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Folgenschwer verzockt! Aus heiterem Himmel sitzt Bertram auf der Straße. Kristina hat die peinlichen Aktionen ihres Mannes gegen eine abstumpfende Gesellschaft gründlich satt und setzt ihn vor die Tür. Vorübergehend kommt er bei seinem Freund Paul unter. Missverstanden, jedoch kampfbereit, nimmt er die Herausforderung an. Für Kristina gelobt er, ein besserer Mensch zu werden. Doch wie lange würde dieser Plan aufgehen, der ihm so sehr gegen das eigene Naturell geht? Und ist besser wirklich besser, solange noch offene Rechnungen im Spiel sind? Seine neuen Mitbewohner haben ihre ganz eigenen, skurrilen Absichten mit dem Neuzugang. Mit aller Macht will Bertram dem Reiz widerstehen, in alte Gewohnheiten zurückzufallen, bis es Kristina selbst ist, die ihn ein weiteres Mal aus der Bahn wirft. Bertram, selbst ernannter Entspacker, packt es an und gestaltet sich seine Welt ein Stück weit erträglicher. Das egoistische Verhalten der Menschen in ihrer ganzen Oberflächlichkeit lässt ihm schließlich keine Wahl. Eine erfrischende Geschichte über Freundschaft, Gerechtigkeit, enttäuschte Liebe und Hoffnung, garniert mit einem unterhaltsamen Schlagabtausch zwischen unverbesserlichem Gutmenschentum und debilen Dummschwätzern.
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Seitenzahl: 551
Veröffentlichungsjahr: 2021
Thorsten Haker
ausgeSPACKT!
Neustart mit Hindernissen
© 2021 Thorsten Haker
Lektorat, Layout, Cover: Dr. Matthias Feldbaum, Augsburg
Coverabbildung: magann/indivstock.com
Verlag und Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40–44, 22359 Hamburg
ISBN
Hardcover: 978-3-347-07096-7
Paperback: 978-3-347-07095-0
E-Book: 978-3-347-07097-4
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Eigentlich wollte ich aufhören, gemein zu sein. Aber die anderen müssten erst aufhören, dumm zu sein.
Kapitel 1
„Nein!“
Ich kreischte vor blankem Entsetzen.
„Doch!“, erwiderte sie bockig.
„Nein!“
„Oh, doch, doch, doch!“
„Das kannst du doch nicht machen.“
Sie konnte es wirklich nicht machen. Dessen war ich mir sicher, aber ich kannte diesen entschlossenen Blick und er beunruhigte mich.
„Wieso sollte ich das nicht machen können? Siehst du doch. Es ist meine Wohnung, wie du weißt, und ich habe dich immer und immer wieder gewarnt. Lass es, sagte ich. Ich habe dich angefleht, endlich wieder normal zu werden. Das hat doch alles keinen Sinn. Nimm doch die Welt so, wie sie ist. Du kannst sie nicht verbessern, du kannst die Menschen nicht verändern. Du nicht. Vor allem du nicht.“
„Normal werden. Was soll das denn heißen, bitte? Das ist doch aber lächerlich jetzt, mal ehrlich.“
„Nein, du bist lächerlich. Du machst dich lächerlich und vor allem machst du uns lächerlich. Meine Entscheidung steht. Wenn es unerträglich wird, muss man manchmal eben unbequeme Wege gehen. So geht es jedenfalls nicht weiter. Ich kann und ich will das auch nicht mehr. Zum Monatsende bist du hier bitte raus. Ich kann dich im Moment nicht ertragen.“
„Aber das ist ja schon am Montag, genauer gesagt heute in einer Woche.“
„Na, immerhin dieser Teil deines Gehirns funktioniert noch. Herzlichen Glückwunsch, dann ist ja noch nicht alles verloren. Ja, ab Montag kannst du so vielen Leuten auf den Senkel gehen, sie verbessern, wie du möchtest. Du kannst sie nach Lust und Laune entspacken, wie du es nennst, wenn es dich nur glücklich macht. Was für ein Schwachsinn. Nur, ich werde dann nichts mehr damit zu tun haben. Ich bin dann raus!“
„Wie, du bist dann raus? Moment mal. Nur, dass ich das richtig verstehe“, versuche ich, die Situation scherzhaft zu entspannen und hakte grienend nach: „Ich denke, ich bin es, der hier ausziehen soll?“
„Bertram! Nicht lustig!“
An Grisus scharfem Ton und ihrer hochgezogenen Braue über dem linken Auge, in dem weder Glanz noch Freude zu sehen waren, konnte ich erkennen, dass ihr heute nicht der Sinn nach meinem eigenartigen, leicht krankhaften Sinn für Humor stand, wie sie es regelmäßig bezeichnete. Andere Frauen, aber nicht nur die, eher Menschen im Allgemeinen, fänden für diesen Humor sicherlich ähnlich diffamierende Bezeichnungen. Die meisten meiner Mitmenschen konnten sich eher weniger an meinen befreienden Aktionen, an meiner Gesinnung insgesamt, erfreuen. Nicht im Ansatz so sehr, wie sie mich selbst glücklich machten und innerlich befriedigten.
Was sollte denn falsch daran sein, Dummköpfen auf mehr oder weniger subtile Art aufzuzeigen, dass sie dumm waren? Wenn es doch so war. Warum fehlte ihr denn jegliches Verständnis, wenn ich Leuten, die mir tagtäglich auf die Nerven gingen, mit mindestens gleicher Wucht zumindest vorübergehend Schaden zufügen wollte? Wie du mir, so ich dir. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Einfach fair. Warum durften die mir auf der Nase rumtanzen, und wenn ich es dann war, der zum Tanz bat, ging das Gemecker los, dass ich ihnen allzu ungelenk über die Füße latschte.
„Das heißt, es hat sich jetzt ausgetanzt, oder wie?“
„Wenn du es so ausdrücken möchtest, ja. So kann man das sehen. Zumindest gebe ich dir ausreichend Zeit und Gelegenheit, mal in aller Ruhe darüber nachzudenken, was du den Menschen mit deinem blödsinnigen Gehabe antust. Und was du mir antust. Ja, auch und gerade mir, und dann …“
„Ach komm, Grisu. Dich habe ich nicht entspackt. Noch nie! Zumindest nicht in größerem Rahmen, das schwöre ich.“
„Grisu, Grisu, es hat sich längst ausgrisut. Mein Name ist Kristina. Das war er im Übrigen immer schon, falls du es vergessen hast. Und es wäre ja wohl auch noch schöner, wenn du das auch bei mir gemacht hättest. Du kannst doch nicht allen, die dir in irgendeiner Weise querkommen, deinen Stempel aufdrücken und sie bestrafen. Wofür? Weil sie anders sind? Ich sag’s dir: weil es dir und deinem Dickschädel nicht in den Kram passt, wie sie sich verhalten. Du kannst denen, so verschieden sie alle sind, nicht alles in barer Münze heimzahlen wollen, was sie dir in deiner krankhaften Wahrnehmung Fürchterliches angetan haben. Manchmal geht es dabei ja nicht einmal um dich, noch schlimmer. Du kannst einfach nicht …“
„Wieso denn nicht? Und ob ich das kann“, zischte ich sie lauter an, als ich es wollte, woraufhin sie kurz zusammenzuckte.
Und doch, sie konnte tatsächlich, weil es wirklich ihre viel zu kleine Wohnung war, in der wir von Anfang an lebten und aus der wir aus Bequemlichkeit niemals herausgekommen waren, auch, wenn wir uns immer wieder vorgenommen hatten, uns nach etwas Größerem und Komfortableren umzusehen. Das Platzproblem hatte sie nun auf ihre ganz eigene Art und Weise für sich gelöst.
Ich verstand einfach nicht, wie sie so verbohrt sein konnte. Wie konnte sie es wagen, meine Ideologie dermaßen in den Dreck zu ziehen?
„Natürlich kann ich das“, rebellierte ich, „und ich muss das einfach tun. Man darf solche … solche Kreaturen nicht wirken lassen, wie sie es wollen, man muss auch mal …“
„Ach, aber die müssen alle sein, wie du es willst, oder wie? Du bist doch nicht der liebe Gott. Bertram, ich sage dir ganz ehrlich, dass ich langsam ein wenig Angst vor dir habe. Vielleicht bin ich bisher auch nur deshalb von dir verschont geblieben, weitestgehend, weil ich stets unter höchster Vorsicht versucht habe, deinen irrwitzigen Vorstellungen an die Gesellschaft zu genügen. Und das nur, um bloß nicht in dein Raster zu fallen. Das ist sehr, sehr mühsam manchmal, das strengt an. Ich brauche das nicht. Ich möchte so sein können, wie ich bin. Mit all meinen Fehlern und Angewohnheiten, ohne Angst haben zu müssen, dass du dieser überdrüssig wirst und glaubst, mir zeigen zu müssen, wie ich zu ticken habe.“
„Unsinn. Dich doch nicht. Du bist doch echt okay.“
„Ernsthaft jetzt? Ich bin okay? Ich bin, warte, noch mal jetzt. Ich bin wirklich ‚okay‘, sagst du?“
Ihr irrer Blick sprach Bände. Zugegeben, ich hatte schon bessere Texte.
„Ja, absolut“, bestätigte ich dennoch gönnerisch. Einmal Gesagtes war hinterher schwer zu revidieren.
