Aus der Schublade - Elfriede Wojaczek-Steffke - E-Book

Aus der Schublade E-Book

Elfriede Wojaczek-Steffke

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Beschreibung

Die Sammlung von Kurzgeschichten und Gedichten entstand über einen Zeitraum von sieben Jahrzehnten. Einige Geschichten und Gedichte wurden zu DDR-Zeiten veröffentlicht. Manche waren aufgrund ihrer kritischen Inhalte von vornherein "für die Schublade" geschrieben. Nur Familienangehörige und Freunde kamen in den Genuss dieser poetischen, philosophischen und humorvoll-kritischen Alltagsbetrachtungen. Heute sind sie eine kostbare Erinnerung an das Leben in einem vergangenen Land.

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Seitenzahl: 288

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Die vorliegende Sammlung entstand über einen Zeitraum von sieben Jahrzehnten. Einige Geschichten und Gedichte wurden zu DDR-Zeiten veröffentlicht. Manche waren aufgrund ihrer kritischen Inhalte von vornherein „für die Schublade“ geschrieben. Nur Familienangehörige und Freunde kamen in den Genuss dieser poetischen, philosophischen und humorvoll-kritischen Alltagsbetrachtungen. Heute sind sie eine kostbare Erinnerung an das Leben in einem vergangenen Land.

Elfriede Wojazcek-Steffke, Jahrgang 1931, ist in Stachenwald, einem nordmährischen Dorf in einer katholischen Familie aufgewachsen. Ende 1946 erfolgte die Aussiedlung in die damalige Sowjetische Besatzungszone. Nach dem Abitur 1951 studierte sie Veterinärmedizin an der Humboldt-Universität in Berlin und promovierte 1957. Sie arbeitete fünf Jahre als Tierärztin in Dresden. Nach ihrer Hochzeit zog sie 1962 zu ihrem Mann nach Berlin, wo sie bis 1972 als Tierärztin tätig war. Neben familiärem und sozialem Engagement widmete sie sich fortan dem Schreiben. Seit Januar 1978 besuchte sie den Zirkel schreibender Arbeiter „Maxim Gorki“, einer „Nische“, in der sie einen sehr offenen Austausch erlebte, der ihr half, ihr schriftstellerisches Handwerk weiter zu entwickeln. Obwohl Elfriede Wojaczek-Steffke als überzeugte Katholikin eine Sonderstellung einnahm, erfuhr sie dort eine herzliche Aufnahme. 1994 erschien ihr autobiographischer Roman „Vom geliebten zum gelobten Land“ in tschechischer Übersetzung als eines der ersten Bücher in Tschechien überhaupt, das von der Vertreibung der deutschen Bevölkerung handelt. Es fand viel Beachtung und wurde als ein wichtiger Beitrag zu einer deutschtschechischen Aussöhnung gewürdigt. In deutscher Sprache erschien das Buch 1996 und 2001.

Abschied

Mach dich bereit,

zähl' deine sieben Sachen,

du lässt sie hier,

lass sie getrost zurück.

Du gehst ohn' alles,

so wie du gekommen.

Dein Fingerabdruck nur,

er bleibt auf all den Dingen,

die du im Leben hast berühren dürfen.

War es genug?

1976

Inhalt

Teil I Kurzgeschichten

Erinnerungen an den „Zirkel schreibender Arbeiter“ Maxim Gorki

Staat und Dichter - ein DDR-Märchen

Fräulein Schindler

Eine Liebesgeschichte?

Großmuttel

Mutters Pelzmantel

Frau Ptačková aus Kutna Hora

Die Bockwurst-Aster

Süßes Blut

Das Eignungsgespräch

Schnee von gestern

Poesie eines Unfalls

Flieg, Käfer, flieg

Der Bummelfritze

Zwischen Halle und Weimar

Was weiß ich eigentlich vom Herrn Leopold

S-Bahn-Episode

Koloss mit Blümchen

Am Rande der Kur

Der Büchsenjunge

Meine Freundin Susi

Sturmgrillen

Seelenwanderung

Hanno

Ein Stückerl vom Glückerl

Das Punkermädchen

Onkel Polak – ein Porträt aus Prag

Die russische Bibel

Ein Weihnachtstrip

Die S-Bahn fährt wieder - Mutter erzählt

Knopfelegie

Flügel

Geborgtes Glück

Mutters Sterben

Pflanz' einen Baum

Heilige in der Pankower Unterwelt

Ein Abend im Advent

Teil II Gedichte

Inhaltsverzeichnis Gedichte

Erinnerungen an den „Zirkel schreibender Arbeiter“ Maxim Gorki

Statt eines Vorwortes (2013)

In den »Zirkel schreibender Arbeiter« im Hause der Deutsch-sowjetische Freundschaft brachte mich Ende der 70iger Jahre Frau Schellenberger. Sie war die Frau des Schriftstellers Peter Nell, selber Autorin und meine Mitpatientin im Kur-Krankenhaus Mahlow.

»Sie müssen unter schreibende Leute, das Handwerk erlernen«, bestimmte sie nach einem Literaturwettbewerb des Hauses, an dem sich die Patienten beteiligten. »Ich schicke Sie zu Walter Radetz im Haus der DSF«.

Entsetzt rief ich: »Niemals, ich bin katholisch«. Unbeeindruckt davon sprach sie mit Walter und überredete mich zu einem Versuch. Buchstäblich mit offenen Armen wurde ich auf- und angenommen. Keiner stieß sich daran, dass ich mein Debüt mit einer politisch unangepassten Kurzgeschichte »Der Büchsenjunge« gab; sie sollten gleich wissen, woran sie mit mir sind.

