlos

liebeswerben

Ein bisschen von mir über mich

Nacht der Nächte

Was ich erzählen möchte …

Beim Blumengießen ∙ Mein Miljöh

Ich kenne den Weg

Die nette Frau mit den ondulierten Haaren,

Und das schon am Morgen

Unser täglich Bluff gib uns heute …

stumme blicke hinaus geschickt zu dir

Nur so im Vorbeigehen

ändern wird sich nichts

Machen Kleider Leute?

Juist und Alpträume

Benvenuto

Tages einstieg

eine begonnene reise

Die Autorin

Danksagung

Am Straßenrand

Unschlüssig stehe ich am Fenster, sehe, wie der Wind über den Marktplatz fegt die braun und rotorange eingefärbten Blätter, schon trocken, sich am Rande kräuselnd, fliegen eilig über den Boden und erzeugen ein Geräusch wie prasselnder Regen. Ich verfolge das Blattgestöber, das von dem Bauzaun auf der Straße aufgehalten wird und sich dort staut.

Mein Blick geht hinüber zur anderen Straßenseite. Auf dem Bürgersteig steht ein Mann, ich vermute türkischer oder vielleicht auch bulgarischer Herkunft. Er steht mit verschränkten Armen, seine Lederjacke ist leicht geöffnet, krawattenlos, auch das Hemd am Hals weit offen, es ist noch mild für die Jahreszeit. Mit gespreizten Beinen, die Füße fest am Boden, verharrt und beobachtet er mit großem Interesse die Arbeit eines Straßenarbeiters, der Pflastersteine legt, der sich nicht eine Sekunde von seiner Tätigkeit abbringen lässt durch jenen Zuschauer, dem er in seiner gebeugten Haltung auf die Schuhspitzen sehen kann.

Der Mann am Straßenrand verfolgt jeden Handgriff des Arbeiters beinahe andächtig, als wolle er von ihm lernen, wie kunstvoll ein Kopfsteinpflaster zusammengefügt wird. Gleichgültig mit stoischer Ruhe setzt der Straßenarbeiter Stein für Stein, er hebt nicht ein einziges Mal den Kopf, um dem beharrlichen Zeugen seiner Arbeit ins Gesicht zu sehen, vielleicht mit ihm ein Wort zu wechseln. Er arbeitet beständig weiter, pflichtbewusst, verlässlich, das Bild eines urwüchsigen deutschen Arbeiters abgebend, einer wie er im Buche steht, unerschütterlich, zuverlässig, pflichtgemäß seine Arbeit verrichtend, geradezu wie die Demonstration des Fleißes gegenüber dem Müßiggänger, der Maulaffen feilhält.

Mag sein, das denkt so in seinem Kopf, unter seinem blonden, kurzgeschnittenen Haar, hinter seiner glatten Stirn, während er mit seinen starken sehnigen, braungebrannten Händen Stein um Stein setzt, Fuge um Fuge füllt.

Jetzt nimmt er den Hammer und klopft die Pflastersteine fest und fester, nachdrücklich hämmert es, laut, der wuchtige Klang des Hammers hat etwas Beunruhigendes. Der Zuschauer rührt sich nicht vom Fleck, die Haltung unverändert. Mir ist seltsam zumute, ich wende mich ab, trete zurück ins Zimmer.

Windböen wirbeln

leergefegt der Bürgersteig

ein Mann irrt umher.

(Ein Haibun, das sein Format überschritten hat.)

Am Stand drehte er Zuckerwatte

Kleine Jungenstreiche machten die Rotzlöffel aus der Nebenstraße, die jetzt um die Ecke rennende Bande von kurzgeschorenen Morgenlandnachkömmlingen, die noch frisch hinter den Ohren, sich ohne Rücksicht, einen schlechten Eindruck zu hinterlassen, in den Straßen tummelte. Mit ihren dunklen, frech blitzenden Augen kamen sie vorbeigerannt, und er schenkte jedem einen gedrehten Zuckerwattestiel, und das Leuchten dieser glänzenden runden Kinderaugen brachte sein schwaches, nachgiebiges Herz zum Pochen.

