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Der ganz normale Wahnsinn. Corinna sitzt seit über 20 Jahren in einer zerstörerischen Ehe fest und ist unglücklich. Ein einziger Tag ändert ihr Schicksal. Sie flüchtet und landet im Nirgendwo - ohne Geld, ohne Job und ohne Wohnung. Alles scheint aussichtslos, aber sie gibt nicht auf, dann geschehen kleine Wunder..... Ein spiritueller Roman mit einem tieferen Hintergrund. Über Angst und Zweifel, Hoffnung und Durchhalten, über Bangen und Warten und die Rettung, die immer in letzter Sekunde kommt.
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Seitenzahl: 145
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Alle Personen, Handlungen und Orte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder nicht mehr lebenden Personen sind reiner Zufall.
Sie schlug die Haustür hinter sich zu, warf den Rucksack über die Schulter und hob die beiden schweren Reisetaschen an, um die wenigen Stufen hinunter zum geschlungenen Eingangsweg zu gehen, an dessen Ende das Taxi bereits wartete. Als der Fahrer sie kommen sah, stieg er aus und öffnete den Kofferraum. Mit einem freundlichen „Hallo“ nahm er ihr die schweren Taschen ab und verstaute sie im Auto.
„Den Rucksack auch?“ fragte er.
„Nein, den behalte ich bei mir“, antwortete sie, öffnete die Beifahrertür und ließ sich in den Sitz fallen. Den dick gepackten, grünen Rucksack verstaute sie zwischen ihren Beinen auf dem Boden.
„Wohin geht’s?“ fragte der ältere Fahrer freundlich.
„Zum Bahnhof nach T.“, antwortete sie.
Während er anfuhr, warf sie noch einen Blick zurück auf das große Haus mit der schneeweißen Fassade und dem roten Ziegeldach, in dessen Erdgeschoss ihre Mutter gerade ihr Mittagsschläfchen hielt, in dessen Obergeschoss ihre beiden kleinen Hunde in ihrem Körbchen lagen und schliefen und das sie nie wiedersehen würde. Abschied. Endgültig. Keine Wehmut aufkommen lassen, die Entscheidung war gefallen.
„Wohin geht die Reise?“ fragte der Fahrer neugierig, um ein Gespräch in Gang zu bringen, immerhin dauerte die Fahrt zum Bahnhof fast eine halbe Stunde. Aber ihr war nicht nach Reden zumute. Irgendwie fühlte sie sich wie in Trance.
„Ich besuche eine Freundin in München“, log sie. Bloß nichts verraten, nicht, dass nachher noch jemand herausfinden konnte, wo sie war, indem man den Taxifahrer ausfindig machen würde. Das würde grade noch fehlen. Sie war auf der Flucht.
Sie dachte zurück an den gestrigen Abend, an die Wochen zuvor, an ihr Leben. Mit grade mal achtzehn hatte sie geheiratet, da war sie sogar ein Jahr jünger als ihr Sohn jetzt. Wie konnte man nur so dumm sein? Liebe war es nicht, sie wollte endlich jemanden haben, der für sie da war. War das nicht dasselbe wie Liebe? Aber die Ehe war schon nach vier Jahren vorbei, gerade da, als sie schwanger wurde. Sie war ihrem Mann gefolgt, 200 km weit weg in eine Kleinstadt, in der er als Berufssoldat stationiert war. Sie hatte ihren Job aufgegeben, um für ihn da zu sein, um sich um ein gemütliches Zuhause zu kümmern, sie träumte von einer Familie, von Zusammenhalt und Glück, von Füreinander-Da-Sein und Wärme und Nähe, davon sich fallenzulassen in ein Nest der Geborgenheit. Genau das war es, was sie sich so sehr wünschte, was sie ihr Leben lang vermisst hatte.
