Austral - Carlos Fonseca - E-Book

Austral E-Book

Carlos Fonseca

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Beschreibung

Es beginnt mit einer Rückkehr und einem rätselhaften Manuskript: Julio hat die Schriftstellerin Aliza seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Und doch soll gerade er, ein Costa Ricaner, der schon lange in den USA lebt, nach ihrem Tod entscheiden, was mit Alizas letztem Buch geschieht. Gebannt und bald nicht mehr nur lesend folgt Julio den Fährten, die er in dem Manuskript zu erkennen glaubt. Seine Suche gerät zur Reise quer durch Lateinamerika und tief hinein in die Geschichte: von der völkischen Kolonie Nueva Germania in Paraguay, gegründet von Elisabeth Förster-Nietzsche, über einen indigenen Stamm im Amazonas, der mitsamt seiner Sprache ausgelöscht wird, bis hin zu den Bürgerkriegen in Guatemala und Nicaragua, die europäische Rucksacktouristen und Hippies hautnah miterlebten – auch Aliza. »Austral« ist literarische Spurensicherung und Expedition zugleich: Carlos Fonseca entfaltet einen Echoraum, in dem sich historische und fiktive, aber immer wahre Geschichten kreuzen – über den Süden als Ort europäischer Faszinationen, Enttäuschungen und Ausbeutungen. Ein brillanter politischer Roman über die Spiralen der Erinnerung und die Frage: Wie lässt sich erzählen, was für immer verschwunden ist?

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Seitenzahl: 256

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Carlos Fonseca

Austral

Roman

Aus dem Spanischen von Sabine Giersberg

Verlag Klaus Wagenbach Berlin

Nach Süden, nach Süden!

In eleganten Verschlingungen erzählt Austral von Geschichte und Gegenwart Lateinamerikas - und den Europäern, die dort den Kontinent ihrer Theorien und Träume, ihrer Delirien und Irrwege entdeckten.

Ein brillanter politischer Roman über die Spiralen der Erinnerung und die Frage: Wie lässt sich festhalten, was für immer verschwunden scheint?

Ausgezeichnet mit dem Anna-Seghers-Preis 2024

»Was Carlos Fonseca schreibt, erinnert an das Beste von Bolaño, Calvino und Borges.«    The Guardian

Für Atalya, Rafael und Ari

Überdrüssig aller, die mit Worten, Worten,aber keiner Sprache daherkommen,

fuhr ich zu der schneebedeckten Insel.

Das Wilde hat keine Worte.

Die ungeschriebenen Seiten breiten sichnach allen Richtungen aus!

Ich stoße auf Spuren von Rehhufen im Schnee.

Sprache, aber keine Worte.

Tomas Tranströmer, Im März ’79

Ich träume von einem Mann, der die Sprachen der Erde verlernt, bis er in keinem Lande mehr versteht, was gesagt wird.

Elias Canetti, Die Stimmen von Marrakesch

Er war vorher noch nie in der Wüste, aber er hat sie sich oft vorgestellt.

Und darum sieht er jedes Mal, wenn er die Postkarte betrachtet, die er jetzt in Händen hält, als Erstes instinktiv ein Abbild der kargen Ebene. Es ist unerheblich, dass es sich um ein Schwarz-Weiß-Foto handelt. Er stellt sich die unterschiedlichen Farbtöne des Sands vor, die Atmosphäre der Langeweile, das Gefühl der Leere. Auf dem Bild scheint niemand zu sehen zu sein, nur kaum mehr als ein Dutzend streng angeordneter Linien, die er plötzlich in die verlassenen Straßen eines ehemaligen Bergarbeiterdorfs verwandelt. Er blickt auf die kleinen weißen Häufchen am Rand der Postkarte und sagt sich, dass es wohl Wolken seien. Aber dann kommen ihm Zweifel.

Auf den zweiten Blick verlieren die weißen Flecken ihre Flüchtigkeit und wirken nunmehr wie Salzhügel. Auf einmal verwandelt sich die Ebene in eine riesige Salzfläche. Die Linien, die die Ebene durchziehen, zeigen die Transportwege an, auf denen die mit Salpeter beladenen Waggons dieser jetzt leerstehenden Fabrikanlage entlangfuhren, und in einem letzten Höhenflug der Fantasie erinnert ihn das an die zerfurchte Oberfläche des Mondes mit seinen Kratern und Tälern, an seine archaische Geometrie. Erst jetzt, da die Vorstellungskraft an ihre Grenzen stößt, gesteht er sich ein, was er längst weiß: Es handelt sich um das Foto einer einfachen schmutzigen Glasscheibe, und dort, wo er eben noch die Oberfläche der Wüste, der Salzfläche oder des Mondes zu erkennen glaubte, ist nichts als Staub.

