Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Liebesgeschichten! Von dem, was sie anrichtet, die Liebe, was sie uns allen antut, soll hier die Rede sein. Auch vom Glück und vom Unglücklichsein. Und dann ist ja da auch noch die Sehnsucht ... Niemand wird verschont. Da ist die aufs Land geratene unglückliche Bauersfrau, deren gelebte Liebe im Internet stattfindet. Da ist auch er, der Mann, der auf dem Weg zur Arbeit ist, den die vergangene Nacht und die Gedanken an Hannah nicht loslassen. Von einem Mann in einem feinen Anzug handelt eine elektrisierende erotische Geschichte. Er macht einer nackten Frau, die einen Puma an der Leine durch einen Flughafen führt, seine Aufwartung. Und da ist das Kummerleben, welchem der wahrsagende November bescheinigt, Pulsadern, Messer und blutige Handgelenke gesehen zu haben. All das und mehr sind Geschichten, die mit poetischen Zwischentexten verbunden sind, um als Ganzes der Liebe, dem Glück, aber auch den damit verbundenen Herzschmerzen ein weiteres Denkmal zu setzen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 164
Veröffentlichungsjahr: 2023
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Inhaltsverzeichnis:
S-Bahn, Geheimnisse und Bilder ... 1
Glück & Unglück 24
Adieu 31
Einkehr 32
In der Welt der Gummistiefel 37
Musik 40
an dich 44
Gewohnheit 45
Mut 46
Airport 48
Geschriebene Stimme 54
Der Kaufmann, das Glück und ich 55
Die Sprache der Bäume 58
Ablegen 64
Das Hotel des Lebens 65
Hoffnung 72
Vom Glück 75
Kummerleben 80
Von der Schönheit 83
Wlan-Stunde 84
Libellenküsse 92
Vom Jetzt 94
Das Nichtsprechenkönnen 95
Zueinanderfinden 110
Von der Wahrheit 112
Reise Reise 115
Frühling 116
Seilbahn 121
Mein Alles ist ein Mensch 122
Moment 137
Der Figurant 138
Ausflug 139
Die Farben der Zeit 147
Absprung 148
Alles mit Allem 149
Trennungsgespräche 150
Liebesgedicht 153
Treibgut 154
Unglück 169
Reise 170
Wasserhaus 173
Die Behauptung den richtigen Zeitpunkt für etwas Lebensänderndes verpasst zu haben,
S-Bahn, Geheimnisse und Bilder,
die ein Leben malt
Einer nach dem anderen schlenderte teilnahmslos ins S-Bahn-Abteil, plumpste auf einen Sitz oder lehnte an freien Plätzen an der Automatiktür. Junge Leute waren das, auch alte, einer mit Fahrrad, ein Mädchen mit Kinderwagen usw. Die mit dem Baby hatte gerade noch ihre Kippe draußen vor der Bahn auf die Gleise geschnippt, bevor sie eingestiegen war; ihre pinkfarbenen Haare quollen aus ihrer Pudelmütze hervor. Es rappelte, klapperte, schabte und knisterte im Abteil. Mensch an Mensch. Sie streiften sich, umgingen sich und sahen sich kaum an. Dennoch: Trotz all des Gewusels, hervorgerufen durch Bewegungsgeräusche, herrschte eine bedrückende Stille. Kommunikation untereinander gleich null. Ein Montagmorgen wie viele andere.
*
Ich hatte einen Sitzplatz ergattert, hockte steif da und sah ins Nichts, durch die Menschen hindurch ins Alltägliche. Das funktioniert prima. Man schaut ins Leere und kriegt trotzdem alles mit. Das ist eine Kunst, die ich über die Jahre meiner «ICH FAHR MIT DER S-BAHN KARRIERE» bis ins letzte Quäntchen verfeinert habe. Gelegenheiten hatte ich bisher genug. Immer dieselbe Strecke, seit Jahren schon: Marzahner Häuserschluchten hin und zurück.