Und es wurde einfach schön, so schön, dass ich meine damals 70igjährige Mutter („Elfriede die Ältere“), die von Kindheit an dichtete, mitbrachte. Für sie wurde der Zirkel die Krönung ihrer letzten 20 Lebensjahre. Sie blühte förmlich noch einmal auf. Endlich wurde ihre „Schreiberei“ (nicht nur für eingeforderte Gelegenheitsgedichte) ernst genommen und zu ihrem Vorteil sachkundig besprochen. Dafür buk sie auch in der Weihnachtszeit Nikoläuse und Vanille-Kipferlen für alle. Drei Gedichtbändchen erinnern an sie.

Für mein eigenes Schreiben lernte ich sehr viel aus der Kritik und den Ratschlägen der anderen „alten und jungen Hasen“, Kritik, die hilfreich und nach Walters Willen nie verletzend sein sollte und war. Walter hatte die Fähigkeit, auch politisch Brisantes zu entschärfen und daneben kritisch und tolerant zu bleiben. Inzwischen ist bekannt, dass die Stasi dabei wenige Chancen hatte.

(Zu meinem Erinnerungsbuch über die Vertreibung schlug Walter vor: »Schreib’s um, schreib’s aus der Sicht des Kindes; da darfste alles sagen«. Und er hatte Recht, auch wenn das Buch erst nach der Wende 1994 erscheinen konnte, bezeichnender Weise in Prag auf Tschechisch, wo es damals ein erfolgreiches Novum wurde bezüglich der deutsch-tschechischen Versöhnung. Auf Deutsch erschien es anschließend in drei Auflagen, zuletzt 2002 im St.-Benno-Verlag Leipzig.)

Bis heute bin ich Mitglied der literarischen Nachfolge-Einrichtung „Colon“ und freue mich, wenn ich noch ab und zu an den interessanten Werkstatt-Abenden unter Jürgen Kögels Regie teilhaben darf. Sehr dankbar sehe ich auf die Zeit mit vielen lieben Zirkelfreunden zurück, von denen uns leider schon manche in jungen Jahren für immer verlassen haben. Mit einiger Rührung erinnere mich auch, wie Jürgen Kögel, der als Mitglied des „BSO“ (Berliner Sinfonie Orchester, Anm. des Hg.) bereits damals „reisefähig“ war, uns in einem Dia-Vortrag zu den für uns unerreichbaren Schönheiten der Alhambra mitnahm. »Zum Heulen schön!«, sagte er, und wir kriegten Gänsehäute. Das ist nun Geschichte – und auch wir dürfen reisen, großartig! Großartig auch, wie es Jürgen Kögel nach Walter Radetz und Jan Eik vermag, den jungen und älteren Talenten weiterhin so viel an Wissen über die Kunst des Schreibens und die Freude am Schreiben zu vermitteln. Und: »Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann den Sinn der Gegenwart und das Ziel der Zukunft nicht erkennen«, schrieb Maxim Gorki.

Viel Glück weiterhin!

Staat und Dichter - ein DDR-Märchen

»Gruß dir, mein Poet«, sagte der Staat, »bitte besinge mich«!

»Oh«, flüsterte der Dichter verschreckt, »ich kann nicht singen«.

»Gut«, erwiderte freundlich der Staat, „dann beschreibe mich eben! Einer meiner vielen Köpfe wird dann beauftragt, dein Lied zu vertonen.«

»Deine Köpfe sind unmusikalisch«, wendete der Poet ein. »Das tut nichts; jeder von ihnen kennt und beherrscht die Gesetzmäßigkeiten, die sich auf alle Gebiete anwenden lassen.«

»Aber«, sagte der Poet, »die Kunst unterliegt anderen Gesetzmäßigkeiten.«

»Du meinst, ihr Künstler seid etwas Besonderes, habt andere Rechte als die Massen, die den Staat ausmachen.«

»Das Volk«, verbesserte der Dichter, »du meinst die Menschen, die den Staat ausmachen.«

»Widersprich nicht immer!« sagte der Staat. »Mach' mir und dir nicht unnötig das Leben schwer, setz' dich hin und schreibe!«

»Das geht nicht so einfach, es muss von selbst, von innen kommen, was ich schreibe.«

»Quatsch!« sagte der Staat. »Von außen kommen die Eindrücke, die du gewinnst, und du lässt sie wieder hinaus, ganz einfach!«

»So einfach geht das nicht, ich muss sie erst umsetzen, bevor ich sie wieder hinauslasse; ich muss sie erst verdauen sozusagen.«

»Schrecklich«, sagte der Staat, »Du weißt, was bei der Verdauung herauskommt, und das willst du den Massen anbieten? Wo lebst du denn?«

»Natürlich, ich lebe hier; aber das heißt doch nicht - . Pass' auf, besingen heißt preisen; ein Loblied, das willst du doch. Ich aber meine, ehe ich dich preisen kann, muss ich sagen, was dem Preisen im Wege steht, kritisieren heißt das.«

»Nur zu, ich mag Kritik«, lächelte der Staat, »fang an!« »Wo«, fragte der Dichter, »wo soll ich anfangen?«

»Wo du willst, fang an!«

»Vielleicht mit dem Thema: Warum gilt ein Genosse mehr als einer ohne Partei?«

»Das ist wieder ein typisches Produkt deiner Verdauung! Lass deine Gedanken durch den Kopf, nicht durch den Darm hinaus. Dir fehlt die Weite, die Großzügigkeit.« »Richtig«, unterbrach der Dichter freudig, »die Weite fehlt mir, du sagst es. Ich möchte reisen, weit weg; vielleicht bekomme ich dann Sehnsucht nach dir.«

»Fahre, fahre z.B. nach der Krim, nach Sotschi, oder in die fernen Berge Mittelasiens. Hier mein Reisestipendium, nimm und lerne schreiben und berichte mir deine Fortschritte!«

Der Dichter fuhr in die Berge, er war glücklich, er atmete die schöne Fremde, gewann Abstand. Froh und dankbar schrieb und schrieb er - ein Märchen. Erwartungsvoll sah ihm der Staat entgegen, als er heimkehrte, und seine Köpfe wandten sich ihm lauschend zu.

