Aus Liebe zu meinem Kind - Marisa Frank - E-Book

Aus Liebe zu meinem Kind E-Book

Marisa Frank

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Beschreibung

Die Idee der sympathischen, lebensklugen Denise von Schoenecker sucht ihresgleichen. Sophienlust wurde gegründet, das Kinderheim der glücklichen Waisenkinder. Denise formt mit glücklicher Hand aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. »Wir haben uns wieder einmal verspätet«, sagte Denise von Schoenecker. Geschickt lenkte sie das Auto über die schmale Landstraße. Der kleine, idyllische Ort Wildmoos lag bereits hinter ihnen. Die lustigen Wegweiser – es waren geschnitzte Kinder- und Tierfiguren – zeigten an, daß es nicht mehr weit bis zum Kinderheim Sophienlust war. »Du hast dich länger als vorgesehen auf dem Jugendamt aufgehalten«, meinte der sechzehnjährige Junge, der neben Denise saß. »Ja, es gab einiges zu besprechen.« »Das mußte auch einmal sein«, sagte Nick altklug. Er wußte auch, wovon er sprach. Trotz seiner jungen Jahre interessierte er sich sehr für das Kinderheim Sophienlust, dessen Erbe und Besitzer er war. Er war sehr stolz auf das Kinderheim, das in seiner Art einmalig war. Obwohl er noch das Gymnasium besuchte, griff er schon oft persönlich ein, wenn es darum ging, einem Kind zu helfen. Denise von Schoenecker, eine noch sehr jugendlich aussehende, schöne Frau, lächelte. Ihr Lächeln verstärkte sich, als Nick, ihr Sohn, sagte: »Du bist die Seele und der gute Geist von Sophienlust.« Nick schenkte seiner Mutter einen liebevollen Blick. Er verehrte sie von ganzem Herzen. Sie scheute nie eine Strapaze, wenn es darum ging, ein verlassenes Kind nach Sophienlust zu holen. Sie gewann auch stets das Vertrauen ihrer Schützlinge, aber nicht nur das.

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Seitenzahl: 141

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Sophienlust – 279 –Aus Liebe zu meinem Kind

… werde ich mein Leben ändern

Marisa Frank

»Wir haben uns wieder einmal verspätet«, sagte Denise von Schoenecker. Geschickt lenkte sie das Auto über die schmale Landstraße. Der kleine, idyllische Ort Wildmoos lag bereits hinter ihnen. Die lustigen Wegweiser – es waren geschnitzte Kinder- und Tierfiguren – zeigten an, daß es nicht mehr weit bis zum Kinderheim Sophienlust war.

»Du hast dich länger als vorgesehen auf dem Jugendamt aufgehalten«, meinte der sechzehnjährige Junge, der neben Denise saß.

»Ja, es gab einiges zu besprechen.«

»Das mußte auch einmal sein«, sagte Nick altklug. Er wußte auch, wovon er sprach. Trotz seiner jungen Jahre interessierte er sich sehr für das Kinderheim Sophienlust, dessen Erbe und Besitzer er war. Er war sehr stolz auf das Kinderheim, das in seiner Art einmalig war. Obwohl er noch das Gymnasium besuchte, griff er schon oft persönlich ein, wenn es darum ging, einem Kind zu helfen.

Denise von Schoenecker, eine noch sehr jugendlich aussehende, schöne Frau, lächelte. Ihr Lächeln verstärkte sich, als Nick, ihr Sohn, sagte: »Du bist die Seele und der gute Geist von Sophienlust.«

Nick schenkte seiner Mutter einen liebevollen Blick. Er verehrte sie von ganzem Herzen. Sie scheute nie eine Strapaze, wenn es darum ging, ein verlassenes Kind nach Sophienlust zu holen. Sie gewann auch stets das Vertrauen ihrer Schützlinge, aber nicht nur das. Sie war auch die beste Mutter, die man sich denken konnte.

