Aus den Akten der Agence O - Georges Simenon - E-Book

Aus den Akten der Agence O E-Book

Georges Simenon

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Beschreibung

Fünfzehn Jahre lang war Torrence Kommissar Maigrets rechte Hand, dann hat er Karriere gemacht. Aber nicht bei der Kriminalpolizei, sondern in der Privatdetektei Agence O, die weit über die Grenzen Frankreichs hinaus bekannt ist. Von Maigret hat sich Torrence so einiges abgeschaut: Auch er raucht Pfeife (eine größere als Maigret), trinkt während der Ermittlungen das eine oder andere Glas (mehr als Maigret), und seine bullige Statur verschafft ihm Respekt (er überragt seinen ehemaligen Chef um einige Zentimeter und bringt auch ein paar Kilo mehr auf die Waage). Nur mit Maigrets legendärem Scharfsinn kann Torrence nicht mithalten. Was niemand ahnt: Torrence tritt zwar als Chef der Agence O auf, eigentlicher Leiter – und Hirn – der Detektei ist aber der Fotograf Émile. So renommiert die Agence O auch ist, die Adresse ist ganz und gar nicht pompös. Die Büros liegen in Montmartre über einem Frisörsalon und gegenüber einem Cabaret. Viele Fälle der Agence O beginnen oder enden übrigens am Quai des Orfèvres, wo Lucas es inzwischen zum Kommissar gebracht hat und in Torrence' Agentur eine unliebsame Konkurrenz sieht.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 323




Georges Simenon

Aus den Akten der Agence O

Sechs Fälle

Mit einem Nachwort von Daniel Kampa

Aus dem Französischen von Susanne Röckel

Kampa

Der Mann hinter dem Spiegel

IWo eine junge Dame in den Armen des kräftigen Torrence in Ohnmacht fällt und wir die merkwürdige Hierarchie der Agence O kennenlernen

Elf Uhr morgens. Der dicke Nebel, in dem Paris erwacht ist, gehört zu der Sorte, die sich bekanntermaßen den ganzen Tag nicht auflösen wird. Die junge Dame hat ihr Taxi an der Rue du Faubourg Montmartre anhalten lassen und eilt in die Cité Bergère. Im Palace muss gerade eine Probe stattfinden, denn zwanzig oder dreißig Showgirls oder Statistinnen laufen draußen auf dem Gehsteig auf und ab.

Direkt gegenüber dem Bühneneingang des berühmten Musical-Theaters befindet sich ein Friseursalon, wo in kreischendem Lila der Schriftzug Chez Adolphe an der Fassade prangt. Rechts daneben eine kleine Tür, ein dunkler Flur und ein Treppenhaus, das von keinem Pförtner verteidigt wird. Ein Emailleschild mit vier Worten schwarz auf weiß: Agence O, dritter Stock links.

Die größten Bühnenstars sind durch das Portal auf der anderen Straßenseite gegangen, Politiker, königliche Herrschaften und Multimillionäre haben die Garderoben hinter der Bühne besucht. Wie viele dieser Persönlichkeiten sind an einem Morgen wie heute auch hier hineingeschlichen, mit hochgeschlagenen Mantelkragen und Hüten, die ihre Gesichter verbargen, die Stufen hinauf zur Agence O?

Im dritten Stock hält die junge Frau einen Moment inne und holt einen Spiegel aus ihrer Handtasche. Aber nicht, um ihr Make-up zu überprüfen. Im Gegenteil, als sie sich betrachtet, nimmt ihr Gesicht einen noch gehetzteren Ausdruck an. Sie klingelt. Langsam nähern sich Schritte. Die Tür wird von einem nichtssagenden Bürodiener geöffnet. Der Warteraum sieht schäbig aus. Eine Zeitung auf einem kleinen Tisch. Vermutlich hat der Bürodiener gerade darin gelesen.

»Ich möchte den Chef sprechen«, sagt sie aufgeregt. »Würden Sie ihm bitte sagen, dass es sehr dringend ist.«

Und sie betupft ihre Augen mit einem Taschentuch. Der Bürodiener muss schon viele Besucher wie sie gesehen haben, denn er geht ganz gemächlich auf eine Tür zu, verschwindet, taucht wenig später wieder auf und winkt sie herein.

Im nächsten Moment betritt die junge Frau das Büro von Joseph Torrence, Ex-Inspektor der Pariser Kriminalpolizei und Chef der Agence O, einer der berühmtesten Privatdetekteien der Welt.

»Bitte treten Sie ein, Mademoiselle«, sagt er. »Nehmen Sie Platz.«

Nichts könnte gewöhnlicher aussehen als dieses Büro, das Zeuge so vieler schrecklicher Geständnisse geworden ist. Nichts könnte beruhigender wirken als der große Torrence, ein unbekümmerter Riese von einem Mann, Ende vierzig, sehr gepflegt und gut genährt.

Das Fenster zur Cité Bergère hat Milchglasscheiben, an allen Wänden stehen Bücherregale und Aktenschränke, und hinter dem Mahagonischreibtisch, in Torrence’ Reichweite, befindet sich ein Safe, wie man ihn in Büros überall auf der Welt finden kann.

»Verzeihen Sie, Monsieur, wenn ich ein bisschen nervös bin. Sie werden es verstehen, wenn ich Sie eingeweiht habe. Wir sind hier doch unter uns, nicht wahr? Ich komme gerade aus La Rochelle. Was dort passiert ist …«

Sie hat sich nicht hingesetzt. Sie läuft auf und ab. Sie faltet ihr Taschentuch zusammen und wieder auseinander, offensichtlich in äußerster Aufregung, während Torrence fortfährt, mechanisch seine Pfeife zu stopfen.

In dem Moment geht die Tür auf. Ein großer rothaariger junger Mann, der anscheinend so schnell gewachsen ist, dass sein Anzug nicht Schritt halten konnte, betritt den Raum, bemerkt ihre Anwesenheit und stammelt:

»Oh, Verzeihung, Boss.«

»Was gibt’s denn, Émile?«

»Nichts … Ich … Ich hab was vergessen …«

Er nimmt irgendeine Akte aus dem Regal und ist in seiner Verlegenheit so tollpatschig, dass er beim Hinausgehen gegen den Türrahmen rempelt.

»Fahren Sie fort, Mademoiselle«, sagt Torrence.