Die Freude nahm er wie ein Geschenkpaket an sich und drückte es unter die schäbige Jacke, und am Blumenstand, der noch bis spät abends geöffnet ist, kaufte er für die Schneiderin, die in Parterre eine Nähstube betrieb und gleichzeitig das Haus hütete, einen einfachen Strauß Margeriten, von denen er dachte, sie würden gut zu ihrem glatten freundlichen Gesicht passen.

An der Imbissbude stand der Taxifahrer und schmauchte sein Zigarillo, und sie grüßten sich verhalten, denn der Georg, der das eigene Taxi seit kurzer Zeit erworben hatte und stolz durch die Straßen der kleinen Stadt steuerte, hatte seitdem einen Dünkel, und er dachte, er verachte seine ziellose Unentschlossenheit, seinen Mangel an Willen, es zu mehr zu bringen als jeden Tag diesen kleinen Stand und dann gelegentlich auf den Märkten und dabei diese lächerliche Figur abzugeben mit schlotternden Hosen und dem mageren Ziegenbärtchen und einer bescheidenen Mansarde, in der er wohnte, nach Georgs Meinung hauste; aber es war blitzeblank und man hätte, wie die Frau Schneiderin immer sagte, vom Fußboden essen können, und niemals kam ein böses Wort über seine Lippen.

„So ein Depp, der Anton,“ sagte der Georg und dann warf er den Zigarillostummel in den Gully und riss für eine aufgedonnerte Dame mittleren Alters die Wagentür auf, und Anton pfiff ein Liedchen und dachte an die leuchtenden Augen und an das rundliche schimmernde Gesicht der Schneiderin, die Lieselotte hieß, und er klingelte an ihrer Wohnungstür.

Vorbeigegangenein Mantel ohne Knöpfelag in der Pfütze

(Haiku)

Wenn der Papagei im unteren Stockwerk krächzt und schreit

als ginge es um sein Leben. Es geht um sein LebenVielmalig die Schreiein anders gearteten Käfigen Eingezwängter unhörbar. Weit weg nichtdicht unter dem Fenstersims,an dem die lustigen luftigen behüteten Köpfe der SommersehnsüchtigenvorbeiflanierenEin Sonntag wie dieserauch der letzte Obdachlose findet heute eine Bank,seine Beine lang zu strecken.An den Ecken lümmeln sich die Schlingel aus der Nachbarschaftkopfnickend und handzeichengesprächig:Bald ist kiffen erlaubtLachend! Wir haben bisher auch nicht gefragtund die Omis mit ihrem Rollator unterwegsdie Haare sind weiß und der Buckel krumm.Nein, sagen die wackligen Köpfe:Wir gehören nicht zu der Sorte Alterdie lustig ist das Rentnerleben behauptenSkipisten bezwingen oder sich in Mallenoch mal richtig was gönnenAuch der Hund am strengen Gängelbandüber den Gehweg gerissen hat keine Wahltreublickend, die Augen emporzu dem Quälgeist und Schinder

So ein Sonntag am Morgen: Noch ist alles offen für mich

aber alles ist auch so wie sonst

Die Zeit, die wir noch haben …

Herr Schulte machte seinen Morgenspaziergang, kaufte am Kiosk die Tageszeitung. Wie gewohnt holte er Brötchen beim Bäcker um die Ecke, zwei Krosse und ein Kaneelbrötchen für Hertha.

Hertha konnte nicht mehr so richtig beißen, sie war zu schwach zum Kauen, sogar das weiche Brötchen musste sie einstippen, lutschte es in die Mundhöhle hinein.

Es schauderte ihn beim Zusehen, und gleichzeitig empfand er schmerzhaftes Mitleid, wenn er sah, wie die Milch in kleinem Rinnsal wieder aus den Mundwinkeln hinunter in die Halsbeuge lief. Er wischte sie dann immer mit aller Zartheit und Rücksichtnahme, derer er fähig war, mit dem neben dem Kopfkissen bereitgelegten Handtuch fort.