Als er die Postkarte zum ersten Mal sah, musste er an eine Reportage denken, die er ein paar Monate zuvor gesehen hatte. Eine Dokumentation über den modernen Tourismus, bei der er zufällig gelandet war, deren letzte Bilder ihn jedoch fesselten. In der Schlusssequenz überflog eine Drohnenkamera die Landschaft, die der Eisenbahnfriedhof von Uyuni auf einer goldglänzenden Fläche bildet, dazu erzählte eine Stimme aus dem Off die Geschichte dieses Orts. Langsam glitt die Kamera über die Ebene, bis die Ruinen dessen auftauchten, was einst die erste Eisenbahnlinie Boliviens gewesen war. Viertausend Gerippe zurückgelassener Lokomotiven, Zeichen einer glorreichen Vergangenheit, die inzwischen aber als rostiges Alteisen auf der Hochebene dem trockenen Wind überlassen sind. Reihenweise Geisterwagen, auf denen Graffitis standen, die der Erzähler der Doku nun mit bedächtiger Stimme und nicht ohne eine gewisse Ironie wiedergab: So ist das Leben. Hier ruht der Fortschritt. Zwischen dem monumentalen Schrotthaufen sah man wie Ameisen im Sand die Touristen herumwuseln, die jeden Tag zu Hunderten an diesen Ort kamen. Die Kamera fing die Pilgerszene ein, bis sie auf ihrem Flug den Friedhof hinter sich gelassen hatte. Die Stimme verstummte, und mit ihr endete die Doku. Die Filmcredits tauchten auf, das Kamerabild lief weiter, und hinter den Schriftzügen sah man noch, wie die Ockertöne langsam ins Weiß der Salzfläche übergingen.

Jetzt ist er selbst in der Wüste, aber noch immer starrt er auf dieselbe Postkarte. Er liegt, die Nacht im Rücken, auf dem Bett und dreht die Karte um. Die Namen von Kunstwerk und Künstler, Elevage de poussière, Man Ray, 1920, wurden mit einer dünnen roten Linie durchgestrichen. Stattdessen hat sie hingeschrieben: Humahuaca, Argentinien. Eine einfache Geste, die das Werk verändert. Er denkt, wie sonderbar es ist, sich Landschaften vorzustellen, wenn man ihnen endlich gegenübersteht.

Erster Teil Eine Privatsprache

Es war unmöglich, die Tiefe des Schweigens zu ermessen, die jener Schrei schuf. Als wäre alle Luft von der Erde entwichen.

Juan Rulfo, Pedro Páramo

1

»Vollkommen klar, bis ganz ans Ende«, das hatte sie in dem Brief geschrieben, und das sagte sie jetzt noch einmal.

Der Satz drang an diesem Dezembermorgen aus der Küche durch das Wohnzimmer zu Julio, der sich wegen des eisigen Luftzugs, der hin und wieder durch die Tür hereinkam, in einen der Sessel im hinteren Teil des Raumes geflüchtet hatte. Er drehte sich gerade eine Zigarette, als er den Ausdruck wiedererkannte, hielt inne und blickte auf. Niemand zu sehen. Olivia war in der Küche verschwunden, um noch mehr Kaffee zu machen, und das Einzige, was sich in dem Raum zu bewegen schien, war der italienische Windhund, der sich auf den Sessel gefläzt hatte, von dem Olivia eben aufgestanden war. Es war, als spielten sie eine vorab geprobte Szene. Erst gestern Abend hatten sie so dagesessen, in den alten Ledersesseln und bei spärlichem Licht, und über die Geschichte gesprochen, die sie heute mit ein paar Varianten noch einmal erzählte, als befürchtete sie, er habe sie schon vergessen, oder als glaubte sie, eine Geschichte zu wiederholen sei eine Form, sie zu verstehen.

Im Hellen wirkte das Haus wohnlicher, der Raum bekam eine zuvor unbemerkt gebliebene Textur. Das Licht fiel schräg von Westen her ein und auf die Wand, an der großformatige Schwarz-Weiß-Fotografien hingen: Eine Aufnahme des Vulkans Momotombo und daneben das kämpferische und zugleich zarte Gesicht eines jungen Sandinisten zu Beginn der achtziger Jahre. Es gab keine privaten Fotos, aber wenn man sich umsah, offenbarten sich die Spuren der Idiosynkrasien der gemeinsamen Freundin, deren flüchtiger Geist über allem schwebte: Rötliche Felsen hingen gerahmt neben einer alten Standuhr, während weiter unten, in einer Ecke beim Napf des Hundes, mehrere Naturkundebücher in sorgfältig drapierter Unordnung aufeinandergestapelt waren. Außer einem Arrangement aus weißen Margariten deutete nichts darauf hin, dass jemand gestorben war. Unterhalb der Blumen, die zwischen mehreren Terrarien platziert waren, befanden sich die Schallplatten: Eine beeindruckende Sammlung von LPs britischer Bands zierte die Wandregale bis hin zu dem Plattenspieler neben dem großen Fenster. Dort konnte der Blick zur Ruhe kommen und nach draußen wandern.