„Du bist seit Ewigkeiten mit mir zusammen und du findest mich ‚okay‘?“
„Total. Niemanden finde ich okayer als dich. Und du weißt, ich finde sehr viele Leute alles andere als okay. Die allermeisten finde ich richtig bescheuert, aber mal so richtig doof.“
Grisu bzw. Kristina, wenn sie es denn so lieber hatte, stemmte ihre Hände in die Hüfte und verdrehte die Augen. Wenn Wut sichtbar dampfen könnte und wenn sie ein Pferd wäre, hätte ich dunkle Schwaden durch ihre weiten Nüstern aufsteigen sehen können. Doch seit sie nach langen Jahren erst kürzlich mit dem Rauchen aufgehört hatte, war von der Bedeutung ihres Kosenamens lediglich das Fauchen geblieben. Den niedlichen, feuerspeienden Comic-Drachen, der mich damals neben einem klangverwandten Wortstamm zur Namensgebung inspiriert hatte, gab es nicht mehr. Sie war zu einem giftigen, nicht rauchenden und dauernölenden Kläffer mutiert, der immer mehr den Drang verspürte, sich in mich zu verbeißen.
Sie wartete ab, ob ich noch etwas zu sagen hätte, doch ich schwieg. Was wollte sie denn jetzt noch von mir hören? Ich war vor den Kopf gestoßen und wütend. Tief durchatmend und resignierend wiederholte sie in leisem Ton den Wochentag, an dem sich unsere Wege trennen sollten.
„Montag. Ich meine es ernst.“
Dann verließ sie die Wohnung und knallte die Tür hinter sich zu.
Natürlich hätte ich ihr sagen können, dass sie mir alles bedeutete, wenn nicht mehr. Aus tiefstem Herzen. Weil es so war, weil es immer so sein würde. Natürlich wusste ich, dass es dieses Bekenntnis oder ein ähnliches gewesen wäre, welches mein lapidares „okay“ zumindest rhetorisch hätte aufwerten können, das mir irgendwie falsch rausgerutscht war. Nur war ich der Überzeugung, dass ein Zeitpunkt nicht hätte falscher sein können als gerade eben. Das Urteil über mich war bereits gefällt. Ich kannte meine Frau gut genug, um zu wissen, dass ein jämmerlicher Rettungsversuch ihre Entscheidung nicht grundlegend verändert hätte. Offenbar hatte ich den Bogen überspannt, ihr Verständnis überreizt. Hier ging es jetzt für mich erst einmal darum, meine Würde zu behalten. Dass ich eine solche überhaupt besaß, hätte Kristina sicherlich in Abrede gestellt. In ihren Augen war ich ein unzumutbares Scheusal und die wirklich blöde Sache von letzter Woche war dann wohl der eine Tropfen zu viel im Fass. Die Möglichkeit, dass dieser ekelhafte Typ aus der Nachbarschaft sich gleich bei der Hausverwaltung beschweren würde, diese dann bei Kristina, hatte ich unterschätzt. Zu dumm aber auch, dass man mich beobachtet hatte, wie ich eine Ladung Bauschaum in Nachbars Briefkasten versprüht hatte. In meinen Augen eine angemessene Reaktion für sein flegelhaftes und rücksichtloses Falschparken vorm Haus.
Das letzte bisschen Verständnis, das man für eine von der Kette gelassene Bestie wie mich aufzubringen bereit war, war dann wohl jetzt aufgebraucht. Game over. Bertram Geuse, das unberechenbare Monster. Wer Gefallen daran fand, bitte. Hier konnte es in auswegloser Situation nur noch darum gehen, den letzten Hauch von Ehre zu verteidigen und nicht als Jammerlappen dazustehen. Immerhin stand ich mit allem, was mich ausmachte, hinter jeder meiner Aktionen. Keine Reue, ich war mit mir selbst im Reinen. An diesem Punkt fühlte ich mich unfähig, einzuschätzen, ob ich in der Lage sein würde, ihr zu Liebe meine Gesinnung einzudämmen oder sogar komplett abzulegen. Darum ließ ich es geschehen. Gefährliches Glatteis.
Wirklich überraschend kam Kristinas Entscheidung tatsächlich nicht. Unsere Streitereien diesbezüglich hatten sich zuletzt gehäuft, davor konnten wir beide die Augen nicht verschließen. Schon seit geraumer Zeit ahnte ich, dass mein Zug in Kürze abgefahren sein könnte, wenn ich nicht in meinem Ansinnen nachließe. Ein Zug ins Nirgendwo. Ihm hechelnd, schwitzend, mit heraushängender Zunge hinterherlaufen zu wollen, wohlwissend, dass ich jämmerlich zusammenbräche, nein, die erniedrigende Schmach wollte ich mir ersparen. So gab ich auf, als ich den Kampf für mich als verloren betrachtet hatte. Jetzt brauchte ich Zeit und womöglich einen langen Atem. Eine vorübergehende räumliche Trennung, und lediglich von einer solchen ging ich einfach mal aus, würde uns beiden sicherlich guttun.
Kapitel 2
Der Ursprung meiner sehr eigenen Gesinnung musste bei näherer Betrachtung wohl in meiner frühen Kindheit zu suchen sein. Zu dem Schluss kam ich zumindest, als ich mich unerwartet gezwungen sah, mich mit meiner Person und der neuesten Entwicklung auseinanderzusetzen. Mühsam versuchte ich mich zu erinnern. Schließlich glaubte ich den Schlüssel gefunden zu haben. Einen Jungen namens Daniele hielt ich für einen angemessenen Prügelknaben, und eine leichte Übelkeit überkam mich, als die Erinnerung wiedergekehrt war.
Daniele war ein kleiner Schwachkopf. An harten Fakten wie diesen gab es einfach nichts zu beschönigen. Vor meinem geistigen Auge sah ich ein rotztriefendes Schmuddelkind. Wenn es auch absurd war, war ich mir sicher, dass er noch immer nahezu unverändert aussähe. Sein dümmlicher Blick von damals hatte sich mir für alle Ewigkeit eingebrannt.
Es dauerte damals sehr lange, bis ich endlich komplett realisiert hatte, dass es zu einer Daniela, ein Mädchenname, der mir geläufig war, ein zugelassenes männliches Pendant gab. Einen Namen, der wie Daniela klang, aber zu meinem Entsetzen einem Jungen gegeben wurde. Weil ein Mädchen aus dem Kindergarten Daniela hieß, glaubte ich, mich ausreichend auszukennen, und somit war diese Namensgebung für mich unzulässig und falsch. Dass ein kleiner Junge mit einem Mädchennamen in unserer Nachbarschaft lebte, wollte mir einfach nicht in meinen kindlichen Kopf.
Schon allein seines Namens wegen mochte ich Daniele nicht. Italiener mochte ich auch nicht besonders, weil die sich diesen Mist ausgedacht hatten. Pizza und Spaghetti aber mochte ich immer schon. Das machte ihren Irrsinn bei der Namensgebung und meine Verachtung aber kaum wett. Meine Sandkiste im „Spieli“, wie unser Spielplatz kurz hieß, so wie wohl jeder andere auch, auch die liebte ich. Bis zu diesem einen Tag, als man Daniele zu mir in mein sandiges Territorium setzte, ungefragt natürlich. Seine Familie wohnte damals auf der gleichen Ecke wie meine Eltern und ich, eine Straße weiter, in einem verwahrlosten Altbau. Tatsächlich aber war es nur Daniele mit seiner Mutter. Der Vater wäre abgehauen, hatten mir meine Eltern erzählt. Darauf hatte ich mir schnell meinen eigenen Reim gemacht und es auf seinen schrägen Namen geschoben. Vermutlich wäre ich als Erwachsener auch eher abgehauen, als einen Sohn haben zu müssen, der einen Mädchennamen trug.
Etwa im Alter von fünf Jahren müsste alles begonnen haben. Das zumindest ergab meine Kalkulation unter Einbildung kindlicher Frühintelligenz, schneller Lernfähigkeit und der Tatsache, dass ich zwar windelfrei, aber noch nicht schulpflichtig war. Fortan teilte ich mein Leben nicht mehr nur mit meinen Eltern und einer Schar weiterer, nerviger und für mich unbedeutender Erwachsener, die uns besuchten. Später dann auch mit meinem Bruder, für den anfangs die gleichen Attribute galten, sondern gezwungenermaßen auch mit Daniele, irgendwie. Sprachlich war ich meiner, vor allem aber Danieles Zeit, frühzeitig weit voraus und ich konnte mich bereits ganz passabel artikulieren, während Danieles klägliche Sprechversuche eher klangen wie fiepender Dauerschluckauf. Und plärren konnte er, laut und schrill. Irgendetwas aber konnte ja jeder, meinte mein Vater in seiner gütigen Art. Verstanden hatte ich den Spott darin damals nicht. Zugegeben, Daniele war wohl circa ein Jahr jünger als ich. Nach Auffassung meiner Eltern machte mich das vertretungsweise zu so etwas wie einem Sandkisten-Erziehungsberechtigten für die Zeit, in der man den kleinen Nervbolzen an meine Seite gesetzt hatte. Dass dieses unfreiwillige Amt ausschließlich Nachteile für mich hätte, ahnte ich da noch nicht. Eigentlich wollte ich nur im Sand spielen. Alleine. Burgen bauen, Tunnel und Straßen. Brücken konnte ich noch nicht, die stürzten immer ein. Insgesamt sah ich mich perspektivisch trotz dieser Misserfolge besser im städtebaulichen als im pädagogischen Bereich aufgehoben. Diese kühnen Pläne wurden an dem Tag jäh durchkreuzt. Sowohl durch die elterlichen Absichten, Daniele und mich zusammenspielen lassen zu wollen, als auch durch Daniele selbst.
