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Wenn Sie, liebe Leserin, lieber Leser, diese Zeilen hier vor Augen haben, stellen Sie sich vielleicht die Frage, weshalb ein blinder Mensch ein Büchlein verfasst, in dem er von seinen Erfahrungen erzählt. Ist es, um sehende Menschen anzuklagen? Will er etwa die Erlebnisse blinder Menschen lächerlich machen? Oder einfach nur Aufmerksamkeit auf sich ziehen? Die Antwort lautet: nichts von alledem! Ich selbst konnte einen langen Zeitraum meines Lebens relativ normal sehen. Ich weiß daher auch noch gut, wie wenig vertraut die Lebenswirklichkeit blinder Menschen den meisten sehenden Menschen ist. Sie können sich häufig überhaupt nicht vorstellen, was im Alltag möglich ist, was ein blinder Mensch selbstständig hinbekommt und was nicht. Natürlich ist diese Unkenntnis keine Absicht. Bei einer Zahl von rund 70.000 blinden Menschen in Deutschland ist es schon rein statistisch so, dass die meisten sehenden Menschen Blinde allenfalls aus dem Fernsehen kennen. Woher sollen sie also wissen, wie man sich »richtig« verhält? Was man sagen kann und was vielleicht besser nicht? Unwissenheit aufgrund mangelnden Anschauungsmaterials kann ich wirklich niemandem vorwerfen. Blinde Menschen wiederum, besonders jene, die schon von Geburt an blind sind, haben oft nur wenig Kontakt zu sehenden Menschen. Klar, der hilfreiche Verkäufer im Supermarkt ist sehend, die Nachbarn sind meistens sehend, der Taxifahrer sieht (hoffentlich) auch gut. Das sind aber keine Kontakte, wie ich sie hier meine – also Kontakte, die tiefer gehen, wo es häufige private Begegnungen gibt oder gar echte Freundschaften bestehen. Um ein Bild zu gebrauchen: Viele blinde Menschen sind wie Inseln, die intensiveren Kontakt nur zu den anderen Blindeninseln im großen Ozean der Sehenden pflegen (Ausnahmen bestätigen auch hier selbstverständlich die Regel). Da gibt es nun also sehende Menschen, die keine oder nur oberflächliche Berührungspunkte mit blinden Menschen haben. Und es gibt blinde Menschen, die wenig bis gar keine Kontakte mit sehenden Menschen haben. Fällt Ihnen etwas auf? Gegenseitiges Verständnis geht anders. Deshalb möchte ich sehende Menschen in diesem Buch ein Stück weit mitnehmen in die Welt eines Blinden und davon erzählen, welche amüsanten Begebenheiten sich in meinem Leben zugetragen haben. Ja, Sie haben richtig gelesen: Blinde Menschen können Spaß am Leben haben. Auch wenn sich die meisten Sehenden das vielleicht nicht gut vorstellen können. Jürgen Fleger im April 2023
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Aus dem Tagebuch eines Blindgängers
EscalesVerlag
1.Auflage2023
Escales GmbH
Auf dem Rapsfeld 3122359 Hamburg
www.escales.de
Copyright©2023
AlleRechtevorbehalten,insbesonderedasderÜbersetzung,desöffentlichenVortrags,derVerfilmungundÜbertragungdurchRundfunkund Fernsehen, auch einzelner Teile.
Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, MikrofilmoderandereVerfahren)ohneschriftlicheGenehmigungdes VerlagesreproduziertoderunterVerwendungelektronischerSysteme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Druck: Eurocaribe Druck und Verlag GmbH, Hamburg UmschlaggestaltungundIllustrationen:MargaretheQuaas Printed in Germany
ISBN978-3-9819-0459-8
Inhaltsverzeichnis
Wenn Sie, liebe Leserin, lieber Leser, diese Zeilen hier vor Augen haben, stellen Sie sich vielleicht die Frage, weshalb ein blinder Mensch ein Büchlein verfasst, in dem er von seinen Erfahrungen erzählt. Ist es, um sehende Menschen anzuklagen? Will er etwa die Erlebnisse blinder Menschen lächerlich machen? Oder einfach nur Aufmerksamkeit auf sich ziehen?
DieAntwortlautet:nichtsvonalledem!
Ich selbst konnte einen langen Zeitraum meines Lebens relativ normal sehen. Ich weiß daher auch noch gut, wie wenig vertraut die Lebenswirklichkeit blinder Menschen denmeistensehendenMenschenist.Siekönnensichhäufig überhaupt nicht vorstellen, was im Alltag möglich ist, was ein blinder Mensch selbstständig hinbekommt und was nicht.