Neben mir träumte ein älterer Herr. Er war gerade eben eingestiegen, hatte seine Aktentasche zwischen seine Beine geschoben, sich zurückgelehnt und war sofort eingeschlafen. Oder er tat nur so. Gut war, dass ich keinen Körperkontakt zu ihm hatte, so viel Distanz hatte er gewahrt. Ich hasse Körperkontakt mit mir unbekannten Menschen. Er roch nach Alkohol und Zigarettenrauch. Das auch noch.
*
Ich überlegte, ob sich Hannah, nachdem ich losgedüst war, wohl noch mal hingelegt hat? Sie hatte frei an jenem Tag, wollte von dem aufregenden Wochenende runterkommen, das so anders war, wie sie mir beim Abschied ins Ohr hauchte. Sie hatte mich nach unten begleitet, war im Fahrstuhl die acht Etagen mit mir runtergefahren, dann noch mal mit mir hoch in die Elfte und dann wieder runter. Alles nur, um nicht zu früh loslassen zu müssen. Gut, dass Aufzüge keine Kameras haben. Die Überwacher wären aus ihrem Montagsschläfchen gerissen worden. Sie hätten gesehen, wie wir fühlen, hätten gesehen, dass die Liebe eins aus uns gemacht hat, jedenfalls immer dann, wenn keiner zu uns einstieg. Und sie hätten Hannah gesehen, eine glückliche Hannah, meine. Manchmal glaube ich, dass man glücklichen Menschen ansieht, was in ihnen vorgeht. Hannah sehe ich das an der Nasenspitze an. Da können Gesichter Filme abspulen die Hollywoodqualität aufweisen. So wie gerade eben bei ihr, vor einer halben Stunde im Fahrstuhl und bei all den Handküssen, bevor sich die Schiebetür des Liftes schloss.
*
Abfahrtsignal!
Die Türen schlossen sich, niemand nahm Notiz davon. Ohne einen Ton, ohne Quietschen, ohne Rattern setzte sich die rotgelbe Stahlschlange in Bewegung. Auf gings.
Da hockten und standen sie, ein bunter Mix an Leuten, die offenbar zur Arbeit wollten. Nach durchzechter Partynacht sah keiner aus, auch wenn alle Großstadtzombies (manche ähnelten denen tatsächlich) trübe Blicke und Falten um die Augen hatten. Aber das war, schätze ich mal, die Müdigkeit, denn es war 6:30 Uhr, eine verdammt unchristliche Zeit. Wer um diese Zeit in der Bahn hockt, um durch Marzahn zu brettern, muss mehr oder weniger zur Arbeit; was soll man denn in dieser Beton-Gegend sonst machen? Kino? Klub? Theater? Rockkonzert? Wohl eher nicht. Ok, ein paar Schnarchnasen, die von ihrer Geliebten zurückkehrten, werden wohl auch dabei gewesen sein. Ups, zu denen gehöre ich auch irgendwie? Nein, bei mir ist das mehr, viel mehr, viel, viel mehr. Ich vermisse sie jetzt schon, halte mir meine Hände vors Gesicht und atme sie und das ganze Wochenende noch einmal ein.
Mir gegenüber thronte eine junge Frau auf ihrem Sitz, dreißig schätzte ich sie. Sie tätschelte ihr Handy. Mit durchgedrücktem Rücken saß sie da, aufrecht, weltvergessen, aber mit dem Brustraussyndrom. Aus den Ärmeln ihrer Jeansjacke streckten sich dünne Ärmchen, die mit Tattoos übersät waren. Zig silberne Ringe unterschiedlicher Art zierten ihre Finger. An den Füßen Springerstiefel. Auf dem Kopf sehr kurz geschnittene schwarze Haare, so kurz, dass man die Kopfhaut erahnte. Früher nannte man das Igelschnitt. Keine Strümpfe. Schmal geschnittene schwarze Jeans trug sie, T-Shirt und Lederjacke. Die rote AIDS-Schleife als einziges Schmuckstück auf der Brusttasche. Keine Ketten, keine Nieten. Auch von Piercing in der Nase oder Ohren keine Spur. Nur schwarz umrandete Augen, mit dem Eyeliner exakt aufgemalt. Warum das die jungen Frauen immer mit sich machen? Ich sehe dann immer eine Art Traurigkeit in ihrem Blick. Aber das wird wohl so gewollt sein. Ein trauriger Blick ist das neue Niemand-soll-wissen-was-in-mir-vorgeht-Schutzschild.
