Aus Mangel an Schlaf - Nicole Birmes - E-Book

Aus Mangel an Schlaf E-Book

Nicole Birmes

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Beschreibung

Schlaf und Spaß werden immer mehr zur Mangelware in Julianas Leben. Ihre ältere Schwester Katharina ist ihr ein warnendes Beispiel. Sie kämpft schon länger mit enormen Schlafproblemen und überreizten Nerven. Die ordentliche Juliana und die „verfusselte“ Katharina sind zwar sehr verschieden, teilen aber die Befürchtung, bald nicht mehr sichtbar zu sein. Katharina, weil sie sich daran erschöpft, den Familienfrieden zu wahren, und sich von Forderungen und Erwartungen „aufgefressen“ fühlt. Juliana, weil sich ihre ruhige, aber langweilige Lebensweise nach ihrer Scheidung verselbständigt hat und sie immer mehr verblassen lässt. Beide sind sich einig, dass es so nicht weitergehen darf, und beschließen, sich in ihrem „persönlichen ABC“ zu üben, um sich zukünftig E wie eindeutig, F wie feminin oder G wie geheimnisvoll zu verhalten. Juliana findet einen Anfang, als sie sich mit einem Wellness-Urlaub Abstand zur gewohnten Umgebung verschafft, während Katharina im Alltag übt. Sie entdecken Erstaunliches. Vor allem erkennen sie ihre Bedürfnisse und ihre körperlichen und seelischen Befindlichkeiten aufgrund ihrer Lebensphase und Lebensweise. Mit wachsendem Bewusstsein verändert sich dann tatsächlich einiges und sorgt für Überraschungen und Inspiration. Trotz ihrer Verschiedenheit gibt es zwei Dinge, die sie beide beschäftigen: I wie Individualität und ihre Hormone.

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Seitenzahl: 189

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Über die Autorin:

Nicole Birmes, geb. 1970, arbeitete lange im kaufmännischen Bereich und war eine intensive Sportlerin. Später folgten eine Ausbildung zur psychologischen Beraterin und die Inspiration zum „storytelling“ durch indianische Freunde. Fasziniert vom menschlichen Miteinander möchte die Quereinsteigerin in die Literatur nun sichtbar machen, welche Gemeinsamkeiten sie im Umgang der Menschen mit den Herausforderungen des Lebens zu erkennen meint.

Nicole Birmes empfindet die Phase der Lebensmitte mit der Fragestellung, ob bisherige Inhalte, Werte und Beziehungen weiterhin Gültigkeit haben sollen, als verbindendes Element, insbesondere zwischen Frauen. Ihnen möchte sie mit ihren Geschichten einen Urlaub von der eigenen Realität ermöglichen. Dabei setzt die Autorin auf Elemente wie Fantasie und Humor, um sich manchen Antworten auf eine leichte Art zu nähern. Immer sind ihre Werke ein Angebot, sich zu entspannen und zu genießen, sowohl ihre Bücher als auch das Leben.

Nicole Birmes

Aus Mangel an Schlaf

© tao.de in J. Kamphausen Verlag u. Distribution GmbH, Bielefeld

1. Auflage 2013

Autor: Nicole Birmes,www.nicole-birmes.de

Umschlaggestaltung, Illustration: Gerrit Hansen, www.ohnekopf.de

Lektorat: Viviane Korn

Verlag: tao.de in J. Kamphausen Verlag und Distribution GmbH, Bielefeld,www.tao.de, [email protected]

ISBN: 978-3-95529-201-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Drei, zwei, eins, ich komme!

Schon beim Aufstehen steht fest: Heute würde ich mich am liebsten verstecken, so unausgeschlafen und schlecht gelaunt wie ich mich fühle. Ich mache mich also darauf gefasst, beim Blick in den Spiegel gleich dem Ebenbild meines Kollegen Daniel Klimper gegenüberzustehen, zumindest in Bezug auf die Augenpartie. Das wird meine Stimmung aber bestimmt nicht bessern, denn er hat die dunkelsten Augenränder der Welt, bei deren Anblick ich mich oft einer mütterlichen Regung kaum erwehren kann. Hoffentlich überkommt mich gleich eine ähnliche Regung mir selbst gegenüber. Denn nach einer weiteren fast schlaflosen Nacht, wie so oft in letzter Zeit, sehen meine Augenränder wahrscheinlich ebenso schlimm aus. Um dem Übel Paroli zu bieten, zähle ich mir auf dem Weg ins Badezimmer alle meine „inneren Werte“ auf und übe ein strahlendes Lächeln.