Das Panorama war haargenau so, wie Olivia es beschrieben hatte. Im Vordergrund die etwa zwanzig Häuser der Künstlerkolonie und die verrosteten Bagger am Rand des Hofs. Weiter hinten, den Hügel hinunter, sah man den Punkt, wo sich der Río Grande mit den Flüssen in den Quebradas de Calete und de Cuchiyaco kreuzte. Ein paar Lastwagen fuhren auf der Landstraße Richtung Norden, vermutlich auf dem Weg nach Bolivien. Hinter dem Ort Humahuaca erhob sich der prächtige vielfarbige Gebirgszug, den er nur von Fotos kannte. Wer hätte gedacht, dass die Wüste so bunt und so kalt ist. Er war an die Vorstellung einer heißen, horizontalen Einöde aus goldenen Sanddünen gewöhnt, wie man sie von Bildschirmschonern kannte, und nun sah er sich auf einmal mit Bergen konfrontiert, deren Farben je nach Höhe variierten, anmutig übereinandergeschichtet wie bei einem Kind, das mit Wasserfarben malt.

Als die Berge langsam aus dem Nebel hervortraten, zeigten sie den Glanz ihrer Farbschichten, während am wolkenlosen Himmel ein Falke seine Kreise zog und so mit seinem Flug unwissentlich nachahmte, was seit gestern in diesem nun für kurze Zeit stillen Haus geschah. Auch Olivia und er bewegten sich in einer Art Spirale, näherten sich dem Kern der Geschichte, nur um sich gleich darauf wieder von ihm zu entfernen; vielleicht waren sie sich bewusst, dass es in Wahrheit darum ging, die abwesende Freundin wieder gegenwärtig werden zu lassen.

»Stell dir vor. Trotz allem vollkommen klar«, formulierte Olivia den Satz neu.

Manchmal schien es, als übersetzte sie Gedanken, die ihr auf Englisch in den Sinn kamen. In diesen Momenten verschmolz die Erzählstimme endlich mit dem Gegenstand, und er hatte das Gefühl, nicht Olivia Walesi spräche, sondern seine alte Freundin Aliza Abravanel. Die gleiche Übertragung der englischen Prosodie auf das Spanische, der chamäleonartige, aber wahrnehmbare Akzent, der gleiche Wille und die gleiche Wucht. Heraus kam exakt der Ton, der den Sinn des Manuskripts verriet, in dem er bis nach Mitternacht gelesen hatte und das jetzt auf dem Frühstückstisch lag.

»Noch Kaffee?«, unterbrach sie seine Gedanken.

Und mit der Frage zerfiel die Erinnerung; während sie seine Tasse füllte und er das Tattoo an ihrem Unterarm betrachtete, wurde ihm das Ausmaß seines Irrtums klar. Das konnte nicht die Stimme seiner Freundin sein. Nicht nur, weil diese vor zehn Tagen gestorben war, sondern weil es bei der Geschichte, die sie nun erneut zu erzählen begann, gerade um den Verlust jener Stimme ging.

»Außergewöhnlich, nicht wahr? Mit der Krankheit auf dem Buckel hat sie trotzdem noch gearbeitet«, sagte Olivia und schaffte sich Platz neben dem Hund.

Julio lächelte und wandte sich wieder der unfertigen Zigarette zu. Wie nebenbei fasste er kurz an die Tasche, in der er den Brief aufbewahrte, der ihn hierhergebracht hatte.

Der Brief war vor einer Woche gekommen, zusammen mit dem Schnee. Der Herbst hatte sich länger als üblich hingezogen, der Winter ließ bis in den Dezember hinein auf sich warten. Doch Mitte des Monats zeigte er sich endlich, und mit der Kälte kam dieser Brief, der dazu angetan war, die nutzlosen Abschweifungen von Julio Gamboa ein für alle Mal zu beenden. Er saß in seinem Büro auf dem Campus der Universität, an der er die letzten zwanzig Jahre verbracht hatte, vor einem Zettel, auf dem das Wort Arktis unterstrichen war, und kaute nachdenklich auf dem Bleistift herum, als jemand mehrmals an die Tür klopfte und ihm schlagartig die Absurdität seiner Tätigkeit klar wurde. Wozu schrieb er Listen? Vielleicht weil er zu diesem Zeitpunkt, anders als andere, die unter vergleichbaren Umständen einen Ausweg in Affären oder im Alkohol suchten, zu der Einsicht gelangt war, dass es ihm über solche Listen gelänge, die Ordnung jener Welt aufrechtzuerhalten, die ihm allmählich entglitten war.

»Wenn ich schon durchdrehe, dann wenigstens mit Methode«, schien er sich zu sagen, während er die Sekretärin mit der Post unterm Arm hereinkommen sah.

Das Gleiche wie immer: Schreiben des Dekans, Zeitschriften, die er niemals lesen würde, Rechnungen, Kontoauszüge. Inmitten des Erwartbaren aber erkannte er einen ungewöhnlichen Umschlag. Humahuaca, die Anschrift kam ihm so unbekannt, fern und rätselhaft vor wie der Name der Absenderin: Olivia Walesi. Unter einer Briefmarke, auf der eine Schlucht voller Kakteen zu sehen war, stand sein Name.

»Da ist bestimmt ein anderer Gamboa gemeint«, sagte er lachend, ohne zu merken, dass die Sekretärin den Raum schon wieder verlassen hatte.