Natürlich ist diese Unkenntnis keine Absicht. Bei einer Zahl von rund 70.000 blinden Menschen in Deutschlandist es schon rein statistisch so, dass die meisten sehenden Menschen Blinde allenfalls aus dem Fernsehen kennen. Woher sollen sie also wissen, wie man sich »richtig« verhält? Was man sagen kann und was vielleicht besser nicht? Unwissenheit aufgrund mangelnden Anschauungsmaterials kann ich wirklich niemandem vorwerfen.
Blinde Menschen wiederum, besonders jene, die schon vonGeburtanblindsind,habenoftnurwenigKontakt zusehendenMenschen.Klar,derhilfreicheVerkäuferim Supermarktistsehend,dieNachbarnsindmeistenssehend, der Taxifahrer sieht (hoffentlich) auch gut. Das sind aber keineKontakte,wieichsiehiermeine–alsoKontakte, die tiefer gehen, wo es häufige private Begegnungen gibt oder gar echte Freundschaften bestehen. Um ein Bild zu gebrauchen: Viele blinde Menschen sind wie Inseln, die intensiveren Kontakt nur zu den anderen Blindeninselnim großen Ozean der Sehenden pflegen (Ausnahmen bestätigen auch hier selbstverständlich die Regel).
DagibtesnunalsosehendeMenschen,diekeineodernur oberflächliche Berührungspunkte mit blinden Menschen haben.UndesgibtblindeMenschen,diewenigbisgarkeine KontaktemitsehendenMenschenhaben.FälltIhnenetwas auf? Gegenseitiges Verständnis geht anders.
Deshalb möchte ich sehende Menschen in diesem Buch ein Stück weit mitnehmen in die Welt eines Blinden und davon erzählen, welche amüsanten Begebenheiten sich in meinem Leben zugetragen haben. Ja, Sie haben richtig gelesen: Blinde Menschen können Spaß am Leben haben. Auch wenn sich die meisten Sehenden das vielleicht nicht gut vorstellen können.
Die Absicht dieses Büchleins ist es also, Ihnen als sehendem Menschen einen kleinen Einblick in meine Erfahrungswelt zu geben. Dazu erzähle ich in jedem Kapitel eine Anekdote aus meinem Leben. Alles, was ich schildere, hat sich auch genau so zugetragen: Denn es passiert so einiges, wenn ein Blinder offenen Auges durchs Lebengeht! Zusammen mit den Anekdoten gibt es jeweils auch ein paar Informationen. Denn wenn es um den Abbau von BarrierenindenKöpfengeht,istInformationderSchlüssel.
Wie lebt ein blinder Mensch? Kann er sich überhaupt frei bewegen?HatjederBlindeeinenBetreuer?Wohnterimmer in einem Heim oder können Blinde auch selbstständig leben? Kocht bei ihm zu Hause vielleicht der Blindenführhund? Wie kann ich blinde Menschen ansprechen, ohne ihnen zu nahe zu treten? Und wie helfe ich blinden Menschenrichtig?AllesFragen,aufdieesindenfolgenden Kapiteln Antworten gibt.
Jedes Kapitel ist so gestaltet, dass es in sich geschlossen ist und auch einzeln gelesen werden kann. Denn in meiner VorstellungtragenSiedieseskleineBüchleininderManteltasche bei sich, und wann immer Ihnen danach ist, lesenSie eine Geschichte. Das kann während einer Zugfahrt sein oder wenn Sie auf den Bus warten – oder vielleicht sogar, nachdem Sie gerade einem blinden Menschen auf der Straße begegnet sind.
Wie und wo auch immer Sie an meinen Erlebnissen teilhaben,ichwünscheIhnendabeivielSpaß,Amüsementund das eine oder andere Aha-Erlebnis.
JürgenFlegerimApril2023
Als blinder Computertrainer für blinde Menschen nutze ich viel und gern meine elektronischen Helfer, und zwar amliebstendiejenigen,aufdenenalsLogoeinangebissener Apfel prangt. Ein Grund dafür ist, dass dieser Hersteller all seine Produkte für Menschen mit den unterschiedlichsten Behinderungen zugänglich und vollständig nutzbar macht. Ich bringe die Arbeitsweise mit diesen Geräten anderen Menschenbei.Vondaherwürdeichschamlosvonmirselbst behaupten, dass ich mich damit ganz gut auskenne.
Das weiß natürlich jemand, der mich nicht kennt, nicht. StehtmirjanichtaufderStirngeschrieben.Sonsthättesich die folgende Geschichte sicher nicht so abgespielt.