Ihre Kindheit war nicht grade schön gewesen. Ihre Eltern waren nicht böse, sie waren bettelarm und beide krank und so mit sich selbst beschäftigt, dass für sie als Kind überhaupt kein Platz in deren Leben war. Immer hatte sie das Gefühl gehabt, sie war eben da, weil sie da war, nicht deshalb, weil man sie wollte, brauchte oder liebte, sie war einfach nur da, vielleicht zufällig oder aus gar keinem Grund oder weil es einfach so sein sollte, dass Eltern Kinder bekamen. Nie hatte sich jemand um sie gekümmert, nicht in der Schule, nicht als sie ins Berufsleben startete, nie hatte jemand gefragt, was sie mit ihrem Leben anfangen wollte oder in welche Richtung sie gehen wollte, alles war immer vollkommen ihr selbst überlassen gewesen. Das war ihr Schicksal. Sie kam sich vor wie ein herrenloses Boot, das auf dem Ozean trieb und keinen Hafen fand. Hier hatte sie ihren Hafen gehabt, zumindest würden andere es so sehen – ein großes, eigenes Haus, einen Mann, der viel Geld verdiente, einen wohlgeratenen Sohn, Friede, Freude, Eierkuchen. Aber das war nur der äußere Schein. Unter der Oberfläche brodelte und kochte es, in diesem Haus war das Glück niemals eingezogen, es war ein Haus ohne Zuhause, es war nicht warm und nicht geborgen, es war nicht gemütlich, es war kalt und einsam.
Vierundzwanzig Jahre war sie nun verheiratet, hielt aus in dieser Ehe, in der man aneinander vorbei lebte wie zwei Seifenblasen, die sich niemals berühren durften und in denen jeder von ihnen eingeschlossen war, unantastbar, unberührbar, allein mit sich und für sich. Sie konnte es nicht mehr ertragen und nach dem gestrigen Abend war ihr klar, sie musste dieses Leben beenden.
„Schönes Wetter“, riss der Taxifahrer sie aus ihren Gedanken.
„Ja“, entgegnete sie, „vor allem noch so warm“.
Es war ein herrlicher Spätsommertag Mitte September. Das Thermometer zeigte fast dreißig Grad. Die Sonne strahlte von einem wolkenlosen Himmel. Ein gutes Zeichen, dachte sie, ein sehr gutes Zeichen für einen Neuanfang, für einen Start in ein neues Leben, in dem sie vielleicht mal das finden würde, was für sie Glück bedeutet. Jemanden haben, der zu ihr steht, nicht mehr allein sein, die Erfüllung finden, einen Sinn im Leben, wissen, wofür man da ist.
Ein halbes Jahr zuvor war sie beim Anwalt gewesen und hatte sich erkundigen wollen, was bei einer Scheidung auf sie zukam. Sie hatte dem Anwalt erzählt, dass die Situation für sie unerträglich geworden war. Nichts verband sie mehr mit ihrem Mann, das einzige, was zwischen ihnen stand, war Hass und Ablehnung. Er war cholerisch, rechthaberisch und besitzergreifend. Was immer sie interessierte, lehnte er ab, oft einfach aus Prinzip. Er hatte immer Recht, keine andere Meinung galt als seine eigene und wo er konnte, machte er sie nieder. Jähzorn und oft auch Gewalt bestimmten den Alltag. Der Anwalt hörte sich ihre Geschichte an und meinte:
„Ich sage es Ihnen ganz ehrlich. Wenn sie mit zweiundvierzig von vorne anfangen wollen, ohne Job, ohne eigenes Geld, landen Sie bei der Sozialhilfe, Sie kommen niemals mehr auf die Füße. Beißen Sie die Zähne zusammen und bleiben Sie, wo sie sind.“
Völlig niedergeschlagen war sie nach diesem Gespräch nach Hause geschlichen. Das war also der Rest ihres Lebens? Zähne zusammenbeißen und in dieser Situation aushalten? Der Gedanke schien ihr unerträglich. Nicht, dass sie nicht auch Schönes gehabt hätte. Sie hatte keine finanziellen Sorgen, materiell ging es ihr sehr gut, ihre Familie war sehr angesehen in dem kleinen Ort, in dem sie wohnten. Sie hatten zehn Jahre zuvor das große Haus gebaut, in dem ihre Mutter mit eingezogen war und ein Wohnrecht auf Lebenszeit hatte. Sie hatte eine große Terrasse, einen großen Balkon, einen riesigen Garten, ihren Sohn, der ebenfalls unter seinem Vater litt, ein eigenes Auto, zwei süße Hunde, an Materiellem fehlte es ihr nicht. Aber eines hatte sie nicht – ihr Herz war leer, es fehlte das Gefühl und was an Gefühl da war, war negativ.