Das stellt sich jedoch als Fehler heraus, denn entgegen diverser Motivationslehren erkenne ich schmerzlich, dass ein schön anzusehendes Lächeln nicht klappt, wenn mir überhaupt nicht danach zumute ist. Im Spiegel blickt mir daher eher eine Fratze entgegen, die sehr viel älter als siebenunddreißig Jahre wirkt und mich das Fürchten lehrt. Diesem Horror habe ich nur Galgenhumor entgegenzusetzen. Also strecke ich meinem Spiegelbild die Zunge heraus, sage wohlwollend: „Ich wasche dich trotzdem!“ und tue es auch.

Wie kann es nur passieren, dass sich meine Stimmung von einem Tag auf den anderen so drastisch wandeln kann? Gestern noch war sie fast schon überfordernd gut, alles war schön und nichts zu viel. Ich war der weltgrößte Gute-Laune-Bär und hatte Spaß an allem, was passierte. Wo ist nur diese Stimmung geblieben? Wieso ist Daniel ständig in meinem Bad? Hat der kein eigenes Zuhause? Wieso sind alle meine tollen Eigenschaften nicht jeden Tag sichtbar? Wieso singen so viele „I feel blue“, müsste es nicht heißen „I feel grey“? Schließlich ist alles grau, meine Augenränder sogar mit der Tendenz zu schwarz. Wo ist nur all das geblieben, was mir noch gestern den Tag versüßt hat?

„Hallo Gute-Laune-Bär! Ich bin es, die liebe Juliana! Wo bist du?“, frage ich in mich hinein. Keine Antwort!

Diese Eigenschaft schläft entweder noch oder spielt Verstecken und wartet nur darauf, dass ich suche. Also starte ich einen Countdown bei Einhundert, um meinen Augen einen Zeitrahmen zu geben, den Zustand „wach“ zu akzeptieren und mir bei der Suche zu helfen.

Zwar bin ich bei Dreiundfünfzig versucht aufzugeben, als mir die Scheibe Brot aus der Hand fällt. Da sie aber erstaunlicherweise nicht auf der Butter-Seite landet, gebe ich dem Tag eine reelle Chance, sich zum Positiven zu entwickeln. Sicher bin ich mir allerdings nicht. Wo kann sich der Gute-Laune-Bär nur versteckt haben?

„Drei, zwei, eins, ich komme!“ Nach diesem Countdown schließe ich die Tür und starte die Suche. Und zwar zu Fuß, um mir mit Bewegung und frischer Luft etwas Gutes zu tun. Experten sagen schließlich, genau das helfe bei Gemütsverstimmungen, möglichst in Verbindung mit Obst, Gemüse und ausreichender Flüssigkeit. Dem sei später im Büro mit einem großen Apfel und einigen Bechern Tee Genüge getan. Bis jetzt meine ich, alles richtig zu machen, um dem Tag entgegenzukommen.

Doch es kommt ja meistens anders als gedacht, was bedeutet, dass auch der weltbeste Plan nicht unbedingt aufgehen muss. Das wiederum passt zu einem weisen Spruch, den ich erst vor Kurzem gelesen habe: Willst Du Gott zum Lachen bringen, dann mache einen Plan!

Was soll ich sagen, es ist Mitte April, und das weiß vor allem der Wettergott! Nach fünf Minuten Fußmarsch fängt er schon an zu grinsen und lässt es ganz gemächlich nieseln. Und natürlich habe ich weder einen Schirm noch eine Kapuze. Und da aller guten Dinge drei sind, habe ich noch gute fünfzehn Minuten Weg vor mir. Die minimieren sich immerhin auf zehn Minuten, weil ich geneigten Hauptes so schnell durch den Regen gehe, dass ich einen neuen persönlichen Rekord aufstelle. Dabei konzentriere ich mich ausschließlich darauf, diversen Pfützen auszuweichen, um meiner Stoffhose unschöne Spritzflecken zu ersparen. Und mir deren Anblick. Um dem Gute-Laune-Bären zu begegnen, müsste er sich mir jetzt schon direkt in den Weg stellen.

