Ausradiert - Percival Everett - E-Book

Ausradiert E-Book

Percival Everett

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Beschreibung

Percival Everett – Autor des Pulitzer-Preis-prämierten Bestsellers »James« Thelonious »Monk« Ellison ist Schriftsteller – und verzweifelt: Seine anspruchsvollen Bücher finden kaum Beachtung, während klischeebeladene »Ghettoromane« über Schwarze gefeiert werden. Aus Wut schreibt er selbst unter Pseudonym einen solch stereotypen, provokanten Roman mit dem Titel »Fuck«. Der Erfolg ist überwältigend. Doch mit dem Ruhm wächst auch das Chaos in Monks Leben. »Ausradiert« ist eine bissige, kluge Satire auf den Literaturbetrieb, kulturelle Erwartungen und die Frage, wer erzählen darf – und wie.

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Seitenzahl: 418

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Das ist das Cover des Buches »Ausradiert« von Percival Everett

Über das Buch

Thelonious »Monk« Ellison ist Schriftsteller — und verzweifelt: Seine anspruchsvollen Bücher finden kaum Beachtung, während klischeebeladene »Ghettoromane« über Schwarze gefeiert werden. Aus Wut schreibt er selbst unter Pseudonym einen solch stereotypen, provokanten Roman mit dem Titel »Fuck«. Der Erfolg ist überwältigend. Doch mit dem Ruhm wächst auch das Chaos in Monks Leben. »Ausradiert« ist eine bissige, kluge Satire auf den Literaturbetrieb, kulturelle Erwartungen und die Frage, wer erzählen darf — und wie.

PERCIVAL EVERETT

Ausradiert

Roman

Aus dem Englischen von Jens Seeling

Hanser Taschenbuch

Für Chessie, meine Liebe, mein Leben

1

Mein Tagebuch ist Privatsache. Doch weil ich den Zeitpunkt meines eigenen Todes nicht vorhersehen kann und nicht gewillt bin, ein selbst herbeigeführtes Ende ernsthaft zu erwägen, fürchte ich, andere Personen werden diese Seiten lesen. Da ich dann auf jeden Fall tot sein werde, sollte es mir eigentlich egal sein, wer was und wann zu sehen bekommt. Mein Name ist Thelonious Ellison. Ich bin Schriftsteller. Wenn ich daran denke, dass meine Geschichte gefunden und gelesen wird, schmerzt mich diese Beichte. Denn ich habe Erzählungen mit einem Schriftsteller als Hauptfigur nie besonders gemocht. Also behaupte ich, etwas anderes gewesen zu sein, wenn auch nicht anstelle, so doch außerdem, und das ist: Sohn, Bruder, Fliegenfischer, Kunstliebhaber, Holzbearbeiter. Auch wenn ich die zuletzt genannte Beschäftigung nur wegen der Scham nenne, die sie meiner Mutter bereitete, die meinen Pritschenwagen jahrelang als Kombi schönredete. Ich bin Thelonious Ellison. Nennt mich Monk.

*

Ich habe dunkelbraune Haut, krauses Haar, eine breite Nase, einige meiner Vorfahren waren Sklaven und ich wurde von blassgesichtigen, weißen Polizisten in New Hampshire, Arizona und Georgia festgenommen, und so nennt mich die Gesellschaft, in der ich lebe, schwarz. Das ist meine Rasse. Obwohl ich einigermaßen athletisch bin, spiele ich sehr schlecht Basketball. Ich höre Mahler, Aretha Franklin, Charlie Parker und Ry Cooder auf Vinyl und CD. Ich habe Harvard mit summa cum laude abgeschlossen und jede Minute dort gehasst. Ich bin gut in Mathematik. Ich kann nicht tanzen. Ich bin weder in irgendeinem heruntergekommenen Großstadtviertel noch im ländlichen Süden aufgewachsen. Meine Familie besaß ein Ferienhaus in der Nähe von Annapolis. Mein Großvater war Arzt. Mein Vater war Arzt. Mein Bruder und meine Schwester waren Ärzte.

Auf dem College wurde ich hauptsächlich deswegen Mitglied der Black Panther Party — unbedeutend, wie sie damals bereits war —, weil ich das Gefühl hatte, beweisen zu müssen, schwarz genug zu sein. Einige Leute aus der Gesellschaft, in der ich lebe und die als schwarz beschrieben wird, sagen mir, ich sei nicht schwarz genug. Einige Leute, die von der Gesellschaft weiß genannt werden, sagen mir das Gleiche. Ich habe dies vor allem über meine Romane gehört, von Verlegern, die mich abgelehnt haben, und von Kritikern, die ich offensichtlich verstört habe, und außerdem bei mehreren Gelegenheiten auf dem Basketballfeld, wo ich Sachen wie »Gütiger Gott!« murmelte, wenn ein Wurf danebenging. Ein Kritiker:

Der Roman ist elegant geschrieben, mit lebensechten Charakteren, einer reichen Sprache und einer subtilen Handlung, doch es fällt schwer zu verstehen, was diese Bearbeitung von Aischylos’ Die Perser mit afroamerikanischen Erfahrungen zu tun haben soll.

Auf einer Party in New York — einer dieser öden Angelegenheiten, wo Leute, die schreiben, mit Leuten, die schreiben möchten, und Leuten, die einer der beiden Gruppen helfen, mit dem Schreiben zu beginnen oder fortzufahren, zusammen herumstehen — erklärte mir ein großer, dünner, ziemlich hässlicher Literaturagent, ich könne sehr viele Bücher verkaufen, wenn ich keine Neubearbeitungen von Euripides und Parodien auf französische Poststrukturalisten mehr veröffentlichen, sondern mich stattdessen hinsetzen würde, um die wahren, dreckigen Geschichten des schwarzen Lebens niederzuschreiben. Ich sagte ihm, dass ich ein schwarzes Leben lebe, weit schwärzer, als er es sich jemals vorstellen könne, dass ich eines gelebt hatte und weiterhin eines leben werde. Er ließ mich stehen, um sich mit einer aufstrebenden Performancekünstlerin/Autorin zu unterhalten, die kürzlich geschlagene siebzehn Stunden als Gartenfigur vor dem Amtssitz des Gouverneurs posiert hatte. Vertraulich schnipste er eine ihrer geflochtenen Haarverlängerungen zur Seite und zeigte einen erhobenen Daumen in meine Richtung.

Die harte, schmutzige Wahrheit ist, dass ich fast nie über so etwas wie »Rasse« nachdenke. In den Zeiten, in denen ich viel darüber nachdachte, tat ich dies aus dem Schuldgefühl heraus, zuvor nicht genug darüber nachgedacht zu haben. Ich glaube nicht an so etwas wie »Rasse«. Ich glaube, es gibt Leute, die mich erschießen oder aufhängen oder betrügen werden, oder die versuchen werden, mir Steine in den Weg zu legen, weil sie an so etwas wie »Rasse« glauben. Wegen meiner braunen Haut, krausen Haare, breiten Nase und Sklavenvorfahren. Aber so ist das eben.

*

Sägen zerschneiden Holz. Entweder trennen sie die Maserung der Länge nach auf oder durchschneiden sie quer. Eine Längsschnittsäge wird sanft entlang der Maserung schneiden, aber das Holz zerhacken, wenn man sie senkrecht dazu einsetzt. Alles liegt in der Geometrie der Zähne, ihrer Form, Größe und Anordnung, wie sie gegenüber dem Sägeblatt geneigt sind. Sägen für Querschnitte haben normalerweise kleinere Zähne als Längsschnittsägen. Die großen Zähne der Längsschnittsägen reißen das Holz schnell weg, und ihre großen Zwischenräume sorgen für einen raschen Abtransport der Späne, wodurch ein Feststecken des Sägeblattes verhindert wird. Zähne für Querschnitte erzeugen einen breiteren Schnitt, sind nach hinten geneigt und spitz angeschliffen. Aufgrund dieser Spitzen schneidet die Säge sauber durch die Maserung.

