Ausgewählte Erzählungen & Abenteuerromane (21 Titel in einem Band) - Robert Louis Stevenson - E-Book

Ausgewählte Erzählungen & Abenteuerromane (21 Titel in einem Band) E-Book

Robert Louis Stevenson

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Beschreibung

In 'Ausgewählte Erzählungen & Abenteuerromane' vereint Robert Louis Stevenson seine meisterhaften Erzählungen, die sowohl inhaltlich als auch stilistisch einen bedeutenden Platz in der Schönen Literatur einnehmen. Der Band umfasst 21 Titel, die das gesamte Spektrum seiner Fabulierkunst abdecken – von packenden Abenteuern über psychologische Erzählungen bis hin zu schaurigen Geschichten. Stevensons Fähigkeit, die menschliche Psyche zu ergründen und zeitlose Themen wie Gut gegen Böse zu behandeln, spiegelt sich in jedem einzelnen Werk wider und verleiht dem Leser das Gefühl, Teil der aufregenden Erlebnisse zu sein. Sein unverwechselbarer Stil, der durch eine lebendige Sprache und einfühlsame Charakterzeichnungen gekennzeichnet ist, macht das Buch zu einem Genuss für Literaturfreunde und Abenteurer gleichermaßen. Robert Louis Stevenson, ein schottischer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, war ein Meister des Erzählens und ein Vorreiter des Abenteuerromans. Sein faszinierendes Leben, das Reisen, Krankheit und eine unstillbare Lust am Storytelling beinhaltete, inspirierte ihn, Geschichten zu schreiben, die sich oft um unbekannte Länder und außergewöhnliche Charaktere drehen. Stevensons tiefes Interesse an Psychologie und Moral, wie sie sich in Werken wie 'Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde' manifestieren, trägt zur zeitlosen Relevanz seiner Erzählungen bei und zeugt von seiner außergewöhnlichen Fähigkeit, sowohl Spannung als auch Nachdenklichkeit zu erzeugen. Dieses Buch ist nicht nur ein Muss für Liebhaber von Abenteuergeschichten, sondern auch für all jene, die sich mit den komplexen Aspekten der menschlichen Natur auseinandersetzen wollen. Die versammelten Erzählungen laden zu einem Erkundungsritt durch die Vorstellungskraft eines der faszinierendsten Autoren seiner Zeit ein. Empfehlenswert für Leser, die sowohl Abenteuer als auch die tiefen Fragen des Lebens schätzen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Robert Louis Stevenson

Ausgewählte Erzählungen & Abenteuerromane (21 Titel in einem Band)

Bereicherte Ausgabe. Die Schatzinsel + Der Selbstmordklub + Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde + Entführt…
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen
Bearbeitet und veröffentlicht von Good Press, 2023
EAN 8596547675914

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Autorenbiografie
Historischer Kontext
Synopsis (Auswahl)
Ausgewählte Erzählungen & Abenteuerromane (21 Titel in einem Band)
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Diese Werksammlung vereint unter dem Titel „Ausgewählte Erzählungen & Abenteuerromane (21 Titel in einem Band)“ zentrale Prosawerke von Robert Louis Stevenson. Sie führt vom weltbekannten Abenteuerroman bis zu subtilen Kürzestformen und späten Erinnerungen. Der Band macht die Spannweite eines Autors sichtbar, der mit gleicher Sicherheit Seestücke, Stadtlegenden, historische Romane und psychologische Studien schrieb. Die Auswahl ist darauf angelegt, sowohl Einsteigerinnen und Einsteigern einen verlässlichen Zugang zu bieten als auch Kennerinnen und Kennern die Möglichkeit, Zusammenhänge zwischen Motiven, Figuren und Erzählverfahren über Gattungsgrenzen hinweg zu verfolgen, ohne den Eigenklang der einzelnen Texte zu glätten.

Die Zusammenstellung umfasst vollständige Romane, erzählerische Zyklen und Novellen sowie eine autobiografisch geprägte Reise- und Erinnerungsprosa. Vertreten sind u. a. Die Schatzinsel, Die Herren von Hermiston und Der Junker von Ballantrae als groß angelegte Romane, Kriminal- und Stadterzählungen wie Des Rajahs Diamant und Der Selbstmordklub, südseethematische Novellen wie Der Strand von Falesa, Das Flaschenteufelchen und Die Stimmeninsel, klassische Kurzprosa wie Markheim, Die tollen Männer, Will von der Mühle und Die krumme Janet sowie In der Südsee als nichtfiktionaler Gegenpol, der Erfahrungen und Beobachtungen bündelt.

Das Abenteuer steht bei Stevenson oft im Zentrum – nicht als bloße Abfolge von Gefahren, sondern als Schule des Charakters. Die Schatzinsel zeigt, wie ein junger Erzähler in eine Welt von Seekarten, Schiffen und zwielichtigen Bündnissen gerät. Der Strand von Falesa verlegt das Wagnis in den pazifischen Raum und verknüpft das Äußere des Handelns mit inneren Bewährungsproben. In beiden Fällen dienen Küsten, Inseln und Wege über das Meer nicht nur als Schauplätze, sondern als moralische Landschaften, in denen Mut, List und Loyalität geprüft werden, ohne dass die Ausgangssituationen den Verlauf vorwegnehmen.

Neben dem Abenteuer entfaltet sich eine mächtige Linie des Unheimlichen und Psychologischen. Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde verbindet städtische Moderne, Wissenschaft und die Frage nach der doppelten Natur des Menschen zu einer prägnanten Parabel. Markheim belichtet Gewissen und Versuchung in einem engen Raum und verdichtet zeitlose Konflikte. Die krumme Janet lässt das Schottische, Dialektale und Gespenstische aufscheinen, während Die tollen Männer eine sturmgepeitschte Atmosphäre mit moralischer Unruhe verbindet. Gemeinsam zeigen diese Texte, wie Stevenson Angst, Schuld und Selbsttäuschung literarisch formbar macht.

Die historischen und schottischen Stoffe vertiefen diese Themen anders. Der Junker von Ballantrae entwirft vor dem Hintergrund des 18. Jahrhunderts ein dramatisches Panorama von Rivalität und Loyalität. Die Herren von Hermiston, ein unvollendeter Roman aus dem Spätwerk, richtet den Blick auf Recht, Strenge und Gewissen in einer Landschaft, die selbst zum Akteur wird. Will von der Mühle schließlich erscheint als leise, gleichwohl eindringliche Parabel über Lebensentscheidungen. In diesen Werken zeigt sich Stevenson als Chronist von Sitte, Schicksal und Charakter, ohne in bloße Milieuschilderung zu verfallen.

Die städtisch-kriminalistische Ader pulsiert in den Zyklen Des Rajahs Diamant und Der Selbstmordklub. Hier experimentiert Stevenson mit verketteten Erzählungen, wiederkehrenden Figuren und variierenden Blickwinkeln. Schauplätze wie London liefern Kulissen für Verkleidungen, Zufallstreffer und moralische Bewährungsproben. Frau von Vandeleurs Privatsekretär, Die Geschichte des Gottesmannes und Das Haus mit den grünen Jalousien entfalten innerhalb des Diamant-Zyklus eine Art Mosaik, dessen Stein der kostbare Edelstein ist. Der Selbstmordklub, Der Arzt und der Reisekoffer und Das öde Haus verbinden Spannung mit feiner Ironie und verhandeln Spielregeln von Ehre, Risiko und Gesellschaft.

Ein roter Faden dieser Sammlung ist die Verhandlung von Besitz, Begehren und Preis. Vom Schatz von Franchard bis zum Flaschenteufelchen werden Werte buchstäblich vergegenständlicht, um ihre Wirkung auf Menschen sichtbar zu machen. Geld, Juwelen, Land oder eine versprochene Erleichterung erscheinen als Prüfsteine. Stevenson interessiert, wie Entscheidungen unter Druck getroffen werden und wie Verlockung, Vorsicht und Mut sich mischen. Dabei bleibt der moralische Horizont offen: Die Erzählungen zeigen Handlungsspielräume und Folgekosten, ohne die komplexen Gemengelagen auf einfache Lehrsätze zu reduzieren.

Stilistisch verbindet Stevenson Klarheit der Diktion mit Gespür für Rhythmus, Übergänge und Szenenbau. Seine Prosa ist ökonomisch, zugleich bildkräftig und dialogstark. Er wechselt sicher zwischen auktorialen und personalen Perspektiven, nutzt Rahmen, Binnenerzählung und serielle Strukturen, wenn sie dem Stoff dienen. Dialektfärbungen und ortsspezifische Idiome werden dosiert eingesetzt, um Stimmung und Ort zu verankern, ohne die Lesbarkeit zu mindern. Tempo und Atmosphäre sind präzise austariert: Verfolgungen und Enthüllungen stehen neben stillen, reflexiven Momenten, die Themen wie Reue, Verantwortung und Identität leise, aber nachhaltig konturieren.

Charaktere treten bei Stevenson oft als Grenzgänger auf: Händler, Abenteurer, Richter, Gelehrte, Außenseiter. Sie tragen Masken, treffen schnelle Entscheidungen oder zögern an entscheidenden Weggabelungen. Wiederkehrende Figuren wie Prinz Florizel verknüpfen Zyklen und geben dem Ganzen eine spielerische, zugleich strukturierende Einheit. Helden und Gegenspieler bleiben selten eindeutig; Grautöne dominieren. Dieses Changieren eröffnet Räume für Identifikation und Distanz gleichermaßen und macht die Texte anschlussfähig für Lesarten, die das Soziale, das Psychologische oder das Ethos des Handelns betonen.

Die Südseestücke und das Erinnerungsbuch In der Südsee bilden einen Resonanzraum. In den fiktionalen Erzählungen wirken Handelsplätze, Inseln und Küsten als Bühnen für Begegnungen, Missverständnisse und Versuche des Zusammenlebens. In der Südsee versammelt Beobachtungen und Reiseeindrücke, die Einblicke in Orte, Bräuche und Lebensverhältnisse geben. Fiktion und Non-Fiction stehen nicht als Gegensatz nebeneinander, sondern beleuchten sich. Der Blick auf Fremdheit, Austausch und Konflikt gewinnt dadurch Dichte, ohne dass der Band eine ethnografische Systematik beansprucht oder die Eigenart der literarischen Formen verwischt.