Neben seinen offenkundigen sprachlichen Startschwierigkeiten waren es die motorischen Fähigkeiten, die bei Daniele vollkommen unausgeprägt waren. Er war vom Tunnelbau so weit weg wie ich davon, diese Nervensäge mögen zu können. Ständig verbuddelte er Matchbox-Autos und allerlei Überraschungseier-Gedöns im Sand und fand sie einfach nicht wieder. Wirklich danach gesucht hatte er nicht. Er war ein Aufgeber, kein Kämpfer. Einfach ein kleiner Drecksack, wie gesagt. Nach dem verschütteten Spielzeug zu suchen, war nicht sein Ding. Er bevorzugte einen komplett anderen, einfacheren Lösungsansatz.
Es war nämlich typisch für ihn, sich kurzerhand im fiependen Kriechgang im ordentlich aufgereihten und stets abfahrbereiten Fuhrpark seines zugeteilten Kastenaufsehers nicht nur umzusehen, sondern sich auch dreist und ungefragt darin zu bedienen. Ein stets kurzer Triumph. Es dauerte nie lange, bis Daniele dann auch mein Eigentum wahlweise in den unergründlichen Tiefen des Sandes versenkte, oder es sich, als ich es zurückhaben wollte, kurz entschlossen in den Mund steckte, bis er daran zu ersticken drohte. Noch wirkungsvoller war seine Idee, sich vor meinen ungläubigen Augen das Spielzeug in die Windel zu schieben und mich rotzfrech anzugrinsen. In eine Windel, die zu allem Überfluss, nomen est omen, meistens voll war. Es stank bestialisch, weil seine Mutter ihre eigenen Aufgaben in meiner mir auferlegten Aufsichtspflichtphase vernachlässigte.
Die frönte derweil mit den wenigen, vermutlich alleinerziehenden Männern, die sich um den Spielplatz tummelten, bevorzugt einem ausgiebigen, aber aussichtslosem Balzverhalten. Danieles Mutter war nicht nur optisch ausgesprochen unansehnlich, sofern ein etwa Fünfjähriger das überhaupt beurteilen konnte. Vor allem aber, da war ich nicht von abzubringen, würde niemand eine Frau haben wollen, die die Mutter eines Daniele war. Einem Mädchenjungen, der fiepte, heulte, stahl und stank.
Ich flehte meine Eltern an, nicht mehr mit Daniele spielen zu müssen und erfand die abenteuerlichsten Geschichten, um meiner eigentlich geliebten Sandkiste fernbleiben zu dürfen. Vergebens. Sie waren wohl zu sehr abenteuerlich und meine Absichten zu durchschaubar, befürchtete ich. In den Ohren meiner Eltern klangen sie wohl zu süß und unbedarft, als dass sie Früchte trügen. Dann nahm ich mir vor, mehr Gelassenheit walten zu lassen, ihn einfach nicht zu beachten. Ich müsste einfach besser auf meine Autos und meine sandigen Infrastruktur-Entwürfe achtgeben. Doch Daniele machte mir auch hier einen Strich durch die Rechnung. In einem unaufmerksamen Moment, vermutlich tüftelte ich gerade sehr konzentriert und erdnah an der Statik für mein neues Brückenprojekt, passierte es. Derart fokussiert konnte ich ihm keine Beachtung schenken und so hatte sich Daniele plötzlich über mir aufgebaut und grinste mich listig an. Zu spät erkannte ich, dass dieses kleine Ferkel sich unbemerkt sein Höschen und die Windel heruntergenestelt hatte und sich fröhlich grienend vor meinen Augen auf seine Füße und in meinen Sandtunnel erleichterte, in dem noch mein linker Arm feststeckte.
Das war dann wohl meine erste bittere Erfahrung asozialen Verhaltens. Es war einfach ekelhaft und das fand ich nicht nur, aber auch, weil ich selbst, wie erwähnt, seit einigen Wochen trocken war. Alleine dadurch fühlte ich mich Daniele in evolutionärer Hinsicht klar im Vorteil. Seine Mutter näherte sich, angestachelt durch meinen spontanen Hysterie-Ausbruch, in gemächlichem Tempo. Sie warf mir einen verächtlichen Blick zu und zog dem kleinen Idioten seine nassen, sandigen Sachen wieder über. Sie schleifte ihn, mehr dass er lag, als dass er lief, aus der Sandkiste und pöbelte fortwährend, dass sie den Tag bereute, an dem er geboren wurde. Da tat er mir zum ersten und einzigen Mal wirklich leid.
Je mehr ich mich bemühte, Danieles Infantilität, von der ich mich selbst längst als entrückt betrachtete, ignorieren zu wollen, um mein Ding durchzuziehen, umso mehr fühlte der sich offenbar von mir provoziert. Von da an zeigte er mir die ganze Grausamkeit eines Kindes, das niemand lieben konnte. Dessen war ich mir damals jeden Tag ein kleines Stück sicherer. Heute sah ich die Sache differenzierter. In Nuancen zumindest.
Daniele merkte sehr schnell, dass es mir Schwierigkeiten bereitete, Ruhe zu bewahren, wenn er mir mein Zeug entwendete, um es gleich darauf aus der Sandkiste zu schleudern. Nicht ohne vorher absichtlich darauf gesabbert zu haben. Ein harmonisches Miteinander war von einem Tag auf den anderen nicht mehr möglich. Kaum hatte ich ein glänzendes Bauvorhaben erfolgreich in die Tat umgesetzt, rollte die halbitalienische Miniwalze darüber hinweg und zerstörte ein ums andere Mal die Ideen zu meiner Stadt der Zukunft. Lautstarke Proteste meinerseits verhallten stets im Nichts. Wenn ich das elterliche Schiedsgericht anrief und eine überfällige Entscheidung getroffen haben wollte, die zweifelsfrei zu meinen Gunsten auszufallen hatte, passierte ebenso nichts. Von der Trulla, die sich Mutter nannte, nämlich der von Daniele, war nichts anderes zu erwarten, das hatte ich gelernt. Oft fragte ich mich, ob sie womöglich einen ähnlich dämlichen Namen trug wie ihr Sohn. Nach ein paar Tagen nannte ich sie in meiner Vorstellung Frauke. Den Namen hatte ich im Fernsehen gehört und fand ihn schrecklich. Manchmal nannte ich auch Daniele Frauke, um ihn zu ärgern. Frauke war noch schlimmer als Daniele.
Auch von meinen Eltern wurde trotz eindeutiger Beweislast, nämlich einem Trümmerfeld im Sandkasten, stets gegen mich entschieden. So war zumindest mein Empfinden, jedenfalls fiel ein Urteil niemals eindeutig zu meinen Gunsten aus. Später würde man diese erzieherische Unentschlossenheit mit dem Wort Vergleich bezeichnen und alle würden sich freuen, außer dem natürlich, der den Schaden hatte.
Die Begründungen waren so niederschmetternd wie richtungsweisend für meine Zukunft. Warum ich nicht besser aufgepasst hätte und ich wäre doch wohl alt genug, um wegen solcher Lappalien nicht stets einen solchen Aufstand zu machen. Immerhin wäre ich ja der Vernünftigere und Daniele viel jünger als ich. Inwiefern man als Fünfjähriger sehr viel älter sein konnte als ein Daniele, ab wann man Vernunft von einem kleinen Kind erwarten konnte, erschloss sich mir schon damals nicht. Ich heulte, ich pöbelte, ich schmiss mich auf den Boden. Im Endstadium meiner kindlichen Theatralik stopfte ich mir sogar Sand in den Mund. Das hatte ich mir von Daniele abgeguckt. Was das hätte bewirken sollen, war mir aber nicht klar. Ich wusste nur eines: Ich wollte mir Justitias Wohlwollen unter allen Umständen sichern. Doch vergebens, sie war damals schon erblindet.
Vehement plädierte ich auf Danieles sofortiger Ausweisung, zunächst lediglich aus meiner Spielkiste, weil mir anderweitige Ausweisungen nicht bekannt waren und ich von „Political Correctness“ noch nichts gehört hatte. Er sollte einfach nur aufhören, mir mein Leben zu verpfuschen. Wer wusste schon damals, was das Leben aus einem machte, wenn man in seiner zarten Blütezeit von sabbernden, destruktiv veranlagten Hosenpissern geprägt wurde und einem niemand schützend zur Seite stand. Wenn sich niemand für Gerechtigkeit einsetzte. Ich zumindest wusste es nicht. Woher auch?
Als mein Vater mich aufgrund meiner nicht nachlassenden Starrköpfigkeit am gleichen Abend zum zweiten Mal in jener Woche ohne Abendessen ins Bett schickte, wusste ich, dass ich diese Angelegenheit selbst in die Hand nehmen musste. Operation „Quäle Daniele“ war eingeläutet.
Am nächsten Tag, gerade hatte Daniele voller Lust meine bis dahin wohl gelungenste zweispurige Eimerchen-Überführung stampfend zum Einstürzen gebracht, war es so weit. Dieses Mal aber war ich gut vorbereitet. In den letzten Tagen hatte ich viel Zeit außerhalb des Sandkastens verbracht. Ich spürte, dass sich eine glorreiche Epoche meiner Adoleszenz dem Ende näherte. Langsam begriff ich, dass ich von einem kleinen Jungen zu einem größeren Jungen mutierte. Das machte mich stolz und ein bisschen erwachsen. Manchmal bedurfte es in seinem Dasein wohl eines Danieles, um zu erkennen, dass es ein Leben außerhalb des Sandkastens gab. Ohnehin schien mir der Boden darin irgendwann verseucht und der Sand ekelte mich an. Die Frage, wie viele Generationen vor mir ähnliche Erfahrungen gemacht hatten wie ich, ohne dass jemals eine Reinigung erfolgt war, stellte ich mir erst sehr viel später. Jedenfalls hatte ich seit längerer Zeit eine Gruppe Jugendlicher im Visier. Sie hielten sich in fußläufiger Nähe auf und hatten sich eines Tages einen Spaß daraus gemacht, sich den Schwächsten ihrer Gruppe herauszupicken und ihn einer mir bis dahin unbekannten Art spielerischer Folter zu unterziehen.