Ich glaube, Gott lacht sehr über mich. Zumindest der Wettergott! Also werte ich es als gute Tat, wenigstens den unsichtbaren Mächten etwas Spaß zu verschaffen, und murmele gnädig: „Gern geschehen!“

Beim Anblick des ersten Menschen, dem ich begegne, fühle ich mich sofort in mein Badezimmer zurückversetzt. Daniel Klimper wünscht mir fröhlich einen guten Morgen und klimpert getreu seines Namens aufmunternd mit seinen schwarz umrandeten Augen. Ich kann mich gerade noch zurückhalten, „du schon wieder“ zu sagen, und erwidere nur rasch die Begrüßung, um dann geradewegs in den Sanitärbereich zu verschwinden.

Ein kurzer Check im Spiegel bestätigt, dass zumindest auf meine Frisur Verlass ist. Auch ein Fußmarsch durch konstanten Nieselregen ist nichts, was sie aus der Fassung bringt. Nicht zu übersehen ist allerdings der angestrengte Ausdruck in meinem blassen Gesicht.

Wieder auf dem Flur kommt Daniel mir schon wieder entgegen, wieder lächelnd. Wieso kann der TROTZDEM lächeln? Wieso ich nicht? Ich will das auch!

„Gute-Laune-Bär, wo bist du nur?“ Wieder keine Antwort.

Leider finde ich anstelle des Gute-Laune-Bären nur heraus, dass mein Magen die Kombination aus einem Apfel und Kräutertee überhaupt nicht mag. Zum Glück ist heute Freitag, und da meine Arbeit im Sekretariat der hiesigen Behörde schon mittags endet, halte ich bis dahin durch. Meine Kollegin Dorothea wünscht mir mitfühlend gute Besserung, und ich frage mich, ob sie ohne aufwendiges Makeup genauso frisch aussähe. Vielleicht sollte ich es auch einmal mit Schminke versuchen, um mich wenigstens am Tag im Spiegel anschauen zu können, ohne zu erschrecken oder Mitleid zu bekommen.

Als ich den Heimweg antrete, regnet es nicht mehr, und der Spaziergang tut meinem Magen gut. Zuhause weicht das flaue Gefühl sogar einem leichten Appetit, was ich als gutes Zeichen deute. Daher setze ich mich mit einer warmen Decke und einer Banane auf meinen kleinen Balkon und beobachte ein paar flinke Meisen.

Mann, sind die gut drauf. Nicht so müde und schlapp wie ich. Beneidenswert! Mit geschlossenen Augen lausche ich den Frühlingsgeräuschen der Natur und den vorbeifahrenden Autos.

Nach einer Stunde wird mir das Dösen aber zu langweilig. Und weil erneut ein feiner Nieselregen einsetzt, gehe ich hinein, um meine Wohnung aufzuräumen und ein paar Vorbereitungen für den Besuch meiner Schwester Katharina zu treffen.

Seit einer Woche macht sich Katharina nun schon rar, um nicht vorzeitig ihre Überraschung zu verraten. Ich weiß daher nur, dass sie mich unbedingt treffen will, weil sie angeblich „etwas total Verrücktes“ gemacht habe, mir jedoch nicht sagen könne, was es sei. Ich müsse es mit eigenen Augen sehen, es sei der „Hammer“!

Für meine Schwester ist es wahrscheinlich eine Qual, sich so lange in Schweigen zu hüllen, während ich ihre Ankündigung in meinem Gehirn in der Schublade „Wichtig, aber erst in einer Woche“ geparkt habe. Ich bin daher nur mäßig aufgeregt, sie dagegen vermutlich kurz vor dem Platzen. Diese Gedanken bringen mich zum Grinsen, denn Katharina glaubt, dass viele Menschen so „ticken“ wie sie. Wenn ich mir allerdings die ganze Welt voller Katharinas vorstelle, dann werde ich nervös. Es wäre nämlich eine sehr turbulente Welt.

Ich bereite in aller Ruhe ein paar kleine Snacks vor, öffne eine Flasche Rotwein und wage einen Blick in den Spiegel. Zwar sind meine Augenränder nicht mehr ganz so dunkel wie bei Daniel, müde bin ich aber immer noch. Herzhaft gähnend frage ich mich, ob ich mich in diesem Leben jemals wieder richtig ausgeschlafen fühlen werde. So wie gestern, als sich der Gute-Laune-Bär doch noch die Ehre gab. Mann, war ich da munter!