Am Abend zuvor war er nach Hause gekommen und hatte einen Tobsuchtsanfall bekommen. Irgendwie hatte er von dem Anwaltstermin, der schon sechs Monate zurücklag, erfahren. Woher, konnte sie sich nicht erklären, denn niemand außer ihr und dem Anwalt, wusste davon. Er hatte sie am Kragen gepackt, mit dem Rücken gegen den Küchenschrank gedrückt und sich wutentbrannt vor ihr aufgebaut. Sein Gesicht war rot angelaufen, während die Adern am Hals dick hervorgetreten waren. Mit zusammengekniffenen Augen hatte er die Faust vor ihr Gesicht gehalten und durch die zusammengepressten Zähne gezischt:
„Wenn Du mich verlässt, bringe ich Dich um, das schwöre ich Dir, so wahr ich hier stehe. Niemals wirst Du das überleben. Also überleg Dir gut, was Du tust.“
Sie war vor Angst fast erstarrt, denn sie kannte seine Wutausbrüche. Mehr als einmal hatte er Möbel zerschlagen, Geschirr an die Wand geschmissen, nach ihr getreten oder sonstige Affekthandlungen begangen. Kurz vor Weihnachten, ein Jahr zuvor, sammelte er ohne ersichtlichen Grund ihr Scheckkarten ein, ihren Führerschein, nahm alle Papiere mit, die wichtig waren, Bankunterlagen etc. und sagte, er würde sich scheiden lassen und das Haus verkaufen. Sie selbst, aber auch ihre Mutter, waren zu Tode erschrocken und befürchteten, das Zuhause zu verlieren, das Dach über dem Kopf. Corinna war klar geworden, wie abhängig sie war. Sie war nicht berufstätig, sie hatte kein eigenes Geld, sie konnte nichts vorweisen als ihr Hausfrauendasein und damit hatte er sie vollkommen in der Hand. Was immer ihm auch in den Sinn kam, sie war hilflos und konnte sich nicht wehren und sie litt furchtbar unter dieser Tatsache. Mehrmals hatte sie versucht, einen Job zu finden, aber er hatte ihr diese Bemühungen immer und immer wieder zerstört mit seiner krankhaften und grundlosen Eifersucht. Sobald sie aus dem Haus ging, verdächtigte er sie, ihn zu betrügen, fühlte sich hintergangen und beschuldigte sie, Dinge getan zu haben, nach denen ihr nicht mal in Gedanken der Sinn stand, geschweige denn in der Realität. Nie hätte sie sich unterstanden, sich mit einem anderen Mann, sei es auch nur ein Arbeitskollege, zu unterhalten, alleine auszugehen oder ähnliches. Sie hatte lange erkannt, dass sie eine Gefangene war, eine Sklavin, die keinen eigenen Willen haben durfte und dass er ihre Hilflosigkeit schamlos ausnutzte. All das war ihr durch den Kopf gegangen, als er sie wieder einmal mit dem Rücken an die Wand drückte, auch wenn es diesmal der Küchenschrank war.
Plötzlich hatte er eine Pistole in der Hand gehabt und sie ihr an die Schläfe gehalten. Seine Hand hatte gezittert vor angespannter Wut. Sie hatte gehört, wie er die Pistole entsichert hatte und hatte den Finger am Abzug gesehen, der ebenso zitterte. In diesem Moment war etwas in ihr gestorben. Die Todesangst, die sie empfunden hatte, war plötzlich gewichen, sie hatte sich in ihr Schicksal ergeben. Er würde sie jetzt umbringen, hier vor dem Küchenschrank würde sie sterben, ihr Leben war umsonst gewesen. Nie hatte sie das gefunden, was sie sich so sehnlichst wünschte. Sie hatte ausgehalten in einer Ehe, die seit 21 Jahren keine mehr war, in der Hoffnung, irgendwann würde sich etwas ändern, irgendwann wäre das Schicksal mal gnädig und würde ihr das geben, nach was sie sich sehnte – Liebe und Geborgenheit. Es war zu spät, ihr Leben war vorbei, sie hatte es nicht gefunden. Sie hatte ausgehalten aus Bequemlichkeit, um den guten Schein zu wahren, aus Angst und weil man es eben so tut. All diese Gedanken waren im Zeitraffer durch ihren Kopf geschossen, innerhalb einer Sekunde vielleicht, rasend schnell, während all die Angst wich und sie ihm fest und kalt in die Augen gesehen hatte:
„Dann tu’s doch. Drück doch ab. Feigling.“
Irgendetwas war in ihr, das bettelte jetzt um den Tod. Sie hatte es genau fühlen können. Diese ganze Situation dauerte vielleicht zwei Minuten, aber ihr war es vorgekommen wie ein Leben lang. Nie waren ihre Sinne so geschärft gewesen, hatte sie so viele Gedanken auf einmal gedacht und so viele Gefühle gleichzeitig gefühlt. Es kam ihr vor, als könne sie in die Zukunft sehen. Sie sah ihren zerplatzten Kopf vor sich, Teile ihres Gehirns, das mit Blut gemischt an den Kacheln der Küche klebte und sie sah es und schaute teilnahmslos hin. Genauso teilnahmslos spürte sie die Pistole an ihrer Schläfe. Drückte er jetzt ab oder nicht oder hatte er es schon getan? Was war nun die Realität? Sie verlor das Zeitgefühl, es war als hätte die Zeit plötzlich angehalten. Sämtliche Angst war aus ihr gewichen mit einem Schlag.