*

Ich kam nach Washington, um auf einer Tagung der Nouveau Roman Society einen Vortrag zu halten, für den ich mich nur mäßig interessierte. Ich entschloss mich, teilzunehmen, obwohl ich weder zu dieser Organisation noch zu ihren Mitgliedern oder ihren Zielen eine besondere Beziehung hatte, sondern weil meine Mutter und meine Schwester immer noch in D. C. lebten und seit meinem letzten Besuch drei Jahre vergangen waren.

Meine Mutter wollte mich am Flughafen treffen, aber ich weigerte mich, ihr meine Flugdaten zu geben. Ebenso verschwieg ich ihr, in welchem Hotel ich absteigen würde. Meine Schwester bot nicht an, mich abzuholen. Vermutlich hasste Lisa mich, ihren jüngeren Bruder, nicht, aber schon früh stellte sich heraus, dass sie nur wenig mit mir anfangen konnte. Und das hatte sich nicht geändert. Ich war zu flatterhaft für sie, lebte in einem Wirbel aus Inspirationen, zu weit entfernt vom wirklichen Leben. Während sie sich durch die medizinische Ausbildung gekämpft hatte, war ich — anscheinend — irgendwie durch das College geschwebt, »ohne jemals ein Buch aufzuschlagen«. Dies entsprach zwar nicht der Wahrheit, war aber ein Glaube, an dem sie festhielt. Während sie täglich ihr Leben riskierte, indem sie die Kette der Mahnwache durchbrach, um bedürftigen Frauen medizinische Hilfe zu leisten, die, wenn sie es wollten, auch Abtreibungen einschloss, ging ich angeln, sägte Holz oder schrieb schwierige, abseitige Romane oder unterrichtete einen Haufen von naiven, kalifornischen Intellektuellen in russischem Formalismus. Doch wenn sie mir gegenüber kühl war, dann war sie meinem Bruder, dem hochbezahlten Schönheitschirurgen in Scottsdale, Arizona, gegenüber eisig. Bill hatte eine Frau und zwei Kinder, doch wir alle wussten, dass er schwul war. Linda lehnte ihn nicht wegen seiner Sexualität ab, sondern weil er Medizin aus keinem anderen Grund praktizierte, als damit möglichst viel Geld anzuhäufen.

Manchmal bildete ich mir ein, mein Bruder und meine Schwester wären wegen meiner Bücher stolz auf mich, selbst wenn sie diese unlesbar und langweilig fanden und für reine Kuriositäten hielten. Als unsere Eltern einigen Freunden gegenüber meine Brillanz priesen, erklärte mein Bruder einmal: »Du könntest den größten Mist verzapfen und sie würden sich immer noch so verhalten.« Ich wusste es, bevor er es aussprach, aber es war immer noch ziemlich herabsetzend. Dann fügte er hinzu: »Nicht, dass sie kein Recht hätten, stolz zu sein.« Was ungesagt blieb, aber deutlich mitschwang, war, dass sie zwar ein Recht, aber keinen Grund hatten, stolz auf mich zu sein. Damals muss es mich getroffen haben, denn ich ärgerte mich über seine Worte. Später, immerhin, verstand ich Bill und was er sagen wollte, auch wenn ich ihn seit vier Jahren nicht mehr gesehen habe.

Die Konferenz fand im Mayflower Hotel statt, aber weil ich Meetings nicht mochte und nur wenig Interesse an den Teilnehmern der Veranstaltung hatte, nahm ich ein Zimmer in einer kleinen Pension namens Tabbard Inn, die am Dupont Circle lag. Das bestechendste Merkmal dieses Hauses war für mich die Abwesenheit eines Telefons auf meinem Zimmer. Ich meldete mich an, packte aus und duschte. Dann rief ich vom Telefon in der Hotelhalle meine Schwester in ihrer Klinik an.

»Du bist also da«, sagte Lisa.

Ich erklärte ihr nicht, wie viel besser »Bist du gut angekommen?« geklungen hätte, sondern sagte nur: »Ja.«

»Hast du Mutter schon angerufen?«

»Nein. Ich dachte, sie wird gerade ihre Nachmittags-Siesta halten.«

Lisa grunzte etwas, das sich wie Zustimmung anhörte. »Soll ich bei dir vorbeikommen, und wir fahren rüber und holen die alte Dame zum Abendessen ab?«

»Okay. Ich bin im Tabbard Inn.«

»Das kenne ich. Ich bin in einer Stunde da.« Sie legte auf, bevor ich »Auf Wiedersehen« oder »Bis dahin bin ich fertig« oder »Mach dir keine Sorgen, fahr einfach zur Hölle« sagen konnte. Aber das hätte ich nicht zu Lisa gesagt. Ich bewunderte sie viel zu sehr, und in vielerlei Hinsicht wünschte ich mir, mehr wie sie zu sein. Sie widmete ihr Leben der Hilfe armer Menschen, aber es war mir niemals klar, ob sie diese Menschen wirklich so sehr mochte. Die Idee des Dienens hatte sie von meinem Vater, der, wie wohlhabend ihn seine Praxis auch gemacht haben mochte, von der Hälfte seiner Patienten niemals ein Honorar verlangte.

Die Beerdigung meines Vaters war ein einfaches, wenn auch großes und irgendwie selbstverständliches Ereignis in Nordwest-Washington. Die Straße vor der Episkopalkirche, die meine Eltern nie besuchten, war voll mit Menschen, von denen viele Tränen in den Augen hatten und behaupteten, der große Dr. Ellison habe sie auf diese Welt gebracht. Und das, obwohl die meisten von ihnen eindeutig zu jung waren, um in der Zeit, in der er noch praktizierte, geboren worden zu sein. Bis heute ist es mir unmöglich, dieses Spektakel zu verstehen.

*

Lisa kam genau eine Stunde später an. Wir umarmten uns steif, wie immer, und gingen auf die Straße. Ich stieg in ihr Luxuscoupé, sank in das Leder und sagte: »Schönes Auto.«

»Was soll das heißen?«

»Bequemes Auto«, sagte ich. »Komfortabel, gut ausgestattet, kein Schrott, besser als mein Auto. Was denkst du, soll es heißen?«

Sie drehte den Schlüssel um. »Bist du fertig?«

Ich schaute sie an und sah, wie sie den Hebel der Automatik auf Fahren stellte.

»Mutter ist in letzter Zeit etwas seltsam.«

»Am Telefon hat sie sich gut angehört«, sagte ich, wohl wissend, wie dumm dieser Satz war.

»Denkst du wirklich, du kannst irgendetwas beurteilen während dieses fünfminütigen Austausches von Belanglosigkeiten, den du Konversation nennst?«

Ich hatte es in der Tat so genannt, würde es aber nie mehr tun.

»Sie vergisst Dinge, vergisst nach wenigen Minuten, was du ihr gesagt hast.«

»Sie ist eine alte Frau.«

»Genau das will ich damit sagen.« Lisa presste ihre Handfläche auf die Hupe, dann ließ sie ihre Seitenscheibe herunter. Sie schrie den Fahrer vor uns an, der in einer Weise gebremst hatte, die ihr missfiel. »Friss Scheiße und stirb, du Missbildung.«

»Du solltest vorsichtiger sein«, sagte ich. »Der Typ könnte ein gefährlicher Spinner oder so etwas sein.«

»Vergiss ihn«, sagte sie. »Vor vier Monaten hat Mutter alle ihre Rechnungen doppelt bezahlt. Alle. Rate mal, wer jetzt die Schecks ausschreibt?« Sie drehte sich zu mir und wartete auf eine Antwort.

»Du.«

»Verdammt richtig, ich. Du bist in Kalifornien, und unser Schönling zerschnippelt Leute in Schrottdale, und ich bin hier ganz allein.«

»Was ist mit Lorraine?«

»Lorraine ist immer noch da. Wo sollte sie sonst sein? Sie stiehlt immer noch hier und da ein paar Kleinigkeiten. Denkst du, sie hat sich beklagt, als sie doppelt bezahlt wurde? Ich bin sehr müde.«

»Es tut mir leid, Lisa. Das ist wirklich keine faire Aufteilung.« Ich wusste nicht mehr, was ich sagen sollte, außer anzubieten, nach D. C. zurückzukommen und bei Mutter einzuziehen.