»Es war«, begann der Dichter, »ein Staat, fern, fern von hier. Der war zwar nicht beliebt bei allen seinen Bürgern, aber die meisten schätzten ihn und standen hinter ihm; nur Bösewichte fürchteten ihn. Aber die Zahl der Bösewichte nahm ab von Jahr zu Jahr. Denn der Staat lehrte die Mütter, dass die Erziehung der Kinder ihre Hauptaufgabe sei. Er gab hohe Prämien für ordentliche Erziehungsarbeit an die Eltern und sparte die Ausgaben für die wenigen noch nötigen Jugendwerkhöfe, indem er sie von den Eltern der Insassen finanzieren ließ. „Der materielle Anreiz!“ sagte er. Er war ein weitblickender Staat. Und alle waren wirklich gleich, und die Köpfe mussten nicht alle das gleiche Parteibuch haben. Sie mussten nur das Beste für die Menschen tun. Sie bekamen zwar doppelt so viel Gehalt wie die anderen, wegen der Verantwortung, aber weder Volvos noch frei konvertierbare Währung. Und die Leute auf der Straße und in den Betrieben achteten sie und zogen die Mützen, wenn sie vorbeigingen, und sie standen hinter ihnen, auch wenn sie einmal Mist gebaut hatten.«

»Aufhören!« sagte der Staat.

»Aber es fängt doch erst an. Es wird alles noch besser werden, ich garantiere dir!« stammelte der Dichter.

»Es reicht, hör auf!«

»Aber es ist doch nur ein Märchen, ein Gleichnis sozusagen.«

»Mein Lieber«, sagte der Staat, und seine tausend Köpfe wackelten gleichmäßig trübe, „wir sind weder im Kindergarten noch im Religionsunterricht. Wie lange hast du schon nicht in der Produktion gearbeitet? Du hast dich von den Massen entfernt. Geh' in einen Betrieb, falls du noch etwas lernen möchtest. Du kannst aber auch die Ausreise bekommen dahin, wo man Märchen schätzt.«

»Aber«, sagte der Dichter, »ich will nicht fort; denn ich bin hier zu Hause.«

»Dann bleib', aber marsch in die Ecke zu den ungezogenen Buben, wo du keinen Unfug machen kannst. Meine Lieder aber werden die Artigen dichten.« Und alle seine tausend Köpfe nickten feierlich. Das war das Märchen vom Staat und seinem Dichter.

Fräulein Schindler

Fräulein Schindler war unsere Erdkunde- und Tschechischlehrerin. Obwohl bereits pensioniert, kehrte sie im Krieg wieder in den Schuldienst zurück. Wohlwollen und Freundlichkeit standen ihr buchstäblich auf dem Gesicht geschrieben, wenn sie ihre Bildchen in die Höhe hielt und fragte: »Co je to?« und wir im Chor antworteten: »To je husa« oder »To je pes«. Sie war alleinstehend, das heißt, sie versorgte noch ihren ertaubten älteren Bruder. Bei der Taubheit handelte es sich um ein erbliches Familienleiden, von dem auch sie bedroht war. Deshalb waren die Geschwister unverheiratet geblieben.

Fräulein Schindler liebte mich besonders, weil sie alle guten Eigenschaften meiner Mutter, die sie als einstige Schülerin in bester Erinnerung hatte, in mich hineinprojizierte, was mir aber gar nicht gefiel, da ich nicht Mutters sanftes Gemüt besaß.

Eines Tages schilderte Fräulein Schindler sehr anschaulich, wie die Bergbauern in den Karpaten in Holzbütten die nach Regengüssen abgeschwemmte Erde wieder auf ihr kärgliches Äckerchen hinauf schleppen mussten. Sie wirkte dabei unfreiwillig sehr komisch mit ihrer kleinen rundlichen, von einem schwarzen, glänzenden Klottkittel umhüllten Gestalt, die sich unter der Last des als Bürde geschulterten Zeigestabes krümmte, um uns die Mühsal der geplagten Leute plastischer vor Augen zu führen.

In der nächsten Geographiestunde meldete ich mich scheinheilig zur Wiederholung dieses Themas. In hohen Tönen der Begeisterung beschrieb ich, mit Fräulein Schindlers eigenen Worten, die „strenge Lieblichkeit der kärglichen Höhen und der gesegneten Täler, die moosigen Hänge, von Quellen durchplätschert, und das köstliche Spiel von Licht und Schatten im Karpatenlande“. Unter lautem Stöhnen und mit halbgeschlossenen Augen beklagte ich dann wiederum die entsetzlichen Anstrengungen der Bergbewohner. Den Zeigestock ließ ich abwechselnd auf der Landkarte herumklimmen oder als Holzbehälter auf meinem Rücken erscheinen, um ihn als Abschluss des Theaters erschöpft als Stütze zu benutzen.