Ich saß in einem Café an einem Tisch. Vor mir stand, neben der halb getrunkenen Tasse Kaffee, mein heiß geliebtes iPad. Nun muss man wissen, dass ich das iPad nicht einfach so nutze, über den Touch Screen mit den ziemlich ausgebufftenundspeziellfürblindeMenschenentwickelten Fingergesten,dankdererichdasiPadauchohneAugenlicht bedienenkann.Dasgehtprinzipiellsehrgut.Wennichaber Texteschreibe,sowiediesenhiergerade,dannverwendeich dochliebereinerichtigeTastatur.DennmitzehnFingern »blind« auf einer Schreibmaschinentastatur zu schreiben, wird blinden Menschen bereits in der Schule beigebracht. Dank der schier unendlichen Geduld meiner Schreibmaschinenlehrerinbinichdarinauchziemlichgutundflott geworden.
Dass blinde Menschen das Zehn-Finger-Schreiben beherrschen,halteichübrigensfürenormwichtig.Istesdoch die einzige schriftliche Ausdrucksweise, mittels derer ich mich mit sehenden Menschen verständigen kann.
Ich saß also in diesem Café vor meinem iPad undschrieb an einer e-Mail. Dabei hatte ich zwei spezielle Funktionenaktiviert,diealleGerätevonApplemitbringen: das Bildschirmvorleseprogramm VoiceOver und den sogenannten Bildschirmvorhang. Hat ein blinder Nutzer VoiceOver aktiviert, womit er den Bildschirminhalt vorgelesen bekommt, gibt es auch die Möglichkeit, den Bildschirmvorhang einzuschalten und den Bildschirm so komplettzuverdunkeln.DieFunktionalitätdesiPadsbleibt dabei vollständig erhalten und wird in keiner Weise eingeschränkt. Lediglich der Bildschirm ist komplett schwarz, was mir ja egal ist, da ich ihn ohnehin nicht sehen kann.
Der Vorteil für mich liegt natürlich darin, dass niemand vonaußensehenkann,wasichdagerademache.Manstelle sich vor, ich gebe gerade irgendwelche Zugangsdaten ein. Dann kann ich bei aktiviertem Bildschirmvorhang sicher sein,dassmirkeinneugierigerMitmenschüberdieSchulter schaut und mitbekommt, wo ich gerade mein Passwort eingebe.
Ichschriebalsofleißiganmeinere-Mailundhacktedabei ziemlich in die Tasten, denn wie gesagt bin ich ganz schön flott beim Tippen. Auch hatte ich meine Kopfhörer in den Ohren, damit niemand hören konnte, was das Vorleseprogramm VoiceOver mir beim Schreiben vorlas.
WieichnunsoeineWeilegetippthabe,spüreichaufeinmaleineHandaufmeinerSchulter,diesanftzudrückt,indes eineebensosanfteMännerstimmezumirmeint:»Siewissen schon, dass ihr Gerät aus ist, gell?«
Tja,soistdasmitunsBlinden.WirnutzeneinGerätund bemerkengarnicht,dassesausgeschaltetist.Wirsehenesja nicht!
Aber im Ernst: Natürlich konnte der zu Hilfe eilende Mensch nicht wissen, dass es so etwas wie den Bildschirmvorhang gibt, und natürlich haben die allermeisten Leute keineAhnung,wozublindeMenscheninderLagesind,geschweige denn, wie sie das bewerkstelligen.
Deshalb habe ich seine Bemerkung auch freundlich dankend beantwortet. Schließlich wollte er mich unterstützen und vor womöglich Schlimmerem bewahren. Wir haben beide herzlich gelacht.
MeininnererKoboldwünschtsichallerdingsbisheutezuweilen,dassichdemHelferaufseinenHinweisgeantwortet hätte: »Ach, jetzt verstehe ich auch, weshalb mir niemand auf meine e-Mails antwortet!«
Zugfahren gehört nicht gerade zu meinen größten Leidenschaften. Zugleich habe ich gerade bei weiten Strecken nichtsowirklicheineAlternative.BlindeMenschenwollen nämlichauchreisen.Nurkannichmichebennichteinfach in mein Auto setzen und losfahren. Auch eine spontane NutzungderBahnistnichtanzuraten.Planungistangesagt, damit ich bei den notwendigen Umstiegen rechtzeitig zum nächstenAnschlusszugaufdasentsprechendeGleiskomme. Zu dieser Planung gehört es in der Regel auch, mir einen Sitzplatz zu reservieren. Denn auf meinen teils weiten ReisenzuKundenmöchteichschongernesitzen,undzwar am liebsten gut.