Aus meinem sicheren Versteck heraus, hinter einem stacheligen Busch, der weitläufig an den Spieli grenzte, konnte ich sehen, wie der Größte, offenbar der Anführer der Gruppe, sich unter lautem Gejohle der anderen an einem Busch zu schaffen machte. Er trug dünne Handschuhe und pflückte so viele der roten Früchte ab, bis er eine Hand voll hatte. Dann zerdrückte er sie und zerrieb den Inhalt zwischen seinen Fingern. Während zwei seiner Freunde ihr ängstlich winselndes Versuchskaninchen gewaltsam im Zaum zu halten versuchten, schob der Chef ihm das T-Shirt nach oben. Genussvoll und lautstark von seinen Freunden angeheizt, verrieb er den Inhalt seiner Hände auf dem nackten Rücken des fortan wild zappelnden und noch lauter schreienden Jungen. Kurz war ich versucht, ihm zur Hilfe zu eilen. Ohne aber zu wissen, was genau dort passierte und ob er diese Behandlung nicht sogar verdient hatte, ließ ich es dann bleiben.
Am gleichen Abend erzählte ich aufgeregt und wissensbegierig meinen Eltern davon und erfuhr von ihnen das Geheimnis der Hagebutte. Der darauf folgende Tag war ein sehr schöner. Gleichzeitig bis heute der letzte Tag, an dem ich Daniele gesehen hatte. Vorgesorgt hatte ich diesmal auch. Eine Tüte Kekse aus der Speisekammer nannte ich an jenem Abend mein Abendessen. Hätte ich nicht irgendwann die elterlichen Sanktionen durchschaut, wäre ich wohl eines Tages verhungert.
Kapitel 3
Dinge und Verhaltensweisen, vor allem Menschen, so hinzunehmen, wie sie nun mal waren, fiel mir fortan nicht leicht. Darin lag wohl das Problem. Tatsächlich hatte ich es mir über die Jahre hinweg mit so ziemlich jedem verdorben, der sich nicht so verhielt, wie es in mein enges Raster passte. Mit nahezu jedem aus dem unmittelbaren Dunstkreis legte ich mich an, wenn er mir in einem reizbaren Moment in die Quere kam und wenn er sich in meinen Augen durch idiotisches Verhalten für eine artgerechte Bestrafung qualifiziert hatte.
Diese Leute gehörten entspackt, ihnen gehörte der Zahn gezogen. Die üble Wurzel gerupft, die Stirn gelüftet oder das Hirn gefaltet. Wer sich mir durch stumpfe Plattitüden und nervenzehrendes Getue in den Weg stellte, musste mit einer entsprechenden Reaktion rechnen. So einfach.
Wer wollte mir widersprechen, dass es nur richtig wäre, den uneinsichtigen Wiederholungstätern, die zum Beispiel zum Bleistift sagten, einen solchen unaufgefordert ins Auge zu rammen, bis er seine volle Wirkung darin entfaltete? Zwischen einem Idioten und einem Zyklopen lag ja oftmals nur eine dünne Bleistiftspitze.
Genauso diese stupiden Sack-Reis-in-China-Zitierer, die unverbesserlichen Glühstrumpf-Wünscher, sie starben einfach nicht aus. Die wenigsten wussten überhaupt, was ein solcher darstellte, wo so etwas eingesetzt wurde. Lange Zeit ging es mir ähnlich, dann informierte ich mich. Schließlich faszinierte mich der Gedanke, einen solchen Strumpf unter Strom zu setzen und ihn diesen schwach leuchtenden Funzeln über ihren möglichst schwitzenden Fuß zu stülpen. Kurzum: Es ging um jene Menschen, die sozial verträgliches Verhalten und Regeln, speziell die im Straßenverkehr, eher für Empfehlungen hielten, nicht aber auf sich selbst anwendbar. Das nur zum Bleistift. Der Hauptgrund für Stress lag ganz simpel zusammengefasst im täglichen Umgang mit Idioten.
Anfangs empfand ich noch Belustigung darin, die Betroffenen mit meinen limitierten Mitteln zu maßregeln. Später wurde ein Zwang daraus, eine Sucht, schließlich eine Art Wahn. Diese reizbaren Umstände nahmen mit der Zeit überhand. Wurde ich am Anfang noch belächelt und vereinzelt gefeiert, von denen, die bis dahin auf meiner Seite gestanden hatten, hatte über die Jahre ein schleichender Seitenwechsel stattgefunden. Ein Hergang, der mich zusehends isolierte. Offenbar hatte ich es irgendwann übertrieben. Man wurde meiner überdrüssig. Ein kriechender Prozess, den ich nicht bemerken wollte.
Kristina nahm meine kleinen Schurkereien, die in ihren Augen grenzwertigen, teils fiesen Sticheleien und Nadelspitzen zunächst erstaunlich gelassen hin. Zuerst waren diese tatsächlich noch subtil und unauffällig, später dann durchaus deutlicher und eindrucksvoller. Ich wuchs an meinen Aufgaben und war permanent auf der Suche nach weiteren und größeren Herausforderungen.
Zwar reagierte sie oft mit einem verständnislosen Kopfschütteln, aber sie ließ mich machen.
„Wenn es dich denn glücklich macht“, predigte sie halbherzig, doch schien sie wenig überzeugt. Sie ließ mich walten, solange sie selbst und unser direktes Umfeld von mir verschont blieben. Das konnte ich weitestgehend einhalten. Wie bei einem Junkie aber, der Gefallen an seiner Einstiegsdroge fand, dann aber nach höheren Dosen lechzte, so erging es mir. Jegliche anfänglich unterschwellige Art, es den Spacken unserer Zeit hinterrücks heimzuzahlen, wich zunehmend einer offenen Konfrontation. Wer gegen den Wind spuckte, brauchte sich nicht zu wundern, wenn er seinen Rotz mit voller Wucht zurückbekam. So definierte ich mich selbst als den wütenden Gegenwind einer vergifteten Gesellschaft. Über die Fehlbarkeiten anderer einfach hinweg zu sehen, gelang mir immer seltener.
Dann kam, was eines Tages kommen musste, der Anfang vom Ende. Gilbert Sanders großer Moment. Gilbert war mein Kollege in der Maschinenfabrik, in der ich damals beschäftigt war. In seiner Nebenrolle als unersättlicher Lieferant unfassbar dämlichen Verhaltens und ebensolcher Sprechweisen war er mein zuverlässiges Lieblingsopfer. Mit ihm hatte alles irgendwie angefangen. So war er es dann auch, dem ich meine spätere Arbeitslosigkeit zu verdanken hatte. Der Tag meiner fristlosen Kündigung war ziemlich exakt gleichzusetzen mit dem Zeitpunkt, als zu Hause die Sanduhr auf den Kopf gestellt wurde und das sanfte Rieseln des Sandes mein langsames Ende einläutete. Ticktack. Ticktack, du gehst uns langsam auf den Sack. Das schien sie vermitteln zu wollen. Es war die Zeit, als mir erstmals klar wurde, dass ich in meinem Weltverbesserungswahn offenbar mindestens einen Schritt zu weit gegangen sein könnte, weil ich dadurch unsere Existenzgrundlage in Gefahr gebracht hatte. Bremsen konnte ich es dennoch nicht.
Nach Grisus Entscheidung, mich aus ihrem Leben zu verbannen, vergingen ein paar unruhige Tage und ziemlich schlaflose Nächte, in denen ich intensiv nachdachte. Darüber, wie ich mein weiteres Leben gestalten wollte und mit wem. Ich hatte eine Woche, um mich wachzurütteln, und sie endete im vagen Glauben, dass ich es begriffen haben könnte. Spät, zu spät vielleicht, aber das galt es herauszufinden. Fakt war nun erst einmal, dass hier Endstation für mich war, dass ich etwas verändern musste, wenn ich eine Chance haben wollte, sie wieder zurückzugewinnen. Wenn ich weiterhin mehr als nur einen Freund im Leben zu den meinen zählen wollte. Den einzigen, Paul, der vermutlich auch einfach nur zu bequem war, mich ebenfalls abzuservieren. Zweifellos, ich hatte mich verrannt.
Grisu hatte ich nach unserem letzten Streit und ihrer unmissverständlichen Abfuhr nicht mehr gesehen. Sie wäre bis zu meinem Auszug bei einer Freundin untergekommen. So war es in ihrer knappen Nachricht zu lesen, die sie mir auf dem Küchentisch hinterlassen hatte, als sie in meiner Abwesenheit die Wohnung betreten hatte, um die nötigsten Sachen herauszuholen. Kurz und knapp formuliert, keinerlei Emotionen, kein Zeichen des Bedauerns. Die Situation, so kitschig und klischeehaft wie tausendmal zuvor im Film gesehen, und auf einmal wurde sie zu meiner eigenen Realität.
Gilbert Sander. Wenn ich nur an ihn dachte, kribbelte es in meinen Fingern. Eigentlich hatte ich noch eine Rechnung mit ihm offen und sollte ich eines Tages wieder in alte Verhaltensmuster zurückfallen, dann träfe es ihn zu allererst, und das mit voller Kraft. Gilbert. Wie konnte man sein Kind Gilbert nennen? Oder Daniele. Oder Bertram, wie ich in Gedanken zu meiner eigenen Belustigung ergänzte.