Meine Mitschülerinnen waren von meiner Darbietung so erheitert, dass ich befürchtete, zu weit gegangen zu sein. Jedoch, jeden anderen hätte Fräulein Schindler durchschaut, ich aber war ihr über jeden Verdacht erhaben. Verklärt blickte sie mich aus ihren braunen Augen an, und ich ahnte etwas von dem Glück, das sie darüber empfand, einem Schüler das Herz geöffnet zu haben für die Schönheit und Traurigkeit der Welt. Was Wunder, dass sie in ihrer Güte der Meinung war, meine Mitschüler seien dabei, mich meiner empfindsamen Seele wegen zu verlachen. Deshalb sprach sie mit Bedauern und voll sanftem Vorwurf: »O schade, die meisten von euch werden es wohl nie verstehen, so zu empfinden.«

In unsere Schülersprache übersetzt hieß das, dass sie allesamt lebenslänglich gefühlsarme Hornochsen bleiben müssten. Zu mir aber sprach sie, indem sie staunend und anerkennend und ein wenig stolz auf mich den Kopf schüttelte: »Du bist ein Phantast, Elfriede, ein Phantast.«

Was empfindet ein Fratz wie ich in solchem Augenblick? Gar nicht mehr gut fühlte ich mich plötzlich, und ich schämte mich in Grund und Boden vor diesem gütigen Blick. Was blieb ist das Bild eines lieben unverdienten Lächelns in einem alten Lehrergesicht und eine dankbare, oft reuige Erinnerung an alle, die mich prägten im Verschleiß ihrer eigenen Kräfte.

Eine Liebesgeschichte?

Nein, mit Nobert, das wäre nicht gut gegangen für immer! Schon allein sein ausgeprägter Sinn für Ordnung, Kleidung und tadelloses Benehmen ... dazu meine Großzügigkeit in diesen Dingen! Und dann, vielleicht wäre er auch ein bisschen zu schön gewesen für mich. So sehe ich das heute, aber damals?

Es war in den ersten Nachkriegsjahren, wir wohnten im Umsiedlerlager. Ich ging noch zur Oberschule - die einzige in der Klasse, die aus den Baracken kam, den andern fremd in Sprache und Aussehen - und musste den Stoff von zwei verlorenen Schuljahren nachholen. So hatte ich zwischen Vokabel- und Mathematik-Alpträumen noch nicht recht begriffen, dass es zweierlei Menschen auf der Welt gab. Das änderte sich unversehens, als Norbert in eine unserer Nachbar-Baracken kam. Notabitur, Krieg, Gefangenschaft, Entlassung - das waren seine Stationen. Und beide kamen wir aus der gleichen Gegend.

Bald nach seiner Ankunft sagte seine Mutter zu meiner Mutter: »Darf der Norbert einmal bei Ihnen vorbeischauen, damit er sich bei Ihren Kindern ein bissel über die Schule informieren kann? Er weiß so gar nicht, wie's weitergehen soll.«

Also, Norbert „schaute vorbei“, und meine Mutter sagte nachher zu seiner Mutter: »Das ist aber ein netter Mensch, Ihr Sohn, wirklich, und so gut erzogen!«

Ich dagegen achtete weniger auf seine guten Manieren als auf sein Aussehen und vor allem darauf, dass er, der mir wie ein Filmstar erschien, mich ernsthaft zur Kenntnis nahm. Verzaubert war ich, aber ich ließ mir nichts anmerken. Lediglich mein Bruder Edi durchschaute mich: »Mächtig verliebt, wa? Aber verkneif dir nur ruhig deine Mikoxe!« Dieses Wort meinte in seiner Kürzelsprache die „Minderwertgkeitskomplexe“, von denen ich ein Schatzkästlein voll besaß.

In der Tat, neben Norbert fühlte ich mich als unansehnliches dummes Ding. Meine langen, dicken Zöpfe durften, weil sie von Familie und Nachbarschaft für meine größte, und wie ich vermutete, auch für meine einzige Zierde gehalten wurden, nicht abgeschnitten werden. »Sieht sie nicht aus wie vierzehn?« - Wie mich das ärgerte! Meine Garderobe war ausgewachsen und an den jeweiligen Enden durch Mutter mit viel Geschick und artfremdem Stoff verlängert worden. Kombinieren nannte man das. Jedoch alle Vergrößerungsversuche hatten ihre Grenzen, vor allem in der Weite. »Kannst froh sein«, stellte mein Bruder fest, »dass du vorne mehr nach mir und dem Vater kommst als nach Mutter!« Er meinte, in der Oberweite.

Norbert dagegen war immer gut angezogen. Hatte doch seine Mutter - in dem unbegreiflichen Optimismus der Mütter jener Tage - seine Anzüge durch alle Lager hindurchgebracht. Lieber ließ man die Sachen der Väter zurück - aber der Junge! Wenn der wiederkommt!

Nur einmal fand ich mich selber schön: Das war an unserem Schillerabend in der Schule. Ich trug geborgte Stöckelschuhe und eine rote Bluse, mit großen bunten Blüten bestickt, Geschenk meiner Deutschlehrerin aus ihrem Carepaket. Norbert saß neben meinen Eltern, und ich hatte nur Augen für ihn. Ach was! - Ich wagte überhaupt nicht, in die Richtung zu schauen, in der ich ihn wusste. Und doch hatte ich das Gefühl, dass er ganz allein in der Aula den Text vernahm, den ich aus Wilhelm Tell vorzutragen hatte: »Ein furchtbar wütend Schicksal ist der Krieg, die Herde schlägt er und den Hirten und schonet nicht das Kindlein in der Wiege ...«

Aber da ist noch ein späterer Abend, treulich aufgezeichnet und bewahrt in meiner Erinnerung: Staatsoper in der Friedrichstraße, Mozarts Entführung aus dem Serail. Auf der Bühne Julius Catona als Belmonte und Lieselotte Losch als bezaubernde Constanze, und neben mir im Parkett - Norbert! Mein Genuss jedoch ist getrübt durch eine Peinlichkeit an der Garderobe, derentwegen ich mich mächtig geniere. In der Schule war mir nämlich der Aufhänger an meinem Mantel abgerissen, und ich hatte vergessen, ihn wieder anzunähen. Traurig und aufreizend zugleich hatte sein loses Ende mir nachgenickt, als Norbert ihn der Garderobenfrau hinüberreichte. Und die hatte auch noch so empörend lange an der betreffenden Stelle herumgesucht und gefummelt, ehe sie das Stück gekränkt irgendwie festhakte. Norbert hatte getan, als hätte er es nicht bemerkt.