NunzählenmichmeineFreundezwarzudeneherstrukturiertenMenschen,abertrotzdemkommt es auch bei mir mitunter vor, dass ich in Sachen Organisation schwächele. Und so kann es schon mal passieren, dass ich meine Sitzplatzreservierung vergesse. Denkbar wäre natürlich auch, dass mir ein Zug vor der Nase wegfährt oderdassichdochspontanreiseundnichtmehrgenügend Zeit für eine Reservierung bleibt. In der folgenden Geschichte kann ich diese Faktoren aber leider nicht zu meiner Entschuldigung anführen. Mea Culpa.
Wie macht man es nun als blinder Mensch, in einer Hand einen Koffer ziehend, in der anderen einen weißen Blindenstock und zu allem Überfluss noch einen BlindenführhundanderLeine,sicheinenfreienPlatzzusuchen?
Ganzklar:DasisteineAufgabederhöherenBlindenschule. Oder einfach kurz gesagt: Musste halt schauen, wie du zurechtkommst!
Meine Technik sah bis zu jenem Tage im November noch so aus, dass ich in der linken Hand neben Koffer und Hundeleineauchnochdenetwa1,45mlangenBlindenlangstock hielt. Mit meiner heutigen Erfahrung bin ich vom Koffer auf einen Rucksack umgestiegen. So habe ich beide Hände frei und eine Sache weniger, um die ich mich kümmern muss. Den Stock klappe ich mittlerweile meistin seine sieben Einzelteile zusammen und stecke ihn mir in dieGesäßtasche.Danngehtesganzgut,mitderHundeleine in der linken Hand und die rechte frei zum Tasten.
Die rechte, freie Hand setzte ich auch damals schon ein, undzwar,umdieäußerenSitzerechtsamGangabzutasten. Vorsichtig fühlte ich, vorzugsweise mit dem Handrücken, ob sich an die jeweilige Rückenlehne bereits ein Körper schmiegte.SogingichvonSitzreihezuSitzreiheundbekam viele Schultern zu ertasten.
Wasichallerdingsnichtbedachthatte,war,dasssichdie Ausrichtung der Sitze in der Mitte des Waggons umdreht, die Passagiere also mit dem Rücken zur Fahrtrichtung sitzen. Genau das wurde mir zum Verhängnis.
Ich ging also den Gang entlang, meine rechte Hand ausgestreckt, die Handfläche leicht nach vorne geöffnet, alsich plötzlich in eben jener Handfläche Kleidungsstoff ertastete – und, weil ich so schnell nicht mehr abbremsen konnte, unter dem Stoff eine Brust. Ich gestehe, dies war keineswegs ein unangenehmes Gefühl. Es war eine wohlgeformteBrust,vomUmfanghergeschätzt–oderichsollte in diesem Zusammenhang wohl besser sagen: gefühlt – so groß wie eine Apfelsine.
Man kann sich vielleicht vorstellen, welcher Schrecken dennoch in mich fuhr und in welcher Geschwindigkeit ich meine Hand zurückzog. Schließlich hatte ich offensichtlich geradeeinerFrauanihrevermutlichzweitintimsteKörperstelle gefasst. So etwas ist auch mir als blindem Menschen peinlich,undmeineGesichtsfarbewechseltevongelassener Blässe zu peinlich berührtem Rot. Wenigstens nehme ich dasan,wegenderplötzlichaufsteigendenHitzeimGesicht. Entsprechendbeeilteichmich,eineEntschuldigunghervorzubringen und stammelte: »Tut mir wirklich leid!«
DaerklangvomSitzuntermireinesehrfreundlicheund sehr tiefe Stimme, die sagte: »Macht nix!«
Da war es also keine Frauenbrust gewesen, die ich versehentlichunsittlichberührthatte,sonderneineMännerbrust! Welchen Umfang der zu dieser Brust gehörende Körper hatte, konnte ich mir nur vorstellen.
Falls Sie also demnächst in Zug oder Bus einen blinden Menschen antreffen, wissen Sie jetzt, was zu tun ist: Nachfragen, ob Sie ihm zu einem freien Sitzplatz verhelfen können.
Als ich noch in der Schule war, hatten wirnatürlich auch Sportunterricht. Ja, den gibt es auch bei blinden Schülern, körperlicheErtüchtigungtutschließlichallenMenschengut. Und, ehrlich gesagt, finde ich Sport bei blinden Menschen sogar besonders wichtig. Denn eines der Probleme, mit denen wir uns herumschlagen, ist Übergewicht, auch aus Bewegungsmangel.