Die anhaltende Bedeutung dieser Texte zeigt sich an ihrer Wirkungsgeschichte. Die Schatzinsel prägt bis heute Bildsprache und Requisiten des Piratenabenteuers. Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde hat als Chiffre für gespaltene Identität Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch gefunden. Verfilmungen, Bühnenfassungen und Bearbeitungen überführen Stoffe und Motive in immer neue Kontexte. Entscheidend aber ist die Widerstandskraft der Originale: Sie bestehen durch erzählerische Prägnanz, moralische Spannung und die Kunst, Weltlust mit Ernst zu verbinden.

Diese Ausgabe lädt dazu ein, Stevenson nicht nur werkweise, sondern thematisch zu lesen: von der Stadt in die Südsee, vom Kriminalfall zum Selbstversuch, vom historischen Panorama zur Kammererzählung. Die Anordnung bewahrt Zyklen als Zyklen und respektiert Gattungsgrenzen, ohne Lesepfade zu verengen. Wer genau liest, wird über die Titel hinweg Spiegelungen entdecken – Motive, die wiederkehren, Töne, die variieren. So entsteht aus 21 Titeln ein zusammenhängendes Leseabenteuer, das den Reichtum eines Erzählers bündelt, dessen Fragen nach Mut, Gewissen, Versuchung und Wahlfreiheit nicht an Aktualität verloren haben.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Robert Louis Stevenson (1850–1894) war ein schottischer Autor der viktorianischen Epoche, dessen Werk Abenteuerroman, Novelle, Kurzgeschichte, Reisebericht und Erinnerungen umfasst. Mit präziser Prosa, erzählerischem Tempo und moralischer Ambivalenz prägte er die moderne Unterhaltungsliteratur nachhaltig. Weltweit bekannt wurde er mit Die Schatzinsel und Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde; daneben schuf er historische und exotische Stoffe, psychologische Studien sowie urbane Rätselgeschichten. Die hier versammelten Titel zeigen seine ungewöhnliche Spannweite: von frühen Großstadtzyklen wie Der Selbstmordklub und Des Rajahs Diamant über schottische Erzählungen bis zu In der Südsee und späten, experimentellen Arbeiten.

Stevenson wuchs in Edinburgh auf und studierte an der University of Edinburgh zunächst Ingenieurwesen, wandte sich dann dem Jurastudium zu, ohne den Beruf auszuüben. Früh geprägt von schottischer Erzähltradition, Balladen, dem historischen Roman und dem Gothic der Zeit, entwickelte er eine besondere Sensibilität für Atmosphäre, Moralfragen und erzählerische Architektur. Er las intensiv ältere und zeitgenössische Prosa und unternahm als junger Mann Reisen durch Europa, die seinen Stil und seinen Blick für Milieus schärften. Diese Kombination aus formaler Disziplin und Beweglichkeit trug maßgeblich zu jenen Texturen bei, die seine Romane, Novellen und Geschichten unverwechselbar machen.

Seine literarische Frühphase ist von experimentierfreudigen Kurzprosen geprägt. In den miteinander verknüpften Zyklen Des Rajahs Diamant und Der Selbstmordklub erprobte Stevenson serielle Formen, urbane Räume und das Spiel mit Identitäten. Geschichten wie Frau von Vandeleurs Privatsekretär, Die Geschichte des Gottesmannes, Das Haus mit den grünen Jalousien, Der Arzt und der Reisekoffer und Das öde Haus verbinden Krimi- und Abenteuerimpulse mit Ironie. Zeitgleich entstanden moralische und unheimliche Stücke wie Markheim, Die krumme Janet, Die tollen Männer und Will von der Mühle. Diese Erzählungen etablierten seinen Ruf als stilbewusster Modernisierer traditioneller Stoffe und als Meister des erzählerischen Tons.

Mit Die Schatzinsel fand Stevenson die exemplarische Form des See- und Abenteuerromans, in dem Initiation, Loyalität und Verführungskraft des Piratenmythos nuanciert verhandelt werden. Der Schatz von Franchard variiert Besitz, Zufall und Charakterprüfung als leichtere, zugleich nachdenkliche Stoffe. Der Junker von Ballantrae setzt historische Kulissen für eine düstere Studie über Rivalität und wechselnde Perspektiven ein und verschiebt den Schwerpunkt vom Ereignis zur Deutung. Gemeinsam zeigen diese Werke, wie Stevenson zwischen romantischer Verve und realistischer Beobachtung vermittelt und die Konventionen des Genres produktiv befragt, ohne den Sog der Handlung und das Vergnügen des Lesers preiszugeben.

Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde kondensiert Fragen nach doppelter Natur, sozialer Maske und Verantwortung in eine präzise gearbeitete Novelle, deren Bildkraft bis heute Kultur und Sprache prägt. In Das Flaschenteufelchen und Die Stimmeninsel entfalten sich Versuchung, Tausch und Stimme als märchenhaft strenge Experimente über Wunsch, Wert und Verlust. Der Strand von Falesa nutzt koloniale Schauplätze, um Abhängigkeiten und Missverständnisse nüchtern, ohne Exotismusglanz, darzustellen. Stevensons psychologische Genauigkeit verbindet sich hier mit narrativer Ökonomie; die Geschichten bleiben zugänglich, doch ihre moralische Geometrie entfaltet sich erst vollständig beim wiederholten Lesen.

Stevensons Gesundheit erforderte wiederholte Ortswechsel; Reisen wurden zur Lebensform und zum ästhetischen Labor. In der Südsee (Memoiren) bündelt Beobachtungen zu Landschaft, Gesellschaft und Begegnungen in Ozeanien und reflektiert zugleich das Schreiben über die Fremde. Späte Prosa wie Die Herren von Hermiston, unvollendet geblieben, kehrt nach Schottland zurück und verbindet schroffe Topografie, Rechts- und Sittenfragen mit einer verdichteten, melodisch geführten Sprache. Seine pazifischen Erfahrungen veränderten Perspektive, Rhythmus und Maßstab seiner Erzählweise spürbar. Die Reife seiner späten Jahre zeigt sich in der Balance von Empirie und Gestaltung, in der Aufmerksamkeit für Stimmen und in der Bereitschaft, tradierte Formen kontrolliert zu sprengen.

Ob als Erfinder ikonischer Figuren, als Chronist schottischer Landschaften oder als Beobachter transkultureller Räume: Stevenson hinterließ ein Werk, das formale Präzision mit erzählerischer Großzügigkeit verbindet. Seine Bücher bleiben in ihrer Klarheit und Komplexität anschlussfähig, lassen sich als spannungsreiche Lektüre genießen und zugleich als Studien über Wahl, Loyalität und Gewissen lesen. Die hier präsentierte Auswahl – von Großstadtserien über Abenteuerromane bis zu Südsee-Texten – macht seine Vielseitigkeit greifbar und erklärt seine anhaltende Wirkung auf Literatur, Bühne und Film. Zugleich zeigen sie, wie gegenwärtig sein Denken über Identität und Verantwortung wirkt und warum er heute weltweit gelesen und erforscht wird.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Robert Louis Stevenson (1850–1894) schrieb in einer Epoche intensiver Umbrüche: Hochphase des Viktorianischen Imperiums, beschleunigte Industrialisierung, moderne Großstädte und neue Wissenschaften. Die in dieser Sammlung versammelten Texte spannen einen zeitlichen Bogen von historisch situierten Stoffen des 18. Jahrhunderts (etwa in schottischen Kontexten) über urbane Erzählungen des späten 19. Jahrhunderts bis zu den Südsee-Schriften aus den 1890er Jahren. Damit beleuchten sie mehrere Schichten der Moderne: Nachwirkungen der Jakobitenkriege, die moralischen und sozialen Spannungen viktorianischer Metropolen und die koloniale Gegenwart des Pazifik, die Stevenson aus unmittelbarer Anschauung kannte.

Die Schatzinsel steht exemplarisch für eine Ära, in der Seefahrt, Weltverkehr und imperiale Handelsnetze die Alltagsfantasie prägten. Großbritannien befand sich zwischen 1870 und 1914 auf territorialem und wirtschaftlichem Höhepunkt; Häfen, Versicherungswesen und maritime Technik verbanden die britische Insel mit globalen Rohstoff- und Absatzmärkten. Abenteuerromane boten ein narratives Echo dieser Expansion, zugleich aber auch eine Bühne für Fragen nach Loyalität, Autorität und Gewalt in hierarchischen, oft gefährlichen Umgebungen. Solche Geschichten wurden von einer Lesekultur getragen, die das Fremde und Ferne als Feld für Prüfung, Versuchung und Selbstentwurf verstand, ohne zwangsläufig den Imperialismus unkritisch zu feiern.

Stevenson war Schotte aus Edinburgh, geprägt von presbyterianischer Tradition, Aufklärungserbe und juristischer Kultur. Seine historischen Stoffe greifen die Nachwirkungen der Jakobitenaufstände, die Spannungen zwischen Highlands und Lowlands sowie die Macht der schottischen Rechtsinstitutionen auf. Der Junker von Ballantrae verhandelt adelige Loyalitäten und den langen Schatten des Jahres 1745; Die Herren von Hermiston thematisiert – wenn auch unvollendet – die Härte der Rechtsprechung, angelehnt an Figuren der schottischen Justizgeschichte. Die krumme Janet und andere Erzählungen verorten sich in einer Landschaft, in der Volksglauben, kirchliche Disziplin und lokale Gemeinschaften die soziale Ordnung ebenso prägen wie städtische Eliten.