Ihr Hals war dünn und hager wie der eines kleinen Vogels geworden, spitz ragte zwischen den Hautfalten der Kehlkopf hervor. Vor einiger Zeit hatte sie das Sprechen aufgegeben. Herr Schulte wusste nicht, ob sie nicht mehr sprechen konnte oder nicht mehr wollte. Ihre Augen sahen ihn jedoch beredt wie stets an. Mehr als in jedem Wort lag die Liebe vieler Jahre in ihnen. Herthas Augen waren braun, von einem besonderen Braun, gelblich wie Bernsteine.

Herr Schulte kletterte schwerfällig die Stiegen hinauf. Sie wohnten im dritten Stock. Jetzt war es zu spät umzuziehen. Jahrelang hatten sie davon geredet: Wenn wir mal nicht mehr können, dann sollten wir in eine Parterrewohnung ziehen, oder in ein Haus mit Fahrstuhl. Vor der Haustür ächzte er, rang mühsam nach Atem, seine Hand zitterte, als er den Schlüssel ins Schloss steckte. Es dauerte eine Weile, bis es ihm gelang.

In der Diele lastete eine bedrohliche Stille. Seltsam, dass es ihm so erschien, es war immer still in der Wohnung. Aber irgendein Laut war stets zu hören. Manchmal ließ er das Radio in der Küche laut laufen, damit sie, wenn er fortging, sich nicht so einsam fühlte. Das hatte er heute beim Weggehen vergessen. Es lag wohl daran, dass er es auch versäumt hatte, ein Fenster zum Lüften zu öffnen. Draußen war ein so wunderbarer klarer Wintermorgen, und er hatte keine frische Luft hereingelassen. Sofort plagte ihn das schlechte Gewissen ob all seiner kleinen Unterlassungssünden. Sie war doch auf Gedeih und Verderb auf ihn angewiesen.

Er horchte in Richtung der Stube. Sie lag dort am Tage auf dem Sofa, weich gebettet auf dem Daunenbett mit einem großen Kissen als Stütze im Nacken und einer flauschigen, warmen Kaschmirdecke, in einem warmen Orangeton, zum Zudecken, die er ihr zum Geburtstag geschenkt hatte.

Herrn Schultes Herz begann aufgeregt zu klopfen. Die absolute Stille war furchteinflößend, und eine Ahnung beschlich ihn, die er nicht zu Ende verfolgen wollte. Als er das Wohnzimmer betrat, wagt er es kaum, die Augen auf die auf dem Sofa Liegende zu richten. Von dort blickte ihn Hertha mit tränennassen, dennoch sehr lebendigen Augen an. Mit einer winzigen Bewegung des Kopfes bedeutete sie ihm, ihrer Blickrichtung zu folgen, hin zum Vogelkäfig, der auf einer kleinen Anrichte vor der Fensterbank stand.

Herr Schulte unterdrückte einen Laut der Erleichterung, um sie nicht zu kränken, und seufzte leise. Es war nur Peter, ihr Kanarienvogel, er war gestorben.

Das Kerzenlicht blakteine Rauchfahne mit Schriftleicht verlösche ich

Einer trage des anderen Last

Er sagte immer Schnucki zu ihr

immer Schnucki, auch mal Mausi, oder Hasiso von oben herab, tätschtelt ihr die Wangeoder klopfte jovial ihr auf die Schulter: Auchmal ein Korn gefunden, mein Hühnchen, oderPüppi, wenn sie sich hübsch gemacht hattefür ihn. Er liebte den kirschroten Mund undschwarz umrandet die Augen, ihr Nachtblicksagte er und hatte es gern, wenn die anderenMänner ihr nachblickten

Dann legt er besitzergreifend die Arme umihr Taille, zog sie näher und küsste sie aufden Scheitel, so von oben herab, der Herrund Gebieter schickten die Augenlampendas Signal an Nebenbuhler