Aus Mangel an Schlaf

Es klingelt Sturm! Und zwar zehn Minuten früher als verabredet! Es ist zwar typisch für Katharina, auf der Ziellinie einzubrechen und es in den letzten Minuten doch nicht mehr abwarten zu können, mir ihren „Hammer“ zu präsentieren, dennoch zucke ich vor Schreck zusammen.

Grinsend öffne ich die Tür und stehe meiner nervösen Schwester gegenüber. Die roten Flecken in ihrem Gesicht und ihre hektischen Bewegungen bezeugen, dass sie sehr aufgeregt ist und am liebsten sofort ohne Punkt und Komma losplappern möchte. Da sie weder einen Karton noch etwas ähnlich Offensichtliches dabei hat, begrüße ich sie erwartungsvoll:

„Hey Katharina, jetzt bin ich aber gespannt!“

„Hallo“, flötet sie und fällt mir in gewohnter Manier um den Hals, um mich ausgiebig zu umarmen.

„Na?“, sagt sie, was als Frage nach meinem Befinden gedacht ist, wenn auch mehr aus Höflichkeit als aus echtem Interesse.

Ich sehe ihr deutlich an, dass sie es kaum erwarten kann, mir endlich ihr Geheimnis zu enthüllen und ihrer Spannung auf meine Reaktion ein Ende zu bereiten. Ich erspare uns daher ein Referat über meine Verfassung im Allgemeinen und den Ablauf meines Tages im Besonderen.

„Zeig‘ her, was du angestellt hast“, fordere ich sie auf.

„Ja, gleich“, antwortet sie und schließt die Tür.

Katharinas Energie steckt mich an und ist bei ihrer zweiten temperamentvollen Umarmung noch deutlicher spürbar. Ich staune immer wieder über ihr ausgeprägtes Bedürfnis nach Umarmungen. Sie ist in meinen Augen unangefochtener Weltmeister im Knuddeln, mit großem Abstand zum Zweitplatzierten und mir irgendwo im hinteren Mittelfeld.

Katharina setzt sich auf das Sofa, springt jedoch sofort wieder auf, um in den Flur zu laufen und ihre Jacke an die Garderobe zu hängen. Zurück im Wohnzimmer, dreht sie gleich wieder um, weil sie nun ihre Handtasche im Flur vergessen hat. Je nach Stimmungslage bin ich von dieser atemberaubenden Hektik, die Katharina als „verfusselt“ bezeichnet, mehr oder weniger amüsiert oder genervt. Heute muss ich mich allerdings sehr zusammennehmen, um sie nicht mit den Auswirkungen meines Schlafmangels zu konfrontieren. Da ich aber nun schon eine ganze Woche lang Geduld hatte, kommt es mir auf ein paar Minuten mehr auch nicht mehr an. Als meine Schwester aber beschließt, erst noch auf die Toilette zu gehen, muss ich mich umdrehen und beruhigen. Mir schwant, dass dieser Abend sehr anstrengend werden wird, sollte sich ihre Unruhe nicht legen oder sogar vollständig auf mich übergehen.

„Gute-Laune-Bär, wo bist du nur? Ich brauche dich jetzt wirklich dringend!“ Wieder keine Antwort.

Endlich kommt Katharina zurück, setzt sich und zieht einen Umschlag aus ihrer Handtasche. Mit der anderen Hand nimmt sie einen Gemüsestreifen, beißt hinein, kaut nur kurz hektisch und schluckt den Bissen herunter. Wahrscheinlich wandelt sie auf diese Weise innere Energie in Bewegung um, und das scheint sie zu beruhigen. Mich allerdings nicht! Mann, geht mir das auf den Nerv! Dann öffnet sie endlich den ominösen Umschlag und sagt leise:

„Ich habe Fotos machen lassen. Das wollte ich schon immer, habe mich aber nie getraut. Als ich dann in einer Anzeige von einer Aktion zum Sonderpreis gelesen habe, war es endlich soweit. Ich bin echt gespannt, wie du die Fotos findest.“

„Das ist wirklich eine Überraschung!“, tue ich mein Erstaunen kund. „Was für Fotos? Nackedei? Mit Kamin und Eisbär-Fell? Da hast du ja nicht zu viel versprochen!“