»Ich weiß gar nicht mehr, wo ich stehen geblieben bin … Es war alles so tragisch, so unerwartet … Mein armer Vater …«

»Vielleicht fangen Sie damit an, mir zu erklären, wer Sie eigentlich sind?«

»Denise … Denise Étrillard aus La Rochelle. Mein Vater ist der Notar Étrillard. Er wird Sie heute Nachmittag aufsuchen. Er ist kurz nach mir abgefahren. Aber ich hatte solche Angst, dass ich dachte, es wäre besser …«

 

Direkt hinter dem banalen Büro von Torrence liegt noch ein kleineres, dunkleres Büro, vollgestopft mit einer höchst erstaunlichen Vielzahl von Dingen. Dort sitzt an einem gewöhnlichen, unlackierten Holztisch der junge Rothaarige, den der große Boss mit Émile angeredet hat. Er beugt sich vor. Er betätigt eine Art Schalter, und sofort kann er jedes Wort mithören, das nebenan gesprochen wird.

Ihm gegenüber befindet sich ein Spion. Von der anderen Seite würde niemand den Spion vermuten, denn er sieht aus wie ein normaler kleiner Spiegel zwischen den Regalen.

Émile beobachtet und lauscht teilnahmslos, mit unbewegten Augen hinter der großen Hornbrille und einer nicht angesteckten Zigarette zwischen den Lippen, fast wie einer dieser Weichensteller, die man manchmal in ihren Glaskästen thronen sieht.

»Denise Étrillard … Mein Vater ist der Notar Étrillard …«, sagt die junge Dame.

Ohne mit der Wimper zu zucken, hat Émile ein schweres Verzeichnis hervorgeholt. Er geht die Liste der Notare unter E durch – Étienne … Étriveau … Aber kein Étrillard!

Er lauscht und beobachtet weiter. Diesmal sieht er in einem Telefonbuch für das Gebiet La Rochelle nach. Dort findet er einen Étrillard, oder besser gesagt die Witwe eines Étrillard, Fischhändlerin … Auf der anderen Seite des Spions fährt die Stimme fort:

»Ich fühle mich im Moment nicht in der Lage, es Ihnen ausführlich zu erklären … Mein Vater, der spätestens um vier Uhr hier sein wird, kann Ihnen das alles viel besser berichten als ich … Es war so schrecklich unerwartet. Das Einzige, worum ich Sie in der Zwischenzeit bitten möchte, ist, diese Dokumente, die ich noch retten konnte, in Ihrem Safe aufzubewahren.«

Émile greift zum Telefon vor ihm auf dem Tisch. Es klingelt in Torrence’ Büro. Torrence nimmt ab und hört zu.

»Frag sie, um wie viel Uhr sie angekommen ist …«

Währenddessen hat die junge Frau aus ihrer Handtasche einen eindrucksvollen gelben Umschlag gezogen, den fünf rote Wachssiegel noch feierlicher erscheinen lassen.

»Sind Sie gerade in Paris angekommen?«, fragt Torrence.

»Ja, ich habe das erste Taxi genommen und bin sofort hergekommen. Mein Vater hat gesagt …«

»… dass Sie sich an uns wenden sollen?«

»Wir haben gestern Abend einfach ruhig beisammengesessen, als wir plötzlich Geräusche aus seinem Büro hörten. Mein Vater nahm seinen Revolver. Wir konnten in der Dunkelheit einen Mann erkennen, aber er ist durch die Hintertür entkommen. Meinem Vater war sofort klar, dass jemand versucht hat, an diese Dokumente zu kommen. Aber er konnte La Rochelle nicht einfach so verlassen … Aus Sorge, dass sie zurückkommen würden, hat er mir diesen Umschlag anvertraut. Wenn er Ihnen die ganze Sache erklärt hat, werden Sie verstehen, warum ich so nervös bin und solche Angst habe. Diese Leute sind absolut skrupellos.«

Währenddessen ist der rothaarige Émile weiterhin wie ein gehorsamer Bürodiener seinen Aufgaben nachgegangen. Nachdem er das Verzeichnis französischer Notare und das Telefonbuch für Charente-Inférieur durchgesehen hat, sitzt er jetzt über dem Zugfahrplan, ohne jedoch die Frau länger als ein paar Sekunden aus den Augen zu lassen.

Wirklich ziemlich gut aussehend, diese junge Dame. Sie ist exakt so gekleidet, wie sich eine Tochter aus guter Familie vom Land kleiden sollte. Ihr graues, maßgeschneidertes Kostüm sitzt perfekt. Ihr Hut ist modern, aber nicht zu ausgefallen. Sie trägt perlgraue Wildlederhandschuhe.

Aber da ist eine Kleinigkeit, die Torrence nicht sehen kann, weil er zu nah bei ihr ist und weil es schwierig ist, eine Person mit voller Aufmerksamkeit zu mustern, während man mit ihr spricht.

Wohingegen Émile an seinem Mikroskop, wie er den Spion zu nennen pflegt …

Wenn sie, wie sie gerade behauptet hat, La Rochelle eilig verlassen musste, wenn sie den größten Teil der Nacht im Zug gesessen hat, wenn sie gerade erst in Paris angekommen ist und vom Bahnhof direkt ein Taxi hierher in die Cité Bergère genommen hat, wie kommt es dann, dass ihr einfaches und absolut gediegenes Kostüm noch immer diese ordentlichen Falten aufweist, besonders die an den Ärmeln, die entstehen, wenn man Kleider in einem Koffer zusammenlegt?

La Rochelle … Mal sehen, von La Rochelle nach Paris-Gare d’Orsay … Nun, der einzige Zug, mit dem sie hätte kommen können, ist um 6 Uhr 43 in Paris eingetroffen.

»Alles, worum ich Sie bitte«, sagt sie nochmals zu Torrence, »ist, dass Sie diese Dokumente sicher in Ihrem Safe aufbewahren, bis mein Vater kommt. Ich bitte Sie, Monsieur. Er wird Ihnen alles erklären. Und ich bin mir sicher, dass Sie sich danach nicht weigern werden, uns zu helfen.«

Sie lügt gut. Sie ist sogar sehr überzeugend. Sie läuft auf und ab. Ist auch ihre Nervosität gespielt?

»Nun, wenn Sie mir versichern können, dass Ihr Vater heute Nachmittag hier sein wird …«, erklärt sich Torrence widerwillig bereit. »Aber ich hätte trotzdem gerne eine Adresse von Ihnen hier in Paris. Haben Sie schon ein Hotel?«

»Noch nicht. Das habe ich als Nächstes vor. Ich wollte nur zuallererst hierherkommen.«

»In welches Hotel werden Sie gehen?«

»Ich glaube … Ins Hôtel d’Orsay. Ja, direkt am Bahnhof. Sie werden dieses Dokument für mich aufbewahren, nicht wahr? Es ist doch sicher dort, oder? Niemand würde es wagen, Ihren Safe anzurühren?«

Sie versucht, ein blasses Lächeln zustande zu bringen.