Und das dachte er auch noch, als er den Anfang des Briefs las, in dem sich Walesi zunächst als Mitglied einer Künstlerkolonie im wüstenartigen argentinischen Norden vorstellte. Was folgte, machte der Verwirrung jedoch ein Ende. Er sah Alicia Abravanels Namen mit derselben stummen Regung, mit der man nach vielen Jahren dem Haus entgegentritt, in dem man als Kind gelebt hat, eine Mischung aus Freude, Erstaunen und Wehmut. Doch er wollte sich auf die Spiele der Erinnerung nicht einlassen. Er legte den Brief beiseite und lenkte sich ab, indem er beobachtete, wie die Studenten den Winter willkommen hießen. Es mochte dauern, bis die Kreise sich schlossen, aber letztlich taten sie es doch mit unerbittlicher Präzision.

Aliza Abravanel. Er nahm einen Kugelschreiber, strich das i und tauschte das c, das ihm immer schon seltsam vorgekommen war, gegen ein z. So hatte er es in den letzten dreißig Jahren immer gemacht, wenn ihm der Name in irgendeiner Kulturbeilage oder Zeitung begegnet war. Es fühlte sich für ihn nicht so an, als ob ihr gemeinsames Jugendabenteuer schon drei Jahrzehnte zurücklag. Die Zeit konnte seinem Zwang nichts anhaben, sie mit dem Namen sehen zu wollen, unter dem er sie kennengelernt hatte. Sie selbst hatte ihn, als sie sich ihm vorstellte, mit diesem Akzent, den er erst später als eindeutig britisch identifizieren sollte, auf dieses kleine Detail hingewiesen.

»Aliza, ja, ohne i und mit z, nicht c.«

Als Jahre später in der Presse die ersten Texte über ihre Bücher erschienen und überall von einer Alicia Abravanel die Rede war, hatte er sich des Eindrucks nicht erwehren können, dass es sich schlichtweg um einen Fehler der Journalisten handelte. Daran änderte sich auch nicht wirklich etwas, als er ein Interview las, in dem die Schriftstellerin über die Gründe, ihren Namen zu ändern, sprach und erklärte, dass die Entscheidung für die Latinisierung des Namens mit einer anderen, bedeutenderen einhergehe: der, ihre Romane künftig auf Spanisch zu schreiben. Sie war immer noch dasselbe junge Mädchen, das ihn eines Nachmittags in der Buchhandlung angesprochen und um ein Exemplar des Romans gebeten hatte, der bei ihrer jugendlichen Rebellion gegen die Welt zu ihrem Talisman werden sollte.

»Hast du Unter dem Vulkan auf Spanisch?«, hatte sie gesagt. Und dann hinzugefügt:

»Von Lowry, dem Irren.«

Mehr als dreißig Jahre war das her. Sich unter ihrem ursprünglichen Namen an sie zu erinnern war seine Art, eine Nähe lebendig zu erhalten, die unter dem Schutz der Bücher entstanden war und nun durch Bücher überdauerte, selbst jetzt, da ein Brief aus einer abgelegenen argentinischen Provinz ihn darüber informierte, dass Alicia, seine Aliza, vor Kurzem verstorben war – nach einem zehn Jahre währenden Kampf gegen eine Krankheit, die sie nahezu verstummen ließ, sie aber nicht vom Schreiben hatte abhalten können.

Vollkommen klar, bis ganz ans Ende, hatte Olivia inmitten ihrer Ausführungen zu Alizas letztem schriftstellerischen Projekt geschrieben, und letztlich war es dieser Satz gewesen, der ihn bewegte, wie es nur die Erinnerung vermag. Die Erwähnung der Klarheit, die bei einer Aphasikerin seltsam anmutete, holte einen anderen Ausdruck aus dem Vergessen, den er und Aliza einst von Lowry abgekupfert hatten: perfectly drunk, perfectamente borracho, wie sich der alkoholisierte Protagonist von Unter dem Vulkan gegenüber den Behörden definiert. Der Satz in seiner äthylischen Vollkommenheit erinnerte ihn daran, dass die Verbindung mit der jungen Engländerin anfangs vor allem ein Akt der Rebellion, eine Flucht gewesen war. Eine Möglichkeit, der Angst zu entkommen, er könnte die Erwartungen seiner Eltern enttäuschen.

Sein Vater hatte nicht viel besessen. Kaum mehr als einen bescheidenen Lebensmittelladen, den er von einem entfernten Onkel geerbt hatte, und eine Paranoia, die aus den prekären Lebensumständen erwuchs.

»Eines Tages werden uns die Amis vergessen, und dann sind wir richtig aufgeschmissen«, pflegte er zu sagen, wenn der Alkohol ihn in Wallung brachte.

»Also schön fleißig lernen, verdammt«, fügte seine Mutter dann mit einem halben Lachen hinzu.