Die rasch wachsenden Metropolen London und Edinburgh standen für Modernität, Anonymität und neue Formen der Kriminalität. Beleuchtung, Verkehrswege und Zeitungswesen schufen zugleich Sicherheit und Nervosität. Stevensons urbane Zyklen – etwa die Geschichten um den Selbstmordklub oder Des Rajahs Diamant – reflektieren diese Topografie: Clubs, Hotels, Läden und Straßen bilden Räume, in denen Status, Geheimhaltung und Zufall verhandelbar sind. Die Stadt erscheint als Laboratorium des Zufalls und als Bühne, auf der sich ökonomische Interessen, modische Oberflächen und moralische Dilemmata kreuzen. So verbindet sich städtische Spannung mit einem Bewusstsein für institutionelle Macht und soziale Durchlässigkeit.

Das späte 19. Jahrhundert war die Blütezeit illustrierten Zeitschriftenwesens. Monatsschriften, Magazine und Zeitungsbeilagen wurden zu Motoren serieller Formen; auch Stevenson publizierte vielfach zuerst periodisch. Seine Detektiv- und Abenteuergeschichten profitieren von diesem Format: Episodenrhythmus, Cliffhanger, wiederkehrende Figuren und Schauplätze passten zum Leseverhalten einer mobilisierten, arbeitsteiligen Gesellschaft. Zugleich trugen Buchausgaben dazu bei, Zyklen wie die New Arabian Nights zu kanonisieren. Die populäre Kurzprosa modernisierte ältere Schemen des Rätsels und der Verkleidung und trug zur Herausbildung einer britischen Tradition bei, die später von Doyle oder Chesterton in andere Richtungen geführt wurde.

Ein zentrales literarisches Debattenthema jener Zeit war das Verhältnis von Realismus und „romance“. Stevenson plädierte in Essays für die produktive Freiheit des Abenteuerromans, ohne auf psychologische Feinzeichnung zu verzichten. Erzählungen wie Die tollen Männer oder Will von der Mühle stehen dafür, dass Naturraum, Schicksal und Entscheidung miteinander verschränkt werden können, ohne die soziale Wirklichkeit zu verdrängen. Diese doppelte Optik – anschauliche Handlung und moralische Nuance – spiegelt die Suche nach Formen, die sowohl ein Massenpublikum ansprechen als auch kritische Leserinnen und Leser im Zeichen einer zunehmend professionalisierten Literaturkritik überzeugen sollten.

Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde und Markheim sind in der Tradition des viktorianischen Schauer- und Stadtromans verwurzelt. Gaslicht, medizinische Praxen, Clubs und enge Gassen bilden den Resonanzraum für eine Literatur, die das „Doppelte“ des modernen Subjekts thematisiert. Schottische Vorläufer wie James Hogg machten das Motiv der gespaltenen Identität literarisch anschlussfähig. In der Londoner Variante nimmt es Züge des Großstadtlabyrinths an: moralische Masken, respektable Fassaden, verborgene Triebe. Diese Erzählungen reagieren nicht nur auf Moden des Sensationsjournalismus, sondern auch auf eine bürgerliche Selbstprüfung im Zeitalter rascher sozialer Mobilität.

Naturwissenschaft und Medizin veränderten die geistige Landschaft. Nach Darwin und in Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Psychologie gewann das Bild des Menschen als wandelbares, konfligierendes Wesen an Plausibilität. Debatten über Vererbung, Degeneration und Gewohnheit prägten die Öffentlichkeit. Stevensons psychologische Erzählungen greifen diese Diskurse nicht wissenschaftlich, sondern narrativ auf: Entscheidung, Versuchung und Selbstbeobachtung werden zu erzählerischen Experimenten. Sie spiegeln das Unbehagen einer Gesellschaft, die Fortschritt feiert und zugleich Kontrollverlust fürchtet. Dass diese Texte ohne Fachjargon auskommen, erhöhte ihre Reichweite und schärfte ihren Einfluss auf die populäre Vorstellung vom zwiespältigen modernen Ich.

Der Justizapparat spielte im Vereinigten Königreich eine herausgehobene Rolle, insbesondere in Schottland mit seiner eigenständigen Rechtsgeschichte. Die Herren von Hermiston nimmt die Gestalt eines strengen Richters zum Anlass, über Autorität, Sitte und Strafe nachzudenken, vor dem Hintergrund des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Solche Stoffe verweisen auf historische Auseinandersetzungen um Todesstrafe, Volksnähe und Unabhängigkeit der Gerichte. Stevensons Darstellung juristischer Macht ist dabei keine Programmschrift, sondern literarische Sondierung: Sie macht sichtbar, wie Recht und Gewohnheit Lebensläufe steuern und wie öffentliche Moral und privates Gewissen miteinander ringen.

Technische Innovationen – Dampfschiffe, Telegraphie, verbesserte Navigation – stellten die Welt enger. Stevensons familiärer Hintergrund als Sohn eines Leuchtturmbau-Ingenieurs schärfte seinen Blick für maritime Infrastruktur, Karten und Küstenlinien. In Seestücken und Inselerzählungen verbindet sich technisches Detailwissen mit poetischer Imagination. So entstehen Räume, in denen logistische Präzision und elementare Naturgewalten aufeinandertreffen. Die maritime Moderne liefert nicht nur Kulissen, sondern auch soziale Mikrokosmen: Schiffe, Häfen, Inselstationen. Sie bilden verdichtete Gesellschaftsmodelle, in denen Rang, Arbeit, Risiko und Gesetzlichkeit auf engem Raum verhandelt werden – ein ideales Feld für moralische und politische Parabeln.

Zwischen 1888 und 1894 bereiste und bewohnte Stevenson den Pazifik; er ließ sich schließlich in Samoa nieder und wurde als „Tusitala“ („Geschichtenerzähler“) bekannt. In der Südsee (postum veröffentlicht) basiert auf Reisen zu den Marquesas, Tuamotu- und Gilbertinseln und enthält Beobachtungen zu Kolonialverwaltung, Missionswesen und lokaler Politik. Samoa war seit 1889 Gegenstand eines internationalen Arrangements, das deutsche, britische und amerikanische Interessen balancieren sollte, jedoch innere Konflikte nicht beendete. Stevensons Teilhabe an Debatten – etwa in einem gesonderten politischen Traktat – rahmt die Erzählprosa dieser Sammlung und verleiht ihr eine seltene Zeitnähe zum kolonialen Alltag.

Der Strand von Falesa, Das Flaschenteufelchen und Die Stimmeninsel stammen aus einer Phase, in der Stevenson die koloniale Ökonomie, Sprachenvielfalt und Missionarspräsenz des Pazifik literarisch verarbeitete. Handelsstationen, Kreditverhältnisse, Verträge und Missverständnisse zwischen Kulturen treten hervor. Solche Texte stehen nicht außerhalb ihrer Zeit: Sie zeigen die Hierarchien europäischer Präsenz und die Handlungsspielräume indigener Akteure, ohne die strukturelle Asymmetrie zu kaschieren. Dabei verbindet Stevenson Elemente des Abenteuerromans mit Beobachtungen über Arbeit, Tausch und Recht – eine Schnittstelle, an der die Moral der Metropole im Tropenlicht neu vermessen wird.

Die Volksfrömmigkeit und das Fortwirken voraufklärerischer Vorstellungen bleiben in mehreren schottischen Erzählungen spürbar. Die krumme Janet oder auch düstere Landgeschichten knüpfen an eine Tradition an, in der Predigt, Bann und Erzählmagie eine Einheit bilden. Im 19. Jahrhundert wurden solche Motive durch die Volkskunde und neue Sammlungen von Märchen und Balladen wiederbelebt. Stevenson verwendet sie nicht als exotisches Beiwerk, sondern als ernstzunehmende Deutungsschicht ländlicher Gesellschaften. So werden Glaube, Aberglaube und sozialer Zusammenhalt zu variablen Größen, die das individuelle Handeln strukturieren und historische Kontinuitäten sichtbar machen.

Die ökonomische Ordnung der Viktorianer war vom Kredit getrieben und durch zyklische Krisen erschüttert (etwa die lang anhaltenden Nachwirkungen der 1870er Jahre). Erzählungen über Erbschaften, versteckte Vermögen, kostbare Objekte oder spekulatives Verhalten – zu denen Der Schatz von Franchard, Des Rajahs Diamant und andere gehören – spiegeln dieses Klima. Geld wird zur Probe auf Charakter, Loyalität und Zugehörigkeit. In aristokratischen wie bürgerlichen Milieus entscheidet finanzielle Disziplin über Ehre und Ausschluss. Mit solcher Motivik knüpft Stevenson an Debatten über Konsum, Sparsamkeit und „Respektabilität“ an, die das öffentliche Leben damals in Zeitungen, Predigten und Ratgebern prägten.

Die Produktions- und Zirkulationsformen der Literatur beeinflussten Ton und Umfang vieler Texte. Leihbibliotheken bevorzugten sittsame Dreiteiler; gleichzeitig öffneten billige Einbandausgaben die Märkte. Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde erschien als erschwingliche Einzelbroschur und wurde rasch ein kommerzieller Erfolg. Die Theateradaption von 1887 (durch T. R. Sullivan, gespielt von Richard Mansfield) verstärkte die Breitenwirkung. Auch die frühe Magazinveröffentlichung von Die Schatzinsel unter Pseudonym in Young Folks zeigt die strategische Nutzung unterschiedlicher Kanäle: Jugendpresse, Familienzeitschrift, Buchhandel – ein Ökosystem, das Stoffe und Leserschichten gezielt verband.

Stevensons Piraten- und Seefahrerbilder halfen, ikonische Motive der Populärkultur zu standardisieren: Inselkarten, Verstecke, Codes der Schiffsgemeinschaft. Zugleich beförderten seine Kurzprosa-Experimente die Etablierung des modernen anglofone Kurzgeschichtenzyklus. In der Stadterzählung entwickelte er Verfahren, die später Kriminal- und Abenteuergenres vielfältig aufnahmen. Dass Jekyll und Hyde zum sprachlichen Gemeinplatz für eine „gespaltene“ Persönlichkeit wurde, illustriert die kulturelle Durchdringungskraft seiner Figuren. Diese Resonanz verdankt sich nicht nur packender Handlung, sondern der Fähigkeit, soziale, wissenschaftliche und religiöse Diskurse in narrativer Form zu bündeln.