»Nein, das würde in der Tat niemand wagen, Mademoiselle. Und nur zu Ihrer Beruhigung werde ich den Umschlag gleich jetzt vor Ihren Augen hineinlegen.«

Und der gute Riese Torrence steht auf, zieht einen kleinen Schlüssel aus seiner Tasche und öffnet den Safe. Die junge Frau tritt einen Schritt näher.

»Wenn Sie wüssten, wie erleichtert ich bin, die Dokumente endlich an einem sicheren Ort zu wissen!«, sagt sie. »Die Ehre, das Leben einer ganzen Familie steht auf dem Spiel …«

Während Torrence den Safe sorgfältig wieder abschließt, greift Émile erneut zum Hörer, aber diesmal klingelt es am Empfang, wo der Bürodiener Zeitung lesend im Warteraum sitzt. Ihr Gespräch ist kurz, wenn man es überhaupt als Gespräch bezeichnen kann. In Wirklichkeit sagt Émile nur:

»Hut …«

Gleichzeitig runzelt der junge Rotschopf die Stirn. Als der Safe wieder geschlossen ist, lehnt sich Denise taumelnd an Torrence’ Schreibtisch und stammelt:

»Oh, ich bitte um Verzeihung! Ich konnte es bis jetzt zurückhalten … Aber es war solch eine Anspannung … Jetzt, wo meine Aufgabe fast erledigt ist, werde ich … Ich …«

»Fühlen Sie sich nicht wohl?«, fragt Torrence besorgt.

»Ich weiß nicht, ich …«

»Vorsicht!«

Sie ist in seine Arme gesunken. Ihre Augen sind halb geschlossen. Sie ringt nach Luft und kämpft gegen die Ohnmacht an.

Torrence will um Hilfe rufen, aber sie protestiert.

»Nein. Verzeihen Sie bitte. Es ist wirklich nichts. Nur ein dummer Schwächeanfall …«

Sie versucht ihn anzulächeln, ein armseliges, kleines Lächeln, das das Herz des kräftigen Torrence rührt.

»Sie werden doch um vier Uhr hier sein, nicht wahr?«, fragt sie. »Dann komme ich mit meinem Vater. Sie werden alles erfahren. Jetzt bin ich ganz sicher, dass Sie uns Ihre Hilfe nicht verweigern.«

Sie steht in der Mitte des Büros. Sie bückt sich.

»Mein Handschuh«, sagt sie. »Auf Wiedersehen, Monsieur, ich kann Ihnen versichern …«

Barbet, der Bürodiener, den sie so nennen, weil seine strähnigen Barthaare an den gleichnamigen Vogel erinnern, bringt sie zur Tür. Sobald sie im Treppenhaus ist, setzt er seine in der Cité Bergère berühmte grünliche Melone auf, zieht seinen Mantel an, geht durch ein anderes Treppenhaus hinunter und erreicht so noch vor der Besucherin die Rue du Faubourg Montmartre.

Was Torrence angeht, der hat sich zu dem kleinen Spiegel umgedreht und Émile kaum merklich zugezwinkert. Émile verlässt sein Büro und betritt das des Chefs.

»Und, was sagst du zu der Kleinen?«

Worauf der Angestellte mit dem zu kleinen Anzug in einem Ton antwortet, der keine Widerrede duldet:

»Ich denke, dass du ein verdammter Esel bist!«

Jeder, der jemals einen Fuß in die Agence O gesetzt hat, jeder, der in schwierigen oder bedrohlichen Situationen den berühmten Detektiv Torrence um Hilfe gebeten hat, wäre nicht wenig überrascht, ihn so zu sehen: Mit schamrotem Gesicht, hängendem Kopf und vor Verlegenheit stotternd steht er vor dem jungen Mann, den er gelegentlich als seinen Angestellten oder seinen Fotografen und manchmal als seinen Fahrer vorstellt.

Und in der Tat hat Émile sich verändert. Natürlich ist sein Anzug nicht größer oder weiter geworden. Seine Haare sind immer noch genauso flammend rot, und er hat immer noch Sommersprossen und kurzsichtige Augen hinter der Hornbrille.

Dennoch, er sieht nicht mehr so jung aus. Fünfundzwanzig? Fünfunddreißig? Wer das einschätzen kann, muss schon ein verdammt kluges Kerlchen sein. Seine Stimme ist trocken, schneidend.

»Was hattest du in der linken Jackentasche?«, fragt er.

Torrence überprüft seine Taschen.

»Oh, mein Gott!«

»Mein Gott, in der Tat! Wenn du glaubst, dass eine junge Frau in deine Arme fällt, weil sie dir nicht widerstehen kann …«

»Aber sie war …«

Torrence ist niedergeschmettert, entsetzt und gedemütigt.

»Es tut mir leid, Chef. Ich hatte Mitleid mit ihr. Ich bin ein verdammter Esel, du hast recht. Was sie mir da aus der Tasche gezogen hat … Das ist eine Katastrophe … Wir müssen ihr hinterher. Wir müssen sie finden, koste es, was es wolle …«

»Barbet ist ihr auf den Fersen.«

Obwohl er daran gewöhnt ist, kann Torrence nicht umhin, wieder einmal erstaunt zu sein.

»Das Taschentuch, nicht wahr?«, fragt Émile.

»Ja. Du weißt ja, ich hab’s vorsichtig in einen alten Umschlag gepackt und dachte mir, dass ich heute Nachmittag …«

»Mach den Safe auf, schnell, Idiot!«

»Du willst, dass … Ich soll den …«

»Beeil dich, verdammt noch mal!«

Torrence gehorcht. Trotz seiner Größe und seines Umfangs ist er nur ein kleiner Junge, wenn er dem dünnen jungen Mann mit der Brille gegenübersteht.

»Hast du immer noch nicht begriffen?«

»Was begriffen?«

»Nimm den Umschlag aus dem Safe. Leg ihn auf deinen Schreibtisch. Nein, auf den Boden. Das ist sicherer …«

Also nein! Diesmal übertreibt der Chef aber wirklich. Torrence kann sich nicht vorstellen, dass ein Umschlag, der höchstens ein Dutzend Seiten enthält …

Stimmt schon, dass es kleine Bomben gibt, aber sicher nicht so klein, dass …

»Ich hoffe nur, dass sie Barbet nicht entwischt«, bemerkt Émile.

Das schlägt dem Fass den Boden aus. Torrence ist sprachlos. Barbet entwischen, also wirklich! Als ob es je einer geschafft hätte, Barbet abzuhängen!