Es handelte sich dabei übrigens um den ehemaligen Mantel meines Bruders, dem Mutter zum Zeichen, dass er fortan weiblich sei, die Knopflöcher links zugenäht und rechts neue eröffnet hatte. Am Oberteil hatte sie ein blondgelocktes Hundefell angeheftet, das sehr überzeugend wirkte. Aber eben dieser Aufhänger! Er verdarb mir sogar den Genuss an der Arie des Osmin.

»...und die Hälse schnüren zu, schnüren, schnüren, schnüren zu...« dröhnte es aus dem Haremswächter und weckte zusätzliche Assoziationen zu meiner eigenen Einschnürung. Denn ich wagte kaum zu atmen in dem zu engen braunen Samtkleid meiner Kindheit.

In der Pause fiel mir auf, wie gut Norbert wieder aussah in seinem dunklen Anzug - sein schmales, scharfgeschnittenes Gesicht, die nachdenklichen Augen mit ihrem Blau und Schwarz, das wellige dunkle Haar, sein Lächeln, mit dem er so sparte - und ich bildete mir ein, dass die Mädchen im Foyer und die jungen Frauen unentwegt Blicke auf ihn warfen, während ich, wie eine hässliche kleine Schwester, von ihnen erst gar nicht für voll genommen wurde. Er aber schien das alles nicht zu bemerken.

Die Heimfahrt mit der S-Bahn war schön lang, und danach kam der weite Fußweg unter einem glitzernden Himmel am Wald entlang. Plötzlich hatte Norbert auf die Uhr gesehen und gesagt: »Wenn wir uns nicht beeilen, kommen wir erst im nächsten Monat zu Hause an.«

Gekränkt beschleunigte ich meine Schritte. Er sollte sich nur nicht einbilden, dass ich den Heimweg unnötig in die Länge ziehen wollte. So schön war er auch wieder nicht!

Norbert aber bremste mich ab: »Langsam, langsam, der März fängt in einer halben Stunde an, wollte ich nur sagen!«

Da war ich wieder zufrieden. Wir ließen uns Zeit und hatten viel zu erzählen, aus der Kindheit, aus der Schule und von unseren Plänen. Schließlich merkte ich, dass Norbert immer schweigsamer wurde und nur noch ich plapperte, was mich ziemlich irritierte.

Dann lag im fahlen Nachtlicht die Barackenstadt vor uns, wie ausgestorben. Wir begegneten nur Josef, dem freundlichen Wächter. Ihn hatte der Krieg als einzigen aus seiner Familie am Leben gelassen. »Winsche angenehme Nachtruhe!« - »Danke, Herr Josef, ebenfalls!«. Er zog an uns vorbei, und ich hatte schon befürchtet, dass er uns in seiner Güte bis vor unsere Türen geleiten werde, um uns noch ein wenig zu unterhalten.

Kahle Pappeln und Apfelbäume säumten das letzte Wegstück. Der Mond leuchtete weiß auf die geteerten Dächer. Dann kam das Gutenachtsagen an meiner Barackentür, ganz leise; denn jeder Ton hätte die Schläfer hinter den dünnen Holzwänden wecken können. Viele Ohren und Zungen warteten in solch einer Barackenstadt auf Sensationen. - Norbert hielt meine Hand fest und sah mich merkwürdig lange an, bis er fragte. »Übrigens - wollen wir nicht „du“ zueinander sagen?“

Lag's am geflüsterten Wort, dass es mir wie eine Liebeserklärung klang?

Mein Gott, da stand dieser Phönix, und ich war doch eine Gans. Das musste er spätestens jetzt bemerken, als ich verschreckt meine Hand aus seinen beiden riss und ohne Erwiderung in mein Schlupfloch mit der Nummer sechsundzwanzig verschwand. Lautlos erklomm ich dort meinen Strohsack im Doppelstockbett. Sehr unglücklich war ich. Was nutzte es, dass ich bei Norberts nächstem Besuch den Mut aufbrachte, ihn mit „Du“ anzureden - ich sah an ihm vorbei.

Ja, und wie ging es weiter? - Eben so, wie es im Märchen niemals weitergeht: Vater, der sich buchstäblich Tag und Nacht abmühte, um uns in diesen schweren Zeiten durchzubringen, hatte, schon lange bevor Nobert zu uns gekommen war, energisch zum Ausdruck gebracht: »Solange ihr in die Schule geht, gibt's nichts nebenbei!« Das hieß: Jede Liebelei verboten, punktum! Lernen, lernen und Stubben roden - und Eicheln sammeln - und Pilze suchen - und Ähren lesen - und Kartoffeln stoppeln, und Träume mussten eben Träume bleiben. Bald darauf ging Norbert zu Verwandten nach dem Westen, um dort zu studieren, und wir sahen uns nicht wieder.

Nun ja - man starb damals noch eher an leerem Magen als an gebrochenem Herzen. Immerhin, für mich war Norbert das, was man so die erste große Liebe nennt, und die klingt bekanntlich langsamer ab, als sie auszubrechen pflegt. Was bleibt, ist eine freundliche Erinnerung, aus der man dennoch seine Lehren zog.

Großmuttel

(Erinnerungen an eine Wirtin)

Auf mehrmaliges Klingeln hin hatte sie damals ihren weißhaarigen Kopf aus dem Türspalt gestreckt: »Wos wälln denn Sie - he? - Wos? Nä, nä - a su schnell vermiete ich ni weder! Ech hoar noch vo dar Letzten genug!«

Bums, und die Tür war zu! - Dresden 1957.