„Nein, nein, andere Fotos“, lacht sie. „Mit eigener Kleidung und eigener Schminke. Weißt du, ich kann kaum noch schlafen, bin vollkommen überreizt und weiß gar nicht mehr, wer ich bin. Ich fühle mich, als würde etwas an mir nagen, mal hier ein Stückchen abbeißen, mal da einen Fetzen herausreißen. Ich habe Angst, dass ich bald gar nicht mehr da bin. In Stücke gerissen und bald aufgefressen, von Menschen, die ständig etwas von mir wollen. Das ist alles so anstrengend. Also wollte ich heraus finden, ob ich mich wenigstens auf Fotos noch erkennen kann. Schau selbst.“

Ich staune und bestätige, dass diese Idee wirklich ein „Hammer“ sei, ein sehr kreativer Hammer! So wie ich seit ein paar Wochen, schläft Katharina nämlich seit Monaten nachts nur wenige Stunden. Stattdessen drehen ihre Gedanken endlose Kreise, führen aber zu nichts außer Stress und Müdigkeit. Gerade heute kann ich ihr nachfühlen, wie wenig Spaß das Leben in unausgeschlafenem Zustand macht. Dabei bin ich nicht halb so temperamentvoll wie meine Schwester, deren Stimmungen sehr intensiv sind, ob Lebenslust oder Verzweiflung. Und die in den letzten zwei Jahren ihres fünfundvierzigjährigen Lebens noch intensiver geworden sind. Ich weiß nicht, wo das noch hinführen wird. Bei dem Gedanken, vielleicht auch eine ähnliche Zukunft ohne Schlaf und Spaß vor mir zu haben, und stattdessen mich selbst und andere mit schwankenden Stimmungen herauszufordern, wird mir mulmig. So darf es also auf keinen Fall weitergehen!

Schweigend sehe ich mir das erste Foto an und spüre Katharinas Spannung. Die kann ich allerdings nicht sofort mildern, denn auf dem Bild erkenne ich sie überhaupt nicht als meine große Schwester. Obwohl ich weiß, dass sie es ist, sehe ich dennoch eine Fremde.

Katharina kann meine Verblüffung nicht deuten und reicht mir ein zweites Foto. Wieder erkenne ich sie nicht und überlege, was in meinen Augen so typisch für sie ist, auf diesen Fotos jedoch unsichtbar bleibt.

„Was sagst du?“, fragt Katharina jetzt erwartungsvoll und unsicher zugleich.

„Das sind tolle Fotos“, antworte ich langsam. „Aber ich kann dich darauf nicht erkennen. Wenn ich nicht wüsste, dass du es bist, ich käme nicht von allein darauf.“

„Was? Echt nicht?“, fragt sie bestürzt, während sie mir ein drittes Foto reicht.

Schon der erste Blick auf dieses Foto gibt mir endlich die Antwort auf die Frage nach dem Erkennungsfaktor.

„Hier erkenne ich dich“, sage ich aufatmend und lasse mir die anderen erneut geben. „Es bleibt dabei, auf denen erkenne ich dich nicht, wie sehr ich mich auch bemühe. Das ist wirklich ein Hammer!“, bekräftige ich.

„Ja“, sagt Katharina aufgewühlt. „Mit dieser Art von Hammer habe ich allerdings nicht gerechnet. Immerhin kennst du mich in allen Lebenslagen. Was ist denn so anders an diesen Fotos?“

„Hm“, brumme ich. „Es ist der Hut, und dass dein Kopf ungewohnt geneigt ist. Anscheinend erkenne ich dich nur mit erhobenem Kopf, wenn nichts versteckt ist.“

Katharina hält Nase und Kinn nämlich meist hoch, weswegen sie eigentlich starke Verspannungen im Nacken haben müsste. Einen Hut hatte sie auch noch nie auf.

„Versteckt?“, fragt sie überrascht. „Stimmt, ich wollte geheimnisvoll wirken, denn ich möchte kein offenes Buch mehr für alles und jeden zu sein. Ich will mich zwar nicht verstellen, aber so geht es jedenfalls nicht weiter. Es ist daher interessant, was du siehst bzw. nicht siehst. So habe ich eine gute Chance, weniger erkennbar zu sein, oder?“

Zwar wünsche ich ihr eher mehr Eindeutigkeit anstatt geheimnisvoller zu werden, aber dafür müsste sie sich erst innerlich ordnen. Das ist für mein emotionales, „verfusseltes“ Schwesterherz aber schwer, selbst in ausgeschlafenem Zustand. Zumal sie sehr dünnhäutig ist und oft mit den Tränen kämpft, was sie vor allem für ihre halbwüchsige Tochter manipulierbar macht. Ich kann daher verstehen, dass sie sich schützen möchte und ihre momentane Labilität weniger erkennbar sein soll.