Die Sammlung macht sichtbar, wie sehr Stevensons Werk auf die Widersprüche seiner Zeit antwortet: Fortschrittseuphorie und moralische Unsicherheit, Welthandel und lokale Loyalitäten, Wissenschaftsglauben und Faszination für das Irrationale. Sie kommentiert diese Kräfte nicht programmatisch, sondern durch erzählerische Versuchsanordnungen: Inseln als Mikropolitiken, Städte als Maskenräume, Familien als Archive von Schuld, Rang und Recht. Spätere Lesarten – psychoanalytisch, sozialgeschichtlich, postkolonial – haben diese Spannungsfelder produktiv gemacht. So wird aus der Summe von Abenteuerromanen, Stadtgeschichten und Südsee-Texten ein Panorama, das die Viktorianische Moderne in ihren hellen und dunklen Zonen erfahrbar macht.

Synopsis (Auswahl)

Inhaltsverzeichnis

Die Schatzinsel

Ein junger Wirtshaussohn gerät über eine Schatzkarte in ein Seeabenteuer, in dem Loyalität, Gier und List gegeneinander antreten. Die Handlung führt von der Küste aufs Schiff und auf eine Insel voller Intrigen, wo Bündnisse ständig verrutschen. Der Ton ist klar, spannungsreich und maritim, mit scharf gezeichneten Figuren.

Schottische Romane und Familienkonflikte (Der Junker von Ballantrae; Die Herren von Hermiston)

Der Junker von Ballantrae zeichnet eine erbitterte Rivalität zweier Brüder vor geschichtlichem Hintergrund, in der Ehre, Verrat und Überleben an Grenzen stoßen. Die Herren von Hermiston kreist um Schuld, Recht und väterliche Autorität in einer Richterfamilie und verbindet Landschaftsbilder mit tragischer Zuspitzung. Beide Romane setzen auf psychologische Spannung und eine dunkle, balladenhafte Tonlage.

Des Rajahs Diamant – Detektivgeschichten (Frau von Vandeleurs Privatsekretär; Die Geschichte des Gottesmannes; Das Haus mit den grünen Jalousien)

Ein berüchtigter Edelstein stiftet in wechselnden Händen Verwirrung, Verbrechen und Zufälle, die drei urbane Episoden lose verknüpfen. Die Geschichten wechseln Perspektiven zwischen Dienern, Geistlichen und Bürgern, um soziale Masken und kleine Abgründe der Respektabilität zu zeigen. Der Ton ist ironisch-leicht, mit raffinierten Verwicklungen statt harter Polizeiarbeit.

Der Selbstmordklub – Erzählungen (Der Selbstmordklub; Der Arzt und der Reisekoffer; Das öde Haus)

Eine geheime Gesellschaft lockt Verzweifelte in ein Spiel mit dem Tod, dem findige Gentlemen mit Witz und Mut entgegentreten. Die drei Stücke verbinden Salonabenteuer, Verkleidungen und riskante Ermittlungen zu einer seriell erzählten Großstadtsaga. Der Ton ist elegant und leicht morbid, mit satirischen Stichen gegen Langeweile, Zynismus und Dekadenz.

Südsee-Erzählungen (Der Strand von Falesa; Das Flaschenteufelchen; Die Stimmeninsel)

Diese Erzählungen führen in die Inselwelt des Pazifik, wo Handel, Mission und lokale Mächte aufeinanderprallen und mythische Elemente realen Zwängen begegnen. Der Strand von Falesa beleuchtet koloniale Geschäfte und Beziehungen, während Das Flaschenteufelchen und Die Stimmeninsel Verträge mit dem Übernatürlichen und die Kosten des Glücks variieren. Der Ton schwankt zwischen realistischer Beobachtung, Abenteuer und märchenhafter Strenge.

Schottische Schauergeschichten (Die tollen Männer; Die krumme Janet; Markheim)

Drei dunkle Stücke spielen mit Aberglauben, Gewissensnöten und der Wucht von Natur und Überlieferung. Die tollen Männer zeigt eine sturmumtoste Küste und Obsession, Die krumme Janet eine Dorfgeschichte um Glaube und Furcht, Markheim ein inneres Duell am Rand eines Verbrechens. Der Ton ist düster, konzentriert und von moralischer Spannung getragen.

Parabeln über Charakter und Schicksal (Will von der Mühle; Der Schatz von Franchard)

Will von der Mühle folgt einem stillen Lebenslauf, der Versuchungen prüft und die Frage stellt, worin ein erfüllter Weg besteht. Der Schatz von Franchard spiegelt Besitz und Verlust in einer kleinen Gemeinschaft, wobei Zufall und Charakterprüfung Hand in Hand gehen. Beide Erzählungen sind ruhig erzählt, mit sanfter Ironie und nachdenklicher Moral.

Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Ein angesehener Arzt experimentiert mit der Trennung seiner Natur und setzt damit eine Kette rätselhafter Vorfälle in Gang. Die Geschichte entfaltet sich als Mysterium um Identität, Verantwortung und die Masken der bürgerlichen Welt. Der Ton ist straff, unheimlich und analytisch.

In der Südsee (Memoiren)

Ein berichtender Band über Orte, Menschen und Bräuche des pazifischen Raums, geprägt von genauer Beobachtung und Selbstbefragung. Reiseepisoden, Begegnungen und kulturkritische Reflexionen verbinden sich zu einem persönlichen, gelegentlich melancholischen Panorama. Der Ton ist sachlich-erzählerisch und offen für Ambivalenzen.

Wiederkehrende Themen und Stilmerkmale

Stevenson variiert Motive von Doppelgängertum, moralischer Probe, Abenteuer und sozialer Maske über unterschiedliche Milieus hinweg. Häufig kontrastiert er klare, spannungsgetriebene Handlungen mit psychologischer Feinzeichnung und landschaftlicher Symbolik. Wiederkehrend sind elegante, ökonomische Prosa, serielle Erzählformen und ein kontrollierter Einschlag des Übernatürlichen.

Ausgewählte Erzählungen & Abenteuerromane (21 Titel in einem Band)

Hauptinhaltsverzeichnis

Romane:

Die Schatzinsel
Die Herren von Hermiston
Der Junker von Ballantrae

Erzählungen:

Des Rajahs Diamant (Detektivgeschichten):
Frau von Vandeleurs Privatsekretär
Die Geschichte des Gottesmannes
Das Haus mit den grünen Jalousien
Der Selbstmordklub (Erzählungen):
Der Selbstmordklub
Der Arzt und der Reisekoffer
Das öde Haus
Der Strand von Falesa
Der Schatz von Franchard
Das Flaschenteufelchen
Die Stimmeninsel
Markheim
Die tollen Männer
Will von der Mühle
Die krumme Janet
Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Reiseberichte:

In der Südsee (Memoiren)

Die Schatzinsel

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

I Der alte Freibeuter
Erstes Kapitel Der alte Seehund im »Admiral Benbow«
Zweites Kapitel Der Schwarze Hund erscheint und verschwindet wieder
Drittes Kapitel Der schwarze Fleck
Viertes Kapitel Die Schifferkiste
Fünftes Kapitel Der Tod des Blinden
Sechstes Kapitel Des Kapteins Papiere
II Der Schiffskoch
Siebentes Kapitel Ich gehe nach Bristol
Achtes Kapitel Die Wirtschaft ›Zum Fernrohr‹
Neuntes Kapitel Pulver und Waffen
Zehntes Kapitel Die Seefahrt
Elftes Kapitel Was ich in der Apfeltonne hörte
Zwölftes Kapitel Kriegsrat
III Mein Abenteuer an Land
Dreizehntes Kapitel Der Anfang meines Landabenteuers
Vierzehntes Kapitel Der erste Schlag
Fünfzehntes Kapitel Der Inselmann
Sechzehntes Kapitel Der Doktor setzt die Erzählung fort: Wie das Schiff aufgegeben wurde
Siebzehntes Kapitel Fortsetzung der Erzählung des Doktors: Die letzte Fahrt der Jolle
Achtzehntes Kapitel Fortsetzung der Erzählung des Doktors: Der Ausgang des Gefechtes am ersten Tage
Neunzehntes Kapitel Jim Hawkins nimmt die Erzählung wieder auf: Die Garnison im Pfahlwerk
Zwanzigstes Kapitel Silver als Parlamentär
Einundzwanzigstes Kapitel Der Angriff
Zweiundzwanzigstes Kapitel Der Beginn meines Seeabenteuers
Dreiundzwanzigstes Kapitel Die Ebbströmung
Vierundzwanzigstes Kapitel Die Irrfahrt des Korakels
Fünfundzwanzigstes Kapitel Ich hole den Jolly Roger herunter
Sechsundzwanzigstes Kapitel Israel Hands
Siebenundzwanzigstes Kapitel »Piaster!«
Achtundzwanzigstes Kapitel Im feindlichen Lager
Neunundzwanzigstes Kapitel Noch einmal der schwarze Fleck
Dreißigstes Kapitel Auf mein Ehrenwort
Einunddreißigstes Kapitel Die Schatzsuche; Flints Wegweiser
Zweiunddreißigstes Kapitel Die Schatzsuche; die Stimme in den Bäumen
Dreiunddreißigstes Kapitel Der Sturz eines Piratenhäuptlings
Vierunddreißigstes Kapitel Schluß

I Der alte Freibeuter

Inhaltsverzeichnis

Erstes Kapitel Der alte Seehund im »Admiral Benbow«

Inhaltsverzeichnis

Gutsherr Trelawney, Dr. Livesey und die übrigen Herren haben mich gebeten, unsere Fahrt nach der Schatzinsel vom Anfang bis zum Ende zu beschreiben, und dabei nichts zu verschweigen als die genaue Lage der Insel, und zwar auch dies nur deshalb, weil noch jetzt ungehobene Schätze dort vorhanden sind. So ergreife ich die Feder in diesem Jahre des Heils 17.. und versetze mich zurück in die Zeit, als mein Vater den Gasthof zum »Admiral Benbow« hielt, und als der braungebrannte alte Seemann mit der Säbelnarbe im Gesicht zuerst unter unserem Dache Wohnung nahm.