Ihr Benehmen tadellos. Überall konnte mannsie herzeigen, und sie schwieg, attraktiv undgeheimnisvoll leuchteten ihre grünen Augenwie Smaragde. Ein Schmuckstück, ja, das warsie gewesen, bis sie eines schönen Morgens …aus der Traum, aus dem Haus

war sie mit einem Köfferchen, im Gepäck nureine Zahnbürste und ein schwarzes Negligéaus Seide, als der Pizzabote mit der Vespasie abholte, sie auf dem Beifahrersitz Platz nahmund in ihrer unvergleichlichgeschmeidigen Art ihm noch zuwinktemit ihrer wie ein Vöglein flatterndenHand ... ein „Good bye“ hauchte und die Lippenzu einem Kuss spitzte ...

... Das war die Mär von demsich in Sicherheit wiegendenTeil der Gesellschaft

Lebensentwürfe

Es ist doch so ... hier das eine, dort das andere, dort die Dreizimmerwohnung mit der Kochnische, das durchgesessene Sofa aus dem Recyclinghof, aus den Mauerfugen Durchwachsenes, graugrüner Schimmel korrespondiert mit dem abblätternden Orange der Tapete, begleitet vom Geschrei grölender Gören, versucht der arbeitslose Hausherr seinen Rausch von vorgestern auszuschlafen, vergeblich, die Hausfrau halblind stolpert im depressiven Wachkoma und sucht nach den Baldriantropfen, dahingegen,

… froh und glücklich die Begnadeten, die eines solchen Standes nicht würdig befunden wurden, in schnuckeligen Villenvororten, auf der geglätteten Oberfläche eines grüngrünen Rasens, da liegen in Schaukelstühlen, die exquisite Lektüre griffbereit, wohlgefällige Kind- und Kindeskinder erfreuen mit sauber geputzten und gerichteten Zahnreihen ihre ästhetischen Vorstellungen von einer Welt, in der die Abstände geregelt sind.

Eine Tee-Geschichte

Das Wasser brodelt im Heißkocher − gleich den Tee in die weißblaue Kanne mit Zwiebelmuster gehäufelt − first flush darjeeling, auf den Nachbars Ilse einen jeden Meineid schwört als Allheilmittel, mit der Katerstimmung ihres Hans-Ottos nach einer durchzechten Nacht rechnend oder einkalkulierend die verquollenen Augen, den schlechten Atem, sein müdes bemühte Grinsen der eigenen Schuldzuweisung im Gesicht, um die Ecke in die Küchenzeile schlurfend, blinzelnd Verzeihung erheischend und Ermunterung durch ein gnädig gewährtes Lächeln, ebenso wie Erfrischung durch die morgendliche, kochend heiße Tasse Tee, zerknautscht in der Hosentasche bereits die Morgenzeitung, ohne die der Tag nicht beginnen kann. All dies vorausschauend und Sorge tragend, dass der Büßer im Hemd alles so vorfindet wie gewohnt, ihr Griff nach der Teedose und das darauf folgende Entsetzen:

Die Dose ist leer! Von den fruchtigen Teeblättern aus dem Land des bengalischen Feuers war nur ein geringfügig kleines staubiges Häuflein zurückgeblieben, und sie hatte versäumt, sich um Nachschub zu kümmern. Nun ist Not am Mann, der erwartungsvoll, die Beine übereinanderschlagend, die Zeitung öffnend, über den Rand sie anblickt und: „Na, Ilse“, sagt.

Der Schreck sitzt in den Gliedern. Ilse muss sich setzen.