So überzeugt davon, wie sie waren, dass die große Katastrophe kurz bevorstand und Mittelamerika bald im tiefsten Chaos versinken würde, hatten sie all ihre Hoffnungen in ihre beiden Söhne gesetzt. Sein Bruder, sechs Jahre älter, hatte sie als Erster enttäuscht. Als er begriffen hatte, dass die Schule nichts für ihn war, hatte er auf der Straße nach den Chancen gesucht, die ihm das Klassenzimmer nicht bieten konnte, allerdings mit dem Pech, dass die Polizei ihn inmitten eines Überfalls erwischte, als er zusammen mit ein paar Freunden gerade einen Kleinbus voller Touristen ausrauben wollte.

Julio war damals kaum zehn Jahre alt, aber der Anblick seines Bruders in Handschellen war eine Demütigung gewesen, die er niemals vergessen sollte. Er fand eine Zuflucht in den Büchern. Von Natur aus schüchtern, fand er in ihnen ein Zuhause, ohne zu ahnen, dass ihm ebendiese Bücher eines Tages die Möglichkeit geben würden, fortzugehen. Als er sieben Jahre später den Brief erhielt, in dem ihm ein Stipendium für ein Studium in Michigan angeboten wurde, wusste er nicht recht, wie er sich fühlen sollte.

»Hau ab, solange du noch kannst. Dieses Land ist schon auf dem besten Wege, einzugehen«, erklärte ihm sein Vater stolz.

Für ihn jedoch klang das nicht nach einem Ausweg: Es klang, als folgte er dem Traum eines anderen. Er war damals noch ein Jugendlicher, aber hinter seiner Schüchternheit zeichnete sich allmählich der Ehrgeiz ab, die ausgetretenen Pfade verlassen zu wollen. Eine Woche später lernte er Aliza kennen.

Wenn Michigan für die weite Welt stand, verkörperte Aliza eine andere mögliche Welt, jenseits der Erwartungen seiner Eltern. Für Julio war sie, der Punkfan, der behauptete, die Sex Pistols und die Ramones live gesehen zu haben, das junge Mädchen, das schwor, Sid Vicious geküsst zu haben, der Leuchtturm, der ihm ein unbekanntes, furchteinflößendes Universum vor Augen führte. Eine Aristokratin, die mit siebzehn von zu Hause und vor allen mit ihrem Namen verbundenen Verpflichtungen abgehauen war, um sich in den dunklen Straßen eines mittelamerikanischen Landes zu verlieren, in dem gerade die ersten schrillen Punk-Akkorde ertönten.

Zwischen den Seiten hatte Olivia, angeheftet an eine Postkarte, ein Foto von Aliza beigefügt. Man sah darauf ihr Gesicht, wie er es von Pressebildern kannte, von der Seite, ihr Profil hatte mit den Jahren an Strenge und Persönlichkeit gewonnen und strahlte das ungeheure Selbstvertrauen aus, das man schon in der Jugend bei ihr hatte erahnen können. Das schwarze Haar als Kontrast zu der weißen Ebene im Hintergrund, die markante Nase, der starr geradeaus gerichtete Blick. Auf der Rückseite stand: Salinas Grandes, Argentinien, 2008.

Julio wandte sich wieder dem weißen Blatt Papier zu, das vor ihm lag. »Aliza«, schrieb er, ohne groß darüber nachzudenken. Darunter notierte er eine seiner Listen: »Thomas, Cardenal, Williams, Parra, Truffaut, Naranjo, Bernhard.«

Er sah sie vor sich, wie sie, jung und nicht greifbar, auf dem Sofa in seiner Wohnung saß, während auf dem Fernseher ein Marathon mit Stan-Brakhage-Filmen lief. Er sah sie in einer verruchten Kneipe, wo sie Gedichte von William Carlos Williams rezitierte, während alle um sie herum sie versunken anstarrten, ohne zu verstehen, was genau sie sagte. Er rief sich ihr Gesicht an einem lang zurückliegenden Abend in Erinnerung, am Steuer des alten Jeeps seines Vaters, während sie Grenzen überquerte, als existierten sie nicht. Sie waren auf dem Weg nach Guatemala gewesen, daran erinnerte er sich, aber warum sie sich am Ende der Reise getrennt hatten, das wollte ihm nicht mehr einfallen. Soweit er sich entsann, hatte der Roadtrip länger gedauert als erwartet, und angesichts des nahenden Trimesteranfangs in Michigan musste er trotz der Proteste von Aliza nach Costa Rica zurück. Seither, so glaubte er, hatte er nicht mehr mit ihr gesprochen. Ihre Wege hatten sich gekreuzt, und nach diesem jugendlichen Abenteuer hatte er den Pfad eingeschlagen, der ihn schließlich in dieses Büro geführt hatte, von wo aus er den Schnee des Nordens betrachtete, ein Professor, verloren unter anderen Professoren, während sie in Romanen die Landschaften des Südens porträtierte.