Schließlich hatte er sie folgerichtig damals von mir bekommen, seine Quittung. Für so viele nervige Dinge, die er getan hatte, für die dummen Worte, die er tagein, tagaus gesprochen hatte. Er hatte seine Quittung sogar satt und reichlich bekommen. Womöglich zu sehr, denn was er zu allem Überfluss darüber hinaus bekommen hatte, das war am Ende mein Job. Nicht mehr tragbar durch mein asoziales Verhalten. So der Tenor meiner Kündigung. Gilbert war es somit, der mir als Erster in den Sinn kam, als mir erschreckend klar wurde, dass es vorbei war, dass ich so nicht weitermachen konnte. Die Schuld bei anderen zu suchen, so sagte man mir nach, war ebenso eine meine Königsdisziplinen.
Ihn würde ich verschonen müssen, nachdem feststand, dass ich aufhören müsste. Aufhören, Leute zu bestrafen, ihnen nachzustellen, sie zu beleidigen. Aufhören, Dinge mit ihnen anzustellen, damit es mir besser erging. Es war der schmerzhafte Tag 1 meines auferlegten Zwangsentzugs. Es hatte keinen Sinn. Bertram Geuse allein gegen den Rest der bekloppten Welt. Die Rechnung konnte nicht aufgehen. Einer allein gegen alle. Ein Moment der Freude für mich, mal kürzer, mal länger anhaltend, aber insgesamt ohne jeglichen Anspruch auf Nachhaltigkeit und Wirkung.
„Paul, hörst du?“, wiederholte ich die Ansprache an meinen Kumpel, der bewegungslos und stumm in eine Zeitschrift vertieft in seinem Sessel ruhte. Das konnte er wie kein Zweiter.
„Ja?“
„Ob das wirklich in Ordnung ist für dich? Ich meine, es ist ja nur für kurz. Mittelfristig bin ich ja wieder hier raus. Vielleicht maximal mittellangfristig, wenn du verstehst?“
„Nein.“
„Wie nein? Ich denke, das ist okay für dich?“
„Ist es auch.“
„Wieso sagst du dann Nein?“
„Ich verstehe es nicht. Dich nicht.“
„Na ja, ich weiß eben noch nicht, wie lange sie braucht, bis sie sich wieder beruhigt hat. Daher eben. Frauen. Kennst du doch.“
„Nein, eher weniger. Ich meine dich.“
„Wäre es möglich, dass du dein halbherziges Schweigegelübde für einen Moment unterbrichst und mir, ganz vielleicht, erklärst, was genau du jetzt nicht verstehst?“
„Dich!“
„Okay. Das hatten wir bereits.“
„Berti, ich verstehe dich nicht“, begann Paul und legte seine Zeitung endlich beiseite. Es hatte den Anschein, als würde er nun einer Eloquenz verfallen wollen, die man so nicht von ihm kannte und er erklärte seufzend: „Ich begreife nicht, wie du es soweit hast kommen lassen. Du hast mit Grisu das große Los gezogen, den Hauptgewinn. Ihr habt ein tolles Leben. Ihr seid gesund, habt alles, was man sich wünschen kann, und jetzt stehst du hier. Von heute auf morgen, in meiner 2,5-Zimmer-Wohnung und du bittest mich um Asyl. Mich, der dein Leben gerne hätte. Sagen wir so, dein Leben, bis du angefangen hast, durchzudrehen. Versteh mich nicht miss, du kannst dich hier gerne niederlassen. Das eine Zimmer steht eh überwiegend leer, Gäste bleiben selten über Nacht. Eigentlich nie, wenn ich recht überlege. Da kannst du dir deine Matratze reinlegen, von mir aus auch ein ganzes Bett. Fühl dich wie zu Hause. Ich freue mich über Gesellschaft. Das sage ich jetzt! Vielleicht kommst du mir ja auch noch komisch“, schloss Paul schelmisch grinsend und erhob demonstrativ seinen Finger, „aber verstehen kann ich nicht, wie du das hinbekommen hast. Das sage ich dir als dein Freund ganz ehrlich.“
„Paul, sie hat mich rausgeschmissen. Sie mich, verstehst du?“
„Ja“, seufzte er erneut und verfiel resignierend zurück in seine übliche Wortarmut. Das mit der Kommunikation könnte auf Dauer problematisch werden.
Kapitel 4
Die freundschaftliche Beziehung zu Paul in Worte zu fassen, fiel mir von je her schwer, dafür war sie nach den üblichen Maßstäben zu außergewöhnlich. Paul war Paul. Das beschrieb ihn wohl am treffendsten. Während ich leidenschaftliche Diskussionen liebte, solange sie auf Augenhöhe erfolgten, fand Paul seine Erfüllung zumeist im Schweigen, was nicht hieß, dass ich ihn nicht mit mir auf Augenhöhe sah, keineswegs. Einen Mittelweg zu finden, der uns beiden gerecht wurde, war somit manchmal schwierig, aber es funktionierte. Ohnehin war es keine von diesen Freundschaften, bei denen man das Gefühl hatte, in tiefe Ungnade zu fallen, wenn man sich ein paar Wochen lang nicht meldete. Oder Monate. Paul war für mich da, wenn ich ihn brauchte, und andersrum. So passierte es vor einigen Jahren sogar einmal, dass zwischen den obligatorischen Wünschen am Neujahrsmorgen, schriftlich natürlich, per Handy, und einem guten Rutsch ins neue Jahr dreihundertfünfundsechzig Tage lagen, an denen wir uns weder gesehen noch gesprochen hatten. Mit dem Resultat, dass wir kurzerhand den Jahreswechsel gemeinsam durchzechten und dem neuen Jahr erst am 2. Januar nüchtern gegenübertraten. Wir hegten die stillschweigende Vereinbarung, dass es keines festgelegten Rahmens bedurfte, um unsere Freundschaft zu definieren, die immerhin schon über zwanzig Jahre Bestand hatte. Ich fand, dass jeder mindestens einen Freund wie Paul haben sollte. Einen, der einem nicht unnötig auf den Zeiger ging, der kein schlechtes Gewissen provozierte und dennoch zur Stelle war, wenn Not am Mann war. So wie jetzt.
„Wo hast du denn dieses Ungetüm auf die Schnelle aufgetrieben? Und du willst jetzt nicht wirklich behaupten, dass dieses, nun ja, außergewöhnliche Vehikel noch fahrtauglich ist?“, fragte ich Paul ungläubig.
Der stand am darauffolgenden Montag pünktlich um vierzehn Uhr unten bei mir an der Straße. Allem Anschein nach nicht nur bereit, lediglich die notwendigsten Habseligkeiten vorübergehend einem neuen Zuhause zuzuführen. Als er mir vor ein paar Tagen eröffnete, dass er den Wagen eines Bekannten ausleihen könnte, um den kleinen Umzug durchzuführen, dachte ich an einen größeren Kombi, vielleicht einen geräumigen Van. Nicht aber an einen klassischen Umzugswagen, der locker Kristinas und meinen kompletten Hausstand in sich aufnehmen könnte. Spontan überlegte ich, diesen Gedanken wahrhaftig in die Tat umzusetzen. Mit meinem unfreiwilligen Abgang hatte Kristina jegliche Immunität verloren. Sie zur Strafe eine in Gänze leer geräumte Wohnung vorzufinden zu lassen, wenn sie abends nach Hause käme, wäre zu meinen besten Zeiten eine meiner genialsten Ideen gewesen. Es fiel mir tatsächlich ein wenig schwer, mich damit abzufinden, dass ich solche Aktionen nicht mehr bringen würde.
Neben seiner Größe genauso überraschend war auch der bemerkenswert jämmerliche Zustand des in die Jahre gekommenen Gefährts, das schon zu Urgroßmutters Zeiten eine tragende Rolle gespielt haben dürfte. Kaum eine größere Stelle im Lack, die nicht von Rost befallen, dafür aber notdürftig mit Aufklebern in allen Sprachen dieser Welt überdeckt war. Der ohnehin verblasste Schriftzug, der vermutlich seit den frühen Nachkriegsjahren nicht mehr existenten ursprünglichen Umzugsfirma wurde amateurhaft mit Sprühfarbe übergeschrieben. Mit Mühe entzifferte ich den Namen ‚Schlindtrans‘. Nie gehört bis dahin. Mit einem weiteren, genau darunter platzierten länglichen Aufkleber, hatte man offenbar versucht, dem zweifelhaften Unternehmen die Seriosität zu vermitteln, die das Fahrzeug technisch und optisch selbst nicht unbedingt ausstrahlte: „International Spedizion“, mit „Z“. Ich musste schmunzeln. Pauls Behausung lag im angrenzenden Stadtteil nur drei Straßen von Kristinas und meiner Wohnung entfernt. In Anbetracht des Zustandes unseres Beförderungsmittels eine allerdings kaum zu bewältigende Strecke, ohne zwischenzeitlichen Schiffbruch zu erleiden.
„Der ist von Ergün. Ergün Schlindwein, Nachbar von mir, also von uns jetzt. Wirst du sicherlich noch kennenlernen.“
„Ergün was? Schlindwein? Im Ernst? Deutschtürke?“
„Ja, denke ich. Frag ihn aber lieber nicht wegen seines Namens und dass er so seltsames Deutsch spricht, da ist er sehr eigen. Auf jeden Fall handelt er mit solchen Dingern. Im Grunde handelt er mit allem, er nennt sich Unternehmer. Die paar Straßen schafft das Gerät schon noch. Siehst du ja, ich hab’s ja auch hierher geschafft“, meinte Paul voller Zuversicht, während er die hinteren Türen knatschend öffnete.