Ich erinnere mich, wie wenn es gestern gewesen wäre, des Mannes: wie er in die Tür unseres Hauses hereinkam, während seine Schifferkiste ihm auf einem Schiebkarren nachgefahren wurde – ein großer, starker, schwerer, nußbrauner Mann; sein teeriger Zopf hing ihm im Nacken über seinen fleckigen blauen Rock herunter; seine Hände waren schwielig und rissig mit abgebrochenen, schwarzen Fingernägeln, und der Säbelschmiß, der sich über die eine Wange hinzog, war von schmutzig-weißer Farbe. Er sah sich im Schenkzimmer um und pfiff dabei vor sich hin, und dann stimmte er das alte Schifferlied an, das er später so oft sang:

Fünfzehn Mann bei des Toten Kist’ – Johoho, und ‘ne Buddel, Buddel Rum![1q]

in der zitterigen, hohen Stimme, die so klang, wie wenn eine Ankerwinde gedreht würde. Dann schlug er mit einem Knüppel, so dick wie eine Handspeiche, gegen die Tür, und als mein Vater erschien, verlangte er barsch ein Glas Rum. Als dieses ihm gebracht worden war, trank er es langsam aus, wie ein Kenner, mit der Zunge den Geschmack nachprüfend, und dabei sah er sich durch das Fenster die Strandklippen und unser Wirtsschild an. Schließlich sagte er:

»Das ist ‘ne nette Bucht und ‘ne angenehm gelegene Grogkneipe. Viel Gesellschaft, Maat?«

Mein Vater sagte ihm, Gesellschaft käme leider nur sehr wenig.

»So? Na, dann ist das die richtige Stelle für mich. Heda, Ihr, mein Mann!« rief er dem Mann zu, der den Handkarren schob: »Ladet mal meine Kiste ab und bringt sie nach oben! Hier will ich ein bißchen bleiben! Ich bin ein einfacher Mann – Rum und Speck und Eier, weiter brauche ich nichts; und außerdem die Klippe da draußen, um die Schiffe zu beobachten. Wie Sie mich nennen könnten? Kaptein können Sie mich nennen. Ach so – ich sehe schon, worauf Sie hinauswollen – da!« und er warf drei oder vier Goldstücke auf den Tisch. »Wenn ich das verzehrt habe, können Sie mir Bescheid sagen!« rief er, und dabei sah er so stolz aus wie ein Admiral.

Und in der Tat – so schlecht seine Kleider waren und so gemein seine Sprechweise, er sah durchaus nicht wie ein Mann aus, der vor dem Mast fuhr, sondern war offenbar ein Steuermann oder ein Schiffer, der gewohnt war, daß man ihm gehorchte, oder sonst gab’s Prügel. Der Mann, der den Schiebkarren gefahren hatte, sagte uns, die Postkutsche hätte ihn am Tag vorher am Royal George abgesetzt; er hätte sich erkundigt, was für Gasthöfe an der Küste wären, und als er gehört hätte, daß man unser Haus lobte, – und besonders, so vermute ich wenigstens, als man es ihm als einsam gelegen beschrieb – hätte er beschlossen, bei uns Aufenthalt zu nehmen. Und das war alles, was wir über unseren Gast erfahren konnten.

Er war ein schweigsamer Mann. Den ganzen Tag lungerte er an der Bucht oder auf den Klippen herum und sah durch sein Messingfernrohr über See und Strand; den ganzen Abend aber saß er in einer Ecke der Schenkstube ganz dicht am Feuer und trank Rum und Wasser, und zwar eine sehr steife Mischung. Wenn jemand ihn anredete, antwortete er für gewöhnlich nicht, sondern sah nur plötzlich mit einem wütenden Blick auf und blies durch seine Nase wie durch ein Nebelhorn; und wir und unsere Besucher merkten bald, daß man ihn dann in Ruhe lassen mußte. Jeden Tag, wenn er von seinen Gängen zurückkam, fragte er, ob Seeleute auf der Landstraße vorübergekommen wären. Anfangs dachten wir, er fragte, weil er sich nach Gesellschaft von Kameraden sehnte; schließlich aber merkten wir, daß er im Gegenteil es zu vermeiden wünschte. Wenn ein Seemann im »Admiral Benbow« einkehrte – wie es ab und zu geschah, wenn Leute auf der Küstenstraße nach Bristol gingen – so sah er sich ihn durch das verhängte Fensterchen in der Tür an, bevor er die Schenkstube betrat; und wenn solch ein Seemann anwesend war, verhielt er sich immer mäuschenstille. Vor mir suchte er auch kein Geheimnis aus der Sache zu machen, sondern er beteiligte mich im Gegenteil gewissermaßen an seiner Unruhe. Er hatte mich nämlich eines Tages beiseite genommen und mir versprochen: er wollte mir am Ersten jeden Monats ein silbernes Vier-Penny-Stück geben, wenn ich bloß »mein Wetterauge offen halten wollte nach einem Seemann mit nur einem Bein«, und wenn ich ihm, sobald der auftauchte, augenblicklich Bescheid geben wollte. Wenn nun der Monatserste da war und ich meinen Lohn von ihm verlangte, dann kam es oft genug vor, daß er nur durch die Nase blies und mich mit einem wütenden Blick ansah; aber bevor die Woche zu Ende war, hatte er es sich jedesmal besser überlegt: er brachte mir das Vier-Penny-Stück und wiederholte seinen Befehl, »nach dem Seemann mit dem einen Bein Ausguck zu halten«.

Wie dieser Seemann mich in meinen Träumen verfolgte, brauche ich kaum zu sagen. In stürmischen Nächten, wenn der Wind die vier Ecken unseres Hauses schüttelte und die Brandung in der Bucht gegen die Klippen donnerte, sah ich ihn in tausend Gestalten und mit tausend teuflischen Gesichtern. Bald war das Bein am Knie abgenommen, bald dicht an der Hüfte; dann wieder war er ein ungeheuerliches Geschöpf, das immer nur ein einziges Bein gehabt hatte, und zwar mitten unter dem Rumpf. Ihn zu sehen, wie er sprang und lief und mich über Gräben und Hecken verfolgte, das war für mich der fürchterlichste Nachtmahr. So mußte ich eigentlich mein monatliches Vier-Penny-Stück recht teuer bezahlen, denn ich bekam dafür diese gräßlichen Traumgesichte in den Kauf.

Wenn ich vor dem einbeinigen Seemann eine schreckliche Angst hatte, so hatte ich dafür vor dem Kaptein selber weniger Furcht als andere, die ihn kannten. An manchen Abenden nahm er mehr Rum und Wasser zu sich, als sein Kopf vertragen konnte; dann saß er zuweilen, ohne sich um irgendeinen Menschen zu bekümmern, und sang seine ruchlosen alten wilden Schifferlieder; zuweilen aber bestellte er Runden und zwang die ganze zitternde Gesellschaft, seine Geschichten anzuhören oder als Chor in seine Lieder einzufallen. Oft zitterte das Haus von dem »Johoho, und ‘ne Buddel, Buddel Rum«; alle Nachbarn stimmten aus voller Kehle ein, mit einer Todesangst im Leibe, und einer sang noch lauter als der andere, damit nur der Kaptein keine Bemerkungen machte. Denn wenn er diese Anfälle hatte, war er der ungemütlichste Gesellschafter von der Welt; dann schlug er mit der Faust auf den Tisch und gebot Ruhe; wenn irgendeine Zwischenfrage gestellt wurde, regte er sich fürchterlich auf – manchmal aber noch mehr, wenn keine Frage gestellt wurde, weil er dann glaubte, die Gesellschaft hörte nicht auf seine Geschichte. An solchen Abenden durfte keiner die Schenkstube verlassen, bis er selber vom Trinken schläfrig geworden war und ins Bett taumelte.

Am meisten Angst machte er den Leuten mit seinen Geschichten. Und fürchterliche Geschichten waren es allerdings: von Hängen, über die Planke gehen lassen, von Stürmen auf hoher See, und von den Schildkröteninseln, und von wilden Gefechten und Taten, und von Häfen in den westindischen Gewässern. Nach seinen eigenen Berichten mußte er unter den größten Verbrechern gelebt haben, die Gott jemals zur See gehen ließ; und die Worte, in denen er diese Geschichten erzählte, entsetzten unsere guten Landleute beinahe ebensosehr wie die Verbrechen, von denen sie handelten. Mein Vater sagte fortwährend: unser Gasthof werde zugrunde gerichtet werden, denn die Leute würden bald nicht mehr kommen, um sich anschnauzen und niederducken zu lassen und dann mit zitternden Gebeinen zu Bett zu gehen. Aber ich glaube, daß in Wirklichkeit seine Anwesenheit uns Vorteil brachte. Die Leute grauelten sich allerdings, aber in der Rückerinnerung hatten sie die Geschichten eigentlich gern; es war eine angenehme Aufregung in ihrem stillen Landleben. Unter den jüngeren Leuten gab es sogar eine Partei, die voll Bewunderung von ihm sprach. Sie nannten ihn »einen echten Seehund« und »eine richtige alte Teerjacke« und so ähnlich und sagten, das wären gerade die Leute, die England so gefürchtet zur See machten. In einer Beziehung richtete allerdings der Kaptein uns zugrunde: er blieb eine Woche nach der anderen, so daß die Goldstücke, die er auf den Tisch geworfen hatte, längst verrechnet waren; aber mein Vater konnte sich niemals ein Herz fassen und mehr Geld von ihm verlangen. Sobald er eine leichte Anspielung machte, blies der Kaptein so laut durch die Nase, daß es beinahe ein Brüllen war, und sah meinen Vater so wütend an, daß dieser die Schenkstube verließ. Ich habe ihn nach solcher Abweisung die Hände ringen sehen, und ich bin überzeugt, daß der Verdruß über seinen Gast und die Angst, worin er lebte, seinen allzu frühen unglücklichen Tod sehr beschleunigt haben.