In den vergangenen dreißig Jahren hatte sich vieles verändert. Der ängstliche Junge von damals hatte in der Welt, die ihm anfangs furchteinflößend erschienen war, Fuß gefasst. Das erste Jahr in den USA war hart gewesen: Er hatte sich trotz Stipendium und akademischem Erfolg auf dem Campus entsetzlich fremd und fehl am Platz gefühlt. Er war in tiefe Depression verfallen, aus der ihn erst eine junge französische Studentin herauszuholen vermochte, die er zu Beginn des zweiten Studienjahres kennenlernte. Marie-Hélène, diese sommersprossige junge Frau, die so ganz anders war als Aliza, hatte ihm vor Augen geführt, dass einen Wehmut und nostalgische Erinnerungen in der Fremde nicht weiterbrachten, und so hatte er sich auf ihren Rat hin ins Vergessen und in die Arbeit gestürzt und seinen Weg gemacht. Im Rückblick auf die letzten drei Jahrzehnte war diese Entscheidung, nur nach vorne zu schauen, der Stützpfeiler, auf dem sein gemütliches Leben ruhte – jenes Leben, das der Brief nun ins Wanken gebracht hatte.

Julio sah wieder auf die Liste, die er eben erstellt hatte: »Thomas, Cardenal, Williams, Parra, Truffaut, Naranjo, Bernhard.« Die Freude an solchen Inventaren lag genau hierin: die Ordnung der Erinnerung dort zu finden, wo andere nur das Chaos des Beliebigen zu erkennen vermochten. Es war eine seltsame Vorstellung, Aliza so lange nicht gesehen zu haben. Deshalb war er überrascht von der Einladung auf der Rückseite der Postkarte. Denn dort bat Olivia um seine Hilfe:

Alicia bat mich, Ihnen, wenn es so weit ist, ihren unwiderruflichen Wunsch zu mitzuteilen, Sie sollen sich um die Herausgabe ihres letzten Manuskripts kümmern – des Romans oder der Memoiren (Sie werden das beurteilen können, Sie kennen sie besser als jeder andere) –, für das sie ihre letzte Kraft aufgewendet hat. Ich hoffe, Sie nehmen diese Aufgabe an. Wir erwarten Sie in Humahuaca, überzeugt, dass Sie sofort verstehen werden, warum Alicia sich entschieden hat, die letzten Jahre ihres Lebens hier zu verbringen.

Eine Bitte, die wie ein Irrtum oder, schlimmer noch, wie ein schlechter Scherz klang. Die Andeutung von Intimität frappierte ihn, die absurde Vorstellung, ausgerechnet er, der Aliza drei Jahrzehnte lang nicht gesehen hatte, solle sie am besten kennen, so als würde ihm in dem Brief unterschwellig vorgeworfen, dass er sich nicht voll und ganz an sie zu erinnern vermochte.

Als er nach Hause kam, hatte es aufgehört zu schneien. Die nächtlichen Vorgärten voller Schlitten und Weihnachtsmänner lagen unter einer weißen Decke. Dumpf wartete er darauf, dass der Hund ihn begrüßen kam, doch das Einzige, was ihn empfing, waren die Stille des leeren Hauses und die Überbleibsel der Szene, die sich zwei Tage zuvor abgespielt hatte. Dort lagen der kleine leere Koffer und daneben die Scherben des Blumentopfs, den er vor lauter Wut umgetreten hatte.

»Siehst du? Genau deswegen gehe ich. Vielleicht bringt dich das zum Nachdenken«, hatte Marie-Hélène gesagt und ihre Sachen in einen größeren Koffer umgepackt.

Neben ihr wartete, klein und zitternd, der Hund in seiner Box. Ursprünglich war geplant gewesen, dass sie nach Madrid zu ihrer Architektentagung reisen und zu den Feiertagen zurück in Cincinnati sein würde, aber an diesem Tag war zwischen ihnen einfach alles schiefgelaufen.

An jenem Morgen hatte er es sich, der Klausurkorrekturen überdrüssig, in den Kopf gesetzt, es sei an der Zeit, nach Costa Rica zurückzukehren. Als er das Marie-Hélène eröffnete, während sie ihren Koffer packte, hatte sie ihn scharf angegangen:

»Spinnst du? Wir sind aus dem Alter raus, wo man noch einmal von vorne anfängt.«

Und dann hatte sie noch hinzugefügt: »Ich sehe auch überhaupt nicht, wie du zurückgehen willst. Du bist doch längst ein schlimmerer Yankee als all unsere Nachbarn.«

Die Antwort hatte eine ungekannte Angst in ihm geweckt. Oder, besser gesagt, eine Unsicherheit. Er ahnte, dass sie womöglich recht hatte. In Costa Rica war ihm nicht viel geblieben: Er wusste ja nicht einmal, ob ihn noch jemand wiedererkennen würde, wenn er zurückkehrte. Mit der Zeit war er zu einem Fremden geworden. Seine Eltern waren vor ein paar Jahren gestorben, außer zwei Cousins, mit denen er nie ein besonders enges Verhältnis gehabt hatte, war niemand mehr übrig.

Frustriert über sich selbst hatte er die Antwort seiner Frau als Beleidigung empfunden und in einer ungewohnten Geste des Zorns gegen den Blumentopf an der Haustür getreten.

»Manchmal benimmst du dich wie ein tollwütiger Hund«, hatte sie bemerkt und den größeren Koffer geholt.