»Erinnerst du dich, was einen guten Obergefreiten ausmacht, Torrence?«, fragt Émile. »Er ist groß, kräftig und dumm. Also, wenn das so weitergeht, fürchte ich, dass du’s bald bis zum Obergefreiten bringen wirst!«

»Was soll ich dazu sagen?«

»Nichts. Sag mir nur, was wir heute Morgen gemacht haben.«

»Die Versicherung hat heute Morgen um acht angerufen, damit wir uns …«

»Wie oft ist das in den letzten sechs Monaten vorgekommen?«

»Da muss ich in meinem Kalender nachsehen. Vielleicht zwölf- oder dreizehnmal …«

»Und was haben wir jedes Mal am Tatort gefunden?«

»Nichts.«

»Du meinst, wir haben jedes Mal einen ausgeraubten Juwelierladen vorgefunden. Jedes Mal die gleiche Methode. Ein Mann lässt sich am Abend zuvor in dem Gebäude einschließen. Ein Mann, der über Schlösser nur lachen kann, egal, wie ausgetüftelt sie auch sein mögen, und der von jeder Alarmanlage, die je erfunden wurde, weiß, wie man sie austrickst. Einer, der seinen Job sauber und fehlerlos erledigt. Welche Spuren hat er bis jetzt hinterlassen?«

Torrence wird rot wie ein Schuljunge, der seine Hausarbeiten nicht gemacht hat.

»Überhaupt keine Spuren.«

»Und was war heute Morgen im Juwelierladen in der Rue Tronchet?«

»Wir haben ein Taschentuch gefunden.«

»Sagt dir das nichts?«

Torrence gibt seinem Schreibtisch einen ordentlichen Faustschlag.

»Was bin ich doch für ein Esel! Ein verdammter Esel! Ein gottverdammter Esel!«

»Riechst du nichts?«

Torrence schnüffelt. Die breiten Nasenflügel dieses guten Essers schlagen die Luft wie die Flügel eines Vogels.

»Nein, ich rieche nichts.«

Zwei- oder dreimal hat Émile bereits einen besorgten Blick auf das Telefon geworfen.

»Ich hoffe nur, dass Barbet …«

Sechs Monate lang hat die Agence O mit leeren Händen dagestanden. Sechs Monate sind vergangen, seit sich die größte auf Schmuckversicherungen spezialisierte Versicherungsgesellschaft an die Agentur gewandt hat, weil die Polizei nichts erreicht hatte. Dreizehn Diebstähle in sechs Monaten. Ohne eine Spur. Ohne den kleinsten Anhaltspunkt.

Und heute Morgen … Torrence und der rothaarige Émile waren, die schwere Fotoausrüstung mit sich schleppend, zur selben Zeit am Tatort erschienen wie die Polizei. Vor dem Schaufenster des Juweliers hatte sich eine Menschentraube gebildet.

»Entschuldigung, Chef«, rief Émile. »Könnten Sie mir bitte mal helfen, einen neuen Film einzulegen?«

Torrence kam. Émile flüsterte ihm zu:

»Unter meinem Fuß … Ein Taschentuch … Sei vorsichtig.«

Torrence ließ etwas fallen, und während er sich bückte, um es aufzuheben, schnappte er sich das Taschentuch. Etwas später, als ihn niemand beobachtete, steckte er es in einen Umschlag, den er in seiner Tasche verschwinden ließ.

Wer könnte das gesehen haben? Vielleicht einer, der draußen in der Menge zwischen den zwei- oder dreihundert Schaulustigen stand.

Im Taxi, mit dem sie zurück in die Cité Bergère gefahren waren, hatten sie sich das Taschentuch angesehen. In der einen Ecke war ein Wäschereizeichen.

»Jetzt haben wir ihn«, hatte Émile gesagt. »Torrence, du fängst heute Mittag damit an, die Pariser Wäschereien abzuklappern …«

Das Telefon klingelt.

»Hallo? Ja … Wo? Im Quatre Sergeants? Nun, dann isst du eben auch zu Mittag, alter Junge. Was soll ich dir sonst sagen? Wenn du den Fehler machst, sie aus den Augen zu verlieren …«

Dann erklärt er Torrence:

»Dein junges Fräulein aus La Rochelle sitzt jetzt im Restaurant Quatre Sergeants an der Bastille und hat gerade ihr Mittagessen bestellt … Riechst du immer noch nichts?«

»Ich glaub, ich krieg eine Erkältung, Chef.«

»Aber das sollte dir nicht auch die Augen verstopfen …«

Von dem gelben Umschlag auf dem Boden steigt eine dünne Rauchfahne auf. Torrence will sich auf ihn stürzen.

»Lass ihn einfach liegen, alter Junge«, sagte Émile. »Genau, was ich vermutet habe.«

»Sie wussten, dass der Umschlag anfangen würde zu brennen?«

»Wenn nicht, hätte sie keinen Grund gehabt, so hartnäckig darauf zu bestehen, dass du ihn im Safe einschließt.«

»Ich muss gestehen …«

»… dass du nichts verstehst. Dabei ist es ganz leicht. Jemand hat gesehen, wie du das Taschentuch aufgehoben und in deine Tasche gesteckt hast. Jemand hat sofort begriffen, dass wir endlich einen Anhaltspunkt haben, und da der Ruf der Agence O ein recht bedeutender ist, hat jemand Angst bekommen. Wann sind wir ins Büro zurückgekommen, Torrence?«

»Um halb elf.«

»Und um elf kommt diese Denise hereinspaziert. Wo konnte das Taschentuch zu diesem Zeitpunkt sein? Entweder war es noch in deiner Tasche, oder du hast es auf den Schreibtisch gelegt oder, noch besser, da du ein vorsichtiger Mann bist, hast du es vorübergehend in den Safe gelegt. Sieh mal …«

Jetzt züngelt eine kleine Flamme aus dem Umschlag, und dann, wenig später, ist er samt seines Inhalts verbrannt.

»Da hast du’s! Hättest du den Umschlag im Safe liegen lassen, wären jetzt alle Unterlagen darin verbrannt. Ein kleiner Trick, den man schon als Chemiestudent lernt. Man tränkt Löschpapier mit irgendeiner chemischen Lösung, und in Verbindung mit Luft geht es nach einer gewissen Zeit in Flammen auf.

Während dir die junge Dame aus La Rochelle ihr Märchen aufgetischt hat und du darauf eingegangen bist, ist sie in deinem Büro auf und ab gegangen und hat jede Kleinigkeit aufgenommen.