»Ich hab nicht nur in dir, sondern auch in Schwester Regine und Frau Rennert die besten Helfer.« Denise schaltete. Die kurvenreiche Straße zwang sie, langsamer zu fahren.

»Du darfst Pünktchen nicht vergessen«, sagte Nick, dessen Taufname Dominik war, eifrig. »Auch wenn sie selbst Heiminsassin ist, geht sie dir schon eifrig zur Hand. Das mußt du zugeben. Vor allem um die kleineren und neuen Kinder kümmert sie sich immer liebevoll.«

»Natürlich«, stimmte Denise ihm sofort zu. »Du weißt doch, wie sehr wir alle Pünktchen schätzen. Sie gehört ja auch schon fast zur Familie.«

Denise verkniff sich ein Lächeln. Es entging ihr nicht, daß ihr Sohn errötete. Denn Angelina Dommin, wegen ihrer unzähligen Sommersprossen von allen nur Pünktchen genannt, war eng mit Nick befreundet. Er hatte sie vor vielen Jahren gefunden und ins Kinderheim gebracht. Sie hatte bei einem Brand im Zirkus ihre Eltern verloren und war danach ihren Pflegeeltern ausgerissen. Seither lebte sie in Sophienlust und besuchte, genau wie Nick, in Maibach das Gymnasium.

»Mutti, da!« Nick berührte den Arm seiner Mutter. Da trat diese auch schon auf die Bremse. Sie hatte das Auto, das mit dem Vorderrad in den Straßengraben gerutscht war, gesehen. Dicht dahinter hielt sie an.

»Es wird doch nichts passiert sein?« sagte Nick und sprang schon aus dem Auto.

Die junge Frau, die zusammengekrümmt hinter dem Lenkrad saß, sah nicht einmal hoch. »Fahren Sie weiter«, sagte sie herrisch.

Nick zögerte sekundenlang, dann sagte er höflich: »Ich würde Ihnen gern behilflich sein.«

»Nicht nötig. Lassen Sie mich in Ruhe!« Die Stimme der jungen Frau war alles andere als freundlich.

Nick zuckte die Achseln. Er wandte sich ab, blieb dann aber doch wieder stehen. »Haben Sie schon probiert, aus dem Graben herauszufahren? Allein werden Sie das kaum schaffen.«

»Lassen Sie das gefälligst meine Sorge sein.« Kurz wandte die junge Frau ihm ihr Gesicht zu. Auf ihrer Stirn standen Schweißperlen. Sie stöhnte leise auf, dann krümmte sie sich zusammen.

»Mutti, sie ist verletzt«, rief Nick.

»Unsinn«, sagte die Frau gepreßt. Mit der Hand strich sie sich eine lange blonde Haarsträhne aus dem Gesicht. »Lassen Sie mich endlich in Ruhe!«

»Kann ich helfen?« Denise von Schoenecker hatte ihr Auto ebenfalls verlassen. Ohne eine Antwort abzuwarten, machte sie die Autotür auf und nahm den Arm der jungen Frau. »Haben Sie Schmerzen?«

»Das geht Sie nichts an!« Heftig entzog die junge Frau Denise ihren Arm. »Ich habe Sie nicht um Hilfe gebeten.«

»Es ist für uns selbstverständlich zu helfen«, entgegnete Denise.

»Ich benötige Ihre Hilfe aber nicht.« Die Unbekannte wollte noch etwas sagen, brach aber abrupt ab. Schmerzvoll verzog sich ihr Gesicht.

»Sie sind doch verletzt«, flüsterte Nick.

»Lassen Sie sich doch helfen«, begann auch Denise wieder. Sie sah auf die junge Frau, die Arme und Kopf auf das Lenkrad gelegt hatte, und wurde aus deren eigenartigem Benehmen nicht klug. »Es ist doch nichts geschehen. Jeder kann einmal in den Straßengraben fahren.«

»Hören Sie mit diesem Unsinn auf!« Die junge Frau richtete sich auf. »Da, sehen Sie mich nur an. Es ist mir nichts passiert. Ich bin nicht verletzt. Ich brauche Ihre Hilfe nicht.«

Denise zögerte. Trotz der Blässe, die das Gesicht der jungen Frau bedeckte, sah sie, daß diese sehr hübsch war.