»Sie erinnert sich nicht einmal daran, dass ich geschieden bin. Sie kann sich an jede widerliche Einzelheit über Barry erinnern, aber nicht, dass er mit seiner Sekretärin durchgebrannt ist. Du wirst sehen. Das Erste, was sie sagen wird, ist: ›Du und Barry, seid ihr schon schwanger?‹ Jesus Christus.«

»Soll ich mich um irgendetwas im Haus kümmern?«, fragte ich.

»Ja, natürlich. Du kommst heim, reparierst einen Heizkörper, und sie wird sich in sechs Jahren noch daran erinnern. ›Monksie hat die quietschende Tür repariert. Warum kannst du nichts reparieren? Man sollte doch annehmen, mit deiner Ausbildung müsstest du etwas reparieren können.‹ Fass in diesem Haus bloß nichts an.« Lisa griff nach keiner Zigarettenschachtel, machte keine Bewegungen, als würde sie nach einer Zigarette fischen oder eine anzünden, aber genau das tat sie. In Gedanken hielt sie ein Einwegfeuerzeug an eine Marlboro und stieß eine Rauchwolke aus. Sie sah mich erneut an. »Also, wie geht es dir, kleiner Bruder?«

»Ganz gut, denke ich.«

»Was machst du hier in der Stadt?«

»Ich halte einen Vortrag auf dem Treffen der Nouveau Roman Society.« Ihr Schweigen schien nach weiteren Einzelheiten zu fragen. »Ich arbeite gerade an einem Roman, ich vermute, du würdest Roman dazu sagen, der diesen theoretischen Text von Roland Barthes, S/Z, behandelt, ganz genauso wie dieser seinen sogenannten Textgegenstand, Balzacs Sarrasine, behandelt.«

Lisa grummelte etwas einigermaßen freundlich Klingendes. »Weißt du, ich kann das Zeug, das du schreibst, einfach nicht lesen.«

»Tut mir leid.«

»Ich bin mir sicher, es ist mein Fehler.«

»Was macht deine Praxis?«

Lisa schüttelte den Kopf. »Ich hasse dieses Land. Diese Idioten von Abtreibungsgegnern stehen jeden Tag vor der Klinik, mit ihren Schildern und ihren dicken Eierköpfen. Sie machen mir Angst. Ich nehme an, du hast von der Schweinerei in Maryland gehört.«

Ich hatte in der Tat von dem Heckenschützen gelesen, der eine Schwester durch die Fenster des Krankenhauses erschossen hatte. Ich nickte.

Lisa trommelte nervös mit ihren Zeigefingern auf das Lenkrad. Wie immer erschienen mir meine Schwester und ihre Probleme so viel größer als ich und meine Angelegenheiten. Und ich konnte ihr keine Lösungen, Ratschläge oder wenigstens Mitleid bieten. Sogar in ihrem Auto überragte sie mich, trotz ihrer geringen Körpergröße und ihrer weichen Züge.

»Weißt du, warum ich dich mag, Monk?«, sagte sie nach einer langen Pause. »Ich mag dich, weil du klug bist. Du verstehst Dinge, die ich nie begreifen werde, und du denkst nicht einmal darüber nach. Ich meine, du bist einer von diesen Leuten.« Es lag ein Unterton von Feindseligkeit in ihrem Lob. »Ich meine, Bill ist ein Trottel, vielleicht ein guter Metzger, aber trotzdem ein Metzger. Er schert sich um nichts, außer darum, ein guter Metzger zu sein und Metzgergeld zu machen. Aber du, du müsstest über diesen ganzen Mist nicht nachdenken, aber du tust es.« Sie nahm die imaginäre Zigarette aus ihrem Mund. »Ich wünschte, du würdest etwas schreiben, das ich lesen könnte.«

»Ich werde sehen, was ich tun kann.«

*

Ich fische immer in kleinen Gewässern, in Bächen und seichten Nebenflüssen. Ich schaffe es nie, vor Einbruch der Dunkelheit zu meinem Auto zurückzukehren. Egal, wie früh ich anfange, es ist Nacht, wenn ich zurückkomme. Ich angle in dieser Vertiefung, dann an jener Stromschnelle, an diesem Prallhang, jener Flussbiegung, jeder Platz sieht aussichtsreicher aus als der vorherige, bis ich meilenweit von dem Ort entfernt bin, an dem ich begonnen habe. Wenn ich merke, dass es spät wird, fische ich meinen Weg zurück, wobei mir jedes mögliche Forellenversteck noch aufregender erscheint als zuvor, der neue Blickwinkel hat es verändert, der Gedanke, dass die Dämmerung die Fische hungrig macht, gibt mir neuen Antrieb.

*

Meine Mutter war gerade von ihrem Nickerchen aufgestanden, als wir an ihrem Haus ankamen, doch wie immer war sie gekleidet, als wolle sie gerade ausgehen. Sie schien kleiner als je zuvor und umarmte mich etwas weniger steif, als meine Schwester es getan hatte, und sagte: »Mein kleiner Monksie ist daheim.«

Ich hob sie kurz vom Boden hoch, sie hatte das immer gemocht, und küsste ihre Wange. Ich bemerkte den abwartenden Ausdruck auf dem Gesicht meiner Schwester, als die Alte sich ihr zuwandte.

»Also Lisa, du und Barry, seid ihr schon schwanger?«

»Barry ja«, sagte Lisa. Dann sprach sie zu dem verwirrten Gesicht unserer Mutter. »Barry und ich sind geschieden, Mom. Der Idiot ist mit einer anderen Frau abgehauen.«

»Das tut mir wirklich leid, Liebling.« Sie tätschelte Lisas Arm. »So ist das Leben, Schatz. Mach dir keine Sorgen. Du kommst darüber hinweg. ›Auf die eine oder andere Weise‹, wie dein Vater immer gesagt hat.«

»Danke, Mutter.«

»Wir führen Sie zum Abendessen aus, Madam«, sagte ich. »Was hältst du davon?«

»Das ist wundervoll, einfach wundervoll. Ich möchte mich nur etwas frisch machen und meine Tasche holen.«

Während sie weg war, wanderten Lisa und ich im Wohnzimmer umher. Ich ging zum Kaminsims und betrachtete die Fotografien, die seit fünfzehn Jahren dort standen. Mein Vater, der ritterlich in seiner Uniform aus dem Koreakrieg posierte, und meine Mutter, die auf dem Foto der Schauspielerin Dorothy Dandridge ähnlicher sah als sich selbst, und die Kinder, die niedlicher und sauberer wirkten, als wir es jemals gewesen waren. Ich schaute hinunter in den Kamin. »Hey Lisa, da ist Asche im Kamin.«

»Was?«

»Schau. Asche.« Ich deutete darauf.

Der Kamin wurde niemals benutzt. Unsere Mutter hatte dermaßen Angst vor Feuer, dass sie auf elektrischen Öfen und elektrischen Fußbodenheizungen im ganzen Haus bestanden hatte. Mutter kam mit ihrer Tasche und einem gepuderten Gesicht zurück.

»Wie kommt diese Asche dorthin?«, fragte Lisa, sich der Sache auf ihre Art annehmend.

»Wenn man Sachen verbrennt, entsteht Asche«, antwortete Mutter. »Das solltest du bei deiner Ausbildung eigentlich wissen.«

»Was hast du verbrannt?«

»Ich habe deinem Vater versprochen, nach seinem Tod einige seiner Unterlagen zu verbrennen. Er ist tot.«

»Vater ist vor sieben Jahren gestorben«, sagte Lisa.

»Ich weiß, Schatz. Ich habe es erst jetzt gekonnt. Du weißt, wie sehr ich Feuer hasse.« Ihr Einwand schien verständlich.

»Welche Unterlagen?«, fragte Lisa.

»Das geht dich nichts an«, sagte Mutter. »Warum, denkst du, hat dein Vater mich gebeten, sie zu verbrennen? Lasst uns essen gehen.«

An der Tür fummelte Mutter mit dem Schlüssel im Schloss herum und monierte, dass der Mechanismus in letzter Zeit sehr schwergängig geworden sei. »Wenn du den Schlüssel so herumdrehst und dann zurück, dann geht es ganz einfach«, erklärte ich.