Später hatte sie ihn vom Flughafen aus angerufen. Sie habe entschieden, einen Abstecher nach Paris zu machen und Weihnachten mit ihrer Familie zu feiern. Er sei selbstverständlich auch willkommen, aber vielleicht sei es besser, wenn er die Zeit allein nutze, ein wenig zur Ruhe zu kommen.

»Oder flieg nach San José, wenn es das ist, was du wirklich willst.«

Mit ihrem Vorschlag hatte sie den Finger in die Wunde gelegt. Er wusste nicht, was er wirklich wollte. In diesem Sinne war er tatsächlich wie ein Hund. Aber kein tollwütiger, sondern ein zahmer, gut dressierter, wie der, der ihn Stunden zuvor noch verwirrt und zitternd aus der Box angeschaut hatte. Er war ein Hund, der den Weg nach Hause nicht fand, weil man ihn darauf abgerichtet hatte, den Hof zu verlassen, auf dem er zur Welt gekommen war.

Und so begrüßten ihn an jenem Abend bei seiner Rückkehr von der Uni nur die Überreste der Szene. Der zerbrochene Topf, die welken Blumen, der kleine leere Koffer, den Marie-Hélène dagelassen hatte, die Erde, die wegzuräumen er sich zwei Tage lang geweigert hatte. Die unvorhergesehene Reise, die Olivia Walesi ihm in dem Brief vorschlug, erschien ihn in diesem Moment nicht nur wie die Chance auf eine Verschnaufpause. Humahuaca klang auch wie eine Rückkehr.

Zwei Tage später hatte ihn ein italienischer Windhund an der Tür begrüßt und ihm so verdeutlicht, wie weit entfernt das Haus war, das er zurückgelassen hatte. Derselbe Windhund, der jetzt vom Sessel sprang und zu seinem Trinknapf lief.

»Er ist hübsch, nicht wahr?«, unterbrach Olivia seine Gedanken. »Clarke war das Erste, was sich Alicia angeschafft hat, als sie hierherkam. Sie brauchte Gesellschaft, und dann war da dieser herrenlose Hund. Sie hat ihn Clarke genannt, zu Ehren eines schottischen Onkels, der Windhunde züchtete, glaube ich.«

Julio sah ihn sich genauer an. Sie hatte recht, er war schon älter, strahlte aber Vertrauen und Würde aus. Völlig anders als der schreckhafte, verwirrte kleine Hund, der ihn in Cincinnati aus seiner Box missbilligend angesehen hatte.

Dann sah er Olivia an. Gestern, nach einer fast vierundzwanzigstündigen Anreise, hatten Dunkelheit und Müdigkeit seine Wahrnehmung verschwimmen lassen. Im gedämpften Licht des Wohnzimmers hatte er geglaubt, die schemenhafte Projektion der jungen Aliza vor sich zu haben. Das Morgenlicht ließ die Unterschiede nun klar zutage treten. Blond, die Haare zu einem üppigen Knoten hochgesteckt, erinnerte Olivia Walesi kaum an das Bild seiner Freundin in den Achtzigern. Es war schwer zu sagen, ob sie zwanzig oder dreißig war: Hinter dem jugendlichen Leuchten in ihren Augen erahnte man die Selbstsicherheit eines Menschen, der schon in jungem Alter alles gesehen hat. In ihrem linken Nasenloch glänzte ein goldener Ring, und über den linken Unterarm zog sich das geometrische Muster eines Tattoos.

»Die Linien der Gebirgsschichten«, hatte sie ihm am Abend erklärt und auf das Fenster gedeutet, hinter dem nichts als Dunkelheit zu sehen war.

Nun hatte sie sich an eben dieses Fenster gestellt, jedoch nicht ohne vorher das Manuskript von dem Tischchen zu nehmen, so als würde die Tatsache, dass sie es in der Hand hielt, die Geschichte seiner Entstehung untermauern.

Die Geschichte vom Ursprung des Manuskripts war zugleich die Erzählung davon, wie Aliza Abravanel nach Humahuaca gekommen war. Vor acht Jahren hatte sie eine Hirnblutung erlitten. Sie hatte überlebt, aber der Schlaganfall hatte sie an den Rand des Verstummens gebracht, hatte sie von den Worten fortgetragen, von den Worten, mit denen sie über die Jahre jene acht Bücher geschrieben hatte, die sie berühmt gemacht hatten. In dem Wissen, dass sich die Aphasie mit der Zeit verschlimmern würde, und der mitleidigen Blicke ihrer Freunde überdrüssig, hatte sie beschlossen, New York den Rücken zu kehren. Ein letztes Mal durchzuatmen. Die Erinnerung an eine lange vergangene Reise gab ihr ein mögliches Ziel. Denn sie entsann sich, wie sehr sie den Trip durch den Norden Argentiniens Anfang der Neunziger genossen hatte.

»Die Worte haben sie im Stich gelassen, aber nicht das Gedächtnis«, erklärte Olivia.

Sie setzte sich über den Rat der Ärzte hinweg, die sie beschworen, in New York zu bleiben, und erreichte Humahuaca, als die Feierlichkeiten, die das neue Jahrtausend einläuteten, noch im vollen Gange waren. Damals führte nur ein gewundenes Sträßchen von Salta nach Humahuaca, die Straßen waren noch nicht von Touristen überschwemmt.