»Gut, ich kann Ihnen beweisen, daß mir nichts fehlt.« Die junge Frau setzte ihren Fuß vor die Autotür und erhob sich leicht. Noch halb auf dem Autositz sitzend, fragte sie: »So, was ist nun? Kann man wirklich nicht einmal anhalten, ohne gleich belästigt zu werden?«

»Sie sind doch in den Straßengraben gefahren.« Nicks Augen blitzten empört.

»Ich bin höchstens mit dem Vorderrad hineingerutscht. Weiteren Schaden habe ich nicht verursacht. Junger Mann, es ist meine Angelegenheit, wie ich hier wieder herauskomme.« Mit eisiger Miene sah sie dabei über Nick und dessen Mutter hinweg. »Guten Tag!« Sie zog die Füße ins Auto zurück und schloß mit einem heftigen Ruck die Tür.

»Komm, Mutti, das haben wir nicht nötig.« Brüsk wandte Nick dem Auto den Rücken zu. »So eine arrogante Person ist mir noch nicht untergekommen«, schimpfte er, als seine Mutter zu ihm trat und die beiden sich in das eigene Auto setzten.

»Ich weiß nicht…« Nachdenklich sah Denise zu der jungen Frau hinüber. Unbeweglich saß diese hinter dem Lenkrad.

»Mutti, sie hat uns direkt beleidigt«, erinnerte Nick.

»Ja, aber warum?«

»Das kann uns doch egal sein. Soll sie sehen, wie sie hier wieder wegkommt.« Der Sechzehnjährige war wütend. Höflich hatte er seine Hilfe angeboten, aber er hatte nur beleidigende Worte geerntet. »Mutti, fahr schon! Wir haben uns sowieso schon verspätet«, drängte er.

Als Denise dann aber startete und an dem Auto vorbeifuhr, drehte Nick sich doch noch einmal um. Er sah nur das blonde Haar. Der Kopf der Frau ruhte wieder auf dem Lenkrad.

Ob sie doch krank war? Bevor Denise um die nächste Biegung fuhr, wandte der Junge nochmals den Kopf.»Mutti«, begann er, sprach dann aber nicht weiter, denn die hohe Hecke, die Sophienlust einfriedete, war erreicht. Gleich würde das große schmiedeeiserne Tor auftauchen, von dem eine Auffahrt zur Freitreppe des Kinderheims führte.

Denise nickte stumm. Sie fuhr nicht durch das Tor, sondern wendete das Auto und fuhr zurück.

»Ich weiß nicht…«, Nick kaute an seiner Unterlippe. »Sie hat sich überhaupt nicht gerührt, als ich zurückschaute. Vielleicht hat sie doch Schmerzen.«

Ehe Denise antworten konnte, hatte sie die Stelle, an der der Wagen abgerutscht war, wieder erreicht.

»Du bleibst im Auto«, sagte Denise und stieg aus.

Die junge Frau hob den Blick. »Können Sie mich nicht in Ruhe lassen?« sagte sie. Ihre Stimme klang jetzt aber nicht mehr herrisch, sondern verzweifelt. »Ich will keinen sehen!«

Denise von Schoenecker hörte das unterdrückte Schluchzen aus diesen Worten heraus. Aber nicht nur die Stimme, sondern vor allem die großen dunklen Augen der jungen Frau zeigten ihr, daß es richtig gewesen war umzukehren. Hier war ein Mensch, der dringend Hilfe benötigte. Was spielte es für eine Rolle, daß die junge Frau sich nicht helfen lassen wollte?