Du hast den Safe aufgemacht, und sie hat sich vorgebeugt und direkt hineingeschaut. Den Umschlag mit dem Taschentuch hat sie nicht gesehen.

Also steckte es mit großer Wahrscheinlichkeit noch in deiner Tasche. Dann musste sie dir eben noch eine kleine Komödie vorspielen, die des erschöpften Fräuleins, das ohnmächtig wird und sich an die Schultern ihres netten, fetten Retters klammert.«

»So fett bin ich nun auch wieder nicht«, protestiert Torrence.

»Trotzdem ist es ihr gelungen, und während sie in deine Arme gesunken ist, hat sie sich das Taschentuch zurückgeholt, und wenn dieses Untier von Barbet sie unglücklicherweise verliert …«

Er nimmt seinen Hut und Mantel.

»Ich gehe besser und kümmer mich selbst darum.«

»Wollen Sie mich dabeihaben, Chef?«, fragt der arme, eingeschüchterte Torrence mit der Haltung eines geprügelten Hundes.

Und doch wird er in der ganzen Welt als einer der größten Detektive angesehen.

IIWo eine Traubenschere zweckentfremdet wird und wo einem Rumpunsch eine unerwartete Bedeutung zukommt

Alle Gäste sind gegangen, einer nach dem anderen. Das Restaurant ist praktisch leer. Jetzt riecht es nur noch nach abgestandenen Küchendünsten, Wein und Kaffee.

Drüben in einer Ecke nahe der Tür hat Émile Barbet abgelöst, nachdem sie gemeinsam zu Mittag gegessen haben; gut gegessen sogar, denn es gab Schnecken, und Émile hat zwei Dutzend verspeist. Unglaublich, was sich Émile, so lang und dünn, wie er ist, alles einverleiben kann – selbst die reichhaltigsten Speisen, die am schwersten zu verdauen sind und vor denen sogar der stärkste Magen zurückschreckt.

»Geh zurück ins Büro«, sagt er zu Barbet. »Sag dem Chef, dass ich noch nicht weiß, wann ich zurück sein werde.«

Hat er zu viel gegessen? Oder ist ihm die halbe Flasche Bordeaux in den Kopf gestiegen? Um sicherzugehen, bestellt er einen schwarzen Kaffee. Aber natürlich muss er dessen Wirkung mit einem Glas vom besten Cognac des Hauses abmildern.

Auf der anderen Seite des Raums hat die junge Frau aus La Rochelle ein goldenes Zigarettenetui aus der Tasche gezogen und sich eine ägyptische Zigarette angesteckt. Über die leeren Tische zwischen ihnen hinweg sehen sie sich an. Auf dem Fußboden liegt immer noch etwas Sägemehl. Die Kellnerin hat mit dem Saubermachen angefangen; sie fegt den Boden und wechselt die Tischdecken. Aber die beiden sitzen ihr immer noch im Weg, und es ist bereits drei Uhr nachmittags.

Als Émile angekommen ist, hat er gar nicht erst irgendwelche Tricks versucht. Er ist direkt auf Barbet zugegangen, der in seiner Ecke saß und versucht hat, sich hinter einer Zeitung zu verstecken.

»In Ordnung!«, hat er gesagt. »Wie ist sie hergekommen?«

»Mit dem Taxi. Leider!«, hat Barbet geseufzt, denn wenn sie mit der Metro oder dem Bus gefahren oder nur ein kleines Stück gelaufen wäre, hätte er leicht herausfinden können, was sie in ihrer Tasche hat.

Unter anderem Namen, der der Polizei bestens bekannt ist, war Barbet früher als berühmter Taschendieb tätig. Er hatte sogar eine Art Schule in der Nähe der Porte Clignancourt in Montmartre, wo er eine Puppe mit Glöckchen benutzt hat, die die Schüler filzen mussten, ohne sie zum Klingeln zu bringen.

Aber jetzt ist er anständig geworden. Warum? Nun, das geht niemanden außer Émile und ihn etwas an.

»Hat sie irgendwelche Telefongespräche geführt? Hat sie jemanden getroffen?«

»Nein. Sie ist nur einmal zur Toilette gegangen. Ich bin ihr bis zur Tür gefolgt. Aber anstandshalber musste ich ja draußen warten.«

Sie guckt zu den beiden rüber, und Émile ist sicher, dass sie ihn erkannt hat. Wenn man bedenkt, dass sie ihn im Büro in der Cité Bergère nur äußerst kurz gesehen hat, muss sie demnach heute Morgen in der Menge vor dem Juwelier gestanden haben.

Was soll’s! Mit manchen Leuten hat es einfach keinen Sinn, Versteck zu spielen.

»Du kannst gehen, Barbet.«

Jetzt sitzen sie und er allein im Restaurant, zwischen ihnen die gesamte Länge des Raums, und hin und wieder scheint es fast so, als lächelten sie sich an. So sehr, dass eine der Kellnerinnen, die allmählich ungeduldig wird, zu ihrer Kollegin sagt:

»Ich möchte gern mal wissen, warum die sich so anstellen. Sollen sie die Sache doch einfach anpacken, um Himmels willen! Früher oder später landen die eh zusammen im Hotel …«

Um zehn nach drei fragt Émile mit der Art von Schüchternheit, die er in der Öffentlichkeit fast immer an den Tag legt, und mit einer übertriebenen Höflichkeit, die gut zu seinem Aussehen passt:

»Ach, bitte, Mademoiselle, könnte ich vielleicht noch einen Cognac bekommen?«

Auf der anderen Seite des Raums ruft die junge, angeblich aus La Rochelle stammende Frau ihrerseits:

»Würden Sie mir bitte ein paar Trauben bringen? Und einen Rumpunsch!«

»Angezündet?«

»Natürlich angezündet.«

Sie bekommt ihre Trauben mit einer leicht gebogenen Traubenschere. Die Kellnerin entfacht ein Streichholz, um den Rum anzuzünden, der eine dunkle Schicht im Glas bildet.

Dann zieht die Unbekannte, nachdem sie Émile einen langen Blick zugeworfen hat, demonstrativ ein Taschentuch aus ihrer Handtasche, schneidet mit der Traubenschere eine Ecke ab und lässt das Stückchen Stoff in den brennenden Alkohol fallen.

»Was machen Sie denn da?«, platzt es aus der Kellnerin heraus.

»Nichts. Nur ein altes Hausrezept.«

Dabei lächelt sie Émile einladend an. Émile steht auf und durchquert das Restaurant.

»Darf ich?«, fragt er.