„Dann tu’s doch. Drück doch ab. Feigling.“
Er hatte geschnauft wie ein wütender Stier und sie hatte ihn innerlich mit sich kämpfen sehen. Sie konnte sich noch erinnern, dass sie kurz dachte, morgen würde in der Zeitung stehen: ‚Familiendrama endete tödlich“. Sie war sich die ganze Zeit über dabei vollkommen im Klaren gewesen, hier ging es um sie selbst und um ihr Leben, nicht um irgendwen, der für Schlagzeilen sorgen würde, sondern um sie selbst. Sie wusste noch genau, dass sie sich für eine Sekunde gewundert hatte, dass Sterben so einfach war. Keine Angst mehr, nichts, sie wartete auf etwas, mit dem sie sich abgefunden hatte. Die Wut, die seine Hände zittern ließ, würde ihr Ende sein, aber er drückte nicht ab. War es ihre Gefasstheit gewesen? Hätte er abgedrückt, wenn sie in Todesangst um ihr Leben gefleht und sich irgendwie gewehrt hätte? Sie wusste es nicht. Irgendwann, nach gefühlten Stunden, hatte er die Waffe weggepackt und war ins Bett gegangen, als sei nichts passiert.
Die Nacht hatte sie in der Küche verbracht, saß auf der Eckbank und weinte, während er seelenruhig schlief. Ihr war klar, auf normalem Weg würde sie diese Ehe niemals beenden können, es wäre ihr sicherer Tod. Sie kannte seine Gewaltbereitschaft, er hatte sie wieder einmal gezeigt. Schon einmal war seine Faust in ihrem Gesicht eingeschlagen. Die Narbe der aufgeplatzten Augenbraue hatte sie immer noch. Nachdem sich die Situation entspannt hatte, kam die Angst wieder. Sie zitterte, als hätte sie Schüttelfrost. In dieser Nacht beschloss sie, zu gehen. Fluchtartig, ohne jemandem Bescheid zu sagen, einfach nur weg. Sie wollte sich verstecken, sich ein neues Leben aufbauen, in dem es keinen Hass gab, keine Gewalt und keine Angst. Noch einmal so eine Situation würde sie nicht überleben, das war ihr klar. Sie musste handeln und zwar jetzt, nicht morgen, nicht nächste Woche oder nächsten Monat, sondern jetzt. Sie wurde sich darüber klar, sie musste etwas ändern, sie konnte nicht mehr warten. Wenn nicht jetzt, wann dann? Sie hatte schon viel zu lange gewartet, viele Jahre ohne Leben, viele vertane Jahre.
*
Nachdem ihr Sohn und ihr Mann am nächsten Morgen zur Arbeit gefahren waren, packte sie zwei Reisetaschen mit Kleidung, Waschutensilien und einem Essbesteck, warf die notwendigsten Papiere wie Personalausweis, Geburtsurkunde, Heiratsurkunde usw. in den Rucksack, packte ziellos ein, was sie für wichtig hielt und was der Platz hergab und bestellte ein Taxi für den frühen Nachmittag. Auf dem Küchentisch hinterließ sie einen Brief mit den Worten:
„Ich ertrage diese Ehe nicht mehr. Es braucht mich niemand zu suchen, ihr werdet mich nicht finden, ich komme auch nicht zurück.“
Nun saß sie im Taxi auf dem Weg in die Freiheit und wusste nicht, wo er enden würde. Der Fahrer respektierte ihr Schweigen und sagte nichts mehr. Am Bahnhof angekommen, zahlte sie und stieg aus. Tausend Euro hatte sie dabei von seinem Konto, denn sie selbst besaß kein Geld. Sie machte sich keine Gedanken, die hatte sie sich vierundzwanzig Jahre lang gemacht, sie handelte nur noch wie ein Roboter, innerlich getrieben von dem Wunsch, dieses Leben zu beenden, sich selbst zu retten und irgendwie irgendwo neu anzufangen, um endlich das zu finden, was sie sich so sehr wünschte: Geborgenheit und ein kleines bisschen Liebe und Wärme.