»Ich bin nicht verletzt! Und was mit meinem Auto geschehen ist, ist mir egal. Es ist mir alles egal. Ist das so schwer zu begreifen?«

»Nein.« Ernst sah Denise in das verzweifelte Gesicht der jungen Frau. »Sie sind sicher nicht die erste, die so denkt, und werden auch nicht die letzte sein. Ich weiß, daß das Leben oft hart mit einem umspringt.«

»Sie?« Die Lippen der blonden Schönheit verzogen sich verächtlich. »Ihnen geht es doch gut. Man sieht Ihnen an, daß Sie alles haben, was Sie sich wünschen. »Was wissen Sie, wie mir zumute ist?« Brüsk brach sie ab. Sie drehte den Kopf zur Seite und stieß gepreßt hervor: »Gehen Sie endlich. Ich will allein sein.«

»Allein zu sein ist nicht gut. Es ist weit besser, man spricht sich alles vom Herzen. Nichts ist so schlimm, wie es zuerst aussieht.«

Die junge Frau stieß ein gequältes Lachen aus. »Da sieht man, Sie haben keine Ahnung. Hören Sie mir gut zu! Ich habe das Leben statt. Ich sitze hier und suche nach einer Möglichkeit, Schluß zu machen.« Sie drehte Denise wieder das Gesicht zu. »Nun sind Sie wahrscheinlich schockiert. Es ist mir aber ernst. Ich erwarte nichts mehr vom Leben, und die Anforderungen, die es an mich stellt, bin ich nicht zu erfüllen bereit.«

Die junge Frau hatte ruhig gesprochen und Denise dabei fest in die Augen geschaut. Jetzt verzogen sich ihre Lippen. Sie preßte die Hände gegen den Leib.

Denise war das nicht entgangen, aber auch Nick hatte es gesehen. Er hatte es im Auto nicht mehr ausgehalten und war herangekommen. Erschrocken sah er seine Mutter an. »Mutti, sollen wir nicht Frau Dr. Frey verständigen?«

»Sie sind verrückt«, fuhr die junge Frau auf. »Ich brauche keinen Arzt.«

»Aber Sie brauchen Ruhe. Sie sind völlig fertig. Kommen Sie mit. Sie können sich bei uns etwas erholen.« Freundlich, aber energisch öffnete Denise die Wagentür und faßte die junge Frau unter.

»Lassen Sie mich! Ich will nicht«, stöhnte diese, konnte aber keinen Widerstand entgegensetzen. Sie bestand nur noch aus Schmerzen und Übelkeit. Schuld daran hatte das ungeborene Wesen, das sich nun immer öfters bemerkbar machte.

»Das geht vorüber«, sagte Denise, die nun erkannte, was der jungen Frau fehlte. Sie griff noch fester zu und führte die Widerstrebende zu ihrem Auto. »Wenn Sie sich etwas ausgeruht haben, werden wir überlegen, wie wir Ihr Auto wieder flott machen. Atmen Sie tief durch, dann ist es gleich vorbei.«

Die junge Frau tat, was Denise ihr geraten hatte. Das Schwindelgefühl wich, auch der stechende Schmerz ließ nach. Oh, wie haßte sie dieses Wesen, das sie zwang, ihr Leben so grundsätzlich zu ändern. Sie sah auf, sah Denises besorgtes Gesicht und lachte auf.

»Kein Grund der Sorge. Ich weiß selbst am besten, daß diese Übelkeit in meinem Zustand völlig normal ist.«

»Steigen Sie ein«, forderte Denise die Unbekannte auf. Sie ließ sie los und öffnete zugleich einladend die Autotür.