»Monksie hat mein Schloss repariert«, rief sie.

Lisa grummelte und stapfte vor uns die Treppe hinunter zu ihrem Auto.

»Ich glaube, es gibt ein Problem zwischen Lisa und Barry«, flüsterte meine Mutter mir zu.

»Ja, Mutter.«

»Bist du schon verheiratet?«, fragte sie. Ich hielt ihren Arm, während wir die Stufen der Veranda hinuntergingen.

»Noch nicht.«

»Dann kümmere dich am besten jetzt darum. Du willst doch nicht mit fünfzig noch auf kleine Kinder aufpassen. Sie würden dir fürchterlich auf die Nerven gehen.«

*

Mein Vater war beträchtlich älter als meine Mutter. Im Juni, wenn die Schule zu Ende war, fuhren wir in unser Ferienhaus in Highland Beach, Maryland. Dort öffneten wir alle Fenster, machten sauber, wischten Spinnennetze beiseite und verjagten streunende Katzen. Dann blieben wir für den Rest des Sommers am Strand, und Vater besuchte uns an den Wochenenden. Aber ich erinnere mich, wie ihn diese erste Reinigung stets erschöpfte, und wenn vor dem Abendessen Zeit war, eine Pause einzulegen und Softball oder Krocket zu spielen, dann legte er sich in einen Stuhl auf die Veranda und schaute zu. Er feuerte Mutter an, wenn sie den Schläger in die Hand nahm, gab ihr Tipps, dann ließ er sich nach hinten sinken, als erschöpfe ihn bereits der Gedanke daran. Morgens hatte er mehr Energie, und aus irgendeinem Grund unternahm er mit mir gemeinsame Morgenspaziergänge. Wir gingen zum Strand, auf den Pier hinaus, dann zurück, am Haus der Douglas vorbei und hinüber zum Priel, wo wir uns setzten und den Krabben zusahen. Manchmal nahmen wir einen Eimer und ein Netz mit, und er gab Anweisungen, während ich einige Dutzend Krabben für das Mittagessen fing.

Einmal ließ er sich auf seinen Hintern in den Sand fallen und sagte: »Thelonious, du bist ein guter Junge.«

Ich schaute ihn aus dem knöcheltiefen Wasser an.

»Du bist nicht wie dein Bruder und deine Schwester. Natürlich sind sie auch nicht einer wie der andere. Aber sie sind sich ähnlicher, als sie zugeben wollen. Wie auch immer, du bist anders.«

»Ist das gut, Dad?«

»Ja«, sagte er, als würde ihm diese Antwort erst in diesem Moment einfallen. »Da ist eine schön fette. Halt ein wenig Abstand.«

Ich folgte seinen Anweisungen und fing die Krabbe.

»Gut gemacht. Du hast einen besonderen Verstand. Die Art, wie du die Dinge betrachtest. Wenn ich die Geduld hätte, zu ergründen, was du manchmal sagst, ich weiß, du könntest einen klügeren Mann aus mir machen.«

Ich hatte keine Ahnung, was er mir sagen wollte, aber ich verstand den schmeichelnden Tonfall.

»Und du bist so entspannt. Behalte diesen Wesenszug, Sohn. Er wird dir mehr als alles andere im Leben helfen.«

»Ja, Vater.«

»Es wird dir ebenfalls nützlich sein, um deine Geschwister zu ärgern.« Dann lehnte er sich zurück und erlitt seinen ersten Herzinfarkt.

Ich rannte zu ihm. Er griff nach meinem Arm und sagte: »Bleib ganz ruhig und hole Hilfe.«

Es stellte sich als der erste von vier Herzinfarkten heraus, die er erlitt, bevor er an einem ungewöhnlich warmen Februarabend hinausging und sich erschoss, während Mutter zu einem Treffen ihres Bridgeklubs ausgegangen war. Anscheinend überraschte sein Selbstmord meine Mutter nicht. Sie rief jeden von uns in der Reihenfolge des Alters an und sagte allen das Gleiche: »Du musst zur Beerdigung deines Vaters nach Hause kommen.«

*

Das Abendessen verlief wie immer, nicht mehr und nicht weniger. Meine Mutter sagte Dinge, die meine Schwester mit den Augen rollen ließ, während sie ein ganzes Päckchen imaginärer Zigaretten rauchte. Mutter sagte mir, sie habe all ihren Bridgefreundinnen von meinen Büchern erzählt, und fragte, wie sie es immer tat, ob es nicht bessere Worte für ficken gab als ficken.

Dann setzte mich meine Schwester an meinem Hotel ab und verabredete sich flüchtig mit mir zum Mittagessen am nächsten Tag.

*

Ich sollte meinen Vortrag am nächsten Morgen um neun Uhr halten, also wollte ich früh zu Bett gehen und noch einmal darüber schlafen. Doch als ich in mein Zimmer kam, fand ich eine Notiz, die unter meiner Tür durchgeschoben worden war. Sie besagte, ich solle Linda Mallory im Mayflower zurückrufen. Ich ging in die Lobby, um zu telefonieren.

»Ich hatte gehofft, du würdest zur Konferenz kommen«, sagte Linda. »Die Sekretärin deines Instituts hat mir verraten, wo du wohnst.«

»Wie geht es dir, Linda?«

»Schon besser. Weißt du, ich und Lars haben uns getrennt.«

»Ich wusste nicht, dass ihr zusammen wart. Ich nehme an, es ist sinnlos, zu diesem Zeitpunkt zu fragen, wer Lars ist.«

»Bist du müde? Ich meine, es ist noch früh, und für uns gilt immer noch die Kalifornienuhr, oder?«

»Sagt man das so in der Bay-Area? Kalifornienuhr?« Ich sah auf meine Armbanduhr. 20 Uhr 20. »Mein Vortrag ist morgen früh um neun.«

»Aber es ist erst acht«, sagte sie. »Für uns bedeutet das fünf Uhr nachmittags. Du kannst nicht verlangen, dass ich glaube, du gehst um fünf Uhr zu Bett. Ich kann in einer Viertelstunde da sein.«

»Nein, ich komme zu dir«, sagte ich. Ich hatte Angst, sie würde sowieso auftauchen, wenn ich grundsätzlich abgesagt hätte. »Ich treffe dich in der Bar.«

»Es gibt eine Minibar in meinem Zimmer.«

»Um acht Uhr fünfundvierzig in der Bar.« Ich legte auf.

Linda Mallory und ich haben dreimal zusammen geschlafen, zweimal davon hatten wir Sex. Zweimal in Berkeley, wo ich einige Vorlesungen hielt, und einmal in Los Angeles, als sie dort das Gleiche machte. Sie war eine hochgewachsene, langbeinige, eher formlos-dünne Frau mit einem fliehenden Kinn und einem scharfen Witz. Einem scharfen Witz, wenn weder Männer noch Sex in irgendeiner Form beteiligt waren. Sie war auf männliche Aufmerksamkeit fixiert wie ein Rottweiler auf ein Schweineschnitzel, und das war alles, was sie dann noch wahrnahm. Tatsächlich könnte man sie attraktiv nennen, dunkle Augen, dichtes Haar, schlank und mit einem offenen Lächeln. Sie mochte es, zu vögeln. Sagte sie. Aber ich glaube, sie mochte es weit mehr, es auszusprechen, als es tatsächlich zu tun. Sie konnte aufdringlich sein. Und sie besaß keinerlei literarisches Talent, was sowohl irritierend als auch auf seltsame Art erfrischend war. Linda hatte einen Band mit berechenbar merkwürdigen und vorhersehbar innovativen Kurzerzählungen (wie sie es nannte) veröffentlicht. Sie gelangte damit in einen Kreis innovativer Schreiber, die alle die sechziger Jahre überlebt hatten, indem sie ihre Geschichten gegenseitig in ihren Zeitschriften abdruckten und ihre Bücher zusammen herausgaben. So häuften sie Veröffentlichungen an, wodurch sie Festanstellungen an ihren jeweiligen Universitäten ergatterten und in der sogenannten wirklichen Welt den Anschein von Seriosität erlangten. Leider bildeten diese Leute den Großteil der Mitglieder der Nouveau Roman Society. Sie hassten mich alle. Aus einer Reihe von Gründen: Zum einen hatte ich vor einigen Jahren einen realistischen Roman geschrieben, der recht erfolgreich war. Zum anderen machte ich weder in Zeitschriften noch in Radiointerviews einen Hehl daraus, was ich von ihren Arbeiten hielt. Schließlich hassten sie mich, weil meine Werke anscheinend bei den Franzosen, die sie so sehr bewunderten, in hohem Ansehen standen. Für mich nur eine etwas seltsame Fußnote meiner kleinen und sehr leisen literarischen Karriere. Für sie ein Schlag ins Gesicht.