Am nächsten Tag versuchte ich es wieder, weil ich doch die amtliche Zuweisung für das halbe Zimmer bei ihr hatte. Ein eigenes Zimmerchen zu dieser Zeit in Dresden war ein wahres Geschenk Gottes und des Wohnungsamtes. Beim zweiten Besuch öffnete sich die Tür etwas weiter: »Jo, sein denn Sie schon weder do, Freilein?«

Die kleine alte Frau musterte mich streng aus grauen, beweglichen Augen. Während es mir diesmal gelang, höflich mein Anliegen vorzubringen, ging plötzlich ein helles Aufleuchten über ihre ernsten Züge. Meine Aussprache hatte es bewirkt:

»Jo - Sie sein ja außem Sudetenland; no, warum hoan sen doas ni glei gesoht? Komme se rei, on Tierärztin sein Sie a schon?«

Sie zog mich energisch in die Diele, zeigte mir mein Zimmer. Ich durfte schon am nächsten Tag einziehen. Beim Abschied rief sie mir laut ins Treppenhaus nach: »Doas ichs ni vargassn tu: Gehurt wird bei mir nie! Merken se sichs, Freileinchen!«

Sieben mal zweieinhalb Meter groß war mein Zimmer. Ein Bett mit grüner Überdecke, ein hoher Eichenschrank mit unten angebrachten Schubladen und zwei Holzstühle waren Großmuttels Eigentum, zu welchem - sie kannte keine Halbheiten - sie fortan auch mich zählte, und das von ganzem Herzen.

Natürlich nahm ich nur einen angemessenen Teil ihrer großen Wohnung und ihres Herzens ein. An erster Stelle rangierte Lorle, der „Fehltritt“ ihrer ältesten Tochter. Großmuttel hatte Lorle aufgezogen und studieren lassen. Lorles späterer Fehltritt mit Heiner wurde zum Glücks-Tritt, dem Klein-Dagmar, das „Mausel“, entsprungen war. Blond, blauäugig und niedlich hing es der Großmuttel buchstäblich am Schürzenzipfel.

Außer der kleinen Urenkelin wurden Lorle, Heiner und ich in Großmuttels Erziehungsprogramm eingeschlossen, gegen das wir selten und nur heimlich aufbegehrten, weil Großmuttel zumeist recht hatte, wie sich herausstellte. Sie war eine Respektsperson. Der Schuster zum Beispiel, unten im Hause, rief sie gegen die Angriffe seiner Frau zu Hilfe. Die Briefträgerin holte sich bei ihr Rat in der Kindererziehung, und der Gemüsehändler von nebenan nahm sich ihren öffentlichen Tadel so zu Herzen, dass er ihr nur noch mit ausgesuchtem Obst und Gemüse aufwartete, was damals viel bedeutete.

Großmuttels Misstrauen und ihre Kritikfreudigkeit konzentrierten sich in besonderem Maße auf Heiner, den Schwiegerenkel. Nicht nur, dass sie ihm verübelte, dass er die Lorle seinerzeit auf Grund einer Wette, die er mit seinen Kollegen abgeschlossen hatte, herumgekriegt hatte, nein, er verschmähte Sonntags auch ihre Semmelknödel und aß Kartoffeln. Das war eine tiefe Kränkung für Großmuttel. Hatten nicht Max, ihr verstorbener Mann, und ihre drei Söhne gerade diese Semmelknödel immer besonders gelobt? Auch ich konnte nicht umhin, ihre Kochkünste zu bewundern. Sie versorgte den Haushalt und das Kind und nähte außerdem für die Leute.

Rührend war sie um unser körperliches und seelisches Wohlergehen besorgt. Hätte ich beim abendlichen Rapport zu sehr über meinen Chef geklagt, sie wäre ihm sicher auf die Bude gerückt, um ihm „die Kutte zu lausen“.

Nur die Knie machten ihr Beschwerden, gegen die sie mit Knoblauch und Einreibungen ankämpfte. Immer adrett gekleidet und frisiert, ging sie nie ohne Hut auf der Straße, nie ohne Schürze im Haus herum. Einmal in der Woche holte sie Martl, ihre schwachsinnige Schwägerin, aus dem Heim, striegelte sie, kontrollierte ihre Reinlichkeit und hielt zu deren Freude ein Kaffeestündchen mit ihr ab. Geschichten erzählte sie für Mausel so anschaulich, daß Lorle und ich uns dazu schlichen, sooft es ging. Sie war eine Magierin.

Über Großmuttels Bett hingen drei Soldatenbilder: Maxl, der Älteste, Tonl, der Mittlere, und Bertl, der Jüngste. Keiner war aus dem Krieg wiedergekommen. Die beiden Großen waren gefallen, der Bertl aber war vermisst geblieben. Unter seinem Bild hing ein Spruch, dessen letzte Zeile ich sie manchmal vor sich hinmurmeln hörte, wie eine Beschwörung: „Wart' ich nur dein, dann kehrst du heim.“ Sie wartete nach fünfzehn Jahren immer noch. Ich kann ihr Gesicht, den Ton ihrer dunklen Stimme nicht vergessen, wenn sie den Dreien an der Wand zunickte und langsam sagte: »Meine braven Jungs!«