„Ist dir nicht gut?“, fragt er ... „doch, doch“, beschwichtigend der Ton, erhebt sich Ilse geistesgewärtig, macht ihren schmalen Rücken so breit wie möglich, als sie die Küchenschranktür öffnet und aus dem heimlichen Vorrat an Tütentee eine Tüte Darjeeling, Marke Bünting, fingert und unbemerkt in die Kanne fallen lässt. Sie gießt das kochende Wasser auf und schiebt die butterbeschmierten Brötchen mit Weichkäse, Erdbeermarme-lade und einer Scheibe Bierwurst in seine Richtung, der trotz seiner Bewusstseinseintrübung etwas Beunruhigendes an seiner zuverlässigen und unerschütterlichen Ilse zu bemerken glaubt, dann aber kopfschüttelnd: „Hirngespinste“, murmelnd den Kopf wieder zwischen die Seiten des Morgenblattes steckt und behauptet:

„Einen richtigen Hunger hab ich ja nicht“, und, „ist der Tee bald fertig?“ Ilse gießt herzklopfend den Darjeeling in die Tasse, immerhin h „first flush“, so steht es auf der Verpackung.

„Nur aus der Tasse, bitte keinen Becher, das ist so eine Unsitte“, lautet eine seiner Devisen, „und immer nur schwarz.“ „Vorsicht, ist noch heiß“, warnt sie ihn.

„Au, verdammt, hättste ja auch eher sagen können“, sagt er, beißt vom wurstbelegten Brötchen ein ordentliches Stück ab und schlürft nun vorsichtiger den Tee hinterher.

„Ach, Ilse“, seufzt Hans-Otto, „wenn ich dich nicht hätte, mein Goldstück“, sagt er, zufrieden und behäbig wie ein Ehemann nur sein kann, dem, obwohl nach durchzechter Nacht, von seiner Gattin ein liebevoll zubereitetes Frühstück serviert wird, und Ilse wundert sich, warum bisher um den „Darjeeling-first-flush-Blatttee“ so ein Aufhebens gemacht wurde.

Diese kleine Morgengeschichte am Abend, wenn der Tag verdunkelt, gelesen sollte allen eine Warnung sein... vor allen den fleißigen Hausfrauen, die Sache mit den Grundsätzen ihrer aushäusigen Männer nicht zu ernst zu nehmen.

Das Sterben ist einfach

hatte er immer gesagt, der Herr Schwan.

Die Todesanzeige erschreckte die Nachbarschaft.

Das war doch immer so ein lustiges Haus, immer einen Scherz auf den Lippen, immer so hilfebereit, hat morgens für die gehbehinderte Frau Radtke, seine Gegenübernachbarin, den Mülleimer rausgestellt und ihr die Bild-Zeitung, diese zwar eher widerwillig, und Brötchen besorgt. Na gut, alle wussten es, seit seine Frau Erna so früh verstarb, da ging es bergab mit ihm, da hat er zu tief ins Glas geschaut, aber immer adrett und nett, auch weiterhin, sein Vorgarten tipptopp gehalten mit dem Rasenkantenschneider kerzengerade die Linien gezogen, die Blumen nach Farben geordnet, in Reih und Glied standen sie im gejäteten Beet. Die Akkuratesse in Person.

Dann fing er an, so merkwürdige Sachen zu machen. Na ja, die ganze Nachbarschaft hat darüber getuschelt und hat auch manchen Ärger verursacht. Über Nacht ist er wohl sentimental geworden. Hat bei jeder Gelegenheit geweint und gesagt, die Welt, sie sei so schlecht. Er könne es nicht mehr ertragen, und die Kinder hätten kein Benehmen, aber sie könnten ja nichts dafür, sind sich selbst überlassen, die Alten sind abgeschrieben, solche wie er, die nicht mehr gut zu Fuß sind, sie können nicht mal mehr die Straße überqueren, weil die Ampeln in der Hälfte wieder auf Rot schalten, und die jungen Leute, sie rempeln dich an. Er traue sich bald nicht mehr auf die Straße. Und dann hatte er einen Vogel mit dem Ali und dem Amadou, der ein Schwarzer ist, der eine Türke und der andere ein Neger, schwarz wie Kohle, die sind anders. Er faselte immer davon, wie freundlich die beiden seien, helfen den Alten und Schwachen, und sag nur ein Wort, dann machen die alles im Haus; aber die Leute reden so gemein und gehässig über sie, und beide haben immer Ärger, wenn sie unterwegs in der Stadt sind.