Die Frau schien sich mit dem technischen Wunderwerk in ihrer Hand gut auszukennen, denn sie strich wie wild auf ihm herum, tippte, las und drehte das Gerät. Sie vergrößerte mit Spreizen ihrer Finger offenbar die Fotos, die sie betrachtete. Manchmal lächelte sie kaum merklich, manchmal war ihr Gesicht aus Eis. Insgesamt aber sah sie unaufgeregt aus. Ein Geheimnis schien sie nicht in sich zu tragen, jedenfalls las man es ihr nicht von ihrem Gesicht ab. Glück auf der Nasenspitze konnte ich nicht entdecken. Eine Fahrstuhlfahrt, mit vorangegangener Nacht im Rausch, schien sie nicht hinter sich zu haben. Was aber nichts und auch gar nichts heißen soll, denn ich kannte sie ja nicht. Wohin sie wollte, interessierte mich sehr. Vielleicht war sie Autoverkäuferin? Die sehen ja gerne mal ungewöhnlich aus. Nein, das konnte nicht sein. Die Typen, die Autos an den Mann oder an die Frau bringen, sind so früh noch nicht unterwegs. Um diese Zeit sitzen die entweder zu Hause unter einem mobilen Solarium, gelen ihr Haar oder zählen Geld, irgend so was. Ich hab mal eine Physiotherapeutin kennengelernt, die auch komplett tätowiert war. Ob die junge Frau mir gegenüber vielleicht so was machte? Ich weiß noch, wie ich mir vorstellte, sie einfach zu fragen. Dann hätte mal jemand in der Bahn gesprochen, denn das tat niemand, keiner. Aber ich tat es dann doch nicht, ich hätte es nämlich laut machen müssen, aber nach laut sein war mir an jenem Morgen nicht gewesen.
*
Hannah hat keine Tattoos. Noch nicht. Ich hab ihr vorgestern vorgeschlagen, sich ein Biene-Maja-Tattoo auf die Pobacke stechen zu lassen. Süßes zu Süßem. Sie hat mit dem Zeigefinger an ihre Stirn getippt und meinte, dass sie das sofort tun würde, wenn ich bei mir an gleicher Stelle Biene Majas Freund Willi einstechen lassen würde. Sie schlug sogar vor, das selbst zu erledigen, und grinste dabei wie ein Honigkuchenpferd. Da hab ich ihr den Vogel gezeigt. Der Abend anschließend war der lustigste, den wir bisher hatten. Wir aßen Schokoladenpudding im Bett und fütterten uns damit mit verbundenen Augen. Das war die süßeste Sauerei, die ich je machte. Später haben wir uns noch mit einem Edding die Pobacken bemalt. Ich sie, sie mich. Hoffentlich krieg ich das jemals wieder ab, sonst mach ich mich unter der Dusche nach dem Handball zum Willi der Mannschaft.
Ob Hannah immer noch am Fenster steht? Oder ob sie schon die Laken aufhängt?
*
Erster Halt.
Ein paar Plätze weiter relaxte ein Mann. Ich schreibe «relaxte», weil er halb heruntergerutscht, vollkommen entspannt in einer Sitzbankecke baumelte und den Lieben Gott einen guten Mann sein ließ. Die Welt schien ihn einen Scheißdreck zu interessieren. Was sagt Hannah immer, wenn ich mich aufrege? – chill mal! Wahrscheinlich meinte sie damit, dass ich so in mir ruhen sollte, wie der Kerl da drüben. Der chillte, jedenfalls stelle ich mir das Chillen so vor. Wie alt der war, war schwer zu sagen, er trug eine dunkle Brille und starrte ebenfalls auf ein megagroßes Handydisplay. Vierzig vielleicht? Er sah sich wohl einen Porno auf seinem Handy an. In den Gläsern seiner Sonnenbrille sah man wippende nackte Haut. Ich guckte erst mal an die Decke, weil ich feixen musste und mich erinnerte. Das, was der da gerade als Konserve sah, lief auch in meinem Kopf ab. Bei mir aber tausendmal detaillierter und mit Duft an meinen Händen, ihrem Duft. Wie lange war die letzte Berührung her? Eine halbe Stunde? Hoffentlich wirkt er lange nach und begleitet mich durch den Tag, dachte ich. Was für eine Nacht!