»Bitte sehr«, antwortet sie. »Mademoiselle! Bringen Sie das Glas von Monsieur an meinen Tisch …«

Und einen Moment später in der Küche grinst die Kellnerin über das ganze Gesicht.

»Was hab ich gesagt? Stellen sich dermaßen an! Und dann landen sie doch beieinander wie alle anderen auch. Jetzt aber mal los! Bloß raus hier! Sollen machen, was sie wollen, solange sie mir nicht beim Putzen im Weg rumsitzen …«

»Ich glaube nicht, dass wir die Ehre hatten, einander vorgestellt zu werden?«, sagt sie.

Und während sie es sagt, bläst sie einen Mundvoll Rauch in sein Gesicht. Er seinerseits hat das Gesicht etwas zur Seite gedreht, aus Rücksichtnahme, denn er denkt an die zwei Dutzend Schnecken, die förmlich in Knoblauch schwammen.

»Es sei denn«, antwortet er, »Sie sind wirklich die Tochter des Notars aus La Rochelle.«

Sie lacht und entspannt sich. Was soll’s! Auch ihr wird klar, dass sie es nicht länger mit Torrence zu tun hat und dass es zwecklos ist, weiter Spielchen zu treiben.

»Ist der Safe auch nicht zu sehr in Mitleidenschaft gezogen worden?«

»Der Umschlag wurde rechtzeitig entfernt.«

»Ist Ihr Chef, Torrence, darauf gekommen?«

»Monsieur Torrence«, antwortet er im Vortragston, als läse er es aus einer Werbebroschüre vor, »ist ein Mann, der alles sieht, alles weiß und an alles denkt.«

»Und trotzdem nicht helle genug ist, um zu merken, wenn seine Taschen geleert werden. Ich frage mich, ob nicht Sie irgendwo im Raum versteckt waren und derjenige sind, der … Aber kommen wir zur Sache. Haben Sie vor, den ganzen Nachmittag hierzubleiben?«

»Ich bestehe nicht darauf …«

»Legen wir also die Karten auf den Tisch … Zuerst hat mich ihr bärtiger kleiner Kumpel beschattet. Dann haben Sie ihn abgelöst. Nach dem, was ich über die Agence O und ihre erfolgreich gelösten Fälle gehört habe, wäre es wohl kindisch zu glauben, dass ich Sie durch einen Hinterausgang oder durch Umsteigen in der Metro abhängen kann. Sie haben die erste Runde verloren, aber die zweite gewonnen.«

»Ich verstehe nicht …«, stotterte er, die Unschuld in Person, ganz das Bild eines geohrfeigten Mannes.

»Sie hatten das Taschentuch. Ich hab’s mir zurückgeholt. Zufälligerweise habe ich nichts dagegen, Ihnen zurückzugeben, was davon übrig ist. Das Wäschereizeichen hat sich in meinem Rumpunsch aufgelöst. Also, jetzt sind Sie an der Reihe, mich zu beschatten. Und deshalb kann ich nirgendwo hingehen. Was für ein Spaß!«

»Um ehrlich zu sein«, seufzt er, »finde ich das gar nicht so übel.«

»Sie vielleicht nicht«, sagt sie. »Mademoiselle! Die Rechnung bitte!«

»Beide zusammen?«

»Wie kommen Sie darauf? Der Monsieur kann seine selbst bezahlen.«

Was würde Torrence sagen, wenn er sie so sehen könnte! Nicht länger die junge Dame oder zumindest eine verdammt abgebrühte junge Dame. Dennoch hat sie eine gewisse Würde, etwas, das man bei Leuten, mit denen Polizisten und selbst Privatdetektive normalerweise zu tun haben, selten antrifft.

»Sind Sie manchmal gesprächiger?«, fragt sie.

»Niemals.«

»Schade. Wir halten die Kellnerinnen von ihrer Arbeit ab. Bezahlen Sie Ihre Rechnung, und dann lassen Sie uns gehen! Ich nehme an, die Richtung ist Ihnen egal? Unter diesen Umständen sollten wir zur Seine runterlaufen. Dort ist es ruhiger.«

Sie wissen nicht, dass ihre Kellnerin gerade eine Wette verloren hat. Sie hat geschworen, dass die beiden im erstbesten Stundenhotel in der Rue de la Bastille verschwinden würden. Stattdessen schlendern sie langsam den Boulevard Henri-IV hinunter.

»Sie möchten doch unbedingt wissen, wo ich hingehe, wo ich herkomme und für wen ich heute Morgen gearbeitet habe, stimmt’s?«, fragt sie. »Das ist es doch, oder? Sie sind mir gefolgt, und Sie werden mir auch weiter hinterherschnüffeln. Und ich für meinen Teil bin fest entschlossen, Ihnen keinerlei Informationen zu geben. Mit anderen Worten: Ich werde nicht nach Hause gehen und keinen Kontakt zu Leuten aufnehmen, die ich kenne.«

Verärgert wendet sie sich zu ihm um und fährt ihn an:

»Warum zum Teufel stecken Sie sich nicht endlich Ihre Zigarette an?«

»Verzeihen Sie … Eine alte Angewohnheit … Ich zünde sie nie an.«

Sie hatte gedacht, dass es mit ihm ein Leichtes sein würde, und dabei hat sie noch nie einen so leidenschaftslosen Typen getroffen wie diesen großen rothaarigen jungen Mann, der ihr mit einer derart außergewöhnlichen Entschlossenheit hinterherläuft.

»Aber warum behalten Sie sie dann im Mund?«

»Ich weiß nicht. Wenn es Sie wirklich stört …«

»Warum geben Sie sich als Detektiv Torrence’ Fotograf aus?«

»Wie bitte? Was meinen Sie damit?«

»Versuchen Sie nicht, mir was vorzumachen. Heute Morgen hatten Sie eine dicke Kamera um den Hals. Sie haben so getan, als würden Sie Fotos machen. Aber Sie haben vergessen, die Kappe von der Linse zu nehmen …«

Er lächelt und gibt zu:

»Nicht schlecht …«

»Was machen Sie in der Agence?«

»Ich arbeite dort.«

»Und höchstwahrscheinlich sind Sie unterbezahlt.«

»Woher wissen Sie das?«

»Sie tragen Anzüge von der Stange, die einlaufen, wenn es regnet.«

Sie haben die Île Saint-Louis erreicht. Sie seufzt.