Die junge Frau schüttelte den Kopf. Eine Haarsträhne löste sich und fiel ihr in die Stirn. Sie schob sie mit einer ungeduldigen Handbewegung zurück. »Ich brauche keinen Beichtvater. Mir geht es wieder gut. Darf ich Sie daran erinnern, daß ich Sie nicht um Hilfe gebeten habe?« Ihr spöttischer Blick umfaßte Denise kurz, dann wandte sie sich um und ging einfach weg. Sie ging auch an ihrem mit dem Vorderrad am Straßengraben hängenden Auto vorbei.«

Nick zog hörbar die Luft ein. »Das kann sie doch nicht machen«, sagte er kopfschüttelnd, dann rief er energisch: »Hallo! Wohin wollen Sie? Hier ist weit und breit keine Werkstatt.«

Die junge Frau antwortete nicht, sondern schritt nur noch schneller aus.

»Soll ich ihr nachlaufen?« fragte Nick. »Ich glaube, sie tut nur so überheblich. Im Grunde ist sie sehr verzweifelt.«

»Das glaube ich auch.« Denise von Schoenecker warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Sie seufzte.

»In Sophienlust werden sie schon sehnsüchtig auf dich warten. Ohne dich wird Vicky sicher nicht mit der Geburtstagsfeier beginnen wollen.«

Denise wußte, Nick hatte recht. Sie hatte Vicky, dem jüngsten Kind der Langenbach-Geschwister, auch versprochen, pünktlich zurück zu sein. Nun war es bereits sechzehn Uhr. Wahrscheinlich war die Kleine schon verzweifelt, und Schwester Regine hatte alle Hände voll zu tun, um sie zu trösten.

»Nick, lauf nach Sophienlust«, sagte Denise entschlossen. »Es ist ja nicht weit. Gib dort Bescheid. Sie sollen schon ohne mich anfangen.«

»Du willst dich also um die junge Frau kümmern. Bist du sicher, daß sie deine Hilfe braucht?«

»Ja«, entgegnete Denise ernst. Die Worte, die die junge Frau vorhin geäußert hatte, gingen ihr nicht aus dem Kopf.

*

Delia Schier hörte den Jungen wohl, aber sie ging weiter. Was ging sie diese Frau und der Halbwüchsige an? Sie wollte in Ruhe gelassen werden.

Schneller ging die junge Frau. Dann bog sie einfach von der Straße ab und ging quer über die mit Gänseblümchen, Margariten und Vergißmeinnicht bewachsene Wiese. Es war ihr nicht bewußt, wie schnell sie ausschritt, doch bald wurde ihr der Atem knapp. Ihr Herz klopfte. Keuchend blieb sie stehen.

Delia hatte kein Ziel. Es war egal, was sie tat. Sie wollte nur in Ruhe gelassen werden.

Delia setzte sich dort, wo sie gerade stand, ins Gras. Sie hatte alles satt. Sie wollte nicht mehr, aber sie war feige, hatte Angst vor Schmerzen. Seit Tagen grübelte sie darüber nach, wie sie am leichtesten aus dem Leben scheiden könnte. Es sollte schmerzlos geschehen. Leiden wollte sie nicht.

Das Kind in ihr regte sich wieder. Delia empfand keine Freude darüber, sondern ballte ihre Hände zu Fäusten. Ausgerechnet ihr mußte das passieren. Der siebente Monat hatte bereits begonnen. Da sie ihren Zustand nicht länger verheimlichen konnte, hatte sie einfach alles liegenlassen und war verschwunden. Niemand wußte von der Schwangerschaft. So war ihr das hämische Getuschel der Kolleginnen erspart geblieben.

Delia sah zum Himmel empor. Es war ein herrlicher Tag. Nur ganz vereinzelt segelten weiße Wölkchen dahin. Doch das war Delia egal. Von ihr aus hätten schwere Regenwolken am Himmel stehen können. Warum stürzte nicht der Himmel ein und begrub sie unter sich?«

Denise von Schoenecker suchte die junge Frau. Sie ging bis zur Straßenkreuzung, drehte sich dort um. Da nahm sie mitten in der Wiese eine undeutliche Bewegung wahr und erkannte gleich darauf das blonde Haar. Mehr war von der jungen Frau nicht zu sehen.