Wir fuhren Bahn. Unterwegs träumte ich und an den Bahnhöfen stoppten wir. Es stiegen Leute aus allen Herren Länder ein und aus. Das große Schweigen war allgegenwärtig. Ab Ostkreuz würde sich das ändern, denn dann kommen Musiker und Jongleure in den Zug und drängen den Fahrgästen ihre sogenannten Künste auf. Dann wird es immer spaßig, weil die auch ab und an mal angeschnauzt und geschubst werden. Ich hab mal gesehen, dass es einer Frau zu viel wurde und sie einem Akkordeonspieler ihre Tasche um die Ohren gehauen hatte. Alles applaudierte. Ich auch. Der Getroffene nicht. Der maulte irgendetwas wie: Mamaliga în cap.
Auf dieser Strecke jedoch hab ich das noch nicht erlebt, ich meine das mit Musikern und Sängern und Jongleuren in der Bahn. Entweder pennen die Straßenkünstler der Satellitenvorstädte noch, sind entweder krank und ans Bett gefesselt, leben gar nicht in Marzahn oder kommen erst am späten Abend aus ihren Löchern. Künstlergesochse eben, man hört ja so einiges.
Ich hab Hannah mal ein Lied vorgesungen, als sie krank war, ein Schlaflied. Ich hab es mehr geflüstert als gesungen und ihre Hand dabei gehalten. Sie hat die Augen zugemacht und zugehört. Das war der schönste Anblick meines Lebens, denn aus ihren geschlossenen Augen rollte eine Träne. Eine Strophe des Liedes ging so:
Wenn im Aufschlag deiner Augen sich ein Fenster weitet, sich dein Blick in mich verirrt,
durchs Universum gleitet,
was dich umgibt,
dann mit Getöse in den Abgrund stürzt,
dann ist Seelenstaub von dir, bei mir.
*
In den S-Bahnen dieser Welt wird ja ne Menge Mist weggeschmissen. Jemand hatte Obstreste nebst Bananenschalen achtlos samt Beutel durch unseren Waggon gefeuert. Das Geschoss kam wie aus dem nichts aus der anderen Ecke des Abteils angesegelt. Irgendwer grummelte vor sich hin. Der Rest der Mannschaft war kurz in Deckung gegangen oder hatte, um eine freie Flugbahn zu gewährleisten, den Kopf beiseitegenommen. Es sollte wohl jemand getroffen werden. Was aber genau vorher, als Auslöser, passiert war, hat keiner mitgekriegt. In S-Bahn-Waggons interessiert sich nun mal niemand für den anderen. Man ist immer froh, heil und lebendig ans Ziel zu kommen.
Nun, die Obstreste sind an der Eingangstür auf den Boden geklatscht, der Beutel platzte auseinander und eine Omi ist reingetreten. Offenbar musste sie gerade mit Schwung auf einen freien Platz zugehechtet sein, denn sie ist, als sie ausrutschte, richtig abgehoben, hat die Beine hochgeschmissen und krachte dann unsanft auf den Omapopo oder Rücken. Bums, da lag sie nun und regte sich nicht mehr. Dem Vernehmen nach war ihr Omikörper nun out of Funktion. Drei Mädchen, ich schätze sie mal auf 15 oder 16 Jahre, standen in der Ecke und sahen das Bündel Omagarderobe, das sich nicht mehr bewegte, an. Sie tuschelten. Wahrscheinlich darüber, dass man Grau (die Farbe der Omijacke) und Dunkelblau (die Farbe der Omischuhe) nicht miteinander kombiniert. Keiner half der Dame, die da lag, alle waren für Sekunden wie gelähmt, Stille herrschte und ich dachte mir, dass jetzt wohl jedermann ahnte, zu spät zur Arbeit zu kommen. Dann fuhren alle zusammen. Ein Kind schrie urplötzlich wie am Spieß, dann brüllte auch noch die Mutter, die versuchte, den Radaumacher zu beruhigen. Jemand schmiss eine leere Bierflasche in die Richtung, aus der die Schreierei kam. Die Flasche zerdepperte auf dem Fußboden. Das Kind schrie nicht mehr. Und die Bahn fuhr und fuhr, rollte und rollte, bewegte sich an den Betonburgen vorbei, durch Fußgängerbrücken hindurch, an Werbeplakaten für Urlaub und Autos vorbei. Die Leute drängelten sich wieder, ich konnte nicht mehr erkennen, ob schon jemand der Oma half. S-Bahn-Tuschelei war wahrnehmbar.