Nach dem Krieg war sie mit ihrem Mann darin übereingekommen, dass es keinen Gott geben könne; denn hätte er sonst das alles zulassen können? Als Max dann zum Sterben gekommen war, hatte er ihr versprechen müssen, ihr diesbezüglich ein Zeichen zu geben. Bald darauf, als sie mit einer Lungenentzündung zu Bette lag, hatte sie Max in der linken oberen Zimmerecke, wie in einem Schwalbennest, sitzen gesehen. Und er hatte dreimal genickt. Da wusste sie, dass es IHN gab; auf ihren Max war Verlass. Jedoch mit solch einem Gott, da wollte sie nichts mehr zu tun haben. Wohl hatte damals der Pfarrer sie besucht. Er hatte ihr erklärt, dass nicht Gott die Kriege macht, sondern die Menschen. Diese versündigen sich gegen das Gebot der Nächstenliebe, mit dem freien Willen, den Gott ihnen gegeben hat. Großmuttel hatte entgegnet: »Schaun Se, Herr Pfarrer, da sullte der Herrgott, der jo vorher schon wusste, wies kommt, den Mensch lieber ein tummes, unschuldiges Vieh bleiben looßen un sullte doas mit dem freien Willen lieber sein looßn.« Bei dieser Meinung war sie geblieben.

Wie war denn ihr Leben verlaufen? Hatte sie es nicht von Kindheit an schwer genug gehabt in ihrer Heimat, im nordböhmischen Kohlenrevier? Der einzige Reichtum ihrer Eltern war deren große Kinderschar gewesen. Mehr als die Hälfte der Geschwister war schon klein gestorben. Unter denen, die am Leben geblieben waren, war der Tonl ihr Lieblingsbruder gewesen. Der hatte sie auch unterstützt, als sie jung verheiratet war und ein Kind nach dem anderen kam. Er verdiente recht gut unter Tage, mehr als Max bei der Maurerei. Aber dann kam der Tonl um, verschüttet in der Grube.

Bald danach wurde Max arbeitslos, deshalb suchte er in Dresden ein neues Auskommen. Sie zog später mit den fünf Kindern nach. Doch bevor sie „ins Sächsische machten“, war noch der Bertl geboren worden. Daran wollte sie am besten gar nicht mehr denken. Aber kann man’s vergessen? Der Bertl war der Fünfte, und „nichts zu reißen und zu beißen“. Da hatte ihr Hertl, Tonls Witwe, die Hebamme, aus Barmherzigkeit die bewusste Stelle am Köpfchen des Neugeborenen gezeigt. »Neistachn musst oaber salber!« hatte sie gesagt. »Doas mach ich dir nie!« Da hatte der kleine Albert seine Mutter auf einmal richtig angesehen, wie das sonst so Kleine noch gar nicht können. Daraufhin hatte sie die Nadel in die Asche geworfen. - Später hatte Großmuttel gerade ihn am liebsten gehabt. Das sei jetzt ihre Strafe, meinte sie, dass sie nicht wisse, ob er lebe oder ob er tot sei.

Als die Kinder größer geworden waren, wurden sie alle evangelisch, nur weil der evangelische Geistliche die Armen unter den Konfirmanden neu einkleiden ließ; Gott ist ja der gleiche, da wie dort, hatten Max und sie damals gemeint. Sie selber hatte zu den entsprechenden Feierlichkeiten in Ermangelung eines geeigneten Kleides zwei schwarze Lüsterschürzen umgebunden, eine vorn und eine hinten herum.

Ansonsten hatte Großmuttel ein nüchternes Verhältnis zu Leben und Tod. Als sie eines Tages die Haustreppe hinunterging, da hatte es so komisch gerochen, sagte sie, besonders vor der Tür des Schusters im Parterre. »Un wie ich do a bissl am Schlüsselloche rumriechen tat, do dochte ich: Aha, dar Schuster, da tut sich vagiften. Ar hotts jo schon amol probiert, wegen dar Schustarn, dam Luder, bei dar er schon im Laben sei Fegefeier abbießen musste, un die sich a mit fremde Karln, no, sie wissen schon, Freileinchen - . No, docht ich, mer soll Reisende nie ofhalte, doas wär a Send, un ich ging naus eikafen. On wie ich offn Mittage hejm kam, ech wor extra noch a Stond mit dam Mausel eim Alaunpark gesasse, do wor schon de Polizei on Feierwehr eim Hause; on diesmol hoot ars geschofft, dar orma Hond; on etz gehts ehm gut!« Bald danach zog ich zurück nach Berlin, blieb aber weiterhin mit Großmuttel in Verbindung.

Anfang der siebziger Jahre wollte mich Großmuttel unbedingt und plötzlich entschlossen wiedersehen. Ich war damals lange verheiratet und der Kinder wegen Hausfrau geworden. Jedoch hatte sie meine Adresse nach meinem erneuten Umzug nicht mehr gewusst. Also fuhr sie trotz ihrer achtundsiebzig Jahre einfach aufs Geradewohl nach Berlin, stieg am Bahnhof Friedrichstraße aus und fragte den nächsten Verkehrspolizisten nach „dem“ tierärztlichen Institut. Der schickte sie zur nahen veterinärmedizinischen Fakultät in der Hannoverschen Straße, genau an den richtigen Ort. Dort erfuhr sie über meine einstige Arbeitsstelle meine Anschrift. So stand sie anderthalb Stunden nach Ankunft des Zuges mit ausgebreiteten Armen und verschmitzt lachendem Gesicht vor unserer Tür. Eine Woche hätschelte sie unsere Kinder und erzählte ihnen aufregende Märchenabenteuer. Sie lehrte sie in Generationen erprobte Fingerspiele und gewann ihre Herzen.

Als sie bei ihrem Besuch auch meinen Bruder, der an Multipler Sklerose erkrankt war, völlig bewegungslos erlebte, war sie zutiefst betroffen. Sie hatte ihn damals in Dresden als gesunden, munteren Studenten fest in ihr Herz geschlossen, und nun das! »So ein Elend ist meinen Jungs doch erspart geblieben«, sagte sie, nachdem wir die Tür zu Edi's Zimmer geschlossen hatten, und die Tränen liefen ihr über das zerfurchte Gesicht.