Ohne zu zögern, ging Denise dorthin. Sie blieb vor der junge Frau stehen, doch diese bemerkte sie nicht. Sie hatte die Hände aufgestützt. Mit weit geöffneten Augen sah sie zum Himmel empor. Der Ausdruck in ihren Augen war so geistesabwesend, daß Denise erschrak. Mit welchen Worten sollte sie diese junge Frau zurückholen? Welches Schicksal lag hinter ihr?

Denise war jedenfalls bereit zu helfen. Sachte beugte sie sich etwas vor und legte der Unbekannten ihre Hand auf die Schulter.

»Sie!« Delia seufzte. »Und ich dachte, ich hätte schon alles hinter mir.«

Denise verstand. »So dürfen Sie nicht sprechen. Sie sind noch jung. Es wird sich sicher eine Möglichkeit finden…«

Delia unterbrach sie, indem sie einfach lachte. Es war ein kaltes Lachen. »Wie gründlich Sie alles mißverstehen. Finanzielle Probleme habe ich nicht. Ich habe gut verdient und das Geld auch gut angelegt. Nur habe ich genug. Ich will einfach nicht mehr. Ich verachte mich selbst, denn ich hasse dieses ungeborene Wesen in mir. Trotzdem war ich bisher nicht imstande, es töten zu lassen. Und jetzt ist es zu spät dazu. Aber ich werden verhindern, daß es zur Welt kommt. Ich werde mich zusammen mit ihm töten.«

Delia hatte ohne Leidenschaft gesprochen. Nun hob sie den Blick und sah Denise von Schoenecker an. »Sie können das nicht verstehen. Sicher haben Sie Kinder. Sie sind eine Frau, die für Kinder lebt, die edel und gut ist.«

»Ich habe Kinder. Nick, meinen Ältesten, haben Sie kennengelernt.« Bewußt begann Denise von sich zu erzählen. Sie wollte die junge Frau ablenken. Sie sprach von Sophienlust, das sie bis zur Großjährigkeit ihres Sohnes verwaltete.

Hörte die junge Frau ihr überhaupt zu? Denise konnte es nicht genau sagen, aber die Furcht, daß alle ihre Worte vergebens sein würden, befiel sie.

»Sicher eine schöne Aufgabe.« Delia zuckte die Achseln. »Aber was tun Sie dann hier? Dort werden Sie gebraucht.«

»Es sind nicht immer nur Kinder, die Hilfe nötig haben. Kommen Sie, stehen Sie auf. Sie werden sich erkälten. Der Boden ist naß. Es hat gestern geregnet.« Denise hielt der jungen Frau ihre Hand hin.

»Wenn Sie meinen? Aber es spielt keine Rolle.« Delia nahm Denises Hand und ließ sich aufhelfen. »So, und was jetzt? Wie lange wollen

Sie sich noch mit mir befassen?« Spöttisch verzogen sich Delias Lippen.

Denise wurde aus dieser jungen Frau nicht klug. Sie war überzeugt, daß diese sich im Leben behaupten konnte. Sie strahlte trotz ihrer Resignation Selbstsicherheit aus, wirkte sehr apart, und war sehr elegant gekleidet.

Delia erriet Denises Gedanken. Sie sagte: »Ich sehe in meinem Leben keinen Sinn mehr, aber Sie irren, wenn Sie glauben, ich hasche nach Trostworten. Ich glaube, es ist an der Zeit, daß wir unsere zufällige Bekanntschaft beenden.« Sie reichte Denise ihre Hand.

Denise hielt sie fest. »Sind Sie Künstlerin?«

»Ich werde nicht über mich sprechen.«

»Dann sagen Sie mir wenigstens, was Sie jetzt tun werden.«

»Ich muß Sie wieder enttäuschen. Ich weiß es nicht. Ich habe alle Zelte hinter mir abgebrochen. Nein…« Delia machte eine abwehrende Bewegung. »Ich denke nicht an die Zukunft. Für mich und das Kind wird es keine Zukunft geben.«