„So, kann es losgehen jetzt? Oder ist die Karre etwa nicht groß genug?“
„Doch, doch, passt schon. Wenn wir zweimal fahren und der Krempel nicht durch den Boden bricht“, griente ich und stülpte mir das Paar Handschuhe über, das Paul mir überreicht hatte. Dass ich es offensichtlich mit einem Umzugsprofi zu tun hatte, konnte ich nicht ahnen. Paul war wohl eher ein Mann der Tat als einer vieler Worte. Vielleicht waren wir deshalb Freunde.
Zu zweit schleppten wir meinen geliebten Fernsehsessel heraus, den ich mir heimlich und ausdrücklich gegen Grisus Willen zugelegt hatte, als sie im letzten Jahr vor Weihnachten mit einer Freundin für ein Wellness-Wochenende an die Nordsee gefahren war. So ein wuchtiger Sessel würde den ohnehin engen Raum zu klein machen, meinte sie zuvor ablehnend. Das käme gar nicht infrage. Wellness, also Wohlfühlen, so konterte ich, wäre ja keine Einbahnstraße und so stand das feine Stück per Express-Lieferung bereits am Samstagnachmittag im Wohnzimmer. Mein Lazyboy 2000 Deluxe. Der Name war sowohl Programm als auch Preis zugleich. Weniger wohlfühlversprechendes Mobiliar wanderte dafür in den Keller. Grisu würde ihn also nicht vermissen, meinen gepolsterten Begleiter. Ihren verschmähten Lebensgefährten, der bereits fest mit ihm verwachsen schien, leider vermutlich ebenso wenig.
Während ich noch meinen Gedanken nachhing, mich kurz fragte, ob ich es wirklich selbst verbockt hatte, oder ob ich die Schuld an meiner Misere nicht aus Gewohnheit dem klobigen Sessel in die hölzernen Schuhe schieben könnte, stand Paul bereits zum zweiten Mal mit zwei übereinandergestapelten Kartons an der Ladefläche und sah mich strafend an. Nicht nur ich fragte mich wohl, ob es nicht angebracht gewesen wäre, nun selbst durch engagierten Einsatz zu glänzen, anstatt nur zurückzublicken.
„Komm, gib mal her die Dinger“, bot ich mich an, „die sind doch sicherlich Hölle schwer.“
„Ja, danke. Feiner Zug, dass du sie mir auf dem letzten Meter abnimmst“, lästerte Paul.
„Sorry, Paul. Ich glaube, irgendetwas in mir rebelliert gegen diese Maßnahme. Ich kann oder ich will das wohl noch nicht so recht wahrhaben. Dass sie das tatsächlich ernst gemeint hat“, versuchte ich, meine Passivität zu rechtfertigen.
„Aber komm, ich glaube, drei, vier Kartons müssten noch oben stehen und dann eben die Matratze, die müssen wir zu zweit tragen bitte. Ich werde dir nachher auch ein Bier ausgeben, wenn alles in meiner Notunterkunft untergebracht ist“, zwinkerte ich ihm zu, „ich hoffe, du hast noch reichlich im Kühlschrank, bis das hier kalt genug ist.“
Auch wenn ich nicht geübt war im Ausziehen – ich war bisher noch nie vor die Tür gesetzt worden – wusste ich, was sich gehörte. So hatte ich vorsorglich eine Kiste meines Lieblingsbieres besorgt. Um Grisu nicht noch unnötigerweise begegnen zu müssen, hatte ich vorgeschlagen, das Anstoßen auf später in Pauls Wohnung zu verschieben. Ächzend wuchtete ich die Kiste in das hoch gelegene, muffige Fahrerhaus unseres antiken Gefährts, genau zwischen Paul und mich. Damit schien, dem krachenden Geräusch nach zu urteilen, exakt die maximale Traglast unserer Möbelkutsche erreicht. Womöglich war es die richtige Entscheidung gewesen, das heutige Frühstück ausfallen zu lassen. Jedes einzelne Gramm konnte zu viel sein.
Drei Stunden und zwei Drittel der Kiste später, auf Pauls Küchenboden sitzend, ich selbst mehr liegend als sitzend, fragte Paul genervt, weil zum wiederholten Male, ob wir nicht nun auch den Sessel noch hochholen wollten. Bislang hatten lediglich die Kartons den Weg in Pauls Erdgeschoss-Wohnung gefunden.
„Weissu, Paul, dieser Sessel da, das wunder-, wunderschöne Teil da unten, der und du, ihr beide seid echt meine einzigen Freunde, weissudas?“, blubberte ich halb vor mich hin, halb in Pauls Richtung und wollte mit meiner Flasche zum Prosit die von Paul treffen, verfehlte sie aber.
„Nee, ehrlich, auf euch beide ist immer Verlass, wenn man euch braucht. Bei euch kann man sich auch mal fallen lassen, hihi. Jaaa, s’richtich, beim Sessel isdsja normal, dafür ist er ja da. Das stimmt. Ja, dafür ist er da, so’n Sessel eben. Aaaaber auch bei dir, wobei der Sessel, das gute Stück, der hat ja eher so weiche Polster, weissu, wie ich mein? Ja, ich liebe meinen Sessel. Grisu hat den gehasst, hat sie den, jo, und du …“, unterbrach ich, um einen weiteren Schluck aus meiner Flasche zu nehmen. Die allerdings hatte sich zwischenzeitlich durch die Luft entleert, nachdem ich offenbar allzu gestenreich die flauschige Beschaffenheit des Sessels zu beschreiben versucht hatte.
„Aber, hihi, du hast ja auch, wusstest du, dass du auch sehr weich bist, im Herzen, weissu, wie ich meine? Aber auch, hehe, guck mal, wenn man daaaaa reinpikt, dann ist das voll weich, hehe“, lachte ich, nachdem ich meinen rechten Zeigefinger justiert, ihn auf Pauls Speckröllchen ausgerichtet und dann blitzschnell und gnadenlos in seinen Bauch gestochen hatte. Paul zuckte wie von der Tarantel gestochen zusammen und versuchte aus dem Sitz aufzuspringen, was ihm genauso wenig gelang, wie mir der Versuch, mein schallendes Gelächter in den Griff zu bekommen.
„Alter, bisdu nicht ganz dicht? Lassoch den Mist, ey, du bist ja völlig neben der Spur“, meckerte er, während er noch immer versuchte, sich vor weiteren Attacken schützend mit dem Rücken an der Wand hochzuschieben, die uns als Stütze diente. Durch die Bierpfützen auf dem rutschigen Boden und den unsicheren Halt, die meine Schulter ihm beim Aufstützen bieten sollte, rutschte er immer wieder an der Wand herunter, um schließlich krachend wieder auf dem Boden zu landen. Sekunden später waren wir in einen gemeinsamen Lachtaumel verfallen.
„Prost, du Spacken!“, prustete er mir laut und feucht ins Gesicht, „ich freu mich, dassu da bist. Du und dein komischer Sessel.“
Er reichte mir eine weitere Flasche Bier, die ich nur zögerlich annahm. Eine plötzliche Traurigkeit überschattete mein Gemüt. Wie so oft, wenn das Lachen versiegte und man sich schlagartig darüber im Klaren war, dass einem ganz und gar nicht nach Lachen zumute war.
„Meinst du, dass das meine Schuld ist, jetzt mal ehrlich? Meinst du das? Ich muss das jetzt mal wissen“, fragte ich Paul mit feuchten Augen und fühlte mich ob meiner traurigen Gedanken plötzlich um ein Vielfaches nüchterner als noch vor einer Minute.
„Natürlich ist das deine Schuld. Wenn du dein Bier trinken würdest, anstatt es jubelnd durch die Küche zu sprühen, wäre ich nicht ausgerutscht. Da gibt’s doch keine Frage, aber ist schon okay, so schlimmesja auch wieder nich. Das trocknet ja auch wieder.“
„Nein, das meine ich doch nicht. Ich meine das mit Grisu. Sie hat schon irgendwie recht, oder? Hättest du mich auch rausgeschmissen, so einen wie mich? Nee, sag nicht. Ich denke manchmal, vielleicht wäre es manchmal besser gewesen, einfach mal gemütlich einen Kaffee trinken zu gehen, anstatt zu explodieren und endlich zu akzeptieren, dass der Großteil der Menschen aus Idioten besteht.“
„Ja, vielleicht“, erwiderte Paul.
„Andererseits. Ich habe doch auch recht, irgendwie. Oder nicht? Wenn keiner was macht, dann macht ja keiner was“, sinnierte ich etwas unkoordiniert und am Ende sinnlos.
„Ja. Nee. Stimmt.“
„Aber ich mach das nicht mehr. Jetzt ist Schluss.“
„Ja, ist besser.“
„Soll jetzt ein anderer machen, ich will das nicht mehr. Ich kann das auch nicht mehr.“
„Ja, musst du machen.“
„Nein, muss ich eben nicht. Ich habe das lange genug gemacht und guck, wo ich jetzt bin!“
Mit glasigen Augen sah Paul erst an mir herunter, dann wanderte sein Blick durch seine Küche. Dabei kratzte er sich demonstrativ fragend am Kinn.
„Neeein, so meine ich das nicht, du Spacko. Jetzt aber mal ehrlich, mein Lieber. Ich bin dir sehr dankbar, dass du mich aufnimmst und …“
„… und deinen Sessel. Schon klar, kein Thema. Wollen wir den nun eigentlich noch hochholen, bevor Ergün seine Karre wiederhaben will? Ergün vertritt manchmal ziemlich eigenwillige Interpretationen in Bezug auf Eigentum und Verzug“, erklärte Paul, der ebenfalls auf einmal erstaunlich nüchtern wirkte. Die bevorstehende Anstrengung machte offenbar den Kopf frei.