*

Linda saß bereits in der Bar, als ich ankam. Sie umschlang mich in einer Umarmung, die mich daran erinnerte, dass sie sich im Bett wie ein Fahrrad angefühlt hatte.

»Also mussten wir dreitausend Meilen fliegen, um uns zu treffen, obwohl wir im gleichen Staat leben.«

»Manchmal ist es seltsam.«

Wir setzten uns und ich bestellte einen Scotch. Linda wollte einen weiteren Gibson. Sie spielte mit der Zwiebel in ihrem Glas und spießte sie mit dem roten Plastikschwert auf.

»Bist du im Vortragsprogramm?«, fragte ich. Ich hatte ihren Namen nicht gesehen, aber vielleicht hatte ich nicht genau genug geschaut.

»Ich bin in einem Forum mit Davis Gimbel, Willis Lloyd und Lewis Rosenthal.«

»Welches Forum?«, fragte ich.

»Die Stellung Burroughs’ in der amerikanischen Literatur.«

Ich stöhnte. »Klingt einigermaßen interessant.«

»Ich habe den Titel deines Vortrags gesehen. Ich verstehe ihn nicht.« Sie knabberte die Zwiebel von ihrem Schwert, als unsere Drinks kamen. »Worum geht es?«

»Du wirst es hören. Das verdammte Ding macht mich krank. Es wird mir keine neuen Freunde einbringen, so viel kann ich dir verraten.« Ich schaute mich in der Bar um und konnte keine bekannten Gesichter entdecken. »Ich kann das Grauen bis hier spüren.«

»Warum bist du dann gekommen?«, beschwerte sie sich.

»Weil ich die Reise hierher bezahlt bekomme.« Ich nippte an meinem Scotch und ärgerte mich, weil ich kein Wasser dazu bestellt hatte. »Ich kann nicht wirklich behaupten, dass mir die Fortschritte der NRS am Herzen lägen.«

Linda aß ihre zweite Zwiebel. »Möchtest du mit auf mein Zimmer kommen?«

»Langsam«, sagte ich. »Was, wenn wir keinen Sex hätten, aber so täten, als ob?« Nach einer peinlichen Pause sagte ich: »Und, was macht Berkeley?«

»Gut. Dieses Jahr bin ich eigentlich mit einer Festanstellung dran.«

»Wie sieht es damit aus?«, fragte ich, obwohl ich wusste, dass es für sie nicht gut aussehen konnte.

»Deine Familie lebt hier?«

»Meine Mutter und meine Schwester.« Ich trank meinen Scotch aus und mir wurde schmerzhaft bewusst, dass ich Linda nichts zu sagen hatte. Ich kannte ihr persönliches Leben zu wenig, um Fragen zu stellen, und ich wollte ihre letzte Trennung nicht ansprechen, also starrte ich in mein Glas.

Die Bedienung kam herüber und fragte, ob wir einen weiteren Drink wollten. Ich sagte nein und gab ihr genug für die zwei Gibsons und meinen Scotch. Linda betrachtete meine Hände.

»Ich muss mich etwas ausruhen«, sagte ich. »Wir sehen uns morgen.«

»Vielleicht.«

2

Im Zentrum des Baumes befindet sich das Kernholz. Es ernährt den Baum nicht, sondern stützt ihn. Das Splintholz, das den gesamten Baum mit Nährstoffen versorgt, ist weich und der Zerstörung durch Pilze und Insekten ausgesetzt. Beide sehen gleich aus. Doch man will das Kernholz. Man will immer das Kernholz.

*

Ich nahm mein Frühstück in dem gemütlichen Speisesaal des Hotels zu mir und ging danach die Connecticut Avenue hinunter zum Mayflower. Es war ein frostiger, grauer Morgen, was sich auf meine Stimmung niederschlug, aber ich fühlte mich auch so ziemlich verloren, konnte nicht mehr verstehen, warum ich diese Reise überhaupt angetreten hatte. Natürlich interessierte ich mich nicht für die Konferenz, und von meiner Familie hatte ich auch bereits genug. In meiner Vortragsreihe saßen mehr Zuhörer, als ich erwartet hatte, und sofort fühlte ich mich ein wenig nervös. Es gab absolut nichts, was ich durch den Vortrag verlieren konnte, das versuchte ich mir jedenfalls einzureden. Nach wie vor war es mir ernst damit und ich wusste, ich würde dem einen oder anderen zu nahe treten, aber ich war mir sicher, dass es noch zusätzlicher Schläge bedurfte, damit sie wirklich beleidigt waren.

Der erste Vortrag war eine überraschend leicht verständliche, dennoch langweilige und inkonsequente Diskussion über Beckett und was er geschrieben haben könnte, hätte er nur länger gelebt und eine andere Akzeptanz erfahren. Dann war ich an der Reihe. Ich wurde mit einem gewissen Räuspern und nicht unbedingt leisem Gemurmel empfangen, was mir zumindest deutlich machte, dass mein Ruf, wenn er mir auch nicht vorausgeeilt, so doch zusammen mit mir hier angekommen war. Ich hielt meinen Vortrag:

F/V: Einordnen des experimentellen Romans

*

F/V: ein Romanauszug

(1)  S/Z * Möglicherweise beantwortet der Titel jede Frage, bevor sie überhaupt gestellt wird, macht ihn gewissermaßen zu einem Anti-Titel, aber trotzdem zu einem Titel, der deshalb die Möglichkeit der Verneinung eröffnet. Ist der Titel also der Name eines Werkes oder nichts als der Name seines Schattens? Indem er sich sein eigenes Subjekt schafft, scheinbar Balzacs Sarrasine, stellt sich die Frage, ob dieser Text wirklich das Subjekt des Titels ist. Und natürlich ist er das nicht. Wie S/Z uns zeigt, ist sein Thema das schwer zu fassende Modell jener Sache, von der diskutiert werden kann, ob Sarrasine ihre Darstellung ist. Lassen Sie uns mit Barthes »alle Einheiten, deren Funktion es ist, auf vielfältige Weise eine Frage, ihre Erwiderung und die Vielfalt der Zufälle zu artikulieren, die entweder die Frage vorbereiten oder ihre Antwort verzögern können, oder sogar ein Rätsel formulieren und dessen Lösung herbeiführen«, als hermeneutischen Code (HER) bezeichnen. ** Das S/Z bezieht sich zweifellos auf das Ausgesprochene und das Unausgesprochene gleichermaßen, aber das Rätsel verblasst angesichts des Schrägstrichs, der beide Buchstaben voneinander trennt. Der »/« verbindet das S und das Z als Titel/Anti-Titel und trennt sie zugleich, aber nicht gleichwertig, denn das S geht dem Z voraus. Des Weiteren ist der »/« die Linie, die wir als die undeutliche und veränderliche, wenn auch dimensionslose Marke zwischen Signifikat und Signifikant akzeptiert haben. Der Strich ist gleichbedeutend mit dem zerschnittenen Text, dem verletzten Text oder vielleicht einfach dem fragmentarischen Text (was entweder eine Lüge des Schreibenden oder eine Notwendigkeit des Lesenden ist). Gemeinsam verweisen die getrennten Buchstaben sowohl auf das Sich-in-Schach-Halten von Gegensätzen als auch auf die Notwendigkeit ihrer Einheit im Zusammenhang. Sie zeigen die Unmöglichkeit, beide jeweils individuell zu betrachten oder einen Zusammenhang der beiden zu definieren. Weshalb der »Schrägstrich« oder der »/« nicht nur Leim, sondern auch Keil ist. Der »/« wird so selbst zum Signifikat und in jedem Verweis auf den Titel zu einem gleitenden, widersprüchlichen Element, das sich entsprechend seiner Funktion zwischen S und Z verhält, das heißt, wie es gefällt oder nicht gefällt. Wir sollten auf das Element des »/« als Signifikat oder Sem oder jeden stummen oder ausgesprochenen Verweis auf seine Vorstellung durch die Verwendung der Abkürzung SEM hinweisen, welche jederzeit ein Konzept (Wort) beinhaltet, das in sich ein »/« enthält, z.B. krank (SEM. gesund) oder krank (SEM. verrückt).