Während der ganzen Zeit, daß der Kaptein bei uns wohnte, trug er immer denselben Anzug; niemals änderte er etwas daran, nur einmal kaufte er Strümpfe von einem Hausierer. Als eine von den Krempen seines Hutes sich losgelöst hatte und herunterhing, ließ er ihn so, wie er war, obwohl diese Krempe ihn bei starkem Wind sehr belästigte. Ich sehe vor meinen Augen noch seinen Rock, auf den er selber oben in seinem Zimmer einen Flicken setzte, sooft er das für nötig hielt; schließlich bestand der ganze Rock nur aus Flicken. Niemals schrieb er einen Brief, niemals empfing er einen; er sprach mit keinem Menschen ein Wort außer mit den Nachbarn, die zu uns in die Wirtschaft kamen, auch mit diesen gewöhnlich nur, wenn er zuviel Rum getrunken hatte. Seine große Schifferkiste hatte keiner von uns jemals offen gesehen.

Nur ein einziges Mal wagte ein Mensch, ihm über den Mund zu fahren, und das geschah erst in der letzten Zeit, als mein armer Vater schon sehr krank und dem Tode nahe war. Doktor Livesey kam eines Nachmittags zu später Stunde, um noch nach dem Kranken zu sehen; meine Mutter setzte ihm ein bißchen zu essen vor, und dann ging er in die Schenkstube, um eine Pfeife zu rauchen, bis sein Pferd vom Dorf zurückgebracht würde; denn wir hatten im alten »Admiral Benbow« keine Stallung. Ich ging mit dem Doktor in die Schenkstube, und ich erinnere mich noch, daß mir der Unterschied zwischen dem sauberen, munteren Doktor mit seiner schneeweiß gepuderten Perücke, seinen hellen, schwarzen Augen und seinem liebenswürdigen Benehmen und den plumpen Landleuten auffiel, besonders aber der Gegensatz zu dem schmutzigen, zerlumpten alten Piraten, der stark angetrunken hinter seinem Tische saß und die Ellenbogen aufgestützt hatte. Plötzlich begann er, der Kaptein nämlich, sein ewiges Lied zu brüllen:

Fünfzehn Mann bei des Toten Kist’ – Johoho, und ‘ne Buddel, Buddel Rum! Suff und der Teufel holten den Rest – Johoho, und ‘ne Buddel, Buddel Rum!

Anfangs hatte ich vermutet, »des Toten Kist’« sei die große Schifferkiste oben im Vorderzimmer, und ich hatte sie in meinen Träumen mit dem einbeinigen Schiffer in Verbindung gebracht. Inzwischen aber hatten wir alle schon längst aufgehört, auf sein Singen zu achten; an diesem Abend war das Lied nur dem Dr. Livesey neu, und ich bemerkte, daß es auf ihn keinen angenehmen Eindruck machte; denn er sah einen Augenblick ganz ärgerlich aus, bevor er in seinem Gespräch mit dem alten Gärtner Taylor fortfuhr, mit dem er sich über ein neues Mittel gegen das Gliederreißen unterhielt. Der Kapitän wurde bei seinem eigenen Lied lustig und schlug schließlich mit der Faust vor sich auf den Tisch; wir alle wußten, daß er damit den Anwesenden Schweigen befehlen wollte. Alle hörten sofort auf zu sprechen – mit Ausnahme des Dr. Livesey; der sprach ruhig weiter, indem er zwischen jedem zweiten oder dritten Wort einen kurzen Zug aus seiner Pfeife tat. Eine Weile starrte der Kaptein ihn an, schlug wieder mit der flachen Hand auf den Tisch, starrte ihn noch grimmiger an und schrie endlich mit einem gemeinen Fluch:

»Stille da unter Deck!«

»Sagten Sie etwas zu mir, Herr?« sagte der Doktor.

Und als der Kerl mit einem neuen Fluch ihm sagte, das wäre allerdings der Fall, antwortete der Arzt:

»Ich habe Ihnen nur eins zu sagen, Herr: wenn Sie mit dem Rumtrinken so weiter machen, wird die Welt bald von einem sehr dreckigen Schuft befreit sein!«

Die Wut des alten Burschen war schrecklich anzusehen. Er sprang auf, zog ein Matrosen-Klappmesser, öffnete es, schwang es auf der offenen Handfläche und drohte dem Doktor, er werde ihn an die Wand spießen.

Der aber rührte sich nicht einmal. Er sprach wie bisher über die Schulter weg zum Kaptein und sagte mit der gleichen ruhigen Stimme, ziemlich laut, so daß alle im Zimmer ihn hören konnten, aber ganz gelassen:

»Wenn Ihr nicht augenblicklich das Messer in die Tasche steckt, so gebe ich Euch mein Wort darauf: nach der nächsten Gerichtssitzung hängt Ihr am Galgen!«

Dann kreuzten ihre Blicke sich; aber der Kaptein gab bald klein bei, steckte seine Waffe ein und setzte sich wieder hin, wobei er wie ein geprügelter Hund knurrte. »Und nun noch eins, mein Mann!« fuhr der Doktor fort: »Da ich jetzt weiß, daß solch ein Bursche in meinem Bezirk ist, so könnt Ihr Euch darauf verlassen, daß ich Tag und Nacht ein Auge auf Euch haben werde. Ich bin nicht nur Arzt, ich bin auch Beamter; und wenn ich auch nur die leiseste Beschwerde über Euch höre – wär’s auch bloß wegen einer Unhöflichkeit wie heute abend –, so werde ich dafür zu sorgen wissen, daß man Euch an dem Kragen nimmt und abschiebt. Und damit genug!«

Bald darauf wurde Dr. Liveseys Pferd gebracht, und er ritt ab; der Kaptein aber war an diesem Abend still und tat noch viele Abende hinterher den Mund nicht auf.

Zweites Kapitel Der Schwarze Hund erscheint und verschwindet wieder

Inhaltsverzeichnis

Nicht lange Zeit nach diesem Auftritt trat das erste von den geheimnisvollen Ereignissen ein, die uns schließlich den Kaptein vom Halse schafften, wenn auch nicht seine Angelegenheiten, wie der Leser sehen wird.

Es war ein bitterkalter Winter mit langandauernden, harten Frösten und schweren Stürmen, und es war von Anfang an klar, daß mein armer Vater wenig Aussicht hatte, den Frühling noch zu erleben. Er wurde mit jedem Tag schwächer, und meine Mutter und ich hatten den ganzen Betrieb der Wirtschaft zu besorgen; so hatten wir immer viel zu tun und konnten uns um unseren unangenehmen Gast wenig kümmern. Es war an einem Januarmorgen, zu sehr früher Stunde. Das Wetter war beißend kalt; die ganze Bucht war grau vom Rauhreif; die Sonne stand noch niedrig und berührte nur eben die Hügelspitzen und schien weit über das Meer hinaus. Der Kaptein war früher als gewöhnlich aufgestanden und nach dem Strand hinuntergegangen; sein Stutzsäbel schwang unter den breiten Schößen seines blauen Rockes hin und her, sein Messingfernrohr hatte er unter die Achsel geklemmt, den Hut in den Nacken zurückgeschoben. Sein Atem hing wie ein Rauchstreifen hinter ihm, wie er so mit langen Schritten dahinging, und der letzte Ton, den ich von ihm hörte, als er um den großen Felsen bog, war ein lautes, entrüstetes Schnauben, wie wenn er immer noch an den Dr. Livesey dächte. Mutter war oben bei Vater, und ich war dabei, den Frühstückstisch zu decken, damit er bei der Rückkehr alles fertig fände; da ging die Tür zur Schenkstube auf, und herein trat ein Mann, den ich nie in meinem Leben gesehen hatte. Er war ein Kerl mit blassem, käsigem Gesicht; an der linken Hand fehlten ihm zwei Finger, und obgleich er einen Stutzsäbel trug, sah er nicht gerade nach einem großen Fechter aus. Ich war immer auf dem Ausguck nach Seeleuten, einerlei ob mit einem Bein oder mit zweien, und ich erinnere mich noch heute, daß der Mann mir sofort verdächtig vorkam. Er sah nicht schiffermäßig aus, und trotzdem hatte er etwas von der See an sich.

Ich fragte ihn, was er wünschte, und er sagte, er wolle ein Glas Rum nehmen. Als ich aber hinausgehen wollte, um das Getränk zu holen, setzte er sich auf einen Tisch und winkte mir; ich möchte näher kommen. Ich blieb aber mit meinem Wischtuch in der Hand stehen, wo ich war. Da sagte er:

»Komm doch her, Jungchen! Komm doch mal näher!«

Ich trat einen Schritt näher an ihn heran.

»Ist der Tisch hier für meinen Maat Bill gedeckt?« fragte er und sah mich dabei lauernd an.

Ich sagte ihm, seinen Maat Bill kenne ich nicht, und der Tisch sei für jemand gedeckt, der in unserem Hause wohne und den wir den Kaptein nannten.

»Na,« sagte er, »mein Maat Bill wird sich wohl Kaptein nennen lassen; das sollte mich gar nicht wundern. Er hat einen Schmiß auf der einen Backe, und ein mächtig netter Kerl ist er, mein Maat Bill, besonders beim Trinken. Wir wollen mal annehmen, euer Kaptein hat einen Schmiß auf der Backe – und, was meinst du? – wir wollen mal annehmen, er hat ihn auf der rechten Backe. Aha, siehst du, ich sagte es dir ja. Na, ist also mein Maat Bill hier im Hause?«

Ich sagte ihm, er sei ausgegangen.

»Wohin denn, Jungchen? Welchen Weg ist er gegangen?«

Ich zeigte ihm den Felsen und sagte ihm, daß der Kaptein jedenfalls bald nach Hause kommen werde, und beantwortete ihm noch ein paar andere Fragen.

Schließlich sagte er:

»Na, da wird mein Maat Bill sich freuen wie über ein Glas Rum.« Der Gesichtsausdruck, mit dem er diese Worte sprach, war durchaus nicht angenehm, und ich hatte meine besonderen Gründe anzunehmen, daß der Fremde sich irrte, selbst wenn seine Worte aufrichtig gemeint wären. Aber ich dachte, das ginge ja mich nichts an; außerdem war es schwierig zu entscheiden, was da zu tun sei.