Als ich sie in den Arm nehme, kann sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Ich lasse sie daher weinen und bestätige ihr Vorhaben:

„Also, vorhanden ist die ‚Geheimnisvolle‘ im großen Pool deiner Eigenschaften auf jeden Fall. Sonst hätte der Fotograf dich nicht auf diese Art in Szene setzen können. Ich bin froh, dass du diese Idee hattest.“

„Weißt du“, schnieft sie und richtet sich langsam auf, „es kommt mir vor, als hätten sich einige der sinnvollen Eigenschaften so gut versteckt, dass ich sie nicht erkennen kann und mit Fotos zum Vorschein bringen muss. Ich will sie irgendwie an die Oberfläche holen.“

„Dazu habe ich auch eine Geschichte!“, lache ich und erzähle ihr von der Suche nach dem Gute-Laune-Bären, der ja nichts anderes als eine Eigenschaft ist, die mir vor allem heute schier abhandengekommen zu sein scheint.

Katharina hebt ihr Glas und prostet mir zu:

„Ich glaube, ich bin auf einem guten Weg. Vielleicht hängt das auch mit meiner Schlaflosigkeit zusammen. Nur nachts kann ich mich mit mir selbst beschäftigen. Aber das reicht nicht, ich muss es irgendwie anders angehen.“

„Ja“, stimme ich zu. „Ich schlafe seit einiger Zeit auch sehr schlecht und habe jetzt eine Idee, wie sich das ändern lässt. Lass uns von A bis Z herausfinden, welche Eigenschaften wir verstärken oder entwickeln wollen. Und dann üben wir sie bei jeder Gelegenheit. Hast du Lust?“

„Ja, das ist eine gute Idee!“, lacht Katharina begeistert. „Damit fangen wir gleich an. Ich habe uns auch etwas zum Nachtisch mitgebracht.“

Grinsend zaubert sie eine Tafel Schokolade aus der Tasche und erklärt gespielt ernst: „Nervennahrung!“

Wir prosten uns voller Tatendrang zu und freuen uns über die Idee, unsere persönliche Welt ein bisschen weiterzuentwickeln. Und zwar mit geballter Schwesternpower!

Leicht beschwipst geben wir später unserem „Projekt“ den Namen „Persönliches ABC“. Dann zeigt sich auf einmal doch noch der Gute-Laune-Bär und lässt uns bis zur Erschöpfung kichern und dummes Zeug erzählen. Und nach einem ewig währenden Abschied und gefühlten siebenundachtzig Umarmungen steigt Katharina zu später Stunde immer noch kichernd in ein Taxi.

Beim Zähneputzen flüstere ich angetrunken: „Nacht, Daniel!“, und strecke meinem Spiegelbild schielend die Zunge heraus, damit ich selbst es nicht sehen muss.

Auf dem Weg ins Bett denke ich über eine Eigenschaft nach, der wir heute ausgiebig gefrönt haben: A wie albern! Nur leider reichen mir diese kleinen Albernheiten und heiteren Momente nicht. Mir scheint der Spaß im Leben immer mehr verloren zu gehen. Außer im Badezimmer, obwohl der eher in die Kategorie Galgenhumor gehört. Wahrscheinlich hält mich der Gute-Laune-Bär für einen miserablen Gastgeber. Warum sonst macht er sich immer öfter rar? Dieser Verräter!

Auf der Flucht?

Es sind nur noch ein paar Meter und ein kurzer Endspurt über den überfüllten Bahnsteig. Ich muss nur noch einmal die letzten Kräfte mobilisieren, um der lärmenden Meute zu entkommen und den Zug Richtung „Kaum Bekannt“ zu erreichen. Als sich die Tür mit unbarmherzig schrillem Piepen zu schließen droht, ist es nur noch ein einziger Meter, dann werfe ich den Rucksack durch die Tür und springe hinterher. Geschafft! Die Tür ist zu, der Zug rollt, die Verfolger sind abgeschüttelt. Komisch, wieso winken und lächeln sie? Und wieso höre ich immer noch dieses laute, schrille Signal? „Piep, piep, piep, piep, piep.“

Endlich ist es still und meine reale Umgebung nimmt ganz langsam Gestalt an. Ich fühle mich abgehetzt und hole tief Luft, um mich zu beruhigen, während ich meinen Wecker anlächele, der mir ein so treuer Gefährte auf der Ziellinie meines Traumes war. Trotz des Wochenendes, an dem ich ausschlafen könnte, bin ich jetzt sehr froh, ihn gestern aus reiner Gewohnheit gestellt zu haben. Denn wer weiß, von welchen Anstrengungen der nächste Traum gehandelt hätte. Dann wache ich doch lieber früher als geplant auf und bleibe einfach noch eine Weile liegen.