(2)  Man sagt, es gebe gewiss Buddhisten, die durch ihre asketischen Übungen in die Lage versetzt werden, in einer Bohne eine ganze Landschaft zu erkennen. * Es gibt »gewiss« Buddhisten, zwei reichen aus, und wir meinen nicht die Mehrheit der Buddhisten oder den durchschnittlichen, normalen Buddhisten. Ist es das abwertende »gewiss« wie in: »In diesem Raum befinden sich gewiss Leute, die nicht erwünscht sind?« Vielleicht bedeutet »gewiss« aber auch, dass sich diese Buddhisten gewiss sind, sicher, ohne Zweifel, unerschütterlich in ihrem Glauben. Bevor wir den Satz vollständig gesagt haben, stehen wir auch schon vor dem ersten Rätsel (HER. Gewissheit). »Gewiss« ist ein Wort, dessen mitmeinendem Zusatz wir nicht gewiss sein können. Selbst, wenn wir uns natürlich nur um gewisse mögliche Bedeutungen kümmern müssen.

Unterbrechen wir kurz, dann haben wir ein I vor dem ersten Satz. Beurteilung. Ist das »I« die römische Ziffer eins oder das englische Pronomen I. »I« gefolgt von einem Punkt (HER. Punkt) ist gleichbedeutend mit einem extrem kurzen Satz oder, als Zeichen für Endgültigkeit, gleichbedeutend mit dem Ende des Selbst (SEM. Selbst) und weist damit die Verantwortung für den folgenden Text von sich. Und was die Beurteilung angeht, müssen wir das Wort an I anhängen, dem es vorausgeht oder dem folgenden Text? Wiederholt es, im ersteren Fall, das Ablegen der Verantwortung?

Das »durch ihre asketischen Übungen in die Lage versetzt werden« ist seltsam, denn es scheint die Praktiken der Buddhisten zu personifizieren und ihnen dergestalt Glauben zu schenken, als würden diese losgelöst von den Übenden wirklich existieren. Denn wegen dieser Dinge, die wir Übungen nennen, sind es Buddhisten, die in die Lage versetzt werden, und keine Katholiken oder Muslime. Obwohl der Ausdruck Übungen hier vage ist, können wir vernünftigerweise annehmen, er bedeutet »gewisse Übungen«, damit werden die Übungen (SEM. Buddhisten) über das »/« auf diese besondere Weise mit denen verbunden, die es in die Lage versetzt (SEM. Übungen) … eine ganze Landschaft in einer Bohne zu erkennen. * Was bedeutet es, überall eine Landschaft zu erkennen, wenn unsere Vorstellung irgendwo anhalten muss, randlich links und rechts und vor uns am Horizont. Ist also die ganze Landschaft immer ein Bruchstück einer größeren Landschaft? Oder müssen wir begreifen, dass alle Landschaften als Bruchstücke existieren und diese Bruchstücke in sich selbst das Ganze sind? Die Landschaft kann als Ganzes nur »in einer Bohne« gesehen werden, und deshalb ist der Trick, der durch die Übungen ermöglicht wird, gar nicht so ungewöhnlich. Und warum »in einer Bohne« und nicht in einem Glas Murmeln oder einem Fußabdruck oder der Nahaufnahme eines Gesichts? Die Bohne wird erwähnt und bedeutet daher etwas (auch wenn es nichts bedeutet [SEM. Zen]), und wir sollten auf diesen Bereich als SYM hinweisen. Die Bohne impliziert natürlich den Samen, der sie zum einen ist und den sie zum anderen enthält, und damit ist sie, was sie ist und das, woher sie kommt. Sie ist ihre eigene Geburt, voll und ganz, aus dem Boden, dem Land, und ist damit so vollkommen wie ein Bild ihrer selbst, eine Landschaft. Dieses Wachstum aus sich selbst, während sie das Selbst ist, ist die vollendete Tätigkeit. Wir sollten auf solche Tätigkeiten mit den Buchstaben AKT hinweisen und wir sollten jeden der Begriffe in der Reihenfolge seines Auftretens nummerieren (AKT. bei einer Bohne: (1) was zu sehen ist; (2) ihr eigener Samen; (3) die Vorstellung von sich selbst …). Schließlich ist es nicht der Buddhist, den wir interessant finden sollten, sondern die Bohne.*1

(3)  Genau was die ersten Analytiker des Erzählens versucht haben: alle Geschichten der Welt zu sehen. * Genau ist schrecklich ungenau, denn die »ersten Analytiker« haben nicht versucht, eine Landschaft in einer Bohne zu erkennen, sondern die notwendigen und hinreichenden Bedingungen zu definieren, um eine Geschichte eine Geschichte zu nennen. Deshalb ist »genau« ironisch und behauptet lautlos, das Sujet Text stünde über den nüchternen Anstrengungen der »ersten Analytiker« (SEM. Genauigkeit). In Bezug auf die Ähnlichkeit der Ziele der Buddhisten und der ersten Analytiker ist impliziert, dass die Buddhisten in Wahrheit nicht unter den ersten Analytikern waren. Diese Bohnen anstarrenden, fetten Jungs haben keinen Nutzen davon, ein Erzählmodell zu errichten, denn das Modell steckt bereits in der Bohne. Genau — die Buddhisten sehen die Bohne nicht an, um eine typische Landschaft zu erkennen, sondern die darin enthaltene Landschaft. Ihnen geht es nicht darum, die essentielle Qualität herauszuziehen, die dieses Ding zu dem macht, was es ist, sondern es im Ganzen zu sehen, wobei die Aufmerksamkeit für bestimmte Merkmale die Vollendung zerstören kann, von der uns gesagt wurde, sie sei bewundernswert. Sollte Aristoteles mit seinem Interesse an Praxis und willentlicher Wahl unser erster Analytiker sein? Oder sollten wir die Urmenschen in Betracht ziehen, die zwischen zwei Berichten eines Ereignisses abwägen und entscheiden müssen, welcher wahr und welcher erfunden ist, wobei die Annahme gilt, dass die Wahrheit zu erzählen nur Erinnerung benötigt, während eine Erfindung zu verbreiten eine Vorstellung davon benötigt, wie sich die Wahrheit anhören könnte. Doch vielleicht sollten wir einfach die russischen Formalisten wählen und es dabei belassen (SYM. Analysten). Und sie versuchen (AKT. Versuch), dieses Modell geheim zu halten, was den offensichtlichen Schluss zulässt, dass sie gescheitert sind. Von jemandem, der auf die Hauptader gestoßen ist, wird man nicht behaupten: »Er versucht Gold zu finden.« (SEM. Versuch) … alle Geschichten der Welt zu sehen. * Hierin ist bereits die Schlussfolgerung eingebettet, dass es diese allumfassende Geschichte gebe (REF. Geschichte). Die Benennung hat entweder den Verlust oder das Werk verursacht und kann nicht ungeschehen gemacht werden. Die Benennung hat die Sache selbst geschaffen und die anschließende Suche danach, was sie zu der Sache macht, erkennt ihre Niederlage dadurch an, dass zuallererst ihre Existenz verifiziert werden muss; benannt worden zu sein, bedeutet nicht dasselbe, wie wirklich zu sein (REF. Einhorn).

