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Ein Bauarbeiter findet einen Schatz, einen pensionierten Studienrat packt das Bernsteinfieber und die Bewohner eines kleinen südfranzösischen Dorfes warten auf den Fackelträger mit dem olympischen Feuer. Unter solchen Bedingungen herrscht Ausnahmezustand. - Sieben Geschichten von schrulligen Typen und surrealen Begebenheiten.
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Seitenzahl: 61
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Sind es nicht gerade unsere kleinen Schwächen und Eigenarten, die uns so einzigartig und liebenswert machen?
Kuchen für die Nornen
Wagen 11
Willis Schatzkiste
Wie das olympische Feuer in einen alten Autoreifen kam
Flohmarkt der Erinnerungen
Das Gold des Meeres
Luka Leuchtefee
In der großen Halle mit den Webstühlen herrschte eine tiefe, samtene Stille. Irritiert sah er sich um und lauschte in die Dunkelheit. Sonst meinte er stets, auch um diese Zeit noch einen Nachhall des ohrenbetäubenden Ratterns und Dröhnens zu vernehmen, so als würden die Wände alle Erschütterungen des Tages in die nächtliche Stille entlassen. Heute breitete sich jedoch ein spürbarer Frieden in der großen Weberei aus. Sicher, es war Sonntag und die schweren Maschinen waren seit vierundzwanzig Stunden abgestellt – aber das reichte ihm als Erklärung nicht aus. Vielleicht, überlegte er, lag ja auf einer Silvesternacht, mit der ein neues Jahrhundert begann, tatsächlich ein Zauber.
Mit der Laterne in der linken Hand ging er langsam an den Webstühlen entlang. Er hatte dreiundzwanzig Jahre als Weber gearbeitet und konnte sich noch gut an seine Begeisterung erinnern, als diese Wunderwerke der Technik angeschafft worden waren. Auch heute noch erfüllte ihn ihr Anblick mit Freude. Bis auf den des Hunderteinundsiebzigsten, denn der hatte ihm vor acht Jahren die rechte Hand zerschlagen. Seitdem war er Nachtwächter und hatte nie mehr auch nur einen Tropfen getrunken.
Im Maschinenhaus hing noch die Wärme in den Wänden. Hier schlug seit neun Jahren das fünfhundert PS starke Herz der Wülfinger Tuchfabrik. In den Nächten, wenn die große Dampfmaschine ruhte, pflegte er ganz in ihrer Nähe seine Pause zu machen. Er genoss die ungestörte Zeit mit ihr, als wäre sie eine heimliche Geliebte, kannte jede Biegung ihres glänzenden Metallkörpers und wurde doch nie müde, sie zu betrachten. Doch heute rückte er seinen Stuhl ans Fenster und schaute zur Ortschaft hinüber. Das Herrenhaus der Familie Hardt war hell erleuchtet. Auch die Fenster in den Wohnhäusern der Arbeiter und Angestellten strahlten einladend. Dort drüben wurde gefeiert. Die zwölfte Stunde nahte und damit der Beginn des vielgepriesenen zwanzigsten Jahrhunderts.
Umständlich kramte er eine dicke Zigarre aus der Jackentasche und entzündete sie an der Flamme der Laterne. Sie war ein Geschenk seines Arbeitgebers und sollte ihm seinen einsamen Dienst in dieser Nacht versüßen. Er war ein leidenschaftlicher Zigarrenraucher, und als er die ersten weißen Rauchkringel in die Luft blies, seufzte er vor Vergnügen. Entspannt lehnte er sich zurück.
Als er müde den Blick senkte, entdeckte er vor sich auf der Fensterbank einen Weberknecht. Erneut sog der Nachtwächter an der Zigarre und nebelte mit einer gewissen Heimtücke das langbeinige Spinnentier ein. Das sackte auch gleich in sich zusammen, und er meinte, ein leises Seufzen zu hören. Das erstaunte ihn, denn zum einen war sein Gehör nach den vielen Jahren am Webstuhl nicht mehr das Beste, zum anderen hatte er bisher nicht gewusst, dass Spinnen seufzen können. Und während er noch den reglosen Weberknecht anstarrte, vernahm er so deutlich, als käme das Stimmchen aus seinem eigenen Kopf:
»Pah, um den ist es nicht schade! Lebt in einer Tuchfabrik, kann aber weder spinnen noch weben.«
Verwundert blickte er sich um und erstarrte. Direkt neben ihm hing, genau auf Augenhöhe, an einem silbrig glänzenden Faden eine große Spinne im bleichen Mondlicht. Vorhin hatte sich das Ungetüm hier noch nicht herumgetrieben. So dick und haarig, wie diese Spinne war, wäre sie ihm bestimmt aufgefallen und er hätte sich niemals freiwillig neben sie gesetzt. Nun starrte sie ihn aus sechs schwarzen Augenperlen an und erneut hörte er sie wispern:
»Der stellt sich nur tot! Lang ihn bloß nicht an, bei Gefahr stinkt der. Gestank ist alles, was aus seinen Drüsen kommt. So ein Versager!«
»Aber er macht wundervolle Schnittchen«, wandte eine sanfte Frauenstimme ein.