Als ich sie nach Jahren zum letzten Mal wiedersah, verriet sie mir, dass Max ihr wieder aus der bewussten Zimmerecke zugenickt hatte. Sie wusste, was das bedeutete. »Es ies Zeit, Freileinchen,« sagte sie. »Hauptsoch, es gieht schnell; ech mecht nie lange remlega.« (Ich war bis zuletzt, trotz meiner Kinder, ihr „Freileinchen“ geblieben). Ihr Leben war dann aber doch langsam und sehr mühsam zu Ende gegangen, wie Lorle schrieb. Ihr war nie etwas geschenkt worden, außer unserer dankbaren Zuneigung; aber nein - auch die hatte sie sich ehrlich verdient.

Mutters Pelzmantel

Es ist wunderbar, so viel Geld zu haben. Ich muss aufpassen, dass mir der Reichtum nicht zu Kopfe steigt. 560 Mark Monatsgehalt für eine frisch gebackene Tierärztin! Die Eltern würden am liebsten gar nichts davon annehmen. So sind sie eben. Ich muss also einen großen Teil davon für mich selbst behalten.

Ich spare wie verrückt; es macht Spaß, wenn man ein Ziel hat. Ich habe ein großes. An Mutters 50. Geburtstag, im September 57, ist es erreicht. Einen schwarzen, wunderbar glänzenden, gelockten Kalbsstirn-Mantel haben wir heimlich für sie auserkoren. Unter einem Vorwand habe ich Mutter in das HO-Industriewaren-Kaufhaus Hennigsdorf hineingelockt. Nun steht sie, zur Salzsäule erstarrt, wie eine kleine Puppe von diesem 552,-M kostbaren Juwel umkleidet, blass und verwirrt vor dem Spiegel. Unsere Mutter! Vaters Traum erfüllt sich - mehr als eine Pelzjacke, zu der sein Geld nie ausgereicht hatte!

Und was macht Mutter, als sie aus der Erstarrung erwacht, welche die schöne fremde Frau im Spiegel ihr eingejagt hatte? Sie schreit Zeter und Mordio, so dass ich mich vor der Verkäuferin in Grund und Boden schäme. Nie, nie würde sie den Pelz anziehen. Das wäre Größenwahn, Vermessenheit. Alle Stachenwälder der Friedenssiedlung würden mit dem Finger auf sie zeigen, oder, was noch schlimmer wäre, heimlich über sie spotten. »Seht nur, wie sie den Hintern dreht in ihrem Pelz!«

»Du hast gar keinen Hintern, das soll der lose Mantel ja gerade verdecken«, sage ich ungerührt und lasse das kostbare Stück einpacken. Beim Unterschreiben des Kassenzettels für den "Pelzmantel" macht sie wieder Sperenzchen; denn da wird es politisch: Was steht da drauf gestempelt?

"Es ist nicht gestattet, diese Ware nach Westberlin, Westdeutschland oder dem Ausland zum Zwecke des Verkaufs, Verschenkens, Verleihens oder Lagerns zu transportieren. Der illegale Transport dieser Ware aus der Deutschen Demokratischen Republik und dem demokratischen Sektor von Berlin nach Westberlin, Westdeutschland oder dem Ausland wird nach den geltenden Gesetzen bestraft.“

Ich habe von dieser Belehrung Kenntnis genommen.

»O Gott, auch das noch!« sagt Mutter. »So ein Affentheater, da muss mer ja aoch so aufpassen!«

»Eben, Mama, wenn Du ihn verlierst, gibt's Ärger. Aber ist es nicht großartig, dass Rindviecher in der DDR Pelze haben?«

»Jetzt willst mich wohl auch zu einem machen«, klagt sie erbost.

Mutter ist jetzt nicht zu Späßen aufgelegt.

»Die ganze Westverwandtschaft, die uns mit ihren „Packeln“ am Leben erhalten hat, besitzt keinen so noblen Mantel, ich schäm mich ja zu Tode! «

Weihnachten zur Christmette. Nach dem Zureden aller lieben Nachbarinnen und der Familie, schleicht sich Mutter in der Dunkelheit wie ein armer Sünder in die letzten Reihen der vollen Kirche. Sie hofft, dass sie im Gedränge nicht auffällt. Uns zu Liebe trägt sie am Fest der Liebe schwer an dem guten Stück. Wer einen Kalbsfellmantel einmal angehoben hat, kennt sein Gewicht.

Wir lassen Mutter Zeit zum Eingewöhnen. Jahrelang zieht sie also weiter ihren abgewetzten Wintermantel an, außer an hohen Feiertagen. Erst als es von solchen Mänteln zu wimmeln beginnt, ist sie bereit, den ihren anzunehmen und der hat, wie sie sagt, das ewige Leben. Als er nach vielen Jahren langsam kahler wird, lässt sie ihn in eine Jacke umarbeiten, die leichter und "wie neu“ von ihr getragen und sogar geliebt wird.

Als Mutter nach der Wende den schönen, federleichten Nerzmantel ihrer verstorbenen Kusine Frieda erbt, sie war eine Pelzmodistin und hatte vor dem Krieg ein Spezialgeschäft, hängt sie diesen liebevoll in den Schrank, wo er bis zu ihrem eigenen Tod eingemottet darauf wartet, wenigstens ein einziges Mal von ihr ausgeführt zu werden. Aber dagegen hatte sie die stichhaltige Ausrede, dass sie nämlich unterwegs möglicherweise von den Tierschützern Prügel beziehen oder von Räubern überfallen werden würde. Und wer aus der Familie wollte das schon unserer zierlichen Mutter zumuten.

Frau Ptačková aus Kutna Hora