»Die Vorstellung, dass man sie wie eine Gringa behandeln könnte, war ihr so verhasst.«

»Geht mir genauso. Deswegen reise ich. Um zu sehen, ob ich das Touristengesicht irgendwann loswerde«, erwiderte Julio lachend.

Olivia fuhr unbeeindruckt fort:

»Ich glaube auch, dass das Buch sie dazu gezwungen hat. Wie du weißt, hat sie damals am letzten Roman ihrer Tetralogie gearbeitet.«

Julio beobachtete, wie sie mit einer unbändigen Energie gestikulierte, die er anfangs für Unruhe gehalten hatte, die in Wahrheit jedoch Ausdruck ihrer Begeisterung war. Sie wanderte vom Fenster zur Küche, von da zurück zum Sessel und wieder zu dem Bücherstapel neben Clarke.

»Wenn man drüber nachdenkt, ergibt das Sinn, es fehlte ja ausgerechnet noch der Band über die Erde.«

Mitte der neunziger Jahre hatte Abravanel beschlossen, in ihrer Arbeit einen anderen Weg einzuschlagen. Sie ließ die autobiografischen Erzählungen ihrer ersten fünf Bücher hinter sich und widmete sich fortan ganz einem Projekt, das darauf abzielte, die Spur des Menschlichen in einem viel weiteren Panorama aufzulösen.

»Den Menschen auf seine eigentliche Dimension zurückführen«, hatte sie es in einem Interview genannt. »Das Menschliche leichter, spielerischer gestalten, es nur sporadisch auftauchen lassen wie die Silhouette eines einsamen Löwen, der die unendliche Weite der Prärie durchstreift.«

Das Projekt mit dem Titel Die Vergessenheit des Menschen bestand aus vier ökologischen Romanen, wie sie es nannte, von denen jeder jeweils einem der vier klassischen Elemente gewidmet war. Olivia deutete zu den Büchern hinüber, während Clarke auf der Suche nach Streicheleinheiten durchs Wohnzimmer zu Julio trabte.

Während der neunziger Jahre wurden die Leser Zeugen, wie sich Abravanel von der Wut ihres Frühwerks lossagte. Stattdessen löste sich der autobiografische Antrieb nun in weiten, fast menschenleeren Naturlandschaften auf, deren Beschreibung nur von Fiktionen unterbrochen wurde, die jenseits eines psychologischen, irgendwie noch menschlichen Zeitbegriffs die Geschichte durchschritten.

Im ersten Roman der Tetralogie, Die unsichtbare Grenze, verfolgte sie die schattenhaften Bahnen, die die unterirdischen Feuer unter der Erdkruste ziehen, durch die Jahrtausende und entspann davon ausgehend eine geheimnisvolle Handlung, die zur Figur eines indigenen Jungen im mittelamerikanischen Urwald führte, der das Ende der Zeit in Gestalt Tausender Feuerzungen gesehen haben wollte.

Der zweite Roman der Reihe, Meeresströmungen, war dem Wasser gewidmet und begann mit ihren eigenen Kindheitserinnerungen, die sie beim Tauchen am Great Barrier Reef zeigten, daran knüpfte sich eine Reihe von Echos und Resonanzen, historische Szenen rund um die Korallen und das Atmen, eine Art Verschwörung der Tiefe, die zutage trat, als ein Kind am Strand entdeckte, dass sich das Wasser rot gefärbt hatte.

Von diesen Reflexionen über die Atmung im Ozean erschien der Schritt zum dritten, der Luft gewidmeten Roman nur folgerichtig. Vergleichende Meteorologie war das letzte zu Lebzeiten von Alicia Abravanel veröffentlichte Buch und vielleicht das ambitionierteste, denn es setzte ein mit einem zweihundertseitigen Exkurs über die Wolken, hinter dem die Lesenden eine Theorie über Prophetie, Information und Vorzeichen erahnen konnten. Stück für Stück fügte sich alles zusammen, offenbarte sich der verborgene Zusammenhang, ein großer historischer Bogen über mehr als zwei Millionen Jahre, der in eine dystopische Zukunft voller Naturkatastrophen mündete. Viele hielten das Buch, ein Jahr vor ihrer Hirnblutung veröffentlicht, für den Gipfelpunkt einer schriftstellerischen Karriere, die zu diesem Zeitpunkt bereits Erben und Epigonen hervorzubringen begann.

»Sie hat es mir gegenüber nie offen ausgesprochen, aber ich vermute, sie ist hierhergekommen, um den letzten Roman der Tetralogie zu schreiben. Und ich weiß sogar, dass sie ihm den Titel Die Schichten geben wollte«, sagte Olivia.

Das alles hatte sich zugetragen, lange bevor sie selbst in das Dorf gekommen war, doch in Humahuaca erzählte man sich, dass Abravanel in den ersten Jahren einen jungen Indigenen angeheuert hatte, der sie unterstützen sollte.

»Raúl Sarapura, der Sohn des Mannes, der sie bei ihrer ersten Reise herumgeführt hatte.«