Neulichst haben sie die Frau vom Amadou in den Rinnstein geschubst. Die Frau ist dann ins Krankenhaus mit gebrochenen Rippen und einer Gehirnerschütterung, und im Krankenhaus, da ist sie aus dem fünften Stock gesprungen, war sofort tot, und der Amadou ist nicht mehr aus dem Haus, und eines Tages war er verschwunden, und das alles habe ihn so fertiggemacht, den Herrn Schwan, sagte er, und das Ende vom Lied war, dass er dahinsiechte wie eine Blume, die nicht gegossen wird, und auf einmal war er dann tot.

Ein Hochzeitsfoto

Inspiriert von Botho Strauß’ Gedichtband: Diese Erinnerung an einen, der nur einen Tag zu Gast war.

Dieses Seufzen war ihr zur Gewohnheit geworden. Sie starrte auf die Tischplatte. Sie wies ein paar dunkle braune Flecken auf. Rechter Hand stand die Teetasse ihr im Weg, sie unterdrückte rechtzeitig den Impuls, sie mit einer Handbewegung zu Boden zu räumen.

Als sie sich vom Stuhl hochwand, sah sie ihr Gesicht in der Spiegelung des Hängeschranks, hässlich, einfach hässlich diese Resopalküchenschränke, Kalkweiß oder Graublass hätten zur Auswahl gestanden, sie hatten sich für Graublass entschieden, genauer genommen, er hatte sich entschieden, und ihr war nichts anderes übrig geblieben, als ergeben mit dem Kopf zu nicken. Während der Verkäufer anwesend war, gab er sich als emanzipierter Ehemann, der ohne mit seiner Frau Rücksprache zu nehmen keine Entscheidung herbeiführte. Schließlich wusste er doch, wie ihre Meinung umgangen werde konnte. Sie hatte einen liebevollen Blick auf den eierschalenfarbenen Schrank im klassischen Stil geworfen mit Schubladen und Türen mit gedrechselten Knöpfen, der ein ganzes Stück teurer gewesen wäre.

Das Spiegelbild warf ihre missmutige Miene zurück, zwischen den Augenbrauen die steilen Falten, die, wenn sie es sich zur Gewohnheit werden ließe, sich als Dauerzustand der inneren Unzufriedenheit in die Stirn einprägen und nach außen Zeugnis davon ablegen würden. Noch war ihr Gesicht fast ebenmäßig, nur ein paar feine Krähenfüße umrahmten die Augen.

Sie schlurfte durch den Flur ins Wohnzimmer, warf sich aufs Sofa, knipste die in Reichweite liegende Fernbedienung an, wie immer auf dem Ersten so ein Trivialscheiß, verlogener Mist von Liebe, Lust und Leidenschaft, jedenfalls deuteten die Titel darauf hin, wie „Schenk mir noch einmal rote Rosen“ oder „Im Sturm der Leidenschaft“, sie schaltete eilig weiter. Soko, immer Soko auf dem Zweiten. Sie entschuldigte ihren nach-mittäglichen Müßiggang mit dem Erschöpfungszustand eines nachklingenden grippalen Infekts.

Er würde es ihr nachsehen: Mach’ einfach nichts, lass dich hängen, dann wird’s bald wieder besser.

An dem Flimmern des Bildschirms vorbei verfing sich ihr Blick in dem aufgestellten Foto auf dem altmodischen Büfett, das eigentlich nutzlos war, aber gegen ihren Widerstand nicht abgeschafft wurde. Sie liebte antike Möbel, Geschirr, und manchmal fand sie im nahegelegenen Recycling-Center ein paar schöne alte Raritäten, Sammeltassen, Wein- und Aperitifgläser, die sie wie eine kostbare Beute nach Hause trug und ihnen einen würdigen Platz in oder auf dem Büfett einräumte.