(4)  … (und dort waren noch nie so viele) innerhalb einer einzigen Struktur: Wir sollten, dachten sie, jeder Erzählung ihr Modell entnehmen und dann aus diesen Modellen eine große Erzählstruktur machen, die wir (zur Überprüfung) auf jede Erzählung erneut anwenden werden … * Als wären dort Gesteinsbrocken gewesen, von denen gesagt wurde: »Ist dies die Geschichte?«, und dies wirklich gemeint, anstatt zu meinen, welch eine lausige Geschichte dies doch tatsächlich ist. Bestenfalls scheint die Anstrengung eine Antwort auf das Bild des Verlegers zu sein, der seinen Autor fragt: »Und das nennen Sie eine Geschichte?« Doch dieser Exkurs trägt die gesamte Vorstellung in sich (und damit ein Bruchstück des Textes) und fällt aus dem Sinn der Analyse heraus. So viel (HER. viel, SEM. viel) ** scheint ironisch, beinahe umstritten, scheint die Produktivität der Geschichtenschreiber zu loben, bietet schon parenthetisch den Kommentar, gliedert damit die Geschichtenschreiber auf, ohne sie je zu erwähnen. Sie dachten (SEM. dachten, HER. sie, REF. sie) *** eine deutliche Mitteilung des Misslingens, ihre Mission zu erfüllen. Der Rest sagt uns, was sie von den Bohnen erwarten, die sie anstarren, aber »dachten sie« lässt ihre Bohne leer werden. Und so kommen wir zur Dekonstruktion der Aufgabe, die zugleich die Aufgabe des vorliegenden Textes ist. Sarrasine: überhaupt nicht als Modell gewählt, allerdings als solches akzeptiert und auf eine Weise behandelt worden, die umgekehrt ein Modell für das Verfahren anderer Texte, wie dieses Textes, ist. Eine ständige Wiederholung des Offensichtlichen ist niemals an das Vergessen vergeudet.

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Nachdem ich fertig war, gab es eine zaghafte Andeutung von schwachem Applaus und danach eine nervenaufreibende Stille, während der die Zuhörer herauszufinden versuchten, ob sie sich gekränkt fühlen sollten und warum. Als ich zurück zu meinem Sitzplatz gehen wollte, flog ein Schlüsselbund an meinem Kopf vorbei und knallte gegen die Velourstapete. Ich schaute in das Publikum und erspähte Davis Gimbel, den Herausgeber der Zeitschrift Frigid Noir.

Gimbel schüttelte seine Faust in der Luft und brüllte: »Du Dreckskerl!«

Ich wusste sofort, dass er nicht ein Wort von dem verstanden hatte, was ich gesagt hatte. Seine Reaktion kam mir unangemessen und überzogen vor. Aber er war begierig auf seinen Auftritt und tat, als hätte er alles begriffen.

Linda Mallory war unter den Zuhörern, und wir schauten uns kurz an. Sie zeigte mit einem kurzen Nicken, dass sie meinen Vortrag in Ordnung fand, und spendete einen einzelnen, leisen Beifall. Ich klaubte Gimbels Schlüssel auf und warf sie ihm zurück.

»Zweifellos brauchst du die noch«, sagte ich. Auch diese Worte fasste er als Beleidigung auf, und Gimbel, ein Mann, der sich selbst für eine Art Hemingway hielt, kam auf mich zu, als wolle er kämpfen. Eilig wurde er von seinen Begleitern zurückgehalten, einer wechselnden, aber zahlenmäßig konstanten Truppe von vier jungen, ambitionierten Autoren, die sich in Luft auflösen und durch die nächste Gruppe ersetzt werden würde.

»Ich wollte deine Gefühle nicht verletzen, Gimbel«, sagte ich. Mir war bereits klar, dass dies zum Gesprächsthema der Konferenz werden würde. Es würde eine Eigendynamik bekommen und sich zu jener Art von Angelegenheit entwickeln, bei der diese talentlosen Verlierer aufblühten. »Welcher Teil hat dich besonders gestört?«

»Du … mimetische Sau«, schleuderte Gimbel mir entgegen.

»Eine mimetische Sau«, wiederholte ich seine Worte. »Okay.« Ich blickte zur Tür, wo die Leute bereits nach draußen hasteten, um ihre Version des Kampfes zu verbreiten. »Ich saß direkt neben Gimbel, als alles begann«, oder »Ich konnte es nicht fassen, als Ellison die Schlüssel direkt zu ihm zurückschleuderte.« Jedenfalls verließ ich den Saal, wobei alle einen weiten Bogen um mich machten, ob aus Angst oder Verehrung, wusste ich nicht.

3

Ich ging zurück in mein Hotel, wo ich eine Morddrohung fand, die quer über die Rückseite eines Lesezeichens geschmiert war. Sie lautete: »Ich werde dich töten, du mimetischer Philister.« Unterschrieben war sie mit: »Der Geist von Wyndham Lewis.« Ich machte mir keine Sorgen über die Taten, die einer solchen Drohung folgen würden. Denn die Clowns, die mich als ihren Feind betrachteten, waren ebenso unfähig, tatsächlich etwas zu tun, wie sie unfähig waren, tatsächlich zu schreiben.

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Idee für eine Geschichte — Eine Frau gebiert ein Ei. Sie geht in die Klinik für eine normale Niederkunft, doch was herauskommt, ist ein Ei, ein Dreieinhalb-Kilo-Ei. Die Ärzte wissen nicht, was sie tun sollen, also wickeln sie es in eine Windel und legen es in einen Brutapparat. Nichts passiert. Dann lassen sie die Mutter auf ihm sitzen. Sie liebt ihr Ei und nennt es ihr Baby. Das Ei hat keine Gliedmaßen, um sich fortzubewegen, keine Stimme, um zu schreien. Die Frau nimmt das Ei mit nach Hause, gibt ihm einen Namen, badet es, kümmert sich darum. Es ist unverändert, wächst nicht, aber es ist ihr »Baby«, wie sie sagt. Ihr Ehemann verlässt sie. Ihre Freunde meiden sie. Sie redet mit dem Ei, erzählt ihm, wie sehr sie es liebe. Das Ei bricht auf …

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Ich fuhr zur Klinik meiner Schwester nach Southeast. Washington verbirgt seine Armut besser als jede andere Stadt der Welt. Nur wenige Blocks von den Einkaufszentren und dem Kapitol entfernt, wo jeden Tag tausende Touristen umherschlendern, decken die Leute ihre Fenster mit Handtüchern ab, um den Regen abzuhalten, und nachts verschließen sie ihre Türen, indem sie Bretter davor nageln. Obwohl meine Schwester oben in Adams Morgan wohnte, praktizierte sie in Southeast, »wo die Leute leben«. Sie war härter, als ich jemals sein würde.

Ich trat durch die Eingangstür, und zehn Frauengesichter drehten sich gleichzeitig zu mir um. Sie erwarteten eine Erklärung, was ich hier wolle. Ich ging zum Empfangstresen.

»Ich bin Thelonious Ellison, Dr. Ellisons Bruder«, sagte ich.

»Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?« Die Sprechstundenhilfe war nicht fett, aber massig. Sie stand auf, kam um den Tresen herum und drückte mich. Ich versank in ihr und dachte, so sollte sich eine Umarmung anfühlen. »Der Schriftsteller-Bruder«, sagte sie, trat zurück, um mich anzusehen. »Und hübsch.« Sie rief nach hinten. »Eleanor, Eleanor.«

»Was?«, fragte Eleanor.

»Wir haben einen richtigen Schriftsteller hier.«

»Was?«

»Dr. Es Bruder.«

Eleanor kam und umarmte mich ebenfalls. Sie trug ein Stethoskop, das in ihrem üppigen Busen versank, während sie mich zerquetschte. »Doktor E hat gerade eine Patientin.«

»Ja, Schatz«, sagte die Schwester am Empfang, außer sich vor Lächeln. »Setzen Sie sich und ich sage Ihrer Schwester, dass Sie da sind. Wenn Sie etwas brauchen, rufen Sie nach mir. Yvonne, okay?«

Ich setzte mich auf einen freien, dünn gepolsterten, orangefarbenen Stuhl neben eine junge Frau mit langen, blauen Fingernägeln. Auf ihrem Schoß hatte sie einen kleinen Jungen mit einer unentwegt laufenden Nase.