»Ich frage mich, was ich mit Ihnen machen soll. Von der Tatsache, dass ich gerne meine Kleider wechseln würde, mal ganz abgesehen.«

»Das bezweifle ich nicht.«

»Warum sagen Sie, dass Sie es nicht bezweifeln?«

»Weil Sie das Kostüm in Eile angezogen haben, in letzter Minute, sodass Sie keine Zeit mehr hatten, die Falten aus den Ärmeln zu bügeln. Normalerweise kleiden Sie sich sorgfältiger, vornehmer vermutlich, denn Sie haben Ihre Strümpfe nicht gewechselt, und Sie tragen Strümpfe für hundertzehn Franc das Paar. Ein bisschen teuer für die Tochter eines Provinznotars.«

»Sind Sie vielleicht Strumpfexperte?«

Er senkt den Blick und wird rot.

»Wie dem auch sei«, sagt er, »Ihr Komplize oder Ihre Komplizen erwarten Sie und fangen an, sich Sorgen zu machen. Ich möchte gerne mal wissen, wie Sie denen mit mir auf den Fersen eine Nachricht zukommen lassen wollen. Sie müssen schließlich auch einen Platz zum Schlafen finden. Sie müssen …«

»Schöne Aussichten!«

»Das wollte ich auch gerade sagen …«

Gedankenverloren beobachten sie eine Kette von Lastkähnen, die ein Schlepper flussaufwärts zieht.

»Andererseits«, fährt Émile in seiner angeborenen Demut fort. »Wenn Sie nicht in Ihrem eigenen Bett schlafen, werden wir es morgen früh wissen.«

Sie schaudert, sieht ihn an und sagt:

»Erklären Sie mir das.«

»In Anbetracht des Stadiums, das wir inzwischen erreicht haben, wäre es taktlos von mir, diese Bitte abzuschlagen. Folgen Sie für einen Moment meinem Gedankengang. Wenn das Taschentuch, das während des Diebstahls im Juwelierladen verloren wurde, ein ausreichend schlagender Beweis war, um Sie zu dieser Tat heute Morgen zu veranlassen …«

»Beeilen Sie sich! Es ist kalt hier draußen.«

»Ich wollte sagen, dass es zwei Arten von Wäschereizeichen gibt. Die für private Kunden; die sind nicht so kompromittierend. Aber moderne Wäschereien haben einen großen Kundenstamm. Darum benutzen sie für die Wäsche der großen Hotels besondere Zeichen …«

»Das ist unsinnig!«, fällt sie ihm ins Wort.

»Trotzdem sind Sie blass geworden! Wie dem auch sei, ich nehme an, dass Sie und Ihr Komplize oder Ihre Komplizen in einem Hotel wohnen, wahrscheinlich in einem der größeren. Das Wäschereizeichen hätte uns auf Ihre Spur gebracht. Jetzt ist es nur noch Teil eines Punschs, den hoffentlich niemand trinken wird! Ich würde vorschlagen, wenn Sie nichts dagegen haben – es ist wegen der Schnecken, die ich gegessen habe –, in die kleine Bar dort zu gehen und an der Theke ein Bier zu trinken?« Sie folgt ihm herablassend.

»Zwei Bier vom Fass!«

»Das erklärt immer noch nicht, warum Sie, falls ich heute Nacht nicht in meinem Bett schlafe, wissen …«

»Nun, Sie haben gesehen, dass ich meinen Kollegen weggeschickt habe.«

»Der, der so aussieht wie ein Hund auf Entenjagd?«

»Genau. Er und ein paar andere haben jetzt viel Arbeit vor sich. Morgen früh werden wir dann die Namen und Beschreibungen aller Frauen Ihrer Altersgruppe haben, die in Pariser Hotels registriert sind und die die Nacht nicht in ihrem Zimmer verbracht haben. Auf Ihr Wohl! Wirt, was schulde ich Ihnen?«

»Ich habe Ihnen vorhin eine Frage gestellt.«

»Haben Sie das? Ich erinnere mich nicht …«

Sie laufen wieder den Fluss entlang.

»Was verdienen Sie in der Agence O? Was würden Sie sagen, wenn …«

»Das hängt davon ab, wie viel Sie bei sich haben.«

Sie nimmt ihn beim Wort und öffnet ihre Handtasche. Sie sind an der Spitze der Insel angekommen, von der aus man oben Notre-Dame sehen kann. Der Nebel hat sich gelichtet.

»Wenn ich Ihnen …«

Sie zählt die Scheine. Dreißig … vierzig …

»… fünfzigtausend Franc geben würde?«

Sie ist außer sich vor Freude. Auf keinen Fall kann dieser schlecht gekleidete junge Mann, der aussieht wie ein armer Angestellter, ein solches Vermögen ablehnen.

»Sie müssen nur die Metro verpassen, die ich nehmen werde …«

»Aber dann«, antwortet er ruhig, »hätten Sie gar kein Geld mehr bei sich. Nein, bestimmt nicht! Fünfzigtausend Franc ist alles, was Sie in Ihrer Tasche haben. Und wenn Sie Ihren Komplizen nicht wiederfinden würden? Wenn er Angst bekommen und schon das Weite gesucht hätte?«

Sie kann sich ein leises Lächeln nicht verkneifen.

»Sie lehnen ab? Ist es nicht genug?«

»Es ist zu viel und nicht genug. Ich bin nicht gut im Rechnen. Die Arbeit gestern Nacht hat Ihnen Schmuck im Wert von achthunderttausend Franc eingebracht. Und letzten Monat in der Rue de la Paix zwei Millionen. Der Einbruch am Boulevard Poissonnière …«

»Ich frage Sie zum letzten Mal. Ja oder nein?«

Daraufhin flüstert er, unbeholfen galant:

»Ich genieße Ihre Gesellschaft viel zu sehr.«

»Es wird Ihnen noch leidtun.«

 

Jetzt tut sie so, als beachtete sie ihn überhaupt nicht mehr. Sie überquert die Brücke und hält ein Taxi an. Ohne auf eine Einladung zu warten, steigt er gleich mit ein. Das Taxi hält vor einem Geschäft für Damenunterwäsche in der Rue Saint-Honoré.

»Ich kann mir kaum vorstellen, dass Sie …«

»Oh, ich liebe feine Unterwäsche«, versichert er ihr.

Er folgt ihr von Abteilung zu Abteilung. Als sie zur Kasse gehen, fragt die Verkäuferin:

»Wohin sollen wir die Ware schicken?«

Und plötzlich kommt ihr eine Idee, und sie platzt heraus:

»Geben Sie alles dem Diener meines Mannes hier.«

Schuhe … Seidenstrümpfe … Hin und wieder wirft sie ihm einen ironischen Blick zu, aber er ist nicht das kleinste bisschen verunsichert und hält die Pakete gut fest, außer als er seine Brille putzen muss.