Als sie in T. ankamen, half der Taxifahrer, ihr die Taschen aus dem Kofferraum zu heben, sie zahlte und verabschiedete sich freundlich. Mit Reisetaschen und Rucksack beladen ging sie zum Schalter.
„Wohin geht der nächste Zug?“ fragte sie den Bahnbeamten an der Fahrkartenausgabe.
„Nach Frankfurt, in zehn Minuten“, sagte dieser ziemlich uninteressiert.
„Nein, das meine ich nicht, ich meine den nächsten Fernzug.“
„Der geht in zwanzig Minuten über Mainz, Karlsruhe, nach Nürnberg. Intercity. Wo wollen Sie denn hin?“
‚Gute Frage‘, dachte sie, erwiderte aber „Nach Nürnberg, dann bin ich ja richtig. Ich hätte gerne eine Fahrkarte.“
„Wann soll die Rückfahrt sein?“ wurde sie gefragt.
„One-Way-Ticket“, sagte sie entschlossen, „keine Rückfahrt“.
Der Schalterbeamte sah sie merkwürdig an, stellte dann aber die Fahrkarte aus mit Platzreservierung. Gott sei Dank waren noch Plätze frei.
„Ankunft in Nürnberg um 20:08 Uhr“, informierte er sie.
Bis alles erledigt war und sie das richtige Gleis gefunden hatte, fuhr der Intercity auch schon ein. Sie suchte den reservierten Platz und verstaute ihre Taschen. Sie hatte ein Abteil für sich alleine, das war ihr grade recht. Langsam machte sich die durchwachte Nacht bemerkbar, sie war müde, aber die Gedanken ließen sie nicht in Ruhe und an Schlaf war nicht zu denken. Immer wieder versuchte sie, sich bewusst zu machen, was sie gerade tat. Sie schaute auf ihre Armbanduhr. Es war 16 Uhr. In spätestens drei Stunden würde ihr Mann nach Hause kommen und den Brief auf dem Tisch finden. Ihr Sohn würde eine Stunde später kommen und bis dahin würde schon das ganze Haus auf dem Kopf stehen. Natürlich würde er ausrasten, sie versuchte, sich auszumalen, was dort zuhause geschehen würde. Irgendetwas würde er zerschlagen, vielleicht den Tisch oder einen Stuhl? Er würde toben und sie in die unterste Hölle wünschen. Ihr Sohn würde verzweifelt sein, aber sie war sicher, dass er wusste, warum sie diesen Schritt tat, sie hatten so oft darüber gesprochen. Sie hoffte und betete, dass ihre Mutter nicht der Schlag treffen würde, sie wollte niemandem wehtun, aber sie wollte einfach dieses Leben nicht mehr ertragen. In drei Stunden….. bis dahin war sie weit genug weg….. hoffentlich. Niemand durfte wissen, wo sie war, wenn er sie finden würde, wäre das ihr sicherer Tod.
Sie verschwendete keinen Gedanken daran, was passieren würde, wenn sie in Nürnberg aus dem Zug aussteigen würde, sie war ganz zuhause und malte sich aus, was dort los sein würde. Die Polizei würden sie informieren, ganz bestimmt. Oder auch nicht? Kümmert sich die Polizei darum, wenn ein erwachsener Mensch geht und einen Abschiedsbrief hinterlässt? Eher nicht. Nein, sie brauchte keine Angst vor der Polizei zu haben, denen ist das egal. Sie musste nur aufpassen, dass sie keine Spuren hinterließ. Sollte der Schalterbeamte ausfindig gemacht werden, so könnte der nur sagen, sie war nach Nürnberg unterwegs, aber Nürnberg ist eine große Stadt, wie sollte man sie dort finden? Sie würde sich erst wieder zuhause melden, wenn sich die Emotionen beruhigt hätten, vorher auf keinen Fall.
Gedankenverloren sah sie aus dem Fenster. Die Luft flimmerte vor Hitze, die Sonne blendete, die