„Der soll sich mal lockermachen. Meinen Sessel kriegt der nicht. Um keinen Preis der Welt. Den verteidige ich bis aufs Blut.“
„Oha. Wenn du es mit Ergün aufs Blut ankommen lassen willst, dann fließt deines aber zuerst. Nee, anders. Dann fließt nur deines, ich glaube, bei ihm fließt noch nicht mal Schweiß. Kleiner Tipp: Ich würde mich einfach nicht mit Ergün Schlindwein anlegen. Im Grunde ist er ein herzensguter Kerl, so der klassische Typ Riesenbaby, aber bei ihm kann die Stimmung ganz schnell schwanken. Einfach so. Nur, dass du das mal gehört hast.“
„Kein Problem. Ich bin doch jetzt ein harmloses Lamm. Beltlamm Geuse sozusagen“, witzelte ich und verzog meine Augen zu Schlitzen, „bin ja mal gespannt, wer hier alles noch so wohnt, in diesem ehrenwerten Haus.“
„Ach, die sind alle in Ordnung. Na ja, die meisten, Vollidioten haben wir aber auch, zumindest einen.“
„Sag doch nicht so was. Nicht, dass ich rückfällig werde.“
„Vielleicht siehst du ja von denen auch gar keinen. Ich weiß ja nicht, wie lange du vorhast zu bleiben, oder ob du dazu neigst, den ganzen Tag durchs Treppenhaus zu rennen. Es ist ja nicht so, dass die hier von morgens bis abends an meiner Tür klingeln.“
„Meinst du, ich muss mich hier mal vorstellen, macht man das nicht so, oder muss ich nicht, weil ich ja nur Untermieter bin?“
Als ich an diesen Ergün dachte, den Einzigen hier, von dem ich zumindest schon mal den Namen kannte und sich durch ihn eine blutrünstige Fantasie in meinem Kopf breitmachte, hoffte ich, dass Paul kein Freund übertriebener Höflichkeit war. So freute ich mich, als er meine Frage verneinte.
„Die Einzige, die, wie sagt man so schön, Hummeln im Mors, also offenbar kein Zuhause hat und ständig und überall am Wirbeln ist, ist die kleine Nakita von oben. Eine ganz süße Maus, aber etwas anstrengend. An der wirst du kaum vorbeikommen. Und wenn du nicht rauskommst, kann es passieren, dass sie dich rausklingelt, einfach so. Unsere kleine, neugierige Japanerin.“
„Wieso, hast du schon erzählt, dass ich, also sagen wir mal, dass ich zu Besuch kommen würde? Nur ihr, oder wissen hier alle Bescheid?“
„Ich habe das wohl mal fallengelassen, das kann schon sein. Nee, aber sonst weiß hier keiner von dir. Glaube ich.“
„Nakita, und eben der Türke“, stellte ich ein wenig ängstlich fest. „Nakita, ja, und klar, Ergün natürlich, logisch.“
„Aber von meiner speziellen Art, meinem kleinen ‚Hobby‘, du weißt schon, weiß keiner, ja? Dass ich mit Menschen nicht so gut kann, also mit den Dummen vor allem, und dass ich nicht immer nett bin oder gewesen bin. Das hast du doch hoffentlich niemanden erzählt, bitte? Also vor allem nicht dem Türken.“
„Der Türke heißt Ergün. Sich das zu merken, das wäre schon mal ein guter Anfang. Nee, der weiß von nichts. Wir haben auch gar nicht weiter über dich geredet, sei mal ganz entspannt. So, was ist denn nun mit diesem bekloppten Sessel, können wir den nun endlich holen?“
„Mein Lazyboy ist nicht bekloppt. Sich das zu merken, wäre schon mal ein guter Anfang“, grinste ich.
Kapitel 5
„Jetzt komm, nun schieb! Ich kann nicht ewig so gebückt hier stehen, mir knicken gleich die Beine weg“, meckerte ich und schwitzte wie ein Schwein. Währenddessen suchte Paul noch immer den richtigen Winkel, um mir dieses unhandliche Gerät auf meinen bereitstehenden Rücken zu wuchten. Nach einer weiteren, alkoholfreien Stunde hatten wir geglaubt, endlich die notwendige Kraft und Nüchternheit wiedererlangt zu haben, um es zu vollenden, wenn auch mit leichtem Schwindel und trockener Zunge.
„Deine Beine werden eher ein geringeres Problem werden. Wenn ich jetzt schiebe, breche ich dir zuerst das Genick, dann die Wirbelsäule und zum Schluss die Beine. Die Reihenfolge kann ich nicht versprechen, aber du wirst daran zerbrechen“, gab Paul zu bedenken.
„Das würdest du wirklich für mich tun? Jetzt rede nicht so viel, so schwächlich bin ich nicht. Angetrunken, ja, ein bisschen übermütig, von mir aus, aber nicht schwach. Pack rauf das Teil jetzt! Dann springst du runter von der wackeligen Ladefläche und dann hältst du hinten fest. Ich richte mich auf und dann bringen wir das Baby in die Heia. Fertig.“
Nach „fertig“ hätte ich eigentlich weitere Widerworte oder zumindest eine kurze Bestätigung erwartet. Stattdessen ging mein angewinkeltes rechtes Knie vollends zu Boden, als mich die Wucht meines Sitzmöbels unerwartet im Rücken traf. Das linke zitterte sich auf halber Höhe in einen sicheren Stand. Geistesgegenwärtig riss ich meine Arme nach oben, um den Sessel an den gepolsterten Lehnen zu umfassen und mich mühsam aus meiner misslichen Haltung zu befreien. Als ich unter höchsten Anstrengungen endlich festen, beidfüßigen Stand fand, spürte ich, dass Paul mir einen großen Teil des Gewichts durch Anheben der Rückenlehne abgenommen hatte. Das Ding saß. Das war nicht seine eigentliche Aufgabe in unserer bisherigen Beziehung, aber das Leben war ein Geben und Nehmen. Das galt auch für Möbelstücke.
„So, und nun?“, fragte Paul in seiner gewohnten Seelenruhe.
„Was, und nun?“, erwiderte ich weitaus gereizter, weil mir der Rücken schmerzte, der verschwitzte Kopf im staubigen Polster zu jucken anfing und ich nur eine sehr eingeschränkte Sicht nach vorne hatte.
„Ich würde vorschlagen, wir marschieren jetzt los. Immer schön gerade halten und nicht so kräftig schieben, wenn es geht.“
Erneut wortlos fing Paul an, sanft zu schieben, sodass ich kurz ins Stolpern geriet, mich aber schnell wieder fangen konnte und wir meinen Blindflug angehen konnten. Wir kamen genau zehn Tippelschritte weit, bis ein nicht identifizierbares Kriechtier mit hektischen Laufwegen unseren Weg kreuzte und schnüffelnd an meinem Bein hochzuspringen versuchte, wodurch ich zum abrupten Abbremsen gezwungen war.
„Hey, Vordermann, warum geht das da vorne denn nicht weiter?“, fragte Paul, der von der tierischen Frontalattacke nichts mitbekommen zu haben schien.
„Ich glaube, irgend so eine hyperaktive und krummfüßige Rennwanze verhindert den Weitertransport. Genaueres kann ich nicht sehen, du?“
„Jabbadabbadu, kommst du her? Kommst du da weg? Jabbadabbadu, komm sofort hierher, hörst du nicht?“, ertönte statt Pauls Antwort eine zarte, dennoch energische, aber kindliche Stimme aus dem unsichtbaren Off.
„Nakita, bist du das?“, fragte Paul irritiert. Auch er konnte nicht viel mehr sehen als die Rückseite meines Sessels. Seine Arme umfassten die hölzernen Kugelfüße.
„Jabbadabbadu, lass los, komm her“, schimpfte sie nochmals, jetzt noch lauter, und endlich wurde ihr Rufen erhört. Das Tier verzog sich jaulend.
„Und wer bist du?“, fragte mich das Mädchen, das vermutlich Nakita hieß. Urplötzlich war sie aus dem Nichts in meinem nach unten gerichteten Blickfeld aufgetaucht, womit nun sie selbst den Fortgang behinderte. Ich spürte, wie ich mit der Situation und dem Polstermöbel auf dem Rücken zusehends überfordert war.
„Hallo Nakita“, kam mir von hinten Paul wie gerufen zur Hilfe, „ich bin’s, Paul. Das da vorne, das ist Berti. Der wohnt eine Weile bei mir, weißt du ja. Du, kannst du bitte mal kurz aus dem Weg gehen? Das Ding ist irre schwer und ich glaube, gleich knallt uns das hier runter, wenn es nicht schnell weitergeht.“
Als hätte es nur auf Freigabe gewartet, startete das bisher undefinierte Getier einen weiteren Angriff auf meine Beine, so unerwartet und hinterhältig, dass ich zunächst den Halt und direkt im Anschluss den Sessel aus den Armen verlor. Der rumste polternd auf den Gehweg und begrub dabei leider nicht die kleine Ratte unter sich, die schwanzwedelnd vor mir stand und mich voller freudiger Erwartung ansah. Die Ratte stellte sich als niedlicher Hund heraus, aber was wollte der von mir? Leckereien, Streicheleinheiten oder ein Lob, wie toll er das gemacht hatte? Spontan hätte ich einen Tritt mit Anlauf im Angebot gehabt, aber das wäre mitnichten ein guter Einstand. Gerade setzte er zu einer erneuten Attacke an, als hätte er meine Gedanken gelesen.
„Jabbadabbadu. Aus!“, schimpfte Nakita, die ich nun erstmals auch in Gänze sehen konnte, mit ihrem Kläffer. Als hätte dieser Befehl jetzt noch irgendeine Wirkung. Blöde Göre, dachte ich, als der Hund auf die Polsterfläche des Sessels sprang und sich friedlich einrollte, als sei nichts geschehen.