Der Fremde hielt sich fortwährend dicht bei der Haustür auf und guckte alle Augenblicke um die Ecke wie eine Katze, die auf eine Maus lauert. Einmal ging ich selber auf die Straße hinaus, aber er rief mich sofort zurück, und als ich nicht schnell genug folgte, verzerrte sich sein käsiges Gesicht auf eine ganz fürchterliche Weise, und mit einem Fluch, der mir Angst machte, befahl er mir, sofort ins Haus zu gehen. Als ich aber wieder drinnen war, benahm er sich wie vorher: halb spöttisch, halb schmeichlerisch; klopfte mir auf die Schulter und sagte mir, ich sei ein guter Junge und er möchte mich riesig gerne leiden.

»Ich habe selber einen Jungen,« sagte er, »der sieht dir so ähnlich wie ein Ei dem andern und ist so recht mein Stolz. Aber die Hauptsache für Jungens ist Gehorchen – Gehorsam, Jungchen! Na, wenn du mit Bill zusammen auf See gewesen wärest, dann hättest du nicht hier gestanden und dir was zweimal sagen lassen – glaub mir das! Das gab’s bei Bill nicht, und das gibt’s auch bei denen nicht, die mit ihm gefahren sind. Und sieh mal an, da kommt ja mein Maat Bill, mit einem Fernrohr unterm Arm, der gute alte Kerl! Da wollen wir beide mal man in die Schenkstube gehen, Jungchen, und uns hinter die Tür stellen, und wollen Bill ein bißchen überraschen – die gute alte Seele!«

Mit diesen Worten ging der Fremde mit mir in die Schenkstube zurück und ließ mich hinter ihm in die Ecke treten, so daß wir beide hinter der geöffneten Türe verborgen waren. Ich fühlte mich sehr unbehaglich und unruhig, wie man sich wohl denken kann, und meine Angst wurde dadurch noch größer, daß der Fremde offenbar selber Furcht hatte. Er machte den Griff seines Stutzsäbels frei und lockerte die Klinge in der Scheide; und während der ganzen Zeit, daß wir dastanden und warteten, schluckte er fortwährend, als ob er einen Kloß in der Kehle hätte, wie man zu sagen pflegt.

Endlich trat der Kaptein ein, schlug die Tür hinter sich zu, ohne nach rechts oder nach links zu sehen, und ging quer durch das Zimmer an den Tisch, auf dem das Frühstück für ihn bereit stand.

»Bill!« sagte der Fremde mit einer Stimme, der ich deutlich anmerkte, daß er alle Kraft aufgeboten hatte, sie recht laut und kühn zu machen.

Der Kaptein drehte sich auf dem Absatz herum und sah uns an; alle braune Farbe war aus seinem Antlitz gewichen, und sogar seine Nase war blau; er sah aus wie ein Mensch, der ein Gespenst erblickt oder den Teufel oder sogar noch etwas Schlimmeres, wenn es das gibt, und auf mein Wort: es tat mir leid, wie ich ihn plötzlich so alt und krank aussehend fand.

»Nanu, Bill, du kennst mich doch; du kennst doch gewiß einen alten Schiffsmaat, Bill!« sagte der Fremde.

Der Kaptein riß den Mund auf, wie wenn er nach Luft schnappen müßte, und rief:

»Der Schwarze Hund!«

»Wer denn sonst?« antwortete der andere, der sich offenbar etwas behaglicher zu fühlen begann. »Der Schwarze Hund, immer noch der alte, ist nun hier, um seinen allen Schiffskumpan Bill im ›Admiral Benbow‹ zu besuchen. Oh, Bill, Bill! wir haben was durchgemacht, wir zwei, seitdem ich die beiden Greifer verlor!« Und dabei hält er die verstümmelte Hand in die Höhe.

»Na, denn hör mal zu!« sagte der Kaptein: »Du hast mich gestellt; hier bin ich. Also denn man los: was willst du?«

»Das sieht dir ähnlich, Bill!« antwortete der Schwarze Hund. »Bist immer noch der alte Billy. Ich will mir ein Glas Rum geben lassen von dem lieben Jungchen hier, der so nett ist; und dann wollen wir uns hinsetzen, wenn’s dir recht ist, und wollen ein vernünftiges Wort miteinander schnacken, als richtige alte Schiffskameraden.«

Als ich mit dem Rum wieder hereinkam, saßen sie schon an des Kapteins Frühstückstisch einander gegenüber – der Schwarze Hund nach der Tür zu und etwas seitlings auf seinem Stuhl, so daß er, wie mir vorkam, das eine Auge auf seinem alten Schiffskumpan und das andere auf seiner Rückzugslinie hatte.

Er befahl mir hinauszugehen und die Tür weit offen zu lassen.

»Durchs Schlüsselloch gucken gibt’s bei mir nicht, Jungchen!« sagte er.

Ich ließ die beiden miteinander sitzen und zog mich in den Zapfraum zurück.

Obgleich ich mir natürlich alle Mühe gab, etwas zu hören, konnte ich lange Zeit weiter nichts hören als ein leises Gemurmel; schließlich aber begannen die Stimmen lauter zu werden, und ich konnte ab und zu ein paar Worte vom Kaptein verstehen – meistens Flüche.

»Nein, nein, nein, nein! Und damit basta,« schrie er einmal. Und ein anderes Mal: »Wenn’s zum Baumeln kommt, sollen alle baumeln – das sage ich!«

Dann aber gab es ganz plötzlich einen furchtbaren Ausbruch von Flüchen und anderen Geräuschen – Stühle und Tisch fielen um, er folgte ein Klirren von Stahl und dann ein Schmerzensschrei. Und im nächsten Augenblick sah ich den Schwarzen Hund in voller Flucht und den Kaptein scharf hinter ihm her, beide mit gezogenen Stutzsäbeln; dem Schwarzen Hund aber strömte Blut von der linken Schulter herunter. Unmittelbar vor der Tür führte der Kaptein noch einen letzten furchtbaren Streich nach dem Fliehenden; sicherlich hätte der Hieb ihm den Garaus gemacht, wenn er nicht von dem großen Gasthofsschild des »Admiral Benbow« aufgefangen worden wäre. Man kann die Spur noch bis auf den heutigen Tag an der unteren Leiste des Rahmens sehen.

Mit diesem Hieb war das Gefecht aus. Kaum war der Schwarze Hund auf der Straße, so entwickelte er trotz seiner Wunde eine ungeheure Geschwindigkeit und war in einer halben Minute jenseits der Höhe verschwunden. Der Kaptein aber starrte wie geistesabwesend auf das Schild. Dann fuhr er sich ein paarmal mit der Hand über die Augen, und schließlich ging er in das Haus zurück und sagte zu mir:

»Jim, Rum!«

Und als er diese Worte sprach, taumelte er hin und her und mußte sich mit der einen Hand gegen die Wand stützen.

»Sind Sie verwundet?« schrie ich.

»Rum!« sagte er noch einmal. »Ich muß fort von hier. Rum! Rum!«

Ich lief schnell, welchen zu holen; aber ich war von allen diesen Vorgängen ganz verstört und zerbrach ein Glas und konnte den Zapfen nicht richtig aufdrehen. Und während ich mir noch damit zu tun machte, hörte ich im Schenkzimmer einen schweren Fall. Und als ich hineinrannte, sah ich den Kaptein, so lang er war, auf dem Fußboden liegen. In demselben Augenblick kam meine Mutter, die das Geschrei und der Lärm des Kampfes aufgeschreckt hatten, die Treppe heruntergelaufen, um mir zu helfen. Mit vereinten Kräften hoben wir ihm den Kopf hoch. Er atmete sehr schwer und laut; aber seine Augen waren geschlossen und sein Gesicht war so blaurot, daß es schrecklich anzusehen war.

»Herrje, Herrjemine!« schrie meine Mutter: »Was für eine Schande für unser Haus! Und auch dein armer Vater liegt krank zu Bett!«

Wir hatten keine Ahnung, auf welche Weise wir dem Kaptein helfen könnten; wir dachten, er wäre in dem Gefecht mit dem Fremden tödlich verwundet worden. Ich brachte allerdings den Rum und versuchte ihm etwas davon einzuflößen; aber seine Zähne waren dicht geschlossen, und seine Kinnbacken waren so hart wie Eisen. Wir fühlten uns ganz glücklich und erleichtert, als plötzlich die Tür aufging und Dr. Livesey eintrat, der seinen Besuch bei meinem Vater machen wollte.

»O Herr Doktor!« riefen wir: »Was sollen wir tun! Wo ist er verwundet?«

»Verwundet? Papperlapapp!« sagte der Doktor. »Der ist nicht mehr verwundet als ihr oder ich. Der Mann hat einen Schlaganfall gehabt, wie ich es ihm vorhergesagt hatte. Nun, Frau Hawkins, laufen Sie mal schnell nach oben zu Ihrem Mann, aber sagen Sie ihm, wenn irgend möglich, kein Wort von der Geschichte. Ich muß ja leider mein Bestes tun, dieses Kerls in jeder Beziehung wertloses Leben zu retten, und Jim wird so gut sein, mir eine Schüssel zu holen.«

Als ich mit der Schüssel zurückkam, hatte der Doktor schon dem Kaptein den Ärmel hochgestreift und seinen dicken, muskelkräftigen Arm entblößt, der an mehreren Stellen tätowiert war: »Gut Glück!« – »Schöner Wind!« – »Billy Bones sein Liebchen!« Diese Inschriften waren sauber und deutlich auf dem Unterarm angebracht; auf dem Oberarm aber in der Nähe der Schulter war ein Bild von einem Galgen, an dem ein Mensch hing – sehr hübsch und witzig ausgeführt, wie mir dünkte.

»Prophetisch!« sagte der Doktor und tippte auf das Bild. »Und nun, Meister Billy Bones – wenn das Euer Name ist – wollen wir uns mal die Farbe Eures Blutes ansehen. Jim,« sagte er, »hast du Angst vor Blut?«

»Nein, Herr Doktor.«

»Na, dann halte mal die Schüssel!«

Und mit diesen Worten nahm der Doktor seine Lanzette und öffnete eine Ader.