»Haben Sie noch immer nicht genug?«, fragt sie.

»Oh, das macht mir gar nichts aus. Nur, dass nicht alles ins Taxi passen wird.«

Fünf Uhr … sechs Uhr … Als der Taxifahrer an einer besonders verkehrsreichen Kreuzung warten soll, wirft er ihnen böse Blicke zu und folgt ihnen bis zur Ladentür.

»Welches Hotel? Tja, mal sehen … Hôtel du Louvre.«

Und dann, im Hotel angekommen, fragt sie nach einem Zimmer. Émile bleibt hinter ihr stehen.

»Doppelzimmer?«

»Nein. Ein Einzelzimmer. Nur für mich«, antwortet sie.

»Und für Monsieur?«

»Ich brauche keins«, stottert Émile.

Sie ist äußerst gereizt. Oben im Zimmer, wo sich die Pakete auf dem Bett türmen, bebt sie fast vor Wut.

»Wie lange soll das noch so weitergehen?«

»Ich glaube, es ist das Beste, wenn wir runter an die Bar gehen und einen Cocktail trinken. In diesem Hotel gibt es eine exzellente amerikanische Bar«, antwortet Émile.

»Oh, jetzt sind Sie Barexperte, was?«

»Ebenso sehr wie für Strümpfe, Madame Baxter.«

Das ist der Name, den sie an der Rezeption angegeben hat.

»Und ein noch größerer Experte, wenn es um Juwelendiebe geht. Sie machen wirklich einen Fehler, wenn Sie mich nicht auf einen Manhattan an die Bar begleiten.«

Fassungslos folgt sie ihm in die Bar. Es ist schwer, sich den zurückhaltenden Monsieur Émile in einer amerikanischen Bar vorzustellen, und doch scheint er sich dort absolut wohlzufühlen und belehrt sogar den Barmann über die Anteile für den Cocktail.

»Wie Sie wissen, meine kleine Dame …«

»Ich verbiete Ihnen, mich ›meine kleine Dame‹ zu nennen.«

»Wie Sie wissen, meine liebe Freundin.«

Sie macht den Mund auf, um wieder zu protestieren, aber ihr ist klar, dass sie bei ihm nicht das letzte Wort haben wird. Selbst wenn man ihn ohrfeigte, bis er rot wäre wie ein Hummer, auf ihm herumtrampelte und ihn bösartig verfluchte, würde er niemals seine Gelassenheit oder seine eigenartige Selbstsicherheit verlieren; Letztere war umso eigenartiger, da sie mit dieser verblüffenden Bescheidenheit einherging.

»Sie sind jung …«, fährt er fort.

»Und was ist mit Ihnen?«

»Ich? Wenn Sie wüssten! Wie auch immer. Sie haben sich den härtesten Beruf ausgesucht, der zwar oberflächlich betrachtet die größten Dividenden abwirft, ganz sicher sogar, wenn man an den Wert der Juwelen denkt. Aber welches Risiko Sie dabei eingehen! Und abgesehen davon, was bekommt man schon für gestohlenen Schmuck, selbst bei den ehrlichsten Hehlern – wenn man sie so nennen kann? Es ist so ein harter Beruf, dass sich nur sehr wenige der seltenen Spezialisten darauf einlassen, und die Polizei kennt ihre Arbeitsweisen …«

»Wollen Sie damit sagen, dass der Einbruch gestern Nacht …«

»Der von gestern Nacht und die zwölf anderen, die ihm in den letzten Monaten hier in Paris vorangegangen sind … Also, bis vor ein paar Tagen hätte ich schwören können, es wäre das Werk von Glatzenteddy … Barkeeper! Noch mal das Gleiche, bitte!«

»Warum sagen Sie, dass Sie’s bis vor ein paar Tagen hätten schwören können?«

»Weil ich … Nein, entschuldigen Sie, weil mein Chef, Monsieur Torrence, der auf seine eigene Art ein sehr außergewöhnlicher Mann ist, so klug war, mit der New Yorker Polizei Kontakt aufzunehmen, und dabei herausgefunden hat, dass Glatzenteddy immer noch im Gefängnis sitzt. Die Nachricht hat uns erst gestern erreicht, aber es besteht kein Zweifel.«

»Haben Sie irgendeinen Beweis, dass ich nicht Glatzenteddy bin, oder seine Komplizin?«, spöttelt sie.

»Glatzenteddy, mein kleines Kind …«

»Vorher haben Sie mich Ihre ›kleine Dame‹ genannt.«

»Ja, und es könnte vorkommen, dass ich Sie einfach nur ›Kleines‹ nenne! Und jetzt trinken Sie aus. Was ich sagen wollte, Glatzenteddy hat nie mit Komplizen zusammengearbeitet, weder männlich noch weiblich. Die wenigen erfolgreichen Juwelendiebe – diejenigen, die man als internationale Größen bezeichnen kann – haben immer alleine gearbeitet. Aber Glatzenteddy hat es mit dieser Regel bis zur Perfektion getrieben.«

Sie lacht eisig.

»Sie klingen wie ein Lehrer …«

»Wie ein Dorfschullehrer, stimmt’s?«

Manchmal ist sie sich nicht mehr ganz sicher. Er hat so eine komische Mischung aus Demut und Stolz an sich, aus Autorität und Bescheidenheit. Und sein Blick …

»Was glauben Sie«, fragt er, »ist der gefährlichste Zeitpunkt für einen Juwelendieb?«

»Sie scheinen mehr darüber zu wissen als ich.«

»Wenn er den Schmuck verkauft. Alle wertvollen Juwelen haben eine Identität, eine Bezeichnung, mit der man sie, wohin auch immer, nachverfolgen kann. Deshalb hat sich Glatzenteddy auch nie mit Kleinkram abgegeben. Wenn er ein Ding dreht, dann im großen Stil. Drei oder vielleicht auch sechs Monate lang raubt er die Juwelierläden einer einzigen Stadt aus, sagen wir Paris, London, Buenos Aires oder Rom. Er leistet gute Arbeit, erledigt sie schnell und verfährt immer nach derselben Methode. Aber solange er sich in dem jeweiligen Land aufhält, nimmt er sich sehr genau davor in Acht, auch nur eins der gestohlenen Stücke dort an den Mann zu bringen.

Glatzenteddy ist auf seine Art ein Großhändler. Wie man so hört, hat er genug Kapital, um eine Weile auf der Ware sitzenzubleiben. Wenn er genug Beute gemacht hat, verschwindet er. Keine Spur mehr von ihm. Die internationalen Polizeikräfte warten vergeblich auf sein Wiederauftauchen.