»Hübscher Junge«, sagte ich. »Wie alt ist er?«

»Zwei Jahre.«

Ich nickte. Der Stuhl war bequemer, als ich es von einem Wartezimmerstuhl erwartet hatte, und ich fühlte, wie die künstliche Anspannung meines Tages wich und im Getöse der Wirklichkeit zu einem Flüstern verstummte.

»Was machen Sie in Washington?«, fragte mich Yvonne von ihrem Tisch aus.

»Ich war auf einer Konferenz«, antwortete ich.

»Sie müssen wichtig sein, wenn Sie einfach so für eine Konferenz nach Washington fliegen«, sagte sie.

Ich schüttelte den Kopf und lachte. »Nein, es war nur ein Treffen der Nouveau Roman Society. Nicht sonderlich wichtig. Ich habe heute früh einen Vortrag gehalten, und nun bin ich fertig.«

Yvonne schaute mich an, als wären meine Worte in dem Raum zwischen uns verlorengegangen. Sie nickte mit dem Kopf, ohne direkt in meine Richtung zu schauen, und machte sich wieder an ihre Arbeit. Wie so oft in meinem Leben fühlte ich mich unnütz, am falschen Ort, als würde ich nicht dazugehören.

»Sie schreiben Bücher?«, fragte die Frau mit dem Kind.

»Ja.«

»Welche Art von Büchern schreiben Sie?«

»Ich schreibe Romane«, sagte ich. »Geschichten.« Da ich mich bereits deplatziert fühlte, wusste ich jetzt nicht, wie ich entspannt klingen sollte.

»Meine Cousine hat mir Ihre Augen sahen Gott geschenkt. Sie hatten es in einem Seminar diskutiert. Sie besucht die UDC. Ich mochte das Buch.«

»Das ist ein wirklich guter Roman«, erwiderte ich.

»Außerdem hat sie mir Cane gegeben«, sagte die junge Frau und rückte ihren Sohn auf dem Schoß zurecht. »Es ist mein Lieblingsbuch.«

»Großartiges Buch.«

»Aber es ist kein Roman, oder?«, fragte sie. »Ich meine, es ist nicht nur eine Geschichte, und es gibt Gedichte darin. Aber es kam mir wie eine Einheit vor, wissen Sie.«

»Ich weiß genau, was Sie meinen.«

»Ich denke an diese Geschichte, Box Seat, und ich stelle mir vor, ich bin die ganze Zeit in diesem Theater und schaue den Zwergen beim Kämpfen zu.« Sie schüttelte den Kopf, als müsse sie mühsam zurückfinden, putzte dem Kind die Nase.

»Waren Sie auf dem College?«, fragte ich.

Die Frau lachte.

»Lachen Sie nicht«, sagte ich. »Ich finde, Sie sind sehr klug. Sie sollten es zumindest versuchen.«

»Ich habe nicht mal die Highschool abgeschlossen.«

Ich wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte. Ich kratzte mich am Kopf und schaute mir die anderen Gesichter im Raum an. Ich fühlte mich klein, denn ich hatte ganz bestimmte Vorurteile über diese junge Frau mit den blauen Fingernägeln gehabt, ihr unterstellt, lethargisch und dumm zu sein, aber sie war nichts davon. Ich war der Dumme.

»Danke«, sagte ich zu der Frau.

Sie antwortete nicht darauf und wurde glücklicherweise in diesem Moment in ein Behandlungszimmer gerufen.

Lisa kam in ihrem weißen Kittel und mit einem Stethoskop um den Hals heraus. Ich hatte sie nie zuvor in ihrem Arbeitsumfeld gesehen. Sie schien so gelassen, unbefangen, verantwortungsbewusst. Ich war stolz auf sie, voller Respekt. Ich stand auf, und obwohl ihre Hälfte der Umarmung steif war, galt dies für meine nicht, und das half, die Angelegenheit weicher zu machen. Sie war überrascht und errötete sogar ein wenig.

»Ich muss noch zwei Patienten ansehen, dann können wir gehen«, sagte sie. »Du hast Glück, heute sind keine Demonstranten da. Sie müssen in der Kirche sein oder bei einer Hexenversammlung. Hier draußen alles in Ordnung?«

»Ja, Yvonne kümmert sich um mich«, sagte ich, aber die Empfangsschwester war mir gegenüber deutlich abgekühlt. Sie zeigte ein mechanisches Lächeln und wippte mit dem Radiergummi ihres Bleistifts in der Luft. »Ich werde warten.«

*

Als ich fünfzehn war, fragte mich mein Freund Doug Glass — er hieß wirklich so —, ob ich mit ihm zu einer Party fahren wolle. Es war während des Sommers in Annapolis. Er war ein Jahr älter und hatte ein eigenes Auto. Ich war begeistert. Als wir ankamen, war die Musik laut und ungewohnt, der Bass wummerte. Die Luft war erfüllt von Mädchengekicher und männlichen Stimmen, die versuchten, eine Oktave tiefer zu klingen. Zuerst standen wir auf dem Rasen und hielten uns an einem Bier in einem Plastikbecher fest, bis es warm war. Ich hatte noch keinen Geschmack daran gefunden und, um die Wahrheit zu sagen, ich hatte Angst, mir würde schlecht werden. Wir befanden uns in einem Teil von Annapolis, in dem ich noch nie zuvor gewesen war, doch ich konnte die Spitze des Kapitols erkennen, sodass ich ungefähr wusste, wo es lag.

»Yo, Bruder, wie heißt du?«, fragte mich ein schlanker Junge und blies mir Zigarettenrauch ins Gesicht. »Ich bin Clevon.«

»Monk«, sagte ich.

»Monk?«, lachte er. »Was zur Hölle ist Monk für ein Name?«

Genau in diesem Augenblick wollte ich ihm nicht sagen, mein richtiger Name sei Thelonious.

Ein weiterer Junge kam zu uns, und der Schlanke sagte: »Hey, Reggie, das hier ist, du glaubst es nicht, Monk.«

»Sieht’n bisschen aus wie ein Affe, oder?«, sagte er.

»Was ist dein richtiger Name?«

»Ellison«, sagte ich.

»Ist das dein Vor- oder Nachname?«

»Nachname.«

»Und dein Vorname?«

»Theo«, log ich.

Clevon und Reggie sahen sich an und zuckten mit den Schultern, als wollten sie sagen, Theo geht in Ordnung, eines Späßchens nicht wert.

»Warum nennt man dich Monk, kleiner Bruder?«, fragte Reggie.

Ich mochte den Klang von »kleiner Bruder« nicht. »Ist nur ein Spitzname«, antwortete ich.

Doug kam zurück zu mir und sagte: »Los, Monksie, lass uns ins Haus gehen.«

»Monksie«, wiederholten Clevon und Reggie in ihre hohlen Hände, während sie kicherten.

»Lass uns zurück zum Strand fahren«, sagte ich zu Doug und folgte ihm zum Haus. »Hier ist es langweilig.«

»Lass uns zuerst hineingehen. Möchtest du keine Frauen treffen?«

Tatsache war, ich wollte Frauen treffen, mehr als alles andere. Aber weiß der Himmel, was ich tun würde, wenn ich sie traf. Ich hoffte einfach, keine von ihnen würde mich »kleiner Bruder« nennen oder nach meinem Namen fragen.

Drinnen war das Licht schummerig, und die Mitte des Raumes, von dem ich annahm, dass es das Wohnzimmer war, war mit Tanzenden gefüllt. Doug begann zu tänzeln und zu Leuten zu deuten, während wir uns zur anderen Seite bewegten. Ich kannte Doug nicht besonders gut, aber ich war erstaunt, wie viele Leute er hier grüßte. Neben ein paar Frauen hielt er an. Sie mussten beinahe schreien, um sich über die Musik hinweg zu unterhalten.

»Gute Party!«, sagte Doug.

»Ja«, sagte die junge Frau.

»Deine Schwester?«, fragte Doug.

»Ja.«