Eine große Menge Blut wurde abgezapft, bevor der Kaptein die Augen aufschlug und mit einem blöden Blick um sich sah. Zuerst erkannte er den Doktor und runzelte die Stirn; dann fiel sein Blick auf mich, und er sah erleichtert aus. Plötzlich aber wechselte er die Farbe, versuchte sich aufzurichten und rief:

»Wo ist der Schwarze Hund?«

»Hier ist kein schwarzer Hund,« sagte der Doktor, »außer dem, der Euch im Nacken sitzt. Ihr habt zuviel Rum getrunken; jetzt habt Ihr einen Schlaganfall gehabt, genau wie ich’s Euch vorausgesagt habe; ich habe Euch aber, sehr gegen meinen eigenen Willen, noch einmal mit dem Kopfe voran aus dem Grabe herausgezogen. Nun, Herr Bones –«

»So heiße ich nicht!« unterbrach der Kaptein den Doktor.

»Ist mir Wurscht!« antwortete der. »Ein alter Seeräuber, den ich kenne, heißt so; und ich nenne Euch so der Kürze wegen, und was ich Euch zu sagen habe, ist dies: Ein Glas Rum wird Euch nicht umschmeißen, aber wenn Ihr eins trinkt, so werdet Ihr noch eins nehmen und wieder eins, und ich setze meine Perücke zum Pfande: wenn Ihr das Rumtrinken nicht ganz und gar aufgebt, so sterbt Ihr – versteht Ihr dies? – sterbt und geht dahin, wo Ihr hingehört, wie der Mann in der Bibel. Na, nun versucht mal aufzustehen. Ich will Euch zu Bett bringen.«

Mit großer Mühe gelang es uns beiden, dem Doktor und mir, den Kaptein die Treppe hinaufzubringen und ihn auf sein Bett zu legen, wo ihm sofort der Kopf auf das Kissen sank, als ob er beinahe ohnmächtig wäre.

»Also denkt daran!« sagte der Doktor; »ich wasche meine Hände in Unschuld – das Wort Rum bedeutet für Euch Tod.«

Und damit ging er hinaus, um nach meinem Vater zu sehen. Er faßte mich am Arm und nahm mich mit hinaus, und sobald er die Tür geschlossen hatte, sagte er zu mir:

»Das hat nichts zu bedeuten; ich habe ihm genug Blut abgezapft, um ihn für eine Weile ruhig zu halten; er sollte eine Woche im Bett liegenbleiben – das ist das beste für ihn und für euch; aber wenn er noch einen Schlaganfall kriegt, so ist’s aus mit ihm.«

Drittes Kapitel Der schwarze Fleck

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So gegen die Mittagsstunde stand ich vor des Kapteins Türe mit einigen kühlenden Getränken und Medizinflaschen. Er lag noch so ziemlich in derselben Stellung, in der wir ihn verlassen hatten; nur hatte er sich etwas höher hinaufgeschoben. Er schien schwach, zugleich aber auch aufgeregt zu sein.

»Jim,« sagte er zu mir, »du bist hier im Hause der einzige, der was taugt, und du weißt, ich bin immer gut zu dir gewesen. Kein Monat ist vergangen, ohne daß ich dir ein silbernes Vier-Penny-Stück gegeben habe. Und nun sieh mal, Maat, mir geht es verdammt schlecht und ich bin von allen verlassen; und, Jim, du wirst mir ein einziges Nöselchen Rum bringen, nicht wahr, das tust du doch, mein Jungchen?«

»Der Doktor,« fing ich an.

Aber da fluchte er auf den Doktor – mit schwacher Stimme, aber es kam ihm vom Herzen.

»Doktors sind alle Schwätzer,« sagte er; »und der Doktor da – poh, was versteht der von seebefahrenen Menschen? Ich bin an Stellen gewesen, da war’s so heiß wie in der Hölle, und die Kameraden fielen rund um mich herum wie die Fliegen vom Gelben Hans und das Land da schwankte von Erdbeben wie Meereswogen – was weiß so ein Doktor von solchen Ländern? Und ich blieb am Leben, sag’ ich dir, und das machte der Rum. Der war für mich Essen und Trinken, und wir waren wie Mann und Frau; und wenn ich nicht meinen Rum haben soll, dann bin ich ein armseliges altes Wrack an einer Leeküste – und mein Blut kommt über dich, Jim, und über den Schwätzer da, den Doktor!«

Jetzt kam wieder eine Reihe von Flüchen, und dann fing er noch einmal an zu betteln:

»Sieh doch mal, Jim, wie mir die Finger zittern. Ich kann sie nicht stillhalten – kann’s einfach nicht. Habe an diesem lieben Tag noch keinen Tropfen gehabt. Der Doktor da ist ein Schafskopf, sag’ ich dir. Wenn ich nicht einen Schluck Rum kriege, dann krieg’ ich das graue Elend; hab’s schon ein paarmal gehabt. Ich sah den alten Flint in der Ecke da; da hinter dir; sah ihn klar und deutlich; und wenn ich das graue Elend kriege – na, ich habe ein hartes Leben gehabt, und mir wird schlecht bei dem Gedanken. Der Doktor sagte mir ja selber: ein einziges Glas würde mir nichts schaden. Ich will dir eine goldene Guinee für ein Nöselchen geben!«

Er wurde immer aufgeregter, und das machte mich unruhig meines Vaters wegen, mit dem es an diesem Tage sehr schlecht stand und der Ruhe nötig hatte; außerdem hatte ja der Doktor wirklich die Worte gesagt, die der Kaptein mir anführte. Der Bestechungsversuch ärgerte mich allerdings; aber ich sagte:

»Ich brauche Ihr Geld nicht; bezahlen Sie nur, was Sie meinem Vater schuldig sind. Ich will Ihnen ein Glas holen, aber nicht mehr.«

Als ich ihm das Glas Rum brachte, griff er gierig danach und trank es aus; dann sagte er:

»Ah! ah! das tut wohl! mir ist ganz gewiß schon etwas besser. Und nun höre mal, mein Jungchen: sagte der Doktor, wie lange ich hier in dieser alten Klappe liegen müsse?«

»Wenigstens eine Woche.«

»Alle Donner!« schrie der Kaptein. »Eine Woche! Das geht nicht: inzwischen würden sie mir den schwarzen Fleck bringen. Die Schweinehunde sind schon dabei, mir den Wind abzufangen – die Schweinehunde, die nicht sparsam umgehen konnten mit dem, was sie kriegten, und jetzt klauen wollen, was einem andern gehört! Benimmt ein ordentlicher Seemann sich so? Das möchte ich mal hören! Ich bin ein sparsamer Mensch. Ich habe niemals gutes Geld vergeudet, was ich mir verdient hatte; ich habe auch noch nie welches verloren, und ich will auch jetzt wieder dafür sorgen, daß sie sich den Mund wischen können. Vor denen habe ich keine Angst! Ich werde noch ein Segel aufsetzen, mein Jungchen, und sie können mir nachflöten!«

Während er diese Reden hielt, war er mit großer Mühe von seinem Bett aufgestanden; er hielt sich mit einem Griff, daß ich beinahe laut herausgeschrien hätte, an meiner Schulter fest, und ich merkte, daß seine Beine so schwer wie Blei sein mußten, denn er konnte sie kaum bewegen. Seine Worte an sich waren zwar sehr mutig, aber die schwache Stimme, in der er sie aussprach, bildete einen traurigen Gegensatz dazu. Als es ihm gelungen war, sich auf den Bettrand zu setzen, schwieg er einen Augenblick. Dann flüsterte er:

»Der Doktor hat mich alle gemacht, es saust mir in den Ohren. Lege mich auf den Rücken.«

Ich konnte ihm nicht viel helfen; denn ehe ich noch zugriff, war er schon wieder in seine frühere Lage zurückgesunken. Eine Weile lag er still da; endlich sagte er:

»Jim, du sahst heute den Seemann?«

»Den Schwarzen Hund?«

»Jawohl, den Schwarzen Hund!Derist ein schlechter Kerl; aber die, die ihn angestiftet haben, sind noch schlimmer als er. Nun, wenn ich nicht auf irgendeine Weise von hier wegkommen kann und wenn sie mir den schwarzen Fleck in die Hand drücken, dann merke dir, was ich dir jetzt sage: Sie sind hinter meiner alten Schifferkiste her. Nun nimmst du dir ein Pferd – du kannst doch reiten, nicht wahr? Na also – du setzt dich auf ein Pferd und reitest zu – na, in Gottes Namen! – zu dem ewigen Schwätzer, dem Doktor, und sagst ihm, er solle alle Mann auf Deck pfeifen – Behörden und solches Zeug – und soll sich längsseits vom ›Admiral Benbow‹ legen, und er werde des alten Flint ganze Mannschaft fangen, groß und klein, alles, was noch davon übrig ist. Ich war erster Steuermann, ja, das war ich! Dem alten Flint sein erster Steuermann, und ich bin der einzige, der die Stelle kennt. Er gab es mir in Savannah, als er im Sterben lag, gerade wie ich jetzt, wie du siehst. Aber du mußt das nicht melden, bevor sie mir den schwarzen Fleck in die Hand geben, oder bevor du den Schwarzen Hund wiedersiehst, oder einen einbeinigen Seemann, Jim – diesen vor allen!«

»Aber, was ist der schwarze Fleck, Kaptein?« sagte ich.

»Das ist eine Aufforderung, Maat. Ich will dir’s erklären, wenn sie damit kommen. Aber die Hauptsache ist, daß du dein Wetterauge offen hältst, Jim, und verlaß dich drauf, ich will mit dir teilen, Jim, halb und halb, auf meine Ehre!«

Er phantasierte noch eine kleine Weile, und seine Stimme wurde immer schwächer. Dann gab ich ihm seine Medizin; er schluckte sie hinunter wie ein Kind und bemerkte dazu:

»Wenn jemals ein Seemann Medizin nötig hatte, dann bin ich das.«

Schließlich verfiel er in einen schweren, ohnmachtähnlichen Schlaf, und ich ließ ihn allein.