„Hallo“, sagte sie artig zu mir und man merkte ihr einen Hauch schlechten Gewissens an. Sie lächelte lieb und machte sogar einen Knicks, „ich bin Nakita. Ich wohne dort“, sagte sie und zeigte auf unser Zielobjekt, „das mit Jabbadabbadu, das tut mir leid, das macht er normalerweise nicht.“
Ich betrachtete dieses reizende japanische Mädchen, wie es schüchtern vor mir stand, in ihrem bunten Kleidchen mit dem rosa Bändchen im Haar, dem unsicheren Blick, der sich zwischen Boden und meiner Wenigkeit einzupendeln versuchte, und war gerührt bis in die Haarspitzen. Was für ein entzückendes Kind. Blitzschnell hatte ich vergessen, was gerade eben passierte, und sofort wähnte ich mich mit dieser menschlichen Regung auf einem guten Weg, als sich Nakitas Miene auf einmal verfinsterte. Sie riss ihre Augen weit auf, versteckte sich hinter Paul und umklammerte ängstlich sein rechtes Bein. Mit vorgehaltener Hand fragte sie flüsternd, aber laut genug, dass ich es gerade eben noch verstehen konnte und ohne mich aus dem Auge zu verlieren: „Ist das der, der die ganzen Leute umgelegt hat?“
Kapitel 6
Nicht schlecht, dachte ich, als ich am nächsten Morgen leicht verkatert, müde und viel zu früh auf meiner zweckdienlichen, aber keineswegs gemütlichen Matratze erwachte. Nicht schlecht. Mein letztes und irgendwie einziges Möbelstück, das mich hierhin begleitete, hatte noch nicht einmal die Türschwelle überwunden und ich hatte in diesem Haus bereits den Ruf eines Massenmörders. Aller Anfang war schwer, sicher, und auch wenn ich mein Dasein bei Paul ohnehin als temporär betrachtete, war mir danach, dem schlimmen Anfang hier und jetzt bereits ein Ende zu machen. Einfach wieder ausziehen, bevor Paul von der Schicht zurück wäre. Allein logistische sowie organisatorische Gründe zwangen mich zum Umdenken. Wo sollte ich denn auf die Schnelle hin und wie sollte ich den Krempel hier alleine wieder rauskriegen? Paul war als Zuflucht ohnehin die beste, weil einzige Option gewesen. Außerdem, wollte ich mich von dem Gewäsch einer siebenjährigen Göre tatsächlich vertreiben lassen? Langsam erwachten Geist und geschundene Glieder meines Körpers und ich bereitete mir gedankenverloren einen ersten Kaffee in meiner neuen Umgebung zu. Paul hatte mir alles zurechtgelegt, wie eine Mutter ihrem Kind. Handfilter, Tasse, sogar sauber, Kaffeepulver, Milch und Butter waren im Kühlschrank. Zwei Scheiben frisches Brot lagen im Korb, alles da. Für mich, den Schwerverbrecher. Den, der offensichtlich jeden umnietete, der sich ihm in den Weg stellte. Machte er sich nicht mitschuldig, wenn er einem wie mir half, überlegte ich, bis ich koffeingestärkt Pauls mütterliche Absichten erfasste. Eindeutig plagten ihn Gewissensbisse.
Ummantelt von meinem Lieblingsmöbel, an meiner heißen Tasse nippend, ließ ich den gestrigen Abend Revue passieren, nachdem ich offiziell hier eingezogen war.
„Was zum Teufel hast du ihr von mir erzählt? Ja, spinnst du denn komplett?“, hatte ich Paul angeschrien, kaum dass ich hinter Lazyboy und uns die Tür mit wütiger Wucht ins Schloss schmiss.
„Ich lege also Leute um? Ist das dein Ernst? Du erzählst einem siebenjährigen Mädchen, du erzählst überhaupt irgendeinem Menschen, dass hier einer einzieht, der schon zig Leute auf dem Gewissen hat, hast du sie noch alle?“
Paul hatte zwei Flaschen Bier aus dem Kühlschrank geholt, geöffnet und ließ sich an der Wand auf den klebrigen Küchenboden herunterrutschen, als wäre das hier die einzige Sitzgelegenheit. Warum saßen wir nie auf Stühlen?
„Hier, nimm, so war das doch überhaupt nicht. Was denkst du denn? Ich habe dir doch erzählt, dass die Kleine etwas, wie soll man das sagen, überdreht ist. Die denkt sich ständig Sachen aus, das glaubst du nicht, und …“
„Ach, hör auf. Du willst mir nicht erzählen, dass sie sich das einfach so ausgedacht hat. Dass sie so eine blühende Fantasie hat, oder soll ich eher blutig sagen?“, protestierte ich und glitt ebenfalls wandabwärts zu Boden, um ein Streit- und Trinkniveau auf Augenhöhe zu erreichen.
„Da läuft ein Lazyboy Deluxe auf vier Beinen vor dem Haus umher und kaum, dass sie realisiert, was da passiert, kriegt sie es mit der Angst zu tun und erfindet aus dem Nichts Revolvergeschichten? Wenn das so ist, dann frage ich mich, wer hier vor wem mehr Angst haben muss. Wenn das so ist, dann ist mir dieses Mädchen nicht geheuer, die ist doch gestört.“
„Ja, kann schon sein, dass sie da etwas in den falschen Hals bekommen hat, ist doch noch ein Kind. Da hat sie was falsch verstanden. Oder ich habe mich falsch ausgedrückt, was weiß ich denn? Ich habe das ja gestern dann auch direkt richtiggestellt.“
„Wobei falsch ausgedrückt“, fragte ich irritiert zurück, „was hast du ihr denn überhaupt erzählt?“
„Wie man eben so redet. Und sie redet eben viel, sehr viel, und sie hat gefragt und sie hat gebohrt, ob wir zusammen was spielen wollten, und warum denn nicht. Was ich denn anderes vorhätte, ob sie mithelfen könnte. Und dann eben auf einmal, wieso deine Frau dich rausgeschmissen hatte. Nein, ach Mensch, das zum Beispiel habe ich so gar nicht ausgedrückt, aber sie wollte das alles wissen und dann stand sie da, mit ihren leuchtenden Augen und saugte mir die Worte nur so raus, dass ich das gar nicht gemerkt habe. Und dann wollte sie doch wissen, ob du gemein zu Grisu warst, und ich sagte nein, zu ihr nicht. Aber schon zu anderen, wollte sie dann wissen. Ja, ein bisschen vielleicht, sagte ich. Sie hat mich total in die Enge getrieben. Ob du die anderen dann alle verhauen würdest, hat sie gefragt, und ich sagte, Nein, nicht mit Fäusten. Eher, na ja, eher anders …“
„Oh, prima, nicht mit meinen Fäusten. Dafür aber mit Panzerfäusten und Dynamit, oder ganz herkömmlich mit Messer und Pistole, oder was stellt sie sich jetzt vor, wer ich bin?“
„Ich habe das doch nicht gewollt, ehrlich. Sie ist doch noch ein Kind, das hat die doch morgen schon wieder vergessen, du wirst schon sehen“, hatte Paul beteuert und wir beide wussten im gleichen Moment, dass wir genau das mit Sicherheit nicht sehen würden.
Kapitel 7
Ein schöner Juli-Tag, dachte ich, als ich meine Arme auf der Fensterbank abgestützt parkte und aus dem Küchenfenster in Pauls Erdgeschosswohnung starrte. Kein Mensch zu sehen, um diese Uhrzeit. Etwa hundert Meter entfernt sah ich eine Ecke des klapprigen LKW, der mich gestern hierher verfrachtete. Noch immer nicht in sich zusammengefallen, stellte ich schmunzelnd fest. Wie viele Jahre mehr als ich mochte der wohl auf dem Buckel haben. Ich fühlte eine eigenartige, eine sentimentale Verbindung zu dem Gefährt in mir aufkommen. Trotz morgendlichem Sonneneinfalls stellte ich schnell finstere Parallelen zwischen uns her. Der Lack war ab. Schon etwas klapprig und ins Alter gekommen. Aufs Abstellgleis geschoben und ausrangiert. Seinen Dienst getan und nun nicht mehr gebraucht. Ich kannte nicht das weitere Schicksal der alten Mühle da draußen, ich kannte nicht einmal mein eigenes für die nächste Zeit. Nach dem gestrigen Vorfall mit der Kleinen fiel es mir gerade schwer genug, darauf zu hoffen, dass ich hier eine gute Zeit haben könnte. Es ist nur ein Kind, ein dummes Kind, dachte ich. Ist das Kind wirklich dumm oder ist es nicht vielmehr besonders aufgeweckt? Ich würde es erfahren. Vor allem würde ich schnellstens etwas richtigstellen müssen, bevor sich dieses schlimme Gerücht durchs Haus trüge.
Dann klingelte es Sturm an der Tür. Mein Herz raste. Paul war nicht da. Wer könnte denn wissen, dass jemand in der Wohnung war, dass ich hier war? Wer war das? Oh, mein Gott. Die Polizei? So schnell. Verdammt. Diese kleine, miese Kröte, dachte ich, ärgerlich und verängstigt zugleich. Wie schaffte es ein kleines Kind mit einer dusseligen Aussage, dass ich, der noch nie körperliche Gewalt angewandt hatte, in kürzester Zeit in mir zusammenbrach und törichte Panikattacken aufkommen ließ? Was war los mit meinem bis dahin stabilen Nervenkostüm? Lag es noch in meiner eigenen Wohnung und wartete, dass ich es mir überzog? Ein aggressives Klingeln an der Tür mischte sich in meine Tagträumerei und ich war wie erstarrt. Ich spürte, wie mein altes Leben sich aus mir schälte und mich