»Die Fensterspinne«, rief das Monster neben ihm, seilte sich nun gänzlich ab und landete auf der Fensterbank. »Na, pünktlich zum Tee?«
Im Staub lief eine feingliedrige, hellbraune Spinne aufgeregt hin und her.
»Was ist denn mit dem Weberknecht?«
»Schreckstarre, der wird gleich wieder. Soll ich ihn beißen?«
»Untersteh dich«, meinte die Fensterspinne empört, »sonst gibt es bei unserem Treffen heute nichts zu essen. Lass uns lieber schon einmal mit den Vorbereitungen beginnen.«
Und während der Weberknecht schwankend auf die Beine kam, spannen die beiden Spinnen silberne Fäden. Draußen lag glitzernd der Neuschnee, der Mond leuchtete hell über dem Tal der Wupper und der Himmel war voller Sterne. So abstoßend und hässlich die beiden Spinnerinnen dem Nachtwächter auch erschienen – das, was sie erschufen, war zauberhaft. Sie webten ihre Fäden in schimmernden Schlaufen zu einem in sich verschlungenen, dreieckigen Knoten, und als sie fertig waren, lag dort auf der Fensterbank ein silbern glänzendes Tablett für drei – und die passenden, winzigen Tässchen hatten sie auch noch gefertigt.
Kaum hatten sie ihre Arbeit beendet, kam auch schon der Weberknecht auf vier Beinen angerannt. Mit den anderen vier trug er die bestellten Schnittchen und eine große, gläserne Teekanne.
»Ach, wie schön«, rief die Fensterspinne, »was gibt es denn dieses Mal?«
»Zarte Staubflocken gefüllt mit Milbenmus, knackige Fliegeneier in einem dünnen Fadenmantel und zum Nachtisch Mottenflügel an Wollflusen«, antwortete der Weberknecht nicht ohne Stolz.
»Ich krieg die Fliegeneier«, meinte die Dicke entschieden.
Die Fensterspinne musterte sie vorwurfsvoll, sagte aber nichts. Dann hoben die drei ihre Tassen und langten ordentlich zu.
Als er die Spinnen so schmausen sah, wurde auch der Nachtwächter hungrig und ihm fiel sein gut gefüllter Henkelmann ein. Also holte er ihn aus der Jackentasche und legte seine rechte Hand auf den Deckel, um mit der linken die Verschlüsse zu öffnen.
»Ach herrje«, flüsterte der Weberknecht und betrachtete mitleidig die verkrüppelte Hand. »Wächst das wieder nach?«
»Nein«, meinte der Gefragte, »das bleibt so.«
Der Weberknecht erzitterte leicht. »Wie schrecklich«, er wirkte ehrlich entsetzt, »und das, wo ihr doch nur vier Beine habt!«
Nun schämte sich der Nachtwächter. Ausgerechnet der von ihm Gequälte brachte ihm sein volles Mitgefühl entgegen. Und weil er etwas wiedergutmachen wollte, bot er den dreien von seinem Kuchen an.
»Was für ein Jahrestag«, rief die Fensterspinne entzückt. »Nun gibt es auch noch Kuchen zum Tee! Sehen wir dich in hundert Jahren zu unserem nächsten Treffen wieder? Du bist uns herzlich willkommen!«
»Ich glaube kaum, dass ich dann noch hier bin«, lächelte der Mann gerührt, »aber habt Dank für die Einladung!«
»Können wir uns nächstes Mal woanders treffen?«, wisperte der Weberknecht und rang die ersten beiden seiner acht Beine. »Hier ist es mir mittlerweile echt zu laut geworden!«
Die Dicke hob ihre Tasse und trank schlürfend ein paar Schlucke. »Unser Sensibelchen. Reg dich ab, Schätzchen! Das mit dem Lärm legt sich wieder. Du glaubst gar nicht, wie still es hier in hundert Jahren sein wird!«
Dabei warf sie dem Nachtwächter einen vielsagenden Blick zu und lächelte böse. Doch bevor der fragen konnte, was sie damit gemeint hatte, erklang von der Kirche in Dahlerau der erste Glockenschlag.
Nun brach ein ungeheures Getöse los, denn alle wollten das neue Jahrhundert gebührend empfangen. Verschlafen rappelte sich der Nachtwächter auf seinem Stuhl hoch und betrachtete irritiert die erkaltete Zigarre in seiner linken Hand.
»Oh, oh«, dachte er, »ich glaube, ich werde alt. Und was ich wieder für einen Mist geträumt habe!«
Doch dann fiel sein Blick auf die Fensterbank. Dort lagen, zusammengekrümmt und eingetrocknet, drei Spinnentiere im Staub der Zeit.