*
Hannah flüstert viel, wenn wir uns nahe sind. Kein Tuscheln, wie in der S-Bahn, nein, es ist ein Flüstern, ein leises Formulieren von herzgesteuertem Verlangen. Sie sagt oft, dass Frauen manche Sachen einfach nicht aussprechen können. Dabei hilft Flüstern ein wenig. Beim Gewisper ist es leichter, über den eigenen Schatten zu springen. Wir haben mal Das-sagt-man-nicht-Worte geübt. Was haben wir gelacht, ich ganz besonders. Irgendwann später hat Hannah sogar zugegeben, dass es sie antörnt «schlechte Wörter», so nannte sie sie, zu flüstern. Als ich das auch tat, also heiße Wörter in ihr Ohr flüsterte, hat sie mich geknufft und Lautstärke verlangt. Versteh mir einer die Frauen ...
Ob sie gerade an mich denkt?
*
Hab ich erwähnt, dass der Typ, der in aller Seelenruhe in der Ecke hockte und seinen Fleischfilm guckte, Kopfhörer trug? Er war soeben aufgestanden und reckte den Hals in Richtung Tür. Wie ein Gangster sah er aus: Springerstiefel, Armeehosen, Lederjacke und Basecap. Nur eines passte so gar nicht zu ihm – seine schmalen Finger. Er muss gesehen haben, dass dort unter den Leuten ein Mensch auf dem Boden lag und ganzkörperlich zuckte. Seit dem Sturz der Frau waren nur Sekunden vergangen, die mir trotzdem wie eine Ewigkeit vorkamen, wie ich gerade feststelle. Mit einem Satz, sein Arm streifte mich, denn ich wollte auch gerade meine Erste Hilfe Erfahrungen anwenden, war der kräftige Kerl mitten im Gewimmel. Sein Telefon war ihm an seinem Platz aus der Hand gefallen. Oder hatte er es einfach weggeschmissen? Die Leute stoben auseinander. Ich fiel wieder zurück in meinen Sitz und hatte endlich freien Blick auf das Geschehen. Die Omi lag auf dem Rücken und regte sich nicht mehr so, wie es gesunde Menschen tun. Ihr Körper zuckte. Blass war sie, die Hände verkrampft. Sie atmete wohl nicht mehr so, wie es sich gehörte. Der Typ machte sich an ihr zu schaffen, riss ihr den Mantel auf, auch das Hemd oder die Bluse, so genau konnte ich das nicht erkennen, legte sein Ohr an ihren Mund und fühlte ihren Puls. Irgendwer kam und fummelte auch noch an der Frau rum. «Weg!», schrie der Typ, schmiss sein Basecap beiseite, kletterte auf die Oma und drückte wieder und wieder mit beiden Händen rhythmisch den Brustkorb der Patientin fast bis zur Wirbelsäule durch. Anscheinend hatte ihr Herz Aussetzer oder war stehen geblieben. Da fiel es mir wieder ein: Den kleinen Kreislauf am Leben erhalten! Genau, so hatte ich das einst auch gelernt. Die Mädchen in der Ecke hielten endlich die Klappe und starrten wie versteinert auf das Geschehen. Die hätten niemals gedacht, dass ihr Tag so beginnen würde. Eines der Teenies hatte das Gesicht so verzerrt, als hätte es in eine Zitrone gebissen. Ein alter Herr mit Hut hatte sein Handy hervorgekramt, er schoss Fotos.
*
Wenn wir denn schon sterben müssen, meinte Hannah, als wir uns einmal über das Verlassen dieser Welt unterhielten, dann soll es uns beide gleichzeitig treffen. Da war ich ganz ihrer Meinung. Das Letzte, was ich wollte, wäre übrig bleiben.