„Juliana, dir geht es heute richtig gut. Sei dankbar und zur Abwechslung mal glücklich!“, ermahne ich mich laut, damit es auch mein Unterbewusstsein deutlich hört und sich nicht herausreden oder mich gar sabotieren kann.

Der Wunsch liegen zu bleiben wird jedoch vehement von meiner Blase boykottiert, die sich der Flüssigkeit des gestrigen Abends entledigen will. Also stehe ich auf.

Auf dem Weg ins Bad wird mir bewusst, dass ich endlich wieder eine Nacht durchgeschlafen habe, wenn auch mit einem anstrengenden Traum, der mir eindrucksvoll in Erinnerung geblieben ist. Meine Atemfrequenz hat sich zwar wieder normalisiert, aber ich komme nicht umhin, über die Bedeutung des Traumes nachzudenken. War es wirklich eine Flucht? Vor wem oder was? Im Traum schienen es Menschen zu sein, aber die haben lächelnd gewunken. Ich hatte auch keine Angst, sondern war nur in Eile und hektisch, weil ich spät dran zu sein schien. Will mir dieser Traum also sagen, es sei „höchste Eisenbahn“ für mich, um mich auf etwas zuzubewegen, das mir „kaum bekannt“ ist, vielleicht nur noch nicht bewusst? Ja, diese Gedanken fühlen sich für mich stimmig an.

Zufrieden trinke ich einen Schluck Kaffee und freue mich über den Impuls zum „persönlichen ABC“, weil er mich in Aufbruchsstimmung versetzt und für Veränderungen bereit gemacht hat. Denn ähnlich wie Katharina, wenn auch nicht so dramatisch, fühle auch ich mich, als würde ich nach und nach verschwinden und unsichtbar werden. Nicht etwa, weil andere viel von mir fordern, sondern weil ich in einer Art „Grauzone“ gelandet bin, was wiederum zu „I feel grey“ passt. Als ich spüre, wie sich ein schwacher Moment anbahnt, will ich ihn nutzen, um absolut ehrlich zu mir zu sein. Als er da ist, erkenne ich es klar und deutlich: Mein Leben ist stinklangweilig! Und warum? Weil ich selbst stinklangweilig bin! Fies!

Doch wie heißt es so schön: Gefahr erkannt, Gefahr gebannt! Genau deswegen haben Katharina und ich über unsere entwicklungswürdigen Eigenschaften nachgedacht. Wir haben die notiert, die uns am dringendsten schienen, obwohl – oder vielleicht gerade weil – wir uns mit einer Flasche Rotwein ansatzweise frei von klarem Verstand und dessen Begrenzungen gemacht haben. Immerhin weiß ich nun schon, wohin das Ganze führen soll, nämlich: Raus aus der Grauzone, rein in ein bunteres Leben!

Um es mir am Anfang aber nicht unnötig schwer zu machen, beginne ich mit einer Eigenschaft, die vor allem für die Pflichten des Alltages unverzichtbar ist, nämlich Disziplin. Nun will ich ganz diszipliniert mein Styling ändern und suche voller Tatendrang im Internet nach Wellness-Angeboten für meinen anstehenden Urlaub. Im Grunde meines Herzens weiß ich nämlich, dass die Langeweile einzuziehen begann, als ich mich nach dem Ende meiner aufreibenden Ehe unauffällig in ein ruhiges und geordnetes Leben „einfügen“ wollte. Leider ist mir dann im Laufe der Zeit ebenso unauffällig auch der letzte Rest an Individualität abhandengekommen. Mittlerweile bin ich eine von vielen, was zwar bequem ist, aber ohne Sinn und eigenen Inhalt, eben stinklangweilig. Somit hat der Traum recht, es ist wirklich „höchste Eisenbahn“, mich auf den Weg da heraus zu machen.