Der Tag, an dem wir darüber sprachen, war der Tag gewesen, an dem die Frau unseres Nachbars von einer schwarzen Kombilimousine abgeholt wurde. Frau Nowak. Drei Wochen lang, Stunden um Stunden, Tag um Tag hörten wir danach das Wimmern von Herrn Nowak durch die Betonwände hindurch. Wir haben beide so mitgelitten. Dann kam der 11. Mai, der Geburtstag seiner Frau. Ein schrecklicher Tag. Herr Nowak war am Tag zuvor beim Friseur gewesen, hatte sich an diesem Morgen seinen besten Anzug angezogen, einen Korb mit Sekt, Blumen und Schokolade gepackt und war von seinem Balkon gesprungen. Zu ihr, in ihre Arme.
Das hat unser Leben verändert. Wir gehen es bewusster an, lassen keine schönen Momente mehr aus, sind intensiver beim Leben, beim Erobern der Welt und freier in der Liebe. Wir bemühen uns sehr, dass nichts unausgesprochen bleibt, Hannah ganz besonders. Sie sagt neuerdings immer geradeheraus, was sie will und wie sie sich irgendetwas vorstellt. Wir haben auch unser Rücksichtdenken modifiziert. Wir denken bei den Entscheidungen für unser Leben nicht mehr darüber nach, was unsere Eltern, Freunde und Verwandte davon halten oder über uns denken würden. Wir haben nur dieses eine Leben, es ist einmalig und jede Sekunde gehört uns. Was natürlich nicht bedeuten soll, dass uns unsere Umwelt gleichgültig ist, nein, wir haben allen Bescheid gesagt, dass wir bezüglich unserer Liebe sehr egoistisch sind. Und was soll ich sagen? Man beneidet uns sogar dafür. Ich hörte einmal auf einem Geburtstag, dass eine Cousine ihrem Mann zuflüsterte, dass er sich mal ein Beispiel an uns nehmen sollte. Der Angesprochene hatte sofort pariert und erwidert, dass an perfekten Beziehungen auch die Initiative der Frau eine messbare Dimension haben muss. Die Frau lief rot an und nahm ihren Partner an die Hand. Damals dachte ich, dass die beiden sicher eine gute Nacht haben werden. Als ich Hannah das später erzählte, flüsterte sie mir ins Ohr, dass sie sich gerade vorstellt, wie die beiden sich nackt in einem Bett mit einem Edding Bärte an die Nase oder anderorts malten. Um ihrer Flüsterei Ausdruck zu verleihen, malte sie mit dem Zeigefinger an mir rum, im Gesicht, auf der Brust und auf meinen Händen.
Wir beobachten gerne unsere Mitmenschen, stellen uns vor wie sie leben und denken oft, dass all das, was bei uns als Selbstverständlichkeit gelebt wird, in den Augen anderer eine große Kostbarkeit darstellen könnte. Für uns ist das alles jetzt schon wichtig, nicht erst dann, wenn man es nicht mehr hat.
*
Im Oberkörper der alten Dame knackte es? Oder hatte ich mich verhört?
Eine Frau um die vierzig, mit einem Rucksack auf dem Rücken und einem riesengroßen Fahrradschloss in den Händen, fing an zu heulen, sie schrie: «Papa!» Was in der ihrem Köpfchen so los war, hätte ich gern gewusst.
*
Hannah hat jetzt auch endlich Kopfhörer. Ich hab mir den Mund fusselig geredet, dass ihr Hörsinn unterfordert ist. Keine Ahnung, warum sie sich dem so lange verweigert hat. Sehen, Lesen, Anfassen waren ihr immer wichtiger gewesen, als Musik oder das gesprochene Wort, sagte sie. Nun aber, endlich, hört sie auch. Es war nicht einfach, ihr das erste Hörerlebnis zu bereiten. Das nämlich war meine Aufgabe gewesen. Ich musste, so sagte sie, heraussuchen, was ihr gefallen könnte, was sie in den Bann zieht, was ihr Denken ausschaltet. Halleluja!
